Bildungsmäuschen

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Neustart?

Es gibt Blogschreibende, die kündigen zuvor an, dass sie eine Pause machen. Bei mir hat sich die Pause aus der Situation heraus ergeben. Zwei Monate, die mir wesentlich länger erscheinen.

Ich war völlig erschöpft. Jahrelang kein wirklicher Urlaub. Arbeiten in einer problematischen, belastenden Situation, Studium, Moocs, aufgeschobene Arbeiten zuhause, zu wenig körperliche Bewegung, zu viel Berührung mit gesellschaftlichen Problematiken. Es kommt schleichend. Zu Beginn der Ferien hatte ich mich ins Bett gelegt  und erst einmal geschlafen.

Danach habe ich begonnen Pokémon Go zu spielen. Die deutsche Version war kurz zuvor erschienen, es war die Zeit des Hypes und für mich wurde es ein wunderbarer Pokémon-Sommer. Der Rechner blieb aus, das Smartphone wurde endlich einmal mobil ausgereizt. Weite, tägliche Spaziergänge, Orte, die ich lange nicht besucht hatte, wunderschöne Landschaften, Pflanzen, Tiere, viele Eindrücke von Menschen, zufällige Treffen mit Bekannten, die ich lange nicht gesehen hatte, Architektur, materialisierte Sozialstruktur, und dabei die simplen, überschaubaren Anforderungen des Spiels als Zielsetzung und Rahmen.

Pokémon Go, um aus etwas heraus zu kommen und Abstand zu gewinnen. Dazu Herumhängen, Reduzierung von Verpflichtungen auf das Notwendigste, Kochen leckerer Gerichte und eine tägliche Dosis Star Trek als Eintauchen in eine spannende, aber unproblematische Welt der Fantasie.

Es ist vorbei. Drei Wochen Schule, beginnender Herbst und graues Wetter und es ist vorbei. Drei Wochen konnte ich mich noch daran klammern, wollte das Sommergefühl, die tiefe Entspannung nicht loslassen, doch ein Alltag voller Problematiken schleicht sich an allen Ecken und Enden wieder ein. Ich kann das was war nicht bewahren. Der Traum einer besseren Welt voller Glück beginnt zu verblassen.

Bei der Rückkehr von der morgendlichen Pokémonjagd begegnen mir Schülerzombies. Schüler auf dem Weg zur Schule, viel zu früh auf die Straße gerissen, in ihre Jacken versunken, noch nicht ansprechbar. Schritt vor Schritt setzend, um voran zu kommen, mit Gesichtern voller Unglück. Auf dem Schulhof erklärt mir eine Erstklässlerin (!) stolz, dass sie ihre Hausaufgaben gut macht und daher nicht auf die X-Schule (Förderstufe, Hauptschule, Realschlule) gehen muss, sondern gleich aufs Gymnasium gehen kann. Vor Ort gibt es neben einer reinen Förderschule nur diese Alternativen.

In Zeitlupe zersplittert die Illusion wie das Glas eines Spiegels und dahinter tritt eine Realität wieder klar hervor, vor deren Anforderungen ich Ruhe brauchte. Vor Tagen schon ging mir Adornos Satz durch den Kopf, dass es kein richtiges Leben im falschen gibt. Aber so richtig trifft dies das Problem nicht. Es geht nicht um das richtige Leben, sondern um das Verstehen, die Aufdeckung, die Erkenntnis, dass alles ganz anders ist als die Interpretationen oder in anderen Worten, gängigen Konstruktionen von Wirklichkeit, die allerdings zu Manifestationen führen, die diese konstruierte Wirklichkeit zu bestätigen scheinen. So wie sich selbst erfüllende Prophezeiungen bzw. der Pygmalioneffekt.

Mit einem Sprung, allerdings deutlichen Spuren von Erholung, bin ich damit auch wieder bei meinem Thema, wie das Ganze, die Vorstellungen davon wie die Wirklichkeit aussieht, auch durch Emotionen untermauert wird und wie wichtig es daher ist die Ebene der Emotionen im Augen zu behalten. Denn wenn man nicht bedenkt, dass die Emotionen, die mit etwas verbunden sind, durchaus erlernt werden, wenn man die Informationen aus Emotionen so nimmt wie sie auf den ersten Blick erscheinen, wenn man daran glaubt, dass das was sich richtig anfühlt zwangsläufig auch richtig sein muss und wenn man solches Wissen in Situationen noch nicht unmittelbar anwenden kann, dann ist noch viel Raum für eine auf Emotionen bezogene Bildung.

Es ist nicht einfach sich mit Emotionen zu beschäftigen, vor allem dann nicht, wenn es sich um unangenehme handelt. Es ist anstrengend. Es hat etwas von Ungreifbarkeit. Es birgt viele Gefahren. Es kann einfacher erscheinen Emotionen zu vermeiden.

Eine Auseinandersetzung mit Bildung sollte eine bewusste Auseinandersetzung mit Emotionen jedoch nicht vermeiden. Emotionen sind ein untrennbarer Teil des menschlichen Erlebens. Bildung bezieht sich auf Menschen. Menschen bilden sich und werden gebildet. Ganze, komplette Menschen.

Ich kehre zurück zur Erstklässlerin, die gelernt hat, dass es verschiedene Arten von Schulen gibt. Eine für die guten, eine für die nicht so guten Schüler. Sie hat auch bereits Maßstäbe für gut und schlecht gelernt. Wer seine Hausaufgaben gut macht (wobei sie selbstverständlich auch noch lernt was genau gut in diesem Rahmen eigentlich bedeutet), ist ein guter Schüler.

Interessant ist in dem Zusammenhang auch das, womit ich mich kurz vor meiner Sommerpause beschäftigt habe. Die Zunahme von depressiven Erschöpfungszuständen (Burn-out) bei vor allem weiblichen Kindern und Jugendlichen [1], die alles gut und zur Zufriedenheit der Erwachsenen machen wollen. Nett, geduldig, fügsam – und zu ihrem eigenen Schaden, wenn eine wachstumsorientierte Leistungsgesellschaft ihnen nicht gleichzeitig vermittelt zu erkennen, dass es Grenzen gibt und wo sich ihre eigenen Grenzen befinden. Und diese Befähigung hat viel mit der Fähigkeit zur Eigenwahrnehmung und Eigenverständnis zu tun. Und diese sehr viel mit der Wahrnehmung und dem Verständnis eigener und fremder Emotionen.

Parallel zur Einschätzung von Hausaufgaben und dem Zusammenhang mit eigenen Chancen wurde bereits gelernt ganze Schulformen und deren Schüler abzuwerten. In meinen Augen ist das Diskriminierung. Besonders fatal in Zeiten, in denen von Seiten des Handwerks großflächige, gut gemachte Werbeaktionen gestartet wurden, um mehr Schüler für eine Ausbildung im handwerklichen Bereich zu gewinnen, während die Hochschulen zunehmend voller geworden sind. Diese Lerninhalte werden dabei mit Emotionen verbunden dauerhaft abgespeichert und von den Kindern, wenn sie selbst Eltern sind, erneut reproduziert. So setzt sich eine Kette ohne erkennbares Ende fort. Auf diese Art und Weise reproduzieren sich gesellschaftliche Strukturen. Im Guten wie im Schlechten.

Meine Sommerpause ist offensichtlich zu Ende. Die Probleme, denen ich mich eine Weile in sommerlichen Parks und Kleinstädten entziehen konnte, haben ihre Häupter wieder erhoben. Und mit ihnen die Problematik der emotionalen Absicherung von angenommener Wirklichkeit, die ohne eine bewusste Bearbeitung wirkt und wirkt und wirkt.

Denn das, was sich richtig anfühlt, das muss dann doch auch richtig sein. Oder?

 

Referenz:

[1] Schulte-Markworth, M. (2015). Burnout-Kids. München: Pattloch.

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