Bildungsmäuschen

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Emotionen untersuchen

In der letzten Zeit habe ich zunehmend den Eindruck, dass mein grundlegendes BiWi- Studium nun komplett ist. Das meint nicht, dass ich umfassende und perfekte Kenntnisse habe, sondern ich verfüge über einen Überblick über Komplexität, den ich in relevanten Situationen anwenden kann. Was ich zunehmend tue. Es ist eine Art von Studium, die im Menschen etwas an dem verändert wie er oder sie der Welt begegnet und mit ihr umgeht. Es ist eine Art von Studium, wodurch die Person an sich geformt und verändert wird. Ich muss dadurch nicht mehr rumzappeln und mich aufregen (kann es aber, wenn ich will, was gerade bei angenehmen Erregungszuständen bis zu einem bestimmten Grad angenehm ist), ich kann sachlich und analytisch an komplexe, schwierige und widersprüchliche Erscheinungen herangehen. Auch an Emotionen. Oder besser, gerade an Emotionen.

Über den Umgang mit Komplexität habe ich schon eine Menge gehört und gelesen und kann meinen eigenen, darauf bezogenen Stand bestimmen, in Bezug auf Emotionen ist das anders. Ich habe immer wieder Phasen und Momente, wo mir die Beschäftigung mit Emotionen unnötig, unwichtig und minderwertig erscheint. Oder wo Emotionen gänzlich verschwinden, weil sie keine Erwähnung finden. Obwohl sie fortwährend in Menschen auftreten, sie interpretiert, ausgedrückt, geformt, kontrolliert und manipuliert werden, sind sie nach wie vor nichts, das bei der Beschäftigung mit Menschen auch fortdauernd eine bewusste und gezielte Beachtung finden. Doch erst dadurch wird für mich die Betrachtung von Menschen und ihres sozialen Miteinanders vollständig.

In der letzten Zeit gelingt es mir zunehmend besser, achtsam für Erscheinungen in Bezug auf Emotionen zu bleiben und mich nicht verunsichern zu lassen. Es wird einfacher neben der Duldung des Auftretens aller Arten von Emotionen, Formen der Regulierung, des Ausdrucks oder des Mangels daran eine distanziert beobachtende Position einzunehmen. Diese Position hat zwar Auswirkungen darauf wie ich mit meinen und den Emotionen anderer umgehen, führt aber nicht zu grundsätzlichen Änderungen. Die Emotionen bleiben was und wie sie sind. Ich unterdrücke sie nicht, wehre sie nicht ab und fördere sie nicht mehr als sonst. Zum Teil wird es sogar wesentlich einfacher sie sichtbar werden zu lassen und ihre Sichtbarkeit zu dulden, da die Sicherheit im Umgang mit ihnen wächst.

In Bezug auf bildungsrelevante Texte, Problemfelder und Fragestellungen versuche ich zu erfassen und zu berücksichtigen, in welcher Weise Emotionen eine Rolle spielen. Wenn sich die Gewohnheit etabliert hat so vorzugehen, wird die Achtsamkeit in vielen Fällen ganz automatisch auf Emotionen gelenkt, während weiterhin das beachtet und untersucht wird, was auch schon vorher beachtet und untersucht wurde. Das wird dadurch nicht geschmälert. Emotionen sind ein zusätzlich berücksichtigter Bereich, der bereits vorher da war, der Unterschied besteht in der Bewusstmachung ihrer Existenz auf der Basis von begrenztem, aber sich erweiternden Wissens über Emotionen, ihrer Natur, des Umgangs damit, der Regulierung und so weiter. Für mich ergibt sich dadurch ein vollständigeres, umfassenderes Bild, das für mich besser nachvollziehbar, übertragbar und anschlussfähig ist, da Emotionen den Bereich des unmittelbaren Geschehens repräsentieren. Emotionen finden unmittelbar statt. Auch dann wenn sie als Erinnerungen auftreten. Sie repräsentieren unmittelbares Erleben von Menschen.

Da sich Bildungswissenschaft mit dem Menschen und seinen Bildungsprozessen beschäftigen, ist es legitim und möglicherweise sogar notwendig Emotionen, und alles was dazu gehört, in Analysen zu berücksichtigen. Praktisch angewandte Pädagogik musste immer auch mit Emotionen umgehen. Die einzige Frage in diesem Kontext ist, ob das bewusst oder nicht bewusst geschehen ist oder geschieht. Ein nicht bewusster Umgang funktioniert, ein bewusster ermöglicht nach meinen Überprüfungen an mir selbst einen deutlichen Mehrwert.

Durch einen bewussten Umgang mit Emotionen und eine Konzentration auf sie können Haltungen zu Emotionen, die verwendeten Arten des Umgangs, die Lenkung des Ausdrucks, verschiedenste Formen der Manipulation, auftretende Konflikte und Problematiken beispielsweise durch Widersprüche und vieles mehr eher erkennbar werden. Dadurch wiederum können eine gezieltere Änderung sowie weitere Untersuchungen vorgenommen werden.

Als Probleme bleiben für mich momentan wie ein solches Vorgehen für andere nachvollziehbar dargestellt werden kann und ob sich Systematiken für das erstellen lassen was ich in meinem Alltag anzuwenden versuche. Worauf muss wie und weshalb geachtet werden? Und wie geht man dabei vor? Reicht es aus bestimmtes Wissen über Emotionen zur Verfügung zu haben? Wo befindet sich die Beobachtungsebene? Und was ist mit Texten? Und was mit Netzaktivitäten? Wie sammele ich eigentlich meine ganzen Informationen?

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Emotionen als Untersuchungsgegenstand

Es ist Freitag, kurz nach 24.00 Uhr und ich bin gerade aufgestanden. Mein letzter Blogeintrag von Mittwoch ist bis jetzt nicht fertig geworden und auch den Rechner hatte ich bisher nicht wieder an. Das Smartphone, mit dem ich seitdem ein Minimum an Netzaktivitäten betrieben habe, eignet sich nicht für längeres Schreiben und in der Zwischenzeit wollte ich meinen Blog sowieso nicht mehr öffentlich fortführen und auch den größten Teil der Einträge auf privat stellen. Davon bin ich allerdings wieder abgerückt.

Während ich den Blogeintrag von Mittwoch geschrieben habe, kam eine Sammelmail von Prof. Dr. Jordi Vallverdú, in der er freiwillige Unterstützer bei einer Wiederholung seines MOOCs zu Emotionen aus philosophischer Perspektive sucht. Wäre es ein deutschsprachiger MOOC, ich hätte mich sofort angeboten, so verbringe ich erst einmal einige Stunden damit alle meine Aufzeichnungen zum MOOC vom letzten Jahr durchzulesen, um die momentane Relevanz der Inhalte für mich zu bestimmen. Inzwischen denke, er ist zu spezifisch philosophisch und führt mich nicht zu den Aspekten, die für mich bedeutsam sind. Doch genau solchen Input, sehr passgenau zu den für mich wichtigen Aspekten im Zusammenhang mit Emotionen, benötige ich zu meiner Unterstützung, gerade um nicht fortwährend verwirrt und verunsichert zu werden. Es war wegen dieser Verunsicherungen und meiner Schwierigkeiten damit, dass ich überlegt hatte, meinen Blog weitgehend unsichtbar zu machen.

Mehr als die Inhalte des MOOCs zu Emotionen hilft mir momentan das siebte Kapitel zu Bildung, Lernen und Emotionalität von Ulrike Zimmermann in dem Buch Bildungswiderstand, das ich trotz heute ablaufender Frist am Mittwoch nicht in der UniBib zurückgegeben habe. Sie hatten keinen Münzkopierer mehr und vorm Schließen der Außenstelle konnte ich keine Alternative auftreiben. Eine Kopie habe ich inzwischen zwar immer noch nicht, dafür die drängende Situation als Anlass genommen den Text gestern zu einem Teil intensiver zu bearbeiten.

Zwischendurch wuseln noch immer die Inhalte vom MOOC Arbeit 4.0 umher und ein Post auf Facebook lenkt meine Gedanken in eine Richtung, durch die Emotionen, neue Arbeitwelt, meine Skepsis gegenüber einer zu unkritischen Haltung und der Anstoß, den mir Zur Kritik des Bedingungslosen Grund-Einkommens von Rainer Roth geliefert hat, sowie meine eigenen Lebenserfahrungen miteinander verbunden werden. Aus einem bestimmten Blickwinkel betrachtet wird das BGE zu einem Mittel, mit dem eine kapitalistische Ökonomie die durch ihre eigenen Strukturen erzeugten systemgefährdenden Probleme versucht abzumildern. Die von Befürwortern erhoffte gesellschaftliche Änderung ist davon folglich nicht zu erhoffen. Systemimmanente Probleme werden nur für eine Zeit weiter vor sich hergeschoben.

Wie werden Emotionen in solchen Zusammenhängen gesehen und wie wird mit ihnen verfahren? Das sind sehr wichtige Fragen. Es ist von hoher Bedeutung zu analysieren was im Bereich der Emotionen vor sich geht und sie nicht nur als etwas zu betrachten, das man als begleitende Erscheinungen beliebig formen und einsetzen kann, da es sich bei ihnen um grundlegende Anteile von Menschen handelt. Bei der Frage nach der Methode des Herangehens und der dahinter stehenden Haltung zu Emotionen, stoße ich auf das was mich momentan umtreibt. Ich habe den Eindruck besser sein zu müssen als gut, um mich überhaupt nur verständlich machen zu können, halte diese Anforderung aber für zu hoch und für mich unerfüllbar. In meinem letzten, bisher nicht veröffentlichten Blogeintrag, habe ich mich mit der Problematik beschäftigt, fortwährend missverstanden zu werden und viel erklären zu müssen, wenn ich mich in meinen Argumenten auf Emotionen beziehe. In einem einzigen Satz hilft mir Zimmermann weiter.

„Die Beschäftigung mit Emotionen dagegen, versucht sich Trauer oder Freude analytisch und erkennend zu nähern, die Bedeutung und Funktion für das Handeln und Denken herauszufinden.“ (Zimmermann, 2013, S.144)

Es geht mir nicht um Emotionalität, Befindlichkeitsfeststellungen oder das Ausdrücken von Emotionen, sondern um eine Analyse der Rolle, die Emotionen, und der Umgang mit ihnen bei verschiedenen Erscheinungen spielen. Ich werde dadurch auch nicht zu einem besseren Menschen, der besser mit seinem Leben zurecht kommt, Probleme besser lösen kann, freundlicher, zuvorkommender, kontrollierter und einsichtiger ist. Und auch wenn ich rechts und links und oben und unten und bei mir selbst gucke, und mich scheinbar sehr off-topic bewege, bin ich weiterhin auf bildungswissenschaftliche Themen ausgerichtet, denn das nach allen Seiten um sich blicken gehört dazu. Bildungswissenschaft ist nicht allein die Lehre vom besseren Lernen, Lehren und Erziehen oder eines Wegs zum gesellschaftlichen Aufstieg, auch wenn sie all das durchaus einschließt. Bildungswissenschaft muss am Menschen an sich, an dessen Konstitution und Entfaltungsmöglichkeiten genauso interessiert sein wie an den Kontextbedingungen in denen Bildung geschieht oder eben nicht geschieht. Grundlegend sind dabei Emotionen, die in der Gesellschaft verbreiteten Haltungen dazu sowie die Anforderungen, die an Emotionsausdruck und Emotionsregulierung gestellt werden.

„Die Emotionsforschung und die neurobiologische Forschung schreiben Emotionen eine weitreichende Rolle für das Lernen, Handeln, Kommunizieren und Erinnern zu. Bisherige pädagogische Theorien werden dieser Rolle der Emotionen nicht gerecht. Emotionen sind eine eigenständige Größe sowohl im Bildungs- als auch im Erziehungsprozess. Emotionen wirken besonders aus der Kindheit nach und haben jahrelange Auswirkungen auf die Motivationsprozesse von Menschen und ihre Fähigkeit, sich langfristig auf Lernprozesse einzulassen.“ (Zimmermann, 2013, S. 151f.)

Mit diesem Zitat kehre ich an den Anfang meiner Recherchen zu Emotionen zurück. Damals habe ich mir die Frage gestellt, was denn hinter der immer wieder angeführten Motivation steckt, wo sie herkommt, und für mich waren eindeutig Emotionen die Grundlage. Also habe ich weiter gefragt, warum diese keine angemessene Erwähnung finden. Inzwischen kann ich feststellen, dass in der Regel keine in meinen Augen ausreichenden Analysen zur Wirkung und Auswirkung von Emotionen vorgenommen werden. Sehr häufig wird noch nicht einmal bestimmt, worum es sich bei Emotionen, eigentlich handeln soll, wenn sie denn überhaupt erwähnt werden. Inzwischen bin ich über jeden und jede froh, der oder die das tut, und habe begonnen mich dafür zu bedanken. Für mich handelt es sich dabei um Respekt gegenüber dem was Menschen sind und was sie ausmacht, den ich bei anderen Herangehensweisen vermisse.

Zimmermann bezeichnet Bildung als „emotional-kognitive Einlassung auf die Welt und sich selbst“ (Zimmermann, 2013, S.135). Erst in dieser expliziten Beschreibung wird das Bild für mich vollständig. Ich fühle mich mit Texten unwohl, in denen Emotionen unsichtbar werden, nicht weil ich emotional angesprochen werden möchte, sondern weil Emotionen fortwährend in Menschen anwesend und wirksam sind. Da laufen keine Köpfe durch die Welt, die befüllt werden und verarbeiten, sondern ganze Körper mit vielfältigen Wahrnehmungen in einem sozialen und umweltlichen Kontext, in denen Emotionen, Denken und Handeln in einer untrennbaren Einheit in Erscheinung treten. Man kann unterlassen das im Besonderen zu benennen, unterlassen sich damit genauer zu beschäftigen, man kann es dadurch aber nicht an seiner Existenz und an seinem vielfältigen Wirken hindern. Das Problem dabei ist, dass das was nicht benannt wird eher der Achtsamkeit entgeht, damit der Möglichkeit eines bewussten Verstehens und der Erkenntnis, und dass dadurch auch kein Anlasses geliefert wird weitere genauerer Untersuchungen anzustellen. Ein wichtiger Teil der Wirklichkeit bleibt dadurch dauerhaft unsichtbar.

So bleiben Emotionen in zu vielen Fällen ein undifferenziertes, kaum systematisiertes Feld, bei deren Erwähnung auf entgegengesetzten Polen die einen Glanzaugen bekommen und beginnen in Emotionen zu rotieren, die anderen wiederum eine Abwehrstellung einnehmen, sich distanzieren und Unangemessenheit reklamieren. Keine von beiden Haltungen ist wirklich hilfreich. Beide helfen nicht dabei die Unterschiede in dem zu erkennen, was im Umgang mit Emotionen geschieht, wie sie eingesetzt und wie sie manipuliert werden. Viele reden von Emotionen und Gefühlen, doch häufig ist damit überhaupt nicht das Gleiche gemeint. Absichten und Zwecke, die hinter Beachtung und Verwendung von Emotionen stehen, sind ebenfalls sehr unterschiedlich. Auch das ist wichtig aufzudecken. Es gibt viel zu tun. Dabei ist ein erster Schritt Emotionen als Untersuchungsgegenstand gesondert zu berücksichtigen.

Referenz:

Roth, R. (2006). Zur Kritik des Bedingungslosen Grund- Einkommens. Frankfurt: DVS.

Zimmermann, U. (2013). Bildungswiderstand. Lernende Erwachsene im Spannungsverhältnis von Individualität und Funktionalität. Uelvesbüll: Der Andere Verlag.

Überlegungen zum EASI-Modell

Das EASI-Modell (Emotion As Social Information) für soziale Aspekte von Emotionen von Van Kleef ist als sozialpsychologisches Modell im Gegensatz zu einer Reihe von Theorien aus unterschiedlichen Wissenschaften, deren Texte zu Emotionen ich gelesen habe, sehr gut anschlussfähig an mein BiWi-Studium. Es ist außerdem ein sehr einfaches, gleichzeitig auf grundlegende Strukturen bezogenes Modell, das als Basis für vielfältige Beobachtungen in Bezug auf das Auftreten und die Bedeutung von Emotionen in Bildungs- und anderen sozialen Kontexten genutzt werden kann. Je nach untersuchtem Fall können andere Theorien angehängt oder bestimmte Aspekte betont werden.

Es hat außerdem den großen Vorteil, dass es Ungewissheit und Konstruktion einbezieht. Eine wesentliche Problematik bei der Beschäftigung mit Emotionen ist die grundlegende Schwierigkeit intrapersonelle Vorgänge zu erfassen. Stichworte sind in diesem Zusammenhang für mich Black Box und Konstruktivismus. Mit dem EASI-Modell lassen sich daraus entstehende Probleme umgehen, ohne sie vernachlässigen zu müssen, da es sich auf die Beobachtung des emotionalen Ausdrucks und auftretende diskrete Emotionen bezieht. Wie diese Wahrnehmungen verstanden und interpretiert werden, ist für das Prozessverständnis selbst nicht entscheidend. Um den Ablauf nachvollziehbar zu machen, ist es nicht von Bedeutung ob das was wahrgenommen und interpretiert wird zutreffend, verzerrt oder möglicherweise sogar falsch ist. Solche Faktoren lassen sich getrennt davon untersuchen.

Das Modell erfasst, dass zwischen beobachtetem Emotionsausdruck und Verhalten des Beobachters zwei Prozesse parallel ablaufen. Einerseits affektive Reaktionen des Beobachters, andererseits die Schlussfolgerungen des Beobachters. Emotions- und Denkprozesse können dadurch als nicht trennbare, zusammenwirkende Komponenten erfasst werden. Das Modell beinhaltet weiterhin den Einfluss der Art der Informationsverarbeitung des Beobachters und Faktoren der sozialen Beziehung, die beide zwischen Wahrnehmung des Emotionsausdrucks und Verhalten des Beobachters sowohl auf affektive Reaktionen als auch Schlussfolgerungen einwirken. Emotionen werden in dem Modell als bedeutsame soziale Informationen verstanden. Das Modell ist als Strukturmodell nach meinem Verständnis sowohl auf die Wahrnehmung anderer als auch auf die Eigenwahrnehmung anwendbar.

Für mich ist es außerdem bedeutsam, weil es den informellen Wert von Emotionen in sozialen Kontexten anerkennt. Seine Wurzeln liegen in einem sozialfunktionalen Ansatz von Emotionen. Genau in diesem Bereich liegt für mich ein hoher Wert von Emotionen und der Grund dafür, dass eine Missachtung oder Geringschätzung von Emotionen oder die Forderung nach ihrer Manipulation innerhalb von Machtbeziehungen zugunsten der dominierenden Partei bei mir zu Widerspenstigkeit führen können.

Zuerst war es für mich frustrierend nach so langer Zeit der Suche, des Lesens, der Reflexion und Beobachtung in einem so kleinen Modell ein geeignetes Werkzeug für die Anwendung im Alltag zu finden, bis mir dämmerte, dass ich ohne diese ganze Suche die Bedeutung des Modell nicht hätte erfassen können. Ebenfalls kann ich dadurch abschätzen, dass Van Kleef ausreichend recherchiert hat und sich mit grundlegenden Emotionstheorien auskennt.

Ein Problem habe ich momentan damit zu bestimmen wie ich meine ganzen Recherchen zu einer wissenschaftlichen Arbeit zusammengefügt bekomme. Wie vermittele ich, dass und wie ich die Berücksichtigung von Emotionen in Bildungskontexten als wichtig ansehe. Für mich persönlich macht das EASI-Modell zwischenmenschliche Vorgänge in Bildungskontexten wesentlich verständlicher und legt nahe Emotionen, ihr Auftreten und den Umgang mit ihnen als bedeutsam einzustufen. Dieser Ansatz ist dabei aber spezifisch und unterscheidet sich grundlegend von anderen Ansätzen in Bezug auf Emotionen. Im Besonderen von denjenigen, die vor allem auf die Förderung positiver Emotionen ausgerichtet sind oder Emotionsregulierung betonen.

Kurz zusammengefasst interessiert mich vor allem, wie das mit den Emotionen im alltäglichen Miteinander eigentlich funktioniert. Ich bin dabei an einer unmittelbaren Bewusstheit und einem Verstehen interessiert und der dafür notwendigen Methoden zur Wahrnehmung von Abläufen. Auf Bildungskontexte bezogen bedeutet es zuerst einmal die Förderung der Wahrnehmung des im EASI-Modell beschriebenen Prozesses in der eigenen Person als auch in anderen Personen.

Neben Vorkommnissen in Bildungskontexten, die für mich schlecht ausgegangen sind, zu sehr unangenehmen Emotionen führten und bis heute Fragen nach der Möglichkeit alternativer Verhaltensentscheidungen aufwerfen, erinnere ich mich inzwischen zunehmend an Bildungskontexte, die anderen emotionale Probleme bereitet haben, während ich mit den Situationen gut zurecht gekommen bin. Im Besonderen erinnere ich mich an einen VHS-Kurs, in dem der Durchführende einen derart beleidigenden Umgang mit den Teilnehmern benutzte, wenn ihm Produkte des Kurses nicht gefielen, dass die Anzahl der Teilnehmer stetig abnahm, bis ich beim letzten Termin allein übrig geblieben war.

Was ich bis heute als interessant und sogar lustig eingestuft habe, da ich die Situation bewältigen konnte ohne aufzugeben, erscheint jetzt in einem anderen Licht. Der pädagogische Mangel des Durchführenden ist für mich stärker sichtbar, ebenso dass die Hinnahme eines stillschweigenden Rückzugs anderer eine problematische Lösung darstellt, auch wenn keine eigene unmittelbare Betroffenheit besteht. Ich wünsche mir Werkzeuge, die dabei helfen können zu erkennen was auf der Ebene der Emotionen genau vor sich geht, was das beispielsweise in Bezug auf Konflikte, Verletzungen der Würde des Menschen, Diskriminierung oder Ausschluss bedeutet, und die es grundsätzlich ermöglichen Problematiken in einer sachlichen, kooperativen Form zu thematisieren.

Auf der Seite der EASI Labgroup ist für dieses Jahr eine Publikation angekündigt mit dem Titel: „Are the powerful really blind to the feelings of others? How concern over one’s power shapes attention to emotions.“ Der Titel macht mich neugierig. Von großem Interesse ist für mich der Umgang mit Emotionen im Kontext von Machtverhältnissen und Machtinteressen einschließlich dessen, wie weit eine Nichtberücksichtigung oder Geringschätzung von Emotionen, die Aufforderung zum Verbergen oder zum Manipulieren oder die Aufforderung zur Umgestaltung des Emotionsausdrucks in diesem Kontext von Bedeutung ist.

Ergänzung:

Seitdem ich diesen Beitrag verfasst habe, sind zwei Tage vergangen. In der Zwischenzeit habe ich meinen Alltag unter Verwendung des Modells beobachtet. Dabei tauchte für mich die Frage danach auf, ob Van Kleef in den Emotionsausdruck auch verbale Äußerungen einbezieht aus denen Emotionen ablesbar werden. Tut er. „People may be unaware that their inner feelings are reflected on their faces, in their voices, in their bodily postures, or in their choice of words.“ (Van Kleef, 2010, S.3). Genau das konnte ich in der Zwischenzeit beobachten. Ohne dass Personen direkt angegeben haben welche Emotionen für sie in welchen Beziehungen oder in Bezug auf welche sozialen Situationen aufgetreten sind, haben sie durch scheinbar belanglose Äußerungen nebenher dazu bedeutende Informationen geliefert. Wahrscheinlich noch nicht einmal mit einem Bewusstsein dafür.

In diesen Äußerungen sind Emotionen enthalten, die im Sinne der Appraisal Theorien Bewertungen darstellen. Im sozialen Miteinander stellen sie soziale Bewertungen dar. In nebenher erfolgenden Äußerungen werden im sozialen Miteinander Wertesysteme transportiert, deren Bedeutsamkeit mit der Machtposition derjenigen verknüpft sind, die sie vertreten. Personen können sich auf diese Weise mit sozialen Machtpositionen verbinden, indem sie diese reproduzieren. Die Verbindung mit einer Machtposition kann dabei das eigene Wohlbefinden erhöhen, so wie die Verbindung mit einer Ohnmachtsposition oder Zuweisung zu einer Ohnmachtsposition das Wohlbefinden reduzieren kann.

Referenz:

Van Kleef, G. (2010). The emerging view of emotion as social information. Verfügbar unter http://dare.uva.nl/document/2/90694

Emotionswissenschaft?

Inzwischen bin ich an einem Punkt angelangt an dem ich mir eine eigenständige interdisziplinäre Emotionswissenschaft wünsche, die all die verstreuten Erkenntnisse und Problemstellungen zu Emotionen unter einem Dach ordnen, verbinden, zusammenfassen und weiterentwickeln kann. Gibt es in Deutschland wohl nicht, englischsprachig findet sich allerdings einiges, u.a. ein Wikipedia-Artikel zu Affective Science. Dort finde ich auch ein Zitat, das in einem direkten Zusammenhang zu dem steht, was mich in Bezug auf bildungswissenschaftliche Themen beschäftigt.

„Research over the last two decades suggests that many phenomena, ranging from individual cognitive processing to social and collective behavior, cannot be understood without taking into account affective determinants (i.e. motives, attitudes, moods, and emotions).“ Wikipedia, Affective Science, Stand 27.1.2016, ursprünglicher Text unter  http://spl.stanford.edu/pdfs/2013/Gross%20SAS%20Emotion.pdf verfügbar

Der ursprüngliche Artikel verhilft mir zur Kenntnis davon, dass es eine International Society of Research on Emotion (ISRE) gibt, die u.a. ein vierteljähriges Journal, die Emotion Review, herausgibt. Ich werde ganz aufgeregt und lade mir einen Probeartikel zu Emotion, Emotion Regulation, and Conflict Resolution herunter. Nach und nach beginne ich die Texte zu lesen.

„After decades of research, it has become clear that affect is a central feature in almost all phenomena that are labeled “mental” and some that are labeled “physical,” including (among others) the following: most if not all categories of mental illness, health and physical illness, resilience to stress and well-being, immune function, memory, marketing, attitudes, stereotyping and prejudice, interpersonal relationships, verbal communication, negotiation strategies, judgment and decision-making, financial decision making, predicting the future, work motivation, politics, aesthetics, and personality. Affect can serve as the basis for moral judgments of right and wrong. Affect even influences perceptual processing in fundamental ways. As a consequence, affective science represents an opportunity for scientific synthesis and discovery across a variety of phenomena and levels of analysis.“Gross & Barett, 2013

Für einen Moment fühle ich mich in meinem persönlichen Paradies. Vorgestern hat es mich schon ganz kribbelig gemacht zu entdecken, dass es ein Buch über ein Gespräch zwischen Paul Ekman und dem Dalai Lama zu Emotional Awareness gibt. Ich kann die Akzeptanz der sich eröffnenden Verbindungen in mir bestimmen, durch die dieser vorübergehende Zustand in mir ausgelöst wird. Erkenntnisse des Buddhismus treffen auf anthropologisch-psychologische Erkenntnisse, Emotionstheorien und Forschung werden mit allen relevanten Bereichen verknüpft. Genau dafür wird die interdisziplinäre Arbeit mit der Ausrichtung auf Emotionen benötigt.

„In particular affective science includes psychology, neuroscience, sociology, psychiatry, anthropology, ethology, archaeology, economics, criminology, law, political science, history, geography, education and linguistics. Research is also informed by contemporary philosophical analysis and artistic explorations of emotions. Emotions developed in human history make organisms to react to environmental stimuli and challenges.“ Wikipedia, Affective Science, Stand 27.1.2016

2012 wurde die Society for Affective Science gegründet.

„More than a century ago, Wilhelm Wundt described affect as a fundamental ingredient of the human mind (Wundt, 1897). We now know he was right.[…] These are exciting times in affective science, and it is very clear that the best is yet to come.“ Gross & Barett, 2013

Und ich finde auch die Beschreibung eines für mich grundlegenden Problems bei der Verwendung von Emotionstheorien in der Bildungswissenschaft.

„… one of the first challenges of affective science is to reach consensus on the definition of emotions.“ Wikipedia, Affective Science, Stand 27.1.2016

Mir bleibt nur noch zu bedauern, dass ich nicht jemand anders bin als ich nun einmal bin. Vielleicht reicht es aber für einen Fensterplatz auf der Empore.

Referenzen:

Gross, J.J. & Barrett, L.F. (2013). The Emerging Field of Affective Science. In: Emotion, 2013, Vol. 13, No. 6, P. 997–998. Washington, D.C.: American Psychological Association.

Puzzlearbeit

Zu Ferienbeginn hat mich die Konrektorin mit dem Wunsch auf gute Ferien verabschiedet und ich konnte es mir nicht verkneifen zu erwidern, dass ich gar keine Ferien habe. Ich habe mich anschließend durchaus gefragt, ob ich mich da nicht etwas weit aus dem Fenster gelehnt habe. Keine Ferien? War das nicht nur die kleine wütende Stimme, die es zur Selbstaufwertung nicht lassen konnte den Mund aufzureißen?

War sie schon, sie hat aber durchaus nicht Unrecht. Die Feiertage und alle Aktivitäten sind nur Nebenbeikram. Erledige ich auf kleinster Flamme. Im Mittelpunkt steht weiter meine selbstgewählte Puzzlearbeit um herauszufinden, wie es mit den Emotionen und im Besonderen mit denen in der Bildung so funktioniert.

Diese Arbeit ist merkwürdig, weil sie keine Vorlage hat und die Teile für den Zusammenbau aus sehr verschiedenen Quellen herausfischt. Zu Beginn der Ferien war es die Analyse der Vorkommnisse des letzten Schultages auf den Informationsgehalt der aufgetretenen Emotionen. Danach hatte ich plötzlich eine Idee zum Titel und der Forschungsfrage meiner BA, die sich endlich mal zutreffend zusammengefasst anfühlte. Einige Tage später konnte ich noch ganz einfach den Schwerpunkt meines Referats für die PV im Februar bestimmen.

Heiligabend bestanden Puzzlestücke dann aus der Verfilmung von Cloud Atlas und in der folgenden Nacht noch aus der erste Vorlesung der Campus Nacht zu Bildung und Univers(ali)tät in der Reihe Wissenschaft für Schlaflose des Bildungsfernsehens. Zwei der bedeutenden Erkenntnisse dabei waren erstens, dass ich beim zweiten Ansehen des Films plötzlich erkennen konnte, dass es sich bei Cloud Atlas um eine Auseinandersetzung mit dem Themenbereich handelt, den ich als Rassismus bearbeitet habe und der von Heitmeier als gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit bezeichnet wird, und dass sich daraus sowohl die Frage nach der Würde des Menschen ergibt als auch die Frage nach den Möglichkeiten von Widerstand. Sehr beeindruckend dabei der Dialog:

„Ganz gleich was Du auch ausrichtest, es wird nie mehr sein als ein einzelner Tropfen in einem unendlichen Ozean!“ – „Was ist ein Ozean, wenn nicht eine Vielzahl von Tropfen?“

Verfilmung von David Mitchell: Der Wolkenatlas, 2012

Die zweite wichtige Erkenntnis wurde von Böhm (2015) vermittelt und bezieht sich einerseits auf eine Einschätzung Adornos, dass Bildungstheorie nur als kritische Selbstreflexion auf Halbbildung möglich ist. Andererseits darauf, dass Bildung als Ziel nicht reine Wissensvermittlung hat, sondern die Heranbildung eines mündigen Individuums, das in die Lage versetzt wird, frei seine Entscheidungen zu treffen.

Genau dafür benötigt dieses Individuum dann Informationen und Wissen dazu, was mit den Emotionen denn nun tatsächlich so vor sich geht. Und nicht nur Regeln, Anweisungen und Anforderungen, die Emotionen immer wieder nur als zu betrachtende, zu kontrollierende und zu manipulierende Erscheinungen im Sinne dominierender Vorstellungen einstufen. Gleichzeitig ist dieses Unterfangen aber immer wieder nur in Unvollständigkeit durchführbar, als fortlaufender Versuch durch Reflexion zum Verständnis sich dabei ständig wandelnder Situationen zu kommen.

Danach folgte das Buch, das mir die Betreuungskinder der Klasse 1b zu Weihnachten geschenkt hatten. Philipp Möller: Isch hab Geisterblitz. Im Gegensatz zu seinem ersten Buch stufte ich es zuerst als zu sehr auf eine Einzelperson ausgerichtet und daher für mich weniger interessant ein, verpasst ihm im letzten Teil aber zunehmend mehr Markierungen. Der benachteiligte Nachhilfeschüler, der in einem Crashverfahren fit gemacht werden soll, um doch noch eine Chance auf den Schulabschluss zu haben, den er für den von ihm gewünschten Ausbildungsplatz braucht, erhält diese Möglichkeit nur durch das Mitwirken und die Unterstützung von vielen Menschen in seiner Umgebung und mit Hilfe vieler kreativer Ideen.

Ganz zum Schluss dann noch der Hammer, ein sehr scharfes Plädoyer von Möller zum deutschen Bildungssystem und eine These:

„Es gibt in Deutschland kein schlechtes Bildungssystem, auch kein ungerechtes – es gibt gar kein Bildungssystem. Stattdessen gibt es sechzehn höchst unterschiedliche (und unterschiedlich gute) Herangehensweisen an die Aufgabe, Kinder und Jugendliche auf das Leben vorzubereiten. Das Leben in einer Demokratie, die nur von aufgeklärten, selbstbestimmten und kritisch-rational denkenden Individuen aufrecht erhalten werden kann; in einer sozial extrem heterogenen Gesellschaft, in der Einkommensunterschiede gigantisch sind und immer weiter wachsen; auf das Leben in einer multikulturellen Gesellschaft, die Toleranz gegenüber allen toleranten Denkweisen voraussetzt; in einer globalisierten Welt, in der Landesgrenzen an Bedeutung verlieren; in einer hoch technisierten Umgebung, die Kompetenzen im Umgang mit virtuellen Realitäten erfordert; das Leben in einer von Wachstumszwang und Leistungserwartung dominierten Wirtschaft, deren Akteure nicht davor halt machen, diesen Planeten sehenden Auges zu zerstören; und als Mitglieder der europäischen Staatengemeinschaft, in der – wenn auch nur am Rande – faktisch Krieg herrscht.“ (Möller, 2015, S.297)

Hier springt mich als Orientierung ein Bildungsideal an, das mit beiden Füßen in der Komplexität der Wirklichkeit verankert ist und sanft segele ich in meinem Alltag zu ganz anderen Themen weiter.

Bücher und Filme transportieren eine spezifisch vorgefilterte Wirklichkeit. Ein Verwandtenbesuch konfrontiert mich mit Meinungen und Haltungen, bei denen ich unmittelbar zu den dahinterstehenden Vorstellungen und Weltkonstruktionen nachfragen kann. Bücher und Filme sind weniger krumpelig und erlauben mehr Distanz. Der Verwandtenbesuch trägt mehr persönliches Konfliktmaterial mit sich.

Ich beobachte Emotionen. Ich bleibe ruhig. Ich frage gezielt nach. Ich mache darauf aufmerksam, dass auch ich einmal danach gefragt werden möchte, was ich eigentlich tue. Ich analysiere die Auslöser für unangenehme Emotionen. Ich stoße auf implizite Haltungen zum Wert von Handlungen, die ökonomischem Nutzen einen höheren Wert geben als sozialem Engagement. Ich entdecke die Falle. Der ökonomische Erfolg ist immer wertvoller als alles andere. Die ökonomisch Erfolgreichen sind die Gewinner, die Eins in der Hierarchie des Notensystems, wobei dieser ökonomische Erfolg auch in spezifischen Formen sichtbar sein muss. Alle Vertreter anderer Werte haben keine Chance und werden auf die Seite der Verlierer eingeordnet. Keine Frage nach Würde, keine Fragen nach Nachhaltigkeit, Sozialverträglichkeit oder Schutz von Ressourcen und Leben. Keine Fragen nach Widerstand, kein Hinterfragen von Werten, keine Vorstellungen dazu, dass eine Änderung der Werte von vielen eine Änderung der Gesellschaft bewirken kann. Kritik ist nicht darauf ausgerichtet Ursachen herauszufinden, sondern Möglichkeiten zur Anpassung zu erkunden. Meine unangenehmen Emotionen haben mich zum Erkennen der Zwickmühle geführt. In diesem Vorstellungssystem habe ich keine Chance und kann nur die ewige Verliererin sein. Besser ich halte mich davon fern und sehe zu, dass es nicht in deprimierender Form auf mich einwirkt.

Ich lese ein  weiteres Buch. Meine Stadtbücherei hat es neu angeschafft und ich habe es ausgeliehen, weil kürzlich auf den Nachdenkenseiten darüber geschrieben wurde. Und natürlich weil es auf Grund meiner Biografie mein Interesse geweckt hat. In gewisser Weise passt es auch zum Thema Emotionen, denn es beschäftigt sich unter anderem mit den Gefühlen von Bäumen. Meine beiden Puzzlestücke sind hier die Vernetzung und Zusammenarbeit von Bäumen miteinander und mit Kleinlebewesen, sowie deren soziale Unterstützung der eigenen Art vor allem bei Buchen, und die Tatsache, dass Wohlleben (2015) Dinge benennt, die sich mit Wahrnehmungen meinerseits decken, die ich aber aufgrund mir vermittelter anderer Erklärungen nicht für tatsächlich zutreffend gehalten habe. Vernetzte und für Erfolg zusammenarbeitende Bäume, die in vielfältiger Weise aufeinander einwirken und in Austausch mit ihrer Umgebung stehen. Wenn das für die schon wichtig ist, dann für Menschen erst recht!

Die Vernetzung und Zusammenarbeit passt wieder zum Inhalt von Möllers Buch. Sie ist es, die es dem benachteiligten Schüler ermöglicht hat erfolgreich zu sein. Die Benennung von ungewöhnlichen, für mich aber nicht abwegigen Sichtweisen durch Wohlleben (2015) hilft mir wiederum in einem Feld anderer Orientierung an mich selbst zu glauben und bei meinem Thema zu bleiben, denn es deprimiert mich, wenn ich mich nicht verstanden fühle, aber auch wenn mir jemand sagt, das womit ich mich beschäftige sei doch selbstverständlich und nicht meine Aufgeregtheit bei der Sache wert.

Mein Fazit: Ich mache keine Ferien, weil ich das gar nicht kann. Ich bin so sehr in mein Thema involviert, dass es mir in den unterschiedlichsten Zusammenhängen ins Auge sticht. Ich versuche das was mir begegnet zu analysieren und das herauszufiltern, was dabei für mich bedeutsam ist. Damit versuche ich mir einen umfassenden Überblick zu verschaffen, mir immer wieder die Bedeutsamkeit meines Themas zu bestätigen, und versuche besser die Art, wie Emotionen im alltäglichen Leben wirksam sind, zu identifizieren. Wichtige Erkenntnisse dazu finden sich häufig an unerwarteten Orten. Bücher, Filme, das Netz, alltägliche Gespräche und Beobachtungen eigen sich dafür in gleichem Maßen. Häufig ergeben sich Zusammenhänge und Querverweise. Gespräche darüber und auch über die Inhalte meines Themas sind allerdings nicht unproblematisch, da für andere häufig zu spezifisch. Gewinnbringender sind beliebige Gespräche, bei denen die Achtsamkeit auf für Bildung und auf für Emotionen relevanten Anteilen liegt, die währenddessen oder anschließend reflektiert werden.

 Referenzen:

Böhm, W. (2015). Bildung und Univers(al)ität: Bildung – Grundidee der abendländischen Kultur. http://www.br.de/fernsehen/ard-alpha/sendungen/alpha-campus/auditorium/eichstaett-bildung100.html (zuletzt abgerufen am 28.12.2015)

Möller, P. (2015). Isch hab Geisterblitz. Neue Wortschätze vom Schulhof. Köln: Bastei Lübbe.

Wohlleben, P. (2015). Das geheime Leben der Bäume. Was sie fühlen, wie sie kommunizieren – die Entdeckung einer verborgenen Welt. München: Ludwig.

 

Theorie in der Praxis suchend

Jeder Tag ist anders als der vorhergehende. Eine banale Aussage, aber etwas das mich immer wieder neu fasziniert. Ich lebe ein Leben, in dem sich Abläufe und Orte regelmäßig wiederholen, und genau dadurch fällt dieser Wechsel so stark auf. Ich habe keine Ahnung was dafür verantwortlich ist und kann es daher nur beobachten und zur Kenntnis nehmen. Schlafen wir drüber und morgen sieht alles anders aus, ist eine zutreffende Anwendung davon.

Gestern habe ich das Lesen zum Thema Emotionen, das mich viele Tage beschäftigt gehalten hat, nicht fortgesetzt, sondern meine Aufmerksamkeit darauf gerichtet die Inhalte im Alltag zu finden. Das war kein beabsichtigtes Verhalten, sondern hat sich aus den Begegnungen des Tages auf der Basis des wochenlang Gelesenen so ergeben.

Das Gegenteil von Vernunft ist Unvernunft, nicht Emotionen oder Emotionalität. Emotionen an sich sind nicht unvernünftig. Das ist die Art wie sie manchmal verwendet werden. Aber auch den Verstand und Rationalität kann man sehr unvernünftig einsetzen. (eigener Kommentar in einem Thread auf Facebook)

Das war so eine Gelegenheit der Anwendung. Außerdem die häufige Beobachtung während des Tages was die eigenen Empfindungen so betreiben, wie ich mich fühle, wann Emotionen auftreten, wie sie sich auf das Handeln auswirken, mit was für Gedankenbildern sie verbunden sind. Eine Schülerin, die mir mitteilt, dass sie schon den ganzen Tag in einer guten Stimmung ist, ein Film, der ein Abel/Kain-Motiv auf sehr interessante Weise thematisiert und bei dem ich mich in den Gefühlszustand der Charaktere versetze, der von den Schauspielern sehr anschaulich dargestellt wird. Der beabsichtigte Ausdruck von Emotion bei anderen im zwischenmenschlichen Kontakt während der Arbeit und ihre Nützlichkeit für die gemeinsame Arbeit, aber auch die Anpassung der Äußerung an das was im gemeinsamen Kontext üblich ist. Die Überlegung, was von einem Vortrag über die Neue Frankfurter Schule an vermittelten Informationen in einigen Wochen noch vorhanden sein wird, durch Vergleich mit den Vorerfahrungen ähnlicher Vorträge, und wie eine stärkere Ansprache von Emotionen die Erinnerung fördern könnte. Die Erinnerungen aus der Vergangenheit an Arbeitsgruppen, die nach Vorträgen stattfanden, und der Vergleich mit dem Nutzen emotionaler Involvierung bei Diskussionsforen im Internet.

Was ich momentan betreibe, erinnert mich an Deweys Methode aus der Praxis in die Theorie, wieder zurück in die Praxis und erneut in die Theorie zurück. Das Thema Emotionen, generell untersucht und nicht auf einen eingegrenzten Bereich, ist dabei etwas sehr spezielles. Emotionen sind fortwährend in den unterschiedlichsten Kontexten und Zusammenhängen vorhanden und können ganz nebenbei untersucht beziehungsweise beobachtet werden. Alles eignet sich, sämtliche Äußerungen des Lebens, gleichzeitig passiert nichts ungewöhnliches.

Hilfreich ist für mich dabei die Unterteilung des emotionalen Bereichs nach Empfindungen, Gefühlen, Emotionen und Stimmungen in Anlehnung an Küpers und Weibler (2005), die allerdings im Bezug auf die Empfindungen von meinen abweichen, außerdem die Vorstellung des untrennbaren Zusammenhangs von Körper, Emotionen, Denken und Handeln, den ich bisher am vehementesten betont bei Gieseke (2007) gefunden habe. Ein weiteres Element ist die Vorstellung von Hintergrundempfindungen, die fortwährend vorhanden sind, bei denen ich jetzt nicht genau weiß, auf wen sie zurückgehen. Diese Form der Empfindungen spielt für mein Thema auch keine Rolle. Es ist allerdings interessant zu wissen, dass Empfindungen als Wahrnehmung der Funktionen des Körpers so lange vorhanden sind wie Leben existiert und dass wir uns in einem gefühls- bzw. emotionsneutralem Zustand befinden können.

Wo ich momentan noch Lernbedarf sehe, sind die von den Neurowissenschaftlern festgestellten Aktivitäten in verschiedenen Bereichen des Gehirns. Ich würde mir das gerne am lebenden Körper vorstellen können, das erfordert aber zuvor eine gezieltes Visualisieren der vorhandenen wissenschaftlichen Kenntnisse, da bisher alle Darstellungen, die ich dazu gelesen habe, mir kein unmittelbares Nachvollziehen ermöglichten.

Es ist etwas schwierig zu beschreiben, aber ich konzentriere mich momentan nicht auf eine Systematisierung dessen, was im Kopf geschieht, ob dort Bilder oder Sprache oder komplexe Vorstellungen auftauchen, nicht auf Inhaltsarten und Formen, sondern nur darauf dass dort etwas geschieht und wie es in Bezug zu Empfindungen steht. Wie aus Kommunikation zwischen verschiedenen Teilen ein Komplex entsteht, der sich als Emotion beschreiben lässt. Und wie der dann auf mich wirkt, bestimmte Verhaltensweise abruft und andere zuerst einmal unmöglich erscheinen lässt. Ich beobachte allerdings auch die Strategien und Ausdrucksformen, die von anderen Menschen angewendet werden.

Ohne Auswirkungen ist das nicht, auch wenn diese sehr subtil sind. Es bleibt nicht beim reinen Beobachten, sondern führt dazu, dass ich Verhalten und Denken in Situationen unterbreche, abändere oder mir andere mögliche Strategien überlege. Ich unterbreche die für mich irrelevanten Ausführungen einer mit mir Telefonierenden, die bei mir negative Emotionen auslösen, da ich die Art der Darstellung als verbunden mit einer inhumane Haltung wahrnehme von der ich mich unnötig belastet fühle. (Es ist die Art der Darstellung und Bewertung durch die Person, auf die ich mich zuerst abwehrend einlasse, da ich sie aber nicht ändern kann, versuche ich das Thema gezielt zu wechseln. Allerdings kam die Person später wieder darauf zurück und erwischte mich weniger achtsam, so dass ich dann doch mit einem Haufen negativer Emotionen zurecht kommen musste. Das ist übrigens ein sehr interessantes Thema, wie sich die in der Kommunikation vermittelten Haltungen auf die Wahrnehmung von Gesellschaft an sich und die individuellen Möglichkeiten darin über in der Kommunikation entstandene Emotionen auswirken.)

Ich beobachte und experimentiere zur gleichen Zeit. Allerdings nicht fortwährend. Es ist eher so, dass ich bei Anlässen wie dem Facebookthread an das Thema erinnert werde und dann das was ich bereits an Wissen habe anwende. Zwischendurch verliere ich wieder den Faden und versinke in meinem gewohnheitsmäßigen Tun. Zum Teil reflektiere ich Ereignisse auch erst nachträglich auf Vorkommen und Bedeutung von Emotionen dabei. Ausgerichtet bin ich in den Reflexionen vor allem auf Bildungskontexte, da ich ja immer noch nach dem genauen Thema für meine Bachelorarbeit suche und daher alles auf mögliche Kenntnislücken absuche.

Referenzen:

Gieseke, W. (2007). Lebenslanges Lernen und Emotionen. Wirkungen von Emotionen auf Bildungsprozesse aus beziehungstheoretischer Sicht. Bielefeld: Bertelsmann.

Küpers, W. & Weibler, J. (2005). Emotionen in Organisationen. Stuttgart: Kohlhammer.

Bildungsmomente und Generalisierung

Kaum liegt die Idee #Bildungsweihnachten und ihre Umsetzung hinter mir, ist schon die nächste Idee für ein Projekt da. Es ist ein Produkt der Beschäftigung mit meinem Bildungspaket: die Erfassung und Beschreibung von Bildungsmomenten, die im persönlichen Alltag auftauchen. Den ersten Bildungsmoment habe ich detailliert im Kopf und finde ihn dabei sehr aufschlussreich. Ich werde ihn aber nicht beschreiben. Es ist an der Zeit anders zu denken als in Richtung der Erfassung und Dokumentation im Detail. Ich benötige Charakteristika und Gemeinsamkeiten.

Ich kann das was mein Kopf tut nicht 1:1 abbilden. Und auch wenn das möglich wäre, ist es wirklich sinnvoll? Viel wichtiger ist doch welche Vorarbeit ich meinen Verstand leisten lasse, in welche Richtung ich ihn denken und untersuchen lasse, was ich ihm für einen Suchauftrag gebe, woraufhin ich ihn veranlasse zu reduzieren und zusammenzufassen. Das was mein Denken gut und schnell kann, sollte ich ihm übertragen. Für die Dokumentation davon wünsche ich mir kurze Zusammenfassungen mit gefilterten Schwerpunktinformationen. Für den Bildungsmoment bedeutet das Kriterien festzulegen nach dem ich ihn beschreibe. Beispielsweise: Wodurch wird er ausgelöst? Wie umfangreich ist er? Zieht er Konsequenzen nach sich? Oder erst einmal die Frage: Was will ich überhaupt herausfinden? Ich möchte die Bildungsmomente anscheinend nicht nur aufspüren, sondern mehr über sie erfahren. Was sie auszeichnet, was sie gemeinsam haben, wie sie sich auswirken, wie sie weitergehend genutzt werden können.

Ich habe noch nicht die geringste Ahnung wie ich vorgehen kann. Dabei beziehe ich mich momentan vor allem auf die technische Seite. Wie und wo sammele ich diese Informationen? Und wie praktiziere ich das im Alltag? Und kann ich auf diesem Weg tatsächlich neues Wissen generieren? Finde ich überraschende Gemeinsamkeiten heraus? Ich werde es nur durch den Versuch herausfinden können.