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Die Widersprüche der Aufklärung

In allen Einrichtungen für Kinder in denen ich arbeite, grassieren seit Monaten Krankheiten. Manche davon kehren immer wieder, und in der einen Einrichtung wurden jetzt Regeln dafür ausgehängt wie lange Kinder und Mitarbeiter zuhause bleiben sollen, wenn sie davon betroffen sind. Es ist dadurch alles etwas anders, Kindergruppen sind anders zusammengesetzt, Mitarbeiter übernehmen andere Arbeiten als sonst, Abläufe werden umgebaut, Gewohntes durchbrochen. Mir hat das ganz neue Eindrücke geliefert. Zum Lesen und Schreiben von Texten bin ich in der letzten Woche allerdings kaum gekommen, zum Reflektieren jedoch in gewohntem Umfang, denn das lässt sich gut in den Zeiten machen in denen Körper und Geist Ruhe benötigen. Reflektieren ist die Bearbeitung des Aufgenommenen und hilft dabei Dinge zu klären, zu Schlüssen zu kommen und neue Pläne zu entwickeln. Inzwischen bin ich allerdings selber nicht mehr ganz gesund. Mehr Zeit mit Krankheitserregern im Umfeld, mehr Risiko der Ansteckung?

Beim Herumliegen-müssen, aber nicht richtig schlafen können, gefangen in einem Körper der sich beschädigt anfühlt, schweifen meine Gedanken durch die Erfahrungen der letzten Woche, meine Lektüre der letzten Zeit und die Aktivitäten im Netz. Es kommt zu einer Reflexion über größere Zusammenhänge.

Auf der einen Seite fügt eine erneute Beschäftigung mit der Zeit der Aufklärung dem was mich umtreibt erstaunlich Zusammenhänge bei. Ich komme nur in sehr kleinen Portionen voran, gewissermaßen im Schneckentempo, den Anlass für mein Interesse haben dabei die Anregungen der letzten Präsenzveranstaltung Mitte Februar geliefert.

Für die Lektüre habe ich mir einer sehr kompakte, gut verständliche Zusammenfassung von Barbara Stollberg-Rilinger zur Aufklärung gewählt sowie von Rainer Roth Sklaverei als Menschenrecht. Rassismus und damit verbunden Sklaverei gehören zu den dunklen Seiten der Aufklärung. Dunkle Seiten zu betrachten erlaubt eine Prüfung der Konsistenz von Vorstellungen und ihrer Umsetzung.

Ich bin schon sehr frühzeitig auf diese Methode gestoßen, da ich bereits als kleines Kind mit für mich unlösbaren Widersprüchen konfrontiert wurde. Hier ergibt sich auch der Zusammenhang mit meinem Interesse an Emotionen. Widersprüche werden häufig in einer nicht sofort beschreibbaren Form wahrgenommen. Gerade für Kinder sind sie häufig nur über den Weg von Emotionen wahrnehmbar. Widersprüchliche Anforderungen, sich widersprechende Äußerungen und Verhaltensweisen aus denen keine Konsistenz gewonnen werden kann, führen zu Erregungszuständen. Diese Zustände werden als Emotionen wahrgenommen und verarbeitet. Sie liefern Informationen über die Welt, die noch nicht reflektiert werden können. Es kommt noch nicht zu einem bewussten Verstehen, das Verstehen bleibt auf einer Ebene des unbewussten unreflektierten Wissens. Aber auch in dieser Form bleibt es vorhanden, kann hervorgeholt und bearbeitet werden.

Rainer Roth wurde 1944 geboren und war Professor für Sozialwissenschaften. Sein  Buch ist im Jahr 2015 erschienen und kann über den DVS Verlag in Frankfurt bezogen werden. Das ist nur direkt oder über eine Buchhandlung möglich. Die Versandkosten sind im günstigen Preis inbegriffen. Rainer Roth hat eine Mission und noch viel vor. Das Buch ist Teil des Plans einer umfassenden Kritik der bürgerlichen Revolution und als nächster Band soll Lohnsklaverei als Menschenrecht folgen.

Mich hat der Titel elektrisiert und der Inhalt führt zu große Augen. Die Beschäftigung mit der Geschichte der Sklaverei hat in der Vergangenheit bei mir viele Tränen ausgelöst. Die Beschäftigung mit den Menschenrechten hat dagegen Freude in mir aufkommen lassen. Die modernen Menschenrechte dienen mir immer noch als eine Orientierung.

Nun kommen mein Hintergrund der Fragen nach der Bedeutung der Emotionen mit einem Blick auf die Aufklärung zusammen, die diese Zeit für mich aus der Sicht der Menschen, die damals gelebt haben, aus der Situation heraus, in der sie sich befunden haben, nachvollziehbarer macht als zuvor. Die Aufklärung war weder plötzlich da, noch war sie einheitlich. Sie hat sich auch nie auf alle Menschen bezogen und bedeutete das Ringen um eine Strukturveränderung, durch die Machtverhältnisse anders als zuvor verteilt wurden.

Hier passt dann wieder das Buch von Roth hinein und ich beschließe mich jetzt endlich einmal auch mit der Dialektik der Aufklärung von Horkheimer und Adorno zu befassen.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit galten nie für alle Menschen. Das ist bis heute so geblieben. Auf der einen Seite findet sich daher eine Ideologie, die scheinbar allen Menschen gleichermaßen ein Versprechen gibt, das aber auf der anderen Seite nicht eingelöst wird. Dafür müssen Begründungen gefunden werden, vernünftige Begründungen, denn der Geist der Aufklärung wendet sich vom Glauben ab und dem Verstehen zu. So kommt es unter anderem zu einer Vielzahl von Zuschreibungen in Bezug auf Gruppen von Menschen. In diesen Zusammenhang lässt sich wiederum das Syndrom der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit von Heitmeyer stellen.

Die Aufklärung förderte den Rassismus und sie förderte die Sklaverei. Sind bestimmte Menschen von einer anderen Art, so müssen sie nicht als Gleiche behandelt werden. Dadurch können im Zusammenhang mit Sklaverei je nach Bedarf Gruppen bestimmt werden, die dem Vieh gleichgestellt sind und rechtlich abgesichert zum verfügbaren Besitz ihrer Herren bestimmt werden können.

Es ist eine alte Geschichte und emotional tief verankert. Im Netz habe ich eine Karte gesehen auf der Orte gepinnt waren, an denen Aktivitäten zur Woche des Rassismus stattfinden. Vor meinen Augen sehe ich die Erscheinungen der Welt mit Pins und jeder Pin enthält zwei Anhänger. Auf dem einen sind Sterne für angenehme, positive Emotionen, auf der anderen Sterne für unangenehme, negative Emotionen. Alle Erscheinungen sind in irgendeiner Weise mit beiden Ausprägungen von Emotionen besetzt, die jeweils eine Gesamteinschätzung liefern.

Unsere kulturellen Vorstellungsbilder wurden und werden Tag für Tag weitergegeben. Wir haben keinen zwingenden Grund zu rekonstruieren woher unsere Einschätzungen und Selbstverständlichkeiten kommen. Wir können in der Komplexität sozialer Vorgänge sowieso nicht vollständig nachvollziehbar machen weshalb wir bestimmte Dinge positiv, andere negativ einschätzen, weshalb wir das eine als normal, das andere als nicht normal zuordnen. Warum wir daher das eine meiden und bekämpfen und als falsch einschätzen, das andere wiederum bevorzugen, uns damit wohl fühlen und als richtig einstufen.

In Bildungskontexten geben wir das alles weiter. Ungleichwertigkeit ist Bestandteil unserer Kultur. Unsere Ideale scheinen allerdings etwas anderes vorzusehen. Daher kommt es fortdauernd zu Widersprüchen und Unstimmigkeiten. Diese wiederum werden durchaus wahrgenommen, eben auch auf der Ebene der Emotionen. Die Gründe dafür werden aber nicht zwangsläufig verstanden. Negative Emotionen führen ggf. zu Abwehr- und Vermeidungsverhalten, positive zu Bevorzugungen.

Nach meiner Einschätzung ist ein Verstehen und Aufdecken dieser Vorgänge möglich, allerdings nicht ihre Beseitigung.

Damit sehe ich mich momentan in Bildungskontexten konfrontiert und ich finde es sehr schwierig damit umzugehen. Es ist so wie in den Situationen wenn ich etwas Unübliches mit einer Kindergruppe mache und von den einen Eltern wird das als gute Idee und sehr positiv eingeschätzt und die anderen Eltern halten es für unverantwortlich. Es gibt dafür keine zufriedenstellende Lösung. Was bleibt ist die fortdauernde Reflexion und wenn möglich Kommunikation.

Damit bin ich bei den Netzaktivitäten angelangt. Seit ich ein Smartphone besitze, nutze ich das Netz anders. Seitdem ich veranlasst durch einen Kurs zur Sicherheit in sozialen Netzwerken bestimmte Änderungen in den Einstellungen bei Facebook vorgenommen habe, bekomme ich eine andere Auswahl an Nachrichten. Es ist wesentlich auffälliger geworden dass ich mich in einer Filterblase aufhalte, gleichzeitig motiviert mich Größe und Art der Darstellung auf dem Smartphone sowie Eingabeart weniger mich zu äußern. Ich überfliege Nachrichten schneller ohne ihnen weiter nachzugehen oder schiebe sie gleich ganz weg. Dazu kommt, dass eine permanente Präsenz notwendig scheint, um bestimmte Dinge am Laufen zu halten. Von vielen Post fühle ich mich inzwischen auch genervt, weil sie hingeworfene Fetzen ohne ausreichenden Kontext und Konsequenzen sind. Lernen sollte zu Konsequenzen führen. Im Netz werden diese Konsequenzen für mich aber kaum sichtbar. Dazu kommt, dass vieles viel zu einseitig ist, Komplexität unzureichend abbildet und es Bereiche gibt in denen so etwas wie eine Übereinkunft zum Gut-drauf-sein und zum Alles-wird-immer-besser zu existieren scheint.

In meinem beruflichen Alltag nehme ich dagegen momentan keine von mir positiv zu bewerteten Veränderungen wahr. Alles was aufgewühlt war, beginnt sich wieder in einer gewohnten Form zu ordnen. Mein Eindruck ist dabei allerdings, dass die Qualität abgenommen hat. Dinge werden irgendwie getan, Konzepte, Ziele und Pläne werden für mich nicht sichtbar. Was ich aus meiner Position heraus wahrnehme läuft auf billig, willig, Masse statt Klasse und Filz hinaus.

In gewisser Weise passen die Wahlerfolge einer Partei wie der AfD dazu, die Lösungen anbietet, die schon in der Vergangenheit ganze Menschengruppen massiv benachteiligt und damit eigentlich keine Lösungen vorzuweisen haben.

Fazit für mich: Das Bildungssystem bleibt ein von der gesamten Gesellschaft untrennbares Teilsystem. Gesellschaftliche Widersprüche haben eine lange Tradition und finden sich auch dort. Sie können nicht im Bildungssystem selbst gelöst werden und das Bildungssystem selbst eignet sich daher nicht dafür Menschen zu befähigen gesellschaftliche Widersprüche aufzulösen. Was das Bildungssystem allerdings zu leisten vermag ist zu lernen diese Widersprüche zu erkennen und mit ihnen zu leben.

Referenzen:

Horkheimer, D. & Adorno, Th. W. (2006). Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. (16. Aufl.). Frankfurt: S.Fischer.

Roth, R. (2015). Sklaverei als Menschenrecht. Über die bürgerlichen Revolutionen in England, den USA und Frankreich. Frankfurt am Main: DVS.

Stollberg-Rilinger, B. (2011). Die Aufklärung. (2.überarbeitete und aktualisierte Ausgabe). Stuttgart: Reclam.

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Wiederholung beim Lernen

Wiederholungen sind für die Verfestigung von Lernen eine gute Sache. Es gibt dabei eine ganze Reihe von Möglichkeiten, wie man das praktisch umsetzen kann. Meine städtische Bücherei hat ein Buch über Rassismus neu angeschafft, das stand in der Zeit meiner intensiveren Auseinandersetzung mit Rassismus zwar auf meiner Bücherliste, ich habe es aber nie gelesen, weil ich es nirgends ausleihen konnte und es für einen Kauf nicht wichtig genug erschien. Ich dachte, für eine Wiederholung könnte es eine sinnvolle Lektüre sein, während ich mir gleichzeitig einen Eindruck von dem Buch selbst verschaffe.

Susan Arndt hat ihm den Titel Rassismus gegeben und den Untertitel Die 101 wichtigsten Fragen und es ist ganz anders als ich mir vorgestellt hatte. Es bewegt sich auf einem sehr qualifizierten Niveau, benutzt dabei eine Aufteilung in acht Rubriken unter denen jeweils spezielle Fragen mit einer festgelegt begrenzten Mengen von Text beantwortet werden, die aber insgesamt einen sehr umfassenden Überblick über das Thema geben. Das Buch eignet sich sowohl für einen schnellen Einstieg als auch für eine Wiederholung und Überprüfung wichtiger Gedankengänge zu Rassismus. Zusätzlich habe ich einiges für mich Neues erfahren. Es ist dabei nur ein dünnes Buch, aber mit kleinem Schriftsatz und auch dadurch sehr vollen 160 Seiten und gehaltvoller als manches wesentlich dickere Werk.

Ich lese es, während ich aber eigentlich mit dem Thema Emotionen beschäftigt bin, und führe daher zwei Notizlisten parallel, eine zu Gedankengängen, die für mich zu Rassismus neu und/oder bemerkenswert sind, eine zu dem was mir zu Emotionen dabei durch den Kopf geht. Vor allem beschäftigen mich Ähnlichkeiten in den Strukturen beim Umgang mit „Rassen“ und Emotionen. Herrschaft und Macht benutzen einfach alles um Hierarchien herzustellen. Äußere Merkmale von Menschen genauso wie die Art wie sie ihre Emotionen ausdrücken und mit ihnen umgehen. Wahrscheinlich sogar die Art der empfundenen Emotionen. Bourdieu und sein Habitus gehören thematisch ebenfalls in diesen Bereich. Emotionen und Emotionsausdruck werden durch die gesellschaftlichen Bedingungen geformt in denen sich ein Mensch befindet. Und ja, es gibt Hierarchien für Emotionen und Emotionsausdruck.

Wiederholen lässt sich mit dem Buch von Susan Arndt gut, parallel dazu ist es interessant zu beobachten, wie ich inzwischen zu den einzelnen Aspekten des Themas Rassismus  stehe, wie ich aus einer gewissen Distanz der Auseinandersetzung darauf blicke und wie ich die spezifische Haltung von Arndt dazu einschätze. Innerhalb eines Tages habe ich Kenntnisse aufgefrischt und erweitert.

Das Thema Emotionen bringt mich in der letzten Zeit immer wieder dazu solche Abstecher zu machen. Abstecher in Bereiche, die für mich entweder neu oder überschaubar sind. Beides erleichtert mir mein Stecken im Sumpf, aus dem ich mich bisher nicht befreit bekomme. Sogar Bereiche meiner Berufstätigkeit, die ich in den letzten Jahren vernachlässigen konnte, nutze ich dafür. Alles was leichter lösbar und überschaubarer ist. Das lässt mich zwar nicht vorankommen, ist aber so etwas wie eine Arbeits- oder Beschäftigungstherapie mit einer stabilisierenden Wirkung auf mein Wohlbefinden.

Ursprünglich wollte ich auch über das Wohlbefinden schreiben, bzw. über die Nichtausrichtung am Wohlbefinden von Menschen. Das Thema ist in der Zwischenzeit aber wieder im Sumpf versunken und ich kann es nicht mehr herausziehen. Es ist aber ein wichtiges Thema und ich bin mir sicher, früher oder später wird es wieder auftauchen und vielleicht werde ich es dann auch formuliert bekommen.

Referenz:

Arndt, S. (2015). Rassismus. Die101 wichtigsten Fragen. (2. durchges. Aufl.). München: Beck.

Rassismus in der aktuellen Diskussion

In der Zeit vor über einem Jahr, als ich mich intensiv mit Rassismus beschäftigt habe, war der Begriff nicht in aller Munde. Besondere Aufmerksamkeit erfuhr damals gerade der Alltagsrassismus, der inzwischen aber weniger Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen scheint. Der Begriff Rassismus taucht momentan verstärkt im Zusammenhang mit den nach Europa strömenden Flüchtlingen auf. Sehr viel scheint plötzlich Rassismus zu sein.

Für mich ist es nicht der Zeitpunkt, um genauere Untersuchungen dazu anzustrengen, ich bezweifele jedoch sehr, dass es sich in allen so bezeichneten Fällen wirklich um Rassismus handelt. Viele Begriffe, so auch der Begriff Emotionen, werden im Alltag sehr unreflektiert verwendet. Ausländerfeindlichkeit oder Fremdenfeindlichkeit können mit Rassismus unterfüttert sein, müssen es aber nicht, um ähnliche Auswirkungen zu zeigen. Für die aktuelle öffentliche Diskussion scheint eine exakte Beschreibung jedoch nicht von besonderer Bedeutung. Wichtig ist einen Ausdruck dafür zu finden, dass etwas nicht in Ordnung ist, und Rassismus ist ein emotional stark wirksamer Begriff, der sich sehr schnell zur Verurteilung bestimmter Verhaltensoptionen einsetzen lässt. Auch als K.O.-Argument. Für genauere Untersuchungen der bestehenden und auftretenden Problematiken ist das allerdings nicht ausreichend.

Von Bedeutung finde ich es erneut, Rassismus als ein vielfältig nutzbares Tool zu verstehen, und inzwischen sehe ich es als hoch bedeutsam an, bei der Betrachtung von Rassismus genauer in den Blick zu nehmen, was auf der Ebene der Emotionen vor sich geht. In der Definition von Rassismus, die Albert Memmi (1992) geliefert hat, taucht der Begriff der Wertung auf. Rassismus ist bei ihm unter anderem die Wertung von tatsächlichen und fiktiven Unterschieden. Mit Bewertungen eng verknüpft sind wiederum Emotionen, die daher Auskünfte darüber geben können ob etwas in den persönlichen, allerdings gesellschaftlich geprägten Wertesystemen, als richtig oder falsch, angenehm oder unangenehm, erstrebenswert oder als zu bekämpfen eingeschätzt wird.

Zur Definition von Memmi gehört ebenfalls, dass diese Wertung verallgemeinert und verabsolutiert wird. Es ist also nicht die reine persönliche Befindlichkeit, das individuelle Unwohlgefühl, oder Verunsicherung, oder Gefühl des Bedrohtseins. Es ist das Hervorholen des Stereotyps, das den anderen unverrückbar zu einem ganz anderen Menschen macht, dem daher auch unveränderlich etwas ganz anderes zusteht als dem Menschen des eigenen Bildes. Eine Integration als Gleicher ist auf dieser Basis niemals möglich.

Zusätzlich ist der Zusammenhang zwischen den Auswirkungen von Rassismus und der gesellschaftlichen Position, die Menschen einnehmen, von Bedeutung. Memmi schreibt von Privilegien und Aggression. Der Nutznießer rechtfertigt durch Rassismus seine Privilegien, der von Konkurrenz Bedrohte seine Aggression.

Ich bleibe mit meinem Eindruck zurück, dass in der letzten Zeit so einiges als Rassismus deklariert wird, was zumindest den Kriterien von Memmi nicht entspricht. Die Ängste vor Konkurrenz auf Wohnungs- und Arbeitsmarkt, gerade bei den am meisten Benachteiligten, und die Ängste derjenigen, die sich von einem Abgleiten in Situationen bedroht fühlen, in denen mit Menschen nicht mehr pfleglich verfahren wird, sind nicht unberechtigt.

Sich von Flüchtlingen als sichtbarer Ausdruck gesellschaftlicher Problematiken bedroht zu fühlen und das zu äußern, ist allerdings noch lange kein Rassismus. Dafür angegriffen zu werden und Vorwürfe zu ernten, könnte für das Hervorkramen von Rassismus allerdings förderlich sein. Und da ist es dann durchaus von Interesse zu fragen wem das letztendlich wieder nutzt. Denen, die ein Ventil für Frustration und Aggression finden, oder denjenigen, die damit ihre Privilegien sichern?

Referenz:

Memmi, A. (1992). Rassismus. Hamburg: Europäische Verlagsanstalt.

Rassismus, Fremden- und Ausländerfeindlichkeit

Nachdem ich lange Zeit am Thema Rassismus gearbeitet und rückblickend das Thema manches Mal zu stark in andere Themen eingeflochten habe (so etwas gehört dazu und das wird jetzt nachträglich nicht geändert, höchstens ergänzt oder erläutert!), ist es in der letzten Zeit still darum geworden.

Persönlich habe ich meine Haltungen und Einstellungen geändert, das merke ich fortwährend im Kontakt mit anderen Menschen. Ich denke vor allem darin ist der Grund zu suchen, dass ich keinen allzu großen Diskussionsbedarf mehr habe. Vorgestern habe ich für eine dunkelhaarige, dunkeläugige, braunhäutige Grundschülerin, die gerade erst Deutsch lernt, das Seil zum Hüpfen geschlagen, und als wir gemeinsam zählten und ich sie hüpfen sah habe ich gedacht, vielleicht wirst du einmal Bundeskanzlerin. Da war kein Hauch von Bedenken mehr in meinen Gefühlen, nur noch ein riesiger Möglichkeitenraum. Da waren keine anerzogenen Einschränkungen der Vorstellung mehr, nur noch das Recht auf und die Freiheit für Entwicklung. Ich diskutiere da auch nicht mehr. Rassismus hat keine Berechtigung.

Hadern tue ich allerdings noch immer mit dem Altersrassismus, aber nun ja, man kann nicht gleich alles haben. 🙂

Doch jetzt zum Thema der Überschrift. Ich habe lange gebraucht die Unterschiede zu verstehen. Wann etwas Rassismus ist und wann etwas anderes. Daher versuche ich das jetzt durch den Vergleich zu erklären.

Fremdenfeindlichkeit, das hat in meinen Augen mit dem zu tun was Elias und Scotson [1] untersucht haben. Der Fremde, der neu Hinzukommende, der anders ist oder zu etwas anderem gemacht wird, das ist noch keine andere Gattung von Mensch. Es ist, das sagt der Begriff aus, eine Feindseligkeit, eine Abwehrhaltung. Mit DENEN will man nichts zu tun haben, man will unter sich bleiben, im Altvertrauten, im Bekannten, in Strukturen und Regeln und Machtverteilungen, die man gewohnt ist. Man will sein Eigenes wahren und abgrenzen. Vielleicht muss der andere zu etwas Minderwertigem gemacht werden um Begründungen zu liefern, aber vor allem geht es darum Grenzen zu ziehen und Fremde fern zu halten.

Ausländerfeindlichkeit funktioniert ganz ähnlich. Hier ist allerdings die eigene Gruppe größer, ist die Nation, und umfasst alle die dem Bild der vertrauten eigenen nationalen Identität zugeordnet werden können. Wer nicht zu integrieren ist bleibt der Ausländer, es sei denn eine Anpassung ist so weit möglich, dass der andere in den Bestand der eigenen Nation einpassbar wird und darin verschwindet.

Rassismus funktioniert anders. Da gibt es kein Entkommen. Der Rassist nimmt eine Welt unveränderlicher Ungleichheit wahr und alle Begründungen, die ihm oder ihr entzogen werden, versucht er oder sie durch neue zu ersetzen. Für den Rassisten gibt es eine natürliche Ordnung von Wertigkeit. Für ihn oder sie lässt sich die Welt der Wesen einteilen in hoch- und minderwertig, in nützlich und unnütz. Alle haben dort von Geburt an ihren unveränderlichen Platz. Alle, die davon abweichen, sind dann eben Ausnahmen, statistische Ausreißer, aber kein Beleg dafür dass die Grundannahme falsch ist. Der Rassist ist von der Nützlichkeit seiner Einschätzung überzeugt. Er will das Beste für die Welt. Hochwertige sollen führen und Minderwertige sollen die Plätze besetzen, an denen sie der Gesellschaft am besten nutzen können, in untergeordneten dienenden Rollen. Im Extrem soll Unnützes oder Schädliches beseitigt oder ferngehalten werden.

Auf dieser Basis kann ich inzwischen ganz gut differenzieren und feststellen, ob ich es mit rassistischen Vorstellungen zu tun habe oder einfach nur mit Ängsten und Gefühlen der Bedrohung. Dazwischen ist ein großer Unterschied, und während  Feindseligkeit und Wünsche der Bewahrung durch geeignete Maßnahmen beeinflusst werden können, ist der Rassismus ein Übel, dem ich bis heute hilflos gegenüber stehe. Daher lasse ich mich möglichst nicht mehr auf entsprechende Argumente ein, versuche sie eher ins Lächerliche zu ziehen und mich von entsprechenden Menschen so weit es geht fern zu halten. Seitdem geht es mir besser. Und wenn ich dann doch mal diesen abwertenden Seitenblick zu spüren bekomme, denke ich, „Du Idiot! Lass mich bloß mit deinem Mist in Ruhe!“ Und wenn jemand beginnt erfolgreiche Lernbemühungen beim Kuchenbacken in Zusammenhang mit überlegenen Genen zu bringen, so hat es mir durchaus weitergeholfen, doch mal nach diesen mysteriösen Kuchengenen zu fragen. Verwirrung stiften macht es schwieriger die eigenen Gewohnheiten wie gewohnt fortzuführen.

Zum Abschluss möchte ich, für mich wichtig, noch ergänzen, warum ich aus dieser Einschätzung heraus auch nie die gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit von Heitmeyer als passenden Erklärungsansatz benutzen wollte. Heitmeyer hat Rassismus als ein Symptom  dieser Feindlichkeit bezeichnet. Rassismus ist in meinen Augen aber eine Weltvorstellung und Rassismus muss auch überhaupt nicht feindselig sein. Ist jeder auf seinem Platz in der natürlichen Ordnung und wird diese Ordnung von allen akzeptiert, kann der Rassist in Ruhe schlafen (die Rassistin natürlich auch). Darauf werden Rassist und Rassistin hinarbeiten. Und wenn sie ihr Ziel erreicht haben, können sie sogar sehr glückliche und zufriedene Menschen sein und freundlich und zuvorkommend mit denen umgehen, die sie auf den ihnen zustehenden Platz verwiesen haben. Aber wehe, wehe, jemand kommt ihnen in die Quere…

Referenz:

[1] Elias, N. & Scotson, J.(2002). Etablierte und Außenseiter. Suhrkamp, Frankfurt/M.

Menschenverachtung und Nützlichkeit

In gewisser Weise nehme ich eine Verschärfung wahr. Es ist eine verbreitete Erscheinung Menschen mit geringer Ressourcenverfügung auch gering zu achten. Eine ganz andere Sache ist es aber Menschen, die bestimmte Standards nicht erfüllen, als unnütz zu betrachten. Als etwas das bekämpft und beseitigt werden muss. Es ist an sich schon zweifelhaft Menschen nach ihren Ressourcen zu bewerten, denn aus ökologischer Perspektive betrachtet kann man Menschen mit hohem Ressourcenverbrauch durchaus eine sehr geringe Wertigkeit zuordnen. Aus sozialer Perspektive wiederum Menschen, die anderen Menschen durch ihr Handeln direkt oder indirekt einen Schaden zufügen, auch wenn sie dadurch über viele begehrenswerte Ressourcen verfügen.

Aber auf die Idee zu kommen zu bestimmen wer unnütz ist und wer nicht, das ist noch einmal einen Schritt weiter in Richtung Menschenverachtung. Wie lautet ein Merksatz? „Rassismus tötet!“ Unnütz – das legt Beseitigung nahe, oder Vernachlässigung, oder Kampf dagegen. Nützliche und unnütze Ausländer und Migranten, leistungsstarke und leistungsschwache Bevölkerungsteile, Sozialschmarotzer und Sozialparasitäre. Sündenböcke deren Beseitigung zu einer Verbesserung der Gesellschaft führen soll. Nicht mehr nur Abschieben an den Rand und isolieren in Perspektivlosigkeit, sondern ganz verschwinden lassen. Eine alte Methode, wieder hervorgeholt und aufpoliert.

Was sagt mir das über den Zustand meiner Gesellschaft? Mir sagt es, dass meine Freiheit beschnitten wird. Mir sagt es, dass über mein Leben bestimmt wird. Dass ich nur noch Gesellschaftsmitglied sein kann, wenn ich bestimmte Standards erfüllen. Dass ich nicht mehr Gesellschaftsmitglied bin weil ich in einer Gesellschaft lebe, sondern dass ich nur dann Gesellschaftsmitglied bin wenn ich das erfülle was diejenigen festlegen, die in der Gesellschaft über Definitionsmacht verfügen. Nicht mehr der Mensch in seinen vielen Ausdrucksformen ist das Maß an dem sich Gesellschaft orientiert, sondern das Bild vom nützlichen, leistungsstarken Menschen stellt die Eintrittskarte zu Gesellschaft dar. Und die anderen…nun, die gehören nicht dazu. Um die muss sich Gesellschaft auch nicht mehr kümmern.

Menschenverachtung tarnt sich, versteckt sich, hüllt sich ins Gewand des Normalen. Umschmeichelt, verführt. Bietet Lösungen aus Dilemmas auf Kosten anderer ohne den Preis zu nennen, der dafür von den Profiteuren zu entrichten ist. Das letzte Mal sind wir bis vor Moskau gekommen. Wo kommen wir dieses Mal hin?

Meine neuen, auf Rassismus bezogenen Aspekte

In den letzten Tagen zeigen sich bei meiner Auseinandersetzung mit Rassismus ganz neue Aspekte. Einerseits ist mir die große Bedeutung bewusst geworden, die der Konstruktivismus für mich hat, andererseits merke ich den Bedarf an Systematisierung von allem was in Zusammenhang mit Rassismus steht. Momentan wünsche ich mir ein Lehrbuch, das wissenschaftlich systematisiert Rassismus, seine Erscheinungen, wichtige geschichtliche Entwicklungen, Theorien, seine Einbettung in die Gesellschaft, Strategien, Konzepte und was auch immer an einer einzigen Stelle zusammenfasst. Ich bin dieses: hier mal was, da mal was, und der eine so, die andere so, leid. Rückblickend kann ich sagen, so wie ich die Situation vorgefunden habe, fördert es einerseits schnell zu sagen: In Ordnung, ich weiß jetzt was Rassismus ist, das ist vor allem die Diskriminierung von Menschen mit anderer Hautfarbe. Tut man nicht, ich halte mich da zurück und weise auch andere darauf hin, dass man das nicht macht. Oder man dringt tiefer ein und ist mit Materialien konfrontiert, die deutliche Hinweise darauf geben, dass da weit mehr dahinter steckt. An der Oberfläche sieht man die Pilze, das ist einfach, aber das Myzel im Untergrund, das alles durchzieht, das entzieht sich dem Überblick. Ich werde also weiter machen müssen.

Der andere Aspekt, der Konstruktivismus, verbindet sich damit, dass mein Interesse an Rassismus seine Wurzeln in meiner Biografie hat. Wie ich die Welt erlebt habe, was meine Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hat, wie sich meine subjektive Betrachtung der Welt zusammensetzt, hat direkte Wurzeln im Rassismus der Nazis, der natürlich wiederum mit weltweiten geschichtlichen Erscheinungen des Rassismus verknüpft ist. Und dieser Rassismus ist wiederum untrennbar verknüpft mit der Entwicklung moderner globaler Gesellschaften. Das ist das Myzel. Und deshalb bleibe ich zumindest für mich auch beim Namen Rassismus für ein global existierendes Vorstellungssystem der Ausrichtung an Normen wie Menschen zu sein haben, damit sie als „richtige“ Menschen gelten können, neben denen alle anderen zu defizitären Wesen werden, mit denen die „richtigen“ nach ihren Vorstellungen verfahren können, ohne sie in einer Weise berücksichtigen zu müssen, die diesen Menschen als den Menschen, die sie tatsächlich sind, gerecht wird.

Ich merke, dass ich dadurch in der Situation bin eine Entscheidung zu treffen. Rassismus macht alle zu Opfern, auch die Täter. Das will ich an dieser Stelle nicht weiter erläutern. Es bedeutet aber, um kein Opfer sein zu müssen, um wieder tatsächliche Handlungskompetenz zu gewinnen, ist es notwendig Rassismus und seine negativen Folgen für alle erkennen zu können. Rassismus ist in jeder Form Destruktion. Rassismus zerstört Menschlichkeit. Rassismus führt zu unsicheren Gesellschaften. Rassismus deformiert menschliches Leben und menschliche Biografien. Rassismus steht der tatsächlichen Lösung globaler Probleme im Weg. Rassismus kann wie eine Droge wirken, wie ein Gift, das die Wahrnehmung vernebelt und tatsächliche Problemlösungen verschleiert. 

Ein wenig erstaunt bin ich über das was ich gerade schreiben schon, und mit Sicherheit werde ich in Situationen kommen in denen ich an meiner momentanen Konstruktion zweifele. Doch bisher bin ich immer wieder zum Thema zurückgekehrt. Ganz gleich ob ich zwischendurch dachte, dass ich mir alles nur einbilde, oder ob ich dachte, dass alles so übermächtig ist, dass ich es nicht bewältigen kann. Ich bin immer wieder zurückgekehrt, weil alles noch nicht klar ist, weil es weiter beunruhigt. Und so wie es sich heute für mich präsentiert, ergibt sich die Prognose, dass es anhalten wird. Es ist etwas da dran, und das was da dran ist, das ist bleibt wichtig. Und es weist auch weit über eine bloß persönliche Problematik hinaus. 

Verarbeitungsphase während der Themenausarbeitung

Nach gut 10 Monaten habe ich es endlich geschafft meine für das Studium relevante Ausarbeitung zum Rassismusthema zu schreiben und sehe das Ende der intensiven Auseinandersetzung langsam vor mir. Nur wenig von dem womit ich mich beschäftigt habe wird dort hinein geflossen sein und wirklich zufrieden bin ich mit meinem Ansatz bisher auch nicht, aber mal abgesehen davon, dass ich noch etwas Zeit bis zur Abgabe habe, der letzte Teil noch aussteht und ich auch noch Änderungen vornehmen kann, reicht es mir eigentlich wenn ich das Modul einfach nur bestehe. Klar, eine gute Note wäre schön, schließlich bin ich darauf konditioniert davon einen Wert abzuleiten, und eine schlechte Note würde mich folglich frustrieren, was aber letztlich eine wirkliche Bedeutung hat ist, dass sich meine Sichtweise geändert hat. Und das war dringend notwendig.

Vor kurzem tauchte ein Thread in der themenspezifischen Gruppe einer sozialen Plattform, in der in der Regel ein freundlicher Umgangston und die Verwendung des „Du“ üblich ist auf, in dem sich plötzlich antimuslimischer Rassismus massiv bemerkbar machte. Ich wollte schon vor ein paar Tagen dazu schreiben, hatte aber wenig Zeit. Der Thread scheint inzwischen verschwunden, ich kann daher allein auf mein Gedächtnis zugreifen. In dem Thread stellte eine Person mit dem Avatar einer Frau mit islamischem Kopftuch eine dort ganz übliche Art von Frage. Sie wollte wissen, ob sie eine Erzieherausbildung, die sie in Deutschland gerade macht, in der Türkei anerkannt bekommt. Was dann passierte hat mich große Augen bekommen lassen. Sie bekam Antwort von einem Gruppenmitglied, das als Avatar ein arabisches Schriftzeichen verwendete, das aktuell durch die islamistische ISIS zur Kennzeichnung von Christen benutzt wird. Erst einmal wurde sie entgegen der sonstigen Gepflogenheiten mit „Sie“ adressiert und bekam dann vorgeworfen, dass sie in Deutschland eine Ausbildung finanziert bekommt, die sie dann aber nicht im Land verwendet. Der Ton war ausgesprochen feindselig und auch als sich andere einschalteten und Gegenargumente anführten, änderte er sich kaum. Die Fragende verteidigte sich sehr sachlich, bis sie dann auf Distanz ging.

Wie geschrieben, ich kann nur auf meine Erinnerung zurückgreifen. Das Erlebte haftet aber noch in meinem Kopf und ich stelle mir vor wie es für diejenige war, die nur eine sachliche Fragen in einer passenden Gruppe stellt, und plötzlich in einen Konflikt hineingezogen wird, der sie zum Opfer von massivster Feindseligkeit macht. Und ich stelle mir auch den Antwortenden vor, der jegliche Sachlichkeit und Vergleichbarkeit aufgibt und verbal einfach nur noch draufschlägt. Es scheint mal wieder ein aktueller über die Medien verbreiteter Konflikt gewesen sein, der den Zündstoff liefert, aber genau an solchen Stellen zeigt sich das Vorhandensein der Bereitschaft rassistisch oder menschenfeindlich vorzugehen. Dazu ist es notwendig, dass der Andere bereits zu einer markierten Gruppe gehört, in der jeder Zugehörende und jede Zugehörende als anders als man selbst definiert ist. Da wird kein „Du“ mehr verwendet, da wird mit dem „Sie“ der unüberwindbare Graben gefestigt, da werden für die bereits vorhandene Feinseligkeit und das existierende Vorurteil von Schädlichkeit  irgendwelche Argumente herbeigezerrt, ganz gleich wie unbegründet oder falsch sie sind.

Der Thread ist weg und der Angreifer zeigt sich in anderen Threads als sympathischer freundlicher Kerl, ganz und gar unauffällig, ich aber erinnere mich was da hervorgebrochen war. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es weg ist. Für mich schlummert es in den passenden Bereichen und wird wieder hervorkommen, wenn die Gelegenheit da ist. In der Situation der Muslima wäre ich jetzt massivst verletzt. Und ich stelle mir auch vor wie es ist häufig solchen Verhaltensweisen zu begegnen und welches Lebensgefühl sich daraus ergibt. Ich würde in dieser Gruppe nichts mehr posten. Sie hat nichts, aber auch gar nichts getan, was eine solch feindselige Reaktion begründen könnte. Nichts. Ausbildungen werden in dem einen Land erworben und in einem anderen vielleicht anerkannt, vielleicht auch nicht. Jährlich gehen Tausende von Deutschen und verwenden ihre in Deutschland erworbenen Ausbildungen im Ausland. Jährlich kommen Tausende zu uns und verwenden hier Ausbildungen, die in ihren Herkunftsländern finanziert oder mitfinanziert wurden. Hier ging es ganz allein um die fadenscheinige  Begründung von Aggressivität und Feindseligkeit. Und genau das, so weiß ich jetzt, ist ein Erkennungsmerkmal der grundlegenden Strukturen von Rassismus, oder Diskriminierung, oder gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, je nachdem welchen Begriff und damit welchen theoretischen Hintergrund man bevorzugt. Wer Täter ist und wer das Opfer, dem der Grund für seine Schlechterbehandlung zugeschoben wird und dem letztlich am meisten ein Schaden zugefügt wird, ist jedoch durch alle drei Begriffe in gleicher Weise bestimmbar.

Für manche Menschen scheint die Art wie ich interpretiere extrem oder befremdlich, für mich bedeutet sie aber, das womit ich mich in den letzten Monaten beschäftigt habe auch im Alltag aufzuspüren und dadurch eine stärkere Verbindung zur Theorie herzustellen. Sicherlich lässt sich gesellschaftliche Wirklichkeit auch unter anderen Gesichtspunkten interpretieren. Gerade in den letzten Tagen gab es auf Fernuni Moodle Diskussionen zu einem Artikel über Bildungsbürgertum vs. Prekariat, der von unterschiedlichen Studierenden sehr verschieden interpretiert und beurteilt wurde. Für mich war der Artikel aufschlussreich, andere beurteilten ihn als nichts Neues vermittelnd und überflüssig oder auch dahingehend, dass Menschen sich schon immer über andere gestellt haben. Aber auch sehr umfangreich analysiert ohne dabei aber auch nur einmal die Begriffe oder den Kontext von Diskriminierung, Rassismus oder gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit zu verwenden.

All diese Beobachtungen oder Beteiligungen durch Beiträge als Antworten auf andere bestätigen mir, dass der Ansatz Rassismus/Diskriminierung/gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit hervorragend funktioniert. In Moodle (3.8.2014) habe ich es folgendermaßen formuliert:

„Meine eigene Argumentation hat ihre Wurzeln in der Thematik mit der ich mich aktuell beschäftige. Darin sind sowohl

  • die kollektiven Vorstellungen die sich Menschen als Mitglieder von Gruppen voneinander machen,
  • als auch wie sie diese zur Abwertung anderer Gruppen verwenden
  • und diese abwertenden Vorstellungen dann bei der Verteilung von Ressourcen oder der Vorstellung welche Behandlung dem anderen zusteht benutzen,
  • wenn sie in der Position sind dies tun zu können,

grundlegend wichtig. Der Begriff dafür ist Diskriminierung. Beziehen sich die Vorstellungen auf fremd erscheinendes Aussehen, ethnische oder kulturelle Herkunft, Hautfarbe oder als fremd empfundene religiöse oder politische Einstellung (über den genauen Umfang besteht keine Einigkeit), dann wird das auch mit dem Begriff Rassismus beschrieben.“

Und etwas in dieser Form formulieren zu können ohne noch irgendwo nachzuschauen, und dabei auch zu wissen wovon ich rede und wie ich es erkenne, ist für mich mit meinem Erfahrungshintergrund sehr, sehr hilfreich. Möglicherweise schieße ich manchmal über das Ziel hinaus, ich bin ja noch recht neu damit, möglicherweise mache ich manche Fehler, aber ich habe jetzt eine recht klare Vorstellung davon was unter Diskriminierung zu verstehen ist. Und vor allem – ich weiß jetzt, dass sie den grundlegenden Werten unserer Gesellschaft gar nicht entspricht! Ganz gleich wie die Praxis aussehen mag. Dabei lasse ich mir jetzt nichts mehr einreden!

In meinen Augen haben verschiedene Diskriminierungsformen auch sehr viel mit Gewohnheiten zu tun. Es ist einfach so, war schon immer so, macht doch jeder so – ich akzeptiere diese Begründungen nicht mehr. Sichtweisen lassen sich ändern. Gewohnheiten lassen sich ändern. Es mag nicht einfach sein, aber es geht! Einer der ersten Schritte dabei ist eine andere Betrachtungsweise zu verwenden und alltägliche Vorkommnisse unter neuen Prämissen zu interpretieren.