Bildungsmäuschen

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Kernaussagen

Es verläuft wie eine konstruierte Geschichte. Im Hintergrund lasse ich den Fernseher weiterblubbern während ich eine Weile die Augen schließe. Schon den ganzen Tag war ich lustlos, schlapp und müde. Ich bin schon fast eingeschlafen, da dringt etwas in mein Bewusstsein vor. Das Programm ist bei einer Gesprächsrunde angekommen, bei der gerade Ängste durch Flüchtlinge thematisiert werden. Es spricht ein Professor. Er redet von unterschiedlichen Gehirnarten. Plötzlich bin ich hellwach und hoch aufmerksam. Ängste werden in seiner Darstellung einem älteren, schon bei Reptilien vorhandenen Gehirn zugeordnet, Denken einem neueren Teil. Er verwendet dafür plakative Begriffe, an die ich mich jetzt leider nicht erinnere. Für die Sendung findet sich bedauerlicherweise auch keine Aufzeichnung. Die Gesprächsteilnehmer schwenken auf seine Darstellung des Gehirns ein, der Tenor geht in die Richtung, dass Ängste irrational sind und einem alten, nicht mehr benötigtem Entwicklungszustand entsprechen. Der Verstand soll das richten. Innerlich kann ich nur den Kopf schütteln.

Zum Glück ist für meine Problematik die genaue Erinnerung an Worte und Diskussionsverlauf nicht notwendig. Wichtig ist, dass es durchaus diese Theorie der verschiedenen Gehirnbereiche gibt, aber noch viele andere. Außerdem lassen sich auch aus dieser Theorie unterschiedliche Schlüsse ziehen und die hier verwendete Wortwahl der Beschreibung hat zusätzlich einen Einfluss auf die transportierte Vorstellung. Entwicklung erscheint linear, was später kommt ist besser und weiter entwickelt. Ängste erscheinen in dieser Darstellung außerdem als losgelöste Phänomene. Doch die alleinige Betrachtung von Ängsten nach dieser Theorie ist unvollständig und daher irreführend.

Aus der Emotionsforschung kenne ich inzwischen Kritiken daran, andere Theorien und Einordnungen für diese Haltung, daher weiß ich, dass die Darstellung des Professors nur eine von vielen Möglichkeiten ist. Was an Theorien dabei so etwas wie Wahrheit und Wirklichkeit nahe kommt und was nicht, kann ich in der Regel nicht selbst überprüfen und sollte es daher auch nicht auf faktische Richtigkeit hin beurteilen, was ich aber sehr gut machen kann, ist zu bestimmen wie Emotionen von Menschen betrachtet werden und was das für Auswirkungen hat.

Und genau darin liegt für mich die Lösung verschiedener meiner Problematiken. Zu Zwecken der Bildung muss ich nicht bestimmen was faktisch richtig und was falsch ist, ich benötige auch keine Instrumente zur Überprüfung. Es reicht wenn ich unterscheiden kann was wo und wie auftritt und was das jeweils für Auswirkungen hat. Ich kann vieles nebeneinander stehen und in Diskussion miteinander treten lassen. Bildung ist eine Erweiterung der Perspektive, ein Blick über den eigenen Tellerrand, die Erkenntnis und Akzeptanz der Existenz unterschiedlicher Konstruktionen. Als Folge daraus kann ich darauf hinweisen, dass es immer auch andere Perspektiven gibt. Das ist der Mehrwert. Und liefert außerdem einen Grund nicht um eine einzige Wahrheit zu streiten.

Beim Umgang mit Emotionen im Kontext von Bildung ist es von größerem Interesse zuerst einmal zu bestimmen, was Menschen dazu jeweils für Vorstellungen haben, als zu bestimmen was Emotionen tatsächlich sind. Es sind die oft impliziten über viele Jahre gelernten und sich immer wieder ändernden und erweiternden Vorstellungen, die den Umgang mit ihnen und die Haltung zu ihnen bestimmen. Zur gleichen Zeit leben in einer Gesellschaft Menschen mit unterschiedlichen Vorstellungen, ohne dass das auffällig werden muss. Soziale und kulturelle Herkunft und Bedingungen, aber auch Generationszugehörigkeit spielen eine Rolle. Im Verlauf meiner eigenen Lebensgeschichte hat sich die Haltung zu Emotionen und der Umgang mit ihnen geändert. Weiterhin wird in unterschiedlichen Teilbereichen der Gesellschaft und in unterschiedlichen Gruppen unterschiedlich mit ihnen verfahren.

In der Diskussionsrunde schien die Professorenposition ausreichend, um die Vorgabe für die Betrachtung von Emotionen als Orientierung zu übernehmen. Ich hätte eingeschränkt, auf Einseitigkeit aufmerksam gemacht und auf andere Konstruktionen zu Emotionen verwiesen. Vielleicht hätte sich daraufhin jemand in der Runde Gedanken zu den eigenen impliziten Annahmen zu Emotionen gemacht.

Zu Beginn aller Erscheinungen steht die Haltung zu Emotionen und ihre Einschätzung, daraus folgt wie mit ihnen umgegangen wird, wie sie reguliert werden, nach welchen Regeln sie ausgedrückt werden. In einem Kreislauf wirkt das wiederum auf die Haltung zu Emotionen und deren Einschätzung zurück. Gesellschaftlich betrachtet befindet sich dieser Prozess in einem stetigen Fluss. Dabei treten durchaus Widersprüche zwischen dem auf was formuliert werden kann und dem was praktiziert wird. Haltung zu Emotionen und ihre Einschätzung stehen außerdem in einem Zusammenhang mit der Art von Reflexion, die sie und der Umgang mit ihnen erhalten.

In der letzten Zeit kehre ich daher immer wieder zu der Forderung zurück genauer hinzusehen. Zum momentanen Zeitpunkt erscheint mir das als die einzige sinnvolle Möglichkeit. Daraus ergibt sich zu bestimmen nach welchen Kriterien und wie dieses Hinschauen sinnvoll erfolgen kann.

Der Blick auf Emotionen ist vielfältig. Im Verlauf der Zeit bin ich sehr unterschiedlichen Theoretikern mit sehr unterschiedlichen Theorien und Schwerpunkten begegnet. Meine letzte Begegnung war mit Eva Illouz und ihrem Buch Gefühle in Zeiten des Kapitalismus. Emotionaler Stil, emotionaler Kapitalismus, Netzwerkkapitalismus, kommunikative Kompetenzen, emotionale Kulturen, Wertrationalität, Kosten-Nutzen Analysen, Reflexion, Manipulation, emotionale Felder, emotionales Kapital, emotionaler Habitus, emotionale Hierarchie, Pathologisierung von Differenz, Klassifizierung von Pathologien, Rechtsdiskurs, emotionale Kompetenz, emotionale Intelligenz als Instrument der Klassifizierung, Monopol über Definitionen und Regeln des emotionalen Lebens, postmodernes Selbst, Arbeit der Selbstpräsentation sind Begriffe, die ein wieder anderes Bild davon zeichnen wie mit Emotionen verfahren wird, wie sie betrachtet, manipuliert und reguliert werden.

Es lässt sich von Theoretiker zu Theoretikerin hüpfen und jeder und jede ist eine einzigartige Person mit einer individuellen Sichtweise und einem spezifischen Schwerpunkt. Fülle, Überfülle, ein Bild der Vielfalt – keine boolesche Logik von wahr und nicht wahr.

Am Telefon versucht mich eine Frau mit einem standardisierten Fragebogen auf Kategorien hin zu befragen. Es ist das erste Mal, dass ich gemeinsam mit einer anderen Person beschließe damit aufzuhören. Ich kann keine Skala für Aussagen verwenden, denn noch nicht einmal die Unschärfe von Fuzziness kann etwas erfassen, das in den Abfragen nicht erscheint.

Es ist nicht genug da. In der Überfülle ist nicht genug da, das sich als eine gemeinsame Grundlage verwenden lässt. Schon allein daher gibt es nicht richtig und falsch, sondern es können nur unterschiedliche Haltungen, Einstellungen, Konstruktionen untersucht werden. Darüber können wir uns bewusst sein. Und dass es manchmal Machtverhältnisse und Statuskonstellationen gibt, die sich auf das auswirken was dominiert.

Als Kern bleibt mir, dass es etwas gibt, das wir als Emotionen bezeichnen, dass wir dazu Einschätzungen haben und damit an unterschiedlichen räumlichen und gesellschaftlichen Orten in unterschiedlicher Weise umgehen und dass sich der Umgang im Verlauf der Zeit auch verändert. Für die Fülle an Möglichkeiten in den Bereichen Einschätzung, Haltung, Regeln, Regulierung, Ausdruck ist es möglich Systematiken zu erstellen, um dann damit zu arbeiten.

Referenz:

Illouz, E. (2006). Gefühle in Zeiten des Kapitalismus. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

 

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