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Die Widersprüche der Aufklärung

In allen Einrichtungen für Kinder in denen ich arbeite, grassieren seit Monaten Krankheiten. Manche davon kehren immer wieder, und in der einen Einrichtung wurden jetzt Regeln dafür ausgehängt wie lange Kinder und Mitarbeiter zuhause bleiben sollen, wenn sie davon betroffen sind. Es ist dadurch alles etwas anders, Kindergruppen sind anders zusammengesetzt, Mitarbeiter übernehmen andere Arbeiten als sonst, Abläufe werden umgebaut, Gewohntes durchbrochen. Mir hat das ganz neue Eindrücke geliefert. Zum Lesen und Schreiben von Texten bin ich in der letzten Woche allerdings kaum gekommen, zum Reflektieren jedoch in gewohntem Umfang, denn das lässt sich gut in den Zeiten machen in denen Körper und Geist Ruhe benötigen. Reflektieren ist die Bearbeitung des Aufgenommenen und hilft dabei Dinge zu klären, zu Schlüssen zu kommen und neue Pläne zu entwickeln. Inzwischen bin ich allerdings selber nicht mehr ganz gesund. Mehr Zeit mit Krankheitserregern im Umfeld, mehr Risiko der Ansteckung?

Beim Herumliegen-müssen, aber nicht richtig schlafen können, gefangen in einem Körper der sich beschädigt anfühlt, schweifen meine Gedanken durch die Erfahrungen der letzten Woche, meine Lektüre der letzten Zeit und die Aktivitäten im Netz. Es kommt zu einer Reflexion über größere Zusammenhänge.

Auf der einen Seite fügt eine erneute Beschäftigung mit der Zeit der Aufklärung dem was mich umtreibt erstaunlich Zusammenhänge bei. Ich komme nur in sehr kleinen Portionen voran, gewissermaßen im Schneckentempo, den Anlass für mein Interesse haben dabei die Anregungen der letzten Präsenzveranstaltung Mitte Februar geliefert.

Für die Lektüre habe ich mir einer sehr kompakte, gut verständliche Zusammenfassung von Barbara Stollberg-Rilinger zur Aufklärung gewählt sowie von Rainer Roth Sklaverei als Menschenrecht. Rassismus und damit verbunden Sklaverei gehören zu den dunklen Seiten der Aufklärung. Dunkle Seiten zu betrachten erlaubt eine Prüfung der Konsistenz von Vorstellungen und ihrer Umsetzung.

Ich bin schon sehr frühzeitig auf diese Methode gestoßen, da ich bereits als kleines Kind mit für mich unlösbaren Widersprüchen konfrontiert wurde. Hier ergibt sich auch der Zusammenhang mit meinem Interesse an Emotionen. Widersprüche werden häufig in einer nicht sofort beschreibbaren Form wahrgenommen. Gerade für Kinder sind sie häufig nur über den Weg von Emotionen wahrnehmbar. Widersprüchliche Anforderungen, sich widersprechende Äußerungen und Verhaltensweisen aus denen keine Konsistenz gewonnen werden kann, führen zu Erregungszuständen. Diese Zustände werden als Emotionen wahrgenommen und verarbeitet. Sie liefern Informationen über die Welt, die noch nicht reflektiert werden können. Es kommt noch nicht zu einem bewussten Verstehen, das Verstehen bleibt auf einer Ebene des unbewussten unreflektierten Wissens. Aber auch in dieser Form bleibt es vorhanden, kann hervorgeholt und bearbeitet werden.

Rainer Roth wurde 1944 geboren und war Professor für Sozialwissenschaften. Sein  Buch ist im Jahr 2015 erschienen und kann über den DVS Verlag in Frankfurt bezogen werden. Das ist nur direkt oder über eine Buchhandlung möglich. Die Versandkosten sind im günstigen Preis inbegriffen. Rainer Roth hat eine Mission und noch viel vor. Das Buch ist Teil des Plans einer umfassenden Kritik der bürgerlichen Revolution und als nächster Band soll Lohnsklaverei als Menschenrecht folgen.

Mich hat der Titel elektrisiert und der Inhalt führt zu große Augen. Die Beschäftigung mit der Geschichte der Sklaverei hat in der Vergangenheit bei mir viele Tränen ausgelöst. Die Beschäftigung mit den Menschenrechten hat dagegen Freude in mir aufkommen lassen. Die modernen Menschenrechte dienen mir immer noch als eine Orientierung.

Nun kommen mein Hintergrund der Fragen nach der Bedeutung der Emotionen mit einem Blick auf die Aufklärung zusammen, die diese Zeit für mich aus der Sicht der Menschen, die damals gelebt haben, aus der Situation heraus, in der sie sich befunden haben, nachvollziehbarer macht als zuvor. Die Aufklärung war weder plötzlich da, noch war sie einheitlich. Sie hat sich auch nie auf alle Menschen bezogen und bedeutete das Ringen um eine Strukturveränderung, durch die Machtverhältnisse anders als zuvor verteilt wurden.

Hier passt dann wieder das Buch von Roth hinein und ich beschließe mich jetzt endlich einmal auch mit der Dialektik der Aufklärung von Horkheimer und Adorno zu befassen.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit galten nie für alle Menschen. Das ist bis heute so geblieben. Auf der einen Seite findet sich daher eine Ideologie, die scheinbar allen Menschen gleichermaßen ein Versprechen gibt, das aber auf der anderen Seite nicht eingelöst wird. Dafür müssen Begründungen gefunden werden, vernünftige Begründungen, denn der Geist der Aufklärung wendet sich vom Glauben ab und dem Verstehen zu. So kommt es unter anderem zu einer Vielzahl von Zuschreibungen in Bezug auf Gruppen von Menschen. In diesen Zusammenhang lässt sich wiederum das Syndrom der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit von Heitmeyer stellen.

Die Aufklärung förderte den Rassismus und sie förderte die Sklaverei. Sind bestimmte Menschen von einer anderen Art, so müssen sie nicht als Gleiche behandelt werden. Dadurch können im Zusammenhang mit Sklaverei je nach Bedarf Gruppen bestimmt werden, die dem Vieh gleichgestellt sind und rechtlich abgesichert zum verfügbaren Besitz ihrer Herren bestimmt werden können.

Es ist eine alte Geschichte und emotional tief verankert. Im Netz habe ich eine Karte gesehen auf der Orte gepinnt waren, an denen Aktivitäten zur Woche des Rassismus stattfinden. Vor meinen Augen sehe ich die Erscheinungen der Welt mit Pins und jeder Pin enthält zwei Anhänger. Auf dem einen sind Sterne für angenehme, positive Emotionen, auf der anderen Sterne für unangenehme, negative Emotionen. Alle Erscheinungen sind in irgendeiner Weise mit beiden Ausprägungen von Emotionen besetzt, die jeweils eine Gesamteinschätzung liefern.

Unsere kulturellen Vorstellungsbilder wurden und werden Tag für Tag weitergegeben. Wir haben keinen zwingenden Grund zu rekonstruieren woher unsere Einschätzungen und Selbstverständlichkeiten kommen. Wir können in der Komplexität sozialer Vorgänge sowieso nicht vollständig nachvollziehbar machen weshalb wir bestimmte Dinge positiv, andere negativ einschätzen, weshalb wir das eine als normal, das andere als nicht normal zuordnen. Warum wir daher das eine meiden und bekämpfen und als falsch einschätzen, das andere wiederum bevorzugen, uns damit wohl fühlen und als richtig einstufen.

In Bildungskontexten geben wir das alles weiter. Ungleichwertigkeit ist Bestandteil unserer Kultur. Unsere Ideale scheinen allerdings etwas anderes vorzusehen. Daher kommt es fortdauernd zu Widersprüchen und Unstimmigkeiten. Diese wiederum werden durchaus wahrgenommen, eben auch auf der Ebene der Emotionen. Die Gründe dafür werden aber nicht zwangsläufig verstanden. Negative Emotionen führen ggf. zu Abwehr- und Vermeidungsverhalten, positive zu Bevorzugungen.

Nach meiner Einschätzung ist ein Verstehen und Aufdecken dieser Vorgänge möglich, allerdings nicht ihre Beseitigung.

Damit sehe ich mich momentan in Bildungskontexten konfrontiert und ich finde es sehr schwierig damit umzugehen. Es ist so wie in den Situationen wenn ich etwas Unübliches mit einer Kindergruppe mache und von den einen Eltern wird das als gute Idee und sehr positiv eingeschätzt und die anderen Eltern halten es für unverantwortlich. Es gibt dafür keine zufriedenstellende Lösung. Was bleibt ist die fortdauernde Reflexion und wenn möglich Kommunikation.

Damit bin ich bei den Netzaktivitäten angelangt. Seit ich ein Smartphone besitze, nutze ich das Netz anders. Seitdem ich veranlasst durch einen Kurs zur Sicherheit in sozialen Netzwerken bestimmte Änderungen in den Einstellungen bei Facebook vorgenommen habe, bekomme ich eine andere Auswahl an Nachrichten. Es ist wesentlich auffälliger geworden dass ich mich in einer Filterblase aufhalte, gleichzeitig motiviert mich Größe und Art der Darstellung auf dem Smartphone sowie Eingabeart weniger mich zu äußern. Ich überfliege Nachrichten schneller ohne ihnen weiter nachzugehen oder schiebe sie gleich ganz weg. Dazu kommt, dass eine permanente Präsenz notwendig scheint, um bestimmte Dinge am Laufen zu halten. Von vielen Post fühle ich mich inzwischen auch genervt, weil sie hingeworfene Fetzen ohne ausreichenden Kontext und Konsequenzen sind. Lernen sollte zu Konsequenzen führen. Im Netz werden diese Konsequenzen für mich aber kaum sichtbar. Dazu kommt, dass vieles viel zu einseitig ist, Komplexität unzureichend abbildet und es Bereiche gibt in denen so etwas wie eine Übereinkunft zum Gut-drauf-sein und zum Alles-wird-immer-besser zu existieren scheint.

In meinem beruflichen Alltag nehme ich dagegen momentan keine von mir positiv zu bewerteten Veränderungen wahr. Alles was aufgewühlt war, beginnt sich wieder in einer gewohnten Form zu ordnen. Mein Eindruck ist dabei allerdings, dass die Qualität abgenommen hat. Dinge werden irgendwie getan, Konzepte, Ziele und Pläne werden für mich nicht sichtbar. Was ich aus meiner Position heraus wahrnehme läuft auf billig, willig, Masse statt Klasse und Filz hinaus.

In gewisser Weise passen die Wahlerfolge einer Partei wie der AfD dazu, die Lösungen anbietet, die schon in der Vergangenheit ganze Menschengruppen massiv benachteiligt und damit eigentlich keine Lösungen vorzuweisen haben.

Fazit für mich: Das Bildungssystem bleibt ein von der gesamten Gesellschaft untrennbares Teilsystem. Gesellschaftliche Widersprüche haben eine lange Tradition und finden sich auch dort. Sie können nicht im Bildungssystem selbst gelöst werden und das Bildungssystem selbst eignet sich daher nicht dafür Menschen zu befähigen gesellschaftliche Widersprüche aufzulösen. Was das Bildungssystem allerdings zu leisten vermag ist zu lernen diese Widersprüche zu erkennen und mit ihnen zu leben.

Referenzen:

Horkheimer, D. & Adorno, Th. W. (2006). Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. (16. Aufl.). Frankfurt: S.Fischer.

Roth, R. (2015). Sklaverei als Menschenrecht. Über die bürgerlichen Revolutionen in England, den USA und Frankreich. Frankfurt am Main: DVS.

Stollberg-Rilinger, B. (2011). Die Aufklärung. (2.überarbeitete und aktualisierte Ausgabe). Stuttgart: Reclam.

Nach der PV auf der Wewelsburg

Nach der Präsenzveranstaltung Erziehen um zu Diskriminieren auf der Wewelsburg ist einiges ein bisschen anders. Veränderungen und wodurch sie entstanden sind, das ist nicht immer leicht zu beschreiben, auch diese Mal werde ich nicht so recht schlau daraus. Ich habe ein paar Tage verstreichen lassen, andere Lerninhalte in mich eingefüllt und blicke jetzt noch einmal auf das zurück, was als bedeutsam hängen geblieben ist.

Es sind vor allem zwei Aussagen:

  1. Ungleichheit zwischen Menschen ist nicht an sich das Problem, Probleme ergeben sich aus der Annahme, dass Ungleichheit gleichzeitig Ungleichwertigkeit bedeutet.
  2. Wirklichkeit wird innerhalb einer Gesellschaft konstruiert. Auch das stellt kein Problem an sich dar. Probleme können sich allerdings durch den Inhalt der jeweiligen Wirklichkeitskonstruktion ergeben. Wer oder was wird dadurch benachteiligt, beschädigt, deformiert, gekränkt usw., wird dabei also geschädigt oder eingeschränkt. Schule ist untrennbarer Bestandteil dieser gesellschaftlichen Wirklichkeitskonstruktion.

Dazu kommt noch:

  • Die Aufklärung war darauf ausgerichtet einen idealen Menschen zu erschaffen. Daraus hat sich in bester Absicht ein rassistisches Weltbild entwickelt, das von den Nazis in spezifischer Weise differenziert wurde. Kant kann bereits den Kritikern der Aufklärung zugerechnet werden.
  • Ein Klassenzimmer ist genauso wie eine Betreuungsgruppe von Kindern ein Ort der Emotionen.
  • Ich verfüge über spontane Rituale zum Ausdruck von starken Emotionen, die ich allerdings in der Regel nur sehr versteckt verwende, wenn ich dabei beobachtet werde.

Es sind persönliche Listen. Die erste Liste stellt eine mich momentan zufriedenstellende Ausgangsbasis dar, die zweite Liste verweist auf das womit ich mich weiter beschäftigen möchte.

Die PV hat mir sehr viel Klarheit vermittelt. Wie sie das gemacht hat? Es war das Zusammenwirken von Ort, Referaten und Menschen. Es hat mir ermöglicht diese ganzen „Naziwelten“ hinter mir zu sehen, in der Vergangenheit. Weiterwirkend, ja, aber mir ist bewusst geworden wie viele Menschen daran gearbeitet haben und weiter daran arbeiten sie zu überwinden oder vielleicht auch nur ihr Weiterwirken abzuschwächen. Und dass es vollkommen berechtigt und vielleicht sogar eine Pflicht ist auf Faktoren hinzuweisen und gegen sie anzugehen, die den „Nazigeist“ fördern.

Mich hat das beruhigt. Und bei einer Fortbildung zum Down-Syndrom, in der auf den momentanen Stand der Frühdiagnostik und ihre Folgen eingegangen wurde, konnte ich eine Verbindung herstellen und habe sie auch geäußert. In gewisser Weise kann ich mich jetzt entlastet meinem eigentlichem Interesse zuwenden. Und das ist zu einem beträchtlichen Teil die Sortierung dessen, was da so alles mit den Emotionen los ist. in Bezug auf Bildung selbstverständlich.

Lesen im digitalen Zeitalter

Es fühlt sich an als sei der Zeitpunkt erreicht, an dem ich die Nase von den Verkrampfungen institutionaliserter Bildung voll habe.

Eine der Neuerwerbungen meiner städtischen Bücherei trägt den Titel Die digitale Revolution – Jugendliche lesen anders und hatte bei mir einen anderen Inhalt nahe gelegt als ich dann vorgefunden habe. Erwartet hatte ich eine Konzentration auf das aktuelle Leseverhalten von Jugendlichen, gefunden habe ich ein recht komplexes, aktuelles Werk über das Lesen an sich. Als Manga und Graphic Novel Fan, Bilder Lesende, Erziehungserfahrene, langjährige Vorlesepatin und als nach den Emotionen im Kontext von Bildung Angelnde bin ich mit dem Inhalt ausgesprochen zufrieden. Der Autor, Gerhard Falschlehner, kennt sich aus – mit dem Lesen und der Vielfalt aktueller Medien. Er ist etwa in meinem Alter, lässt seine vielfältigen persönlichen Erfahrungen in dem Buch durchscheinen und ist für mich auf Grund eigener Erfahrungen sehr gut nachvollziehbar.

Seine Herangehensweise ist komplex, Lesen ist für ihn ein umfassender Vorgang der Entschlüsselung von Bildern, Schrift und Informationen – ein multimodaler Vorgang und – er ist ein emotionaler Prozess. Genau so wie er es tut wünsche ich mir Emotionen eingebunden.

Ihm geht es um Leseförderung und ihm geht es auch um die etwa 20% an Kindern, die nie richtig lesen lernen. Für ihn spielt es keine Rolle wie und was gelesen wird. Er geht davon aus, dass jedes Kind etwas hat an dem es interessiert ist und dass es für die Förderung des Lesens keine Rolle spielt ob dafür Sammelkarten, Comics, Mangas, Straßenschilder, Zeitschriften, Bücher, Romanheftchen, SMS-Romane, Hörspiele oder Informationen in Videospielen verwendet werden. Alles was einen Anlass zum Lesen bietet ist geeignet. Was Interesse weckt und emotional bedeutsam ist motiviert. Daher stehen digitales Lesen, Lesen von Bildern sowie das Lesen von dreidimensionalen Informationssystemen gleichberechtigt neben den Medien eines traditionellen Leseverständnisses.

Sein Buch entkrampft. Doch auch er lässt Probleme mit dem schulischen Systems sichtbar werden – in Form einer dort verbreiteten eingeschränkten Sicht auf Lesen – und dieses Mal reicht es mir. Meine eigene Erfahrung belegt mir, dass er damit Recht hat, dass Lesen und Lernen vor allem eines sein sollen, etwas das man bereitwillig und wenn möglich auch gerne tut, weil die Sache selbst eine Bedeutung hat. „Lesen darf hemmungslos Spaß machen, urspannend und untief sein und auch unanständig; es darf trivial, kitschig, klischeehaft sein – so wie das Leben selbst.“ (Falschlehner, 2014, S. 198) Ich habe in meinem Leben alles gelesen was ich lesen wollte, darunter auch Bilder und Zeichen, gleichzeitig habe ich aber gelernt, dass es Normen für hoch- und minderwertiges Lesen gibt und dass für Bildung förderlich nur das Lesen gilt, das als hochwertig eingestuft wird.

Das kann zu einer Schädigung der emotionalen Bewertung des Lesens führen, zu einer Blockade des Flusses (Flow), zu Beschränkung, Einengung und letztlich Diskriminierung. Es ist dann nicht mehr möglich alles zu verwenden und sich auf alles einzulassen, die Erfüllung festgelegter Normen gewinnt an Bedeutung und Unpassendes muss verbannt werden. Tschüß freie Entfaltung von Kreativität. Ich brauche solche Strukturen aber nicht mehr.

Wie war das noch mit der Mündigkeit und dem eigenen Verstand? Manchmal ist dafür allerdings eine kompetente Unterstützung notwendig, um die Gedanken in eine neue Richtung zu lenken. Die habe ich in diesem Buch gefunden. Sollte ich in der nächsten Zeit anderen etwas über das Lesen lernen vermitteln sollen, ich denke, ich würde diese Buch als Grundlage verwenden.

Referenz:

Falschlehner, G. (2014). Die digitale Generation. Jugendliche lesen anders. Wien: Ueberreuter.

Die Bedeutung von Definitionen für Bildung und Emotionen

Es ist zu vermuten, dass es in Bildungskontexten einen engen Zusammenhang gibt zwischen Vorstellungen von dem was Bildung bedeutet und damit, wie Emotionen eingeordnet und wie mit ihnen verfahren wird. Dem steht noch die generelle Bedeutung gegenüber, die Emotionen in einer bestimmten Zeit, Kultur und Menschengruppe jeweils haben.

Es wären also zwei Einflussfaktoren gegeben. Einerseits Vorstellungen von Bildung, andererseits Vorstellungen von Emotionen. In beiden Fällen handelt es sich dabei nicht um Tatsachen, sondern um mentale Konstruktionen.

Bei der Untersuchung von Emotionen in Bildungskontexten müssten daher die im Hintergrund vorhandenen Vorstellungen von Emotionen ebenso wie die von Bildung mit in Betracht gezogen werden. Was untersucht wird und woraufhin steht in einem engen Zusammenhang mit den im Hintergrund wirksamen Prämissen.

Wird Bildung vor allem als Ausbildung begriffen, die ökonomisch sinnvoll sein und effektiv Kompetenzen entwickeln soll, die ein Individuum zu seiner Lebensbewältigung und permanente Adaption benötigt, oder kommt ein ganz anderer Bildungsbegriff zur Anwendung. Werden Emotionen primär als etwas verstanden von dem gelernt werden soll es situationsspezifisch zu beherrschen, oder werden Emotionen beispielsweise als Informationsquelle in ein Gesamtsystem integriert, das innere Erscheinungen in vielfältiger Form zur Annäherung an die existierende Wirklichkeit benutzt. Oder liegen Vermischungen und Kombinationen vor durch die Widersprüche erzeugt werden, deren Ursachen schwer erkennbar bleiben, solange sich der Blick nicht auf die vorhandenen Prämissen richtet.

Für die Untersuchung von Emotionen in Bildungsprozessen ergibt sich daher die Notwendigkeit erst einmal auf die Prämissen einzugehen und zu untersuchen, was im jeweiligen Fall unter Emotionen und was unter Bildung verstanden wird und was sich daraus für Konsequenzen für die Bedeutsamkeit oder Unbedeutsamkeit von Emotionen in den jeweiligen Bildungsprozessen ergeben. Da in beiden Fällen über das damit Bezeichnete keine Einigung besteht bzw. jeweils mehrere Möglichkeiten benutzt werden und Gültigkeit beanspruchen können, ist das unumgänglich um Verwirrungen zu vermeiden. Die jeweiligen im Hintergrund wirkenden Vorannahmen führen zu unterschiedlichen Ansprüchen und Anforderungen. Aus ihnen folgen jeweils andere Konsequenzen, Probleme oder auch Vorteile.

Organisationsstruktur offener Ganztagsschulen

In einer Veranstaltung ihrer aktuell laufenden Vorlesungsreihe zur Informationspädagogik, an anderen Orten als Medienpädagogik bezeichnet, weist Grell darauf hin, dass es sinnvoll ist einerseits auf das zu achten was sich tatsächlich ändert, andererseits darauf zu achten was sich in den ganzen Änderungen eben nicht ändert. Sie bezieht es auf die Nutzung der momentan noch neuen Medien, das Prinzip ist aber generell für Veränderungsprozesse anwendbar.

Da ich seit Jahren mit den Veränderungsprozessen in der Organisation von Schulen konfrontiert bin, die für mich viele Fragen aufgeworfen haben, liegt es nahe diesen Gedankengang darauf anzuwenden. Dabei fällt auf, dass sich bei der Form offener Ganztagsschulen gerade bei Grundschulen eigentlich sehr wenig an der traditionellen Organisationsform von Schule ändert.

Die offene Form ermöglicht es weiterhin, dass Kinder im Verlauf des Vormittags bzw. am Mittag nach dem Unterrichtsende die Schule verlassen. Das erweiterte Programm verlagert dabei die Aufgaben, die vorher allein bei den Familien lagen, für diejenigen die nicht sofort nach Unterrichtsende nach Hause gehen, in die Schule. Das umfasst Essen, Hausaufgaben oder ähnliche Formen des Übens, Betreuung, Freizeitangebote und möglicherweise Vereinsangebote oder Interessensgruppen, die vorher vielleicht sogar an anderen Orten stattgefunden haben.

Offene Ganztagsschulen bedeuten einen beträchtlichen Mehraufwand für Organisation, Finanzierung und Zeitabdeckung, so dass sich für die darin Arbeitenden bedeutende Änderungen ergeben. Dabei kann aus dem Blick geraten, dass sich die eigentliche Struktur nicht ändert. Schule kann in offenen Ganztagsschulen noch in genau der gleichen Form stattfinden wie zuvor, und Vormittags- und Nachmittagsangebot müssen nicht aufeinander abgestimmt sein. Das Nachmittagsangebot kann auch von gänzlich anderen Personenkreisen durchgeführt werden wie das Vormittagsangebot.

Ich will an dieser Stelle nicht auf damit verbundene Problematiken oder verpasste Chancen eingehen. Ich finde es nur ausgesprochen bemerkenswert festzustellen, dass sich innerhalb gravierender Veränderungen letztlich kaum etwas ändern muss. Aus einer zeitlichen Erweiterung allein entsteht keine andere  Form der Schule.

Diese Erkenntnis scheint simpel und ist für mich nichts wirklich Neues, bedeutsam für eine bessere Einschätzung und Beurteilung ist allerdings nicht die Veränderungen zu betrachten, sondern die Nicht-Veränderung. Offener Ganztag kann bedeuten, dass Schule zwar auf neue gesellschaftliche Anforderungen reagiert, dabei aber letztlich ihre traditionelle Form aufrecht erhält, auch wenn das auf den ersten Blick nicht so scheinen mag. Wichtig ist für mich dabei, dass ich letztlich nichts anderes vorfinde als zuvor, auch wenn es auf den ersten Blick wie etwas Neues erscheinen mag.

In dem Kontext interessant auch ein Beitrag von gestern zu dem regelmäßig auftretenden Thema der Sinnhaftigkeit von Hausaufgaben, gerade eben aus meinen Feeds gefischt.

Was für ein wunderbares Beharrungsvermögen oder nach Niklas Luhmann formuliert, was für ein wundersames autopoietisch-selbstreferentielles System. Oder noch anders: welche Macht Normalitätsvorstellungen doch haben.

Bildungscomics

In den letzten Monaten hat mich das Thema Emotionen mit dem Schwerpunkt Bildung so vereinnahmt, dass für andere Themen kaum Platz in meinem Kopf war. Durch einen Zufallskauf ausgelöst, hat jetzt allerdings ein anderes meiner Interessengebiete meine Aufmerksamkeit wieder stärker geweckt.

Comic ist dabei ein recht schlechter Oberbegriff für den Bereich, um den es geht. Comic leitet sich ab von komischen Geschichten, die sind aber nur ein kleiner Teil der Möglichkeiten dieses vielfältigen Mediums. Comic wird auch als neunte oder sequentielle Kunst bezeichnet, eine Formulierung, bei der die Kunst betont wird. Besser finde ich sequentielle Darstellung in Bildern als Beschreibung. Worte können dabei sein, müssen es aber nicht. Den Begriff Comic selbst muss ich allerdings behalten, da er sich trotz seiner unzureichenden Aussage als Oberbegriff etabliert hat. Einen anderen Umfassenden kenne ich bisher nicht. Andere Begriffe beschreiben in der Regel nur Spezialformen, wie Manga oder Graphic Novel.

Ich kann über eine lange Geschichte meiner Präferenz des Mediums zurückblicken. Gestartet habe ich dabei im Kindergartenalter mit den Prinz Eisenherz Alben meines Vaters. Schwarz-weiß und völlig überfordernd, aber auch unglaublich geheimnisvoll und Welten schöpfend.

Meine erste Erinnerung an Bildungscomics stammt allerdings aus Indien. Göttergeschichten, Nationalhelden – eine Nation von vielen Sprachen nutzte bereits in den 1970ern das Medium Comic intensiv, um Bildung für viele zu transportieren. Meine Schulenglischkenntnisse reichten vollkommen aus, um mit Unterstützung der Bilder die Geschichten und das, was sie vermitteln sollten, zu verstehen. In einem der heiligen Orte Südindiens, dessen Namen ich längst vergessen habe, dessen Bilder aber noch immer gegenwärtig sind, konnte ich in der Bibliothek eines Tempels Comics kostenfrei lesen und lesen und lesen und gegen ein allerdings recht saftiges Pfand auch ausleihen und mitnehmen. Ich war eine ganze Weile an diesem Ort und ich glaube, ich habe alle verfügbaren Comics gelesen.

So richtig schlimm wurde es mit mir aber erst Anfang der 2000er durch die Mangas und besonders schlimm, als ich das erste Mal Leute sah, die selber Comics zeichneten. Ich bekam riesengroße Augen und – ja, das wollte ich auch können. Einer meiner ersten eigenen Comics thematisierte dann auch gleich das mir damals noch fremde Gott-Thema, bedeutet, ich habe meine Comicfigur zu mir als über ihr schwebender Zeichnerin sprechen lasse.

Ich verliere mich nun aber in Erinnerungen und eigentlich soll es ja um Bildungscomics gehen.

Ein Ausflug gestern führte zu den Werken der Sommerakademie der Kasseler Caricatura und auf dem Weg dort hin am Kasseler Comicladen vorbei, den ich noch nicht kannte. Der Comicladen ist übersichtlich geordnet, es gibt aber keinen eigenen Bereich für Bildungscomics. Diese scheinen sich am ehesten in dem Bereich zu finden, in den die Graphic Novels eingeordnet werden. Vielleicht sind sie aber auch überall verstreut. Das Buch meines Zufallskaufs fand ich dort nicht und auch nicht etwas ähnliches. Am dichtesten dran war die Geschichte Buddhas als Manga von Osamu Tezuka, im Original zwischen 1972 und 1983 erschienen.

Bildungscomics – ja – mein Werk heißt Economix, ein Begriff zusammengesetzt aus Economy und Comix, der mich nebenher an Asterix, Obelix und Miraculix erinnert. Qualitätsbeleg des Verlags: Das Vorwort stammt von Dr. Rudolf Hickel, Wirtschaftswissenschatfler, der das Buch auch für den akademischen Bereich empfiehlt. In meinem Studienbereich gab es zu Beginn ebenfalls eine Empfehlung für einen Einsteigercomic, wenn ich mich richtig erinnere zum Thema Philosophie. Comics, auch in der speziellen Form des Mangas, gibt es zu sehr vielfältigen Bildungsthemen, wie beispielsweise Aufklärung (hat meine Kleinstadtbibliothek) oder Datenbanken. Alle diese Bücher sind dabei Teile von Reihen, die eine ganze Reihe von Themen umfassen.

Der Economix Comic ist für mich ein Spitzenprodukt. Von Beginn bis Ende erzählt er in Sequenzen. Vorlagen waren Fotos und Bücher über Wirtschaft. Das Buch ist voller Text und Zitate, behält aber dennoch die Comicstruktur bei. Sowohl das Datenbanken- als auch das Philosophiebuch müssen zwischendurch auf andere Gestaltungsformen zurückgreifen und kommen nicht nur mit gezeichneten Sequenzen aus. Dabei gelingt es Economix sehr gut Zusammenhänge aufzuzeigen und einen ersten Einblick in Thematiken der Wirtschaftswissenschaft zusammenhängend zu vermitteln. Es ist ein wunderbares Einsteigerbuch, interessant, anschaulich und ein ästhetischer Genuss. Die Konzentration liegt auf der amerikanischen Perspektive, der Schriftsteller hat das Buch allerdings in einem kleinen indischen Dorf auf der Basis relevanter Wirtschaftsbücher geschrieben. Dem Zeichner ist es gelungen die Texte in unterstützende Bilder umzusetzen.

Bildungscomics. Der Comicladen hat keine eigene Abteilung dafür. Insgesamt wird der Comic insgesamt auch eher dem Freizeitbereich zugeordnet und dahin gehören letztlich auch viele der eher literarisch orientierten Graphic Novels. Comic eignet sich jedoch auch sehr gut als Sachbuch, was Economix hervorragend belegt. Für mich besteht nun kein Zweifel mehr, Comic kann Bildung. Und das kann er hervorragend. In einer geeigneten Umsetzungsform ist er in der Lage auf seinen vielen Ebenen komplexes Wissen vermitteln. Das bedeutet: Zusammenhänge verständlich und nachvollziehbar aufzuzeigen. Und das noch dazu auf eine sehr vergnügliche Weise.

Ich empfehle einen Versuch. Als E-Book sehr kostengünstig erhältlich, gedruckt doppelt so teuer, aber mit etwa 300 Seiten enthält das Buch Stoff für Stunden, und ich habe es danach nicht einfach in die Ecke gelegt, sondern hatte das dringende Bedürfnis den Inhalt mit anderen zu teilen, was auch zu späterem Nachblättern geführt hat.

Referenz:

Goodwin, M. & Burr, D.E. (2013). Economix. Wie unsere Wirtschaft funktioniert (oder auch nicht). Berlin: Jacoby & Stuart.

Nachtrag:

Zu indischen Comics (Buchauszug): Martin, O. (2014). Der indische Comic und sein Einfluss auf gesellschaftliche Prozesse: Eine Untersuchung aus soziokultureller Sicht. Hamburg: Diplomica.

Und eine Rezensionhttp://www.sueddeutsche.de/kultur/augsteins-auslese-economix-1.1867531

Puzzleteile zum Thema Emotionen

Ich würde gerne das was ich zur Zeit tue für andere nachvollziehbar und für mich später rekonstruierbar dokumentieren, bin dazu aber nicht in der Lage. Ich denke, das ist vor allem ein zeitliches Problem. Seit Beginn des Jahres versuche ich täglich kurz zusammenzufassen was bei meiner beruflichen Tätigkeit für Vorkommnisse waren und was ich gemacht habe, und schon das gelingt mir für den jeweils sehr kurzen Zeitraum an den einzelnen Wochentagen kaum. Was das Studium und die damit in Verbindung stehenden Aktivitäten betrifft ist es unmöglich. Ich arbeite an dem was mich beschäftigt so lange ich kann und benötige dann noch Zeit für Entspannung und Reflexion. Für eine systematische Dokumentation bleibt kein zeitlicher Rahmen. Da ich aber gedanklich versuche einen Überblick zu behalten und Zusammenhänge zu sehen, entsteht das Bedürfnis das auch festzuhalten. Es scheint aber ein unerfüllbarer Wunsch bleiben zu müssen. Ich werde mit Fetzen von gelegentlicher Dokumentation Vorlieb nehmen und meine Frustration darüber bewältigen müssen. Zumindest wird mir jetzt klarer, dass hinter allem was ich von anderen Menschen erfahre und das sie mitteilen noch so viel mehr steht, das nie zum Vorschein kommen wird.

In Bezug auf die Emotionen trage ich also weiterhin Puzzelteile zusammen. Die Aufmerksamkeit auf ein Thema zu richten führt dabei zur Sammlung von Informationen aus sehr unterschiedlichen Quellen. Hilfreich für mein persönliches Verständnis war in den letzten Tagen die Vorstellung von Emotionen als energetische Phänomene in einem YouTubeVideo. Zu Problemen kommt es, wenn diese Energie an einem freien Fluss gehindert wird und Strategien gefunden werden müssen, um mit dieser Situation umzugehen.

Interessant war weiterhin das Webinar „Faszination E-Learning“ mit dem Thema „Emotionen beim E-Learning nutzen“, mit Zusatzinfos durch Markus Jung verlinkt. Danke an ihn. In diesem Webinar stellt Sylvan Becchio seine Masterthesis vor. Er verbindet dabei Erkenntnisse aus der Psychologie mit Erkenntnissen aus dem Gamedesign um besseres E-Learning zu gestalten. Das ist nicht mein Thema, hilft mir aber mein eigenes Thema besser einzukreisen. Er sieht Emotionen als ständige Begleiter beim Lernen, als fortwährende Bewertung von Situationen und als Wegweiser für Handlungsentscheidungen. Sowohl positive Emotionen als auch negative Emotionen eignen sich zum Lernen, führen allerdings zu unterschiedlichen Strategien, das heißt, sie beeinflussen die Art und Weise wie gelernt wird. Er führt dabei auch den emotionslosen Zustand als eine Option an, in dem gelernt werden kann. Wie Jean-Pol Martin bei LdL verwendet er Grundbedürfnisse im Rahmen von Lernen, allerdings nur die psychologischen, deren Befriedigung in einer Lernsituation zu Wohlbefinden führt.

Nicht ganz klar ist mir geworden warum er eigentlich die positiven Emotionen beim Lernen fördern will. Er entwickelt verschiedene Vorschläge für Strategien auf der Basis des Gamedesigns, es gibt dafür auch ein Plakat, das zu erstellen an seiner Fernfachhochschule eine Verpflichtung ist, doch wenn Lernen auch in einem emotionslosen Zustand oder mit negativen Emotionen möglich ist, was ist dann an dem Weg positiver Emotionen von Vorteil? Eine Antwort darauf habe ich während des Webinars nicht wirklich bekommen. Ich könnte noch einmal gezielt in der Aufzeichnung oder in seiner Masterthesis danach suchen. Da das momentan für meine Fragestellung aber nicht bedeutsam ist, verfolge ich es erst einmal nicht weiter.

Ein weiterer Aspekt ist ebenfalls erwähnenswert. Wie auch während der Beschäftigung mit dem Rassismus wende ich das was ich lese, überlege und feststelle direkt an. Das führt einerseits dazu, dass ich stärker darauf achte was in mir selbst zu dem Thema vor sich geht, als auch was ich bei anderen wahrnehme. Dabei wurde auffällig, dass ich dazu neige Empfindungen zu verstärken. Inzwischen unterbreche ich diese Gewohnheit durch die Achtsamkeit darauf häufiger, was dazu geführt hat, dass ich mich insgesamt in einem entspannteren Zustand befinde. Außerdem registriere ich stärker den Ausdruck von Emotionen bei anderen, die für mich sichtbar sind, aber im Alltag nicht thematisiert werden. Auch die wahrnehmbare Bevorzugung unterschiedlicher Strategien mit Emotionen umzugehen bei unterschiedlichen Menschen, ist dabei in mein Bewusstsein gerückt.

Weiterhin ist mir klar geworden, wenn umgangssprachlich formuliert wird, dass Gefühle verletzt wurden, dann ist damit eine Beeinträchtigung von Vorstellungen, Werten, Einstellungen oder Erwartungen gemeint. Damit sind Empfindungen verbunden, die als Emotionen verstanden werden, wobei dann Empfindungen als Altlasten wiederum auf Vorstellungen, Werte, Einstellungen oder Erwartungen einwirken. Auffällig ist dabei die starke Einbettung des Themas in Selbstverständlichkeiten, die wegen ihrer Selbstverständlichkeit einerseits wenig hinterfragt werden als auch schwierig zu hinterfragen sind.

So wie die Förderung positiver Emotionen beim Lernen. Erst einmal: was ist denn eigentlich positiv und was negativ? Sind wir uns darüber überhaupt einig? Und was sind Emotionen? Welche Empfindungen sind wie mit Emotionen verknüpft und was ist einfach etwas ganz anderes. Haben wir da die gleichen Vorstellungen? Die Emotionspsychologie [1] hat mich bereits eines Besseren belehrt. Und Damasio [2] (Seite 207f.) bestimmt klar Erscheinungen, die als Hintergrundempfindungen übersetzt wurden und nicht emotionale Empfindungen sind, die weder als positiv noch als negativ erlebt werden und von denen er schreibt, dass wir in unserem Leben wahrscheinlich überwiegend solche Empfindungen haben. Das deckt sich sehr mit der Beobachtung meiner eigenen Empfindungen auf der körperlichen Ebene, wo häufig gar nichts passiert, das als Emotionen bezeichnet werden kann. Empfindungen selbst sind allerdings fortwährend vorhanden. Und auf dieser Basis allein lässt sich durchaus hervorragend lernen.

Dazu passt dann auch das Flow-Gefühl im Flow-Kanal zwischen Langeweile bei Unterforderung der eigenen Fähigkeiten durch zu niedrige Herausforderungen und der Angst bei Überforderung der eigenen Fähigkeiten bei unpassend hohen Anforderungen [3]. Ist Flow überhaupt ein emotionaler Zustand? Oder ist er einfach ein energetisch optimaler Zustand? Emotionen, die sehr stark werden, können, sowohl wenn sie als positiv wahrgenommen werden als auch wenn sie als negativ wahrgenommen werden, zu Ablenkung oder Überforderung führen. Ich denke, ich kenne mich da ganz gut aus.

An diesem Punkt will ich abbrechen. Es ist mir gelungen mehr zu dokumentieren als erhofft. Die Fragen, die ich habe, müssen nicht heute und nicht morgen beantwortet werden. Es reicht wenn ich ihnen Schritt für Schritt näher komme.

Referenz:

[1] Schmidt-Atzert, L., Peper, M., Stemmler, G. (2014). Emotionspsychologie. Ein Lehrbuch.Stuttgart: Kohlhammer.

[2] Damasio, A.R.(1994). Descartes’ Irrtum: Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn. München: List.

[3] Csikszentmihalyi, M. (2004). Flow. Das Geheimnis des Glücks. Stuttgart: Klett-Cotta.