Bildungsmäuschen

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Überlegungen zum EASI-Modell

Das EASI-Modell (Emotion As Social Information) für soziale Aspekte von Emotionen von Van Kleef ist als sozialpsychologisches Modell im Gegensatz zu einer Reihe von Theorien aus unterschiedlichen Wissenschaften, deren Texte zu Emotionen ich gelesen habe, sehr gut anschlussfähig an mein BiWi-Studium. Es ist außerdem ein sehr einfaches, gleichzeitig auf grundlegende Strukturen bezogenes Modell, das als Basis für vielfältige Beobachtungen in Bezug auf das Auftreten und die Bedeutung von Emotionen in Bildungs- und anderen sozialen Kontexten genutzt werden kann. Je nach untersuchtem Fall können andere Theorien angehängt oder bestimmte Aspekte betont werden.

Es hat außerdem den großen Vorteil, dass es Ungewissheit und Konstruktion einbezieht. Eine wesentliche Problematik bei der Beschäftigung mit Emotionen ist die grundlegende Schwierigkeit intrapersonelle Vorgänge zu erfassen. Stichworte sind in diesem Zusammenhang für mich Black Box und Konstruktivismus. Mit dem EASI-Modell lassen sich daraus entstehende Probleme umgehen, ohne sie vernachlässigen zu müssen, da es sich auf die Beobachtung des emotionalen Ausdrucks und auftretende diskrete Emotionen bezieht. Wie diese Wahrnehmungen verstanden und interpretiert werden, ist für das Prozessverständnis selbst nicht entscheidend. Um den Ablauf nachvollziehbar zu machen, ist es nicht von Bedeutung ob das was wahrgenommen und interpretiert wird zutreffend, verzerrt oder möglicherweise sogar falsch ist. Solche Faktoren lassen sich getrennt davon untersuchen.

Das Modell erfasst, dass zwischen beobachtetem Emotionsausdruck und Verhalten des Beobachters zwei Prozesse parallel ablaufen. Einerseits affektive Reaktionen des Beobachters, andererseits die Schlussfolgerungen des Beobachters. Emotions- und Denkprozesse können dadurch als nicht trennbare, zusammenwirkende Komponenten erfasst werden. Das Modell beinhaltet weiterhin den Einfluss der Art der Informationsverarbeitung des Beobachters und Faktoren der sozialen Beziehung, die beide zwischen Wahrnehmung des Emotionsausdrucks und Verhalten des Beobachters sowohl auf affektive Reaktionen als auch Schlussfolgerungen einwirken. Emotionen werden in dem Modell als bedeutsame soziale Informationen verstanden. Das Modell ist als Strukturmodell nach meinem Verständnis sowohl auf die Wahrnehmung anderer als auch auf die Eigenwahrnehmung anwendbar.

Für mich ist es außerdem bedeutsam, weil es den informellen Wert von Emotionen in sozialen Kontexten anerkennt. Seine Wurzeln liegen in einem sozialfunktionalen Ansatz von Emotionen. Genau in diesem Bereich liegt für mich ein hoher Wert von Emotionen und der Grund dafür, dass eine Missachtung oder Geringschätzung von Emotionen oder die Forderung nach ihrer Manipulation innerhalb von Machtbeziehungen zugunsten der dominierenden Partei bei mir zu Widerspenstigkeit führen können.

Zuerst war es für mich frustrierend nach so langer Zeit der Suche, des Lesens, der Reflexion und Beobachtung in einem so kleinen Modell ein geeignetes Werkzeug für die Anwendung im Alltag zu finden, bis mir dämmerte, dass ich ohne diese ganze Suche die Bedeutung des Modell nicht hätte erfassen können. Ebenfalls kann ich dadurch abschätzen, dass Van Kleef ausreichend recherchiert hat und sich mit grundlegenden Emotionstheorien auskennt.

Ein Problem habe ich momentan damit zu bestimmen wie ich meine ganzen Recherchen zu einer wissenschaftlichen Arbeit zusammengefügt bekomme. Wie vermittele ich, dass und wie ich die Berücksichtigung von Emotionen in Bildungskontexten als wichtig ansehe. Für mich persönlich macht das EASI-Modell zwischenmenschliche Vorgänge in Bildungskontexten wesentlich verständlicher und legt nahe Emotionen, ihr Auftreten und den Umgang mit ihnen als bedeutsam einzustufen. Dieser Ansatz ist dabei aber spezifisch und unterscheidet sich grundlegend von anderen Ansätzen in Bezug auf Emotionen. Im Besonderen von denjenigen, die vor allem auf die Förderung positiver Emotionen ausgerichtet sind oder Emotionsregulierung betonen.

Kurz zusammengefasst interessiert mich vor allem, wie das mit den Emotionen im alltäglichen Miteinander eigentlich funktioniert. Ich bin dabei an einer unmittelbaren Bewusstheit und einem Verstehen interessiert und der dafür notwendigen Methoden zur Wahrnehmung von Abläufen. Auf Bildungskontexte bezogen bedeutet es zuerst einmal die Förderung der Wahrnehmung des im EASI-Modell beschriebenen Prozesses in der eigenen Person als auch in anderen Personen.

Neben Vorkommnissen in Bildungskontexten, die für mich schlecht ausgegangen sind, zu sehr unangenehmen Emotionen führten und bis heute Fragen nach der Möglichkeit alternativer Verhaltensentscheidungen aufwerfen, erinnere ich mich inzwischen zunehmend an Bildungskontexte, die anderen emotionale Probleme bereitet haben, während ich mit den Situationen gut zurecht gekommen bin. Im Besonderen erinnere ich mich an einen VHS-Kurs, in dem der Durchführende einen derart beleidigenden Umgang mit den Teilnehmern benutzte, wenn ihm Produkte des Kurses nicht gefielen, dass die Anzahl der Teilnehmer stetig abnahm, bis ich beim letzten Termin allein übrig geblieben war.

Was ich bis heute als interessant und sogar lustig eingestuft habe, da ich die Situation bewältigen konnte ohne aufzugeben, erscheint jetzt in einem anderen Licht. Der pädagogische Mangel des Durchführenden ist für mich stärker sichtbar, ebenso dass die Hinnahme eines stillschweigenden Rückzugs anderer eine problematische Lösung darstellt, auch wenn keine eigene unmittelbare Betroffenheit besteht. Ich wünsche mir Werkzeuge, die dabei helfen können zu erkennen was auf der Ebene der Emotionen genau vor sich geht, was das beispielsweise in Bezug auf Konflikte, Verletzungen der Würde des Menschen, Diskriminierung oder Ausschluss bedeutet, und die es grundsätzlich ermöglichen Problematiken in einer sachlichen, kooperativen Form zu thematisieren.

Auf der Seite der EASI Labgroup ist für dieses Jahr eine Publikation angekündigt mit dem Titel: „Are the powerful really blind to the feelings of others? How concern over one’s power shapes attention to emotions.“ Der Titel macht mich neugierig. Von großem Interesse ist für mich der Umgang mit Emotionen im Kontext von Machtverhältnissen und Machtinteressen einschließlich dessen, wie weit eine Nichtberücksichtigung oder Geringschätzung von Emotionen, die Aufforderung zum Verbergen oder zum Manipulieren oder die Aufforderung zur Umgestaltung des Emotionsausdrucks in diesem Kontext von Bedeutung ist.

Ergänzung:

Seitdem ich diesen Beitrag verfasst habe, sind zwei Tage vergangen. In der Zwischenzeit habe ich meinen Alltag unter Verwendung des Modells beobachtet. Dabei tauchte für mich die Frage danach auf, ob Van Kleef in den Emotionsausdruck auch verbale Äußerungen einbezieht aus denen Emotionen ablesbar werden. Tut er. „People may be unaware that their inner feelings are reflected on their faces, in their voices, in their bodily postures, or in their choice of words.“ (Van Kleef, 2010, S.3). Genau das konnte ich in der Zwischenzeit beobachten. Ohne dass Personen direkt angegeben haben welche Emotionen für sie in welchen Beziehungen oder in Bezug auf welche sozialen Situationen aufgetreten sind, haben sie durch scheinbar belanglose Äußerungen nebenher dazu bedeutende Informationen geliefert. Wahrscheinlich noch nicht einmal mit einem Bewusstsein dafür.

In diesen Äußerungen sind Emotionen enthalten, die im Sinne der Appraisal Theorien Bewertungen darstellen. Im sozialen Miteinander stellen sie soziale Bewertungen dar. In nebenher erfolgenden Äußerungen werden im sozialen Miteinander Wertesysteme transportiert, deren Bedeutsamkeit mit der Machtposition derjenigen verknüpft sind, die sie vertreten. Personen können sich auf diese Weise mit sozialen Machtpositionen verbinden, indem sie diese reproduzieren. Die Verbindung mit einer Machtposition kann dabei das eigene Wohlbefinden erhöhen, so wie die Verbindung mit einer Ohnmachtsposition oder Zuweisung zu einer Ohnmachtsposition das Wohlbefinden reduzieren kann.

Referenz:

Van Kleef, G. (2010). The emerging view of emotion as social information. Verfügbar unter http://dare.uva.nl/document/2/90694

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