Bildungsmäuschen

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Lesen im digitalen Zeitalter

Es fühlt sich an als sei der Zeitpunkt erreicht, an dem ich die Nase von den Verkrampfungen institutionaliserter Bildung voll habe.

Eine der Neuerwerbungen meiner städtischen Bücherei trägt den Titel Die digitale Revolution – Jugendliche lesen anders und hatte bei mir einen anderen Inhalt nahe gelegt als ich dann vorgefunden habe. Erwartet hatte ich eine Konzentration auf das aktuelle Leseverhalten von Jugendlichen, gefunden habe ich ein recht komplexes, aktuelles Werk über das Lesen an sich. Als Manga und Graphic Novel Fan, Bilder Lesende, Erziehungserfahrene, langjährige Vorlesepatin und als nach den Emotionen im Kontext von Bildung Angelnde bin ich mit dem Inhalt ausgesprochen zufrieden. Der Autor, Gerhard Falschlehner, kennt sich aus – mit dem Lesen und der Vielfalt aktueller Medien. Er ist etwa in meinem Alter, lässt seine vielfältigen persönlichen Erfahrungen in dem Buch durchscheinen und ist für mich auf Grund eigener Erfahrungen sehr gut nachvollziehbar.

Seine Herangehensweise ist komplex, Lesen ist für ihn ein umfassender Vorgang der Entschlüsselung von Bildern, Schrift und Informationen – ein multimodaler Vorgang und – er ist ein emotionaler Prozess. Genau so wie er es tut wünsche ich mir Emotionen eingebunden.

Ihm geht es um Leseförderung und ihm geht es auch um die etwa 20% an Kindern, die nie richtig lesen lernen. Für ihn spielt es keine Rolle wie und was gelesen wird. Er geht davon aus, dass jedes Kind etwas hat an dem es interessiert ist und dass es für die Förderung des Lesens keine Rolle spielt ob dafür Sammelkarten, Comics, Mangas, Straßenschilder, Zeitschriften, Bücher, Romanheftchen, SMS-Romane, Hörspiele oder Informationen in Videospielen verwendet werden. Alles was einen Anlass zum Lesen bietet ist geeignet. Was Interesse weckt und emotional bedeutsam ist motiviert. Daher stehen digitales Lesen, Lesen von Bildern sowie das Lesen von dreidimensionalen Informationssystemen gleichberechtigt neben den Medien eines traditionellen Leseverständnisses.

Sein Buch entkrampft. Doch auch er lässt Probleme mit dem schulischen Systems sichtbar werden – in Form einer dort verbreiteten eingeschränkten Sicht auf Lesen – und dieses Mal reicht es mir. Meine eigene Erfahrung belegt mir, dass er damit Recht hat, dass Lesen und Lernen vor allem eines sein sollen, etwas das man bereitwillig und wenn möglich auch gerne tut, weil die Sache selbst eine Bedeutung hat. „Lesen darf hemmungslos Spaß machen, urspannend und untief sein und auch unanständig; es darf trivial, kitschig, klischeehaft sein – so wie das Leben selbst.“ (Falschlehner, 2014, S. 198) Ich habe in meinem Leben alles gelesen was ich lesen wollte, darunter auch Bilder und Zeichen, gleichzeitig habe ich aber gelernt, dass es Normen für hoch- und minderwertiges Lesen gibt und dass für Bildung förderlich nur das Lesen gilt, das als hochwertig eingestuft wird.

Das kann zu einer Schädigung der emotionalen Bewertung des Lesens führen, zu einer Blockade des Flusses (Flow), zu Beschränkung, Einengung und letztlich Diskriminierung. Es ist dann nicht mehr möglich alles zu verwenden und sich auf alles einzulassen, die Erfüllung festgelegter Normen gewinnt an Bedeutung und Unpassendes muss verbannt werden. Tschüß freie Entfaltung von Kreativität. Ich brauche solche Strukturen aber nicht mehr.

Wie war das noch mit der Mündigkeit und dem eigenen Verstand? Manchmal ist dafür allerdings eine kompetente Unterstützung notwendig, um die Gedanken in eine neue Richtung zu lenken. Die habe ich in diesem Buch gefunden. Sollte ich in der nächsten Zeit anderen etwas über das Lesen lernen vermitteln sollen, ich denke, ich würde diese Buch als Grundlage verwenden.

Referenz:

Falschlehner, G. (2014). Die digitale Generation. Jugendliche lesen anders. Wien: Ueberreuter.

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Elternratgeber und die Einbeziehung von Emotionen

In der letzten Zeit habe ich mich zweimal intensiver mit Ratgebern beschäftigt, die vor allem an Eltern von Schulkindern gerichtet sind, und sie auf die Darstellung von Emotionen hin untersucht.

Der erste war von Jeanette Stark-Städele aus dem Jahr 2015 mit dem Titel Kinder wollen lernen – Kinder im Schulalltag unterstützen und begleiten. Es handelt sich dabei um die aktualisiert Neuauflage eines Buches, das bereits 2008, damals allerdings unter dem Titel Spaß am Lernen – erfolgreich in der Schule: wie Sie die Lernfähigkeit Ihres Kindes fördern und stärken können, erschienen ist. Ich hatte dazu einen Blogpost begonnen, aber nicht fertiggestellt. Das Folgende ist ein bearbeiteter Auszug daraus.

Für die Zeit der Ersterscheinung des Buches lässt sich anhand der damals erschienenen Literatur zum Themenbereich Emotionen eine starke Beschäftigung mit Vorstellungen feststellen, bei der positive Gefühle als grundlegend für erfolgreiches Lernen propagiert wurden. Sehr stark vereinfacht: Positive Gefühle fördern das Lernen, negative blockieren es, woraus sich die Schlussfolgerung ergibt, wenn man sich auf die Erzeugung positiver Gefühle ausrichtet, kann man erfolgreiches Lernen müheloser initiieren.

Explizit werden Emotionen allerdings nur in geringem Umfang thematisiert. Wie sie insgesamt einbezogen und betrachtet werden, entspricht dabei nicht ihrer expliziten Darstellung. Für mich ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Autorin nicht über ein klares und eindeutiges Gesamtkonzept für Emotionen verfügt.

Sie ist Praktikerin und als Praktikerin kennt sie sich mit dem Umgang mit Emotionen und ihrer Vielschichtigkeit aus. Die Theorie, die sie für Emotionen verwendet, kann dieses Wissen in seiner Vielschichtigkeit jedoch nicht abbilden. Im Gegensatz zu ihren Ausführungen zur Theorie der Emotionen wird in den praktischen Ratschlägen allerdings sichtbar, dass sie sehr wohl weiß, dass beispielsweise auch negative Emotionen zu Motivatoren für Lernen werden können. In den auf die praktische Anwendung hin ausgerichteten Teilen des Buches geht sie zwar kaum noch explizit auf Emotionen oder Emotionstheorie ein, sie wendet allerdings, möglicherweise unreflektiertes Alltagswissen zu Emotionen sinnvoll an.

Etwas anders sieht es bei Besser lernen mit positiver Pädagogik mit dem Untertitel Der Ratgeber für Lehrer, Eltern und Schüler aus. Das Original ist im Jahr 2014 in französischer Sprache erschienen. Die Autorinnen arbeiten als Familientherapeutinnen und zertifizierte Trainerinnen für Mindmapping und mentale Gesten. Entsprechend ist ihr Buch ausgerichtet. Sie haben den Vorteil, dass sie mit einzelnen Personen und kleinen Personengruppen an der Lösung konkreter Probleme arbeiten können. Sie propagieren ein Lernen mit „Kopf, Herz und Hand“ und gehen im Vergleich zu Stark-Städele umfangreich auf das Thema Emotionen ein.

Dafür benutzen sie die Definition der Wikipedia für Emotionen, außerdem Listen für Basisemotionen und Kategorien für positive, negative und toxische Emotionen nach Paul Ekman. Ihre Ausführungen zu Auswirkungen der verschiedenen Emotionen im Bereich des Lernens sind differenziert, Untersuchungen der Neurowissenschaft werden berücksichtigt. Im Gegensatz zu dem Buch von Stark-Städele wird mehr Bewusstheit über die Wirkung von Emotionen und eine umfangreichere Kenntnis und Berücksichtigung von Emotionstheorien erkennbar. Das Buch von Stark-Städele wirkt dagegen eher wie die Darstellung praktischer Erfahrungen, denen eine spezifische Theorie künstlich beigefügt wurde.

Da Akoun und Pailleau (2015) ein Buch für die praktische Anwendung geschrieben haben, werden den Lesenden Vorschläge für verwendbare Techniken gemacht. Das Buch erklärt sich darauf ausgerichtet eine positive Haltung zum Lernen zu erzeugen, eine Absicht, die bei mir am Ende der Lektüre in vollem Umfang erreicht ist. Ich befinde mich in einem Zustand optimistischer Gedanken und angenehmer Emotionen.

Im Buch taucht im Nebenher allerdings auch immer wieder Kritik an den Ursachen für das auf, was den Arbeitsplatz der Therapeutinnen mit absichern hilft. In ihre Praxis werden Kinder gebracht, die im schulischen System Probleme bekommen haben. Diese Probleme lassen die Autorinnen durchaus als zu einem beträchtlichen Teil systemisch bedingt erkennbar werden. In Bezug auf Emotionen bedeutet es, dass lernbehindernde Emotionen im schulischen System selbst oder durch die Auswirkungen des schulischen Systems als gesellschaftlichem Teilsystem verursacht werden. Probleme entstehen daher auch durch emotionsauslösende Auswirkungen auf die Familien, die wiederum auf die Schüler zurückwirken. Zum Teil können diese behindernden Emotionen dauerhaft durch verschiedene Techniken ausgeglichen oder abgemildert werden, zum Teil sind die Lernaufgaben darauf ausgerichtet mit den behindernden Emotionen, die das gesellschaftliche Teilsystem Schule fortdauernd auslöst, besser zurecht zu kommen.

Kaum Einfluss haben die Therapeutinnen auf das System Schule an sich oder das gesellschaftliche System, aus denen die Ursachen für etliche der lernbehindernden Emotionen stammen, auch wenn sie mit den Eltern zusammenarbeiten, Kurse für Lehrer anbieten und Lehrer anführen, die für die Erzeugung und den Erhalt lernförderlicher Emotionen sinnvolle Techniken und Methoden einsetzen. Das System Schule an sich ist nicht auf den Aufbau eines emotional förderlichen Zustands für das Lernen seiner Schüler ausgerichtet. Zu bedenken ist dabei, dass das Teilsystem Schule nicht losgelöst dasteht, sondern dass sich darin die in der Gesellschaft verbreiteten Haltung zu Emotionen widerspiegeln. Die Herstellung eines emotional förderlichen Zustandes kann von den darin arbeitenden Menschen angestrebt werden, als wesentlicher Bestandteil vorgesehen ist er nach meinem Eindruck jedoch nicht.

Die im Buch angeführten Techniken erscheinen hilfreich und sinnvoll. Es wird der Eindruck vermittelt, dass den Schülern und ihren Familien Schritt für Schritt auf therapeutischem Weg geholfen werden kann.

Bedenken kommen mir einerseits wegen der vermutlich ungleichen Zugänglichkeit (es wird sichtbar dass die Familien selbst ohne Ausgleich für die Dienstleistung zahlen), andererseits daran, dass zumindest zu Teilen versucht wird Probleme auszugleichen, die ihre Ursachen nicht in den Kindern an sich haben, sondern durch die Gestaltung des schulischen Systems in einer auf Konkurrenz und Leistung orientierten Gesellschaft verursacht werden. Die sich ergebende Konsequenz der therapeutischen Bemühung ist die Erstellung individualisierter Programme, durch die Schüler, Eltern und Lehrer eine das System unterstützende Alternative aufbauen können, für die allerdings Zeit, Befähigung zum Verständnis, Geduld, Bemühen und bei einer individuellen Begleitung auch Geld zusätzlich vorhanden sein müssen. Es lässt sich vermuten, dass es hier durchaus zu einem ungleichen Zugang zu Bildungserfolgen kommt, die nicht mit den eigentlichen Befähigungen der Schüler in einem Zusammenhang stehen.

Als sinnvoller erscheint es mir die durch und im schulischen System ausgelösten Emotionen gleich vor Ort explizit zu berücksichtigen und Wissen über Emotionen in einer Weise zu integrieren, die das Lernen, das soziale Miteinander und die Entwicklung zu einem mündigen Menschen fördern und nicht zu behindernden Problemen durch und mit Emotionen führen. Auch deshalb, da sich aus dem Buch, aber auch aus anderen Quellen, ableiten lässt, dass der zusätzliche Bedarf in Form von Lerntherapien und der Bewältigung lernbehindernder Emotionen neben dem fachlichen Bedarf an Nachhilfe in den letzten Jahrzehnten gestiegen ist.

Referenzen:

Akoun, A. & Pailleau, I. (2015) Besser lernen mit positiver Pädagogik. Der Ratgeber für Lehrer, Eltern und Schüler. München: mgv.

Stark-Städele, J. (2008). Spaß am Lernen – erfolgreich in der Schule : wie Sie die Lernfähigkeit Ihres Kindes fördern und stärken können. Freiburg im Breisgau: Urania.

Stark-Städele, J. (2015). Kinder wollen lernen – Kinder im Schulalltag unterstützen und begleiten. Freiburg im Breisgau: Urania.

Mal wieder was von den MOOCs

Nachdem ich eine Zeit lang sehr viele MOOCs belegt (und auch abgeschlossen) hatte, kam der Zeitpunkt an dem das weniger wurde und dann ganz aufhörte, da ich vor allem Zeit für mein eigenes Thema benötigte und außerdem meine wöchentliche Lernzeit zugunsten von mehr Freizeit verkürzen musste. Es gab Zeiten, da habe ich mir weit über 60 wöchentliche Lernstunden aufgeschrieben. Inzwischen weiß ich, dass diese Menge für mich nicht dauerhaft aufrecht zu erhalten ist. Ich benötige für mein Wohlergehen einfach eine gewisse Menge an Zeit, in der ich einfach nur abhängen und rumtrödeln kann.

Es gibt aber auch noch einen anderen Grund, der mir jetzt wieder bewusster wird, nachdem ich mich mal wieder in einen MOOC eingeschrieben habe, den ich auch abschließen möchte. Mache ich, weil er nur ganz kurz ist.

Jetzt quäle ich mich von Lecture zu Lecture. Es sind Powerpoint-Präsentationen, die Inhalte sind mir in weiten Teilen bekannt, ich hoffe auf einen besseren Überblick und Ergänzungen. Der Quiz nach jeder Lecture ist einfach, man hat beliebige Versuche und bekommt Fehler angegeben. Früher habe ich die Wocheninhalte in der Regel an einem Tag bearbeitet, bei diesem MOOC geht es nicht, da ich spätestens nach dem dritten Vortrag kaum noch Konzentration aufbringen kann. Ich bin genervt und auch gelangweilt. Es liegt nicht am Auftreten der Vortragenden an sich und auch nicht an der Qualität der Inhalte. Ich würde nur lieber ein Buch lesen, da ich das meinem eigenen Bedarf besser anpassen könnte.

Ich habe die letzten Monate viele Bücher gelesen. Virtuell und auf Papier. Ich komme mit Büchern sehr gut zurecht. Um über Inhalte zu schreiben, die mich dabei beschäftigen, nutze ich meinen Blog. Für unmittelbare Diskussionen lässt sich gelegentlich ein „williges Opfer“ im Kreis meiner Bekannten finden. Inzwischen habe ich eine für mich passende Lernkultur entwickelt, durch die ich das MOOC-Angebot anders wahrnehme. Auch in mein selbst gesteuertes Lernen baue ich Videos und Angebote im Netz ein, wenn ich sie finden kann. Zusätzlich habe ich den Vorteil, dass sich das Thema meines Interesses mit vielen Begebenheiten meines alltäglichen Lebens in Verbindung bringen und dort nebenher beobachten lässt.

Einen Diskussionsbedarf hatte ich in dem MOOC bisher nicht, da das Thema für mich keine Fragen aufgeworfen hat. Es bleibt also vor allem das Anhören und anschließende Überprüfen auf Verständnis einzelner Aspekte. Das Interessanteste an dem MOOC ist für mich momentan, dass ich das erste Mal ausprobieren kann wie es ist nur mit einem Smartphone an einem MOOC teilzunehmen. Es geht beeindruckend gut. Wenn ich da an früher denke… Trotzdem ist es kein Fortschritt. Für mich stellt es nur die Erweiterung von Zugriffsmöglichkeiten dar, aber keine Verbesserung des Lernens und Lehrens an sich. Als problematisch erweist es sich außerdem, dass ich nicht sitzend, sondern bequem liegend dem Vortrag folge und dabei müder und müder werde… Liegend bietet es sich an mal zwischendurch die Augen zu schließen… Auf einem Stuhl sitzend ist die Selbstdisziplinierung einfacher.

Mein momentanes Fazit: Bei geeigneten Vorkenntnissen können selbst gesteuertes Zusammenstellen von Inhalten und selbst gesteuertes Lernen wesentlich interessanter als ein MOOC sein. Den meisten Nutzen sehe ich für mich momentan darin Kenntnisse über das Lernen an, über die sinnvolle Zusammenstellung von Lerninhalten sowie die sinnvolle Nutzung des Netzes zu haben. Dazu kommen (in meinem Fall) Kenntnisse über Funktion und Auswirkung von Emotionen, sowie Strategien für einen sinnvollen Umgang mit ihnen. Das betrifft sowohl meine eigenen Emotionen als die anderer. Weder selbst gesteuertes Lernen noch Netznutzung geschehen in emotionsfreien Räume…

Puzzlearbeit

Zu Ferienbeginn hat mich die Konrektorin mit dem Wunsch auf gute Ferien verabschiedet und ich konnte es mir nicht verkneifen zu erwidern, dass ich gar keine Ferien habe. Ich habe mich anschließend durchaus gefragt, ob ich mich da nicht etwas weit aus dem Fenster gelehnt habe. Keine Ferien? War das nicht nur die kleine wütende Stimme, die es zur Selbstaufwertung nicht lassen konnte den Mund aufzureißen?

War sie schon, sie hat aber durchaus nicht Unrecht. Die Feiertage und alle Aktivitäten sind nur Nebenbeikram. Erledige ich auf kleinster Flamme. Im Mittelpunkt steht weiter meine selbstgewählte Puzzlearbeit um herauszufinden, wie es mit den Emotionen und im Besonderen mit denen in der Bildung so funktioniert.

Diese Arbeit ist merkwürdig, weil sie keine Vorlage hat und die Teile für den Zusammenbau aus sehr verschiedenen Quellen herausfischt. Zu Beginn der Ferien war es die Analyse der Vorkommnisse des letzten Schultages auf den Informationsgehalt der aufgetretenen Emotionen. Danach hatte ich plötzlich eine Idee zum Titel und der Forschungsfrage meiner BA, die sich endlich mal zutreffend zusammengefasst anfühlte. Einige Tage später konnte ich noch ganz einfach den Schwerpunkt meines Referats für die PV im Februar bestimmen.

Heiligabend bestanden Puzzlestücke dann aus der Verfilmung von Cloud Atlas und in der folgenden Nacht noch aus der erste Vorlesung der Campus Nacht zu Bildung und Univers(ali)tät in der Reihe Wissenschaft für Schlaflose des Bildungsfernsehens. Zwei der bedeutenden Erkenntnisse dabei waren erstens, dass ich beim zweiten Ansehen des Films plötzlich erkennen konnte, dass es sich bei Cloud Atlas um eine Auseinandersetzung mit dem Themenbereich handelt, den ich als Rassismus bearbeitet habe und der von Heitmeier als gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit bezeichnet wird, und dass sich daraus sowohl die Frage nach der Würde des Menschen ergibt als auch die Frage nach den Möglichkeiten von Widerstand. Sehr beeindruckend dabei der Dialog:

„Ganz gleich was Du auch ausrichtest, es wird nie mehr sein als ein einzelner Tropfen in einem unendlichen Ozean!“ – „Was ist ein Ozean, wenn nicht eine Vielzahl von Tropfen?“

Verfilmung von David Mitchell: Der Wolkenatlas, 2012

Die zweite wichtige Erkenntnis wurde von Böhm (2015) vermittelt und bezieht sich einerseits auf eine Einschätzung Adornos, dass Bildungstheorie nur als kritische Selbstreflexion auf Halbbildung möglich ist. Andererseits darauf, dass Bildung als Ziel nicht reine Wissensvermittlung hat, sondern die Heranbildung eines mündigen Individuums, das in die Lage versetzt wird, frei seine Entscheidungen zu treffen.

Genau dafür benötigt dieses Individuum dann Informationen und Wissen dazu, was mit den Emotionen denn nun tatsächlich so vor sich geht. Und nicht nur Regeln, Anweisungen und Anforderungen, die Emotionen immer wieder nur als zu betrachtende, zu kontrollierende und zu manipulierende Erscheinungen im Sinne dominierender Vorstellungen einstufen. Gleichzeitig ist dieses Unterfangen aber immer wieder nur in Unvollständigkeit durchführbar, als fortlaufender Versuch durch Reflexion zum Verständnis sich dabei ständig wandelnder Situationen zu kommen.

Danach folgte das Buch, das mir die Betreuungskinder der Klasse 1b zu Weihnachten geschenkt hatten. Philipp Möller: Isch hab Geisterblitz. Im Gegensatz zu seinem ersten Buch stufte ich es zuerst als zu sehr auf eine Einzelperson ausgerichtet und daher für mich weniger interessant ein, verpasst ihm im letzten Teil aber zunehmend mehr Markierungen. Der benachteiligte Nachhilfeschüler, der in einem Crashverfahren fit gemacht werden soll, um doch noch eine Chance auf den Schulabschluss zu haben, den er für den von ihm gewünschten Ausbildungsplatz braucht, erhält diese Möglichkeit nur durch das Mitwirken und die Unterstützung von vielen Menschen in seiner Umgebung und mit Hilfe vieler kreativer Ideen.

Ganz zum Schluss dann noch der Hammer, ein sehr scharfes Plädoyer von Möller zum deutschen Bildungssystem und eine These:

„Es gibt in Deutschland kein schlechtes Bildungssystem, auch kein ungerechtes – es gibt gar kein Bildungssystem. Stattdessen gibt es sechzehn höchst unterschiedliche (und unterschiedlich gute) Herangehensweisen an die Aufgabe, Kinder und Jugendliche auf das Leben vorzubereiten. Das Leben in einer Demokratie, die nur von aufgeklärten, selbstbestimmten und kritisch-rational denkenden Individuen aufrecht erhalten werden kann; in einer sozial extrem heterogenen Gesellschaft, in der Einkommensunterschiede gigantisch sind und immer weiter wachsen; auf das Leben in einer multikulturellen Gesellschaft, die Toleranz gegenüber allen toleranten Denkweisen voraussetzt; in einer globalisierten Welt, in der Landesgrenzen an Bedeutung verlieren; in einer hoch technisierten Umgebung, die Kompetenzen im Umgang mit virtuellen Realitäten erfordert; das Leben in einer von Wachstumszwang und Leistungserwartung dominierten Wirtschaft, deren Akteure nicht davor halt machen, diesen Planeten sehenden Auges zu zerstören; und als Mitglieder der europäischen Staatengemeinschaft, in der – wenn auch nur am Rande – faktisch Krieg herrscht.“ (Möller, 2015, S.297)

Hier springt mich als Orientierung ein Bildungsideal an, das mit beiden Füßen in der Komplexität der Wirklichkeit verankert ist und sanft segele ich in meinem Alltag zu ganz anderen Themen weiter.

Bücher und Filme transportieren eine spezifisch vorgefilterte Wirklichkeit. Ein Verwandtenbesuch konfrontiert mich mit Meinungen und Haltungen, bei denen ich unmittelbar zu den dahinterstehenden Vorstellungen und Weltkonstruktionen nachfragen kann. Bücher und Filme sind weniger krumpelig und erlauben mehr Distanz. Der Verwandtenbesuch trägt mehr persönliches Konfliktmaterial mit sich.

Ich beobachte Emotionen. Ich bleibe ruhig. Ich frage gezielt nach. Ich mache darauf aufmerksam, dass auch ich einmal danach gefragt werden möchte, was ich eigentlich tue. Ich analysiere die Auslöser für unangenehme Emotionen. Ich stoße auf implizite Haltungen zum Wert von Handlungen, die ökonomischem Nutzen einen höheren Wert geben als sozialem Engagement. Ich entdecke die Falle. Der ökonomische Erfolg ist immer wertvoller als alles andere. Die ökonomisch Erfolgreichen sind die Gewinner, die Eins in der Hierarchie des Notensystems, wobei dieser ökonomische Erfolg auch in spezifischen Formen sichtbar sein muss. Alle Vertreter anderer Werte haben keine Chance und werden auf die Seite der Verlierer eingeordnet. Keine Frage nach Würde, keine Fragen nach Nachhaltigkeit, Sozialverträglichkeit oder Schutz von Ressourcen und Leben. Keine Fragen nach Widerstand, kein Hinterfragen von Werten, keine Vorstellungen dazu, dass eine Änderung der Werte von vielen eine Änderung der Gesellschaft bewirken kann. Kritik ist nicht darauf ausgerichtet Ursachen herauszufinden, sondern Möglichkeiten zur Anpassung zu erkunden. Meine unangenehmen Emotionen haben mich zum Erkennen der Zwickmühle geführt. In diesem Vorstellungssystem habe ich keine Chance und kann nur die ewige Verliererin sein. Besser ich halte mich davon fern und sehe zu, dass es nicht in deprimierender Form auf mich einwirkt.

Ich lese ein  weiteres Buch. Meine Stadtbücherei hat es neu angeschafft und ich habe es ausgeliehen, weil kürzlich auf den Nachdenkenseiten darüber geschrieben wurde. Und natürlich weil es auf Grund meiner Biografie mein Interesse geweckt hat. In gewisser Weise passt es auch zum Thema Emotionen, denn es beschäftigt sich unter anderem mit den Gefühlen von Bäumen. Meine beiden Puzzlestücke sind hier die Vernetzung und Zusammenarbeit von Bäumen miteinander und mit Kleinlebewesen, sowie deren soziale Unterstützung der eigenen Art vor allem bei Buchen, und die Tatsache, dass Wohlleben (2015) Dinge benennt, die sich mit Wahrnehmungen meinerseits decken, die ich aber aufgrund mir vermittelter anderer Erklärungen nicht für tatsächlich zutreffend gehalten habe. Vernetzte und für Erfolg zusammenarbeitende Bäume, die in vielfältiger Weise aufeinander einwirken und in Austausch mit ihrer Umgebung stehen. Wenn das für die schon wichtig ist, dann für Menschen erst recht!

Die Vernetzung und Zusammenarbeit passt wieder zum Inhalt von Möllers Buch. Sie ist es, die es dem benachteiligten Schüler ermöglicht hat erfolgreich zu sein. Die Benennung von ungewöhnlichen, für mich aber nicht abwegigen Sichtweisen durch Wohlleben (2015) hilft mir wiederum in einem Feld anderer Orientierung an mich selbst zu glauben und bei meinem Thema zu bleiben, denn es deprimiert mich, wenn ich mich nicht verstanden fühle, aber auch wenn mir jemand sagt, das womit ich mich beschäftige sei doch selbstverständlich und nicht meine Aufgeregtheit bei der Sache wert.

Mein Fazit: Ich mache keine Ferien, weil ich das gar nicht kann. Ich bin so sehr in mein Thema involviert, dass es mir in den unterschiedlichsten Zusammenhängen ins Auge sticht. Ich versuche das was mir begegnet zu analysieren und das herauszufiltern, was dabei für mich bedeutsam ist. Damit versuche ich mir einen umfassenden Überblick zu verschaffen, mir immer wieder die Bedeutsamkeit meines Themas zu bestätigen, und versuche besser die Art, wie Emotionen im alltäglichen Leben wirksam sind, zu identifizieren. Wichtige Erkenntnisse dazu finden sich häufig an unerwarteten Orten. Bücher, Filme, das Netz, alltägliche Gespräche und Beobachtungen eigen sich dafür in gleichem Maßen. Häufig ergeben sich Zusammenhänge und Querverweise. Gespräche darüber und auch über die Inhalte meines Themas sind allerdings nicht unproblematisch, da für andere häufig zu spezifisch. Gewinnbringender sind beliebige Gespräche, bei denen die Achtsamkeit auf für Bildung und auf für Emotionen relevanten Anteilen liegt, die währenddessen oder anschließend reflektiert werden.

 Referenzen:

Böhm, W. (2015). Bildung und Univers(al)ität: Bildung – Grundidee der abendländischen Kultur. http://www.br.de/fernsehen/ard-alpha/sendungen/alpha-campus/auditorium/eichstaett-bildung100.html (zuletzt abgerufen am 28.12.2015)

Möller, P. (2015). Isch hab Geisterblitz. Neue Wortschätze vom Schulhof. Köln: Bastei Lübbe.

Wohlleben, P. (2015). Das geheime Leben der Bäume. Was sie fühlen, wie sie kommunizieren – die Entdeckung einer verborgenen Welt. München: Ludwig.

 

Automatischer Verarbeitungsprozess

Inzwischen bin ich in einer Phase meiner Recherchen angekommen auf die ich von Beginn an gehofft hatte, zwischendurch schien sie mir allerdings gänzlich unerreichbar. Einem Bekannten gegenüber habe ich den momentanen Zustand als Eindruck beschrieben, das Thema Emotionen nun im Griff zu haben.

Was bedeutet das? Ich habe mir anscheinend eine Basis erarbeitet, die zur Anwendung und Überprüfung geeignet ist. Ich suche momentan nicht nach neuem Input in Bezug auf Emotionstheorien. Das führt dazu, dass ich kaum noch etwas zu Emotionen im speziellen lese, dafür verbringe ich sehr viel Zeit damit Erinnerungen aus verschiedenen Phasen meines Lebens auf die dabei verbundenen Emotionen hin zu untersuchen. Ich gerate auch in neue Situationen, ich sehe Filme oder lese Geschichten, mache Beobachtungen, analysiere Zusammenhänge und jedes Mal achte ich im besonderen auf die Ebene der Emotionen und was ich dort beobachten kann. Es bleibt dabei sehr breit und allgemein.

Es ist für mich schwierig zu beschreiben wie ich das tue und was der Unterschied zu vorher ist. Im Hintergrund habe ich inzwischen ein anderes Wissen über das was Emotionen sind und was in Bezug auf sie wichtig ist. Dieses Wissen selbst ist einerseits komplex, andererseits muss ich über das Wissen selbst nicht nachdenken. Es kann unmittelbar angewendet werden. Die Anwendung lässt dabei ein anderes Bild der bisherigen und momentanen Welterfahrung entstehen als zuvor möglich war, etwas das ganz nebenbei zu geschehen scheint. In mir selbst werden sehr kleine Änderungen angewendet, die danach scheinbar automatisch zu gravierenden Änderungen in der Art der für die weiteren Verarbeitung zur Verfügung stehenden Informationen führen. Es entstehen neue Bilder der Welt und neue Zusammenhänge.

Bei dem Prozess selbst nehme ich mich als vergleichsweise passiv wahr. Einerseits habe ich dadurch den Eindruck, dass ich selbst wenig tue, sehr faul bin und eigentlich aktiver sein und mehr tun sollte, andererseits merke ich durchaus wie sich etwas ändert und wie Arbeit in mir geschieht. Es scheinen Verarbeitungsprozesse zu sein, die wirksam sind, über die ich aber nicht verfügen kann. Ich bin in der Rolle derjenigen, die zwar Zeit und Raum zur Verfügung stellen kann, dann aber warten muss, während sich etwas ohne aktives Zutun neu ordnet. Das entspricht nicht meinen Vorstellungen von aktiver Arbeit und ich neige dazu damit zu hadern.

Allerdings nehme ich mich gleichzeitig als so entspannt wahr wie schon seit Jahren nicht mehr. Ein innerer Druck, der mich belastet aber gleichzeitig auch vorangetrieben hat, ist verschwunden. Dinge, die einmal wichtig waren, sind es nicht mehr. Es öffnet sich ein Raum für neue Perspektiven und für neue Handlungsoptionen. Bedauern tritt ein nicht schon früher über diese Perspektive verfügt zu haben, eine plötzliche Leere und Sinnlosigkeit muss bewältigt werden. Raum entsteht, um das Leben anders auszurichten, um Kontrolle in Bereichen zu übernehmen, die zuvor unkontrollierbar erschienen.

Kommunikation ist ein schwieriges Unterfangen. Als erstes die eigenen inneren Zustände zusammenhängend und verbunden zu erfassen, und dann aus der Black Box heraus zu berichten und diesen Bericht in einen verständlichen Kontext zu stellen, fällt schwer. Trotzdem ist jeder Versuch der unzureichenden Beschreibung hilfreicher als es nicht zu versuchen. Irgendwann einmal verbinden sich vielleicht Informationen und Theorien anderer damit, machen es verständlich und ermöglichen eine Einpassung und Zuordnung.

Aus der Fülle an Gedankengängen der letzten Wochen haben nur wenige Schnipsel ihren Weg in Beschreibungen gefunden. Manche sind nur in verbaler Form erfolgt, manche in Mails und Kommentaren. Insgesamt scheint in mir aber ein Wust an Erkenntnissen zu lauern, die in passenden Situationen sichtbar werden können, auch zu meiner eigenen Überraschung.

Zum momentanen Zeitpunkt genieße ich Entspannung und Ruhe. Inneren Faktoren werden dabei momentan von äußeren wie dem grauen, trüben Herbstwetter oder den Schulferien unterstützt. Bei einem wichtigen Thema den Eindruck von Bewältigung erreicht zu haben, scheint trotz noch ausstehender BA ein Gefühl tiefer Befriedigung zu ermöglichen.

Rückblick

Es ist an der Zeit Abschied zu nehmen. Seit zwei Tagen formuliere ich morgens beim Aufstehen das Inhaltsverzeichnis meiner Bachelorarbeit im Kopf und es scheint immer systematischer zu werden. Ich bin ganz dicht dran am Ende.

Ein paar Sachen gibt es noch abzuarbeiten, dann kann ich mich an ein neues Exposé machen, Kontakt mit dem Lehrgebiet aufnehmen, die Arbeit absprechen und loslegen. Und dann ist dieses Studium zu Ende. An der FernUni ist kein Master in Bildungswissenschaft möglich.

Ich habe länger gebraucht als am Anfang geplant und bei voller Wochenstundenzahl länger als die Regelstudienzeit, weil ich in der Profilphase des Studiums selbst bestimmen konnte, worauf ich mich konzentriere. Das wurden dann, für mich überraschend, zuerst Rassismus und danach, darauf aufbauend und für mich wesentlich nachvollziehbarer, Emotionen.

Das Studium des Rassismus hat in meinem Kopf zu grundlegenden Veränderungen geführt, für das Studium der Emotionen kann ich die Auswirkungen noch nicht abschließend bestimmen. Allerdings fühlt es sich so an, als hätte sich ein Kreis geschlossen. Genau die Fragen, die mich im Hintergrund zum Studieren bewegt haben, sind letztlich in der Profilphase an die Oberfläche gekommen, um bearbeitet werden zu können.

Mein Blog hat immer noch den Begriff MOOC im Titel und rückblickend bleiben sie wichtige Elemente des Studiums. Momentan denke ich vor allem an drei. Der erste war auch derjenige, der mich für MOOCs eingenommen hat, Aboriginal Worldviews and Education. Noch vor kurzem habe ich einen Text aus diesem MOOC erneut gelesen. Das Besondere daran war, dass er konzipiert war Studierende persönlich zu involvieren und Emotionen hervorzurufen. Noch über zwei Jahre später habe ich lebhafte Erinnerungen an die Inhalte und viele Bilder dazu im Kopf.

An den zweiten erinnere ich mich im besonderen wegen eines der Themen, das Umlernen. Es war der MOOC History and Future of (Mostly) Higher Education. Ich habe nicht nachgeschaut was ich damals in einem Pflichtessay dazu geschrieben habe, ich weiß aber, dass ich zu diesem Zeitpunkt mit dem Begriff wenig anfangen konnte und ihn zuvor nie gehört hatte. Durch den MOOC wurde ich also mit einem Konzept und einer Problematik konfrontiert, die ich erst verstehen konnte, als ich später damit in Berührung gekommen bin. Es waren sozusagen Informationen auf Vorrat für eine zukünftige Verwendung. Damals wurde mir auch nicht bewusst, dass Emotionen für das Umlernen von großer Bedeutung sind. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass dies Kursinhalt gewesen wäre. Die Veränderung von dem was ich für mich inzwischen als emotionales Tagging bezeichne (weil damit ein für mich hilfreiches Bild verknüpft ist), also die Veränderung von Emotionen, die mit Menschen, Dingen, Situationen, Disziplinen oder Wissensbereichen verbunden sind, ist wesentlich bei der Änderung von Haltungen, Einstellungen oder dem eigenen Selbstverständnis. Das Ja-aber-Problem des Rassismus gehört zu diesen Erscheinungen. Ändert sich das emotionale Tagging nicht, das mit bestimmten Personengruppen verbunden ist, so werden immer wieder neue Argumente aus beliebigen Differenzen konstruiert, um die ausgelösten Emotionen zu begründen.

Der dritte MOOC ist der #ExIF13. Er war einer der wenigen Augenblicke während meines Fernstudiums in dem ich mich als Studierende für die Lehrenden als wichtig und als Beteiligte an einem gemeinsamen Lernprozess gefühlt habe, statt nur irgend eine achtstellige Nummer zu sein, die ihre Pflichten erfüllt, um dafür Noten zu erhalten. Das hat mich für eine längere Zeit sehr inspiriert und motiviert und wurde dann von den beiden LdL-MOOCs gestärkt.

Erinnerungen. Es ist an der Zeit Abschied zu nehmen. In meinem Koffer habe ich das Wissen um den Rassismus und ein besseres Wissen darum wie Emotionen funktionieren und wie mit ihnen umgegangen wird. Während in der Öffentlichkeit der Begriff Rassismus gerade im letzten Jahr mehr und mehr Verwendung findet, Emotionen in Bezug auf Flüchtlingsströme hochkochen, inzwischen schon der Begriff einer neuen Völkerwanderung aufgetaucht ist und extremistische Organisationen auf der Grundlage des Islams als Bedrohung im Hintergrund stehen, werde ich in das Thema christliche Sekten und ihren Einfluss auf Bildungsinstitutionen vermittelt über die Sozialisation ihrer dort arbeitenden Mitglieder hineingezogen.

Das ist kein aktuelles Thema und was ich im Netz dazu finde, lässt mich in meinen Äußerungen vorsichtig werden. Ich kann jetzt allerdings sehr gut Vergleiche zum Rassismus ziehen. Wer davon geprägt ist Mitglied einer Gruppe zu sein, die für sich alleinige Seligkeit reklamiert, wer sich dafür Normen und Regeln unterwirft, die zur Erlangung dieser Seligkeit erfüllt werden müssen, wer daraufhin von anderen kontrolliert wird und wiederum andere kontrolliert, hängt diese Haltung nicht beim Verlassen des privaten oder von der religiösen Gruppe bestimmten Raums an einen Haken.

Es gibt sehr viele Möglichkeiten bessere und schlechtere Menschen zu konstruieren. Und manchmal kann man nur zu dem Schluss kommen, dass mit bestimmten Menschen keinerlei Zusammenarbeit möglich ist, da ihre Weltsicht keine Kompromisse zulässt. Rassismus konstruiert den anderen als grundlegend verschieden, Ideologien konstruieren den idealen Menschen, der zwar grundsätzlich von jedem erreicht werden kann, gehen also nicht von unterschiedlichen Arten von Menschen aus, aber nur die Erfüllung eines festen, vorgegebenen Bildes ermöglicht den Eintritt in die Gemeinschaft der „wahren“ Menschen, denen dann auch mehr zusteht als allen anderen. Und je dichter dran am Bild, um so mehr Rechte.

Nicht alle Formen der Diskriminierung in vielfältigen Gesellschaften sind Rassismus. Rassismus zeichnet sich dadurch aus, dass der andere durch nichts eine gleichwertige Position erreichen kann. Er ist durch bestimmte, als unveränderlich konstruierte Kennzeichen für immer und ewig zur Minderwertigkeit verdammt. Für den -ismus reicht reine Andersartigkeit dabei nicht aus. Die Minderwertigkeit muss in irgendeiner Weise dazu kommen. Das ist wichtig. Es gibt einige Science Fiction und Fantasie-Settings in unterschiedlichen Medien, in denen mehrere intelligente Lebensformen auftauchen. In diesem Kontext ist es durchaus möglich den Rassenbegriff wertneutral zu verwenden, wenn diese unterschiedlichen Gruppen tatsächlich als gleichwertige allerdings andere konstruiert sind.

Es gibt jedoch Diskriminierungsformen die Wertesysteme benutzen, deren Erfüllung scheinbar allen möglich ist, ganz gleich welche Voraussetzungen sie mitbringen. Unveränderliche Kennzeichen sind kein Bestandteil davon. Sie ermöglichen aber letztlich keine gleichwertige Vielfalt für alle, denn es gibt nur einen einzigen richtigen Weg. Wer diesen Weg beschreitet und darauf bleibt, wird dabei zu etwas besserem als andere es sind, dem mehr zusteht, der einen höheren Wert hat und der letztlich das Recht hat anderen Vorschriften zu machen. Das hat Auswirkungen auf das Selbstverständnis dieser Menschen, ihre Betrachtung der Welt und darauf wie sie handeln. Auch in Bezug auf andere Menschen.

Und auch hier werden Möglichkeiten beschränkt, die Chancen, die in Vielfalt liegen, nicht entdeckt und vergeudet, und Machtpositionen gestärkt. Und alles mit einem emotionalen Tagging, dass die Rechtmäßigkeit und Sinnhaftigkeit bestätigt.

Es stellt sich die Frage wie weit reine Erkenntnis zu Veränderungen führen kann.

Zitat zu Emotionen und nachhaltigem Lernen im Fernstudium

Aus einem Facebookthread:

Das mit dem nicht erinnern können (an Module des Studiums ) finde ich erstaunlich. (…) Ich beschäftige mich ja mit Emotionen in Bildungsprozessen. Starke Emotionen, ganz gleich ob positiv oder negativ (allerdings nicht zu starke 🙂 ), sind ein gutes Mittel um Nachhaltigkeit von Lernen zu erhöhen. Sie sind daher gerade für ältere Lernende ein wichtiges Mittel, einerseits um sich an Dinge erinnern zu können, gerade an die, die nicht unmittelbar mit Erfahrungen und Anwendung verknüpft sind, andererseits um Transformationsprozesse zu fördern. Emotionen stehen dabei in einem starken Zusammenhang mit sozialen Beziehungen. Kurz: auf dem Hintergrund sozialer Beziehungssystem und den darin entstehenden Emotionen lernt es sich besser und nachhaltiger.

Und dazu eignen sich durchaus auch konfliktreiche Beziehungen sein.

Ich erinnere mich an meine Studiumsmodule auch anhand der Menschen mit denen ich jeweils zu tun hatte. Beispielsweise an einen Kommilitonen in 1C, dessen Kenntnisse mich damals sehr herausgefordert haben und der mein Interesse für Niklas Luhmann nachhaltig geweckt hat. Ich erinnere mich an Module, in denen ich mit einer Frau regelmäßig Mails ausgetauscht habe, an eine Frau mit der ich ein Semester lang zum Studienzentrum gefahren bin, an Menschen auf PVs, an Menschen aus MOOCs, an die Leute einer Skypegruppe, an bestimmte Profs und wissenschaftliche Mitarbeiter, an Diskussionsgruppen im Netz. In den jeweiligen Modulen eingebettet sind diese Erinnerungen und geben dem Ganzen eine narrative Struktur. Auch das ist ein gutes Mittel der Erinnerung. Gleichzeitig gibt die Bedeutung, die die Themen jeweils für diese Menschen hatten, den Themen eine bestätigende Wichtigkeit.