Bildungsmäuschen

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Positionsbestimmung

Es hat ziemlich lange gedauert bis mir klar wurde, dass die für mich unverständlich geringe explizite Berücksichtigung von Emotionen in Bezug auf Bildung, mit der ich mich in meinem BiWi-Studium konfrontiert gesehen habe, auch im Zusammenhang mit der spezifischen Ausrichtung der FernUni Hagen steht. Der Zusammenhang von Emotionen und Bildung scheint hier im Studiengang BiWi keine gesondert zu behandelnde Rolle zu spielen.

In geringem Umfang bin ich bei der FernUni dagegen im Bereich der pädagogischen Ausrichtung der Psychologie fündig geworden. Ohne im Studiengang Psychologie eingeschrieben zu sein, habe ich zu den entsprechenden Kursen jedoch keinen Zugang. Alternativ habe ich mich jetzt entschlossen im nächsten Semester das für BiWis zugängliche Modul Entwicklungspsychologie noch zusätzlich zu belegen. In der Vergangenheit mussten von BiWis sowohl Module in Sozial- als auch Entwicklungspsychologie abgeschlossen werden, inzwischen ist die Wahl zwischen beiden vorgeschrieben, das andere braucht dann nicht belegt zu werden. Ein Studium an einer anderen Uni, an der der Bereich Emotionen und Bildung besser abgedeckt ist, kommt für mich allerdings weiterhin nicht in Frage.

Inzwischen ist es fast zwei Jahre her, dass ich mein letztes für einen offiziellen Abschluss relevantes Modul abgeschlossen hatte. Danach folgte ein gutes Jahr intensives Lesen zu Emotionen einschließlich einer Präsenzveranstaltung im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus. Im Sommer des letzten Jahres brachen dann alle Recherchen ab. Ich war überfüllt und von Komplexität überrannt. Zuletzt stand ich unter dem Eindruck mir auch noch umfangreichere Kenntnisse in Wirtschaftswissenschaft zulegen zu müssen, um die komplexen Wirkungen von Emotionen in Bildungskontexten umfangreicher erfassen zu können.

Als ich das Lesen weitgehend einstellte, reduzierte ich allerdings nur den neu hinzukommenden Input. Nachdenken, reflektieren, beobachten und analysieren gingen durchaus weiter, auch wenn innere Schutzmechanismen dafür sorgten, dass ich viel Zeit für Maßnahmen der Ablenkung und Schaffung von Distanz verwendete. Im Hintergrund gingen zusätzlich Umbauarbeiten vor sich.

Ursprünglich wollte ich aktuell meinen Vollzeitstatus als Studierende auf einen Teilzeitstatus verringern, da ich scheinbar kaum noch Zeit für das Studium verwende. Ich habe es dann überraschend für mich nicht getan und gemerkt, dass ich mich eigentlich weiterhin kontinuierlich mit Bildungsfragen beschäftigt fühle. Genaugenommen sind es sogar eher Rätsel als reine Fragen, die mich umtreiben. Die Beschäftigung erfolgt aber nicht vor allem durch Lesen und Schreiben, was sich für mich leicht als studieren einstufen lässt. Beobachten, reflektieren und gedanklich eine neue Ordnung erstellen fühlen sich nicht wie studieren an. Inzwischen bin ich aber geneigt sie als wichtigen Bestandteil anzuerkennen. Genauso wie Zeiten in denen man Abstand nimmt und dabei Komplexität reduziert. Das was rein geht muss nicht nur verarbeitet, sondern auch überprüft und in Verbindungen gebracht werden.

BiWi ist ein interdisziplinäres Studium. Das ist logisch, aber auch fies. Interdisziplinär bedeutet in einer Welt des stetigen Wachstums an Informationen auch Entgrenzung. Und Entgrenzung kann ins Uferlose führen. Ich gerate immer wieder an Klippen der völligen Überforderung. Und dann stehe ich da in einer Grenzenlosigkeit mit den angemessen unangenehmen Emotionen und stelle dabei weiterhin auch noch die Frage danach welche Rolle diese Erscheinungen in Bildungsprozessen nun grundsätzlich spielen. Ein für mich kaum zu bewältigendes Unterfangen.

Inzwischen kann ich meine kleinen Fluchten gut verstehen und nachsichtiger mit mir umgehen. Glücklicherweise hat mir die Beschäftigung mit den Emotionen inzwischen auch geholfen sinnvollere und bewusstere Strategien im Umgang mit ihnen zu entwickeln als ich vorher hatte und weiterhin daran zu arbeiten.

Parallel dazu stelle ich eine wachsende Befähigung für sachliche Analysen fest. Zwar hakt sich immer wieder mein Hang zu Aufgebrachtheit dazwischen, also zur Verstärkung von Erregungszuständen, die mit Emotionen verbunden sind, sowie die Erfahrung einer ganzen Reihe unangenehmer Emotionen, die angesichts von zu hoher Komplexität, Widersprüchlichkeit, aber auch in Bedrohungssituationen entstehen. Dazu kommt die Auswirkungen von Empathie, die fremdes Leid dem eigenen beifügt und dadurch zwar Leid verteilt, die Wahrnehmung seiner Existenz aber gleichzeitig verstärkt.

Nach wie vor bleibt es schwierig zu einem abschließenden Ergebnis zur Bedeutung von Emotionen in Bildungsprozessen und damit verbunden Strategien für den Umgang mit ihnen und ihre Einbeziehung zu kommen. Leider kann ich es bisher nicht aufgeben ein abschließendes Ergebnis zu wünschen, auch wenn ich inzwischen logische Erläuterungen dazu kenne, dass genau dies niemals möglich sein wird.

Zwischenzeitlich war ich gelegentlich geneigt mich mit für mich Unzureichendem zufrieden zu geben, nur um endlich, endlich dieses Thema loslassen zu können. Den letzten Schritt in diese Richtung habe ich aber nie getan.

Wie die weitere Entwicklung aussehen wird, ist momentan für mich nicht möglich einzuschätzen und ich vermute, auch dieser Blogeintrag wird nur ein weiteres Einzelstück bleiben, kein Aufbruch in eine abschließende Klärung oder auch nur der Start zu neuen Blogeinträgen in Bezug auf Emotionen und Bildung.

 

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Neustart?

Es gibt Blogschreibende, die kündigen zuvor an, dass sie eine Pause machen. Bei mir hat sich die Pause aus der Situation heraus ergeben. Zwei Monate, die mir wesentlich länger erscheinen.

Ich war völlig erschöpft. Jahrelang kein wirklicher Urlaub. Arbeiten in einer problematischen, belastenden Situation, Studium, Moocs, aufgeschobene Arbeiten zuhause, zu wenig körperliche Bewegung, zu viel Berührung mit gesellschaftlichen Problematiken. Es kommt schleichend. Zu Beginn der Ferien hatte ich mich ins Bett gelegt  und erst einmal geschlafen.

Danach habe ich begonnen Pokémon Go zu spielen. Die deutsche Version war kurz zuvor erschienen, es war die Zeit des Hypes und für mich wurde es ein wunderbarer Pokémon-Sommer. Der Rechner blieb aus, das Smartphone wurde endlich einmal mobil ausgereizt. Weite, tägliche Spaziergänge, Orte, die ich lange nicht besucht hatte, wunderschöne Landschaften, Pflanzen, Tiere, viele Eindrücke von Menschen, zufällige Treffen mit Bekannten, die ich lange nicht gesehen hatte, Architektur, materialisierte Sozialstruktur, und dabei die simplen, überschaubaren Anforderungen des Spiels als Zielsetzung und Rahmen.

Pokémon Go, um aus etwas heraus zu kommen und Abstand zu gewinnen. Dazu Herumhängen, Reduzierung von Verpflichtungen auf das Notwendigste, Kochen leckerer Gerichte und eine tägliche Dosis Star Trek als Eintauchen in eine spannende, aber unproblematische Welt der Fantasie.

Es ist vorbei. Drei Wochen Schule, beginnender Herbst und graues Wetter und es ist vorbei. Drei Wochen konnte ich mich noch daran klammern, wollte das Sommergefühl, die tiefe Entspannung nicht loslassen, doch ein Alltag voller Problematiken schleicht sich an allen Ecken und Enden wieder ein. Ich kann das was war nicht bewahren. Der Traum einer besseren Welt voller Glück beginnt zu verblassen.

Bei der Rückkehr von der morgendlichen Pokémonjagd begegnen mir Schülerzombies. Schüler auf dem Weg zur Schule, viel zu früh auf die Straße gerissen, in ihre Jacken versunken, noch nicht ansprechbar. Schritt vor Schritt setzend, um voran zu kommen, mit Gesichtern voller Unglück. Auf dem Schulhof erklärt mir eine Erstklässlerin (!) stolz, dass sie ihre Hausaufgaben gut macht und daher nicht auf die X-Schule (Förderstufe, Hauptschule, Realschlule) gehen muss, sondern gleich aufs Gymnasium gehen kann. Vor Ort gibt es neben einer reinen Förderschule nur diese Alternativen.

In Zeitlupe zersplittert die Illusion wie das Glas eines Spiegels und dahinter tritt eine Realität wieder klar hervor, vor deren Anforderungen ich Ruhe brauchte. Vor Tagen schon ging mir Adornos Satz durch den Kopf, dass es kein richtiges Leben im falschen gibt. Aber so richtig trifft dies das Problem nicht. Es geht nicht um das richtige Leben, sondern um das Verstehen, die Aufdeckung, die Erkenntnis, dass alles ganz anders ist als die Interpretationen oder in anderen Worten, gängigen Konstruktionen von Wirklichkeit, die allerdings zu Manifestationen führen, die diese konstruierte Wirklichkeit zu bestätigen scheinen. So wie sich selbst erfüllende Prophezeiungen bzw. der Pygmalioneffekt.

Mit einem Sprung, allerdings deutlichen Spuren von Erholung, bin ich damit auch wieder bei meinem Thema, wie das Ganze, die Vorstellungen davon wie die Wirklichkeit aussieht, auch durch Emotionen untermauert wird und wie wichtig es daher ist die Ebene der Emotionen im Augen zu behalten. Denn wenn man nicht bedenkt, dass die Emotionen, die mit etwas verbunden sind, durchaus erlernt werden, wenn man die Informationen aus Emotionen so nimmt wie sie auf den ersten Blick erscheinen, wenn man daran glaubt, dass das was sich richtig anfühlt zwangsläufig auch richtig sein muss und wenn man solches Wissen in Situationen noch nicht unmittelbar anwenden kann, dann ist noch viel Raum für eine auf Emotionen bezogene Bildung.

Es ist nicht einfach sich mit Emotionen zu beschäftigen, vor allem dann nicht, wenn es sich um unangenehme handelt. Es ist anstrengend. Es hat etwas von Ungreifbarkeit. Es birgt viele Gefahren. Es kann einfacher erscheinen Emotionen zu vermeiden.

Eine Auseinandersetzung mit Bildung sollte eine bewusste Auseinandersetzung mit Emotionen jedoch nicht vermeiden. Emotionen sind ein untrennbarer Teil des menschlichen Erlebens. Bildung bezieht sich auf Menschen. Menschen bilden sich und werden gebildet. Ganze, komplette Menschen.

Ich kehre zurück zur Erstklässlerin, die gelernt hat, dass es verschiedene Arten von Schulen gibt. Eine für die guten, eine für die nicht so guten Schüler. Sie hat auch bereits Maßstäbe für gut und schlecht gelernt. Wer seine Hausaufgaben gut macht (wobei sie selbstverständlich auch noch lernt was genau gut in diesem Rahmen eigentlich bedeutet), ist ein guter Schüler.

Interessant ist in dem Zusammenhang auch das, womit ich mich kurz vor meiner Sommerpause beschäftigt habe. Die Zunahme von depressiven Erschöpfungszuständen (Burn-out) bei vor allem weiblichen Kindern und Jugendlichen [1], die alles gut und zur Zufriedenheit der Erwachsenen machen wollen. Nett, geduldig, fügsam – und zu ihrem eigenen Schaden, wenn eine wachstumsorientierte Leistungsgesellschaft ihnen nicht gleichzeitig vermittelt zu erkennen, dass es Grenzen gibt und wo sich ihre eigenen Grenzen befinden. Und diese Befähigung hat viel mit der Fähigkeit zur Eigenwahrnehmung und Eigenverständnis zu tun. Und diese sehr viel mit der Wahrnehmung und dem Verständnis eigener und fremder Emotionen.

Parallel zur Einschätzung von Hausaufgaben und dem Zusammenhang mit eigenen Chancen wurde bereits gelernt ganze Schulformen und deren Schüler abzuwerten. In meinen Augen ist das Diskriminierung. Besonders fatal in Zeiten, in denen von Seiten des Handwerks großflächige, gut gemachte Werbeaktionen gestartet wurden, um mehr Schüler für eine Ausbildung im handwerklichen Bereich zu gewinnen, während die Hochschulen zunehmend voller geworden sind. Diese Lerninhalte werden dabei mit Emotionen verbunden dauerhaft abgespeichert und von den Kindern, wenn sie selbst Eltern sind, erneut reproduziert. So setzt sich eine Kette ohne erkennbares Ende fort. Auf diese Art und Weise reproduzieren sich gesellschaftliche Strukturen. Im Guten wie im Schlechten.

Meine Sommerpause ist offensichtlich zu Ende. Die Probleme, denen ich mich eine Weile in sommerlichen Parks und Kleinstädten entziehen konnte, haben ihre Häupter wieder erhoben. Und mit ihnen die Problematik der emotionalen Absicherung von angenommener Wirklichkeit, die ohne eine bewusste Bearbeitung wirkt und wirkt und wirkt.

Denn das, was sich richtig anfühlt, das muss dann doch auch richtig sein. Oder?

 

Referenz:

[1] Schulte-Markworth, M. (2015). Burnout-Kids. München: Pattloch.

Auf dem Weg zur Mündigkeit im Umgang mit Emotionen

Mein letzter Blogeintrag liegt im Verhältnis zu der Frequenz, die ich in der Vergangenheit hatte, sehr weit zurück. Ich habe seither viel gelesen, Krisen durchlaufen und abgehangen, mich etwas stärker mit Wirtschafts- und Gesellschaftssystem beschäftigt, ziemlich häufig Facebook vom Smartphone aus besucht und dann noch einmal einen Stapel Bücher aus der UniBib besorgt. Mein Puzzle zur Bedeutung von Emotionen für den Bereich der Bildung scheint inzwischen kaum noch Lücken zu haben.

Ich weiß den Grund dafür nicht, warum ich plötzlich ein Interesse an Paulo Freire entwickelt habe, es ist auch nicht so, dass mir das bei dem Thema Emotionen selbst weiterhilft, trotzdem liefert mir eine kleine Einführung zu ihm von Susanne Jacob sehr wertvolle Gedankenanregungen. Der Titel ihres Buches lautet Bildung als Bewusstwerdung und genau das, die Bewusstwerdung, ist mein Anliegen in Bezug auf Emotionen.

Seit Monaten versuche ich immer wieder in einen Dialog darüber zu treten, das von ihr für Freire beschriebene bedeutsame Prinzip von Lernen und Lehren. Insgesamt habe ich dabei allerdings den Eindruck mich kaum verständlich machen zu können. Dagegen hat sich meine eigene Perspektivenänderung für mich in der Praxis bewährt. Die Berücksichtigung und Beobachtung von Emotionen in einem neuen Kontext verhilft mir als der Person, die ich geworden bin, endlich zu einem vollständigeren Bild von Vorgängen. Dadurch kann ich ein wesentlich entspannteres Leben führen, Zusammenhänge und Praktiken werden besser erkennbar, ich renne dadurch weniger gegen Dinge an, die nicht änderbar sind, und kann mich mehr auf diejenigen konzentrieren, die im Bereich meiner Einflussmöglichkeiten liegen. Was dabei aber den Unterschied im Bewusstsein ausmacht, kann ich meist nicht vermitteln. Es erfordert zu viel Kontext, außerdem handelt es sich dabei um eine Form der Wahrnehmung, die in einem einzigen Moment hohe Komplexität in Einwirkungen und Bezügen erfasst und auf umfangreichem Wissen und Erfahrungen beruht.

Interessant ist Freire in dem Zusammenhang, da es auch ihm um eine Änderung des Bewusstseins zu gehen scheint, die zu anderen Handlungsmöglichkeiten führt. Dabei geht die Änderung von der unmittelbaren Lebenswelt des Lernenden aus. Freire mag nicht in Erwägung gezogen haben, dass sich eine Person auf die Bedeutung von Emotionen konzentriert, um für sich selbst einen Prozess der Befreiung anzustoßen, doch dem Prinzip der Bewusstwerdung ist es egal was hinterfragt, analysiert und vertieft wird. Interessant ist dabei, dass nach Jacob (2008, S.65) Freire davon ausgeht, dass nur der Bewusstseinswandel gelungen ist, der zu einem praktischen Handeln führt, das eine Veränderung der Wirklichkeit herbeiführt.

Genau damit habe ich mich die letzten Monate ebenfalls beschäftigt. Die Auseinandersetzung mit den Emotionen soll etwas verändern. Mein subjektiver Eindruck ist dabei durchaus, dass das geschieht. Belegen kann ich es schlecht, der Unterschied ist nicht spektakulär, auch da ich keine grundsätzlichen Änderungen in meiner Lebensführung und meinen Arbeitsbedingungen vorgenommen habe. Der Unterschied ist aber durchaus in Kleinigkeiten beobachtbar.

Bedeutender erscheint es mir momentan sowieso zu entdecken, dass ich von sehr vielen impliziten Annahmen zu Lernen, Bildung oder Menschenbild aus operiere, die sich meiner bewussten Kenntnis entziehen. Im Verlauf meines Lebens haben viel Einflüsse auf mich eingewirkt, aus denen selbstverständlich erscheinende Praktiken hervorgegangen sind, für die es gar keinen Anlass der Reflexion mehr gibt. Es gilt dabei letztlich das gleiche Prinzip, das mir bereits im Umgang mit den Emotionen aufgefallen ist.

Das Buch zur Pädagogik Freires öffnet ein Fenster auf die Existenz von im Hintergrund wirkenden pädagogischen Konzepten, die aber eben gar nicht bewusst sein müssen. Solange alle von etwa den gleichen Annahmen ausgehen, muss das auch gar nicht auffällig werden. Und auch wenn es auffällig wird, muss der Grund für unterschiedliche Praktiken und unterschiedliche Herangehensweisen im pädagogischen und Bildungsbereich nicht in unterschiedlichen Annahmen in Bezug auf Lernen, Bildung oder Menschenbild identifiziert werden.

Es kann zu Streit, Vorhaltungen, Anschuldigungen, Vorwürfen und übler Nachrede kommen oder zur Durchsetzung von Machtpositionen, ohne dass der eigentliche Grund, die sehr unterschiedlichen, nicht bewussten Annahmen im Hintergrund erkannt werden. Das ist das faszinierende an dem was als Potential im Menschen angelegt ist. Niemand läuft mit einer Liste von Dingen herum, auf denen alle Vorannahmen deutlich lesbar gelistet sind. Scheinen Menschen noch dazu dem eigenen Kulturkreis anzugehören, wird noch eher angenommen, dass die Vorannahmen des anderen mit den eigenen identisch sind.

Da hilft nur der Dialog, würde ich von Freire inspiriert jetzt sagen. Für diesen muss es dabei allerdings Grundregeln geben, so dass er für alle Seiten zu einem Erkenntnisgewinn führen kann. Grundlagen dieses Dialogs sind für Freire laut Jacob (2008, S.72)

  • Liebe zur Welt und zu den Menschen
  • Demut
  • Glaube an den Menschen
  • Vertrauen
  • Kritisches Bewusstsein

Ein Dialog zwischen denjenigen, die enthüllen und denjenigen, die das nicht wollen oder das Recht auf freie Rede verweigern, ist dabei nicht möglich. Nur in einem wahren Dialog liegt die Möglichkeit zur Erkenntnis (Jacob, 2008, S.73).

Alles schon gewusst und dennoch nicht gewusst, dass jemand das Ganze in den Zusammenhang mit einem pädagogischen Konzept gestellt hat. Wie mit den Emotionen. Alles schon gewusst, doch keine Zusammenhänge gesehen und keine Hintergründe, damit an Bewusstheit, einem bewussten Umgang und den darin liegenden Chancen vorbei gerannt. In Emotionen verstrickt, in unreflektierten Annahmen darüber was sie sind und wie mit ihnen umgegangen werden soll, von Emotionen ausgehend, spürend, reagierend, aber nicht durch Bewusstheit ihrer Gewordenheit, Geprägtheit und Einbettung zum agierenden Subjekt geworden, das sein Handeln selbst bestimmen kann. Ohne Benennung, ohne Worte, ohne ordnende Strukturen ausgeliefert.

Jacob (2008, S.59f) beschreibt drei von Freire entworfene Bewusstseinsstufen.

  1. Intransitiv-magisch
  2. Transitiv-naiv
  3. Kritisch-transitiv

Kurze Stichworte dazu:

  1. Keine Wahrnehmung von Kausalität, keine Beherrschung, keine Möglichkeit der Distanzierung von sich selbst oder der Welt, unbewusst, unreflektiert
  2. Distanzierung, Objektivierung der Welt, Erfassung von Kausalität, keine kritische Analyse
  3. Vertieftes Problemverständnis, hinterfragen, analysieren, die Wahrnehmung und das Begreifen von Herausforderungen, die Bewusstheit von Handlungsalternativen, Handeln

Bewusstwerdung erfolgt über die Bewegung von einer Stufe zur nächsten.

Mündigkeit geht auch in Bezug auf den Umgang mit Emotionen.

Referenz:

Jacob, S. (2008). Bildung als Bewusstwerdung. Die Pädagogik Paulo Freires. Oldenburg: Paulo Freire Verlag.

Zum Umgang mit Emotionen in gesellschaftlichen Teilbereichen

15 Tage sind seit meinem letzten Blogeintrag vergangen, Danke an die Statistik, und es sind fast so viele Tage, dass mein Rechner nicht in Betrieb war. Er startet erst einmal damit jeden Seitenaufruf durch das Herunterladen von Updates zu verlangsamen und die Tastatur klappert ungewohnt. Das Wetter hat sich wieder abgekühlt, über den Brexit wurde inzwischen abgestimmt, ich weiß jetzt mehr über Kapitalismus, Finanzkapital, Neoliberalismus, affektives Kapital und Gefühle im Kapitalismus, habe einen gewissen, dabei entstandenen Horror noch nicht so ganz überwunden, finde mein erstelltes System zu dem was im Bereich Bildung in Bezug auf Emotionen untersucht werden sollte aber weiterhin sinnvoll.

Im Zusammenhang mit dem Brexit wurden Emotionen sehr ausgiebig erwähnt. Ebenso die Verantwortlichkeit von Politikern und Medien für die durch sie erzeugten Emotionen, weiterhin wurde sogar über die mögliche Rationalität von Emotionen der Wähler gesprochen. Dabei durfte mit intensivem Emotionsausdruck und Heftigkeit argumentiert werden, ohne dass die Sachlichkeit auf der Strecke geblieben ist. In Bezug auf die Entwicklung der Beachtung und Einbeziehung von Emotionen bin ich in diesem Bereich hochzufrieden. Auf den Bereich der Bildung bezogen allerdings nicht.

Und da ist sie auch schon wieder, die Motivation durch Unzufriedenheit, durch den Eindruck des Mangels, die Beunruhigung. Der Anlass, der weiter suchen lässt. Es ist immer möglich dass es an der Auswahl an Informationen aus der Fülle des Verfügbaren liegen, dass ich den Eindruck habe, eine implizite Einbeziehung von Emotionen im Bildungsbereich ist Mangelware.

Die letzten Wochen waren von Smartphonenutzung und sozialen Netzwerken bestimmt, in bildungswissenschaftlich ausgerichteten Diskussionssträngen habe ich versucht zu erklären was mich an Emotionen überhaupt interessiert, ich konnte beobachten wie Emotionen als Motivatoren bei Erklärungen zu Noten und Ausbildungswahl in Diskussionen ausgespart wurden und wie Emotionen und Vernunft weiterhin als Gegensatzpaare konstruiert wurden. Die Vernunft hat dabei die Emotionen zu überwinden.

Ich sitze mit den von mir betreuten Kindern und beobachte wie die Emotionen wirken, wie auf sie eingewirkt wird, wie sie lernen Emotionen mit den Wahrnehmungen der Welt zu verbinden, wie sie ihre Enttäuschung ausleben und verringern, wie sie ihre Emotionen ausdrücken und wie ich darauf reagiere. Wie ich nach Emotionen Ausschau halte, um Vorgänge zu steuern und zu lenken, wie ich meine eigenen Emotionen kontrolliere, wie es mir in Stresssituationen nicht mehr gelingt, wie ich aufgestaute Emotionen zu einem späteren Zeitpunkt und womit abbaue. Wie mich angenehme Emotionen motivieren, wie mich unangenehme demotivieren, wie Emotionen Entscheidungen und Handlungen beeinflussen, wie im Privaten Emotionen thematisiert werden und in Konfliktsituationen verborgen werden. Rationale Entscheidungen. Hah!

Es gibt einen Bonbon und plötzlich wird das Aufräumen interessant mit dem Effekt, dass für jedes Entgegenkommen eine Belohnung erwartet wird. Außerdem werden Bonbons emotional positiv getaggt. Noten, Hausaufgaben, Abschlüsse, Positionen, alles emotional getaggt. Emotionen lenken auf dem Weg der Entscheidungen. Emotionsregulierungen sind Alltag, Emotionen werden strategisch gezeigt und verborgen, emotionale Belastungen stellen Hindernisse und Blockaden dar, angenehme und überwundene unangenehme Emotionen indizieren was aufgesucht, unangenehme was vermieden werden sollte.

Alles Alltag, ganz normal, nichts Besonderes, was mich daran irritiert ist die mangelnde Thematisierung. Menschen drücken selbst heftige Emotionen aus, schriftlich, in Foren, das geht, entlasten sich, stabilisieren sich, dann machen sie weiter ohne Emotionen selbst zum Thema zu machen.

Es scheint mir, dass die Trennung öffentlich/privat nach wie vor besteht. Wo und wie redet man über den Anteil, den Emotionen haben? Wo wird analysiert, dass es bei unterschiedlichen Beziehungen und Gruppen fördernden Maßnahme um die Emotionen geht, die in den beteiligten Menschen ausgelöst werden? Weil sie dann beispielsweise besser gemeinsam lernen und sich unterstützen können.

Das was Menschen fühlen, die Emotionen, die in ihnen auftreten, hat einen sehr eigenartigen Wert. Und der Umgang mit ihnen ist ebenfalls sehr eigenartig. Völlig inkonsistent. Zum momentanen Zeitpunkt kann ich mir das nur durch einen Mangel an Reflexion erklären. Oder durch Veränderungsprozesse in der Einbeziehung von Emotionen. So was wie: alles ist im Fluss und ändert sich und dann passt vieles nicht mehr zusammen. Der Bildungsbereich selbst scheint dabei eine sehr spezifische Art der Einschätzung und des Umgangs mit Emotionen zu haben. Lenken, kontrollieren, ausrichten, bestimmte Emotionen fördern, andere vermeiden, Freiräume für einen Ausgleich frei halten. Oder auch mit einer bestimmten Art von Vorbildung arbeiten.

Da das noch neue Überlegungen sind, werde ich an dieser Stelle abbrechen.

Unterschiedlicher Umgang mit Emotionen

Das wohin mich meine Recherchen geführt haben, kann man am ehesten mit dem Erleben der emotionalen Konstruktion von Wirklichkeit beschreiben. Für andere Menschen mag das anders sein, für mich ist es ausgesprochen faszinierend zu beobachten, wie Entscheidungen getroffen werden und Handeln geschieht, weil Personen, Dinge und Situationen eine positive oder negative Bewertung durch Emotionen erhalten oder bedeutungslos sind, während das den involvierten Personen zur gleichen Zeit aber nicht bewusst ist, weil sie nicht darauf achten, sondern in alltäglicher Selbstverständlichkeit handeln. Mich selbst muss ich dabei einschließen, auch wenn es mir öfter als früher gelingt entsprechende Abläufe unmittelbar bei mir zu beobachten.

Ich bewege mich dabei durch sich fortwährend ändernde Räume und hangele mich von Anregung zu Anregung. Was ist eigentlich Kapitalismus und wie beeinflusst er Emotionen? Und wie wirkt sich das auf und im Bildungssystem aus? Was für Menschen entwickeln sich dabei und werden entwickelt? Und wie sehen die emotionalen Wirklichkeiten von Menschen in unterschiedlichen gesellschaftlichen Positionen aus? Wie fühlen sie sich? Welche Emotionen treten verstärkt und als typische auf?

Menschen sind zwangsläufig gesellschaftliche Wesen. Kein Kind wird sich ohne andere Menschen zu einem Menschen entwickeln. Diese anderen Menschen erklären und vermitteln dem Kind die Welt, das sich auf diesem Hintergrund seine eigene Konstruktion bastelt.

Der Prozess hört aber nicht auf und geht im Verlauf des Lebens weiter. In Berlin wird an verschiedenen Orten zu Emotionen geforscht, am Adlershof wurde eine Methode zur Messung von Emotionen entwickelt. Ihre nachprüfbare Messung ist eine der großen Problematiken bei der Untersuchung von Emotionen. Gemessen werden hier anscheinend anhand von Muskelbewegungen positive und negative Ausrichtung von Emotionen, sowie die Erregungsstärke. Damit lässt sich im Labor schon eine Menge anfangen, genutzt wird es momentan zur Überprüfung der emotionalen Wirkung von Werbung und Produktgestaltung. Wahrscheinlich kommen die Gelder zur Finanzierung der Forschung aus diesem Bereich. Neu geplant ist der Einsatz bei psychischen Problemen zur besseren Kontrolle von Emotionen.

Ich beschäftige mich mit dem was tagtäglich auf mich einströmt und suche meine Beispiele darin aus, eine Systematik hat das Ganze nicht, nur einen gemeinsamen Schwerpunkt. Dabei ist in der letzten Zeit bei mir der Eindruck entstanden, dass die Haltung zu Emotionen in unterschiedlichen Teilbereichen der Gesellschaft durchaus sehr unterschiedlich ist. Bei der Auseinandersetzung mit der Geschichte des Kapitalismus, mit der Zunahme prekärer Arbeitsverhältnisse, mit der Idee des BGE oder den Überlegungen zu einer Abstiegsgesellschaft wurde sichtbar, dass in den Bereichen Wirtschaft und Politik Emotionen eine ganz andere Bedeutung haben und Rolle spielen als im Kontext von Bildung.

Spätestens die Prospect Theorie von Kahneman und Tversky liefert Hinweise darauf, dass Emotionen im Bereich der Wirtschaft für Entscheidungen eine bedeutende Rolle als Motivatoren spielen. Werbung setzt bei der Imagepflege von Produkten ganz eindeutig und zunehmend auf ein emotionales Tagging. Produkte sollen eine positive emotionale Bewertung erhalten. Ziele sind dabei Abgrenzung zu anderen Produkten, die Wahrnehmung von Hochwertigkeit oder Besonderheit, Kundenbindung. Aber auch Finanzentscheidungen sind mit Emotionen verbunden. Etliche Male in meinem Leben war ich damit konfrontiert, dass versucht wurde mir die Ablehnung von Finanzprodukten als Rückständigkeit zu verkaufen. Und rückständig will man ja nicht sein, oder? Das ist doch beschämend. Und Geld muss man arbeiten lassen, das darf nicht herumliegen. Und es muss eine möglichst hohe Rendite bringen. Dann kommen wiederum die daher, die danach fragen, wie denn die Rendite entsteht. Und diejenigen, die bei bestimmten Entscheidungen Vorwürfe machen und Schuldgefühle auslösen. Wegen ethischer und sozialer Überlegungen.

Alles mit unterschiedlichen Emotionen verbunden.

In der Politik ist es noch spannender. Es gibt Talkshows deren primäre Absicht es zu sein scheint Vertreter unterschiedliche Gruppierungen aufeinander loszulassen, um sich dann anschauen zu können wie die Emotionen hochkochen und Argumente nicht mehr zu einer Klärung genutzt werden, sondern nur noch um für die eigene Position einen Gewinn zu erringen. Am Schluss glättet der Moderator oder die Moderatorin wieder die Wogen und nichts ist geschehen. Emotionale Spektakel sind fester Bestandteil politischer Auseinandersetzung, politische Gegner werden geschämt und blamiert, aufgebrachte Wähler abgewiegelt, kaltgestellt oder wenn es gar nicht mehr anderes geht mit kleinen Zugeständnissen vorerst abgefunden.

Ein Bereich voll mit Emotionen.

Wenn ich dann in den Bildungsbereich gucke, erscheint ein wiederum anderes Bild. Immer wieder kommt es von außerhalb zu Unmut über bestimmte Vorgänge im System, aber innerhalb des Bereichs der Bildung scheint es vor allem darum zu gehen positive Emotionen zu erzeugen und störende fern zu halten. Nicht dass das gelingt. Es scheint aber das Ziel. Die Herstellung eines neutralen bis leicht positiven Zustands der Emotionen auf niedrigem Erregungsniveau als idealer Zustand um Wissen zu vermitteln. Keine schreiende, brüllende Klasse von Schülern in Erregungszuständen, keine emotionalen Ausraster, keine Beleidigungen, Anfeindungen und gegenseitigen Angriffe in Diskussionen. Die Produkte werden dabei mit einem Bewertungssystem versehen, Grundlage für vielfältige positive und negative Emotionen.

Emotionsregeln für Emotionsregulierung und Ausdruck von Emotionen sind für den Bildungsbereich grundlegend und eingebetteter Bestandteil des Bildungsprogramms. Ist die Wahrnehmungsfähigkeit und Befähigung zur Umsetzung noch nicht durch Sozialisation und Erziehung vorgebildet, kann versucht werden in speziellen begleitenden Programmen oder auch extern in einem therapeutischen Rahmen nachzubilden. Im Erwachsenenbereich finden sich dann Lernangebote im Weiterbildungsbereich zur Persönlichkeitsentwicklung, der Entwicklung sozialer und emotionaler Kompetenzen, oder auch wie momentan bei meinem Arbeitgeber der Gesundheitsvorsorge durch Psychotechniken, deren Verwendung auf Verbesserung und Entlastung im Arbeitsleben ausgerichtet ist.

Generell nehme ich für den Bildungsbereich die Auswirkung der Haltung der Vergangenheit zu Emotionen als Gegenpol zu Denken und Rationalität wahr, die daher vor allem zu zähmen sind, als auch die Auswirkungen von Vorstellungen, dass sich Wissen in Lernende einflößen lässt und 1:1 übertragen werden kann, wenn denn die Lernenden nur in einen Zustand größter Aufnahmefähigkeit versetzt werden können. Emotionen werden dabei in vielen Ausformungen als störend eingestuft. Daher werden für den zulässigen Ausdruck Regeln erstellt, was allerdings kein in seiner Bedeutung bewusster Akt sein muss.

Diese Regeln können sowohl für Lernende als auch Lehrende starke Belastungen zur Folge haben, die eine anschließende Kompensation erfordern. Ich habe jahrelang mit den Kindern zu tun gehabt, die aus der Schule auf den Schulhof stürmten und erst einmal übereinander herfielen, bis sich nach einer Explosion von etlichen Minuten oft nur durch einschreitendes Ordnen die Situation wieder entspannte und für alle leidlich erträglich wurde, ohne dass ich verstanden hätte, womit ich da eigentlich konfrontiert bin. Ebenso habe ich jahrelang viele Stunden nach der Arbeit damit verbracht emotionale Belastungen zu kompensieren, ebenfalls ohne zu verstehen, womit ich da eigentlich konfrontiert war.

Durch die Auseinandersetzung damit was Emotionen sind und welche Bedeutung sie haben, habe ich meine Möglichkeiten für Strategien beim Umgang mit ihnen erweitert. Am bedeutsamsten ist dabei unmittelbare Achtsamkeit gepaart mit einem erweiterten Verständnis und der Möglichkeit in Distanz zu gehen, ohne dabei Emotionen an sich zu verändern. Problematisch ist die Tendenz gewohnheitsmäßig Emotionen abzuwehren, sie umzuinterpretieren oder zu versuchen sie zu verändern. Hohe Anforderungen an die Regulierung von Emotionen und ihres Ausdrucks verlangen einen hohen Preis, der sich in dieser Tendenz verfestigt, der aber als Folge zu Entfremdung von den tatsächlichen Emotionen führt. Daraus kann sich ein kontinuierlicher Zustand der Anspannung ergeben, der auch an den involvierten Personen in unterschiedlichen Formen sichtbar in Erscheinung treten kann.

Was ich zu Beginn meiner Recherchen noch nicht beabsichtigt hatte und was mir zwischendurch wegen der vielfältigen, kaum überschaubaren Erscheinungen gar nicht bestimmbar erschien, beginnt sich inzwischen zunehmend zu entwickeln. Es sind Orientierungen für eine sinnvolle Berücksichtigung der Bedeutsamkeit von Emotionen in Bildungskontexten. Letztendlich lässt sich der ganze Bereich der Emotionen in seiner Bedeutung für den Bereich der Bildung sinnvoll auf wenige Elemente reduzieren.

Meine nächste Aufgabe wird es sein, dafür eine nachvollziehbare Systematik zu entwickeln. Diese soll im Alltag auch ohne große Probleme unmittelbar anwendbar sein. Zum momentanen Zeitpunkt bin ich mit dem Ergebnis meiner Recherchen hochzufrieden. Zwischendurch hatte ich allerdings große Zweifel daran, dass mir das je gelingen könnte, und ich dachte, ich würde für immer in einer undurchschaubaren Komplexität gefangen bleiben. Es kann natürlich passieren, dass jetzt wieder bedeutsame, noch zu klärende Fragen auftauchen, meine Zufriedenheit scheint mir nach den Erfahrungen mit mir selbst aber ein deutlicher Hinweis darauf, dass keine wirklich wichtigen Fragen ausstehen. Ein letztes Puzzlesteinchen hat mir dabei das im letzten Blogbeitrag beschriebene Fundstück geliefert.

Emotionen als erster Hinweis

Eigentlich gibt es noch einen weiteren Blogbeitrag abzuschließen, doch ein neues Fundstück erfordert eine genauere Beschäftigung bevor es wieder in den Weiten der Informationsfülle verschwindet.

In dem Buch Der neue Geist des Kapitalismus liefern Boltanski und Chiapello Argumente dafür, warum die Kapitalismuskritik für den Kapitalismus von großer Bedeutung ist.

„Aus einem umgestalteten Kapitalismus erwachsen nämlich neue Probleme, neue Ungleichheiten, neue Ungerechtigkeiten, nicht etwa, weil die Ungerechtigkeit ursächlich in seiner Natur läge, sondern weil die Frage nach der Gerechtigkeit in dem Rahmen, in der er sich entfaltet, schlicht irrelevant ist – die Kapitalakkumulationsnorm ist an sich amoralisch -; es sei denn die Kritik zwingt ihn dazu, sich zu rechtfertigen und sich selbst zu kontrollieren.“ (Boltanski & Chiapello, 2003, S. 78)

Diese Argumentation allein versetzt mich bereits in eine positive Stimmung. Kritik eingestuft als wichtiges Element, um etwas zu formen und zu verbessern, ist genau das was für mich bedeutungsvoll ist, die positive Bewertung einer solchen Kritik, wenn sie sich auf den Kapitalismus bezieht, setzt dem Ganzen noch ein Sahnehäubchen auf. Ich mag sehr vieles am Geist des Kapitalismus so überhaupt nicht. Das ist aber in Ordnung, erfahre ich hier, es ist daher nicht notwendig, dass ich meine Haltung an sich rechtfertigen, ich erhalte sogar eine aufwertende Anerkennung für ein Bemühen um Kritik und kann mich daher entspannt den für mich wichtigen Fragen zuwenden.

Und das bleiben nun einmal die Emotionen, ihre Position im Zusammenspiel des menschlichen Zugangs zur Welt und der Umgang mit ihnen. Genau dazu liefern mich jetzt Boltanski und Chiapello ungewollt (2003, S.79f.) eine sehr nützliches Modell.

„Deswegen existieren bei der Versprachlichung einer Kritik zwei Ebenen: eine ursprüngliche Ebene, das Gefilde der nie ganz verstummenden Emotionen, die immer dann hochschlagen, wenn sich eine neue, empörende Situation ergibt, sowie eine zweite, theoretisch-argumentative Reflexionsebene, durch die eine ideologische Auseinandersetzung überhaupt erst möglich ist. Diese setzt zudem eine Konzept- und Deutungsressource voraus, auf deren Grundlage historische Situationen, die der Kritik unterzogen werden sollen, mit universalisierungsfähigen Werten in Zusammenhang gebracht werden können.“

Nach genau so etwas habe ich gesucht. In dieser Beschreibung erfahren Emotionen eine hohe Bedeutung als Ausdruck von u.a. moralischen Bewertungssystemen. Emotionen liefern in dieser Darstellung einen ersten Hinweis darauf, dass etwas problematisch ist und darauf als wie bedeutsam dieses Problem wahrgenommen wird. Erst danach kommt das was üblicherweise als Denken bezeichnet wird. Zusätzlich wird in dieser Einschätzung von Emotionen ihre andauernde Anwesenheit beachtet.

Emotionen allein reichen nicht, Denken allein aber ebenfalls nicht. Die Emotionen liefern dem Denken den Hinweis auf das, worüber in welcher Weise reflektiert werden kann. Hier ist es eine ideologische Auseinandersetzung, die Theorie mit Hinweisen aus Emotionen vergleicht und dann zu Argumenten führt. Zwingend notwendig ist dafür eine Basis an Wissen, die Deutung ermöglicht und zu Konzepten führen kann, hier in Verbindung mit dem Messinstrument universalisierungsfähiger Werte.

Emotionen stellen schnelle Bewertungssysteme dar, sie sind heuristisch verwendbar. Emotionen selbst sind aber keine Argumente, noch liefern sie selbst Argumente. Durch ihre Bewertungsfunktion ermöglichen sie allerdings eine Orientierung. Bei der Auswahl schwer vergleichbarer und ungewisser Möglichkeiten können sie den entscheidenden Ausschlag liefern.

Entscheidend dafür ist es, dass sie überhaupt wahrgenommen werden und dass sie in einer Form wahrgenommen werden können, die noch wenigen Manipulationen ausgesetzt war, wie an gewünschte Emotionen angepasst oder ganz verdrängt zu werden. Abschwächung auf ein erträgliches Maß würde ich in diesem Zusammenhang nicht dazu rechnen, da die Art der Emotionen selbst dabei nicht verändert wird. In diesem Kontext fällt mir eine Forderung aus dem Bereich des Buddhismus ein, die denjenigen nahelegt, die in der Meditation ihre Emotionen beobachten, auf Mittel der Beeinflussung von Emotionen zu verzichten. Dazu gehören Rauschmittel, nicht verordnete Medikamente, Musik, Lärm und sowie soziale Ablenkungen.

Insgesamt ergibt sich für mich hier ein gutes Modell für eine gelingende Zusammenarbeit zwischen Emotionen, dem Erwerb und Bestand von unterschiedlichen Formen des Wissens sowie Reflexionsprozessen, die Emotionen und Wissensbestände in Verbindung bringen. Daraus ergeben sich neue Wissensbestände, die beim Auftreten von Emotionen wiederum zur Verfügung stehen.

In Bezug auf Bildungsprozesse handelt es sich hier einerseits um vermittelbares Wissen über die Position von Emotionen in Bezug auf andere Verarbeitungsprozesse als auch daraus abgeleitet um Wissen zum sinnvollen Umgang mit Emotionen. Daraus können sich praktische Anwendungsmöglichkeiten bei der Beobachtung, Beeinflussung und Artikulation der eigenen Verarbeitungsprozesse ergeben, bei der eigenen Einflussnahme auf andere als auch bei der Beobachtung und Einschätzung von Vorgängen im sozialen Raum und dem Umgang damit.

Referenz:

Boltanski, L. & Chiapello, È. (2003). Der neue Geist des Kapitalismus. Konstanz: UKV.

Ein Fragment

Leider bietet Oliver Nachtwey am Ende seines Buchs Die Abstiegsgesellschaft keine Lösung an. Er untersucht auch nur zu einem geringen Teil die ausgelösten und geförderten Emotionen und deren Wirken in den Handlungsstrategien von Menschen in modernen Gesellschaftssystemen bei einer weitgehend kapitalistischen Orientierung des Wirtschaftssystems. Weiterhin nehme ich seine Zusammenstellung von Formen des Aufbegehrens als zu begrenzt wahr.

Aber ansonsten hilft mir seine Analyse extrem gut Vorgänge des Alltags der letzten Jahre in eine zusammenhängende Ordnung einzufügen. Sogar für den Rassismus findet er einen Platz.

„Jenseits der realen Probleme, die bestimmte Gruppen von Muslimen, zum Beispiel Salafisten, europäischen Gesellschaften bereiten, ist die Islamfeindlichkeit das neue Gewand eines Rassismus, der die vermeintliche kulturelle Überlegenheit der westlichen Kultur herausstellt.“(Nachtwey, 2016, S.223)

Für mich ist erstaunlich, dass sich Problematiken im Bildungssystem, die Anlass für mein Studium waren, letztlich als Probleme eines Wirtschaftssystems herausstellen, das eine ganze Gesellschaft und alle ihre Teilbereiche bestimmt. Ich muss feststellen, dass mich in Bezug auf Emotionen ebenfalls vor allem das Einwirken von gesellschaftlichen Bedingungen auf ihr Entstehen, ihr Verständnis, den erwarteten Ausdruck und ihre Regulation interessiert, das was vor allem über Sozialisation und Erziehung vermittelt wird, sowie die Möglichkeit durch Bildung zu einem besseren Verständnis der Vorgänge auf der Ebene der Emotionen und dadurch zu neuen Handlungsoptionen zu kommen.

Als ich kürzlich eine Phase der Traurigkeit durchlebte, wurde mein Denken von folgender Überlegung durchzogen. Wenn Emotionen ein untrennbarer Bestandteil von Menschen und ihren Wahrnehmungs-, Verarbeitungs- und Entscheidungsprozessen sind, die Emotionen von Menschen aber nicht adäquat berücksichtigt und beachtet werden, bedeutet es in letzter Konsequenz, dass Menschen an sich keine Bedeutung haben.

Ähnlich verhält es sich damit, wenn Menschen aufgefordert sind ihre Emotionen an sich zu kontrollieren und im Zaum zu halten oder wenn sie nur erwünschte Emotionen zum Ausdruck bringen dürfen. Soziale Rücksichtnahme bewegt sich in einem Feld asynchroner Machtbeziehungen, so dass die erlaubten Möglichkeiten der Sichtbarmachung von Emotionen sowie die Sanktionen bei Nichtbeachtung dieser Regeln auch Rückschlüsse über den gesellschaftlichen Wert von Personen, sowie Rückschlüsse über den Wert von Emotionen als Mittel der Erkenntnis erlauben.

Vor Jahren habe ich mich schon mit Armut beschäftigt, inzwischen wird sie wie auch Rassismus mehr und mehr zum öffentlichen Diskussionsthema. (Die Bedeutung von Emotionen an sich ist leider noch kaum dran.) Armut, Rassismus, Diskriminierung sind mit jeder Menge Emotionen verbunden. Und das auf jeder Position, die man dabei inne hat. Sie sind Ursache, Folge und Entscheidungsmittel.

Warum also nicht genauer Emotionen untersuchen, was sie für Menschen für eine Bedeutung haben und wie mit ihnen verfahren wird?

Vielleicht kommt das mit den Emotionen und einer sinnvollen Analyse ja noch.

 

Referenz:

Nachtwey, O. (2016). Die Abstiegsgesellschaft. Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne. Berlin: Suhrkamp.