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Emotionen als erster Hinweis

Eigentlich gibt es noch einen weiteren Blogbeitrag abzuschließen, doch ein neues Fundstück erfordert eine genauere Beschäftigung bevor es wieder in den Weiten der Informationsfülle verschwindet.

In dem Buch Der neue Geist des Kapitalismus liefern Boltanski und Chiapello Argumente dafür, warum die Kapitalismuskritik für den Kapitalismus von großer Bedeutung ist.

„Aus einem umgestalteten Kapitalismus erwachsen nämlich neue Probleme, neue Ungleichheiten, neue Ungerechtigkeiten, nicht etwa, weil die Ungerechtigkeit ursächlich in seiner Natur läge, sondern weil die Frage nach der Gerechtigkeit in dem Rahmen, in der er sich entfaltet, schlicht irrelevant ist – die Kapitalakkumulationsnorm ist an sich amoralisch -; es sei denn die Kritik zwingt ihn dazu, sich zu rechtfertigen und sich selbst zu kontrollieren.“ (Boltanski & Chiapello, 2003, S. 78)

Diese Argumentation allein versetzt mich bereits in eine positive Stimmung. Kritik eingestuft als wichtiges Element, um etwas zu formen und zu verbessern, ist genau das was für mich bedeutungsvoll ist, die positive Bewertung einer solchen Kritik, wenn sie sich auf den Kapitalismus bezieht, setzt dem Ganzen noch ein Sahnehäubchen auf. Ich mag sehr vieles am Geist des Kapitalismus so überhaupt nicht. Das ist aber in Ordnung, erfahre ich hier, es ist daher nicht notwendig, dass ich meine Haltung an sich rechtfertigen, ich erhalte sogar eine aufwertende Anerkennung für ein Bemühen um Kritik und kann mich daher entspannt den für mich wichtigen Fragen zuwenden.

Und das bleiben nun einmal die Emotionen, ihre Position im Zusammenspiel des menschlichen Zugangs zur Welt und der Umgang mit ihnen. Genau dazu liefern mich jetzt Boltanski und Chiapello ungewollt (2003, S.79f.) eine sehr nützliches Modell.

„Deswegen existieren bei der Versprachlichung einer Kritik zwei Ebenen: eine ursprüngliche Ebene, das Gefilde der nie ganz verstummenden Emotionen, die immer dann hochschlagen, wenn sich eine neue, empörende Situation ergibt, sowie eine zweite, theoretisch-argumentative Reflexionsebene, durch die eine ideologische Auseinandersetzung überhaupt erst möglich ist. Diese setzt zudem eine Konzept- und Deutungsressource voraus, auf deren Grundlage historische Situationen, die der Kritik unterzogen werden sollen, mit universalisierungsfähigen Werten in Zusammenhang gebracht werden können.“

Nach genau so etwas habe ich gesucht. In dieser Beschreibung erfahren Emotionen eine hohe Bedeutung als Ausdruck von u.a. moralischen Bewertungssystemen. Emotionen liefern in dieser Darstellung einen ersten Hinweis darauf, dass etwas problematisch ist und darauf als wie bedeutsam dieses Problem wahrgenommen wird. Erst danach kommt das was üblicherweise als Denken bezeichnet wird. Zusätzlich wird in dieser Einschätzung von Emotionen ihre andauernde Anwesenheit beachtet.

Emotionen allein reichen nicht, Denken allein aber ebenfalls nicht. Die Emotionen liefern dem Denken den Hinweis auf das, worüber in welcher Weise reflektiert werden kann. Hier ist es eine ideologische Auseinandersetzung, die Theorie mit Hinweisen aus Emotionen vergleicht und dann zu Argumenten führt. Zwingend notwendig ist dafür eine Basis an Wissen, die Deutung ermöglicht und zu Konzepten führen kann, hier in Verbindung mit dem Messinstrument universalisierungsfähiger Werte.

Emotionen stellen schnelle Bewertungssysteme dar, sie sind heuristisch verwendbar. Emotionen selbst sind aber keine Argumente, noch liefern sie selbst Argumente. Durch ihre Bewertungsfunktion ermöglichen sie allerdings eine Orientierung. Bei der Auswahl schwer vergleichbarer und ungewisser Möglichkeiten können sie den entscheidenden Ausschlag liefern.

Entscheidend dafür ist es, dass sie überhaupt wahrgenommen werden und dass sie in einer Form wahrgenommen werden können, die noch wenigen Manipulationen ausgesetzt war, wie an gewünschte Emotionen angepasst oder ganz verdrängt zu werden. Abschwächung auf ein erträgliches Maß würde ich in diesem Zusammenhang nicht dazu rechnen, da die Art der Emotionen selbst dabei nicht verändert wird. In diesem Kontext fällt mir eine Forderung aus dem Bereich des Buddhismus ein, die denjenigen nahelegt, die in der Meditation ihre Emotionen beobachten, auf Mittel der Beeinflussung von Emotionen zu verzichten. Dazu gehören Rauschmittel, nicht verordnete Medikamente, Musik, Lärm und sowie soziale Ablenkungen.

Insgesamt ergibt sich für mich hier ein gutes Modell für eine gelingende Zusammenarbeit zwischen Emotionen, dem Erwerb und Bestand von unterschiedlichen Formen des Wissens sowie Reflexionsprozessen, die Emotionen und Wissensbestände in Verbindung bringen. Daraus ergeben sich neue Wissensbestände, die beim Auftreten von Emotionen wiederum zur Verfügung stehen.

In Bezug auf Bildungsprozesse handelt es sich hier einerseits um vermittelbares Wissen über die Position von Emotionen in Bezug auf andere Verarbeitungsprozesse als auch daraus abgeleitet um Wissen zum sinnvollen Umgang mit Emotionen. Daraus können sich praktische Anwendungsmöglichkeiten bei der Beobachtung, Beeinflussung und Artikulation der eigenen Verarbeitungsprozesse ergeben, bei der eigenen Einflussnahme auf andere als auch bei der Beobachtung und Einschätzung von Vorgängen im sozialen Raum und dem Umgang damit.

Referenz:

Boltanski, L. & Chiapello, È. (2003). Der neue Geist des Kapitalismus. Konstanz: UKV.

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