Bildungsmäuschen

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Prekariat

Rechts und links ziehen die Kommilitonen an mir vorbei, bedeutet, einige mit denen ich während des Studiums zu tun hatte, haben in den letzten Tagen ihre fertigen Bachelorarbeiten eingeschickt. Und andere schreiben an ihren Masterarbeiten. Gerade eben konnte ich das wieder auf Facebook lesen. Und ich bleibe zurück und es pickst mich. Ja, ja die Emotionen!

Eigentlich wollte ich heute nichts mehr tun, das für das Studium relevant ist, jetzt bin ich aber so beunruhigt, dass ich wenigstens den Blogeintrag zu den Ereignissen des Wochenendes schreiben möchte. Erneut hat sich eine Kombination aus einem Buch und einem Ereignis ergeben. Das letzte war die Kombination von Zur Kritik des Bedingungslosen Grundeinkommens von Rainer Roth mit dem MOOC Arbeit 4.0. Dieses Mal ist es das Buch von Guy Standing Prekariat. Die neue explosive Klasse und eine regionale Veranstaltung zum Tag der Erde.

Guy Standing beginnt damit, dass er zu definieren versucht was das Prekariat ausmacht, was die Kennzeichen prekärer Arbeit sind (unsicher, opportunistisch, Mittel zum Zweck), welche Formen der Sicherheit fehlen, welche Formen des Prekariats vorhanden sind und wie Psyche und Gefühlszustände beschaffen sind (Wut, Anomie, Angst, Entfremdung). Danach versucht er die Faktoren zu bestimmen, die dafür verantwortlich sind weshalb das Prekariat weltweit wächst. Anschließend beschreibt er, welche Bevölkerungsteile am ehesten zu Teilen des Prekariat werden (Frauen, junge Menschen, Alte, kulturelle Minderheiten, Menschen mit Behinderungen und kriminalisierte Menschen), wobei er im besonderen auf die weltweiten Migrant_innen zwischen und innerhalb von Ländern eingeht.

Anschließend konzentriert er sich darauf die prekäre Arbeit mit ihren Konsequenzen zu beschreiben. Die letzten beiden Kapitel beschäftigen sich zuerst mit ungünstigen politischen Bemühungen, anschließend mit von ihm vermuteten günstigen.

Ich möchte an dieser Stelle nicht die wesentlichen Teile des Buches zusammenfassen, es enthält sehr viele Anregungen zum Weiterdenken, am bedeutsam ist für mich daran, dass er gesellschaftliche Entwicklungen mit einem Fokus auf prekäre Arbeitsverhältnisse betrachtet. Diese sind für ihn auch keine Abweichungen von der Norm, sondern eine Tatsache, mit der mehr und mehr Menschen konfrontiert sind und Bedingungen, in denen sie langfristig leben müssen. Standing sieht die Notwendigkeit dafür, dass sich Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen und Lebensbedingungen als eigene Klasse verstehen, solidarisch werden und sich für Teilhabe an grundlegenden Rechten einsetzen. Er gehört zu den Befürwortern eines bedingungslosen Grundeinkommens.

Nachdem ich bis auf seine Lösungsvorschläge alles gelesen hatte, fuhr ich zu der Veranstaltung zum Tag der Erde, der neben einem kulturellen Programm vor allem aus einer ziemlich langen abgesperrten Straße bestand, an der sich an Ständen rechts und links vielfältigste Gruppen, Geschäftsleute, Initiativen, öffentliche Einrichtungen, Schulen und anderes präsentierten, die insgesamt das Ergebnis einer lange Entwicklung über viele Jahrzehnte darstellen. Unterm Strich das was man in den Anfängen als alternativ bezeichnet hat.

Es gibt in diesem Bereich Menschen, die von dem was sie anbieten leben können, es gibt diejenigen, die es zum Teil können und es gibt diejenigen, die gar nichts dabei verdienen. Möglicherweise sogar Geld dafür aufbringen müssen. Unter einem Thema war alles bunt gemischt versammelt. Alle arbeiten, benötigen Kenntnisse, haben dafür gelernt, die Arbeit hat aber einen unterschiedlichen Status, einen unterschiedlichen Wert und unterschiedlichen Gewinn.

Bei diesen Überlegungen handelt es sich nur um einen kleinen Teilbereich der Überlegungen von Standing. Sie ist aber essentiell. „Im ganzen 20. Jahrhundert wurde die Lohnarbeit – Arbeit, die einen Tauschwert hat – in den Himmel gehoben, während man jegliche Arbeit, die keine Lohnarbeit war, unter den Tisch fallen ließ. Arbeit, die aus Gründen ihrer inneren Nützlichkeit geleistet wird, kommt in den Arbeitsstatistiken und politischen Reden nicht vor.“ (Standing, 2015, S.172)

Zur Bildung: „Der neoliberale Staat hat die Bildungssysteme derart umgestaltet, dass sie zu einem festen Bestandteil der Marktwirtschaft wurden, und trieb die Bildung in Richtung der Schaffung von >Humankapital< und der Beschäftigungsvorbereitung. […] Durch alle Zeiten wurde die Bildung als etwas Befreiendes, Hinterfragendes und Subversives verstanden, was dem Verstand bei der Entwicklung entstehender Fähigkeiten half. Das Credo des Aufklärungszeitalters lautete, dass Menschen die Welt gestalten und sich durch Lernen und Nachdenken weiterentwickeln könnten. In einer Marktgesellschaft wird diese Rolle zwischen Gewinnspannen zerrieben.“ (Standing, 2015, S. 105)

Aus den Angaben von Standing ergibt sich, dass weltweit dauerhaft ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung in prekären Verhältnissen zurechtkommen muss. Viele davon weder freiwillig noch aus Gründen mangelnder Bildung, weder der einen noch der anderen Art. „Es gibt Anzeichen dafür, dass kommerzialisierte Bildungssysteme so umstrukturiert werden, dass junge Menschen in das flexible Arbeitssystem geschleust werden, basierend auf einer privilegierten Elite, einer kleinen professionellen Arbeiterklasse und dem größer werdenden Prekariat.“ (Standing, 2015, S.110)

Was kann Bildung also für Menschen in prekären Verhältnissen tatsächlich tun?

Standing wird als Wirtschaftsprofessor angegeben. Seine Lösungsvorschläge sind politischer Art und ich kann sie in keinster Weise einschätzen. Meine Fragen richten sich dagegen auf die strukturell ausgelösten Emotionen, mit denen Menschen konfrontiert sind und mit denen sie umgehen müssen. Wut, Anomie, Angst und Entfremdung werden von Standing (2015, S.35f) als Gefühlszustände benannt und genauer ausgeführt.

„Eine Lektion der Aufklärung ist, dass der Mensch Herr seines eigenen Schicksals sein sollte, und nicht etwa Gott oder die Kräfte der Natur. Dem Prekariat erzählt man  jedoch, es müsse sich nach den Marktkräften richten und grenzenlos anpassungsfähig werden.“ (Standing, 2015, S. 42)

„Spannungen innerhalb des Prekariats bringen die Menschen gegeneinander auf und hindern sie daran zu erkennen, dass das Gesellschafts- und Wirtschaftssystem geteilte Verwundbarkeiten hervorbringen. Viele fühlen sich von populistischen Politiker_innen und neofaschistischen Parolen angezogen – eine Entwicklung, die sich bereits überall in Europa, in den Vereinigten Staaten und anderen Ländern deutlich zeigt.“ (Standing, 2015, S. 42)

Ich bleibe nachdenklich und mit vielen neuen Fragen zurück. Meine Emotionen fahren erst einmal Achterbahn, das kenne ich inzwischen aber zur Genüge und weiß, die beste Möglichkeit damit umzugehen ist Ruhe bewahren und abwarten. Die Bedeutsamkeit von Texten, Gedanken und Erlebnissen ist nun einmal nicht von Emotionen zu trennen. Die ändern sich aber wieder. Die heftigste Aufregung, die im Augenblick absolut erscheint, geht vorbei, ganz gleich ob in angenehmer oder unangenehmer Ausprägung. Es ist dabei ein wenig wie das momentane Wetter. Sonnige Tage wechseln mit Schneefall, wechseln mit Kälte und Wind. Menschen nerven, Menschen erfreuen, zwischen Dummheit und Kurzsichtigkeit blitzt Genialität auf. Manches gelingt, anderes nicht. Manches bleibt verfestigt, anders löst sich auf.

Durch die Statistik meines eigenen Blogs bin ich erneut auf Jansen gestoßen und die Frage danach was Bildungswissenschaft denn nun sei. Forschungsgegenstand ist der Mensch, Inhalt die Wahrnehmung und Beschreibung der Wirklichkeit und Entwicklungsaufgabe sind Konzepte und Methoden zur Unterstützung von Lern- und Entwicklungsprozessen von Menschen. Zwischen Inhalten und Konzepten und Methoden besteht dabei eine fortwährende Wechselwirkung.

Es ist wie es ist. Passender Input findet sich wenn er benötigt wird. Das Video bestätigt mich darin, dass ich mich durchaus auf dem richtigen Weg im richtigen Bereich befinde. Meine momentanen Fragen kann ich als mit Konzepten und Methoden befasst einordnen. Vor Augen habe ich dabei ganz konkrete Menschen mit ihrem möglichen Bildungsbedarf. Mal sehen ob und zu welchen Schlüssen ich kommen  werde.

Referenz: 

Standing, G. (2015). Prekariat. Die neue explosive Klasse. Münster: UNRAST-Verlag.

 

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