Bildungsmäuschen

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Pädagogisierung des Lebens

Erst einmal vorab. Die ganze Browserproblematik nervt. Mit Opera 25 sind meine Probleme nicht behoben. Es ist vollkommen gleich welchen Browser ich momentan benutze, nirgends finde ich alles gebündelt was ich einmal hatte und benötige. Das bedeutet nun mich erst einmal im Unvollkommenen einzurichten. Genau dazu bin ich momentan aber bereit wie nie zuvor in meinem Erwachsenenleben. Und das meine ich sogar umfassend.

Dieses Wochenende werde ich die Reihe Teaching for Learning beenden. Um korrekte Angaben zu machen schaue ich noch einmal nach, wann ich den ersten Kurs begonnen hatte. Meiner Einschätzung nach war das zwischen Sommer und Herbst des letzten Jahres, doch überraschenderweise war der erste Kurs genau im gleichen Zeitraum wie jetzt der letzte, vor genau einem Jahr. Ich bin extrem betrübt darüber, sie hätte noch viel länger andauern können, ich habe mich sehr daran gewöhnt dass sie mich im Hintergrund begleitet. Ich fantasiere Arbeitsformen bei denen eine fortdauernde Fortbildung und Anpassung an neue Erkenntnisse und Erfordernisse mitläuft. Ich weiß, dass es solche Arbeitsbedingungen gibt, hatte aber nie so etwas zur Verfügung.

Die Reihe hat mir dabei anders weitergeholfen als mein Studium. Sie ist mehr auf die Erfordernisse der Praxis ausgerichtet und hat mir gerade als Kinderbetreuerin an einer Grundschule sehr viele hilfreiche Einblicke in das Denken und die Problematiken von Lehrern gewährt. Und das auch noch in einem Kontext, der nicht in einer nationalen Ausrichtung steckenbleibt. Und gerade die letzten beiden Kurse haben Problematiken in den Blick gerückt, die in dieser Form weniger als Inhalte meines Studiums gelehrt werden, aber dennoch Inhalte meines Studiums sind. Es ging dabei um Professionalität und Beziehungen.

Ich kann die Unterschiede zwischen MOOC und Studium nur sehr schwer erfassen. Beides zusammen mit Praxis ist allerdings eine gute Kombination. Teaching for Learning allein wäre mir zu unkritisch und zu wenig in übergeordnete Wissensbestände eingebettet. Theorie ohne Praxis wiederum ist genauso unvollständig wie Praxis ohne Theorie. Die universitäre Herangehensweise hat etwas Entfremdendes an sich. Etwas Distanzierendes. Das ist sehr geeignet um grundlegende Strukturprinzipien zu erkennen, trägt aber immer auch die Gefahr in sich, schwer auf konkrete Situationen angewendet werden zu können. Einfach weil die Distanz so groß ist, dass der Verstand das Strukturprinzip und die Erscheinungsform in der unmittelbaren Begegnung damit nur schwer erkennen kann. Wichtig ist auch, dass im Alltag häufig in einer ganz andere Sprache gesprochen wird als in Texten und Schriften.

In meinem letzten Blogbeitrag habe ich einen Vortrag zur Pädagogisierung der Eltern bzw. Familien verlinkt. Genau das wurde jetzt mehrfach das Thema mit anderen, die in Institutionen mit Kindern arbeiten. Den Begriff kannte niemand, habe ich aber erläutert worum es geht, wurde ich sofort verstanden und bekam Beispiele dafür erzählt. Meine Wahrnehmung fand dabei auch Bestätigung, dass der schulische Bildungsbereich mit seinen Vorstellungen zunehmend nach unten und oben zugreift. Sowohl Kitas, als auch Hochschulen werden bei der Einbindung in einen Gesamt-Bildungsraum anscheinend vor allem an schulpädagogischen Vorstellungen orientiert. Was bei der ganzen Kritik an schulischer Bildung in den Ländern der BRD eigentlich eine durchaus zweifelhafte Angelegenheit darstellt. Warum sollen schulische Wertesysteme der Maßstab für Bildung sein?

Verständlich werden auf diesem Hintergrund für mich allerdings bestimmte Erscheinungen an denen ich im Verlauf der letzten Jahrzehnte herumgerätselt habe. In diesem Kontext sind gerade die momentanen Lehrinhalte von Teaching for Learning bedeutsam. Dort findet die Notwendigkeit der Partnerschaft zwischen Eltern und Lehrern eine große Beachtung, etwas das ich auch in Kitas finde. Kitas haben viele Träger mit zum Teil sehr unterschiedlicher Ausrichtung. Kitas sind nicht verpflichtend, und auch wenn bei einem Mangelangebot und dem Bedarf der Eltern Wahlfreiheiten eingeschränkt sind, so verstehen sich Kitas doch mehr als Partner der Eltern, die deren Wünsche berücksichtigen müssen und dabei mit einer Vielfalt von unterschiedlichen Lebenskonzepten konfrontiert sind.

Schulen sind da häufig anders. Es lässt sich eine Erwartung feststellen, dass alle Kinder mit einem bestimmten Maß von gemeinsamer Grundausbildung zu starten haben und sich dabei an die von Pädagogen aufgestellten Anforderungen zur Gewährleistung eines reibungslosen Unterrichts anpassen müssen. Eltern sind dabei diejenigen, die diese Anpassung zu unterstützen haben. Allerdings nicht nur diese. Auch alle anderen Mitarbeiter an Schulen haben das zu tun.

Ich will an dieser Stelle nicht das System an sich in Frage stellen, sondern eine vermeidbare Auswirkung thematisieren. Schule schafft es ihre Vorstellungen auf alle Menschen und das ganze Leben auszudehnen. Schule beschränkt sich nicht darauf zu erklären, dass in ihren Räumen bestimmte Regeln einzuhalten und bestimmte Lebensformen zu praktizieren sind, sondern neigt dazu dieses überall als selbstverständlich zu erwarten. Der Vater, der in seiner eigenen Familie als Macho auftritt und auch seinen Sohn entsprechend beeinflusst, soll seinem Sohn nicht vermitteln dass in der Schule andere Regeln gelten, die dieser dort einzuhalten hat, sondern er und seine Familie sollen andere werden, damit sein Sohn besser ins schulische System passt.

Das ist nur ein Beispiel für das Prinzip. Ganz gleich wie man zu Machos steht, Schule hat nicht das Recht Eltern ihre Lebensführung und ihre Erziehungsausrichtung vorzuwerfen, solange diese nicht gegen bestehende Gesetze verstoßen. Schule hat nicht das Recht Familien kulturelle Vorschriften zu machen und in Persönlichkeitsrechte einzugreifen. Schulen haben nicht das Recht Lebensformen hierarchisch zu bewerten. Denn welcher Maßstab soll dafür gelten? Hier besteht die Gefahr, dass sich jemand anmaßt zu bestimmen, dass die eigenen Lebensvorstellungen die beste Möglichkeit für alle darstellen und nutzt dazu eine privilegierte Stellung aus.

Mit dem Machovater sollte vielleicht besser der Lehrer sprechen, der als gestandener Mann aufzutreten in der Lage ist, oder der Einfluss auf das Verhalten des Sohnes in der Schule sollte eher über die Mutter erfolgen, zu der die weiblichen Lehr- und Betreuungskräfte in einer anderen Beziehung stehen. Lösungsvorschläge, die auf eine Verhaltensänderung der ganzen Familie zugunsten der besseren Passung ins schulische System ausgesprochen werden, sind in meinen Augen aber unakzeptabel. Auch dann wenn sie nur hinter dem Rücken der Eltern geäußert werden. Denn auch darin drückt sich die Haltung und die Einstellung der Anwender aus.

Kinder können lernen in verschiedenen Welten zu leben und verschiedene Sprachen zu sprechen und sich zwischen unterschiedlichen kulturellen Vorstellungen zu bewegen. Schule hat das in meinen Augen zu integrieren. Schule hat nicht die Wirklichkeit an ihre Vorstellungen anzupassen, sondern den Kindern Rüstzeug zu liefern mit dem sie sich außerhalb der Schule in unterschiedlichsten Kontexten bewegen können und in der Lage sind mit Menschen unterschiedlichster Vorstellungen und Lebensformen in einer respektvollen Weise umzugehen.

Und genau damit bin ich auf meine langjährigen Fragen nach dem mangelnden Respekt und den permanenten Unwohlgefühlen gestoßen. Eine Kommilitonin hat es einmal so beschrieben, dass sie immer wenn sie in Schulen zu tun hat sich wieder genauso schlecht fühlt wie in ihrer Schulzeit. Dass sie Beklemmungen bekommt und nicht mehr selbstbewusst und selbstbestimmt aufzutreten in der Lage ist. Für mich war es in der Vergangenheit eine wichtige Aussage, dass ich keine Lehrerin bin und daher eine andere Herangehensweise an Kinder habe. Doch statt dass diese Information als das genommen wurde was sie aussagt und mir das Angebot eines Brückenschlages gemacht wurde, habe ich damit das abwertende Eingeständnis eines Defizits abgelegt.

Es gibt nun aber viele verschiedene Professionen im Bildungsbereich und jede hat eine andere Spezialisierung. Es gibt viele verschiedene Familien und viele verschiedene Lebenskonzepte. Und jeder verfügt über Wissen, das anzuhören wertvoll ist. Warum beansprucht eine spezifische Gruppe die Führung über die Gesamtheit?

Ein sinnvoller Austausch und eine entsprechende Nutzung unterschiedlicher Wissensbestände sind erst dann möglich, wenn eine Begegnung auf gleicher Ebene erfolgen kann. Nicht dann wenn eine Seite von vornherein von ihrer Überlegenheit über alle anderen überzeugt ist. Und genau darin liegt die Gefahr. Pädagogisierung des Lebens reduziert Möglichkeiten. Stülpt der Wirklichkeit einschränkende Annahmen über. Eine tatsächliche Chance auf tiefgehende und sinnvolle Veränderung, bei der das Interesse von möglichst vielen Personen berücksichtigt wird, sieht für mich jedoch anders aus.

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