Bildungsmäuschen

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Traurigkeit

Irgendwo zwischen dem sehr zufriedenstellenden Vorlesen in einer Kita, die Organisation und Chaos in einer entspannten Weise verbindet und in deren Garten winzige Kinder kleine Schubkarren in faszinierender Weise wie Große schieben, der Beobachtung einer Frau mit ihrem Enkelkind, die um die Mittagszeit nach dem Unterricht an einem mobilen Grill ansteht und mit der mich eine Vorgeschichte verbindet, und dem Krach und Gebrüll einer Schulbetreuung, in der im Mittagsstress ein Kind, das sich vor anderen Kindern hinter der Tür verkrochen hat, aus der Unübersichtlichkeit der Situation heraus heftig angefahren wird, damit es den Platz hinter der Türe wieder verlässt, schleicht sich der Anlass für Traurigkeit ein.

Zwischen Bügeln und Aufräumen der Arbeitstasche wird es stärker, als ich einem Kind sein besonderes Projekt, eine mit einer Kumihimo-Scheibe geknüpfte Kette und einen Ring zusammennähe, Ideen, die noch kein Kind in der Form bisher bei mir umgesetzt hat. Die Traurigkeit wird so stark, dass ich mich auf dem Sofa zusammenrolle und mich unter einer Decke verkrieche.

Wenn sie da sind, sind sie da, die Emotionen. Dann sind sie Wirklichkeit. Direkte, unmittelbar erfahrene Wirklichkeit. Ihr Anlass wird nicht unbedingt sofort verständlich, manchmal sind sie angenehm, dann wieder unangenehm, manchmal halten sie kurz an, dann haben sie eine längere Dauer.

Unter meiner Decke nehme ich sie an, die Traurigkeit, akzeptiere sie und sie wird wieder schwächer. Freude kommt und geht, Traurigkeit kommt und geht, das sind zwei der ganz wichtigen Dinge, die über Emotionen zu lernen sind. Ihre oft umwerfende Präsenz und überwältigende Wirklichkeit zum Zeitpunkt ihres Auftretens und ihre Flüchtigkeit, die so gar nicht dazu zu passen scheint. Eine Flüchtigkeit, deren Kenntnis zum richtigen Zeitpunkt eingesetzt dabei helfen kann, auch die schrecklichsten Emotionen zu durchstehen. Schau es an, halt es aus, es geht wieder weg. Oder noch einen Schritt weiter. Ist es wirklich so schlimm wie es auf den ersten Blick scheint?

Die Traurigkeit bleibt, ich will aber noch etwas im Zusammenhang mit meinem Studium tun. Da es bereits Abend ist, nehme ich nur etwas Kleines in Angriff, ein Buch, das bald zurückgegeben werden muss.

Ich habe es schon lange herumliegen, aber immer nur begonnen darin zu lesen und dann wieder abgebrochen. Es ist das Studienbuch Emotionsforschung von Gesine Leonore Schiewer aus dem Jahr 2014. Es ist ein eigenartiges Buch. Die Literaturliste ist eine gewaltige Fundgrube zu Emotionstheorien, das Buch selbst gibt einen Einblick in einen Haufen Zeug, der im Zusammenhang mit Emotionen in sehr unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen gedacht wurde, es ist aber so gar nicht hilfreich für ein Gesamtverständnis von Emotionen.

Ein Grund dafür ist der Stil in dem es geschrieben ist, eine Aneinanderreihung von Fetzen, in Kapiteln vor allem nach Bereichen wie Medien, Computertechnik, Ökonomie oder Recht geordnet, eine Überfülle auf knapp 200 Seiten, aber kein Gesamtbild. Es ist ein Nachschlagewerk mit dem man weitere Recherchen beginnen kann, die Ordnung des Buches mit Stichworten am Rand erleichtert dabei die Nutzung. Das Buch ist so überhaupt nicht das was ich zum momentanen Zeitpunkt brauche, gleichzeitig habe ich aber den Eindruck, es wäre gut es immer wieder zur Verfügung zu haben, wenn ich mich weiterhin mit Emotionen beschäftigen will. Gefühlt brauche ich es nicht, aber gedacht wird es wichtig.

Eine Erscheinung in dem Buch wird dabei für mich bedeutsam. Das Unterkapitel zu Emotionen und Kognition in Bildung, Unterricht und Pädagogik hat einen Umfang von kaum mehr als einer Seite. Die eine Hälfte davon bezieht sich ausschließlich auf Literatur von Gieseke (2007), die andere Hälfte auf Fremdsprachenunterricht mit einem abschließenden Verweis, das Feld der Emotionsforschung für das Lernen und Unterrichten von Fremdsprachen in seiner Breite auszuschöpfen (Schiewer, 2014, S.189).

Nun ist es durchaus so, dass alle von ihr im Buch angeführten Bereiche für Bildungswissenschaft von Interesse sind, weil sie sich auf Bedingungen und Erscheinungen beziehen mit den Menschen konfrontiert sind, was letztlich ihrer Schlussfolgerung im Kapitel entspricht, in meiner immer noch bestehenden Traurigkeit wird dieser Mangel allerdings der scheinbaren Perspektivlosigkeit meiner Recherchen zugefügt und füttert dabei einerseits meine Traurigkeit, andererseits scheint er zu bestätigen, dass die Bedeutung von Emotionen für den Bereich der Bildung nur unzureichend untersucht ist.

Denn darum geht es bei meiner Traurigkeit. Nach und nach habe ich mir erarbeitet wahrnehmen zu können wie Emotionen in Bildungskontexten wirksam sind, überall kann ich sie jetzt erkennen und beobachten, es bleibt aber ohne Konsequenz. Ich nutze die Freiräume und Möglichkeiten, die mir der strukturelle Rahmen lässt, um meine Erkenntnisse anzuwenden, das ist für mich selbst hilfreich, es ändert aber nichts. Ich kann es nicht vermitteln und ich habe nichts was diese Aufgabe für mich übernehmen kann. Keinen Anknüpfungspunkt, aber auch keinen Bedarf.

Bildung werden ja manchmal fast Zauberkräfte zugesprochen, Bildung hat die aber nicht. Am leichtesten scheint es mir zu sein Emotionswissen für eigene Vorteile innerhalb eines bestehenden Systems zu verwenden, Emotionswissen für Veränderungsprozesse einzusetzen erscheint mir ungleich schwieriger. Zum momentanen Zeitpunkt tendiere ich sowieso zu der Haltung, die von einigen Kritikern vertreten wird, dass Menschen ihr Verhalten erst dann ändern, wenn es bereits zur Katastrophe gekommen ist. Erst wenn unsere Ressourcen erschöpft sind werden wir merken, dass wir bereits vorher andere Entscheidungen hätten treffen müssen.

Meine Nachbarin tut gut daran zu ihrem Vorstellungsgespräch frisch gestylt, mit neu gefärbtem Haar und freundlichem Lächeln zu erscheinen, durch Erscheinungsbild, Auftreten und Verhalten positive Emotionen zu erzeugen und eventuell auftretende negative Emotionen unter Verschluss zu halten. Sie tut gut daran ein angemessenes, gepflegtes Auto zu fahren und eine respektable Adresse vorzuweisen. Mit all dem erzeugt sie ein Bild, das eine Bewertung durch Emotionen erfährt.

Die Enkelin lernt vermittelt über Emotionen zu bewerten, dass Kinder benachteiligt sind, die in die Grundschulbetreuung gehen, und dass nur Familien Kinder angemessen betreuen und ihnen eine angemessene Bildung in der Freizeit zukommen lassen können. Schulen in der Zuständigkeit von Personen mit dieser Haltung organisieren ihr Nachmittagsangebot entsprechend dieser Kriterien und bestätigen dadurch die entsprechenden mit Emotionen verbundenen Vorurteile. Weltbilder werden geschaffen, über Emotionen abgesichert und reproduziert. Diese Weltbilder können sehr vielfältig sein.

Und so stehen sich dann Menschengruppen und Einzelpersonen gegenüber und versuchen Begründungen für das zu finden, was sie als richtig empfinden. Und statt zu untersuchen, was eigentlich die Prämissen in Form der Weltbilder sind, worin die Unterschiede bestehen und warum man sich mit dem einen wohl fühlt, mit dem anderen aber nicht, wird die eigene Position, das eigene Empfinden, die eigene Bewertung durch Emotionen im Extremfall mit Klauen und Zähnen verteidigt. Und dann wird noch die Machtkarte ausgespielt und so bleibt in der Regel weitgehend alles wie es war.

Mich macht das jetzt traurig. Mich macht es auch traurig, dass ich so schlecht vermitteln kann was ich wahrnehme. Es wäre ganz einfach dem Jungen mit den ängstlichen Augen in der Ecke die Angst zu nehmen. Es bräuchte mehr Menschen, die sich kompetent darum kümmern und die auf Emotionen positiv wirkende Strukturen schaffen. Dazu muss aber dieser Aspekt auch beabsichtigt sein. Also behält die Großmutter doch Recht mit dem was sie ihrer Enkelin vermittelt.

Emotionen wirken in vielfältiger Weise stabilisierend und formend auf gesellschaftliche Praktiken und Bedingungen. Zum Vorteil, aber ebenso zum Nachteil. Das Bildungssystem befindet sich dabei mitten drin. Es steckt voller Emotionen, voller Bewertungen und Praktiken aufgrund von Emotionen und es formt dabei die Emotionen der Involvierten. Es trägt Bewertungen der Welt weiter und erschafft sie immer wieder neu. Ob Noten, Zertifikate, Inhalte, ob Art des Lernens, gesellschaftliche Positionen, ob Verhalten oder Aussehen, alles, alles erhält das was Damasio als emotionale Marker bezeichnet. Ich bevorzuge meinen eigenen Begriff des emotionalen Taggings.

Da kann man nichts machen, das ist so, ist auch nicht an sich ein Problem. Ich halte es allerdings für notwendig, dass man sich darüber bewusst ist. Ich bewerte die Angst des Jungen als etwas das vermieden werden kann. Ich gerate in einen Erregungszustand und möchte etwas dagegen unternehmen. Eine andere Bewertung kann allerdings gerade von einem Jungen Härte erwarten und die Angst als etwas einstufen, bei dem er lernen muss es auszuhalten und nicht zu zeigen.

Es wäre gut nicht darüber zu streiten was richtig oder falsch ist, sondern herauszufinden von welchen Prämissen wir ausgehen. Was sind eigentlich unsere über das Auftreten von Emotionen als Bewertungssystem vermittelten Annahmen? Und ganz zu unterst, was sind unsere Annahmen über den Menschen und über seine Gesellschaft? Wie weit geht das mit der Gleichwertigkeit der Menschen und wie weit ist die Gesellschaft mit ihren Institutionen für das Wohlergehen von Mensch und Gesellschaft eingerichtet? Und Macht kann durchaus auch anders eingesetzt werden als zugunsten der eigenen Position.

Denken ist mächtig, Emotionen sind es ebenso. Ich bleibe traurig, ich mag das nicht. Meine Traurigkeit führt mir aber etwas vor Augen, das ich ohne sie nicht so entdeckt hätte. Die Angst des Jungen ist auch der Hinweis auf einen möglichen Änderungsbedarf. Der rechte Umgang mit Emotionen umfasst nicht nur die Trauer anzuschauen, anzunehmen und sie nicht durch Abwehr zu verstärken, sondern auch die Chancen zu erkennen, die in ihrer Erfahrung liegen.

Das alles bringt mich zwar weiter, meiner meiner Bachelorarbeit allerdings keinen Schritt näher. 😉

Referenzen:

Gieseke, W. (2007). Lebenslanges Lernen und Emotionen. Wirkungen von Emotionen auf Bildungsprozesse aus beziehungstheoretischer Perspektive. Bielefeld: wbv.

Schiewer, G.L. (2014). Studienbuch Emotionsforschung. Theorien – Anwendungsfelder – Perspektiven. Darmstadt: WBG.

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