Bildungsmäuschen

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Fröhlich darüber traurig zu sein und andere Beobachtungen

Der folgende Eintrag stammt aus der letzten Woche und war fast fertig. Montagvormittag wollte ich ihn beenden, dann meldete sich überraschend meine Kollegin krank und alles verzögerte sich. Aufgefallen ist mir dadurch, dass ich mich wohl kaum auf das Studium und dadurch auch auf die ganzen MOOCs eingelassen hätte, wenn ich sehr viel mehr arbeiten würde. Dafür scheinen mir die Zeitfenster für effektive geistige Arbeit bei einer Arbeitszeit, die am Vormittag beginnt und am Nachmittag endet und darüber hinaus eine gewisse Zeit für Vor- und Nachbereitung erfordert, als zu klein. Gedanken habe ich mir auch darüber gemacht dass ich, wenn ich mit dem Wissen das ich mir inzwischen erworben habe genau so 20 Jahre zurückgehen könnte, schon damals ein Studium an der FernUni in Hagen anfangen würde, allerdings in einem anderen Bereich. Fantasien zur Bestimmung von Position und Bedeutung…

Emotionen sind ein hartes Knabbergebäck. Ich bin noch immer traurig über den von mir wahrgenommenen Zustand der Welt, gleichzeitig macht mich meine Befähigung dazu auf eine gewisse Weise fröhlich. Ich habe noch nie zuvor von einer solchen Mischung gehört und wenn ich genauer hinschaue, so baue ich damit mein Selbstwertgefühl auf, was mich dann gleich auch noch zu Fragen nach der moralischen Bewertung meiner inneren Vorgänge führt…

Manchmal habe ich große Zweifel daran, dass Emotionen in der Bildung überhaupt irgendeine Bedeutung zukommt und es erscheint mir als sei das Thema nur für mich wichtig. Es gibt Bereiche in denen werden sie in keinster Weise sichtbar. Dort wird über vieles gesprochen und geschrieben; welche Emotionen damit verbunden sind, ob überhaupt welche damit verbunden sind, wird aber nicht zu einem Thema. Immer wieder habe ich einen Bedarf daran mich zu vergewissern, dass ich nicht in meinem eigenen (weiblichen) Wahn gefangen bin, wenn ich Emotionen eine Bedeutung geben.

Momentan habe ich allerdings einen geeigneten Beobachtungsbereich gefunden: Regelgeleitete Brettspiele mit Grundschülern. Ich fungiere als Spielleiterin. In einem eng gesteckten Rahmen entfaltet sich eine ganze Fülle an Emotionen, die ich gut bei Entstehung und aufeinander Einwirken beobachten kann.

Das Mitspielen ist freiwillig. Zuerst einmal spielen Emotionen eine Rolle bei dem Wunsch überhaupt teilnehmen zu wollen. Dann kommt es zu Konflikten, in denen sich Emotionen ausdrücken. Wer darf mitspielen und wer nicht. Emotionen sind Erregungszustände und die werden heftig nach außen getragen. Der Ausdruck der Emotionen der anderen Kinder muss ertragen werden, Verhandlungsprozesse müssen durchgeführt werden. Als Autoritätsperson kann ich eingreifen, zu Mäßigung ermahnen und durch Vorschläge und Anweisungen beeinflussen. Nicht alle Kinder geben nach, mit einigen muss auch ich erst in Verhandlungen treten.

Kinder steigen zwischendurch aus dem Spiel aus, weil sie verlieren oder Angst haben zu verlieren. Kinder steigen aus, weil ihnen das Spiel langweilig wird. Haltung, Mimik, Art und Heftigkeit der Sprache geben dabei Hinweise auf die inneren Vorgänge. Bei Unklarheit gibt es die Möglichkeit danach zu fragen, was in dem Kind vor sich geht. Es kommt zu Streit. Aggression zeigt sich, Frustration; wie bei vielen Brettspielen führen die Regeln zu einer Kombination aus Strategie und Glück. Die Kontrolle ist dadurch zwar eingeschränkt, bei schlechter Strategie bestehen aber trotzdem Gewinnchancen. Das Spiel enthält eine gewisse Unvorhersehbarkeit, die einen Teil seines Reizes ausmacht. Durch unterschiedlich umfangreiche Erfahrungen mit dem Spiel, unterschiedlichen Entwicklungsstand und Unterschiede in den Befähigungen der Kinder sind die Chancen zusätzlich ungleich verteilt. Die Gewinnenden freuen sich, die Verlierenden müssen die damit verbundenen unangenehmen Emotionen bewältigen.

Die Emotionen, die ein Kind in sich wahrnimmt, führen es in einen Streik. Es blockiert das Spiel. Verhandlungsprozesse beginnen. Es soll sofort etwas geschehen, die anderen Kinder wollen, dass das Kind ausgeschlossen wird; Emotionen sind drängend, wollen eine sofortige Handlung. Die Spielleiterin fordert Abwarten. Die anderen Kinder warten, das blockierende Kind beruhigt sich, Reden ist wieder möglich, ein Kompromiss wird gefunden, das Spiel geht weiter.

Ein anderes Kind drückt Verzweiflung aus. Wirft sich auf den Tisch, stöhnt, äußert aufgeben zu wollen, kann nicht überblicken, dass sein momentaner Verlust noch nichts über seine weiteren Spielchancen aussagt. Die anderen Kinder versuchen auf seinen Zustand einzuwirken, mit Ermunterungen und Hinweisen auf die Möglichkeiten des Spiels, in einem Fall aber auch mit Häme. Es wird sichtbar, dass in dem betroffenen Kind viele Prozesse des Beobachtens und Überlegens ablaufen, die es dazu bewegen doch noch eine Weile weiterzuspielen. Ein Kind mogelt ein bisschen, um diesem Kind einen Vorteil zu verschaffen. Ein anderes Kind wehrt das heftig ab, mit entrüstetem Gesichtsausdruck und erhobener Stimme. Das Kind das gemogelt hat starrt kurze Zeit vor sich hin, grinst dann verlegen und nimmt die Mogelei zurück. Das entrüstete Kind beruhigt sich und spielt weiter. Das Kind mit dem Verlust wiederum beginnt erneut zu stöhnen. Aus Beobachten ergibt sich eine Vermutung über die inneren Vorgänge der Beteiligten und die Auswirkungen untereinander.

Emotionales und soziales Lernen kommen im Kontext von Lernprogrammen häufig in einem Paket daher, da Emotionen verstärkt im sozialen Kontakt auftreten. Emotionen sind außerdem eng mit Fragen von Moral und Ethik verbunden. Also mit Fragen danach war richtig und was falsch ist. Und dabei auch danach woraus man einen Gewinn und woraus man eine Beschämung für das eigene Selbstwertgefühl ableiten kann. Etwas das auch bei meiner zu Anfang beschriebenen Beobachtung an mir selbst sichtbar geworden ist.

Während des Brettspiels tauchte dieser Bereich ebenfalls auf. Unter anderem in der Frage danach, ob die Spielregeln fies sind oder nicht und wie man damit umgeht, wenn die Spielregeln unangenehme Emotionen zulassen. Übrigens sehr interessante Überlegungen im Kontext von digitalen, auf das Wohlergehen des Spielers ausgerichteten Spielen. Mein momentanes Smartphonespiel ist beispielsweise so eingerichtet, dass ich an schwierigen Stellen Booster zukaufen kann. Dafür wird gelegentlich auch ein deutlicher Hinweis eingeblendet. Mit dem Einsatz finanzieller Ressourcen könnte ich mir einen Vorteil und die mögliche Überwindung von Frustration einkaufen. Ich habe mir allerdings das klare Ziel gesetzt das Spiel ohne eine solche Erleichterung durchzuspielen und versuche meine Emotionen dahingehend zu beeinflussen. Ich bin durchaus stolz wie weit ich gekommen bin ohne zusätzliches Geld zu investieren. Nur ein kleines Smartphonespiel und doch so viele Emotionen…

Aber weiter mit den Kindern. Im Brettspielzusammenhang ist das Auftreten vielfältiger Emotionen sehr dicht und es sind verschlungene Wege des aufeinander Wirkens in einem überschaubaren Rahmen stellvertretend zu beobachten. Mir belegt es jetzt sehr deutlich, dass Emotionen von Bedeutung sind, denn ich kann die Art dieser Vorgänge auf andere, weniger dicht strukturierte Vorgänge übertragen und ich kann sie auch bei den in der Regel wesentlich stärker kontrollierten Erwachsenen wiederfinden.

Nach den Untersuchungen von Norbert Elias lässt sich in den europäischen Kulturen im Verlauf ihrer Entwicklung eine zunehmende Affektkontrolle beobachten. Diese Kontrolle wird im Verlauf von Sozialisation, Erziehung und Bildung erlernt. Das passiert in der Regel nicht in der Form dass man sagt, gut, wir schulen das jetzt mal wie das Kind oder der Jugendliche oder der Erwachsene mit seinen Emotionen umgehen soll. Gibt es auch, vor allem im therapeutischen Bereich, aber das meiste geschieht nebenher und wird nicht mit dem Bewusstsein dahinter betrieben, dass da Emotionen auftreten, die für das Individuum im Moment seines Auftretens eine angemessene Reaktion darstellen von denen man aber wünscht, dass sie in einer verträglichen Form für Individuum, andere Lebewesen, aber auch Gegenstände, Materialien usw. ausgedrückt werden. Die Reflexion über Vorgänge ist es, die zu einer Bewusstheit führt.

Affektkontrolle und ähnliches sind auch noch nicht alles. Die Spielgestaltung fördert bestimmte Emotionen, andere nicht. Die Zusammensetzung der Kindergruppe hat einen Einfluss auf die auftretenden Emotionen. „Wenn der mitspielt, spiele ich nicht mit.“ „Die soll nicht so blöd gucken.“ „Neben der will ich nicht sitzen, die soll weggehen.“ Nebenher auftretende Problematiken beeinflussen den Fortgang des Spielverlaufs auf dem Weg über die Stärke der Aufmerksamkeitslenkung,  die durch Emotionen geschieht.

Ich arbeite mit Kindergruppen, die nicht auf einer rein freiwilligen Basis an einem bestimmten Ort zusammen sind, aber in diesem Rahmen eine gewisse Wahlfreiheit haben. Solche Faktoren spielen eine wichtige Rolle beim Auftreten von Emotionen.

Gehe ich von der speziellen, eingegrenzten Situation weg, so wird es allerdings schwieriger alle Einflussfaktoren zu bestimmen. Kindergruppen an sich sind außerdem recht einfach zu erfassen, da Kinder dort sehr unmittelbar ihre Emotionen sichtbar werden lassen und ausleben.

Emotionen spielen allerdings auch in Volkshochschulgruppen, Fortbildungen, Arbeitsgruppen und bei Onlinelernen eine Rolle. Fördernd, störend, inspirierend und blockierend. Meine härtesten Nüsse des Verstehens von Konflikten und deren Auswirkungen haben mit Emotionen zu tun. Sich auflösende Gruppen, Fehden austragende Menschen, Mitarbeitsverweigerer, beschuldigende Teilnehmer, beschämende Durchführende, Vermeidungsverhalten. Und ein Mangel an Sprache und Wissen, um die tatsächlichen Problematiken zu erkennen, zu benennen und an ihnen zu arbeiten. Dem gegenüber stehen allerdings all die motivierenden, inspirierenden, voran bringenden Gruppen.

Fortsetzung der Auseinandersetzung weiterhin notwendig…

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