Bildungsmäuschen

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Emotionen und der Geist der Aufklärung

Ich liege auf meinem Sofa und heile. Eine warme Decke schützt mich gegen die winterliche Kälte. Ich mag gar nicht aufstehen. Wegen der Kälte draußen nicht, aber auch weil sich das Heilen so gut anfühlt. Durch den Frost werden am Fenster Spinnwebgirlanden sichtbar. Zarte zerbrechliche Gebilde, die ich sonst nicht bemerke. Ich mag den Winter in meiner Heimat. Die tiefstehende Sonne, die Helligkeit des Schnees, die langen dunklen Nächte, in denen es sich gut denken lässt. Am Tag weiß überkrustete Bäume und dazwischen zarter Rauch, der sich aus den Schornsteinen der Häuser schlängelt.

Langsam fügt sich mehr und mehr zusammen. Wie das mit der Bildung ist und wie mit den Emotionen. Ein Satz vom Beginn des Studiums taucht wieder in meinem Kopf auf.

“Bildung kann in eigener gedanklicher Anstrengung Sozialisation und gesellschaftliche Einflüsse durchschauen, um ihrer Dominanz nicht dauerhaft und widerstandslos ausgesetzt zu sein.”

Ich bin mir immer noch nicht sicher von wem der Satz stammt. Zu Beginn meines Studiums habe ich noch Sätze festgehalten, ohne sie mit den Autoren zu verbinden. Ich meine aber, es sei Andreas Dörpinghaus gewesen. Bei der Recherche nach Literatur von ihm stoße ich auf etwas, das ich gebrauchen kann.

„Für von Humboldt besteht die Bildung des Menschen darin, alle seine individuell verschiedenen Kräfte, Verstand und Vernunft, moralisches Handeln, Emotionen[!], künstlerische Gestaltungen und Phantasie so zu fördern, dass kein Vermögen ein anderes behindert oder gar unterdrückt.“ (Dörpinghaus, 2009, S.4)

Das ist neben Emotionen und Bildung der dritte Bestandteil für meine Auseinandersetzung. Die Ansprüche der Aufklärung und ihre Umsetzung.

Gestern hatte ich einen jetzt gut passenden Comic zu der Problematik gefunden. „But technology alone is not enough. We must engage with our hearts also.“ (Goodall, 2016) Der Begriff Herz ist dabei als Gefühle und Emotionen und deren Auswirkungen und Verbindungen zu anderen Teilen des menschlichen Innenlebens zu verstehen. Gefühle und Emotionen als Motivatoren für Lernen und Forschen.

Ich weiß nicht wer auf die Idee gekommen ist, dass Verstand und Emotionen nicht gut zusammenpassen oder dass Emotionen dem Verstand untergeordnet sein sollten. Ich weiß noch nicht einmal auf welchem Weg solche Gedanken zu mir gekommen sind, um ein Gegenstand der Auseinandersetzung zu werden. In der Schule ist es meinen Lehrern gelungen meine Kritik- und Reflexionsfähigkeit zu fördern. Ich weiß nach sehr vielen Jahren auch noch genau welche Personen sich dabei hervorgetan haben. In Bezug auf das Verstehen von Emotionen habe ich aber viel zu wenig gelernt und es ist mir noch nicht einmal aufgefallen.

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“ (Kant, 1784)

Dieser vielzitierte Satz wird als so etwas wie eine Grundaussage der Aufklärung verstanden.

„Der Mensch wird eben nicht gebildet, sondern er bildet sich, und zwar ausschließlich in der reflexiven Auseinandersetzung mit sich, der Welt und in der Diskussion mit anderen Menschen und Kulturen.“(Dörpinghaus, 2009, S.5)

Da steht nichts von Emotionskontrolle, Emotionsmanagement oder von einer untergeordneten Position der Emotionen. Da steht eine klare Aufforderung sich mit allem zu beschäftigen, allem auf den Grund zu gehen. Und das schließt Emotionen mit ein. Emotionen können Reflexions- und Untersuchungsgegenstand sein, so wie das auch das Denken sein kann.

Was ist überhaupt dieser Verstand? Das ist nicht die Gesamtheit des Denkens, sondern der Versuch etwas zu verstehen und zu begreifen, es nachvollziehbar zu machen, zu fragen und Antworten zu suchen, abzuwägen. Dies ist das Bildungsideal der Aufklärung und die Wurzel der modernen Wissenschaft. In der Zeit des Nationalsozialismus sollte geglaubt, gedacht und gefühlt, aber nicht reflektiert werden. Kein Nachdenken, bitte, denn alles ist bereits erklärt und die Welt wurde bereits für die nächsten 1000 Jahre geordnet.

„Der Verstand ist in der Philosophie das Vermögen, Begriffe zu bilden und diese zu Urteilen zu verbinden.“ (Wikipedia)

Verstand kann als eine Arbeitsmethode verstanden werden. Eine Arbeitsmethode, die auf Input angewiesen ist und auch eine Vielfalt an Input verarbeiten kann. Darunter Gedanken, aber auch Emotionen und Gefühle.

Ich vermute inzwischen, die Probleme, die ich im Zusammenhang mit  Einschätzungen von Emotionen sehe, sind ein Produkt des Denkens in Hierarchien. Eine Sache erhält eine hohe Bedeutung. So formuliert ist die Hierarchie schon enthalten. Hoch bedeutet oben, nicht so hoch ist dann unterhalb. Oben werden in der Gesellschaft die Wichtigen eingestuft. Unten sind die unwichtigen. Häh?

Erst einmal habe ich nie verstanden warum Müllmänner und Raumpflegerinnen unwichtig sein sollen. Wenn ihre Arbeit nicht gemacht wird, macht sich das sehr schnell bemerkbar. Nun will ich Emotionen nicht gerade mit Müllmännern und Raumpflegerinnen an sich vergleichen, es geht nur darum wie Denken gelenkt wird. Ist der Verstand am wichtigsten, dann steht er oben und alles andere steht dann darunter. Und weil es darunter steht ist es auch von geringerer Bedeutung. Ist anders herum natürlich genauso möglich. Man kann auch Emotionen hypen und den Verstand gering achten. Für das was Emotionen oder Verstand an sich sind, hat es allerdings keine Bedeutung. Allerdings darauf wie mit ihnen verfahren, also umgegangen wird.

Ich habe in einem Gedankenspiel kürzlich eine solche Hierarchie mal um 90° gekippt. Das Ergebnis ist verblüffend. Plötzlich stehen die Erscheinungen gleichberechtigt nebeneinander und können dadurch in eine neue Beziehung zueinander treten. Außerdem müssen sie sich selbst in ihrer Funktion und Bedeutung viel stärker auf sich selbst bezogen erklären.

Denken in Hierarchien kann die Vorstellungen vom Wert einer Sache lenken. Ich kann mir vorstellen, das ist in Bezug auf die Einstufung des Wertes von Emotionen geschehen, als der Verstand zum Mittel der Weltbegegnung mit der größten Bedeutung erklärt wurde. Und was einen geringen Wert hat, ist auch von geringerem Interesse.

„Die Beschäftigung mit Kunst, Literatur und Musik, Sprache, Religion, Wissenschaft, Recht, Ökonomie und Geschichte, Natur und Technik ist immer die Beschäftigung des Menschen mit sich selbst, seinem Denken, seinen Gefühlen und den Formen ihres Ausdrucks.“ (Dörpinghaus, 2009, S.12)

Die Beschäftigung mit den Gefühlen bedeutet für mich zuerst ihr Erkennen und Verstehen. Danach folgt erst wie mit ihnen sinnvoll für das Individuum und die Gesellschaft umgegangen werden soll. Der mündige Mensch ist zudem aufgefordert zu hinterfragen, was er über Emotionen und den Umgang mit ihnen im Verlauf seiner Sozialisation und Erziehung gelernt hat. Das Kind ist Einflüssen in weiten Teilen ausgeliefert, ist auf den Erwachsenen als Einführenden angewiesen, der mündige Mensch kann seinen Verstand einsetzen, um Einflussfaktoren, Zusammenhänge und Wirkungen zu erkennen. Und dann stellt sich möglicherweise heraus, dass Emotionen eine ganz andere Bedeutung zukommt und sie eine ganz andere Behandlung erfordern als es die Einflüsse und Annahmen von vielen Jahren nahe gelegt haben.

Referenzen:

Dörpinghaus, A. (2009). Bildung. Plädoyer wider die Verdummung. Forschung & Lehre Supplement, 9/2009. Verfügbar unter: https://www.uni-marburg.de/fb21/aktuelles/news/studiumgenerale/11.04.12.pdf zuletzt abgerufen am 23.1.2016

Goodall, J. & Zenpencil (2016). The Power of One. Verfügbar unter: http://zenpencils.com/comic/goodall/ zuletzt abgerufen am 23.1.2016

Kant, I. (1784). Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? Verfügbar unter: http://gutenberg.spiegel.de/buch/beantwortung-der-frage-was-ist-aufklarung-3505/1 zuletzt abgerufen am 23.1.2016

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