Bildungsmäuschen

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Veränderungsprozesse

Nach wie vor gelingt es mir nicht das Thema Emotionen sinnvoll in eine Form für eine wissenschaftliche Arbeit zu bringen. Inzwischen bin ich mit meinen Reflexionen in Bereichen angekommen, für die ich keine Literatur kenne, die das womit ich mich beschäftige in der Form wie ich es tue beschreibt. Es scheint an meinem Blickwinkel zu liegen.

Ich versuche es mit Beispielen. Es lässt sich beobachten wie der eine Nachbar Änderungen auf seinem Grundstück vornimmt und kurze Zeit darauf fängt der andere Nachbar auch damit an. Ich vermute jetzt ungeprüft, dass ein Zusammenhang besteht und der eine Nachbar auf die Aktivitäten des anderen reagiert. Vielleicht aus Prestigegründen, vielleicht auch nur als Inspiration. Das ist momentan nicht entscheidend. Meine Blickrichtung fragt in diesem Fall nach den Emotionen, die in dem einen Nachbarn vorhanden sind, wie und wodurch sie geformt wurden, wie sie Handeln veranlassen, wie sie in vergangenen Erfahrungen verankert sind, wie sein emotionaler Bezug zur Welt aussieht. Reagiert er auf eine Beunruhigung, strebt er eine Verbesserung seines Wohlgefühls an? Was löst die Anwesenheit eines schwarzen Arbeiters in der Arbeitstruppe aus und die Position, die dieser einnimmt?

Anderes Beispiel, selbsterfüllende Prophezeiung. Das was erwartet wird realisiert sich. Ich konzentriere mich auf die Emotionen, die mit diesem Vorgang verbunden sind. Die Prophezeiung fühlt sich vollkommen richtig an. Damit verbunden könnten Emotionen wie Trauer und Wut auftreten, weil diejenige, die die Prophezeiung erstellt hat die Konsequenzen daraus ablehnt, oder weil sie im Fall der Nichterfüllung der Prophezeiung zum Erhalt des eigenen Selbstbildes Abwehr erzeugt.

Weiteres Beispiel, die Überzeugung des Rassisten, dass es Menschen unterschiedlichen Wertes tatsächlich gibt und dieser Wert keine Zuordnung anderer darstellt. Ich konzentriere mich auf die Emotionen, die diese Einschätzung als zutreffend erscheinen lassen, wie sich ein Weltbild emotional richtig erscheinend entfaltet hat, wie die Emotionen dazu auffordern neue Argumente für die Minderwertigkeit zu finden wenn die alten ausgegangen sind. Aber auch wie sich der Mensch, der sich bemüht den erlernten Rassismus zu überwinden, diesem durch besondere Zuwendung doch nicht entkommt, sondern nur lernen kann in einer besseren Weise damit umzugehen.

Das sind nur Beispiele. Man kann mit ganz anderen Blickrichtungen an die gleichen Erscheinungen herangehen. Für mich entfaltete sich nach und nach eine Welt voller Emotionen, die Anlass und Triebfeder für Entscheidungen und Handeln sind.

Ich bin jetzt in der sehr fatalen Lage, dass sich diese Perspektive weitgehend als zutreffend anfühlt, ich aber gleichzeitig weiß, dass ich dem nicht einfach so vertrauen kann. Für mich ist es sinnvoll Emotionen im besonderen zu berücksichtigen, weil ich dadurch Vorgänge bewusster wahrnehmen kann, die bereits vorher vorhanden waren und gewirkt haben. Ich erzeuge nichts neu, ich decke nur auf und erweitere meine Wahrnehmung. Aber ob das über mich selbst hinaus von Bedeutung ist, gelingt mir nicht zu beurteilen. Noch nicht einmal ob das tatsächlich für mich von Vorteil ist. Emotionen im besonderen zu berücksichtigen hilft nicht dabei unangenehmen Emotionen zu entkommen, lässt sich möglicherweise sogar noch klarer zum Vorschein treten als zuvor.

Auf einem Parkplatz erinnere ich mich an sehr weit zurückliegende Zeiten, in denen es um künstlich erzeugte Veränderung der Wahrnehmung ging. Ein bisschen hat das jetzt etwas davon. Damals war es der Versuch Starrheit und Verkrustung zu durchbrechen und hinter den engen Grenzen der als Normalität bezeichneten Wirklichkeit mit einer vorgegebenen, einengenden Perspektive Interessanteres zu entdecken.

Wie ist es dieses Mal? Ein bedeutender Unterschied ist, dass ich mich dieses Mal als Teil der Gesellschaft fühle. Einer Gesellschaft, in der niemand mehr von sich behaupten kann die einzige Wahrheit zu kennen und diese zum Maßstab für alle machen zu können.

Was hat das nun mit Bildung zu tun? Einerseits geht institutionelle Bildung nach wie vor davon aus, dass sie Standards setzen kann. Dazu benötigt sie etwas, das sie zum Standard erklären kann. Diese Standards repräsentieren aber keine absolute Wahrheit, sondern das worauf sich diejenigen einigen und was sie zulassen, die über die Macht verfügen diese Vorgaben für Bildungsstandards zu erlassen. Ein Problem besteht für mich dann, wenn das nicht erkannt wird und der Versuch unternommen wird eine Übereinkunft als unumstößliche Wahrheit erscheinen zu lassen und andere Positionen von dieser Basis ausgehend als unzulässig einzustufen und dabei Machtmittel einzusetzen.

Andererseits geht es um sehr schnelle Veränderungsprozesse bei einer Überhandnahme von auf ökonomische Verwertung hin ausgerichteten Bildungsvorstellungen. Auch wenn Ökonomie inzwischen eine dominante Position in der allgemeinen Wahrnehmung eingenommen hat, so umfasst Bildung viel mehr.

Bewahren und verändern. Und wenn verändern – wohin? Emotionen spielen bei diesen Fragen eine große Rolle. Was fühlt sich richtig und was falsch an. Was versetzt in Aufregung, in Unruhe und veranlasst zum Einschreiten. Was hilft einen unangenehmen Zustand zu beenden. Vielleicht der Rückgriff auf etwas das schon einmal funktioniert hat? Aber ist das noch angemessen? Beendet es zwar die aufgewühlten Emotionen, verzichtet dabei aber auf eine Lösung, die der aktuellen Situation besser entspricht?

Bildung. Weiterbildung. Weiterentwicklung. Analysebefähigung, Lösungsorientierung. Umlernen. Neu entwickeln. Emotionen hinterfragen. Emotionsregulierung überprüfen. Achtsamkeit erhöhen, Blickrichtung ändern.

Das Projekt Aufklärung mit der Widersprüchlichkeit, die es beinhaltet. Die beste aller möglichen Welten, die eine anzustrebende Wahrheit. Das Zurücklassen des weniger Entwickelten, des Minderwertigen, seine Ausgrenzung bis hin zur Beseitigung bei einem gleichzeitigem Anspruch nach gleichen Rechten und Menschenwürde. So langsam verstehe ich die unserer Kultur inne ruhende Problematik. Eine Zerrissenheit, die sich auch auf der Ebene der Emotionen abbildet. Das angestrebte Paradies war nie daran ausgerichtet alles in sich aufzunehmen, sondern wird durch die Abtrennung des Störenden zu seinem scheinbaren Funktionieren gebracht.

Der endlose Kampf des Guten gegen das Böse, aufgeweicht in Tendenzen, die im Guten das Böse und im Bösen das Gute sehen und doch nicht von der Dualität ablassen. Das Böse bleibt böse, auch wenn es jetzt Gutes enthält und wir damit sympathisieren dürfen. Doch weiterhin lernen wir dem zuvor definierten Guten zu wünschen, dass es doch siegen werde. So bleibt die Welt ein Ort der den einen gegeben und dafür den anderen genommen werden muss…

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