Bildungsmäuschen

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Die Spannweite von Normalitätsvorstellungen

Ein kleiner Abstecher in die Statistik hat das Bild von Mittelwert und Spannweite belebt und im Morgengrauen baut es sich in Überlegungen zum Verhältnis von Differenzerfahrungen und Normalitätsvorstellungen und die dabei auftretenden Emotionen ein. Aktuell beeinflussende Faktoren sind die Flüchtlingsdebatte, ein Hauptthema in deutschen Medien und seit fast einem Jahr mein ständiger Begleiter auf Facebook, die Erfahrungen in meinem Arbeitsalltag bei der Arbeit mit Kindern und mein Ringen um das Verständnis der Emotionen in Bezug auf Bildungskontexte.

Es gibt viele Herangehensweise, um sich etwas verständlich zu machen. Inzwischen habe ich die Gewissheit, dass auch erst einmal seltsam wirkende Denkhilfen das Verständnis von Strukturen fördern können und daher als legitim einzustufen sind. So geht es mir jetzt, wenn ich Vorstellungen zu statistischen Untersuchungsmethoden auf die Vorstellung von Normalitätsvorstellungen anwende.

Vorstellungen davon, was in den Bereich des Normalen gehört, variieren zwischen unterschiedlichen Kulturen und gesellschaftlichen Gruppen und über die Zeiten hinweg. Innerhalb dieser Kulturen und Gruppen gibt es aber wiederum eine Spannweite von dem, was von unterschiedlichen Personen noch als normal oder schon als abweichend eingestuft wird.

In der Erziehung, aber auch der Politik und im Alltag, liefern Vorstellungen  von Normalität eine Orientierung, an der sich Einschätzungen und Maßnahmen ausrichten. Kombiniere ich Appraisal-, also Einschätzungstheorien, die Emotionen einen Informationsgehalt zuordnen, mit der Annahme von Aaron Ben-Ze’ev (2009, S.13), dass Emotionen vorrangig bei der Wahrnehmung von bedeutsamen Veränderungen auftreten, so ergibt sich ein starker Zusammenhang zwischen der jeweiligen Spannweite dessen was noch als normal wahrgenommen wird und auftretenden Emotionen. Kurz: etwas, das ich als stark von der Normalität abweichend wahrnehme, führt zu verstärktem Auftreten von Emotionen, die dabei einen Aufforderungscharakter haben, der schnell zu Handlungen animieren soll. Wodurch die eine Person dabei in einen Zustand verstärkter Erregung gerät, der zum Reagieren auffordert, kann von einer anderen als Bestandteil einer Normalität wahrgenommen werden, die keine entsprechenden Emotionen auslöst. Die dabei auftretenden Emotionen können sowohl als negativ als auch positiv erfahren werden je nachdem wie die Abweichung eingeschätzt wird.

Die Achtsamkeit auf Veränderungen im Körper (Atmung, Empfindungen) ist bei entsprechender Übung ein wirksames Mittel, um auf Emotionen bewusst und reflektiert einwirken, ihren Anteil an Entscheidungsprozessen einschätzen zu können oder ihren Informationsgehalt sinnvoller zu verstehen. Hier findet sich auch der Zusammenhang mit Meditationstechniken und verwandtem.

In Erziehungszusammenhängen spielen diese Faktoren bei der Lenkung von Erziehungsintentionen und der Varianz zwischen Erziehungszielen eine große Rolle, ebenso im Kontext von Politik. Unklar bin ich mir noch in Bezug auf Bildung generell. Dazu fällt mir beispielsweise die Einschätzung dafür ein was geeignete Bildungsinhalte sind oder wie Lernsituationen aussehen, ebenso Einschätzungen und Bewertung von dem was Bildungsbemühungen und -gewinnen zugeordnet wird und was nicht.

Persönliche erfahrene Beispiele aus der jüngeren Zeit sind für mich, neben der medial dargestellten Reaktion auf Flüchtlinge und unterschiedlichen Einschätzungen von Problematiken von Kindern und wie damit verfahren werden sollte bei der Arbeit, der Verweis auf eine existierende Normalität bei Regeln für das Putzen von Gemeinschaftsräumen bei einer Mieterversammlung, die nur von einer einzigen Person so vertreten wurde, und die geringe Bewertung, die ein Kommilitone ökonomisch nicht verwertbaren Bildungsbemühungen gegeben hat.

Zusammenfassend: Es existiert ein Zusammenhang zwischen Normalitätsvorstellungen und dem Auftreten von Emotionen bei Abweichungen. Die Spannweite dessen, was als normal eingestuft wird, kann bei Personen der gleichen Gruppe variieren. Daraus erklären sich unterschiedliche emotionale Reaktionen und Unterschiede im Handlungsdruck zwischen Personen in vergleichbaren Situationen.

 

Referenz:

Ben-Ze’ev, A. (2013). Die Logik der Gefühle. Kritik der emotionalen Intelligenz (2. Aufl.). Frankfurt: Suhrkamp.

 

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