Bildungsmäuschen

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Prekariat

Rechts und links ziehen die Kommilitonen an mir vorbei, bedeutet, einige mit denen ich während des Studiums zu tun hatte, haben in den letzten Tagen ihre fertigen Bachelorarbeiten eingeschickt. Und andere schreiben an ihren Masterarbeiten. Gerade eben konnte ich das wieder auf Facebook lesen. Und ich bleibe zurück und es pickst mich. Ja, ja die Emotionen!

Eigentlich wollte ich heute nichts mehr tun, das für das Studium relevant ist, jetzt bin ich aber so beunruhigt, dass ich wenigstens den Blogeintrag zu den Ereignissen des Wochenendes schreiben möchte. Erneut hat sich eine Kombination aus einem Buch und einem Ereignis ergeben. Das letzte war die Kombination von Zur Kritik des Bedingungslosen Grundeinkommens von Rainer Roth mit dem MOOC Arbeit 4.0. Dieses Mal ist es das Buch von Guy Standing Prekariat. Die neue explosive Klasse und eine regionale Veranstaltung zum Tag der Erde.

Guy Standing beginnt damit, dass er zu definieren versucht was das Prekariat ausmacht, was die Kennzeichen prekärer Arbeit sind (unsicher, opportunistisch, Mittel zum Zweck), welche Formen der Sicherheit fehlen, welche Formen des Prekariats vorhanden sind und wie Psyche und Gefühlszustände beschaffen sind (Wut, Anomie, Angst, Entfremdung). Danach versucht er die Faktoren zu bestimmen, die dafür verantwortlich sind weshalb das Prekariat weltweit wächst. Anschließend beschreibt er, welche Bevölkerungsteile am ehesten zu Teilen des Prekariat werden (Frauen, junge Menschen, Alte, kulturelle Minderheiten, Menschen mit Behinderungen und kriminalisierte Menschen), wobei er im besonderen auf die weltweiten Migrant_innen zwischen und innerhalb von Ländern eingeht.

Anschließend konzentriert er sich darauf die prekäre Arbeit mit ihren Konsequenzen zu beschreiben. Die letzten beiden Kapitel beschäftigen sich zuerst mit ungünstigen politischen Bemühungen, anschließend mit von ihm vermuteten günstigen.

Ich möchte an dieser Stelle nicht die wesentlichen Teile des Buches zusammenfassen, es enthält sehr viele Anregungen zum Weiterdenken, am bedeutsam ist für mich daran, dass er gesellschaftliche Entwicklungen mit einem Fokus auf prekäre Arbeitsverhältnisse betrachtet. Diese sind für ihn auch keine Abweichungen von der Norm, sondern eine Tatsache, mit der mehr und mehr Menschen konfrontiert sind und Bedingungen, in denen sie langfristig leben müssen. Standing sieht die Notwendigkeit dafür, dass sich Menschen in prekären Arbeitsverhältnissen und Lebensbedingungen als eigene Klasse verstehen, solidarisch werden und sich für Teilhabe an grundlegenden Rechten einsetzen. Er gehört zu den Befürwortern eines bedingungslosen Grundeinkommens.

Nachdem ich bis auf seine Lösungsvorschläge alles gelesen hatte, fuhr ich zu der Veranstaltung zum Tag der Erde, der neben einem kulturellen Programm vor allem aus einer ziemlich langen abgesperrten Straße bestand, an der sich an Ständen rechts und links vielfältigste Gruppen, Geschäftsleute, Initiativen, öffentliche Einrichtungen, Schulen und anderes präsentierten, die insgesamt das Ergebnis einer lange Entwicklung über viele Jahrzehnte darstellen. Unterm Strich das was man in den Anfängen als alternativ bezeichnet hat.

Es gibt in diesem Bereich Menschen, die von dem was sie anbieten leben können, es gibt diejenigen, die es zum Teil können und es gibt diejenigen, die gar nichts dabei verdienen. Möglicherweise sogar Geld dafür aufbringen müssen. Unter einem Thema war alles bunt gemischt versammelt. Alle arbeiten, benötigen Kenntnisse, haben dafür gelernt, die Arbeit hat aber einen unterschiedlichen Status, einen unterschiedlichen Wert und unterschiedlichen Gewinn.

Bei diesen Überlegungen handelt es sich nur um einen kleinen Teilbereich der Überlegungen von Standing. Sie ist aber essentiell. „Im ganzen 20. Jahrhundert wurde die Lohnarbeit – Arbeit, die einen Tauschwert hat – in den Himmel gehoben, während man jegliche Arbeit, die keine Lohnarbeit war, unter den Tisch fallen ließ. Arbeit, die aus Gründen ihrer inneren Nützlichkeit geleistet wird, kommt in den Arbeitsstatistiken und politischen Reden nicht vor.“ (Standing, 2015, S.172)

Zur Bildung: „Der neoliberale Staat hat die Bildungssysteme derart umgestaltet, dass sie zu einem festen Bestandteil der Marktwirtschaft wurden, und trieb die Bildung in Richtung der Schaffung von >Humankapital< und der Beschäftigungsvorbereitung. […] Durch alle Zeiten wurde die Bildung als etwas Befreiendes, Hinterfragendes und Subversives verstanden, was dem Verstand bei der Entwicklung entstehender Fähigkeiten half. Das Credo des Aufklärungszeitalters lautete, dass Menschen die Welt gestalten und sich durch Lernen und Nachdenken weiterentwickeln könnten. In einer Marktgesellschaft wird diese Rolle zwischen Gewinnspannen zerrieben.“ (Standing, 2015, S. 105)

Aus den Angaben von Standing ergibt sich, dass weltweit dauerhaft ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung in prekären Verhältnissen zurechtkommen muss. Viele davon weder freiwillig noch aus Gründen mangelnder Bildung, weder der einen noch der anderen Art. „Es gibt Anzeichen dafür, dass kommerzialisierte Bildungssysteme so umstrukturiert werden, dass junge Menschen in das flexible Arbeitssystem geschleust werden, basierend auf einer privilegierten Elite, einer kleinen professionellen Arbeiterklasse und dem größer werdenden Prekariat.“ (Standing, 2015, S.110)

Was kann Bildung also für Menschen in prekären Verhältnissen tatsächlich tun?

Standing wird als Wirtschaftsprofessor angegeben. Seine Lösungsvorschläge sind politischer Art und ich kann sie in keinster Weise einschätzen. Meine Fragen richten sich dagegen auf die strukturell ausgelösten Emotionen, mit denen Menschen konfrontiert sind und mit denen sie umgehen müssen. Wut, Anomie, Angst und Entfremdung werden von Standing (2015, S.35f) als Gefühlszustände benannt und genauer ausgeführt.

„Eine Lektion der Aufklärung ist, dass der Mensch Herr seines eigenen Schicksals sein sollte, und nicht etwa Gott oder die Kräfte der Natur. Dem Prekariat erzählt man  jedoch, es müsse sich nach den Marktkräften richten und grenzenlos anpassungsfähig werden.“ (Standing, 2015, S. 42)

„Spannungen innerhalb des Prekariats bringen die Menschen gegeneinander auf und hindern sie daran zu erkennen, dass das Gesellschafts- und Wirtschaftssystem geteilte Verwundbarkeiten hervorbringen. Viele fühlen sich von populistischen Politiker_innen und neofaschistischen Parolen angezogen – eine Entwicklung, die sich bereits überall in Europa, in den Vereinigten Staaten und anderen Ländern deutlich zeigt.“ (Standing, 2015, S. 42)

Ich bleibe nachdenklich und mit vielen neuen Fragen zurück. Meine Emotionen fahren erst einmal Achterbahn, das kenne ich inzwischen aber zur Genüge und weiß, die beste Möglichkeit damit umzugehen ist Ruhe bewahren und abwarten. Die Bedeutsamkeit von Texten, Gedanken und Erlebnissen ist nun einmal nicht von Emotionen zu trennen. Die ändern sich aber wieder. Die heftigste Aufregung, die im Augenblick absolut erscheint, geht vorbei, ganz gleich ob in angenehmer oder unangenehmer Ausprägung. Es ist dabei ein wenig wie das momentane Wetter. Sonnige Tage wechseln mit Schneefall, wechseln mit Kälte und Wind. Menschen nerven, Menschen erfreuen, zwischen Dummheit und Kurzsichtigkeit blitzt Genialität auf. Manches gelingt, anderes nicht. Manches bleibt verfestigt, anders löst sich auf.

Durch die Statistik meines eigenen Blogs bin ich erneut auf Jansen gestoßen und die Frage danach was Bildungswissenschaft denn nun sei. Forschungsgegenstand ist der Mensch, Inhalt die Wahrnehmung und Beschreibung der Wirklichkeit und Entwicklungsaufgabe sind Konzepte und Methoden zur Unterstützung von Lern- und Entwicklungsprozessen von Menschen. Zwischen Inhalten und Konzepten und Methoden besteht dabei eine fortwährende Wechselwirkung.

Es ist wie es ist. Passender Input findet sich wenn er benötigt wird. Das Video bestätigt mich darin, dass ich mich durchaus auf dem richtigen Weg im richtigen Bereich befinde. Meine momentanen Fragen kann ich als mit Konzepten und Methoden befasst einordnen. Vor Augen habe ich dabei ganz konkrete Menschen mit ihrem möglichen Bildungsbedarf. Mal sehen ob und zu welchen Schlüssen ich kommen  werde.

Referenz: 

Standing, G. (2015). Prekariat. Die neue explosive Klasse. Münster: UNRAST-Verlag.

 

Ausbildung, Bildung, Lernen

Einem Bekannten gegenüber habe ich kürzlich geäußert, dass ich jetzt bei meinen Untersuchungen auf der untersten Ebene, der Anwendungsebene, angekommen bin. Wie soll man in Bildungskontexten mit Emotionen umgehen, was soll man über sie wissen, was soll man über sie lehren?

In Konfrontation mit einer Reportage über China, die auch Einblicke in Schul- und Arbeitssystem lieferte, wurde für mich die Frage bedeutsam wie weit man Menschen in Bildungskontexten an ihre tatsächlichen Emotionen heranführen kann. Kinder und Jugendliche, die über viele Jahre 13 Stunden am Tag mit geplantem Lernen beschäftigt sind, dabei Erwartungen von Eltern und Gesellschaft zu erfüllen haben und deren Lebensperspektive maßgeblich von einer einzigen abschließenden Prüfungszeit abhängt, sind sehr stark auf ein gutes Management ihrer Emotionen in Hinblick auf erfolgreiche Leistung angewiesen. In einem solchen System anderes zu fördern kann schädliche Konsequenzen für das Individuum haben.

Interessanterweise wurde in der Reportage von einem Vater geäußert, dass sein Sohn nach bestandenem Abitur im westlichen Bildungssystem studieren soll, da nur dieses in der Lage ist Individualität und Kreativität zu fördern, und sich durch den Erwerb dieser Fähigkeiten für seinen Sohn Wettbewerbsvorteile gegenüber anderen ergeben. Ein sehr interessantes strategisches Vorgehen! Wie der Sohn wohl auf den Wechsel reagiert?

Inzwischen bin ich dazu gekommen erst einmal drei Hauptkategorien für die Betrachtung von Emotionen in Bildungskontexten zu verwenden. Ausbildung, Lernen und Bildung. Von besonderer Bedeutung ist für mich außerdem der Faktor Ungleichheit, der in allen drei Kategorien Auswirkungen hat.

Diese Unterscheidung zu treffen hilft mir momentan beträchtlich Widersprüche in Bezug auf die Einschätzung und den Umgang mit Emotionen zu verstehen und zu ordnen. Der Auftrag von Bildung bedeutet das Individuum zu Erkenntnisfähigkeit seiner selbst, anderer Individuen sowie seiner sozialen und natürlichen Umwelt zu führen. Dafür ist es notwendig auch die Informationen zu verstehen, die aus den eigenen Emotionen und der Art des Umgangs mit ihnen gewonnen werden können. Schwierig ist das dann, wenn das Individuum Emotionen vor sich verbirgt, bestimmte Emotionen verdrängt oder betäubt, gelernt hat bestimmte Emotionen beim Auftreten sofort abzuwandeln oder aber auch, beispielsweise durch ständigen Zeitdruck, Emotionen nicht beobachten und reflektieren kann. Um aus Emotionen Informationen für Erkenntnisprozesse bewusst gewinnen zu können, ist ein gewisser Zugang zu ihrer tatsächlichen Form und Bedeutung notwendig. Neben anderem können geeignete Meditations- und Achtsamkeitstechniken dabei hilfreich sein.

Für gezieltes Lernen gelten dagegen andere Anforderungen. Es existieren ein Rahmen und ein Ziel und der emotionale Zustand des Lernenden kann dafür von ihm selbst oder von den anleitenden Personen in einer förderlichen Weise gestaltet werden. Es können emotionale Faktoren identifiziert werden, die blockierend oder fördernd wirken und die Gestaltung von Lernumgebung, Lerninhalt oder Lernmaterial können diese geplant und spontan berücksichtigen.

Für Ausbildung können wiederum andere Regeln angewendet werden, müssen es aber nicht. Ausbildung kann vom Auszubildenden erwarten, dass er Vorgaben erfüllt. Das bezieht sich auch auf die Art wie er mit Emotionen umgeht und sie präsentiert. Ausbildung muss das Individuum nicht zu Erkenntnis führen und kann von ihm erwarten, dass es von außen kommende Anforderungen erfüllt, seine eigentlichen Emotionen unterdrückt, verbirgt oder abändert, sowohl in einem deep als auch einem surface acting. Ausbildung darf das Individuum von sich selbst entfremden und zur reinen Erfüllung von Rollenverhalten und gesellschaftlicher Vorgaben hinführen. In diesem Kontext kann es von großer Bedeutung werden dem Individuum Raum für Unterbrechung und Entspannung zur Erhaltung seiner Gesundheit zu gewährleisten. Ob ein solches Vorgehen für das Gesamtwohlergehen des Individuums, die Entwicklung von Gesellschaften oder die Qualität von Arbeit tatsächlich sinnvoll und förderlich ist, stellt dabei erst einmal ein untergeordnetes Untersuchungskriterium dar.

Ungeplantes und nicht zielgerichtetes Lernen lässt sich in diesem Kontext mit Sozialisation zusammenfassen. Diese Bereiche fallen für mich nicht unter die Fragestellung wie in Bildungskontexten mit Emotionen umgegangen werden soll. Erziehung kann in diesem Zusammenhang je nach Intention Bildung oder Ausbildung zugeordnet werden, auch wenn das zuerst etwas eigenartig erscheinen mag. Einübung hat dabei grundsätzlich genauso eine Berechtigung wie die Förderung von Erkenntnisbefähigung.

Bedeutsam ist in diesem Zusammenhang Bewertungen danach was gut oder schlecht, richtig oder falsch sei erst einmal beiseite zu lassen. Ich bin vor allem mit Bewertungen konfrontiert, die darauf hinauslaufen, Bildung im beschriebenen Sinn als gut, Ausbildung als schlecht einzustufen und in denen außerdem eine emotional positive Lerngestaltung gleichgesetzt wird mit der Gesamtgestaltung von Bildung und Ausbildung. Bei der Beobachtung der Bedeutung von Emotionen in Bildungskontexten führt das bei mir aber regelmäßig zu Verwirrung, weil sich dadurch viele Erscheinungen und Praktiken in Bezug auf Emotionen nicht stimmig ordnen lassen.

Auf der Ebene der direkten Beobachtung wie Emotionen im sozialen Bereich entstehen und wirken, bleibt das EASI-Modell von Van Kleef für mich allerdings weiterhin gut anwendbar. Die Unterteilung in die Kategorien Lernen, Bildung und Ausbildung hilft dabei zuerst einmal scheinbar widersprüchliche Erscheinungen und Ansprüche zu ordnen. Probleme bereitet es mir momentan in die Kombination aus beidem Differenzerfahrungen einzubauen.

Das EASI-Modell erfasst grundsätzlich sowohl den Einfluss von Normalitätsvorstellungen des Wahrnehmenden als auch den Einfluss gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Ausbildung geschieht innerhalb gesellschaftlicher Machtverhältnisse und dominierender Vorstellungen, muss sie aber nicht hinterfragen und kann sich daran anpassen, Bildung erfordert ihre Berücksichtigung und die Untersuchung ihres Einflusses. Gezielte Lernarrangements an sich haben Wahlfreiheit. Sie können ausbilden, bilden und beides mischen. Ich denke unser momentanes Ideal umfasst durchaus eine Mischung. Wir wünschen uns sowohl gut ausgebildete als auch gebildete Menschen. In Bezug auf Emotionen bedeutet das

  • Erkenntnisbefähigung und Verstehen in Bezug auf die eigenen Emotionen und die anderer Personen (Bildungsauftrag: Achtsamkeit, Wahrnehmungslenkung, Bewusstheit, Verbindung mit Beispielen),
  • bei gleichzeitigem Wissen über Emotionsregulierung und Emotionsausdruck, die sinnvoll und zielführend sind, aber auch was ungeeignet und zu vermeiden ist (Bildungsauftrag: Methoden, Techniken, kulturelle Praktiken, Wissen über gesellschaftliche Bedingungen, Verwendung von Beispielen, kritisches Denken)
  • bei gleichzeitigem Wissen über die Einbettung von Emotionen in Kontextbedingungen (Bildungsauftrag: gesellschaftliche Bedingungen, Konstruktion von Wirklichkeit, Kommunikationsstrukturen, Befähigung zur Einnahme unterschiedlicher Perspektiven, Denken in Komplexität).

Als Kompetenzbegriffe können in diesem Zusammenhang emotionale und soziale Kompetenz benannt werden.

Die Zeiten, in denen Emotionen eine untergeordnete Rolle zugewiesen werden und in denen sie in den privaten Bereich verwiesen werden konnten, in dem sie dann in eine gesellschaftlich verträgliche, Abläufe möglichst nicht störende Form gebracht werden, sind vorbei. Es erweist sich als notwendig die permanente Anwesenheit von Emotionen in Menschen und ihren stetigen Anteil an mentalen Verarbeitungsprozessen zu berücksichtigen, um Vorgänge und Abläufe zu verstehen. Emotionen, im besonderen soziale Emotionen sind für das menschliche Individuum als sozialem Wesen von gravierender Bedeutung. Bildung geht nicht ohne Emotionen. Daher sollte ihr Mitwirken in Bildungskontexten auch jeweils genauer betrachtet und einbezogen werden.

Zu traurig zum Arbeiten

Am Morgen im Bett denke ich es ist schon Nachmittag. Die Zeit der langen Nächte ist vorbei, manches wirkt wie Frühling. Gestern Abend zauberte das Licht Herbst in die Landschaft.

Mit geht es schlecht und ich weiß, dass es vorübergehen wird. Mich nerven die Erfolgsmeldungen von befreundeten Menschen auf Facebook, das ist in einem solchen Zustand so. Sie wirken zu einseitig. Kritische Beiträge kann ich aber auch nicht ertragen, die verstärken mein Mich-schlecht-fühlen. Ich produziere gute Ideen für meine Arbeit und stelle meinen Koffer für den Mittag zusammen. Die Kinder wollen wissen wie man das denn nun macht, das Ausblasen von Eiern. Gestern hatten wir eine spontane Idee von mir umgesetzt. Unser Osterbaum ist nun am Fenster und mit bemalten Hühnereiern geschmückt.

Bei meinem laufenden MOOC hatte ich das Wochenpensum schon gestern geschafft. Seine klare Struktur, die anschließende, überschaubare Überprüfung von Wissen geben mir einen Halt.

Im Japanischen war mein Verständnis und mein Lesen der bearbeiteten Texte gut, in der Gruppe habe ich eine gute Position.

In den letzten Monaten habe ich mich nebenher durch ein Smartphonespiel gekämpft, bei dem man immer eine halbe Stunde warten muss, bis man wieder ein Herz zum Weiterspielen bekommt. Fünf Herzen sind das Maximum, das aufgeladen werden kann. Am Anfang waren die Level leicht, seit einer Weile hänge ich tagelang an einem, bis ich es dann doch ganz plötzlich schaffe. Das erste Mal, als ich einen Tag lang an einem Level hing, konnte ich mir nicht vorstellen das Spiel je zu Ende zu bringen. Ich habe aber nicht aufgegeben und bin stolz. Elf Level von 126 fehlen jetzt noch, ich bin auf der letzten schwebenden Inseln angekommen. Ich möchte es so gerne bis zu ihrer Spitze schaffen und wissen, ob sie dort einen besonderen Preis eingebaut haben.

Es liegt nicht an dem was ich im Alltag tue. Der läuft eigentlich gar nicht so schlecht. Das Problem beginnt aber bereits wenn ich nur versuche zu beschreiben was los ist. Kurz zusammengefasst ist es die Erkenntnis, dass es keine Lösung gibt. Zumindest keine nach dem Motto „alles wird gut“. Dafür sehe ich keine Chance. Ich rattere die Erfahrungen eines ganzen Lebens durch, erinnere mich und vergleiche.

„Ihr habt uns Menschenrechte versprochen und was gebt ihr uns?“, fragt in der Übersetzung der Tagesschau einer der Flüchtlinge, die momentan im Schlamm an der mazedonischen Grenze gestrandet sind. Es ist Ausdruck dafür, dass ein Betrug vermutet wird. Es ist ein Betrug, der untrennbar zu der Sache an sich gehört. Rainer Roth thematisiert in seinem Buch Slaverei als Menschenrecht die Bereiche der Aufklärung, die Begründungen dafür fanden ihre Ideale nur auf bestimmte Teile der Menschheit anwenden zu müssen. Die dunkelsten Kammern werfen das grellste Licht auf das Ausmaß der Gültigkeit einer Ideologie.

Wir sollten uns immer klar machen aus welchen Wurzeln unsere Zivilisation hervorgegangen ist und welche emotionalen Tags uns unsere Vorfahren mitgegeben haben. Und speziell in Deutschland sollten wir nie vergessen wohin das führen kann, wenn man es nur konsequent und gründlich genug betreibt.

Ich habe den Rassismus, oder welchen Namen auch immer man dafür bevorzugt, in mir und kann ihm nicht entkommen. Diese Gesellschaft trägt ihn in sich und kann sich ihm nicht entziehen. Ich und wir können ihm nur achtsam begegnen. Erinnert ziemlich an den Umgang mit Suchtstrukturen. Wir sind nicht in der Lage mit dem Bewerten aufzuhören. Für dieses Bewerten greifen wir auf Ordnungsvorstellungen zurück. Dieses Bewerten ist mit Emotionen verbunden. Unsere Emotionen spiegeln die Ordnung, die wir der Welt gegeben haben und geben.

Ich bin nicht frei zu entscheiden, dass ich nicht so vorgehen will. Ich kann bewusstere Handlungsentscheidungen treffen, ich kann besser verstehen was am Wirken ist, ich kann es aber nicht beenden. Ich kann zwar Ideale entwickeln, sie aber nicht umsetzen. Mit dem Wunsch nach Erlösung in mir bin ich gezwungen zu akzeptieren, dass ich in einem Chaos der Zerrissenheit lebe.

Mein Alltag ist eigentlich gar nicht so schlecht. Ich koche mir einen Tee weil ich durstig bin, ich ziehe meine Jacke aus, weil sich meine Wohnung bei winterlichen Temperaturen draußen langsam durch die Sonne erwärmt. In meiner Küche ist mehr als genug zu essen für viele Tage, ich bin mit Menschen verbunden, mit denen ich etwas gemeinsam tun kann und denen ich mein Inneres zeige. Ich freue mich auf meine Arbeit, ich bin froh, dass ich mein Wissen erweitern kann. Und noch so vieles mehr ist angenehm.

Doch da ist immer dieser bohrende Stachel. Tag für Tag für Tag hat sich Lernen angesammelt und dabei Bilder von der Welt geformt. Ein Haus ist viel mehr als nur eine Wohnung für Menschen, ein Hühnerei ist nicht nur das noch nicht vollständig entwickelte Kind eines Huhns. Da gibt es noch viel, viel mehr Bedeutungen und es gibt die mit den Gegenständen verbundene Emotionen. Warum wohl lasse ich Kinder Eier anmalen und einen Baum am Fenster schmücken? In meinem Kopf haben sich Vorstellungen auf Grund von Vorerfahrungen gebildet. Mit Emotionen bewerte ich Durchführbarkeit und mein Interesse daran. Aus Vorerfahrungen heraus frage ich meine Kollegin und die Kinder zu ihrer Beurteilung bevor ich überhaupt beginne. Ich beobachte Zustimmung und Problematiken anhand von Verhaltensweisen, Äußerungen und gezeigten Emotionen. Und aufgrund dieser Vorerfahrungen entwickele ich die Aktivität weiter.

Diese spezielle Aktivität ist harmlos. (Zumindest wenn man nicht mit einer bestimmten Sorte von Christen zu tun hat.) Allerdings ist die Anzahl der ausgeblasenen Eier begrenzt. „Warum bekomme immer ich nichts ab?“ Könnte passieren. Ungleichheit, vermutete Ungerechtigkeit, Ressourcenengpass, Frustration über das eigene misslungene oder zerbrochene Ei, Neid, Aggression, versuchte Erziehungs-und Ausgleichsmaßnahmen. „Du bist zu K. immer viel netter als zu uns.“

Wo stehe ich in der Gesellschaft? Was hat sie für mich zu bieten? Was kann ich anstreben? Womit muss ich mich zufrieden geben? Strukturen und Zuordnungen. Unterschiede im Wert. Manchmal deterministisch, dann wieder, auch durch Veränderungsprozesse, durcheinandergewürfelt. Sie gehen alle dort hindurch, die Kinder.

Bei einer Fortbildung der Lebenshilfe befragt der Dozent zwei anwesende Frauen mit Down-Syndrom. „Ja.“, sagte die eine. „Ich bin oft traurig über meinen Zustand. Ich würde so viele Dinge gerne tun und kann es nicht.“ Sie ist stolz darauf, dass sie in der Lage ist allein zu leben und verteidigt ihre gewonnene Eigenständigkeit heftig.

Ich kann heute nicht weiterarbeiten. Ich bin zu traurig. Mich betrübt wie viele Menschen einer Partei wie der AfD die Stimme gegeben haben, die Menschen in engere Grenzen hineinpacken will als momentan bestehen. Mich betrübt, dass Menschen aus einer Region fliehen müssen, in der eine Gruppe ein Ordnungssystem aufstellt, durch das sie Menschen als zu töten oder zu versklaven einstufen kann. Mich betrübt wie Ordnungen des Arbeitsmarkts Menschen in Angst versetzen. Mich betrübt, dass zu oft nicht das Wohl von Menschen und Lebewesen im Mittelpunkt gesellschaftlicher Bemühungen steht.

Bei leichtem Sonnenschein ist es ein Tag der Trauer. Das Projekt Christentum wollte die Probleme der Menschheit lösen, hat Lösungsvorschläge gemacht, aber nicht auf die Strukturen der Gesellschaft abgezielt, sondern seine Heilsvorstellung auf ein fiktives Jenseits verlagert. Das Projekt Aufklärung wollte die Probleme der Menschheit durch ein Zeitalter der Vernunft lösen und hat dabei in die Schrecken der französischen Revolution und eine Neuordnung Europas hineingeführt. Die Nazis wollten die Welt durch die Schaffung einer Herrenrasse und die Beseitigung aller „Schädlinge“ retten und haben dabei Zerstörung und Unmenschlichkeit verbreitet.

Es ist ein Tag der Trauer über das was sich nicht verändert hat. Über das Lernen, das nicht stattgefunden hat. Es gibt anderes wo man hinschauen kann, ja. Aber im Moment ist diese Seite stark.

Emotionen und der Geist der Aufklärung

Ich liege auf meinem Sofa und heile. Eine warme Decke schützt mich gegen die winterliche Kälte. Ich mag gar nicht aufstehen. Wegen der Kälte draußen nicht, aber auch weil sich das Heilen so gut anfühlt. Durch den Frost werden am Fenster Spinnwebgirlanden sichtbar. Zarte zerbrechliche Gebilde, die ich sonst nicht bemerke. Ich mag den Winter in meiner Heimat. Die tiefstehende Sonne, die Helligkeit des Schnees, die langen dunklen Nächte, in denen es sich gut denken lässt. Am Tag weiß überkrustete Bäume und dazwischen zarter Rauch, der sich aus den Schornsteinen der Häuser schlängelt.

Langsam fügt sich mehr und mehr zusammen. Wie das mit der Bildung ist und wie mit den Emotionen. Ein Satz vom Beginn des Studiums taucht wieder in meinem Kopf auf.

“Bildung kann in eigener gedanklicher Anstrengung Sozialisation und gesellschaftliche Einflüsse durchschauen, um ihrer Dominanz nicht dauerhaft und widerstandslos ausgesetzt zu sein.”

Ich bin mir immer noch nicht sicher von wem der Satz stammt. Zu Beginn meines Studiums habe ich noch Sätze festgehalten, ohne sie mit den Autoren zu verbinden. Ich meine aber, es sei Andreas Dörpinghaus gewesen. Bei der Recherche nach Literatur von ihm stoße ich auf etwas, das ich gebrauchen kann.

„Für von Humboldt besteht die Bildung des Menschen darin, alle seine individuell verschiedenen Kräfte, Verstand und Vernunft, moralisches Handeln, Emotionen[!], künstlerische Gestaltungen und Phantasie so zu fördern, dass kein Vermögen ein anderes behindert oder gar unterdrückt.“ (Dörpinghaus, 2009, S.4)

Das ist neben Emotionen und Bildung der dritte Bestandteil für meine Auseinandersetzung. Die Ansprüche der Aufklärung und ihre Umsetzung.

Gestern hatte ich einen jetzt gut passenden Comic zu der Problematik gefunden. „But technology alone is not enough. We must engage with our hearts also.“ (Goodall, 2016) Der Begriff Herz ist dabei als Gefühle und Emotionen und deren Auswirkungen und Verbindungen zu anderen Teilen des menschlichen Innenlebens zu verstehen. Gefühle und Emotionen als Motivatoren für Lernen und Forschen.

Ich weiß nicht wer auf die Idee gekommen ist, dass Verstand und Emotionen nicht gut zusammenpassen oder dass Emotionen dem Verstand untergeordnet sein sollten. Ich weiß noch nicht einmal auf welchem Weg solche Gedanken zu mir gekommen sind, um ein Gegenstand der Auseinandersetzung zu werden. In der Schule ist es meinen Lehrern gelungen meine Kritik- und Reflexionsfähigkeit zu fördern. Ich weiß nach sehr vielen Jahren auch noch genau welche Personen sich dabei hervorgetan haben. In Bezug auf das Verstehen von Emotionen habe ich aber viel zu wenig gelernt und es ist mir noch nicht einmal aufgefallen.

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“ (Kant, 1784)

Dieser vielzitierte Satz wird als so etwas wie eine Grundaussage der Aufklärung verstanden.

„Der Mensch wird eben nicht gebildet, sondern er bildet sich, und zwar ausschließlich in der reflexiven Auseinandersetzung mit sich, der Welt und in der Diskussion mit anderen Menschen und Kulturen.“(Dörpinghaus, 2009, S.5)

Da steht nichts von Emotionskontrolle, Emotionsmanagement oder von einer untergeordneten Position der Emotionen. Da steht eine klare Aufforderung sich mit allem zu beschäftigen, allem auf den Grund zu gehen. Und das schließt Emotionen mit ein. Emotionen können Reflexions- und Untersuchungsgegenstand sein, so wie das auch das Denken sein kann.

Was ist überhaupt dieser Verstand? Das ist nicht die Gesamtheit des Denkens, sondern der Versuch etwas zu verstehen und zu begreifen, es nachvollziehbar zu machen, zu fragen und Antworten zu suchen, abzuwägen. Dies ist das Bildungsideal der Aufklärung und die Wurzel der modernen Wissenschaft. In der Zeit des Nationalsozialismus sollte geglaubt, gedacht und gefühlt, aber nicht reflektiert werden. Kein Nachdenken, bitte, denn alles ist bereits erklärt und die Welt wurde bereits für die nächsten 1000 Jahre geordnet.

„Der Verstand ist in der Philosophie das Vermögen, Begriffe zu bilden und diese zu Urteilen zu verbinden.“ (Wikipedia)

Verstand kann als eine Arbeitsmethode verstanden werden. Eine Arbeitsmethode, die auf Input angewiesen ist und auch eine Vielfalt an Input verarbeiten kann. Darunter Gedanken, aber auch Emotionen und Gefühle.

Ich vermute inzwischen, die Probleme, die ich im Zusammenhang mit  Einschätzungen von Emotionen sehe, sind ein Produkt des Denkens in Hierarchien. Eine Sache erhält eine hohe Bedeutung. So formuliert ist die Hierarchie schon enthalten. Hoch bedeutet oben, nicht so hoch ist dann unterhalb. Oben werden in der Gesellschaft die Wichtigen eingestuft. Unten sind die unwichtigen. Häh?

Erst einmal habe ich nie verstanden warum Müllmänner und Raumpflegerinnen unwichtig sein sollen. Wenn ihre Arbeit nicht gemacht wird, macht sich das sehr schnell bemerkbar. Nun will ich Emotionen nicht gerade mit Müllmännern und Raumpflegerinnen an sich vergleichen, es geht nur darum wie Denken gelenkt wird. Ist der Verstand am wichtigsten, dann steht er oben und alles andere steht dann darunter. Und weil es darunter steht ist es auch von geringerer Bedeutung. Ist anders herum natürlich genauso möglich. Man kann auch Emotionen hypen und den Verstand gering achten. Für das was Emotionen oder Verstand an sich sind, hat es allerdings keine Bedeutung. Allerdings darauf wie mit ihnen verfahren, also umgegangen wird.

Ich habe in einem Gedankenspiel kürzlich eine solche Hierarchie mal um 90° gekippt. Das Ergebnis ist verblüffend. Plötzlich stehen die Erscheinungen gleichberechtigt nebeneinander und können dadurch in eine neue Beziehung zueinander treten. Außerdem müssen sie sich selbst in ihrer Funktion und Bedeutung viel stärker auf sich selbst bezogen erklären.

Denken in Hierarchien kann die Vorstellungen vom Wert einer Sache lenken. Ich kann mir vorstellen, das ist in Bezug auf die Einstufung des Wertes von Emotionen geschehen, als der Verstand zum Mittel der Weltbegegnung mit der größten Bedeutung erklärt wurde. Und was einen geringen Wert hat, ist auch von geringerem Interesse.

„Die Beschäftigung mit Kunst, Literatur und Musik, Sprache, Religion, Wissenschaft, Recht, Ökonomie und Geschichte, Natur und Technik ist immer die Beschäftigung des Menschen mit sich selbst, seinem Denken, seinen Gefühlen und den Formen ihres Ausdrucks.“ (Dörpinghaus, 2009, S.12)

Die Beschäftigung mit den Gefühlen bedeutet für mich zuerst ihr Erkennen und Verstehen. Danach folgt erst wie mit ihnen sinnvoll für das Individuum und die Gesellschaft umgegangen werden soll. Der mündige Mensch ist zudem aufgefordert zu hinterfragen, was er über Emotionen und den Umgang mit ihnen im Verlauf seiner Sozialisation und Erziehung gelernt hat. Das Kind ist Einflüssen in weiten Teilen ausgeliefert, ist auf den Erwachsenen als Einführenden angewiesen, der mündige Mensch kann seinen Verstand einsetzen, um Einflussfaktoren, Zusammenhänge und Wirkungen zu erkennen. Und dann stellt sich möglicherweise heraus, dass Emotionen eine ganz andere Bedeutung zukommt und sie eine ganz andere Behandlung erfordern als es die Einflüsse und Annahmen von vielen Jahren nahe gelegt haben.

Referenzen:

Dörpinghaus, A. (2009). Bildung. Plädoyer wider die Verdummung. Forschung & Lehre Supplement, 9/2009. Verfügbar unter: https://www.uni-marburg.de/fb21/aktuelles/news/studiumgenerale/11.04.12.pdf zuletzt abgerufen am 23.1.2016

Goodall, J. & Zenpencil (2016). The Power of One. Verfügbar unter: http://zenpencils.com/comic/goodall/ zuletzt abgerufen am 23.1.2016

Kant, I. (1784). Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? Verfügbar unter: http://gutenberg.spiegel.de/buch/beantwortung-der-frage-was-ist-aufklarung-3505/1 zuletzt abgerufen am 23.1.2016

Organisationsstruktur offener Ganztagsschulen

In einer Veranstaltung ihrer aktuell laufenden Vorlesungsreihe zur Informationspädagogik, an anderen Orten als Medienpädagogik bezeichnet, weist Grell darauf hin, dass es sinnvoll ist einerseits auf das zu achten was sich tatsächlich ändert, andererseits darauf zu achten was sich in den ganzen Änderungen eben nicht ändert. Sie bezieht es auf die Nutzung der momentan noch neuen Medien, das Prinzip ist aber generell für Veränderungsprozesse anwendbar.

Da ich seit Jahren mit den Veränderungsprozessen in der Organisation von Schulen konfrontiert bin, die für mich viele Fragen aufgeworfen haben, liegt es nahe diesen Gedankengang darauf anzuwenden. Dabei fällt auf, dass sich bei der Form offener Ganztagsschulen gerade bei Grundschulen eigentlich sehr wenig an der traditionellen Organisationsform von Schule ändert.

Die offene Form ermöglicht es weiterhin, dass Kinder im Verlauf des Vormittags bzw. am Mittag nach dem Unterrichtsende die Schule verlassen. Das erweiterte Programm verlagert dabei die Aufgaben, die vorher allein bei den Familien lagen, für diejenigen die nicht sofort nach Unterrichtsende nach Hause gehen, in die Schule. Das umfasst Essen, Hausaufgaben oder ähnliche Formen des Übens, Betreuung, Freizeitangebote und möglicherweise Vereinsangebote oder Interessensgruppen, die vorher vielleicht sogar an anderen Orten stattgefunden haben.

Offene Ganztagsschulen bedeuten einen beträchtlichen Mehraufwand für Organisation, Finanzierung und Zeitabdeckung, so dass sich für die darin Arbeitenden bedeutende Änderungen ergeben. Dabei kann aus dem Blick geraten, dass sich die eigentliche Struktur nicht ändert. Schule kann in offenen Ganztagsschulen noch in genau der gleichen Form stattfinden wie zuvor, und Vormittags- und Nachmittagsangebot müssen nicht aufeinander abgestimmt sein. Das Nachmittagsangebot kann auch von gänzlich anderen Personenkreisen durchgeführt werden wie das Vormittagsangebot.

Ich will an dieser Stelle nicht auf damit verbundene Problematiken oder verpasste Chancen eingehen. Ich finde es nur ausgesprochen bemerkenswert festzustellen, dass sich innerhalb gravierender Veränderungen letztlich kaum etwas ändern muss. Aus einer zeitlichen Erweiterung allein entsteht keine andere  Form der Schule.

Diese Erkenntnis scheint simpel und ist für mich nichts wirklich Neues, bedeutsam für eine bessere Einschätzung und Beurteilung ist allerdings nicht die Veränderungen zu betrachten, sondern die Nicht-Veränderung. Offener Ganztag kann bedeuten, dass Schule zwar auf neue gesellschaftliche Anforderungen reagiert, dabei aber letztlich ihre traditionelle Form aufrecht erhält, auch wenn das auf den ersten Blick nicht so scheinen mag. Wichtig ist für mich dabei, dass ich letztlich nichts anderes vorfinde als zuvor, auch wenn es auf den ersten Blick wie etwas Neues erscheinen mag.

In dem Kontext interessant auch ein Beitrag von gestern zu dem regelmäßig auftretenden Thema der Sinnhaftigkeit von Hausaufgaben, gerade eben aus meinen Feeds gefischt.

Was für ein wunderbares Beharrungsvermögen oder nach Niklas Luhmann formuliert, was für ein wundersames autopoietisch-selbstreferentielles System. Oder noch anders: welche Macht Normalitätsvorstellungen doch haben.

Emotionen, Lernen, Bildung und Veränderungsprozesse – narrativ

Manchmal scheint von einem Tag auf den anderen Wesentliches anders, weil sich etwas an den Empfindungen geändert hat, die im Körper wahrnehmbar sind.

Das ist ein sehr einfach wirkender Satz, den ich aus der ersten Version aber mehrmals angepasst an mein momentanes Interessengebiet, die Emotionen, umgeschrieben habe, damit ich dem besser auf die Spur kommen kann, was momentan mit mir los ist, denn alles scheint plötzlich anders als in vielen Wochen zuvor. Sprache ist ein bedeutendes Hilfsmittel des Denkens, Sprache ist aber auch überwuchert von Gewohnheiten, gerade wenn es um den Bereich geht, den ich jetzt in dem Begriff Emotionen zusammenfasse. Schnell schreibt sich etwas, das auf unreflektierten Traditionen beruht. Reflexion muss aber manchmal die Sprachbenutzung ändern, so dass die wahrgenommene Wirklichkeit in anderen Aspekten präsentiert werden kann, die dem Denken neue Möglichkeiten eröffnet. Auf diesem Weg kann sich der Sprachgebrauch über die Zeit verändern. Die beschriebene Methode ist dabei eine der Möglichkeiten wie ich das Bloggen für meine Erkenntnisprozesse nutze.

Das erste Mal seit langer Zeit kann ich mich an einen Traum erinnern. Bildung ist keine Therapie, das ist wichtig im Auge zu behalten. Ich muss keinen verborgenen Bedeutungen nachspüren, es reicht wenn ich der Geschichte lausche, die mir der Traum über das erzählt, das mich beschäftigt, und mir dabei hilft, die Bedeutungen in meinem Leben zu erkennen. Bildung hat überhaupt sehr viel mit dem Erzählen guter Geschichten zu tun. Der Traum erzählt mir von der Zufriedenheit mit dem was ich in der Erziehung meines Sohnes geleistet habe. Im Traum treffe ich eine junge Mutter mit einem frisch geborenen Kind, das als Nabelschnur eine grüne Tomatenranke hat. Ich bekomme das Kind in die Hände gelegt – und das Kind hat keine Bedeutung für mich. Die junge Mutter sagt zu mir, dass sie jetzt weiß, dass ich alles gut gemacht habe. Ich kann abschließen. Es liegt hinter mir.

Das alles geschieht in einer Traumversion von Schule, eine Einrichtung, die mir viel Stoff für Auseinandersetzungen geliefert hat. Im Traum war es ein enger, in meinen Augen chaotischer, improvisierter Platz, der aber irgendwie zu funktionieren schien. Ich war hier eine Beobachterin, die entspannt in der Ecke sitzen konnte und die niemand beachtete. Im Traum war ich überzeugt, dass die Organisation mit Absicht so erfolgte und dass es nicht meine Angelegenheit sei daran etwas zu ändern. Daher brauchte ich mir darüber keine Gedanken mehr zu machen und konnte mich auch davon befreien. Ein wenig kam ich am Ende des Traumes noch in Panik, da ich den Eindruck hatte, ich wäre an diesem Ort zu lange geblieben, um noch rechtzeitig zu meiner eigentlichen Arbeit zu kommen, doch ich hatte nur die Uhr falsch abgelesen, ich war nicht zu spät, half mir die junge Mutter weiter.

Ich kann die Anteile meines Lebens identifizieren, die den Traum inspiriert haben. Der Traum hat sie zu einem Ergebnis zusammengefügt, das mich sehr entspannt, aber auch in großer Offenheit zurückgelassen hat. Strahlender Sonnenschein am Morgen, eine leichte weiße Schneedecke und ein Körpergefühl, als sei ich eine ganz junge Frau, sind weitere Einflüsse.

Gestern bin ich außerdem überraschend schnell mit dem Rest der Bücher aus der UniBib fertig geworden. Das Buch von Wiltrud Gieseke wurde nach den ersten 100 Seiten zu speziell für mein momentanes Interesse und der Reader zu Schule und Emotionen von 2004 entpuppte sich weitgehend als Material, das viel zu alt ist, dass ich es noch nützlich verwenden könnte. Nach kurzem Überfliegen der interessantesten Beiträge war ich überraschend schnell mit dem Lesen des ausgeliehenen Materials am Ende. Es folgte ein Webinar zu Citavi, das aus dem Bereich WiWi der FernUni angeboten wurde, bei dem meine Konzentration aber irgendwann wegtriftete. Statt einer reinen Vorführung wie Citavi funktioniert und was man damit machen kann, hätte ich mir einen Bereich gewünscht, in dem persönliche Erfahrungen mit der Arbeit damit zur Sprache kommen. Noch während des Webinars entdeckte ich daher eine online verfügbare aktuelle soziologische Zeitschrift zum Thema Emotionen.

Motivation ändert sich weil Erfahrungen gemacht wurden. Zu Beginn meines Studiums war ich ganz wild auf Webinare und andere Onlineveranstaltungen. Eine Zeit lang waren MOOCs für mich der Gipfel des Möglichen, doch irgendwann ist der Reiz des Neuen fort und es bleibt die Frage nach dem was tatsächlich nützlich ist.

Am Abend habe ich die Hälfte des Soziologiemagazins entspannt liegend auf meinem Tablet gelesen, und als meine Konzentration nachgelassen hat noch ein wenig gespielt. Ganz zum Schluss habe ich eine App zum Lernen von Japanisch hervorgekramt, die ich gefühlt vor Jahren heruntergeladen hatte ohne sie je zu benutzen. Damit lässt sich eine ganze Menge selbsttätig üben, wenn man motiviert ist und sich selbst dazu disziplinieren kann.

Warum ich das jetzt alles aufzähle? Weil Lernen Dinge verändert. Auch das Lernen selbst. Lernen, Bildung und Emotionen stehen in einem sehr engen Zusammenhang. Wie? Nun zumindest sind alle drei schon einmal Prozesse, die lebensbegleitend sind. Und als Prozesse beinhalten sie Veränderungen. Und so kann es passieren, dass ich morgens aufwachen und mich mit einer neuen emotionalen Situation konfrontiert sehe, die keine Motivation mehr liefert Altes fortzusetzen. Und ich muss einen neuen Plan machen. Schließlich bin ich eine selbstbestimmte Lernerin und benötige emotionale Unterstützung für eine ausreichende Motivation zum Lernen. Also frage ich meine Emotionen was sie zu unterstützen bereit sind. Denn ohne sie geht gar nichts.

Ist eigentlich ganz einfach mit den Emotionen. Sie geben schon ziemlich den Ton an beim selbstbestimmten Lernen. Da lässt sich nichts machen, da lässt sich nur mit umgehen.

Projekt vs. Prozess

Momentan habe ich Bedarf für einen sehr langen Blogeintrag und intensive Recherche, muss aber versuchen mich kurz zu fassen, da der Abgabetermin für die Hausarbeit in Modul 3B näher rückt und ich noch einiges zu tun habe. Im Augenblick denke ich, mein Problem ist der Unterschied zwischen Projekt und Prozess. Ich gestalte überhaupt keine Projekte, sondern ich gestalte Entwicklungsprozesse. Der Hauptunterschied ist, dass ein Projekt weiß wo es hin will, es hat ein am besten zuvor klar definiertes Ziel. Ein Prozess weiß aber noch nicht genau was am Ende sein wird, weiß nicht genau wo seine Wege entlang führen und muss das auch gar nicht wissen.

Ich versuche nun die ganze Zeit aus meinem Prozess (das Praktikum, das ich in der Hausarbeit bearbeite) ein Projekt zu machen, weil die von außen kommenden Anforderungen mich in diese Richtung drängen. Der Begriff Projekt korreliert stark mit Begriffen wie Effizienz und Effektivität, legt straffe Planung, geordnete und systematisierte Durchführung, sowie Reliabilität und Validität der Überprüfung nahe. Ich habe nichts dagegen. Das ist im passenden Kontext wichtig, aber Prozesse sind einfach etwas anderes.

Hier sehe ich auch das Problem, das ich mit 3B im Zusammenhang mit dem Bildungsbegriff habe. Bildung ist für mich kein Projekt, sondern ein Prozess.

Kürzlich habe ich ein Buch gelesen, im dem ein Studium als Projekt gemanagt wird. Kann man so machen. Es ist mit Sicherheit hilfreich, um ohne Zeitverlust das Ziel, den Abschluss, effektiv und effizient zu erreichen. Aber… für mich ist auch ein Studium ein Entwicklungsprozess. Sogar meine reflektierende Hausarbeit ist es. Momentan würde ich sie am liebsten fallen lassen und noch einmal neu aufsetzen, da meine Entwicklungsprozesse mich während des Schreibens eben woanders hingeführt haben als geplant. Werde ich nicht machen, ich werde jetzt versuchen das Beste aus der Situation zu machen, da ich immer noch vorhabe das Planungsziel zu erreichen. Aber nur deshalb, weil ich keine Möglichkeit für eine Terminverlängerung habe und der nächste Abgabetermin erst in einem halben Jahr ist. Und ich habe keine Ahnung wo ich mich dann geistig befinde. Und ich habe auch keine Ahnung was das Lehrgebiet im nächsten Semester aus dem Modul machen wird. Daher werde ich jetzt Kompromisse eingehen.

Ich werde auf diese Art und Weise nie mit etwas wirklich fertig, finde das aber nicht schlimm. ma ma (まま) ist der japanische Ausdruck dafür. Es ist wie es ist. Ich bin auf einer andauernden Reise.

Ich denke, auf dieser Basis kann ich mir jetzt vieles erklären, was ich an diesem Modul und diesem Lehrgebiet nicht begreife. Jetzt wird mir die inhaltliche Ausrichtung klar, die Art der Problemlösung im Modul selbst, das Bemühen Normalität einkehren zu lassen statt Entwicklungschancen unmittelbar aufzunehmen und weiter zu verfolgen. Bestimmte Geringbewertungen von inhaltlichen Aspekten und Ausdrucksformen von Menschen werden für mich ebenfalls verständlich. Verständlich wird für mich nun auch warum Nachdenken, Reflexion, Emotionen, Motivation, Kreativität oder Holistik für mich so bedeutungsvoll sind. Entwicklungsprozesse arbeiten damit. Und es wird klar, warum ich in der letzten Zeit zunehmend den Eindruck habe doppelt arbeiten zu müssen. Ich habe den Maßstäben des Lehrgebiets gerecht zu werden. Ich habe meinen eigenen Maßstäben gerecht zu werden. Und kann beides nur nebeneinander, kaum miteinander tun.

Ich kann durch diese Überlegungen jetzt eine andere Perspektive einnehmen. Das ist durchaus einer der KlackerKlackerMomente. Ich habe jetzt auch einen Hinweis wonach ich zu suchen habe, wenn ich lesen will, was andere zu dieser Thematik geschrieben haben. Wie bereits geschrieben, habe ich jetzt nicht sehr viel Zeit, auch nicht für eine unmittelbare Recherche wie es sonst eher meine Gewohnheit ist. Ich weiß aber aus meinem Studium schon jetzt, dass meine Überlegungen mit grundlegenden Problemen im Bereich der Bildung in Verbindung stehen. In meinem Kopf ist auch die Frage danach entstanden, wie man eigentlich Bildungsmomente gestalten kann. Ob man das überhaupt kann?

Inzwischen ist mein Selbstbewusstsein wieder gestiegen und mein Kopf klarer geworden, da ich besser begreife wo ich selbst einzuordnen bin. Das wirkt sich wiederum positiv auf meine Handlungsfähigkeit aus. Ich greife jetzt auch verstärkt auf alte Gepflogenheiten in Bezug auf meine zu betreuenden Kinder zurück. Ohne dabei grundlegende Änderungen vorzunehmen, versuche ich einfach effizienter zu sein.

Und ich denke, es ist sinnvoll mir genauer Gedanken darüber zu machen, wie ich eigentlich arbeite, was dabei für mich wichtig ist, durch welche Kompetenzen ich mich eigentlich auszeichne. Und was für mich nützlich ist. Welche Tools jemandem wie mir helfen. Das zu entwickeln, daran sollte ich arbeiten. Und ganz genau das sollte ich als wichtig betrachten.