Bildungsmäuschen

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Unterschiedlicher Umgang mit Emotionen

Das wohin mich meine Recherchen geführt haben, kann man am ehesten mit dem Erleben der emotionalen Konstruktion von Wirklichkeit beschreiben. Für andere Menschen mag das anders sein, für mich ist es ausgesprochen faszinierend zu beobachten, wie Entscheidungen getroffen werden und Handeln geschieht, weil Personen, Dinge und Situationen eine positive oder negative Bewertung durch Emotionen erhalten oder bedeutungslos sind, während das den involvierten Personen zur gleichen Zeit aber nicht bewusst ist, weil sie nicht darauf achten, sondern in alltäglicher Selbstverständlichkeit handeln. Mich selbst muss ich dabei einschließen, auch wenn es mir öfter als früher gelingt entsprechende Abläufe unmittelbar bei mir zu beobachten.

Ich bewege mich dabei durch sich fortwährend ändernde Räume und hangele mich von Anregung zu Anregung. Was ist eigentlich Kapitalismus und wie beeinflusst er Emotionen? Und wie wirkt sich das auf und im Bildungssystem aus? Was für Menschen entwickeln sich dabei und werden entwickelt? Und wie sehen die emotionalen Wirklichkeiten von Menschen in unterschiedlichen gesellschaftlichen Positionen aus? Wie fühlen sie sich? Welche Emotionen treten verstärkt und als typische auf?

Menschen sind zwangsläufig gesellschaftliche Wesen. Kein Kind wird sich ohne andere Menschen zu einem Menschen entwickeln. Diese anderen Menschen erklären und vermitteln dem Kind die Welt, das sich auf diesem Hintergrund seine eigene Konstruktion bastelt.

Der Prozess hört aber nicht auf und geht im Verlauf des Lebens weiter. In Berlin wird an verschiedenen Orten zu Emotionen geforscht, am Adlershof wurde eine Methode zur Messung von Emotionen entwickelt. Ihre nachprüfbare Messung ist eine der großen Problematiken bei der Untersuchung von Emotionen. Gemessen werden hier anscheinend anhand von Muskelbewegungen positive und negative Ausrichtung von Emotionen, sowie die Erregungsstärke. Damit lässt sich im Labor schon eine Menge anfangen, genutzt wird es momentan zur Überprüfung der emotionalen Wirkung von Werbung und Produktgestaltung. Wahrscheinlich kommen die Gelder zur Finanzierung der Forschung aus diesem Bereich. Neu geplant ist der Einsatz bei psychischen Problemen zur besseren Kontrolle von Emotionen.

Ich beschäftige mich mit dem was tagtäglich auf mich einströmt und suche meine Beispiele darin aus, eine Systematik hat das Ganze nicht, nur einen gemeinsamen Schwerpunkt. Dabei ist in der letzten Zeit bei mir der Eindruck entstanden, dass die Haltung zu Emotionen in unterschiedlichen Teilbereichen der Gesellschaft durchaus sehr unterschiedlich ist. Bei der Auseinandersetzung mit der Geschichte des Kapitalismus, mit der Zunahme prekärer Arbeitsverhältnisse, mit der Idee des BGE oder den Überlegungen zu einer Abstiegsgesellschaft wurde sichtbar, dass in den Bereichen Wirtschaft und Politik Emotionen eine ganz andere Bedeutung haben und Rolle spielen als im Kontext von Bildung.

Spätestens die Prospect Theorie von Kahneman und Tversky liefert Hinweise darauf, dass Emotionen im Bereich der Wirtschaft für Entscheidungen eine bedeutende Rolle als Motivatoren spielen. Werbung setzt bei der Imagepflege von Produkten ganz eindeutig und zunehmend auf ein emotionales Tagging. Produkte sollen eine positive emotionale Bewertung erhalten. Ziele sind dabei Abgrenzung zu anderen Produkten, die Wahrnehmung von Hochwertigkeit oder Besonderheit, Kundenbindung. Aber auch Finanzentscheidungen sind mit Emotionen verbunden. Etliche Male in meinem Leben war ich damit konfrontiert, dass versucht wurde mir die Ablehnung von Finanzprodukten als Rückständigkeit zu verkaufen. Und rückständig will man ja nicht sein, oder? Das ist doch beschämend. Und Geld muss man arbeiten lassen, das darf nicht herumliegen. Und es muss eine möglichst hohe Rendite bringen. Dann kommen wiederum die daher, die danach fragen, wie denn die Rendite entsteht. Und diejenigen, die bei bestimmten Entscheidungen Vorwürfe machen und Schuldgefühle auslösen. Wegen ethischer und sozialer Überlegungen.

Alles mit unterschiedlichen Emotionen verbunden.

In der Politik ist es noch spannender. Es gibt Talkshows deren primäre Absicht es zu sein scheint Vertreter unterschiedliche Gruppierungen aufeinander loszulassen, um sich dann anschauen zu können wie die Emotionen hochkochen und Argumente nicht mehr zu einer Klärung genutzt werden, sondern nur noch um für die eigene Position einen Gewinn zu erringen. Am Schluss glättet der Moderator oder die Moderatorin wieder die Wogen und nichts ist geschehen. Emotionale Spektakel sind fester Bestandteil politischer Auseinandersetzung, politische Gegner werden geschämt und blamiert, aufgebrachte Wähler abgewiegelt, kaltgestellt oder wenn es gar nicht mehr anderes geht mit kleinen Zugeständnissen vorerst abgefunden.

Ein Bereich voll mit Emotionen.

Wenn ich dann in den Bildungsbereich gucke, erscheint ein wiederum anderes Bild. Immer wieder kommt es von außerhalb zu Unmut über bestimmte Vorgänge im System, aber innerhalb des Bereichs der Bildung scheint es vor allem darum zu gehen positive Emotionen zu erzeugen und störende fern zu halten. Nicht dass das gelingt. Es scheint aber das Ziel. Die Herstellung eines neutralen bis leicht positiven Zustands der Emotionen auf niedrigem Erregungsniveau als idealer Zustand um Wissen zu vermitteln. Keine schreiende, brüllende Klasse von Schülern in Erregungszuständen, keine emotionalen Ausraster, keine Beleidigungen, Anfeindungen und gegenseitigen Angriffe in Diskussionen. Die Produkte werden dabei mit einem Bewertungssystem versehen, Grundlage für vielfältige positive und negative Emotionen.

Emotionsregeln für Emotionsregulierung und Ausdruck von Emotionen sind für den Bildungsbereich grundlegend und eingebetteter Bestandteil des Bildungsprogramms. Ist die Wahrnehmungsfähigkeit und Befähigung zur Umsetzung noch nicht durch Sozialisation und Erziehung vorgebildet, kann versucht werden in speziellen begleitenden Programmen oder auch extern in einem therapeutischen Rahmen nachzubilden. Im Erwachsenenbereich finden sich dann Lernangebote im Weiterbildungsbereich zur Persönlichkeitsentwicklung, der Entwicklung sozialer und emotionaler Kompetenzen, oder auch wie momentan bei meinem Arbeitgeber der Gesundheitsvorsorge durch Psychotechniken, deren Verwendung auf Verbesserung und Entlastung im Arbeitsleben ausgerichtet ist.

Generell nehme ich für den Bildungsbereich die Auswirkung der Haltung der Vergangenheit zu Emotionen als Gegenpol zu Denken und Rationalität wahr, die daher vor allem zu zähmen sind, als auch die Auswirkungen von Vorstellungen, dass sich Wissen in Lernende einflößen lässt und 1:1 übertragen werden kann, wenn denn die Lernenden nur in einen Zustand größter Aufnahmefähigkeit versetzt werden können. Emotionen werden dabei in vielen Ausformungen als störend eingestuft. Daher werden für den zulässigen Ausdruck Regeln erstellt, was allerdings kein in seiner Bedeutung bewusster Akt sein muss.

Diese Regeln können sowohl für Lernende als auch Lehrende starke Belastungen zur Folge haben, die eine anschließende Kompensation erfordern. Ich habe jahrelang mit den Kindern zu tun gehabt, die aus der Schule auf den Schulhof stürmten und erst einmal übereinander herfielen, bis sich nach einer Explosion von etlichen Minuten oft nur durch einschreitendes Ordnen die Situation wieder entspannte und für alle leidlich erträglich wurde, ohne dass ich verstanden hätte, womit ich da eigentlich konfrontiert bin. Ebenso habe ich jahrelang viele Stunden nach der Arbeit damit verbracht emotionale Belastungen zu kompensieren, ebenfalls ohne zu verstehen, womit ich da eigentlich konfrontiert war.

Durch die Auseinandersetzung damit was Emotionen sind und welche Bedeutung sie haben, habe ich meine Möglichkeiten für Strategien beim Umgang mit ihnen erweitert. Am bedeutsamsten ist dabei unmittelbare Achtsamkeit gepaart mit einem erweiterten Verständnis und der Möglichkeit in Distanz zu gehen, ohne dabei Emotionen an sich zu verändern. Problematisch ist die Tendenz gewohnheitsmäßig Emotionen abzuwehren, sie umzuinterpretieren oder zu versuchen sie zu verändern. Hohe Anforderungen an die Regulierung von Emotionen und ihres Ausdrucks verlangen einen hohen Preis, der sich in dieser Tendenz verfestigt, der aber als Folge zu Entfremdung von den tatsächlichen Emotionen führt. Daraus kann sich ein kontinuierlicher Zustand der Anspannung ergeben, der auch an den involvierten Personen in unterschiedlichen Formen sichtbar in Erscheinung treten kann.

Was ich zu Beginn meiner Recherchen noch nicht beabsichtigt hatte und was mir zwischendurch wegen der vielfältigen, kaum überschaubaren Erscheinungen gar nicht bestimmbar erschien, beginnt sich inzwischen zunehmend zu entwickeln. Es sind Orientierungen für eine sinnvolle Berücksichtigung der Bedeutsamkeit von Emotionen in Bildungskontexten. Letztendlich lässt sich der ganze Bereich der Emotionen in seiner Bedeutung für den Bereich der Bildung sinnvoll auf wenige Elemente reduzieren.

Meine nächste Aufgabe wird es sein, dafür eine nachvollziehbare Systematik zu entwickeln. Diese soll im Alltag auch ohne große Probleme unmittelbar anwendbar sein. Zum momentanen Zeitpunkt bin ich mit dem Ergebnis meiner Recherchen hochzufrieden. Zwischendurch hatte ich allerdings große Zweifel daran, dass mir das je gelingen könnte, und ich dachte, ich würde für immer in einer undurchschaubaren Komplexität gefangen bleiben. Es kann natürlich passieren, dass jetzt wieder bedeutsame, noch zu klärende Fragen auftauchen, meine Zufriedenheit scheint mir nach den Erfahrungen mit mir selbst aber ein deutlicher Hinweis darauf, dass keine wirklich wichtigen Fragen ausstehen. Ein letztes Puzzlesteinchen hat mir dabei das im letzten Blogbeitrag beschriebene Fundstück geliefert.

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