Bildungsmäuschen

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Auf dem Weg zur Mündigkeit im Umgang mit Emotionen

Mein letzter Blogeintrag liegt im Verhältnis zu der Frequenz, die ich in der Vergangenheit hatte, sehr weit zurück. Ich habe seither viel gelesen, Krisen durchlaufen und abgehangen, mich etwas stärker mit Wirtschafts- und Gesellschaftssystem beschäftigt, ziemlich häufig Facebook vom Smartphone aus besucht und dann noch einmal einen Stapel Bücher aus der UniBib besorgt. Mein Puzzle zur Bedeutung von Emotionen für den Bereich der Bildung scheint inzwischen kaum noch Lücken zu haben.

Ich weiß den Grund dafür nicht, warum ich plötzlich ein Interesse an Paulo Freire entwickelt habe, es ist auch nicht so, dass mir das bei dem Thema Emotionen selbst weiterhilft, trotzdem liefert mir eine kleine Einführung zu ihm von Susanne Jacob sehr wertvolle Gedankenanregungen. Der Titel ihres Buches lautet Bildung als Bewusstwerdung und genau das, die Bewusstwerdung, ist mein Anliegen in Bezug auf Emotionen.

Seit Monaten versuche ich immer wieder in einen Dialog darüber zu treten, das von ihr für Freire beschriebene bedeutsame Prinzip von Lernen und Lehren. Insgesamt habe ich dabei allerdings den Eindruck mich kaum verständlich machen zu können. Dagegen hat sich meine eigene Perspektivenänderung für mich in der Praxis bewährt. Die Berücksichtigung und Beobachtung von Emotionen in einem neuen Kontext verhilft mir als der Person, die ich geworden bin, endlich zu einem vollständigeren Bild von Vorgängen. Dadurch kann ich ein wesentlich entspannteres Leben führen, Zusammenhänge und Praktiken werden besser erkennbar, ich renne dadurch weniger gegen Dinge an, die nicht änderbar sind, und kann mich mehr auf diejenigen konzentrieren, die im Bereich meiner Einflussmöglichkeiten liegen. Was dabei aber den Unterschied im Bewusstsein ausmacht, kann ich meist nicht vermitteln. Es erfordert zu viel Kontext, außerdem handelt es sich dabei um eine Form der Wahrnehmung, die in einem einzigen Moment hohe Komplexität in Einwirkungen und Bezügen erfasst und auf umfangreichem Wissen und Erfahrungen beruht.

Interessant ist Freire in dem Zusammenhang, da es auch ihm um eine Änderung des Bewusstseins zu gehen scheint, die zu anderen Handlungsmöglichkeiten führt. Dabei geht die Änderung von der unmittelbaren Lebenswelt des Lernenden aus. Freire mag nicht in Erwägung gezogen haben, dass sich eine Person auf die Bedeutung von Emotionen konzentriert, um für sich selbst einen Prozess der Befreiung anzustoßen, doch dem Prinzip der Bewusstwerdung ist es egal was hinterfragt, analysiert und vertieft wird. Interessant ist dabei, dass nach Jacob (2008, S.65) Freire davon ausgeht, dass nur der Bewusstseinswandel gelungen ist, der zu einem praktischen Handeln führt, das eine Veränderung der Wirklichkeit herbeiführt.

Genau damit habe ich mich die letzten Monate ebenfalls beschäftigt. Die Auseinandersetzung mit den Emotionen soll etwas verändern. Mein subjektiver Eindruck ist dabei durchaus, dass das geschieht. Belegen kann ich es schlecht, der Unterschied ist nicht spektakulär, auch da ich keine grundsätzlichen Änderungen in meiner Lebensführung und meinen Arbeitsbedingungen vorgenommen habe. Der Unterschied ist aber durchaus in Kleinigkeiten beobachtbar.

Bedeutender erscheint es mir momentan sowieso zu entdecken, dass ich von sehr vielen impliziten Annahmen zu Lernen, Bildung oder Menschenbild aus operiere, die sich meiner bewussten Kenntnis entziehen. Im Verlauf meines Lebens haben viel Einflüsse auf mich eingewirkt, aus denen selbstverständlich erscheinende Praktiken hervorgegangen sind, für die es gar keinen Anlass der Reflexion mehr gibt. Es gilt dabei letztlich das gleiche Prinzip, das mir bereits im Umgang mit den Emotionen aufgefallen ist.

Das Buch zur Pädagogik Freires öffnet ein Fenster auf die Existenz von im Hintergrund wirkenden pädagogischen Konzepten, die aber eben gar nicht bewusst sein müssen. Solange alle von etwa den gleichen Annahmen ausgehen, muss das auch gar nicht auffällig werden. Und auch wenn es auffällig wird, muss der Grund für unterschiedliche Praktiken und unterschiedliche Herangehensweisen im pädagogischen und Bildungsbereich nicht in unterschiedlichen Annahmen in Bezug auf Lernen, Bildung oder Menschenbild identifiziert werden.

Es kann zu Streit, Vorhaltungen, Anschuldigungen, Vorwürfen und übler Nachrede kommen oder zur Durchsetzung von Machtpositionen, ohne dass der eigentliche Grund, die sehr unterschiedlichen, nicht bewussten Annahmen im Hintergrund erkannt werden. Das ist das faszinierende an dem was als Potential im Menschen angelegt ist. Niemand läuft mit einer Liste von Dingen herum, auf denen alle Vorannahmen deutlich lesbar gelistet sind. Scheinen Menschen noch dazu dem eigenen Kulturkreis anzugehören, wird noch eher angenommen, dass die Vorannahmen des anderen mit den eigenen identisch sind.

Da hilft nur der Dialog, würde ich von Freire inspiriert jetzt sagen. Für diesen muss es dabei allerdings Grundregeln geben, so dass er für alle Seiten zu einem Erkenntnisgewinn führen kann. Grundlagen dieses Dialogs sind für Freire laut Jacob (2008, S.72)

  • Liebe zur Welt und zu den Menschen
  • Demut
  • Glaube an den Menschen
  • Vertrauen
  • Kritisches Bewusstsein

Ein Dialog zwischen denjenigen, die enthüllen und denjenigen, die das nicht wollen oder das Recht auf freie Rede verweigern, ist dabei nicht möglich. Nur in einem wahren Dialog liegt die Möglichkeit zur Erkenntnis (Jacob, 2008, S.73).

Alles schon gewusst und dennoch nicht gewusst, dass jemand das Ganze in den Zusammenhang mit einem pädagogischen Konzept gestellt hat. Wie mit den Emotionen. Alles schon gewusst, doch keine Zusammenhänge gesehen und keine Hintergründe, damit an Bewusstheit, einem bewussten Umgang und den darin liegenden Chancen vorbei gerannt. In Emotionen verstrickt, in unreflektierten Annahmen darüber was sie sind und wie mit ihnen umgegangen werden soll, von Emotionen ausgehend, spürend, reagierend, aber nicht durch Bewusstheit ihrer Gewordenheit, Geprägtheit und Einbettung zum agierenden Subjekt geworden, das sein Handeln selbst bestimmen kann. Ohne Benennung, ohne Worte, ohne ordnende Strukturen ausgeliefert.

Jacob (2008, S.59f) beschreibt drei von Freire entworfene Bewusstseinsstufen.

  1. Intransitiv-magisch
  2. Transitiv-naiv
  3. Kritisch-transitiv

Kurze Stichworte dazu:

  1. Keine Wahrnehmung von Kausalität, keine Beherrschung, keine Möglichkeit der Distanzierung von sich selbst oder der Welt, unbewusst, unreflektiert
  2. Distanzierung, Objektivierung der Welt, Erfassung von Kausalität, keine kritische Analyse
  3. Vertieftes Problemverständnis, hinterfragen, analysieren, die Wahrnehmung und das Begreifen von Herausforderungen, die Bewusstheit von Handlungsalternativen, Handeln

Bewusstwerdung erfolgt über die Bewegung von einer Stufe zur nächsten.

Mündigkeit geht auch in Bezug auf den Umgang mit Emotionen.

Referenz:

Jacob, S. (2008). Bildung als Bewusstwerdung. Die Pädagogik Paulo Freires. Oldenburg: Paulo Freire Verlag.

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