Bildungsmäuschen

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Ein Fragment

Leider bietet Oliver Nachtwey am Ende seines Buchs Die Abstiegsgesellschaft keine Lösung an. Er untersucht auch nur zu einem geringen Teil die ausgelösten und geförderten Emotionen und deren Wirken in den Handlungsstrategien von Menschen in modernen Gesellschaftssystemen bei einer weitgehend kapitalistischen Orientierung des Wirtschaftssystems. Weiterhin nehme ich seine Zusammenstellung von Formen des Aufbegehrens als zu begrenzt wahr.

Aber ansonsten hilft mir seine Analyse extrem gut Vorgänge des Alltags der letzten Jahre in eine zusammenhängende Ordnung einzufügen. Sogar für den Rassismus findet er einen Platz.

„Jenseits der realen Probleme, die bestimmte Gruppen von Muslimen, zum Beispiel Salafisten, europäischen Gesellschaften bereiten, ist die Islamfeindlichkeit das neue Gewand eines Rassismus, der die vermeintliche kulturelle Überlegenheit der westlichen Kultur herausstellt.“(Nachtwey, 2016, S.223)

Für mich ist erstaunlich, dass sich Problematiken im Bildungssystem, die Anlass für mein Studium waren, letztlich als Probleme eines Wirtschaftssystems herausstellen, das eine ganze Gesellschaft und alle ihre Teilbereiche bestimmt. Ich muss feststellen, dass mich in Bezug auf Emotionen ebenfalls vor allem das Einwirken von gesellschaftlichen Bedingungen auf ihr Entstehen, ihr Verständnis, den erwarteten Ausdruck und ihre Regulation interessiert, das was vor allem über Sozialisation und Erziehung vermittelt wird, sowie die Möglichkeit durch Bildung zu einem besseren Verständnis der Vorgänge auf der Ebene der Emotionen und dadurch zu neuen Handlungsoptionen zu kommen.

Als ich kürzlich eine Phase der Traurigkeit durchlebte, wurde mein Denken von folgender Überlegung durchzogen. Wenn Emotionen ein untrennbarer Bestandteil von Menschen und ihren Wahrnehmungs-, Verarbeitungs- und Entscheidungsprozessen sind, die Emotionen von Menschen aber nicht adäquat berücksichtigt und beachtet werden, bedeutet es in letzter Konsequenz, dass Menschen an sich keine Bedeutung haben.

Ähnlich verhält es sich damit, wenn Menschen aufgefordert sind ihre Emotionen an sich zu kontrollieren und im Zaum zu halten oder wenn sie nur erwünschte Emotionen zum Ausdruck bringen dürfen. Soziale Rücksichtnahme bewegt sich in einem Feld asynchroner Machtbeziehungen, so dass die erlaubten Möglichkeiten der Sichtbarmachung von Emotionen sowie die Sanktionen bei Nichtbeachtung dieser Regeln auch Rückschlüsse über den gesellschaftlichen Wert von Personen, sowie Rückschlüsse über den Wert von Emotionen als Mittel der Erkenntnis erlauben.

Vor Jahren habe ich mich schon mit Armut beschäftigt, inzwischen wird sie wie auch Rassismus mehr und mehr zum öffentlichen Diskussionsthema. (Die Bedeutung von Emotionen an sich ist leider noch kaum dran.) Armut, Rassismus, Diskriminierung sind mit jeder Menge Emotionen verbunden. Und das auf jeder Position, die man dabei inne hat. Sie sind Ursache, Folge und Entscheidungsmittel.

Warum also nicht genauer Emotionen untersuchen, was sie für Menschen für eine Bedeutung haben und wie mit ihnen verfahren wird?

Vielleicht kommt das mit den Emotionen und einer sinnvollen Analyse ja noch.

 

Referenz:

Nachtwey, O. (2016). Die Abstiegsgesellschaft. Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne. Berlin: Suhrkamp.

 

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