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Elternratgeber und die Einbeziehung von Emotionen

In der letzten Zeit habe ich mich zweimal intensiver mit Ratgebern beschäftigt, die vor allem an Eltern von Schulkindern gerichtet sind, und sie auf die Darstellung von Emotionen hin untersucht.

Der erste war von Jeanette Stark-Städele aus dem Jahr 2015 mit dem Titel Kinder wollen lernen – Kinder im Schulalltag unterstützen und begleiten. Es handelt sich dabei um die aktualisiert Neuauflage eines Buches, das bereits 2008, damals allerdings unter dem Titel Spaß am Lernen – erfolgreich in der Schule: wie Sie die Lernfähigkeit Ihres Kindes fördern und stärken können, erschienen ist. Ich hatte dazu einen Blogpost begonnen, aber nicht fertiggestellt. Das Folgende ist ein bearbeiteter Auszug daraus.

Für die Zeit der Ersterscheinung des Buches lässt sich anhand der damals erschienenen Literatur zum Themenbereich Emotionen eine starke Beschäftigung mit Vorstellungen feststellen, bei der positive Gefühle als grundlegend für erfolgreiches Lernen propagiert wurden. Sehr stark vereinfacht: Positive Gefühle fördern das Lernen, negative blockieren es, woraus sich die Schlussfolgerung ergibt, wenn man sich auf die Erzeugung positiver Gefühle ausrichtet, kann man erfolgreiches Lernen müheloser initiieren.

Explizit werden Emotionen allerdings nur in geringem Umfang thematisiert. Wie sie insgesamt einbezogen und betrachtet werden, entspricht dabei nicht ihrer expliziten Darstellung. Für mich ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Autorin nicht über ein klares und eindeutiges Gesamtkonzept für Emotionen verfügt.

Sie ist Praktikerin und als Praktikerin kennt sie sich mit dem Umgang mit Emotionen und ihrer Vielschichtigkeit aus. Die Theorie, die sie für Emotionen verwendet, kann dieses Wissen in seiner Vielschichtigkeit jedoch nicht abbilden. Im Gegensatz zu ihren Ausführungen zur Theorie der Emotionen wird in den praktischen Ratschlägen allerdings sichtbar, dass sie sehr wohl weiß, dass beispielsweise auch negative Emotionen zu Motivatoren für Lernen werden können. In den auf die praktische Anwendung hin ausgerichteten Teilen des Buches geht sie zwar kaum noch explizit auf Emotionen oder Emotionstheorie ein, sie wendet allerdings, möglicherweise unreflektiertes Alltagswissen zu Emotionen sinnvoll an.

Etwas anders sieht es bei Besser lernen mit positiver Pädagogik mit dem Untertitel Der Ratgeber für Lehrer, Eltern und Schüler aus. Das Original ist im Jahr 2014 in französischer Sprache erschienen. Die Autorinnen arbeiten als Familientherapeutinnen und zertifizierte Trainerinnen für Mindmapping und mentale Gesten. Entsprechend ist ihr Buch ausgerichtet. Sie haben den Vorteil, dass sie mit einzelnen Personen und kleinen Personengruppen an der Lösung konkreter Probleme arbeiten können. Sie propagieren ein Lernen mit „Kopf, Herz und Hand“ und gehen im Vergleich zu Stark-Städele umfangreich auf das Thema Emotionen ein.

Dafür benutzen sie die Definition der Wikipedia für Emotionen, außerdem Listen für Basisemotionen und Kategorien für positive, negative und toxische Emotionen nach Paul Ekman. Ihre Ausführungen zu Auswirkungen der verschiedenen Emotionen im Bereich des Lernens sind differenziert, Untersuchungen der Neurowissenschaft werden berücksichtigt. Im Gegensatz zu dem Buch von Stark-Städele wird mehr Bewusstheit über die Wirkung von Emotionen und eine umfangreichere Kenntnis und Berücksichtigung von Emotionstheorien erkennbar. Das Buch von Stark-Städele wirkt dagegen eher wie die Darstellung praktischer Erfahrungen, denen eine spezifische Theorie künstlich beigefügt wurde.

Da Akoun und Pailleau (2015) ein Buch für die praktische Anwendung geschrieben haben, werden den Lesenden Vorschläge für verwendbare Techniken gemacht. Das Buch erklärt sich darauf ausgerichtet eine positive Haltung zum Lernen zu erzeugen, eine Absicht, die bei mir am Ende der Lektüre in vollem Umfang erreicht ist. Ich befinde mich in einem Zustand optimistischer Gedanken und angenehmer Emotionen.

Im Buch taucht im Nebenher allerdings auch immer wieder Kritik an den Ursachen für das auf, was den Arbeitsplatz der Therapeutinnen mit absichern hilft. In ihre Praxis werden Kinder gebracht, die im schulischen System Probleme bekommen haben. Diese Probleme lassen die Autorinnen durchaus als zu einem beträchtlichen Teil systemisch bedingt erkennbar werden. In Bezug auf Emotionen bedeutet es, dass lernbehindernde Emotionen im schulischen System selbst oder durch die Auswirkungen des schulischen Systems als gesellschaftlichem Teilsystem verursacht werden. Probleme entstehen daher auch durch emotionsauslösende Auswirkungen auf die Familien, die wiederum auf die Schüler zurückwirken. Zum Teil können diese behindernden Emotionen dauerhaft durch verschiedene Techniken ausgeglichen oder abgemildert werden, zum Teil sind die Lernaufgaben darauf ausgerichtet mit den behindernden Emotionen, die das gesellschaftliche Teilsystem Schule fortdauernd auslöst, besser zurecht zu kommen.

Kaum Einfluss haben die Therapeutinnen auf das System Schule an sich oder das gesellschaftliche System, aus denen die Ursachen für etliche der lernbehindernden Emotionen stammen, auch wenn sie mit den Eltern zusammenarbeiten, Kurse für Lehrer anbieten und Lehrer anführen, die für die Erzeugung und den Erhalt lernförderlicher Emotionen sinnvolle Techniken und Methoden einsetzen. Das System Schule an sich ist nicht auf den Aufbau eines emotional förderlichen Zustands für das Lernen seiner Schüler ausgerichtet. Zu bedenken ist dabei, dass das Teilsystem Schule nicht losgelöst dasteht, sondern dass sich darin die in der Gesellschaft verbreiteten Haltung zu Emotionen widerspiegeln. Die Herstellung eines emotional förderlichen Zustandes kann von den darin arbeitenden Menschen angestrebt werden, als wesentlicher Bestandteil vorgesehen ist er nach meinem Eindruck jedoch nicht.

Die im Buch angeführten Techniken erscheinen hilfreich und sinnvoll. Es wird der Eindruck vermittelt, dass den Schülern und ihren Familien Schritt für Schritt auf therapeutischem Weg geholfen werden kann.

Bedenken kommen mir einerseits wegen der vermutlich ungleichen Zugänglichkeit (es wird sichtbar dass die Familien selbst ohne Ausgleich für die Dienstleistung zahlen), andererseits daran, dass zumindest zu Teilen versucht wird Probleme auszugleichen, die ihre Ursachen nicht in den Kindern an sich haben, sondern durch die Gestaltung des schulischen Systems in einer auf Konkurrenz und Leistung orientierten Gesellschaft verursacht werden. Die sich ergebende Konsequenz der therapeutischen Bemühung ist die Erstellung individualisierter Programme, durch die Schüler, Eltern und Lehrer eine das System unterstützende Alternative aufbauen können, für die allerdings Zeit, Befähigung zum Verständnis, Geduld, Bemühen und bei einer individuellen Begleitung auch Geld zusätzlich vorhanden sein müssen. Es lässt sich vermuten, dass es hier durchaus zu einem ungleichen Zugang zu Bildungserfolgen kommt, die nicht mit den eigentlichen Befähigungen der Schüler in einem Zusammenhang stehen.

Als sinnvoller erscheint es mir die durch und im schulischen System ausgelösten Emotionen gleich vor Ort explizit zu berücksichtigen und Wissen über Emotionen in einer Weise zu integrieren, die das Lernen, das soziale Miteinander und die Entwicklung zu einem mündigen Menschen fördern und nicht zu behindernden Problemen durch und mit Emotionen führen. Auch deshalb, da sich aus dem Buch, aber auch aus anderen Quellen, ableiten lässt, dass der zusätzliche Bedarf in Form von Lerntherapien und der Bewältigung lernbehindernder Emotionen neben dem fachlichen Bedarf an Nachhilfe in den letzten Jahrzehnten gestiegen ist.

Referenzen:

Akoun, A. & Pailleau, I. (2015) Besser lernen mit positiver Pädagogik. Der Ratgeber für Lehrer, Eltern und Schüler. München: mgv.

Stark-Städele, J. (2008). Spaß am Lernen – erfolgreich in der Schule : wie Sie die Lernfähigkeit Ihres Kindes fördern und stärken können. Freiburg im Breisgau: Urania.

Stark-Städele, J. (2015). Kinder wollen lernen – Kinder im Schulalltag unterstützen und begleiten. Freiburg im Breisgau: Urania.

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