Bildungsmäuschen

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Unsicherheit und Orientierungslosigkeit

Es wurde dann doch kein Neustart. Der Rechner blieb weiterhin aus und nervt jetzt mit Updates und der Anwesenheit unerledigter Dingen, von denen ich mich umzingelt fühle. Wenigstens meldet das System keine Probleme erkannt zu haben und ausreichend sicher zu sein. Einen gewünschten Neustart verschiebe ich erst einmal, um meinen Elan zum Schreiben nicht zu beeinträchtigen. Die Tastatur klappert ungewohnt und ich erinnere mich aufpassen zu müssen, weil ein ä hier nicht über das a erreichbar ist. Das Smartphone wurde mein täglicher Begleiter, so wie auch Pokémon Go. Beides faszinierende Erfindungen, doch beides Bremsen beim Schreiben eines Blogs wie des meinen. (Die Tageszeit, die ich vorher für den Blog verwendet habe, habe ich die letzten drei Monate mit PoGo spielen verbracht.)

Der Sommer ist endgültig vorbei und das mit voller Härte. Meinen dicksten Winterpulli habe ich für das Sitzen am Rechner hervorgekramt, um gegen das dauerhafte deprimierende Empfinden von Nässe, Kälte und Dunkelheit anzugehen. In der lokalen Arena bin ich seit zwei Tagen durchgehend Arenaleiterin und nach 21 Stunden, wenn Münzen für besetzte Arenen eingefordert werden können, waren es heute Nacht erneut 4 Arenen, in denen sich noch Pokémon von mir aufhielten. Kein Grund in die Nacht oder den frühen Morgen hinauszugehen und dort die während der Ruhephase der Nacht kumulierten Gedanken mit mir selbst auszudiskutieren.

Das erste Mal seit langem habe ich auch mit jemandem sprechen könne, der im Stande ist meinen Gedankengängen und Problematiken zu folgen. Neben Wetter und PoGo-Situation jetzt ein wichtiger Motivator zum Schreiben. Es ist nur ein einziger Mensch notwendig, für den die eigenen Gedanken von Bedeutung sind, um einen Anlass zum Aufschreiben zu liefern. In meiner Kleinstadt bin ich in der letzten Zeit sehr in die Einsamkeit in Bezug auf weitergehende Bildungsthemen geraten, die FernUni ist in den letzten Monaten sehr, sehr fern, da ich von mir aus nicht aktiv wurde, und von meinen Netzkontakte kommt in der letzten Zeit wenig, das mich zu Äußerungen anregt. Ich bin draußen.

Es war ein langer Sommer, der mich verändert hat. Ich bin in meinen Gedankengängen sehr weit gegangen und sehe mich mit bisher unlösbaren Problematiken konfrontiert. Zuletzt bin ich auf Gemeinsamkeiten des Konstruktivismus mit hinduistisch-buddistischen Vorstellungen von der Welt als Illusion gestoßen. Wir sind nicht in der Lage die Wirklichkeit so wahrzunehmen wie sie ist. Wir sehen sie durch einen Schleier von Vorstellungen und Interpretationen. In Bezug auf Emotionen ist das nicht anders. Auch unsere Emotionen beziehen sich auf Mutmaßungen vom Zustand der Welt. Es kann daher als müßig eingeschätzt werden über richtig und falsch zu streiten und dabei auch noch heftige Erregungszustände zuzulassen.

So, jetzt nervt mich der Rechner damit, dass er meint neu starten zu müssen und lässt sich davon nicht abbringen. Daher erst einmal Pause.

Gruselige, häufige Neustarts kennt mein Smartphone nicht. Es drängt sich auch weniger in den Vordergrund, eröffnet dabei weniger Optionen und vereinnahmt mich weniger. Am Rechner verbringe ich mehr Zeit an einem Stück, das Smartphone wird außer bei PoGo eher nur kurzzeitig, dafür häufiger genutzt. Ist jetzt aber noch ein ganz anderes Thema. 

Zurück dazu sehr weit in gedanklichen Überlegungen zu gehen und der Frage nach der Orientierung, wenn Wirklichkeit nicht so erfasst werden kann wie sie ist, sondern davon ausgegangen werden muss, dass wir uns immer in Konstruktionen (oder Illusionen) befinden. Wobei dann noch das Paradoxon auftritt, dass etwas behauptet wird, das auf der Basis der eigenen Aussage ebenfalls eine Konstruktion darstellt. Sehr weird!

Halte ich aber zumindest fest, dass niemand recht und niemand unrecht hat, so bleibt trotzdem der Bedarf für eine Orientierung. Man kann einfach machen, von Tag zu Tag, irgendwie auf Funktionalität ausgerichtet, entkommt dabei der Frage nach der Orientierung aber nur scheinbar, denn im Hintergrund wirken Annahmen und Vorstellungen und die emotionale Besetzung von Kulturgütern, Praktiken, Machtverhältnissen.

Bevor ich mich zu PoGo und Star Trek zurückgezogen habe, war ich ausgepowert und erschöpft. Vom jahrelangen Studium, von einer endlosen Tretmühle an Arbeit ohne positive Perspektive, von überfordernder Komplexität. Zwei wichtige Sätze sind mir aus der Zeit noch in Erinnerung. „Ist das Bildung oder kann das weg?“ und „Ein gut dressiertes Äffchen ist noch lange nicht gebildet!“ Dazu kam ein wachsendes Interesse am Einfluss des Wirtschaftssystems auf die Vorstellungen von Bildung.

Sinnvolle Sicherungssysteme haben mich gestoppt, mich umgelenkt auf Einfaches, Überschaubares, Ablenkendes. Im Hintergrund wuselte die Bearbeitung aufgetretener Fragen jedoch weiter. Abgebremst wurde nur der Zufluss neuer Informationen. Und das war gut so.

Ich bin alt genug selbst erfahren zu haben, wie sich manche Vorstellungen von Bildung ändern während andere gleichzeitig erhalten bleiben. Dazu kommt eine Gesellschaft, die sich aus einer großen Spanne von Altersgruppen und kulturellen Milieus zusammensetzt. Es ist wichtig Vorstellungen zu hinterfragen. Von dem wie Emotionen eingeschätzt werden oder was unter Bildung verstanden wird. Es kann nicht automatisch von einer gemeinsamen Basis ausgegangen werden. Und wenn richtig und falsch irrelevant sind, woher kommt dann eine sinnvolle Orientierung?

Die Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus bietet für mich immer wieder eine geeignete Grundlage für Erkenntnisprozesse. Eine andere Zielsetzung, eine andere Vorstellung vom Menschen führt dazu, dass das Erziehungs- und Bildungssystem diese anderen Menschen produziert. Richtig? Falsch? Für wen richtig, für wen falsch? Die Orientierung konstruiert und formt den Menschen. Formt was er unter Bildung versteht, wie er dazu steht. Formt was er unter Emotionen versteht und wie er damit umgeht. Weinen – nicht weinen. Betonung von Sport und Gehorsam – Betonung musischer Fächer und der Entfaltung von Kreativität. Respekt vor Technik und Naturwissenschaften – Entemotionalisierung von Technik und Naturwissenschaften. Kritikfähigkeit – Anpassung. Bewertungen, Zuordnungen, Annahmen, Mutmaßungen, Gepflogenheiten, Machtinteressen…

Was selbstverständlich erscheint ist es nicht. Vorstellungen von Emotionen nicht, Vorstellungen von Bildung nicht.

Als ich kurz in der Küche war, finde ich meinen Rechner kommentarlos ausgeschaltet und beim Hochfahren meldet er unvollständiges Herunterfahren. Ich beobachte welche Emotionen sich mit dem Zustand meines Rechners verbinden und versuche mich davon nicht beeindrucken zu lassen. Glücklicherweise gibt es automatische Speicherungssysteme…

Auf einer Basis von Unsicherheit und unvollständigen Informationen in Komplexität und fortwährenden Wandlungsprozessen zuverlässige Aussagen machen… kaum möglich. Ich hatte von diesem Problem gehört und gelesen. Es selbst zu erleben irritiert und befriedigt. Es macht weicher und toleranter. 

Im Hintergrund rauscht der Rechner bei seiner nicht endend wollenden Suche nach Updates, fördert dabei Ängste und lenkt zur Vorstellung von Bergen von anstehenden Problemen. Ablenkend und nicht entspannend!

Gleichzeitig fördern Unsicherheit und Orientierungslosigkeit die Frage nach dem Sinn aller Bemühungen. In diesem Augenblick habe ich den Verdacht damit Teilen des aktuellen Zeitgeistes nahe zu stehen. Von Tag zu Tag etwas am Funktionieren halten das zwar hinterfragt werden kann, doch es gibt kein Dort-soll-es-hingehen als Orientierung und Perspektive.

Mein üblicher Umfang eines Blogeintrags ist damit erreicht. Das Problem ist angerissen, aber nicht geklärt. Die Auseinandersetzung selbst bietet Input zum Weiterdenken. Ob und wann es ein Weiterschreiben geben wird, wird sich zeigen. 

Der Rechner sucht immer noch nach Updates…

Ich bin zufriedener und unglücklich…

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