Bildungsmäuschen

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Zu traurig zum Arbeiten

Am Morgen im Bett denke ich es ist schon Nachmittag. Die Zeit der langen Nächte ist vorbei, manches wirkt wie Frühling. Gestern Abend zauberte das Licht Herbst in die Landschaft.

Mit geht es schlecht und ich weiß, dass es vorübergehen wird. Mich nerven die Erfolgsmeldungen von befreundeten Menschen auf Facebook, das ist in einem solchen Zustand so. Sie wirken zu einseitig. Kritische Beiträge kann ich aber auch nicht ertragen, die verstärken mein Mich-schlecht-fühlen. Ich produziere gute Ideen für meine Arbeit und stelle meinen Koffer für den Mittag zusammen. Die Kinder wollen wissen wie man das denn nun macht, das Ausblasen von Eiern. Gestern hatten wir eine spontane Idee von mir umgesetzt. Unser Osterbaum ist nun am Fenster und mit bemalten Hühnereiern geschmückt.

Bei meinem laufenden MOOC hatte ich das Wochenpensum schon gestern geschafft. Seine klare Struktur, die anschließende, überschaubare Überprüfung von Wissen geben mir einen Halt.

Im Japanischen war mein Verständnis und mein Lesen der bearbeiteten Texte gut, in der Gruppe habe ich eine gute Position.

In den letzten Monaten habe ich mich nebenher durch ein Smartphonespiel gekämpft, bei dem man immer eine halbe Stunde warten muss, bis man wieder ein Herz zum Weiterspielen bekommt. Fünf Herzen sind das Maximum, das aufgeladen werden kann. Am Anfang waren die Level leicht, seit einer Weile hänge ich tagelang an einem, bis ich es dann doch ganz plötzlich schaffe. Das erste Mal, als ich einen Tag lang an einem Level hing, konnte ich mir nicht vorstellen das Spiel je zu Ende zu bringen. Ich habe aber nicht aufgegeben und bin stolz. Elf Level von 126 fehlen jetzt noch, ich bin auf der letzten schwebenden Inseln angekommen. Ich möchte es so gerne bis zu ihrer Spitze schaffen und wissen, ob sie dort einen besonderen Preis eingebaut haben.

Es liegt nicht an dem was ich im Alltag tue. Der läuft eigentlich gar nicht so schlecht. Das Problem beginnt aber bereits wenn ich nur versuche zu beschreiben was los ist. Kurz zusammengefasst ist es die Erkenntnis, dass es keine Lösung gibt. Zumindest keine nach dem Motto „alles wird gut“. Dafür sehe ich keine Chance. Ich rattere die Erfahrungen eines ganzen Lebens durch, erinnere mich und vergleiche.

„Ihr habt uns Menschenrechte versprochen und was gebt ihr uns?“, fragt in der Übersetzung der Tagesschau einer der Flüchtlinge, die momentan im Schlamm an der mazedonischen Grenze gestrandet sind. Es ist Ausdruck dafür, dass ein Betrug vermutet wird. Es ist ein Betrug, der untrennbar zu der Sache an sich gehört. Rainer Roth thematisiert in seinem Buch Slaverei als Menschenrecht die Bereiche der Aufklärung, die Begründungen dafür fanden ihre Ideale nur auf bestimmte Teile der Menschheit anwenden zu müssen. Die dunkelsten Kammern werfen das grellste Licht auf das Ausmaß der Gültigkeit einer Ideologie.

Wir sollten uns immer klar machen aus welchen Wurzeln unsere Zivilisation hervorgegangen ist und welche emotionalen Tags uns unsere Vorfahren mitgegeben haben. Und speziell in Deutschland sollten wir nie vergessen wohin das führen kann, wenn man es nur konsequent und gründlich genug betreibt.

Ich habe den Rassismus, oder welchen Namen auch immer man dafür bevorzugt, in mir und kann ihm nicht entkommen. Diese Gesellschaft trägt ihn in sich und kann sich ihm nicht entziehen. Ich und wir können ihm nur achtsam begegnen. Erinnert ziemlich an den Umgang mit Suchtstrukturen. Wir sind nicht in der Lage mit dem Bewerten aufzuhören. Für dieses Bewerten greifen wir auf Ordnungsvorstellungen zurück. Dieses Bewerten ist mit Emotionen verbunden. Unsere Emotionen spiegeln die Ordnung, die wir der Welt gegeben haben und geben.

Ich bin nicht frei zu entscheiden, dass ich nicht so vorgehen will. Ich kann bewusstere Handlungsentscheidungen treffen, ich kann besser verstehen was am Wirken ist, ich kann es aber nicht beenden. Ich kann zwar Ideale entwickeln, sie aber nicht umsetzen. Mit dem Wunsch nach Erlösung in mir bin ich gezwungen zu akzeptieren, dass ich in einem Chaos der Zerrissenheit lebe.

Mein Alltag ist eigentlich gar nicht so schlecht. Ich koche mir einen Tee weil ich durstig bin, ich ziehe meine Jacke aus, weil sich meine Wohnung bei winterlichen Temperaturen draußen langsam durch die Sonne erwärmt. In meiner Küche ist mehr als genug zu essen für viele Tage, ich bin mit Menschen verbunden, mit denen ich etwas gemeinsam tun kann und denen ich mein Inneres zeige. Ich freue mich auf meine Arbeit, ich bin froh, dass ich mein Wissen erweitern kann. Und noch so vieles mehr ist angenehm.

Doch da ist immer dieser bohrende Stachel. Tag für Tag für Tag hat sich Lernen angesammelt und dabei Bilder von der Welt geformt. Ein Haus ist viel mehr als nur eine Wohnung für Menschen, ein Hühnerei ist nicht nur das noch nicht vollständig entwickelte Kind eines Huhns. Da gibt es noch viel, viel mehr Bedeutungen und es gibt die mit den Gegenständen verbundene Emotionen. Warum wohl lasse ich Kinder Eier anmalen und einen Baum am Fenster schmücken? In meinem Kopf haben sich Vorstellungen auf Grund von Vorerfahrungen gebildet. Mit Emotionen bewerte ich Durchführbarkeit und mein Interesse daran. Aus Vorerfahrungen heraus frage ich meine Kollegin und die Kinder zu ihrer Beurteilung bevor ich überhaupt beginne. Ich beobachte Zustimmung und Problematiken anhand von Verhaltensweisen, Äußerungen und gezeigten Emotionen. Und aufgrund dieser Vorerfahrungen entwickele ich die Aktivität weiter.

Diese spezielle Aktivität ist harmlos. (Zumindest wenn man nicht mit einer bestimmten Sorte von Christen zu tun hat.) Allerdings ist die Anzahl der ausgeblasenen Eier begrenzt. „Warum bekomme immer ich nichts ab?“ Könnte passieren. Ungleichheit, vermutete Ungerechtigkeit, Ressourcenengpass, Frustration über das eigene misslungene oder zerbrochene Ei, Neid, Aggression, versuchte Erziehungs-und Ausgleichsmaßnahmen. „Du bist zu K. immer viel netter als zu uns.“

Wo stehe ich in der Gesellschaft? Was hat sie für mich zu bieten? Was kann ich anstreben? Womit muss ich mich zufrieden geben? Strukturen und Zuordnungen. Unterschiede im Wert. Manchmal deterministisch, dann wieder, auch durch Veränderungsprozesse, durcheinandergewürfelt. Sie gehen alle dort hindurch, die Kinder.

Bei einer Fortbildung der Lebenshilfe befragt der Dozent zwei anwesende Frauen mit Down-Syndrom. „Ja.“, sagte die eine. „Ich bin oft traurig über meinen Zustand. Ich würde so viele Dinge gerne tun und kann es nicht.“ Sie ist stolz darauf, dass sie in der Lage ist allein zu leben und verteidigt ihre gewonnene Eigenständigkeit heftig.

Ich kann heute nicht weiterarbeiten. Ich bin zu traurig. Mich betrübt wie viele Menschen einer Partei wie der AfD die Stimme gegeben haben, die Menschen in engere Grenzen hineinpacken will als momentan bestehen. Mich betrübt, dass Menschen aus einer Region fliehen müssen, in der eine Gruppe ein Ordnungssystem aufstellt, durch das sie Menschen als zu töten oder zu versklaven einstufen kann. Mich betrübt wie Ordnungen des Arbeitsmarkts Menschen in Angst versetzen. Mich betrübt, dass zu oft nicht das Wohl von Menschen und Lebewesen im Mittelpunkt gesellschaftlicher Bemühungen steht.

Bei leichtem Sonnenschein ist es ein Tag der Trauer. Das Projekt Christentum wollte die Probleme der Menschheit lösen, hat Lösungsvorschläge gemacht, aber nicht auf die Strukturen der Gesellschaft abgezielt, sondern seine Heilsvorstellung auf ein fiktives Jenseits verlagert. Das Projekt Aufklärung wollte die Probleme der Menschheit durch ein Zeitalter der Vernunft lösen und hat dabei in die Schrecken der französischen Revolution und eine Neuordnung Europas hineingeführt. Die Nazis wollten die Welt durch die Schaffung einer Herrenrasse und die Beseitigung aller „Schädlinge“ retten und haben dabei Zerstörung und Unmenschlichkeit verbreitet.

Es ist ein Tag der Trauer über das was sich nicht verändert hat. Über das Lernen, das nicht stattgefunden hat. Es gibt anderes wo man hinschauen kann, ja. Aber im Moment ist diese Seite stark.

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