Bildungsmäuschen

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Untersuchungsproblematiken

So langsam dämmert mir, dass ich eine spezielle Weise habe, wie ich mir Wissen erarbeite. Aus einem inneren Antrieb ergibt sich ein Suchen, das erst endet wenn Zufriedenheit und Klarheit eintritt. Vor gefühlt langer Zeit bin ich einmal damit gestartet nach der Bedeutung von Emotionen für die Bildungswissenschaft und in der Bildungswissenschaft zu fragen. Es war mir ein Rätsel warum sie so wenig Beachtung zu erhalten schienen. Als Basis der Dokumentation davon hat sich dabei dieser Blog entwickelt. Meine wesentlichen Fragen vom Beginn habe ich mir inzwischen längst beantwortet, doch wie das so ist, aus der Beantwortung von Fragen ergeben sich wieder neue Fragen. Im Moment vor allem nach einer praktischen Umsetzung.

Emotionen sind grundlegende Erscheinungen der Wahrnehmungsbefähigung von Menschen, die in vielfältigen Zusammenhängen in Bezug auf vielfältige Problematiken hin untersucht werden können. Sich mit Emotionen zu beschäftigen bedeutet dabei auch sich mit dem Bild vom Menschen, das eine Gesellschaft hat, und mit ihren Werten zu beschäftigen. Ich finde es sehr schwierig zu bestimmen was für einen Wert Emotionen zum momentanen Zeitpunkt in der bundesrepublikanischen Gesellschaft haben. Eher lässt sich für mich von Fall zu Fall die Frage danach beantworten, wie weit Emotionen als bedeutsame Einflussfaktoren in Bildungsprozessen innerhalb bildungswissenschaftlich relevanter Literatur eingeschätzt werden. Literatur ist umgrenzt und kann innerhalb dieser Grenzen analysiert werden.

Der Alltag als Untersuchungsobjekt ist sehr viel schwieriger zu bearbeiten. Hinter der Scheibe eines Klassenraums steht eine Lehrerin und scheint Kinder zu beobachten, die am Ausgang des Schulhofs auf einen Lehrer warten. Die Kinder entdecken sie und ihre Haltung verändert sich. Sie wirken geduckter, unterhalten sich über die Lehrerin, werfen kurze Blicke zu ihr und scheinen zu überprüfen, ob sie etwas tun das verboten ist oder die Lehrerin nicht sehen soll. Sie laufen weniger nach allen Seiten davon und bleiben mehr in einer Gruppe stehen. Ich vermute, wenn die Lehrerin freundlich gewinkt hätte als sie von den Kindern entdeckt wurde, wären die Kinder entspannter gewesen.

Emotionen lenken den Alltag. Der Wecker reißt mich am Morgen aus dem Schlaf. Oder: ich wache von selbst auf und höre durch das offene Fenster wie die Vögel singen und der Regen leise rauscht. Ich finde jeweils unterschiedliche Emotionen in mir. Ich finde auch nicht jedes Mal die gleichen Emotionen. Das eine Mal stört mich der Wecker, weil ich noch nicht ausgeschlafen bin, das nächste Mal freue ich mich, weil ich an dem Tag etwas Spannendes vor habe. In jedem Fall signalisiert der Wecker, dass ich meinen Erregungszustand zu ändern habe.

Angst während einer Abschlussarbeit dass die Zeit nicht reicht, durchmischt mit Freude über die gestellte Anforderung, sowie Unsicherheit in Bezug auf das eigene Wissen. Zwischendurch ein wenig Panik. Zum Schluss alles noch einmal überprüfen, auch die Restzeit, nach Innen schauen und das Gefühl befragen, Müdigkeit erkennen und Unlust und sich an die Gelassenheit erinnern. Es wird nichts wirklich Schlimmes passieren. Die Punkte werden reichen, du musst es mit dir selbst ausmachen wie du es erträgst nicht 100% erfüllt zu haben. Ein Seufzer – klick – weg. Später, sich mit anderen in Foren über die Emotionen austauschen. Tipps an andere geben. Anerkennung erhalten, ein angenehmes Gefühl verspüren. Freude, Bestätigung, Wert. In den Foren Vorschläge für Verbesserungen machen. Damit sich Online-Lernen gut anfühlt, damit Motivation entsteht, auf dem Weg über geweckten Ehrgeiz, auf dem Weg über die interessanten Gefühle beim Helfen, indem sich das unangenehme Gefühl etwas nicht zu wissen oder nicht zu verstehen durch Lernen verändern lässt.

Ich finde nach wie vor, dass Emotionen zu wenig bewusst beachtet werden. Ich denke, es liegt daran weil sie so selbstverständlich sind und sich so selbstverständlich mit ihnen umgehen lässt. Wenn ich beobachten kann was im Bereich der Emotionen genau geschieht und wenn ich das mit meinem Wissen über Theorien verknüpfen kann, so kann ich eher etwas ändern. Dafür ist die Achtsamkeit gut. Um weniger ausgeliefert zu sein und mehr Akteur zu werden.

Im Kontext von RULER habe ich einmal ein Video aus einer Klasse gesehen, in der Schüler regelmäßig geplant über ihre Emotionen sprechen. Die Art, wie sich dabei ein Kind ausgedrückt hat, brachte mich zu der Vermutung, dass dieses Kind nicht wirklich wahrnimmt und beschreibt was in ihm geschieht, sondern das was von ihm erwartet wird, in der Sprache die dabei von ihm erwartet wird. Gut, sie lernen noch, dazu kommen verschiedene Probleme, die sich auf das Verweigerungsrecht der Preisgabe des eigenen Inneren beziehen.

Im Verlauf der Entwicklung meiner Bachelorarbeit wollte ich an dem Punkt stoppen an dem ich belegen konnte, dass eine Berücksichtigung von Emotionen in Bildungszusammenhängen einen Mehrwert erbringen und viele Erscheinungen besser erklären kann, verknüpft mit der Aufforderung, dass es daher sinnvoll ist überall auch nach dem Einfluss von Emotionen gezielt Ausschau zu halten. Auf mehr wollte ich nicht eingehen. Jetzt bin ich aber genau damit beschäftigt. Und nicht nur mit der Möglichkeit der besseren Erklärung, sondern auch mit den Möglichkeiten dadurch Dinge gezielt verändern zu können. Geht das überhaupt?

Mir geht es zuerst einmal nicht um die Beeinflussung von Emotionen hin zu positiven Emotionen, sondern um die bewusste Wahrnehmung beliebiger Emotionen. Das bedeutet auch eine Konfrontation mit unangenehmen Emotionen und das Eingeständnis und die Akzeptanz ihrer Existenz. Unangenehme Emotionen auszuhalten und anzuerkennen ohne gleich herumzuzappeln und sie weg haben zu wollen. Emotionen stellen in sozialen Kontexten Informationen zur Verfügung und der Ausdruck von Emotionen reguliert soziale Interaktionen. Interessant ist in diesem Zusammenhang der Umgang von Personen in unterschiedlichen Machtpositionen miteinander und die Möglichkeit bzw. Unmöglichkeit für beide Parteien innere Vorgänge sichtbar machen zu können oder zu wollen. Ebenso von Interesse sind hier Kenntnisse über den Einsatz eines strategischen Emotionsausdrucks und Strategien wie deep und surface acting in Bezug auf Emotionsmanagement.

Zum Verständnis von Emotionen bietet sich in Bildungskontexten nach wie vor die Arbeit mit Literatur oder anderen Medien an, um solche Vorgänge sichtbar und damit bewusst zu machen ohne in eigenen Beispielen persönliche Dinge offenlegen zu müssen. Emotionen müssen zwangsläufig ein Thema in Bildungskontexten sein, da sie ein untrennbarer Teil von Menschen sind. In den Emotionen offenbart sich das Denken von Menschen als Einschätzung aus ihrer Weltwahrnehmung heraus, das Denken wiederum verarbeitet diese Emotionen in Weltvorstellungen. Die Wahrnehmung von Personen, Situationen oder Gegenständen, das Denken darüber und die Einschätzung davon enthalten untrennbar Emotionen. Als Individuen sind wir von unseren Kulturen geformte Wesen. An diesem Punkt befindet sich die Berührung zu Fragen nach Freiheit oder Determinismus.

Wie sollte in Bildungskontexten damit umgegangen werden? Als nicht abschließbarer Erkundungsprozess? Als möglichst gelingende Anpassung an eine spezifische Gesellschaft? Als Befähigung zu hinterfragen bei gleichzeitiger Befähigung zu stetiger Anpassung? Oder noch ganz anders?

Ich finde es ausgesprochen verwunderlich, dass ich darauf keine Antwort weiß. In gewisser Weise habe ich den Eindruck, dass es sehr viel Bildungsbemühen gibt das Menschen nicht zu sich selbst, also zu einem Bezug zu ihren inneren Vorgängen, sondern davon fortführt. Dieser Gedanke ist gar nicht so abwegig. Dazu passt eine Orientierung hin auf Emotionsregulierung und Emotionsmanagement genauso wie ein Sichtbarwerden von Emotionen bei Studium oder Lernen online vor allem in Plauder- oder nicht kontrollierten Foren. Private Dinge werden im Pausenhof geklärt, die Unterrichtszeit konzentriert sich auf den Erwerb des Fachwissens. Dazu muss eine positive bis neutrale Grundstimmung hergestellt oder zumindest nach außen getragen werden. Kinder müssen im Unterricht nach Vorgaben funktionieren. Beim Klingeln stürmen sie in die Pause und lassen alles aus sich heraus was sie vorher kontrollieren mussten.

Es gibt ganz anderes, aber das gibt es auch. In der traditionellen Schule sitzen die Schüler in engen Reihen und werden mit Wissen befüllt. Dorthin passt es, dass Emotionen vor allem als etwas zu kontrollierendes eine Rolle spielen, weniger als etwas das erkundet werden kann und sollte. Diese Erkundung geschieht unter solchen Bedingungen eher außerhalb.

„Die traditionelle Beschulung kann den intellektuellen und moralischen Anforderungen der heutigen Gesellschaft nicht genügen. Die Forschung weist immer drängender darauf hin, dass nicht nur die kognitiven, sondern auch die sozialen und emotionalen Kompetenzen im Bildungssystem gefördert werden müssen. Spätestens wenn wir merken, dass wir unsere Kinder und Jugendlichen befähigen müssen, mit Gruppendruck, Aggressionen, Bullying und überhaupt der Komplexität der heutigen Welt umzugehen, müssen wir die sozialen und emotionalen Kompetenzen berücksichtigen. Zumal die Forschung auch klar belegt hat, dass die schulische und berufliche Leistungsfähigkeit und damit auch die spätere gesellschaftliche Teilhabe stark von den nicht-kognitiven Kompetenzen abhängen.“

http://bildungslandschaften.ch/node/198

In Bezug auf Emotionen bin ich an einem Punkt angelangt, den ich mir zuvor in keinster Weise vorgestellt habe. Immer klarer wird auch, dass Emotionen im Bildungsbereich aktuell mit sehr unterschiedlicher Intention thematisiert werden, dass das Thema Emotionen aber bereits in ganz alten Auseinandersetzungen der Pädagogik enthalten ist. Der Mensch ist vollständig nur mit seinen Emotionen. Soll der Mensch nun aber lernen sich selbst und andere zu verstehen oder soll er lernen gut zu funktionieren? Oder beides gleichzeitig? Soll er lernen Spannungen auszuhalten, soll er lernen sie vor sich selbst und anderen unsichtbar zu machen oder soll er in der Lage sein innovativ damit umzugehen?

Der erste Schritt ist der des Verständnisses.

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