Bildungsmäuschen

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Nach der PV … noch weiter

In meinem letzten Blogeintrag war ich sicher, dass Themen im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus jetzt erst einmal keine Rolle für mich spielen werden und ich mich voll und ganz auf die Emotionen konzentrieren kann, doch so funktioniert das einfach nicht. Ich und die deutsche Gesellschaft sind nicht davon trennbar. Da sind die Erinnerungen, die Orte, die Menschen, das „Geistesgut“ – es ist allgegenwärtig. Es sind sogar die Wälder, Wiesen, Felder, Berge und Bäume. Es gibt kein Entkommen. Die einzige Möglichkeit besteht darin die Augen weit zu öffnen und den Schrecken anzunehmen. Auch wenn es zum Heulen ist.

Ich habe mir von der Gedenkstätte der Wewelsburg zwei Bücher mitgebracht. Das eine ist eine aus Frankreich stammende Ethik für Kinder [1], das andere thematisiert die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus [2], etwas das für die Aktivitäten von Himmler wichtig ist, aber zu den Themen gehört, die bei der PV unter den Tisch gefallen sind. Ich habe begonnen es nachts im Bett zu lesen.

Ich arbeite momentan so, dass ich für nicht notwendige Dinge sage: „Gut eine Stunde ist dafür drin oder ein Zeitpunkt, wenn ich sowieso nicht mehr sinnvoll arbeiten kann.“ Seitdem hat die Vielfalt an Dingen die ich tue wieder zugenommen.

Das Buch erschreckt mich. Einerseits wegen der menschenverachtenden Teile der dahinter stehenden Ideologie, andererseits weil ich die dort beschriebenen Praktiken so gut kenne. Allerdings aus ganz anderen Zusammenhängen und nicht eingebettet in einen Weg, der zur nationalsozialistischen Herrschaft geführt hat. Doch genau nach dem Prinzip hat es funktioniert. Nach der Niederlage sind bestimmte Dinge unsichtbar gemacht worden, aber nach damaligen Maßstäben unverfängliche wurden unverändert beibehalten.

Mir ist wieder zum Heulen. Bei einer Ausstellungseröffnung zu einer langweilig präsentierten Ausstellung von Bildern von TOM sitzen meine alten Lehrer. Sie gehören zum kleinstädtischen kulturellen Establishment und versuchen sich eine Kultur anzueignen, die sie in der Vergangenheit gering geschätzt haben. Ihr Anblick lässt so vieles wieder aufsteigen. Neben mir steht ein Mensch, dessen Kultur Jahrzehnte später von seinen Lehrern ebenfalls gering geschätzt wurde. Jetzt hat er daraus einen Beruf gemacht, der in der Rangordnung der Betätigungen eine hohe Position einnimmt, und hat einmal überlegt zu einem dieser Ehemaligentreffen zu gehen und über sie zu lachen. Hat er nicht gemacht. Und meine alten Lehrer sitzen da auf ihren etablierten Plätzen und werden auf diesen sterben.

So funktioniert es.

Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus haben sich weit vor diesem entwickelt. Die Nazis konnten sich aus Fülle bedienen und ihr spezifisches Weltbild damit auspolstern oder sogar davon ableiten. Nach ihrer Entmachtung sind diese okkulten Ideen und Praktiken aber nicht verschwunden. Das Buch macht mir bewusst, wie viel ich von diesen Dingen kenne, da sie auf verschlungenen Wegen unhinterfragt in meinem Wissensbestand gelandet sind. Ohne Kontext ist aber der menschenverachtende Zusammenhang nicht leicht erkennbar.

Auf dem Schulhof haben sich drei Mädchen zusammengetan und provozieren einen Jungen so lange, bis er auf sie einschlägt. Ich habe versucht sowohl die Mädchen als auch den Jungen zurückzuhalten. Ohne Gewaltanwendung ist mir das nicht gelungen, und das Ergebnis ist, dass die Mädchen fordern, dass der Junge bestraft wird, denn sie haben ihn ja nicht gehauen, sondern er sie.

Ich rede und daher habe ich mit allen geredet. Neben einem Mangel an Vermögen den Standpunkt des anderen nachzuvollziehen, finde ich die Nutzung einer Unklarheit im System. Physische Gewalt ist nicht gestattet, aber psychische ist es. Das Mädchen, das am heftigsten argumentiert, lässt dabei sichtbar werden, dass sie genau weiß, dass sie etwas Mieses mit dem Jungen gemacht hat. Und genau das wollte sie, da sie der Ansicht war er hätte es verdient. Sie wollte es aber tun ohne selbst bestraft zu werden.

Ich funktioniere nicht wie erwartet und am Ende werde ich von den Mädchen beschuldigt. Später versuchen sie den Jungen von einer Kollegin bestrafen zu lassen.

Nichts verstanden. Das dahinter stehende Prinzip nicht verstanden. Umgeschwenkt auf legitimes, ungefährliches und unverfängliches. Wie Rushton, der dann eben statt Hautfarbe den Intelligenzquotienten benutzt, um Argumente zu liefern mit wem man sein eigenes Erbgut aufwerten sollte und mit wem nicht.

Fortschritt und Verbesserung auf den Fahnen und bereit dafür den Preis der Menschenverachtung und Menschenzerstörung zu zahlen. Sich das Recht nehmen zu bestimmen was Fortschritt und Verbesserung sein. Die Werte setzen. Und dafür Mittel der Beeindruckung verwenden. Dafür die Emotionen ansprechen und weitere innere Vorgänge. Es läuft erneut darauf hinaus, dass der am meisten Recht hat, der über Macht und Ressourcen verfügt.

Deshalb ist es so wichtig danach zu fragen was dahinter steht. Deshalb ist es wichtig Fragen stellen zu können. Und Fragen stellen zu dürfen. Zu lernen eingebettet in Zusammenhänge zu denken. Nichts ist losgelöst. In einer Kette von Zusammenhängen ist in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft eine Eiterbeule aufgeplatzt, die schon vorher bestand und danach nicht verheilt ist. Viele haben anschließend gefragt woraus es hervorgekommen ist, während es die Generationen im  Alltag nebenher weiter und weiter getragen haben, ohne zu verstehen, dass sie das weiter tragen aus dem sich der Nationalsozialismus entwickelt hat.

Auf der Mieterversammlung stellt sich heraus, dass es vor allem eine Person ist, die mit der Sauberkeit im Haus und der Umsetzung  der Hausordnung nicht zufrieden ist. Sie stellt die Forderung sich am Normalen zu orientieren. Als normal bezeichnet sie dabei ihre Vorstellungen, die aber in dieser Runde von niemandem geteilt werden. Irgendwann und irgendwo wurden diese Vorstellungen gebildet, als Normalität eingestuft und damit als etwas, das man von allen anderen auch einfordern kann.

Gesellschaften wandeln sich. Vielleicht kommen Menschen mit sehr unterschiedlichen Normalitätsvorstellungen zusammen. Alter, Herkunft oder Biografie spielen eine große Rolle bei den Vorstellungen von dem was denn wohl als normal eingestuft werden kann. Das allein reicht allerdings noch nicht aus. Dazu kommt noch die Bewertung. Ganz leicht schimmerte es bei der Mieterversammlung durch. Was ist hochwertiger? Und müssen das alle in gleichem Maß erbringen, um als Menschen den gleichen Wert zu besitzen? Muss man nicht Handikaps und besondere Lebenslagen in die Überlegungen einbeziehen? In der Mieterversammlung wurde aus vielen Stimmen ein Kompromiss gefunden. Keine setzte Machtmittel ein, um ihren Standpunkt den anderen aufzuzwingen.

Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus haben zuvor bestanden und sich anschließend  fortgesetzt. Vorstellungen wurden weitergegeben, bei denen es notwendig ist sie auf die Weitergabe von Strukturen zu hinterfragen. Auch noch nach vielen, vielen Jahren.

Zu häufig wird Bildung vor allem in Hinblick auf Kinder und Jugendliche wahrgenommen. Dabei ist sie eine gesellschaftliche Aufgabe für alle Generationen. Ich kenne jemanden, der stellt die für mich selbstverständlichsten Dinge in Frage, also fragt er auch danach was denn eigentlich DIESE Gesellschaft ist von der ich rede. In meiner Erklärungsnot nehme ich die erste Definition, die mir die Googleanzeige meines Smartphones liefert und die sich hinterher als reichlich unvollständig herausstellt. Ein Problem, das mir zuvor noch nicht so extrem aufgefallen ist. Ich hatte bisher kein Smartphone zur Verfügung.

Gesellschaft: „die Menschen, die in einem Land zu einer bestimmten Zeit unter bestimmten Verhältnissen zusammenleben.“

Diese unvollständige Definition zusammen mit dem Eindruck der Mieterversammlung stärkt später meine Überlegung, dass wir eigentlich alle fortwährend Input benötigen, der es uns ermöglicht die Situationen besser zu verstehen, mit denen wir im Alltag konfrontiert sind.

Ein Arbeitskollege meines Sohnes zeigte sich sehr verwundert darüber, wie dessen Mutter dazu kommt einen MOOC zur Einführung in die Programmierung mit Python abzuschließen. Meinen Dank an die Stereotypen! Auf der anderen Seite gibt es wieder Stimmen, die eine Forderung für lebenslanges Lernen als Zumutung begreifen oder nur die ökonomische Verwertung im Augen haben und bei fortschreitendem Alter auf eine mangelnde Bildungsrendite verweisen. Ein spannender Themenbereich! Was die Zeit des Nationalsozialismus in einer Kette von Vorgängen angeht, so ist diese jetzt ein Beleg für mich, dass Bildung und Weiterbildung in jedem Alter Sinn machen.

Im aktuellen Bezug bedeutet es zu wissen woher das Gedankengut kommt, das Einwanderer aus als leistungsschwächer verorteten Ländern oder den Islam an sich als Bedrohung versteht. Durch welche Details wurden diese Vorstellungen emotional getaggt weitergegeben? Was für eine Bedrohung wird da eigentlich empfunden? Die Minderwertigkeit des Nichtarischen hat sich sprachlich gewandelt, doch die Struktur der Vorstellungen ist die Gleiche geblieben. Sie wurde zur Selbstverständlichkeit, weil sie sich in den Kleinigkeiten des Alltags eingenistet hat. „Wir sind das Volk.“ Wir haben Recht weil wir so wahrnehmen und fühlen. Das ist die Normalität.

Normalität wurde geschaffen. Stück für Stück, Detail für Detail. Meine und deine. Damit fühlen wir uns wohl oder unwohl. Bildung sollte helfen zu verstehen, dass es sich um Konstrukte handelt. Um Abstand nehmen zu können. Um Bewertungen zu hinterfragen. Um sich selbst zu hinterfragen.

Ich weiß, dass ich meine alten Lehrer nicht als die Personen wahrnehme, die sie momentan tatsächlich sind, sondern dass ich sie zu Typen verzerre. Ich entschuldige mich dafür bei euch.

Referenzen:

[1] Labbé, B. & Puech, M. (2005). Was verbindet die Welt? Ethik für Kinder. Bindlach: Loewe.

[2] Goodrick-Clarke, N. (2014), 5. Aufl. Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus. Wiesbaden: Marixverlag.

Zusammenfügen

Erkältungszeit und mich hat es so stark erwischt, dass ich alle Aktivitäten fern meines Sofas auf ein Minimum beschränke. Ich denke an die Werbungen, die versuchen meine Emotionen zu beeinflussen, um mir zu vermitteln, ich müsse nur das richtige Medikament nehmen und dann wäre ich wieder fit und leistungsfähig. Und genau so müsse ich mich auch verhalten, denn das sei der richtige, der moderne Weg.

Ich bin froh, dass ich erkältet sein darf. Dass ich krank sein und mir eine Auszeit gönnen darf. Es ist unangenehm, ja, für einen Moment falle ich aber aus allem heraus, lasse los und mich treiben.

Das Netz ist ein fantastisch Ding. Und die uns zur Verfügung stehende Hardware ist es auch. Richtig magisch. Bei hochgedrehter Heizung, unter zwei Decken frierend, stoße ich unter Verwendung eines winzigen Gerätes namens Smartphone und einer so grandiosen Erfindung wie einer WLAN-Verbindung zur Kontaktaufnahme mit der Fülle an Informationen der Welt (meine erste Begegnung mit Rechnern stammt aus den 1980ern, das waren diese Teile, die zur Kühlung in extra Räumen untergebracht wurden und nicht für die Verwendung von Privatpersonen gedacht waren) auf einen Namen der mein Interesse weckt. Aaron Swartz. Und auf einen Film. The Internet’s Own Boy.

Über 100 Minuten. Ich bin krank, ich habe Zeit, ich brauche Ablenkung. Am Ende des Films heule ich und weiß wieder, was für mich am Netz so bedeutungsvoll ist. Es ist alles wieder da, die Partizipation, das Engagement, der offene Zugang zu Informationen und die Möglichkeit von Bildung für alle. Hervorleuchtend zwischen wild wucherndem Konsum und alles vereinnahmender Ökonomie. Das Netz enthält von seiner Struktur her die Möglichkeit des Zugangs zum Wissen der Welt von jedem Ort der Welt aus. Das kann so sehr das Leben verändern und es ist gut so. Dieser Zugang zu Bildungsmöglichkeiten muss grundsätzlich für alle in gleichem Maß möglich sein. Es gibt genug andere Unterschiede, die eine gleiche Nutzung erschweren oder verhindern.

Die Emotionen sind selbstverständlich auch da und die Problematiken von Differenz. Außerdem die Bedeutung des Nach-Denkens, bzw. der Reflexion und die Ideale der Aufklärung. Es fügt sich alles zusammen. Menschen brauchen das, dieses Sinn-Machen.

Wälder, Dörfer, Nazis

Das mit der Selbstdisziplinierung hat dann wohl nicht so ganz geklappt. Fünf Stunden angepeilt, gefühlt hart geschuftet, versucht eine Struktur zu erstellen, zwischendurch Musik in Endlosschleife laufen lassen, fortwährend Tee gekocht, den ersten Ansatz wieder umgeworfen, einen neuen Ansatz probiert, an der Vollständigkeit gezweifelt, im letzten Teil keine Idee mehr dazu gehabt wie ich das, worum es mir geht, überhaupt formulieren soll, wie ich es in den Griff bekomme.

Nach gut drei Stunden einkaufen gegangen, gekocht, gegessen, zum Spieleabend gegangen, dort kein Wort davon erzählt, dafür Emotionen beobachtet und ausprobiert wie ein Spiel verläuft, wenn ich nicht der Logik folge, die das Spiel nahe legt. Was geschieht wenn der Sinn meines Handelns nicht mehr erkennbar ist und schaffe ich es den Wunsch zu siegen aufzugeben? (Habe ich nicht und dadurch ging dann alles durcheinander. Ein Spiel, zu dem ich eigentlich keine Lust hatte und zu dem ich mich den anderen zuliebe überwunden habe, wurde allerdings am Ende zu einer interessanten Erfahrung. Das könnte durchaus eine Inspiration für den Umgang mit der BA sein.)

Zuhause noch viel reflektierend über den Abend geredet, dann geschlafen. Und dann waren sie wieder da. In meinen Überlegungen. Die Nazis.

Ich glaube langsam, es liegt am Alter. In meiner Fernsehzeitung auf der Klatschseite wurde von Leonardo Dicaprio berichtet, dass er sagte, seine Mutter deutscher Herkunft würde, sehr deutsch, mit zunehmendem Alter immer ehrlicher und direkter werden. Dass sie, seit sie in Rente ist, scheint beschlossen zu haben, dass sie damit das Recht erworben hat rücksichtslos ehrlich zu sein.

Das ist Klatsch, nun ja – aber, es ist durchaus Teil der Vorstellungen unterschiedlicher Kulturen von älteren Frauen, dass diese eine ganz andere Rolle als vorher einnehmen können. So dürfen sie etwas anderes als vorher tun oder sie tun es eben einfach. In meinem Fall fühlt es sich an wie die ausstehende Abrechnung mit dem langsam immer erkennbarer werdenden negativen Einfluss auf den Verlauf meines Lebens. Durch den Nazigeist.

An einem der Wege, auf denen ich mich regelmäßig bewege, sind seit geraumer Zeit Aufkleber an jedem Laternen- und sonstigen Pfahl: Wälder, Dörfer, Nazis. Und immer wieder. Wälder, Dörfer, Nazis. Ich mache jetzt manchmal ein Spiel daraus und wiederhole es schnell hintereinander mehrmals. Wälder, Dörfer, Nazis. Ein toller Effekt. Das Ganze ist so genial. Wälder, Dörfer, Nazis. Mehr braucht es nicht um das Problem zu benennen. Daher besten Dank all ihr daran Beteiligten für eure Genialität! Diese Wortfolge ist wie ein Hammerschlag, der zwischen dem Gestein der Normalität die braunen Klumpen heraus spritzen lässt. Wälder, Dörfer, Nazis.

Ich habe mir als Kind Unterstützung gesucht und sie in der Geschichte der Native Americans gefunden. Ich habe vor gefühlt langer Zeit an einem MOOC zu Aboriginal Worldviews and Education teilgenommen, der genau das zum Thema hatte, was das Video oben darstellt. Beim Anschauen sind auch beim fünften Mal meine Emotionen noch so heftig, dass meine Nase zu bluten beginnt. Ich bin so froh über diesen Weg den sie beschreiben, um sich aus den Lasten der Vergangenheit zu befreien, über das Bestreben zu heilen und auf dem Weg über Bildung die Vorfahren stolz zu machen.

Heilung benötige ich auch, ich habe aber keine biologischen Vorfahren, die ich stolz machen könnte, in dieser Lösung trennen sich unsere Wege.

Wälder, Dörfer, Nazis. Die Fortführung des Gedankenguts verbirgt sich in der Normalität. Das macht sein Erkennen, Benennen und Abwehren für mich so schwierig. Es sind Emotionen, die mir helfen, doch Emotionen und Denken müssen dabei in geeigneter Weise zusammenarbeiten. Die Emotionen zeigen dem Denken den Weg und das Denken liefert den Emotionen die Begründungen. Doch das Denken muss dabei in die richtige Richtung deuten. Und dafür benötigt es geeigneten Input meiner geistigen Verwandten.

Doch nun zurück zum Beginn. Da ist ja nicht nur die BA mit ihren Anforderungen. Das ist auch der Alltag mit seinen Konflikten. Da sind Veränderungsprozesse, die angestoßen wurden, da sind Begegnungen und Situationen, die neu bedacht werden müssen. Dinge bleiben nicht wie sie einmal waren. Erkenntnisprozesse ändern den Blickwinkel und haben anderes Handeln als Konsequenz, bieten Raum für neue Möglichkeiten. Und werfen neue Fragen auf. Zwischendurch. Und erfordern und fressen Zeit.

Damit wieder zurück zur Selbstdisziplin, wenn die Zeit noch ausreicht. Oder zu einer Bachelorspielidee, um mit den unangenehmen Emotionen besser umgehen zu können.

Nachtrag am 6.1.15: Auf den Zetteln steht nicht Wälder, Dörfer, Nazis. Das ist das, was mein Kopf für mich passend anpasst. Auf den Zetteln steht Wiesen, Wälder, Neonazis. Das Motto einer Kampagne zur Bekämpfung rechter Strukturen in Hessen.

Ein nostalgischer Adventskalender

Zu Beginn des Monat hatte ich den folgenden Blogeintrag geschrieben, aber noch nicht veröffentlicht, da ich noch nicht wusste, wie sich die Geschichte weiter entwickeln wird:

Früher gab es in unserer Schulbetreuung im Dezember einen Adventskalender. Dann wurden es immer mehr Kinder, die zur Gruppe gehören, es gab immer mehr Fluktuation und dieses Jahr hatte dann niemand mehr einen Adventskalender geplant. Etwas zu verteilen hat nicht mehr gut funktioniert.

Ich selbst habe zwei Kalender. Einen mit Schokolade und einen nostalgischen. Der ist wie früher in meiner Kindheit. Als Motiv einen weihnachtlich geschmückten Spielzeugladen und hinter den Türchen kleine Bilder. Die Idee, den dieses Jahr zu benutzen, hatte ich in einem Kiosk, in dem die Verkäuferin für den Laden gerade einen Werbeadventskalender auspackte. Ich hatte vor einigen Jahren in einem Mülleimer mehrere dieser nostalgischen Adventskalender gefunden, original verpackt, keine Ahnung wie sie dort gelandete waren.

Jetzt hängt einer dieser Kalender in der Betreuung am Fenster und ich bin sehr überrascht über die Wirkung. Es war eine spontane Idee und ich hatte mir gar nichts weiter dabei gedacht, außer dass es dabei ja keinen Ärger darüber geben kann, wenn ein Kind etwas bekommt und die anderen nicht.

Ich hätte nie gedacht, dass heutigen Kindern eine so altertümliche Form Freude machen könnte. Aber es ist so. Und der Umgang damit ist zudem sehr friedlich. Irgendein Kind oder mehrere Kinder suchen das tägliche Türchen, es wird geöffnet und gestern hörte ich ein Kind (1.Klasse) sagen. „Oh ist das ein schöner Stern!“ Irgendwann im Lauf des Tages saß ein anderes Kind eine ganze Weile davor und schaute sich den Kalender genauer an. Hinter dem Kalender kann man durch das Fenster den kleinen Schulgarten sehen.

Ein Junge kam sogar auf die Idee selber einen solchen Kalender machen zu wollen. Mit meiner Beratung und Unterstützung konnte er das Projekt am gleichen Tag abschließen. Hat zwar nicht alles optimal funktioniert, die Idee wurde aber auch von anderen Kindern überlegt.

Inzwischen ist die Warte-Zeit bis Weihnachten fast um und ich bin mit der Lösung immer noch sehr zufrieden. Es gab wegen dem Kalender keinen Ärger, keinen Stress und er ist eine sinnvolle Bereicherung. Er hat seine Count-down-Funktion bisher gut, unkompliziert und ohne großen Aufwand erfüllt.

Zwischendurch war ich mit einem Kind konfrontiert, das einige Tage hintereinander mit den Spielzeugen aus seinem häuslichen Kalender in der Betreuung erschien. Es handelte sich dabei vor allem um Plastikgegenstände, die zusammen ein Thema ergaben. Ich stellte mir vor, wie der Stapel von Tag zu Tag wächst, wie sich Kisten im Verlauf der Jahre füllen und wusste: nein, so etwas will ich nicht mehr. Genauso wenig wie eine Fixierung auf Süßes und Schokolade.

Ich habe momentan ein großes Problem mit einer gesellschaftlichen Ausrichtung an Überfülle und permanentem Wachstum bei gleichzeitigem weltweitem Verbrauch von nicht erneuerbaren Rohstoffen, Artensterben und dem Verschwinden von mehr und mehr traditionellen Lebens- und Wirtschaftsformen bei einer zunehmenden weltweiten Ausrichtung auf den übermäßig verschwenderischen Lebensstil der führenden Wirtschaftsnationen. Eine kürzlich gefundene Sendung von arte auf YouTube trifft diese Problematik sehr gut.

Es ist Adventszeit und ich komme nicht umhin mich zu fragen was für mich in dem ganzen Rummel in Hinblick auf Weihnachten einen Sinn ergibt. Adventskerzen sind wunderbar. Jede Woche wird es ein wenig heller. Ein Count-down ist auch gut. Wunderbar zu sehen wie die Tage vergehen und die Zeit bis zum Ereignis abnimmt. Aber ein Geschenk muss nicht dabei sein. Jahresabschlussfeiern sind ebenfalls gut, genauso wie kleine Geschenke als Dank für das vergangene Jahr. Und dann kommt – was?

Was ist das Besondere an Weihnachten in einer Gesellschaft des Überflusses? Noch mehr materielle Dinge? Oder eher etwas anderes? Meine momentane Antwort ist Zeit zum Nachdenken und Kommunizieren in einer angenehmen, entspannten Umgebung. In gewisser Weise wird das von den Begriffe Liebe und Frieden getroffen. Im ersten Weltkrieg gab es Soldaten, die Weihnachten Waffenruhe hielten und sich gegenseitig besuchten. In unseren Breiten ist es außerdem Weihnachten kalt und dunkel. Wärme ist da gut und Licht und ein sicherer Ort. Etwas Besonderes zum Essen benötige ich allerdings nicht, so gut genährt wie ich jeden Tag werde.

Eben gerade habe ich einen riesigen Packen Werbung für Weihnachtseinkäufe aus dem Briefkasten gefischt. Das erste Mal brennen vier Kerzen am Adventskranz und vor meinem Fenster färbt der Sonnenaufgang erst den Horizont und dann einen Teil des Himmels immer intensiver gelb-orange-rot. Eine Krähe sitzt auf einer Lärchenspitze und wendet den Kopf hin und her. Es ist Sonntag und noch sehr still.

Ich muss mich damit auseinandersetzen wie ich Weihnachten haben möchte, darum komme ich nicht herum.

Zwischen den Feldsträucher hängt noch morgendlicher Dunst und verzaubert die Hügel. In den Appalachen wurden bisher mehr als 500 Berggipfel für den Bergbau abgetragen. Das ist nicht fern, das ist ganz dicht, direkt vor meiner Haustüre, denn es ist die gleiche Erde.

Ich muss mich damit auseinandersetzen wie ich Weihnachten haben will. Containerladungen voller Güter werden über tausende von Kilometern heran geschifft, um sie denen zu verkaufen, die sie sich leisten können. Angebote über Angebote drängen sich über vielfältige Kanäle den potentiellen Kunden auf, um zum Jahresende die Umsätze noch einmal zu erhöhen.

Ich denke, mir ist sehr nach Konsumverzicht.

Ende des Blogs erreicht?

Über eine lange Zeit war das Blogschreiben für mich und mein  Lernen von großer Bedeutung. Sehr häufig bin ich nachts oder am frühen Morgen aufgestanden und habe meine aktuellen Gedanken aufgeschrieben. Ich habe sie dabei geordnet, ihnen eine andere Struktur gegeben und neue Gedanken entwickelt. In den letzten Wochen hat sich das allerdings geändert. Ich habe zwar gelegentlich noch neue Beiträge begonnen, aber nicht mehr fertig gestellt.

Noch einmal will ich nun versuchen den Blog zu benutzen, um dabei der Frage nachzugehen, was geschehen ist, denn ich finde mich verändert vor und bin über mein eigenes Verhalten verwundert.

  • Ich kann zuhause relaxen und entspannen und fühle mich nicht mehr in einem ständigen Druck zu lesen und nachzudenken.
  • Ich bleibe in Arbeitssituationen, die mich sonst in Spannungszustände versetzt haben, ungewöhnlich entspannt.
  • Ich analysiere Situationen in Bezug auf eine Problemlösung und wende dies auch in Gesprächen an.

Die Beobachtung meines gesamten Verhaltens legt den Schluss nahe, dass ich mir einerseits für mich wichtige Fragen beantworten konnte, und dass sich andererseits auf der Ebene der Emotionen etwas aufgelöst hat, das mich sehr lange belastet hat. Ist das Lernen? Ja, es ist Lernen. Aber was für eine Art von Lernen?

Mit dem Begriff Lernen komme ich nicht so recht weiter. Ich schwenke um auf den Begriff Bildung. Ich lerne etwas, aber ich bilde mich oder werde gebildet. Das eine zielt für mich vom Begriff her auf etwas, das ich von außen nach innen nehme, das ich mir aneigne. Das andere aber bezieht sich auf das was mit meiner Person geschieht. Die Veränderungsprozesse, die durch das Lernen angestoßen werden und etwas anderes aus mir machen als ich zuvor gewesen bin.

In meiner Erinnerung treten für die letzten Wochen zwei wichtige Erfahrungen in Bezug auf meine eigene Person hervor. Die eine ist das Nacherleben (so funktionieren Erinnerungen an Emotionen) alter unangenehmer emotionaler Erregungszustände und die dabei möglich werdende Neubetrachtung. Die andere ist die Erkenntnis, dass sich Sozialwissenschaften mit komplexen, uneindeutigen Vorgängen beschäftigen und nichts, aber auch gar nichts, an ihnen minderwertig ist im Vergleich zu anderen wissenschaftlichen Disziplinen. Im Gegenteil. Derart komplex und uneindeutig denken zu müssen und zu können, wie es soziale Vorgänge erfordern, ist ausgesprochen anspruchsvoll.

Mich macht beides schweigsamer, da es mich entspannt. Ich muss nicht mehr mit meinen eigenen Schatten kämpfen und ich muss mich nicht mehr dafür schämen, dass ich mich für minderwertiges Zeug interessiere statt für Dinge, die sich lukrativ verwerten lassen. Ich muss weder für mich noch für die Ausrichtung meiner Interessen kämpfen, ich benötige dafür keine Akzeptanz oder Bestätigung mehr von außen, denn ich verstehe.

Ich weiß nicht wie es jetzt weiter gehen wird und genau das ist logisch. Ich schaue auf das Leben und die Bestrebungen darin und muss neue Bewertungen vornehmen. Ich verfüge über Befähigungen, die ich vorher nicht hatte und die mir neue Möglichkeiten eröffnen. Mir fehlen allerdings auch Motivationen auf Grund von inneren Konflikten, die mich und mein Handeln zuvor bestimmt haben. Bei einem Rückblick wird mir klar, dass ich durchaus genau das wollte, als ich mich mit dem Thema Emotionen beschäftigt habe. Da war etwas zu klären und zu ändern.

Nun ist es anders. Wie soll ich einschätzen können was jetzt kommen soll?

Todenhöfer und Christian E.

Ich kenne einen Mann, der das Interview zwischen Todenhöfer und Abu Qatadah alias Christian Emde zufällig im Fernsehen gesehen hat. Er hat mir erzählt, dass er dadurch weinen musste.

Er hat mir schon vor einigen Jahren von diesem Neffen erzählt und was mit ihm los ist, doch ich habe es nur am Rande wahrgenommen. Auch bei dem Telefongespräch gestern habe ich nicht viel aus ihm herausbekommen, allerdings genug um das Interview zu finden. Dieser Mann kennt die familiären Wurzeln aus denen die Affinität zu der hier vertretenen Haltung erwachsen ist aus eigener leidvoller Erfahrung, die einen destruktiven Einfluss auf sein ganzes Leben hatte. Es hätte auch eine andere Ideologie sein können, mit Islam oder Gottesgläubigkeit hat es alles letztlich wenig zu tun. Die unbewältigten Sünden der Vorväter setzen die Kette des Leidens fort und führen dabei zu Identifikation mit den Tätern oder einem lebenslangen Kampf, um den Zumutungen und Verstrickungen der Vergangenheit zu entkommen.

Das ist kein Islam. Es ist die Fortsetzung des Nationalsozialismus unter anderem Namen. Möglich gemacht auf dem düngenden Boden familiärer Strukturen, die behindern, dass sich Menschen zu Toleranz, Verständnis, Vertrauen, Solidarität entwickeln können. Es ist Gewalt und Unterdrückung und Menschenverachtung und die Vorstellung, dass es eine Überlegenheit gibt, aus der sich Rechte über das Leben anderer ableiten.

Die Worte dieses Interviews haben einen Menschen zum Weinen gebracht, dessen leidvolle Familiengeschichte vor seinen Augen dabei als Schrecken aufgestanden ist. Der Großvater des Täters war der Tyrann seiner eigenen Familie. Der Enkel möchte die ganze Welt seinen Vorstellungen unterwerfen. Und wer seinen Vorstellungen nicht folgt, verdient Bestrafung und Tod. Die Kette setzt sich fort, die Geisteshaltung wird weitergetragen und sucht sich einen passenden Ort zu ihrer Verwirklichung.

Das ist kein Islam. Es sind menschenfeindliche Haltungen verknüpft mit Dominanzstreben, die sich Rechtfertigung und Absicherung suchen. Ich ehre den Mann der Tränen vergießen musste und mir davon erzählt hat. Aus den Schrecken der Vergangenheit sind auch ganz andere Blüten erwachsen!

Das Reich der Zweifel

Visualisiert ist es eine Schlammlawine, in die sich die Oberfläche eines Gebirges während eines Unwetters verwandelt. Es gibt keinen Halt mehr, der Boden unter den Füßen ist in Bewegung, eine Orientierung ist schwierig und die ganze Situation fühlt sich unsicher an. Konkret ist es die Geschwindigkeit und die Fülle der gleichzeitig verlaufenden Veränderungsprozesse. Was gestern noch gültig war, ist es heute nicht mehr, und das was jetzt gültig ist, wird es in der Zukunft nicht mehr sein. In meinem Kopf existiert dabei alles gleichzeitig. Vergangenheit, Gegenwart und vorgestellte Zukunft. Zweifel ist ein Zustand der Unsicherheit. Mir bleibt nichts anderes übrig als loszulassen. Wo ich vorher noch sagen konnte, so ist es, da muss ich jetzt sagen, früher war es so, jetzt ist es anders und wie es in der Zukunft sein wird, das weiß ich nicht. Ich kann kaum Antworten geben, nur haufenweise Fragen stellen.

Lebe den Moment, ist eine der Antworten, die Menschen für solche Situationen gefunden haben. Sei jetzt und hier da. Handele nach dem was du jetzt vorfindest. Plane…nun an dem Punkt wird es etwas komplizierter. Plane auf der Basis von vermutetem Bekanntem das Ungewisse. Plane von heute auf morgen. Setze Tag für Tag aneinander.

Einen zweifelsfreien Beleg dafür, dass dies eine sinnvolle Methode ist, habe ich in der Schlammlawine steckend nicht.