Bildungsmäuschen

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Emotionen in der Pädagogik

„Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.“

Eine Japanisch Mitlernende, die auch schon seit längerem an ihrer BA hängt, hat jetzt abgegeben und mit einem bösen Schalk in den Augen gemeint, wenn sie dann ihren Master hätte und ich meine BA noch immer nicht fertig, würde es langsam peinlich für mich.

Mag sein, die damit verbundenen Emotionen kann ich jetzt aber ertragen, weil ich sie unmittelbar wahrnehme, verstehe und in einen Bezug zu ihren Auslösern bringen kann. Genauso wie ich mich deshalb nicht darauf einlasse, dass unser Japanischlehrer bei einem Übungsblatt die Anzahl der falsch beantworteten Aufgaben wissen will. Ich nenne die Anzahl der Aufgaben, die ich richtig gelöst habe, und wende dadurch das Mindset. Fühlt sich gut an und ich bin stolz statt beschämt.

 „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.“

Es dauert eben solange wie es dauert. Ich bin nicht untätig und bewege mich Tag für Tag voran, während das Bild für die Emotionen klarer und klarer wird. Ein guter alter Freund macht mir sehr bestürzt Vorwürfe und das Telefongespräch mit ihm wird in seinem emotionalen Ausdruck heftig, während ich gleichzeitig versuche bei meinen sachlichen Argumenten zu bleiben. Zuerst dachte ich, er verstehe nicht, dass es mir um Analysen geht, bis mir dämmerte, dass er mich schon ganz gut verstanden hat und sich seine Ängste auf Vorschriften für das Fühlen beziehen. Er misstraut einer Wissenschaft, deren Ergebnisse missbraucht und gegen Menschen eingesetzt werden. Das hat durchaus seine Berechtigung.

Auch von anderen Menschen erhalte ich Kommentare zu meiner Beschäftigung mit Emotionen, die mir helfen meine Position zu bestimmen und mich dem stetig anzunähern, worum es mir im Kern geht. In dem ganzen Wust von Themen, die mit Emotionen verbunden sind, ist das nicht einfach zu erkennen.

Noch einmal werfe ich einen genaueren Blick in ein Buch von 1992, Die „verborgenen“ Gefühle in der Pädagogik. Nach all meinen Recherchen und Reflexionen macht es mich betroffen, dass Buddrus dort bereits in der Einleitung einige der wesentlichen Beobachtungen und Fragen formuliert, die mich umtreiben, ohne dass das Buch wirklich Antworten liefern kann. Interessant ist in dem Zusammenhang, dass auch er wie ich Erfahrungen mit der Grundschule hat und gerade dort die Notwendigkeit sieht mit Gefühlen umzugehen. Es ist allerdings nicht nur dort der Fall.

Ich kann das Buch zum Vergleich benutzen, wie weit sich der Erkenntnisstand inzwischen erweitert hat. Das Buch selbst ist ein Sammelband und Buddrus hat nach eigener Darstellung dafür genommen was er bekommen konnte, auch Dinge, die nur am Rand mit Gefühlen zu tun haben. Das für mich Auffällige ist dabei, dass es kaum um Analysen zu gehen scheint, sondern vor allem um unterschiedliche Ansätze, wie man in der Praxis mit Gefühlen verfahren kann. (Es ist für mich schwierig bei seiner Benennung zu bleiben, da ich den Begriff Gefühle in der Regel nicht benutze. Ich falle immer wieder in den Begriff Emotionen zurück.)

Da es sich dabei einerseits nicht um den neusten Stand des Wissens handelt, andererseits meine spezifischen Fragen nicht beantwortet wurden, habe ich mich beim ersten Kontakt nicht intensiver mit den Inhalten des Buchs beschäftigt. Ich denke, ein Grund liegt im Unterschied zwischen Pädagogik und Bildungswissenschaft. Pädagogik scheint zu betonen was man in der Praxis tun könnte und sollte, Bildungswissenschaft wie etwas funktioniert. Mich interessiert wie etwas funktioniert, was da eigentlich vor sich geht. Zuerst einmal möchte ich das verstehen. Dann erst können mögliche Konsequenzen kommen.

Ich wende diese Ausrichtung auch zunehmend bei der Untersuchung von Problemen an, die für mich im Bildungsbereich in der Praxis auftreten. Was steckt dahinter? Was ist der Auslöser für die Emotionen, die ich nicht mag? Warum mag ich sie eigentlich nicht? Worum geht es tatsächlich? Wie lässt es sich zusammenfassen? Dann erst, was könnte getan werden? Dulden, oder ist eine Möglichkeit zum Eingreifen vorhanden? Es wird dadurch etwas einfacher unangenehme Erscheinungen anzunehmen.

Dieses Annehmen macht einen beträchtlichen Unterschied. Eine Angelegenheit ist unangenehm – basta. Ich muss das weder abwehren noch so tun als wenn alles gut wäre. Es ist unangenehm, das hat Gründe, die lassen sich benennen, darüber kann man möglicherweise reden, eventuell auch nur denken, vielleicht gibt es eine Lösung, vielleicht aber auch nicht. Eine Zunahme der Aufregung ist jedoch nicht notwendig. Es fällt schwer alte Gewohnheiten aufzugeben, doch ich arbeite daran.

Das ist altes Wissen über das die Menschheit schon lange verfügt, nichts Neues. Es gibt viele Arten mit Emotionen umzugehen. Dahinter stehen Vorstellungen, die zu Emotionen vorhanden ist, Wissen zu Emotionen, Art der Erziehung, Einflüsse der Sozialisation, Zeitgeist, Machtverhältnisse, Einflüsse aus der Art des Individuums heraus…

Darum geht es mir aber wiederum nicht. Das ist Kontext. Mir geht es um auftretende Arten von Emotionen und wie diese jeweils verstanden und wie mit diesen umgegangen wird. Es geht um den aktuellen Moment, in dem es geschieht, und Wissen darüber, was die Konsequenzen aus unterschiedlichem Umgang sind. Welche Entscheidungen werden in alltäglichen Situationen zum Umgang mit auftretenden Emotionen getroffen, wodurch sind diese beeinflusst und wie bewusst sind diese? In diesen Entscheidungen drückt sich die Haltung aus, die in Menschen zu Emotionen, in der Regel nicht bewusst, vorhanden ist. Weiterhin interessiert mich wie diese Situationen im Anschluss reflektiert werden und zu welchen Konsequenzen unterschiedliche Arten der Reflexion führen. Das betrifft sowohl die einzelne Person als auch gemeinsame Reflexion.

An den Emotionen selbst will ich nichts ändern. Emotionen müssen wie Gedanken in ihrem Auftreten frei sein. Negativ eingestufte Emotionen dürfen vorhanden sein. Angst, Hass, Neid, Gier, Zorn, Wut, Faulheit gehören als Erfahrungen zu Menschen dazu. Es gibt vielfältige Problematiken im Zusammenhang mit Emotionen; im Bereich Religion / Spiritualität existiert nach wie vor die Problematik, dass bestimmte Emotionen als sündhaft oder unrein gar nicht erst auftreten sollen, daher erwähne ich das hier im Besonderen. Es ist aber nicht die auftretende Emotion an sich, die ein Problem darstellt, sondern wie damit umgegangen wird. Darf sie gar nicht existieren, muss sie beim Auftreten sofort beseitigt, verborgen, verschleiert, ignoriert werden, woraus sich problematische Konsequenzen ergeben können.

Buddrus hat in dem Buch drei von vier Kapiteln eigene Texte vorangestellt. Historische Entwicklung (weshalb ich auf das Buch zurückgegriffen habe), pädagogischer Umgang mit Gefühlen und ein Modell für die Allgemeinbildung. An dem Entwurf der Visionen beteiligt er sich nicht. Auf Seite 95 fasst er pädagogische Ansatzmöglichkeiten zusammen und ich bekomme große Augen, da ich wichtige Teile meiner eigenen Überlegungen formuliert finde.

  1. Der massive Einfluss pädagogischer Institutionen auf Entstehen, Intensität des Erlebens und Intensität des Ausdrucks von Gefühlen. Ziele sind dabei vor allem Abwehr von Störungen, Instrumentalisierung für den schulischen Lehrplan und Erfüllungen von Bedürfnissen der LehrerInnen.
  2. Entemotionalisierung des Bezugs zur Welt (durch Konzentration auf kognitives Lernen und Lernen, das keine oder negative emotionale Bezüge herstellt).
  3. Analphabetisierung in den zwischenmenschlichen Bezüge (der Beziehungsaspekt der menschlichen Kommunikation verläuft weitgehend über Gefühle). Wird dieser Bereich nicht bewusst integriert, bleibt er Teil von „naturwüchsiger“ Sozialisation und wird nicht Teil von Allgemeinbildung.
  4. Aufgabe der Pädagogik ist es Gefühle in ihren vielfältigen Erscheinungs- und Ausdrucksformen bewusstseinsfähig zu machen. Dazu gehören Auswirkungen und Nebenfolgen im zwischenmenschlichen, gesellschaftlichen und Leben mit der Welt.

Für das was bewusst zu machen ist, legt Buddrus eine Liste an:

  • Auslöser
  • Ausdrucksformen
  • Darstellungsregeln
  • Freiräume zwischen Emotionen und Verhalten
  • Situationsabhängigkeit
  • Äußere Formen der Abwehr oder Distanzierung (z.B. Verharmlosung, Ritualisierung, Ablenken, Abwiegeln, Tabuisierung)
  • Innere Umgangsweisen (z.B. Verdrängen, Sublimieren, Umwandeln)
  • Eingebundenheit der Gefühle in die Entwicklung der Person als Gestaltungsaufgabe

Bewusstmachung allein hält er nicht für ausreichend. Ergänzt werden muss es durch:

  • Üben des liebevollen Umgangs mit Gefühlen
  • Sein-lassen von Gefühlen
  • Nicht-Eingriff

Aus beidem ergibt sich als pädagogische Aufgabe Bewusstmachung sowie praktische Anwendung des Bewusstgemachten. Es kann dabei davon ausgegangen werden, dass es durch ein Wachstum an Wissen und stetige Erfahrungen zu einer fortwährenden  Erweiterung von Kenntnissen kommt. Die Entwicklung ist dabei nicht auf einen bestimmten Altersbereich begrenzt und erstreckt sich grundsätzlich über das gesamte Leben eines Menschen.

Nach Buddrus (1992, S.2) ist der Umgang mit Gefühlen elementar und wichtig, aber wenig im Bewusstsein einer (Fach)Öffentlichkeit vorhanden. Gefühle in der Beachtung zu vernachlässigen bedeutet jedoch über sie und alles was mit ihnen in Zusammenhang steht keine kritische Reflexion  betreiben zu können (Buddrus, 1992, S.80). Nach seinen Angaben handelt sich dabei um ein kulturelles Phänomen, nicht um ein pädagogisches. Das Bildungssystem kann als Teilsystem der Gesellschaft nicht von ihr losgelöst betrachtet werden. Die kulturelle Einflussnahme auf Gefühle schätzt er als sehr groß ein, ihr Erkennen als schwierig. Es lässt sich hinzufügen, dass, wenn schon das Erkennen von Gefühlen schwierig ist, es die vielfältigen Umgangsformen, Wirkungen und Zusammenhänge letztlich ebenfalls sind.

Das Buch ist über 20 Jahre alt und die Beachtung von Emotionen hat in der Zwischenzeit zugenommen. Es scheinen aber vor allem einzelne Personen, die sich dem Themenbereich in besonderer Weise widmen und Kenntnisse voranbringen. Eine komplette Nichtbeachtung von Emotionen, die unreflektierte Berücksichtigung von Emotionen auf der Basis von Alltagsvermutungen oder eine undifferenzierte Betonung positiver Emotionen existieren gleichzeitig neben unterschiedlichen wissenschaftlichen Ansätzen unterschiedlicher Disziplinen.

Die Haltungen zu Emotionen und das Verständnis von ihnen sind vielfältig, nach meiner Einschätzung wird gerade das wenig thematisiert. Es geschieht, dass über Emotionen kommuniziert wird, ohne zuvor abzuklären wie die Vorstellungen dazu eigentlich aussehen, ob die überhaupt übereinstimmend sind. Weiterhin wird mit Emotionen oft in einer so selbstverständlichen Weise verfahren, dass sie gerade dadurch unsichtbar werden und verschwinden.

Das Thema Emotionen bleibt komplex und auch schwierig zusammenzufassen.

Referenz:

Buddrus, V. (Hrsg), 1992. Die „verborgenen“ Gefühle in der Pädagogik. Impulse und Beispiele aus der Humanistischen Pädagogik zur Wiederbelebung der Gefühle. Hohengehren: Schneider.

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