Bildungsmäuschen

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Emotionen als Untersuchungsgegenstand

Es ist Freitag, kurz nach 24.00 Uhr und ich bin gerade aufgestanden. Mein letzter Blogeintrag von Mittwoch ist bis jetzt nicht fertig geworden und auch den Rechner hatte ich bisher nicht wieder an. Das Smartphone, mit dem ich seitdem ein Minimum an Netzaktivitäten betrieben habe, eignet sich nicht für längeres Schreiben und in der Zwischenzeit wollte ich meinen Blog sowieso nicht mehr öffentlich fortführen und auch den größten Teil der Einträge auf privat stellen. Davon bin ich allerdings wieder abgerückt.

Während ich den Blogeintrag von Mittwoch geschrieben habe, kam eine Sammelmail von Prof. Dr. Jordi Vallverdú, in der er freiwillige Unterstützer bei einer Wiederholung seines MOOCs zu Emotionen aus philosophischer Perspektive sucht. Wäre es ein deutschsprachiger MOOC, ich hätte mich sofort angeboten, so verbringe ich erst einmal einige Stunden damit alle meine Aufzeichnungen zum MOOC vom letzten Jahr durchzulesen, um die momentane Relevanz der Inhalte für mich zu bestimmen. Inzwischen denke, er ist zu spezifisch philosophisch und führt mich nicht zu den Aspekten, die für mich bedeutsam sind. Doch genau solchen Input, sehr passgenau zu den für mich wichtigen Aspekten im Zusammenhang mit Emotionen, benötige ich zu meiner Unterstützung, gerade um nicht fortwährend verwirrt und verunsichert zu werden. Es war wegen dieser Verunsicherungen und meiner Schwierigkeiten damit, dass ich überlegt hatte, meinen Blog weitgehend unsichtbar zu machen.

Mehr als die Inhalte des MOOCs zu Emotionen hilft mir momentan das siebte Kapitel zu Bildung, Lernen und Emotionalität von Ulrike Zimmermann in dem Buch Bildungswiderstand, das ich trotz heute ablaufender Frist am Mittwoch nicht in der UniBib zurückgegeben habe. Sie hatten keinen Münzkopierer mehr und vorm Schließen der Außenstelle konnte ich keine Alternative auftreiben. Eine Kopie habe ich inzwischen zwar immer noch nicht, dafür die drängende Situation als Anlass genommen den Text gestern zu einem Teil intensiver zu bearbeiten.

Zwischendurch wuseln noch immer die Inhalte vom MOOC Arbeit 4.0 umher und ein Post auf Facebook lenkt meine Gedanken in eine Richtung, durch die Emotionen, neue Arbeitwelt, meine Skepsis gegenüber einer zu unkritischen Haltung und der Anstoß, den mir Zur Kritik des Bedingungslosen Grund-Einkommens von Rainer Roth geliefert hat, sowie meine eigenen Lebenserfahrungen miteinander verbunden werden. Aus einem bestimmten Blickwinkel betrachtet wird das BGE zu einem Mittel, mit dem eine kapitalistische Ökonomie die durch ihre eigenen Strukturen erzeugten systemgefährdenden Probleme versucht abzumildern. Die von Befürwortern erhoffte gesellschaftliche Änderung ist davon folglich nicht zu erhoffen. Systemimmanente Probleme werden nur für eine Zeit weiter vor sich hergeschoben.

Wie werden Emotionen in solchen Zusammenhängen gesehen und wie wird mit ihnen verfahren? Das sind sehr wichtige Fragen. Es ist von hoher Bedeutung zu analysieren was im Bereich der Emotionen vor sich geht und sie nicht nur als etwas zu betrachten, das man als begleitende Erscheinungen beliebig formen und einsetzen kann, da es sich bei ihnen um grundlegende Anteile von Menschen handelt. Bei der Frage nach der Methode des Herangehens und der dahinter stehenden Haltung zu Emotionen, stoße ich auf das was mich momentan umtreibt. Ich habe den Eindruck besser sein zu müssen als gut, um mich überhaupt nur verständlich machen zu können, halte diese Anforderung aber für zu hoch und für mich unerfüllbar. In meinem letzten, bisher nicht veröffentlichten Blogeintrag, habe ich mich mit der Problematik beschäftigt, fortwährend missverstanden zu werden und viel erklären zu müssen, wenn ich mich in meinen Argumenten auf Emotionen beziehe. In einem einzigen Satz hilft mir Zimmermann weiter.

„Die Beschäftigung mit Emotionen dagegen, versucht sich Trauer oder Freude analytisch und erkennend zu nähern, die Bedeutung und Funktion für das Handeln und Denken herauszufinden.“ (Zimmermann, 2013, S.144)

Es geht mir nicht um Emotionalität, Befindlichkeitsfeststellungen oder das Ausdrücken von Emotionen, sondern um eine Analyse der Rolle, die Emotionen, und der Umgang mit ihnen bei verschiedenen Erscheinungen spielen. Ich werde dadurch auch nicht zu einem besseren Menschen, der besser mit seinem Leben zurecht kommt, Probleme besser lösen kann, freundlicher, zuvorkommender, kontrollierter und einsichtiger ist. Und auch wenn ich rechts und links und oben und unten und bei mir selbst gucke, und mich scheinbar sehr off-topic bewege, bin ich weiterhin auf bildungswissenschaftliche Themen ausgerichtet, denn das nach allen Seiten um sich blicken gehört dazu. Bildungswissenschaft ist nicht allein die Lehre vom besseren Lernen, Lehren und Erziehen oder eines Wegs zum gesellschaftlichen Aufstieg, auch wenn sie all das durchaus einschließt. Bildungswissenschaft muss am Menschen an sich, an dessen Konstitution und Entfaltungsmöglichkeiten genauso interessiert sein wie an den Kontextbedingungen in denen Bildung geschieht oder eben nicht geschieht. Grundlegend sind dabei Emotionen, die in der Gesellschaft verbreiteten Haltungen dazu sowie die Anforderungen, die an Emotionsausdruck und Emotionsregulierung gestellt werden.

„Die Emotionsforschung und die neurobiologische Forschung schreiben Emotionen eine weitreichende Rolle für das Lernen, Handeln, Kommunizieren und Erinnern zu. Bisherige pädagogische Theorien werden dieser Rolle der Emotionen nicht gerecht. Emotionen sind eine eigenständige Größe sowohl im Bildungs- als auch im Erziehungsprozess. Emotionen wirken besonders aus der Kindheit nach und haben jahrelange Auswirkungen auf die Motivationsprozesse von Menschen und ihre Fähigkeit, sich langfristig auf Lernprozesse einzulassen.“ (Zimmermann, 2013, S. 151f.)

Mit diesem Zitat kehre ich an den Anfang meiner Recherchen zu Emotionen zurück. Damals habe ich mir die Frage gestellt, was denn hinter der immer wieder angeführten Motivation steckt, wo sie herkommt, und für mich waren eindeutig Emotionen die Grundlage. Also habe ich weiter gefragt, warum diese keine angemessene Erwähnung finden. Inzwischen kann ich feststellen, dass in der Regel keine in meinen Augen ausreichenden Analysen zur Wirkung und Auswirkung von Emotionen vorgenommen werden. Sehr häufig wird noch nicht einmal bestimmt, worum es sich bei Emotionen, eigentlich handeln soll, wenn sie denn überhaupt erwähnt werden. Inzwischen bin ich über jeden und jede froh, der oder die das tut, und habe begonnen mich dafür zu bedanken. Für mich handelt es sich dabei um Respekt gegenüber dem was Menschen sind und was sie ausmacht, den ich bei anderen Herangehensweisen vermisse.

Zimmermann bezeichnet Bildung als „emotional-kognitive Einlassung auf die Welt und sich selbst“ (Zimmermann, 2013, S.135). Erst in dieser expliziten Beschreibung wird das Bild für mich vollständig. Ich fühle mich mit Texten unwohl, in denen Emotionen unsichtbar werden, nicht weil ich emotional angesprochen werden möchte, sondern weil Emotionen fortwährend in Menschen anwesend und wirksam sind. Da laufen keine Köpfe durch die Welt, die befüllt werden und verarbeiten, sondern ganze Körper mit vielfältigen Wahrnehmungen in einem sozialen und umweltlichen Kontext, in denen Emotionen, Denken und Handeln in einer untrennbaren Einheit in Erscheinung treten. Man kann unterlassen das im Besonderen zu benennen, unterlassen sich damit genauer zu beschäftigen, man kann es dadurch aber nicht an seiner Existenz und an seinem vielfältigen Wirken hindern. Das Problem dabei ist, dass das was nicht benannt wird eher der Achtsamkeit entgeht, damit der Möglichkeit eines bewussten Verstehens und der Erkenntnis, und dass dadurch auch kein Anlasses geliefert wird weitere genauerer Untersuchungen anzustellen. Ein wichtiger Teil der Wirklichkeit bleibt dadurch dauerhaft unsichtbar.

So bleiben Emotionen in zu vielen Fällen ein undifferenziertes, kaum systematisiertes Feld, bei deren Erwähnung auf entgegengesetzten Polen die einen Glanzaugen bekommen und beginnen in Emotionen zu rotieren, die anderen wiederum eine Abwehrstellung einnehmen, sich distanzieren und Unangemessenheit reklamieren. Keine von beiden Haltungen ist wirklich hilfreich. Beide helfen nicht dabei die Unterschiede in dem zu erkennen, was im Umgang mit Emotionen geschieht, wie sie eingesetzt und wie sie manipuliert werden. Viele reden von Emotionen und Gefühlen, doch häufig ist damit überhaupt nicht das Gleiche gemeint. Absichten und Zwecke, die hinter Beachtung und Verwendung von Emotionen stehen, sind ebenfalls sehr unterschiedlich. Auch das ist wichtig aufzudecken. Es gibt viel zu tun. Dabei ist ein erster Schritt Emotionen als Untersuchungsgegenstand gesondert zu berücksichtigen.

Referenz:

Roth, R. (2006). Zur Kritik des Bedingungslosen Grund- Einkommens. Frankfurt: DVS.

Zimmermann, U. (2013). Bildungswiderstand. Lernende Erwachsene im Spannungsverhältnis von Individualität und Funktionalität. Uelvesbüll: Der Andere Verlag.

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