Bildungsmäuschen

Startseite » Emotionen » Emotionen im weiten Land der Bildung

Emotionen im weiten Land der Bildung

Heute morgen habe ich vor Freude innerlich und äußerlich gezappelt. Ich konnte im weiten Land der Bildung überall die Emotionen winken sehen. Ich habe dabei das Land als tatsächliche Landschaft visualisiert, in der die Emotionen in bunten Farben an unterschiedlichsten Positionen, in unterschiedlichsten Feldern und auf unterschiedlichen Hierarchiestufen vorhanden sind. Dieses Bild ist die Repräsentation meiner momentanen Wahrnehmung. Es ist eine Frage der Perspektive, der Blickrichtung, der Betonung. Konzentriere ich mich auf Kognition, sehe ich überall die Kognition, konzentriere ich mich auf Rassismus, sehe ich überall den Rassismus, konzentriere ich mich auf Frauen, sehe ich überall die Position der Frauen. Kombinationen sind möglich.

Es ist ein altbekanntes Prinzip und es ist legitim. Erst so fallen Feinheiten auf und Wirkungszusammenhänge. Eine Kommilitonin möchte ein Konzept zur interkulturellen Kompetenz für ehrenamtliche bzw. professionelle Flüchtlingshelfer in Erstaufnahmeeinrichtungen für Flüchtlinge entwickeln und ich denke sofort, dazu gehört doch auch die Achtsamkeit den Emotionen gegenüber und ihre Reflexion, Achtsamkeit für die Art wie man mit den eigenen Emotionen und denen anderer umgeht, wie man sich und andere nicht überlastet, sondern entlastet, aber auch die Beobachtung von vorhandenen Bewertungen, die in Form von Emotionen sichtbar werden. Dazu gehören auch rassistische und deterministische Vorstellungen, die oft nicht bewusst sind. Ich habe keine Ahnung wie man das sinnvoll in einem Konzept unterbringt, es gehört aber dazu. Sich dessen bewusst zu sein, öffnet den Weg dafür Emotionen in Bildungskontexten gezielter berücksichtigen zu können. Man muss allerdings auch einen Wert darin sehen.

Ich überlege wie ich das in Unterrichts-, Betreuungs- und Angebotsgestaltung handhabe. In der Vorbereitung beziehe ich die möglichen Emotionen der Kinder, meine eigenen und die anderer Beteiligter mit ein. Ich mache das durch Visualisierung der erwarteten Situation. Während der Durchführung beobachte ich Emotionen, als Ausdruck am Körper, als Empfindung im Körper, reagiere auf sie, wirke auf sie ein, versuche ungünstige spontane Reaktionen zu dämpfen, Emotionen zu lenken. Sowohl bei den Kindern als auch bei mir selbst als auch bei anwesenden Erwachsenen. Ich verbringe anschließend Zeit mit Reflexion, erinnere mich, versuche Zusammenhänge zu erkennen, Abläufe, wo es anfing und warum es sich in einer bestimmten Weise entwickelt hat. Entwickele bei Bedarf alternative Vorstellungen für das nächste Mal. Was muss ich vermeiden damit bestimmte Emotionen auftreten, was muss ich tun um andere zu fördern. Bei mir selbst und bei den anderen.

Als selbst Lernende kann ich ebenfalls meine Emotionen beobachten. Welche Emotionen bewegen mich wann zum Lernen, welche sind hinderlich? Die Freiheit der selbstbestimmten Lernerin wird von Emotionen getragen. Die Auswahl dessen was ich lerne, der Menschen, deren Äußerungen ich auch im Netz bevorzuge. Die Inhalte, die sich stärker und schwächer einprägen. Ich stelle Beziehungen zu Menschen her, die ich niemals unmittelbar sehen werde, die durchaus emotionale Komponenten haben. Was der will, will ich auch. Was die schreibt, stößt mich ab. Wenn ich das tue, werde ich nicht mehr gemocht. Ich kann versuchen solche Einflüsse vorüberziehen zu lassen. Kann sie beobachten, kann im ersten Fall versuchen meine eigentlichen Interessen herauszufinden, die Emotionen zu identifizieren und mich daran zu orientieren, die mir einen geeigneten Weg durch die Fülle der Möglichkeiten weisen. Kann im zweiten Fall abwarten, genauer hinsehen, anderes entdecken, offen bleiben, mich nicht schnell festlegen. Ich kann aber auch mein eigenes Scheitern beobachten, meine Ängste und Unsicherheiten, meine Verstimmtheit, mein unnötiges Zögern, Neid und Gier. Kann beobachten, dass meine Wut nicht destruktiv ist, nur heftig und ein starker Motivator.

Ich bin ausgesprochen zufrieden mit meinen Überlegungen und Recherchen. Ein weites Land, das ich schon lange kenne und trotzdem ganz neu erlebe, weil ich mich auf diesen speziellen Aspekt konzentriere. Es wuselt nicht mehr irgendwo herum, wirkt und arbeitet ohne dass ich damit arbeiten kann. Wenn ich beobachten, verstehen und einordnen kann was geschieht, kann ich darüber sprechen, kann dazu denken, kann dazu planen, kann dazu Ideen sammeln. Wenn ich Emotionen als Beobachtungsgegenstand ernst nehmen kann, kann ich ihre Auswirkungen anderen gegenüber besser zum Thema machen. Nicht emotional verstrickt, sondern sachlich, bewusst, greifbar, mit einer Distanz zum unmittelbaren Erleben, ohne dadurch aber die Emotionen unterdrücken oder auch vor mir selbst verbergen zu müssen.

Von Gabriele Zienterra (2015, S.190), Expertin für Rhetorik und Kommunikation, habe ich den Begriff Dissonanz gelernt. Nicht in den eigenen Emotionen aufgehen, sondern sie aus der Distanz betrachten. Für sie besteht die Kunst im Wechsel zwischen der erlebten und der beobachteten Gefühlswelt. Das Erleben mit dem Verstehen über die bewusste Achtsamkeit verbinden, dabei einen authentischen und spontanen Ausdruck von Emotionen ermöglichen, die Artikulationsfähigkeit erhöhen, Emotionen aber keinesfalls an anderen auslassen, sondern auf deren Emotionen achten.

Emotionen dürfen sichtbar gemacht werden, denn sie sind sowieso da und werden durch verschiedene Zeichen wahrgenommen, wie im EASI-Modell von Van Kleef beschrieben. Gestik, Mimik, Körperhaltung, Tonfall, Wortwahl geben Hinweise, die unter Einfluss der Art der Informationsverarbeitung und Faktoren der sozialen Beziehung auf die parallel zueinander auftretenden Affekten des Beobachters und seine Schlussfolgerungen das darauf folgende Verhalten bestimmen. Watzlawick formuliert: „Man kann nicht nicht kommunizieren, denn jede Kommunikation (nicht nur mit Worten) ist Verhalten und genauso wie man sich nicht nicht verhalten kann, kann man nicht nicht kommunizieren.“ [1] Watzlawick redet nicht von Emotionen, doch im Sinne des EASI-Modells umfasst seine Beschreibung auch den Ausdruck von Emotionen. Gabriele Zinterra empfiehlt in diesem Zusammenhang allerdings, nicht der eigenen Interpretation vertrauen, sondern beim Gegenüber nachhaken.

Das ganze Verstecken und Unterdrücken könnten wir uns vielleicht schenken. Wären da nicht Machtverhältnisse und Abhängigkeiten, Gepflogenheiten und Ideale, eine Vergangenheit (und Gegenwart) christlicher Moralvorstellung nach der bestimmte Emotionen, da sündhaft, gar nicht auftreten dürfen, Intrigen zur Durchsetzung von Interessen, eine Vergangenheit der Abwertung der Sichtbarkeit von Emotionen, Ängste vor und Abwehr von ganzen Kategorien von Emotionen (die negativen 😉 )…

Nun gut, wir können es uns nicht schenken, aber ausprobieren wo wir es reduzieren können. In Therapien werden Erkenntnisse durch die Aufdeckung und Bewusstwerdung von Emotionen gewonnen. Das sind wirkungsvolle Methoden, die zu Heilungsprozessen führen können. Bildung ist nun keine Therapie, aber wahrscheinlich hat die gelernte Art des Umgangs mit Emotionen beträchtliche Auswirkungen auf das Wohlergehen von Menschen, von Institutionen und von Gesellschaften an sich.

Umlernen ist ein Bestandteil der Bildung Erwachsener…

Referenz:

Zienterra, G. (2015). Stop Cheap Speak. Wie wir wertvoller kommunizieren. München: Knaur.

[1] Zitat abgerufen unter: http://www.paulwatzlawick.de/axiome.html

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: