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Die Widersprüche der Aufklärung

In allen Einrichtungen für Kinder in denen ich arbeite, grassieren seit Monaten Krankheiten. Manche davon kehren immer wieder, und in der einen Einrichtung wurden jetzt Regeln dafür ausgehängt wie lange Kinder und Mitarbeiter zuhause bleiben sollen, wenn sie davon betroffen sind. Es ist dadurch alles etwas anders, Kindergruppen sind anders zusammengesetzt, Mitarbeiter übernehmen andere Arbeiten als sonst, Abläufe werden umgebaut, Gewohntes durchbrochen. Mir hat das ganz neue Eindrücke geliefert. Zum Lesen und Schreiben von Texten bin ich in der letzten Woche allerdings kaum gekommen, zum Reflektieren jedoch in gewohntem Umfang, denn das lässt sich gut in den Zeiten machen in denen Körper und Geist Ruhe benötigen. Reflektieren ist die Bearbeitung des Aufgenommenen und hilft dabei Dinge zu klären, zu Schlüssen zu kommen und neue Pläne zu entwickeln. Inzwischen bin ich allerdings selber nicht mehr ganz gesund. Mehr Zeit mit Krankheitserregern im Umfeld, mehr Risiko der Ansteckung?

Beim Herumliegen-müssen, aber nicht richtig schlafen können, gefangen in einem Körper der sich beschädigt anfühlt, schweifen meine Gedanken durch die Erfahrungen der letzten Woche, meine Lektüre der letzten Zeit und die Aktivitäten im Netz. Es kommt zu einer Reflexion über größere Zusammenhänge.

Auf der einen Seite fügt eine erneute Beschäftigung mit der Zeit der Aufklärung dem was mich umtreibt erstaunlich Zusammenhänge bei. Ich komme nur in sehr kleinen Portionen voran, gewissermaßen im Schneckentempo, den Anlass für mein Interesse haben dabei die Anregungen der letzten Präsenzveranstaltung Mitte Februar geliefert.

Für die Lektüre habe ich mir einer sehr kompakte, gut verständliche Zusammenfassung von Barbara Stollberg-Rilinger zur Aufklärung gewählt sowie von Rainer Roth Sklaverei als Menschenrecht. Rassismus und damit verbunden Sklaverei gehören zu den dunklen Seiten der Aufklärung. Dunkle Seiten zu betrachten erlaubt eine Prüfung der Konsistenz von Vorstellungen und ihrer Umsetzung.

Ich bin schon sehr frühzeitig auf diese Methode gestoßen, da ich bereits als kleines Kind mit für mich unlösbaren Widersprüchen konfrontiert wurde. Hier ergibt sich auch der Zusammenhang mit meinem Interesse an Emotionen. Widersprüche werden häufig in einer nicht sofort beschreibbaren Form wahrgenommen. Gerade für Kinder sind sie häufig nur über den Weg von Emotionen wahrnehmbar. Widersprüchliche Anforderungen, sich widersprechende Äußerungen und Verhaltensweisen aus denen keine Konsistenz gewonnen werden kann, führen zu Erregungszuständen. Diese Zustände werden als Emotionen wahrgenommen und verarbeitet. Sie liefern Informationen über die Welt, die noch nicht reflektiert werden können. Es kommt noch nicht zu einem bewussten Verstehen, das Verstehen bleibt auf einer Ebene des unbewussten unreflektierten Wissens. Aber auch in dieser Form bleibt es vorhanden, kann hervorgeholt und bearbeitet werden.

Rainer Roth wurde 1944 geboren und war Professor für Sozialwissenschaften. Sein  Buch ist im Jahr 2015 erschienen und kann über den DVS Verlag in Frankfurt bezogen werden. Das ist nur direkt oder über eine Buchhandlung möglich. Die Versandkosten sind im günstigen Preis inbegriffen. Rainer Roth hat eine Mission und noch viel vor. Das Buch ist Teil des Plans einer umfassenden Kritik der bürgerlichen Revolution und als nächster Band soll Lohnsklaverei als Menschenrecht folgen.

Mich hat der Titel elektrisiert und der Inhalt führt zu große Augen. Die Beschäftigung mit der Geschichte der Sklaverei hat in der Vergangenheit bei mir viele Tränen ausgelöst. Die Beschäftigung mit den Menschenrechten hat dagegen Freude in mir aufkommen lassen. Die modernen Menschenrechte dienen mir immer noch als eine Orientierung.

Nun kommen mein Hintergrund der Fragen nach der Bedeutung der Emotionen mit einem Blick auf die Aufklärung zusammen, die diese Zeit für mich aus der Sicht der Menschen, die damals gelebt haben, aus der Situation heraus, in der sie sich befunden haben, nachvollziehbarer macht als zuvor. Die Aufklärung war weder plötzlich da, noch war sie einheitlich. Sie hat sich auch nie auf alle Menschen bezogen und bedeutete das Ringen um eine Strukturveränderung, durch die Machtverhältnisse anders als zuvor verteilt wurden.

Hier passt dann wieder das Buch von Roth hinein und ich beschließe mich jetzt endlich einmal auch mit der Dialektik der Aufklärung von Horkheimer und Adorno zu befassen.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit galten nie für alle Menschen. Das ist bis heute so geblieben. Auf der einen Seite findet sich daher eine Ideologie, die scheinbar allen Menschen gleichermaßen ein Versprechen gibt, das aber auf der anderen Seite nicht eingelöst wird. Dafür müssen Begründungen gefunden werden, vernünftige Begründungen, denn der Geist der Aufklärung wendet sich vom Glauben ab und dem Verstehen zu. So kommt es unter anderem zu einer Vielzahl von Zuschreibungen in Bezug auf Gruppen von Menschen. In diesen Zusammenhang lässt sich wiederum das Syndrom der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit von Heitmeyer stellen.

Die Aufklärung förderte den Rassismus und sie förderte die Sklaverei. Sind bestimmte Menschen von einer anderen Art, so müssen sie nicht als Gleiche behandelt werden. Dadurch können im Zusammenhang mit Sklaverei je nach Bedarf Gruppen bestimmt werden, die dem Vieh gleichgestellt sind und rechtlich abgesichert zum verfügbaren Besitz ihrer Herren bestimmt werden können.

Es ist eine alte Geschichte und emotional tief verankert. Im Netz habe ich eine Karte gesehen auf der Orte gepinnt waren, an denen Aktivitäten zur Woche des Rassismus stattfinden. Vor meinen Augen sehe ich die Erscheinungen der Welt mit Pins und jeder Pin enthält zwei Anhänger. Auf dem einen sind Sterne für angenehme, positive Emotionen, auf der anderen Sterne für unangenehme, negative Emotionen. Alle Erscheinungen sind in irgendeiner Weise mit beiden Ausprägungen von Emotionen besetzt, die jeweils eine Gesamteinschätzung liefern.

Unsere kulturellen Vorstellungsbilder wurden und werden Tag für Tag weitergegeben. Wir haben keinen zwingenden Grund zu rekonstruieren woher unsere Einschätzungen und Selbstverständlichkeiten kommen. Wir können in der Komplexität sozialer Vorgänge sowieso nicht vollständig nachvollziehbar machen weshalb wir bestimmte Dinge positiv, andere negativ einschätzen, weshalb wir das eine als normal, das andere als nicht normal zuordnen. Warum wir daher das eine meiden und bekämpfen und als falsch einschätzen, das andere wiederum bevorzugen, uns damit wohl fühlen und als richtig einstufen.

In Bildungskontexten geben wir das alles weiter. Ungleichwertigkeit ist Bestandteil unserer Kultur. Unsere Ideale scheinen allerdings etwas anderes vorzusehen. Daher kommt es fortdauernd zu Widersprüchen und Unstimmigkeiten. Diese wiederum werden durchaus wahrgenommen, eben auch auf der Ebene der Emotionen. Die Gründe dafür werden aber nicht zwangsläufig verstanden. Negative Emotionen führen ggf. zu Abwehr- und Vermeidungsverhalten, positive zu Bevorzugungen.

Nach meiner Einschätzung ist ein Verstehen und Aufdecken dieser Vorgänge möglich, allerdings nicht ihre Beseitigung.

Damit sehe ich mich momentan in Bildungskontexten konfrontiert und ich finde es sehr schwierig damit umzugehen. Es ist so wie in den Situationen wenn ich etwas Unübliches mit einer Kindergruppe mache und von den einen Eltern wird das als gute Idee und sehr positiv eingeschätzt und die anderen Eltern halten es für unverantwortlich. Es gibt dafür keine zufriedenstellende Lösung. Was bleibt ist die fortdauernde Reflexion und wenn möglich Kommunikation.

Damit bin ich bei den Netzaktivitäten angelangt. Seit ich ein Smartphone besitze, nutze ich das Netz anders. Seitdem ich veranlasst durch einen Kurs zur Sicherheit in sozialen Netzwerken bestimmte Änderungen in den Einstellungen bei Facebook vorgenommen habe, bekomme ich eine andere Auswahl an Nachrichten. Es ist wesentlich auffälliger geworden dass ich mich in einer Filterblase aufhalte, gleichzeitig motiviert mich Größe und Art der Darstellung auf dem Smartphone sowie Eingabeart weniger mich zu äußern. Ich überfliege Nachrichten schneller ohne ihnen weiter nachzugehen oder schiebe sie gleich ganz weg. Dazu kommt, dass eine permanente Präsenz notwendig scheint, um bestimmte Dinge am Laufen zu halten. Von vielen Post fühle ich mich inzwischen auch genervt, weil sie hingeworfene Fetzen ohne ausreichenden Kontext und Konsequenzen sind. Lernen sollte zu Konsequenzen führen. Im Netz werden diese Konsequenzen für mich aber kaum sichtbar. Dazu kommt, dass vieles viel zu einseitig ist, Komplexität unzureichend abbildet und es Bereiche gibt in denen so etwas wie eine Übereinkunft zum Gut-drauf-sein und zum Alles-wird-immer-besser zu existieren scheint.

In meinem beruflichen Alltag nehme ich dagegen momentan keine von mir positiv zu bewerteten Veränderungen wahr. Alles was aufgewühlt war, beginnt sich wieder in einer gewohnten Form zu ordnen. Mein Eindruck ist dabei allerdings, dass die Qualität abgenommen hat. Dinge werden irgendwie getan, Konzepte, Ziele und Pläne werden für mich nicht sichtbar. Was ich aus meiner Position heraus wahrnehme läuft auf billig, willig, Masse statt Klasse und Filz hinaus.

In gewisser Weise passen die Wahlerfolge einer Partei wie der AfD dazu, die Lösungen anbietet, die schon in der Vergangenheit ganze Menschengruppen massiv benachteiligt und damit eigentlich keine Lösungen vorzuweisen haben.

Fazit für mich: Das Bildungssystem bleibt ein von der gesamten Gesellschaft untrennbares Teilsystem. Gesellschaftliche Widersprüche haben eine lange Tradition und finden sich auch dort. Sie können nicht im Bildungssystem selbst gelöst werden und das Bildungssystem selbst eignet sich daher nicht dafür Menschen zu befähigen gesellschaftliche Widersprüche aufzulösen. Was das Bildungssystem allerdings zu leisten vermag ist zu lernen diese Widersprüche zu erkennen und mit ihnen zu leben.

Referenzen:

Horkheimer, D. & Adorno, Th. W. (2006). Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. (16. Aufl.). Frankfurt: S.Fischer.

Roth, R. (2015). Sklaverei als Menschenrecht. Über die bürgerlichen Revolutionen in England, den USA und Frankreich. Frankfurt am Main: DVS.

Stollberg-Rilinger, B. (2011). Die Aufklärung. (2.überarbeitete und aktualisierte Ausgabe). Stuttgart: Reclam.

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