Bildungsmäuschen

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Positionsbestimmung

Es hat ziemlich lange gedauert bis mir klar wurde, dass die für mich unverständlich geringe explizite Berücksichtigung von Emotionen in Bezug auf Bildung, mit der ich mich in meinem BiWi-Studium konfrontiert gesehen habe, auch im Zusammenhang mit der spezifischen Ausrichtung der FernUni Hagen steht. Der Zusammenhang von Emotionen und Bildung scheint hier im Studiengang BiWi keine gesondert zu behandelnde Rolle zu spielen.

In geringem Umfang bin ich bei der FernUni dagegen im Bereich der pädagogischen Ausrichtung der Psychologie fündig geworden. Ohne im Studiengang Psychologie eingeschrieben zu sein, habe ich zu den entsprechenden Kursen jedoch keinen Zugang. Alternativ habe ich mich jetzt entschlossen im nächsten Semester das für BiWis zugängliche Modul Entwicklungspsychologie noch zusätzlich zu belegen. In der Vergangenheit mussten von BiWis sowohl Module in Sozial- als auch Entwicklungspsychologie abgeschlossen werden, inzwischen ist die Wahl zwischen beiden vorgeschrieben, das andere braucht dann nicht belegt zu werden. Ein Studium an einer anderen Uni, an der der Bereich Emotionen und Bildung besser abgedeckt ist, kommt für mich allerdings weiterhin nicht in Frage.

Inzwischen ist es fast zwei Jahre her, dass ich mein letztes für einen offiziellen Abschluss relevantes Modul abgeschlossen hatte. Danach folgte ein gutes Jahr intensives Lesen zu Emotionen einschließlich einer Präsenzveranstaltung im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus. Im Sommer des letzten Jahres brachen dann alle Recherchen ab. Ich war überfüllt und von Komplexität überrannt. Zuletzt stand ich unter dem Eindruck mir auch noch umfangreichere Kenntnisse in Wirtschaftswissenschaft zulegen zu müssen, um die komplexen Wirkungen von Emotionen in Bildungskontexten umfangreicher erfassen zu können.

Als ich das Lesen weitgehend einstellte, reduzierte ich allerdings nur den neu hinzukommenden Input. Nachdenken, reflektieren, beobachten und analysieren gingen durchaus weiter, auch wenn innere Schutzmechanismen dafür sorgten, dass ich viel Zeit für Maßnahmen der Ablenkung und Schaffung von Distanz verwendete. Im Hintergrund gingen zusätzlich Umbauarbeiten vor sich.

Ursprünglich wollte ich aktuell meinen Vollzeitstatus als Studierende auf einen Teilzeitstatus verringern, da ich scheinbar kaum noch Zeit für das Studium verwende. Ich habe es dann überraschend für mich nicht getan und gemerkt, dass ich mich eigentlich weiterhin kontinuierlich mit Bildungsfragen beschäftigt fühle. Genaugenommen sind es sogar eher Rätsel als reine Fragen, die mich umtreiben. Die Beschäftigung erfolgt aber nicht vor allem durch Lesen und Schreiben, was sich für mich leicht als studieren einstufen lässt. Beobachten, reflektieren und gedanklich eine neue Ordnung erstellen fühlen sich nicht wie studieren an. Inzwischen bin ich aber geneigt sie als wichtigen Bestandteil anzuerkennen. Genauso wie Zeiten in denen man Abstand nimmt und dabei Komplexität reduziert. Das was rein geht muss nicht nur verarbeitet, sondern auch überprüft und in Verbindungen gebracht werden.

BiWi ist ein interdisziplinäres Studium. Das ist logisch, aber auch fies. Interdisziplinär bedeutet in einer Welt des stetigen Wachstums an Informationen auch Entgrenzung. Und Entgrenzung kann ins Uferlose führen. Ich gerate immer wieder an Klippen der völligen Überforderung. Und dann stehe ich da in einer Grenzenlosigkeit mit den angemessen unangenehmen Emotionen und stelle dabei weiterhin auch noch die Frage danach welche Rolle diese Erscheinungen in Bildungsprozessen nun grundsätzlich spielen. Ein für mich kaum zu bewältigendes Unterfangen.

Inzwischen kann ich meine kleinen Fluchten gut verstehen und nachsichtiger mit mir umgehen. Glücklicherweise hat mir die Beschäftigung mit den Emotionen inzwischen auch geholfen sinnvollere und bewusstere Strategien im Umgang mit ihnen zu entwickeln als ich vorher hatte und weiterhin daran zu arbeiten.

Parallel dazu stelle ich eine wachsende Befähigung für sachliche Analysen fest. Zwar hakt sich immer wieder mein Hang zu Aufgebrachtheit dazwischen, also zur Verstärkung von Erregungszuständen, die mit Emotionen verbunden sind, sowie die Erfahrung einer ganzen Reihe unangenehmer Emotionen, die angesichts von zu hoher Komplexität, Widersprüchlichkeit, aber auch in Bedrohungssituationen entstehen. Dazu kommt die Auswirkungen von Empathie, die fremdes Leid dem eigenen beifügt und dadurch zwar Leid verteilt, die Wahrnehmung seiner Existenz aber gleichzeitig verstärkt.

Nach wie vor bleibt es schwierig zu einem abschließenden Ergebnis zur Bedeutung von Emotionen in Bildungsprozessen und damit verbunden Strategien für den Umgang mit ihnen und ihre Einbeziehung zu kommen. Leider kann ich es bisher nicht aufgeben ein abschließendes Ergebnis zu wünschen, auch wenn ich inzwischen logische Erläuterungen dazu kenne, dass genau dies niemals möglich sein wird.

Zwischenzeitlich war ich gelegentlich geneigt mich mit für mich Unzureichendem zufrieden zu geben, nur um endlich, endlich dieses Thema loslassen zu können. Den letzten Schritt in diese Richtung habe ich aber nie getan.

Wie die weitere Entwicklung aussehen wird, ist momentan für mich nicht möglich einzuschätzen und ich vermute, auch dieser Blogeintrag wird nur ein weiteres Einzelstück bleiben, kein Aufbruch in eine abschließende Klärung oder auch nur der Start zu neuen Blogeinträgen in Bezug auf Emotionen und Bildung.

 

Unsicherheit und Orientierungslosigkeit

Es wurde dann doch kein Neustart. Der Rechner blieb weiterhin aus und nervt jetzt mit Updates und der Anwesenheit unerledigter Dingen, von denen ich mich umzingelt fühle. Wenigstens meldet das System keine Probleme erkannt zu haben und ausreichend sicher zu sein. Einen gewünschten Neustart verschiebe ich erst einmal, um meinen Elan zum Schreiben nicht zu beeinträchtigen. Die Tastatur klappert ungewohnt und ich erinnere mich aufpassen zu müssen, weil ein ä hier nicht über das a erreichbar ist. Das Smartphone wurde mein täglicher Begleiter, so wie auch Pokémon Go. Beides faszinierende Erfindungen, doch beides Bremsen beim Schreiben eines Blogs wie des meinen. (Die Tageszeit, die ich vorher für den Blog verwendet habe, habe ich die letzten drei Monate mit PoGo spielen verbracht.)

Der Sommer ist endgültig vorbei und das mit voller Härte. Meinen dicksten Winterpulli habe ich für das Sitzen am Rechner hervorgekramt, um gegen das dauerhafte deprimierende Empfinden von Nässe, Kälte und Dunkelheit anzugehen. In der lokalen Arena bin ich seit zwei Tagen durchgehend Arenaleiterin und nach 21 Stunden, wenn Münzen für besetzte Arenen eingefordert werden können, waren es heute Nacht erneut 4 Arenen, in denen sich noch Pokémon von mir aufhielten. Kein Grund in die Nacht oder den frühen Morgen hinauszugehen und dort die während der Ruhephase der Nacht kumulierten Gedanken mit mir selbst auszudiskutieren.

Das erste Mal seit langem habe ich auch mit jemandem sprechen könne, der im Stande ist meinen Gedankengängen und Problematiken zu folgen. Neben Wetter und PoGo-Situation jetzt ein wichtiger Motivator zum Schreiben. Es ist nur ein einziger Mensch notwendig, für den die eigenen Gedanken von Bedeutung sind, um einen Anlass zum Aufschreiben zu liefern. In meiner Kleinstadt bin ich in der letzten Zeit sehr in die Einsamkeit in Bezug auf weitergehende Bildungsthemen geraten, die FernUni ist in den letzten Monaten sehr, sehr fern, da ich von mir aus nicht aktiv wurde, und von meinen Netzkontakte kommt in der letzten Zeit wenig, das mich zu Äußerungen anregt. Ich bin draußen.

Es war ein langer Sommer, der mich verändert hat. Ich bin in meinen Gedankengängen sehr weit gegangen und sehe mich mit bisher unlösbaren Problematiken konfrontiert. Zuletzt bin ich auf Gemeinsamkeiten des Konstruktivismus mit hinduistisch-buddistischen Vorstellungen von der Welt als Illusion gestoßen. Wir sind nicht in der Lage die Wirklichkeit so wahrzunehmen wie sie ist. Wir sehen sie durch einen Schleier von Vorstellungen und Interpretationen. In Bezug auf Emotionen ist das nicht anders. Auch unsere Emotionen beziehen sich auf Mutmaßungen vom Zustand der Welt. Es kann daher als müßig eingeschätzt werden über richtig und falsch zu streiten und dabei auch noch heftige Erregungszustände zuzulassen.

So, jetzt nervt mich der Rechner damit, dass er meint neu starten zu müssen und lässt sich davon nicht abbringen. Daher erst einmal Pause.

Gruselige, häufige Neustarts kennt mein Smartphone nicht. Es drängt sich auch weniger in den Vordergrund, eröffnet dabei weniger Optionen und vereinnahmt mich weniger. Am Rechner verbringe ich mehr Zeit an einem Stück, das Smartphone wird außer bei PoGo eher nur kurzzeitig, dafür häufiger genutzt. Ist jetzt aber noch ein ganz anderes Thema. 

Zurück dazu sehr weit in gedanklichen Überlegungen zu gehen und der Frage nach der Orientierung, wenn Wirklichkeit nicht so erfasst werden kann wie sie ist, sondern davon ausgegangen werden muss, dass wir uns immer in Konstruktionen (oder Illusionen) befinden. Wobei dann noch das Paradoxon auftritt, dass etwas behauptet wird, das auf der Basis der eigenen Aussage ebenfalls eine Konstruktion darstellt. Sehr weird!

Halte ich aber zumindest fest, dass niemand recht und niemand unrecht hat, so bleibt trotzdem der Bedarf für eine Orientierung. Man kann einfach machen, von Tag zu Tag, irgendwie auf Funktionalität ausgerichtet, entkommt dabei der Frage nach der Orientierung aber nur scheinbar, denn im Hintergrund wirken Annahmen und Vorstellungen und die emotionale Besetzung von Kulturgütern, Praktiken, Machtverhältnissen.

Bevor ich mich zu PoGo und Star Trek zurückgezogen habe, war ich ausgepowert und erschöpft. Vom jahrelangen Studium, von einer endlosen Tretmühle an Arbeit ohne positive Perspektive, von überfordernder Komplexität. Zwei wichtige Sätze sind mir aus der Zeit noch in Erinnerung. „Ist das Bildung oder kann das weg?“ und „Ein gut dressiertes Äffchen ist noch lange nicht gebildet!“ Dazu kam ein wachsendes Interesse am Einfluss des Wirtschaftssystems auf die Vorstellungen von Bildung.

Sinnvolle Sicherungssysteme haben mich gestoppt, mich umgelenkt auf Einfaches, Überschaubares, Ablenkendes. Im Hintergrund wuselte die Bearbeitung aufgetretener Fragen jedoch weiter. Abgebremst wurde nur der Zufluss neuer Informationen. Und das war gut so.

Ich bin alt genug selbst erfahren zu haben, wie sich manche Vorstellungen von Bildung ändern während andere gleichzeitig erhalten bleiben. Dazu kommt eine Gesellschaft, die sich aus einer großen Spanne von Altersgruppen und kulturellen Milieus zusammensetzt. Es ist wichtig Vorstellungen zu hinterfragen. Von dem wie Emotionen eingeschätzt werden oder was unter Bildung verstanden wird. Es kann nicht automatisch von einer gemeinsamen Basis ausgegangen werden. Und wenn richtig und falsch irrelevant sind, woher kommt dann eine sinnvolle Orientierung?

Die Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus bietet für mich immer wieder eine geeignete Grundlage für Erkenntnisprozesse. Eine andere Zielsetzung, eine andere Vorstellung vom Menschen führt dazu, dass das Erziehungs- und Bildungssystem diese anderen Menschen produziert. Richtig? Falsch? Für wen richtig, für wen falsch? Die Orientierung konstruiert und formt den Menschen. Formt was er unter Bildung versteht, wie er dazu steht. Formt was er unter Emotionen versteht und wie er damit umgeht. Weinen – nicht weinen. Betonung von Sport und Gehorsam – Betonung musischer Fächer und der Entfaltung von Kreativität. Respekt vor Technik und Naturwissenschaften – Entemotionalisierung von Technik und Naturwissenschaften. Kritikfähigkeit – Anpassung. Bewertungen, Zuordnungen, Annahmen, Mutmaßungen, Gepflogenheiten, Machtinteressen…

Was selbstverständlich erscheint ist es nicht. Vorstellungen von Emotionen nicht, Vorstellungen von Bildung nicht.

Als ich kurz in der Küche war, finde ich meinen Rechner kommentarlos ausgeschaltet und beim Hochfahren meldet er unvollständiges Herunterfahren. Ich beobachte welche Emotionen sich mit dem Zustand meines Rechners verbinden und versuche mich davon nicht beeindrucken zu lassen. Glücklicherweise gibt es automatische Speicherungssysteme…

Auf einer Basis von Unsicherheit und unvollständigen Informationen in Komplexität und fortwährenden Wandlungsprozessen zuverlässige Aussagen machen… kaum möglich. Ich hatte von diesem Problem gehört und gelesen. Es selbst zu erleben irritiert und befriedigt. Es macht weicher und toleranter. 

Im Hintergrund rauscht der Rechner bei seiner nicht endend wollenden Suche nach Updates, fördert dabei Ängste und lenkt zur Vorstellung von Bergen von anstehenden Problemen. Ablenkend und nicht entspannend!

Gleichzeitig fördern Unsicherheit und Orientierungslosigkeit die Frage nach dem Sinn aller Bemühungen. In diesem Augenblick habe ich den Verdacht damit Teilen des aktuellen Zeitgeistes nahe zu stehen. Von Tag zu Tag etwas am Funktionieren halten das zwar hinterfragt werden kann, doch es gibt kein Dort-soll-es-hingehen als Orientierung und Perspektive.

Mein üblicher Umfang eines Blogeintrags ist damit erreicht. Das Problem ist angerissen, aber nicht geklärt. Die Auseinandersetzung selbst bietet Input zum Weiterdenken. Ob und wann es ein Weiterschreiben geben wird, wird sich zeigen. 

Der Rechner sucht immer noch nach Updates…

Ich bin zufriedener und unglücklich…

Neustart?

Es gibt Blogschreibende, die kündigen zuvor an, dass sie eine Pause machen. Bei mir hat sich die Pause aus der Situation heraus ergeben. Zwei Monate, die mir wesentlich länger erscheinen.

Ich war völlig erschöpft. Jahrelang kein wirklicher Urlaub. Arbeiten in einer problematischen, belastenden Situation, Studium, Moocs, aufgeschobene Arbeiten zuhause, zu wenig körperliche Bewegung, zu viel Berührung mit gesellschaftlichen Problematiken. Es kommt schleichend. Zu Beginn der Ferien hatte ich mich ins Bett gelegt  und erst einmal geschlafen.

Danach habe ich begonnen Pokémon Go zu spielen. Die deutsche Version war kurz zuvor erschienen, es war die Zeit des Hypes und für mich wurde es ein wunderbarer Pokémon-Sommer. Der Rechner blieb aus, das Smartphone wurde endlich einmal mobil ausgereizt. Weite, tägliche Spaziergänge, Orte, die ich lange nicht besucht hatte, wunderschöne Landschaften, Pflanzen, Tiere, viele Eindrücke von Menschen, zufällige Treffen mit Bekannten, die ich lange nicht gesehen hatte, Architektur, materialisierte Sozialstruktur, und dabei die simplen, überschaubaren Anforderungen des Spiels als Zielsetzung und Rahmen.

Pokémon Go, um aus etwas heraus zu kommen und Abstand zu gewinnen. Dazu Herumhängen, Reduzierung von Verpflichtungen auf das Notwendigste, Kochen leckerer Gerichte und eine tägliche Dosis Star Trek als Eintauchen in eine spannende, aber unproblematische Welt der Fantasie.

Es ist vorbei. Drei Wochen Schule, beginnender Herbst und graues Wetter und es ist vorbei. Drei Wochen konnte ich mich noch daran klammern, wollte das Sommergefühl, die tiefe Entspannung nicht loslassen, doch ein Alltag voller Problematiken schleicht sich an allen Ecken und Enden wieder ein. Ich kann das was war nicht bewahren. Der Traum einer besseren Welt voller Glück beginnt zu verblassen.

Bei der Rückkehr von der morgendlichen Pokémonjagd begegnen mir Schülerzombies. Schüler auf dem Weg zur Schule, viel zu früh auf die Straße gerissen, in ihre Jacken versunken, noch nicht ansprechbar. Schritt vor Schritt setzend, um voran zu kommen, mit Gesichtern voller Unglück. Auf dem Schulhof erklärt mir eine Erstklässlerin (!) stolz, dass sie ihre Hausaufgaben gut macht und daher nicht auf die X-Schule (Förderstufe, Hauptschule, Realschlule) gehen muss, sondern gleich aufs Gymnasium gehen kann. Vor Ort gibt es neben einer reinen Förderschule nur diese Alternativen.

In Zeitlupe zersplittert die Illusion wie das Glas eines Spiegels und dahinter tritt eine Realität wieder klar hervor, vor deren Anforderungen ich Ruhe brauchte. Vor Tagen schon ging mir Adornos Satz durch den Kopf, dass es kein richtiges Leben im falschen gibt. Aber so richtig trifft dies das Problem nicht. Es geht nicht um das richtige Leben, sondern um das Verstehen, die Aufdeckung, die Erkenntnis, dass alles ganz anders ist als die Interpretationen oder in anderen Worten, gängigen Konstruktionen von Wirklichkeit, die allerdings zu Manifestationen führen, die diese konstruierte Wirklichkeit zu bestätigen scheinen. So wie sich selbst erfüllende Prophezeiungen bzw. der Pygmalioneffekt.

Mit einem Sprung, allerdings deutlichen Spuren von Erholung, bin ich damit auch wieder bei meinem Thema, wie das Ganze, die Vorstellungen davon wie die Wirklichkeit aussieht, auch durch Emotionen untermauert wird und wie wichtig es daher ist die Ebene der Emotionen im Augen zu behalten. Denn wenn man nicht bedenkt, dass die Emotionen, die mit etwas verbunden sind, durchaus erlernt werden, wenn man die Informationen aus Emotionen so nimmt wie sie auf den ersten Blick erscheinen, wenn man daran glaubt, dass das was sich richtig anfühlt zwangsläufig auch richtig sein muss und wenn man solches Wissen in Situationen noch nicht unmittelbar anwenden kann, dann ist noch viel Raum für eine auf Emotionen bezogene Bildung.

Es ist nicht einfach sich mit Emotionen zu beschäftigen, vor allem dann nicht, wenn es sich um unangenehme handelt. Es ist anstrengend. Es hat etwas von Ungreifbarkeit. Es birgt viele Gefahren. Es kann einfacher erscheinen Emotionen zu vermeiden.

Eine Auseinandersetzung mit Bildung sollte eine bewusste Auseinandersetzung mit Emotionen jedoch nicht vermeiden. Emotionen sind ein untrennbarer Teil des menschlichen Erlebens. Bildung bezieht sich auf Menschen. Menschen bilden sich und werden gebildet. Ganze, komplette Menschen.

Ich kehre zurück zur Erstklässlerin, die gelernt hat, dass es verschiedene Arten von Schulen gibt. Eine für die guten, eine für die nicht so guten Schüler. Sie hat auch bereits Maßstäbe für gut und schlecht gelernt. Wer seine Hausaufgaben gut macht (wobei sie selbstverständlich auch noch lernt was genau gut in diesem Rahmen eigentlich bedeutet), ist ein guter Schüler.

Interessant ist in dem Zusammenhang auch das, womit ich mich kurz vor meiner Sommerpause beschäftigt habe. Die Zunahme von depressiven Erschöpfungszuständen (Burn-out) bei vor allem weiblichen Kindern und Jugendlichen [1], die alles gut und zur Zufriedenheit der Erwachsenen machen wollen. Nett, geduldig, fügsam – und zu ihrem eigenen Schaden, wenn eine wachstumsorientierte Leistungsgesellschaft ihnen nicht gleichzeitig vermittelt zu erkennen, dass es Grenzen gibt und wo sich ihre eigenen Grenzen befinden. Und diese Befähigung hat viel mit der Fähigkeit zur Eigenwahrnehmung und Eigenverständnis zu tun. Und diese sehr viel mit der Wahrnehmung und dem Verständnis eigener und fremder Emotionen.

Parallel zur Einschätzung von Hausaufgaben und dem Zusammenhang mit eigenen Chancen wurde bereits gelernt ganze Schulformen und deren Schüler abzuwerten. In meinen Augen ist das Diskriminierung. Besonders fatal in Zeiten, in denen von Seiten des Handwerks großflächige, gut gemachte Werbeaktionen gestartet wurden, um mehr Schüler für eine Ausbildung im handwerklichen Bereich zu gewinnen, während die Hochschulen zunehmend voller geworden sind. Diese Lerninhalte werden dabei mit Emotionen verbunden dauerhaft abgespeichert und von den Kindern, wenn sie selbst Eltern sind, erneut reproduziert. So setzt sich eine Kette ohne erkennbares Ende fort. Auf diese Art und Weise reproduzieren sich gesellschaftliche Strukturen. Im Guten wie im Schlechten.

Meine Sommerpause ist offensichtlich zu Ende. Die Probleme, denen ich mich eine Weile in sommerlichen Parks und Kleinstädten entziehen konnte, haben ihre Häupter wieder erhoben. Und mit ihnen die Problematik der emotionalen Absicherung von angenommener Wirklichkeit, die ohne eine bewusste Bearbeitung wirkt und wirkt und wirkt.

Denn das, was sich richtig anfühlt, das muss dann doch auch richtig sein. Oder?

 

Referenz:

[1] Schulte-Markworth, M. (2015). Burnout-Kids. München: Pattloch.

Gelassenheit

Hinter mir liegen ereignisreiche Tage. Ich bin noch immer damit beschäftigt das im letzten Jahr erworbene Wissen zu Emotionen anzuwenden und dabei zu testen, ob es zu Veränderungen führen kann. Es scheint so.

Anhand der Beobachtung von Verhalten und auftretenden Emotionen bei mir und den anderen Anwesenden einer mehrstündigen Betreuungssituation gelingt es mir durch Perspektivenübernahme und Rückverfolgung von Handlungsketten zu verstehen, wie sich eine problematische und unbefriedigende Situation entwickelt hat, welche Einflussfaktoren wirksam waren, welche davon andauernde sind, welche spezifisch für die Situation und was davon veränderbar war und was nicht.

Es gelingt mir zu erkennen, dass meine Entscheidungen angemessen waren, was meine Interessen sind und welche Möglichkeiten ich habe diese umzusetzen. Am Ende habe ich die Situation für mich so weit geklärt, dass sie selbst keine emotionale Belastung mehr für mich darstellt und ich für mich entscheiden kann, unter welchen Bedingungen ich mich erneut auf eine ähnliche Situation einlassen würde. Wo ich vorher emotional aufgewühlt war, kann ich sachlich argumentieren.

Im Zusammenhang mit meinen Recherchen zu Emotionen hat es sich ergeben, dass ich die Frage danach stelle, was ich selbst eigentlich unter sozialer und emotionaler Kompetenz verstehe und wo ich beides beobachten kann. Es führt mich zu der Schlussfolgerung, dass ich sehr viel normales und übliches Verhalten in unterschiedlichen Bereichen weder als sozial noch emotional kompetent einstufen kann. Das erschreckt mich und erlaubt mir unter anderem eine ganze Reihe von Problemfeldern der Bildungswissenschaft aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Es führt mich weiterhin dazu soziale Kompetenz in den Mittelpunkt zu stellen und nicht emotionale Kompetenz. Emotionale Kompetenz scheint soziale Kompetenz zu unterstützen, nicht umgekehrt. Den Fokus auf die Ausprägung sozialer und emotionaler Kompetenz bei der Betrachtung von Erscheinungen im Miteinander von Menschen zu richten, ermöglicht mir zum momentanen Zeitpunkt ganz neue Zusammenhänge zu erkennen.

Für mich schließt sich dadurch auch ein Kreis an Interessen, die ich im Verlauf meines Lebens und meines Studiums verfolgt habe. Das Strukturprinzip von Rassismus bleibt für mich dabei weiterhin grundlegend. Manipulationen der Weltsicht, die den eigenen Vorteil bei eigentlich nicht zu akzeptierenden Nachteilen anderer absichern, erlauben weiterhin die Erfahrung angenehmer statt unangenehmer Emotionen.

In einer Situation mit Privilegierten, die ihre Privilegien nicht wahrnehmen, ihrem eigenen Verdienst zuschreiben und die eigene Normalität als verbindlichen Maßstab für alle anwenden, bleibe ich ruhig und standhaft und lasse mich nicht dazu drängen diese Sichtweise zu übernehmen. Ruhig bringe ich Aspekte von Wirklichkeit ins Spiel, die diese Normalität anzweifeln. Hinterher fühlt es sich wie ein kleiner Sieg an, auch wenn nichts weiter gewonnen wurde als Integrität und dabei innere Ruhe. Ich habe mich nicht in ein Weltbild hineinziehen lassen, das die Wirklichkeit so interpretiert, dass alles und jedes die eigene Hochwertigkeit bestätigt. Das ermöglicht mir nebenher, dass ich dahinter den eigenen Kampf um Positionierung hervorschimmern sehe. Aus einer Bedrohung wird dadurch Mitempfinden bei einer klaren Grenzziehung und geringerer emotionaler Belastung.

Zum Abschluss des Wochenendes spielt Hagen Rether mit den Mitteln der Satire aufmunternd und zur Perspektiverweiterung geeignet ein wenig mit der Wahrnehmung von Wirklichkeit.

Bewusstheit der Emotionen

Wie funktioniert Lernen? Wie funktioniert der Weg zu Verständnis?

Walpurgisnacht und 1.Mai mit seinen vielen Ausflüglern liegen hinter mir, die neue Woche startet in einem wunderschönen, gelblichen Licht in einer nebelverhangenen Landschaft, mit frischer, kalter Luft und Vogelzwitschern, vermengt mit den Geräuschen der zunehmenden Arbeitsaktivitäten.

Hatte ich noch gestern den Eindruck, ich hätte vor allem herumgehangen, wäre nicht zu sehr viel gekommen, hätte Geplantes nur vor mir hergeschoben und wäre deshalb deprimiert, so fügt sich im Morgengrauen ein überraschendes Bild von Aktivitäten zusammen. Ich habe etwas gänzlich anderes getan als ich geplant hatte. Und das hat sogar seine eigene innere Logik.

Das wofür Walpurgisnacht steht war dabei völlig ohne Bedeutung, das wofür der Tag der Arbeit steht hatte dagegen eine hohe Brisanz. Es waren vor allem zwei Filme, Joschka und Herr Fischer, Aspekte der Geschichte der Bundesrepublik aus der Perspektive von Joschka Fischer, und Inequality for All über Theorien von Robert Reich, die als Input im Hintergrund verarbeitet wurden. Weiterhin tritt aus der Erinnerung das Bild einer Frau hervor, die ich beim Kauf meiner Wochenvorräte am Samstag im Vorbeigehen gegrüßt habe. Ich hatte sie sehr lange nicht gesehen, sie ist für mich aufs engste mit einem Kurs über Methoden zur Achtsamkeitsförderung verbunden, den sie vor vielen Jahren einmal über die Volkshochschule angeboten hat. Ich habe sie als Schülerin in dem Kurs gefragt, wozu diese Methoden dienen, wofür sie verwendet werden. Sie hat mich nur angeschaut und ist mir auf immer eine Antwort schuldig geblieben. Dazwischen mischt sich das Bild des Ausverkaufs eines Ladens für Bastel- und Schreibbedarf, der schließt, weil er sich nicht mehr rentiert und verbindet sich mit dem Bild weiterer Läden an anderen Orten und zu anderen Zeiten.

Wie funktioniert das mit dem Lernen? Es gibt Input, irgendwo her, in meinem Fall vermittelt über soziale Netzwerke, weiterhin über das Fernsehen und aus dem Alltag heraus. Das wird bunt gemischt, mit dem versetzt was bereits im Speicher an Wissen und Fragen vorhanden ist und im Hintergrund verarbeitet. Während der Verarbeitung blitzen Emotionen auf, Assoziationen, Gedanken, vielleicht kommt es zu Träumen, dann ist irgendwann ein Produkt da. Bei mir meist im Morgengrauen.

Das Ergebnis ist dieses Mal weitreichend und komplex, ich würde lange benötigen es darzustellen. Auf dem Hintergrund meiner Fragen nach der Bedeutung der Emotionen in Bildungskontexten komme ich zu dem Ergebnis, dass es durch eine Verbesserung der Bewusstheit der Emotionen keine Möglichkeit der Veränderung wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Bedingungen gibt. Bewusstheit kann zwar dazu beitragen die psychische Gesundheit besser zu erhalten, kann aber genauso Dinge sichtbar machen, mit denen ein bewusster Umgang sehr schwer ist.

Ich will das an dieser Stelle nicht weiter ausführen. Für mich wird dabei sichtbar was mich gestern deprimiert hat. Im Sonnenlicht des beginnenden Tages kann ich entspannter damit umgehen. Es ist wie mit jeder anderen Bewusstheit auch, sie hilft zu verstehen. Möglicherweise gelingt es dadurch besser Entscheidungen zu treffen, die auch ein besseres Ergebnis liefern. Das war es aber auch schon. In Gedanken gehe ich noch einmal zu Problemsituationen zurück und stelle die Frage danach, wie weit eine größere Bewusstheit und ein umfassenderes Verständnis von Emotionen hätte ändern können, was aus den Situationen heraus entstanden ist.

Das ist sehr interessant, denn es führt mich zu Interessenskonflikten zwischen Menschen. Und es führt mich zu den Theorien, nach denen Denken, Emotionen und Handeln nicht getrennt werden können. Wenn Emotionen nicht als losgelöste, abgetrennte Erscheinungen eingestuft werden, so drücken sich in ihnen die Einschätzungen aus, die Menschen haben, und diese Einschätzungen stehen in einem starken Zusammenhang mit ihrer kognitiven Verarbeitung.

 

Die Entscheidungen, die in der Vergangenheit getroffen wurden, wurden nicht wegen der heftigen Emotionen getroffen. Es waren keine emotionalen Entscheidungen. Die begleitenden Emotionen lieferten nur die deutlich spürbaren Bewertungen, die ihre Gründe aber in unverträglichen Interessen von unterschiedlichen Menschen hatten. Es waren keine emotionalen Entscheidungen, auch wenn heftige Emotionen aufgetreten sind. Es waren Entscheidungen aufgrund der bestehenden Problemlagen. Kein Handeln im Affekt. Andere Entscheidungen hätten eine andere Betrachtung der Welt vorausgesetzt. Nicht die Wut ist der Grund dafür Ausbeutung nicht zu dulden. Sondern es ist die Tatsache der Ausbeutung, die durch Wut bewertet wird. Die Entscheidung ist die Antwort auf die Frage, ob man Ausbeutung hinnehmen will oder muss oder ob man sie abweisen will oder kann. Nicht die Wut entscheidet, sie begleitet die Entscheidung nur, die aber unter Einbeziehung von weit mehr Informationen getroffen wird. An dieser Stelle ergibt sich sinnvoll die Frage danach, wer Regeln für einen angemessenen Ausdruck von Emotionen für wen aufstellt.

 

Es sind immer vollständige Menschen, die durch die Welt laufen. Im Verlauf unserer Sozialisations-, Erziehungs- und Bildungsprozesse verbinden sich Emotionen und gedankliche Konstruktionen der Welt zu einem untrennbaren Ganzen. Bewusstheit macht das besser sichtbar. Mehr nicht. Möglicherweise können wir mit mehr Vernunft entscheiden, möglicherweise können wir uns in dem Bewusstsein begegnen, dass keine Weltkonstruktion, und dadurch auch nicht die damit verbundenen Emotionen, die richtige ist. Dass es sowieso nicht darum geht was richtig oder falsch ist, sondern darum zu sinnvollen Lösungen nach vernünftigen Maßstäben zu kommen. Möglicherweise können wir dafür sogar unsere unterschiedlichen Machtpositionen nicht wirksam werden lassen.

Langsam entfaltet sich der Tag. Es gibt Probleme zu lösen und es muss Konflikten begegnet werden. Es geht darum bewusst zu bleiben und offen. Es werden Emotionen auftreten, die ertragen werden müssen, und Emotionen, die den Wunsch nach Fortdauern wecken. Es wird sinnvoll gehandelt werden und unsinnig. Es werden Dinge anders sein und es werden Dinge gleich bleiben. Es wird Aufregung geben und wieder Ruhe. Es wird Glück geben und Pech.

Möglicherweise geht es darum, dass Bewusstheit eine interessante Methode ist den Anforderungen, Problemen und Möglichkeiten des Lebens zu begegnen. Möglicherweise geht es auch einfach nur darum, dass in dem Wort Bildung die Entfaltung und Weiterentwicklung des Menschen enthalten ist und Bewusstheit und Bewusstsein Weiterentwicklungen darstellen.

Emotionen in der Pädagogik

„Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.“

Eine Japanisch Mitlernende, die auch schon seit längerem an ihrer BA hängt, hat jetzt abgegeben und mit einem bösen Schalk in den Augen gemeint, wenn sie dann ihren Master hätte und ich meine BA noch immer nicht fertig, würde es langsam peinlich für mich.

Mag sein, die damit verbundenen Emotionen kann ich jetzt aber ertragen, weil ich sie unmittelbar wahrnehme, verstehe und in einen Bezug zu ihren Auslösern bringen kann. Genauso wie ich mich deshalb nicht darauf einlasse, dass unser Japanischlehrer bei einem Übungsblatt die Anzahl der falsch beantworteten Aufgaben wissen will. Ich nenne die Anzahl der Aufgaben, die ich richtig gelöst habe, und wende dadurch das Mindset. Fühlt sich gut an und ich bin stolz statt beschämt.

 „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.“

Es dauert eben solange wie es dauert. Ich bin nicht untätig und bewege mich Tag für Tag voran, während das Bild für die Emotionen klarer und klarer wird. Ein guter alter Freund macht mir sehr bestürzt Vorwürfe und das Telefongespräch mit ihm wird in seinem emotionalen Ausdruck heftig, während ich gleichzeitig versuche bei meinen sachlichen Argumenten zu bleiben. Zuerst dachte ich, er verstehe nicht, dass es mir um Analysen geht, bis mir dämmerte, dass er mich schon ganz gut verstanden hat und sich seine Ängste auf Vorschriften für das Fühlen beziehen. Er misstraut einer Wissenschaft, deren Ergebnisse missbraucht und gegen Menschen eingesetzt werden. Das hat durchaus seine Berechtigung.

Auch von anderen Menschen erhalte ich Kommentare zu meiner Beschäftigung mit Emotionen, die mir helfen meine Position zu bestimmen und mich dem stetig anzunähern, worum es mir im Kern geht. In dem ganzen Wust von Themen, die mit Emotionen verbunden sind, ist das nicht einfach zu erkennen.

Noch einmal werfe ich einen genaueren Blick in ein Buch von 1992, Die „verborgenen“ Gefühle in der Pädagogik. Nach all meinen Recherchen und Reflexionen macht es mich betroffen, dass Buddrus dort bereits in der Einleitung einige der wesentlichen Beobachtungen und Fragen formuliert, die mich umtreiben, ohne dass das Buch wirklich Antworten liefern kann. Interessant ist in dem Zusammenhang, dass auch er wie ich Erfahrungen mit der Grundschule hat und gerade dort die Notwendigkeit sieht mit Gefühlen umzugehen. Es ist allerdings nicht nur dort der Fall.

Ich kann das Buch zum Vergleich benutzen, wie weit sich der Erkenntnisstand inzwischen erweitert hat. Das Buch selbst ist ein Sammelband und Buddrus hat nach eigener Darstellung dafür genommen was er bekommen konnte, auch Dinge, die nur am Rand mit Gefühlen zu tun haben. Das für mich Auffällige ist dabei, dass es kaum um Analysen zu gehen scheint, sondern vor allem um unterschiedliche Ansätze, wie man in der Praxis mit Gefühlen verfahren kann. (Es ist für mich schwierig bei seiner Benennung zu bleiben, da ich den Begriff Gefühle in der Regel nicht benutze. Ich falle immer wieder in den Begriff Emotionen zurück.)

Da es sich dabei einerseits nicht um den neusten Stand des Wissens handelt, andererseits meine spezifischen Fragen nicht beantwortet wurden, habe ich mich beim ersten Kontakt nicht intensiver mit den Inhalten des Buchs beschäftigt. Ich denke, ein Grund liegt im Unterschied zwischen Pädagogik und Bildungswissenschaft. Pädagogik scheint zu betonen was man in der Praxis tun könnte und sollte, Bildungswissenschaft wie etwas funktioniert. Mich interessiert wie etwas funktioniert, was da eigentlich vor sich geht. Zuerst einmal möchte ich das verstehen. Dann erst können mögliche Konsequenzen kommen.

Ich wende diese Ausrichtung auch zunehmend bei der Untersuchung von Problemen an, die für mich im Bildungsbereich in der Praxis auftreten. Was steckt dahinter? Was ist der Auslöser für die Emotionen, die ich nicht mag? Warum mag ich sie eigentlich nicht? Worum geht es tatsächlich? Wie lässt es sich zusammenfassen? Dann erst, was könnte getan werden? Dulden, oder ist eine Möglichkeit zum Eingreifen vorhanden? Es wird dadurch etwas einfacher unangenehme Erscheinungen anzunehmen.

Dieses Annehmen macht einen beträchtlichen Unterschied. Eine Angelegenheit ist unangenehm – basta. Ich muss das weder abwehren noch so tun als wenn alles gut wäre. Es ist unangenehm, das hat Gründe, die lassen sich benennen, darüber kann man möglicherweise reden, eventuell auch nur denken, vielleicht gibt es eine Lösung, vielleicht aber auch nicht. Eine Zunahme der Aufregung ist jedoch nicht notwendig. Es fällt schwer alte Gewohnheiten aufzugeben, doch ich arbeite daran.

Das ist altes Wissen über das die Menschheit schon lange verfügt, nichts Neues. Es gibt viele Arten mit Emotionen umzugehen. Dahinter stehen Vorstellungen, die zu Emotionen vorhanden ist, Wissen zu Emotionen, Art der Erziehung, Einflüsse der Sozialisation, Zeitgeist, Machtverhältnisse, Einflüsse aus der Art des Individuums heraus…

Darum geht es mir aber wiederum nicht. Das ist Kontext. Mir geht es um auftretende Arten von Emotionen und wie diese jeweils verstanden und wie mit diesen umgegangen wird. Es geht um den aktuellen Moment, in dem es geschieht, und Wissen darüber, was die Konsequenzen aus unterschiedlichem Umgang sind. Welche Entscheidungen werden in alltäglichen Situationen zum Umgang mit auftretenden Emotionen getroffen, wodurch sind diese beeinflusst und wie bewusst sind diese? In diesen Entscheidungen drückt sich die Haltung aus, die in Menschen zu Emotionen, in der Regel nicht bewusst, vorhanden ist. Weiterhin interessiert mich wie diese Situationen im Anschluss reflektiert werden und zu welchen Konsequenzen unterschiedliche Arten der Reflexion führen. Das betrifft sowohl die einzelne Person als auch gemeinsame Reflexion.

An den Emotionen selbst will ich nichts ändern. Emotionen müssen wie Gedanken in ihrem Auftreten frei sein. Negativ eingestufte Emotionen dürfen vorhanden sein. Angst, Hass, Neid, Gier, Zorn, Wut, Faulheit gehören als Erfahrungen zu Menschen dazu. Es gibt vielfältige Problematiken im Zusammenhang mit Emotionen; im Bereich Religion / Spiritualität existiert nach wie vor die Problematik, dass bestimmte Emotionen als sündhaft oder unrein gar nicht erst auftreten sollen, daher erwähne ich das hier im Besonderen. Es ist aber nicht die auftretende Emotion an sich, die ein Problem darstellt, sondern wie damit umgegangen wird. Darf sie gar nicht existieren, muss sie beim Auftreten sofort beseitigt, verborgen, verschleiert, ignoriert werden, woraus sich problematische Konsequenzen ergeben können.

Buddrus hat in dem Buch drei von vier Kapiteln eigene Texte vorangestellt. Historische Entwicklung (weshalb ich auf das Buch zurückgegriffen habe), pädagogischer Umgang mit Gefühlen und ein Modell für die Allgemeinbildung. An dem Entwurf der Visionen beteiligt er sich nicht. Auf Seite 95 fasst er pädagogische Ansatzmöglichkeiten zusammen und ich bekomme große Augen, da ich wichtige Teile meiner eigenen Überlegungen formuliert finde.

  1. Der massive Einfluss pädagogischer Institutionen auf Entstehen, Intensität des Erlebens und Intensität des Ausdrucks von Gefühlen. Ziele sind dabei vor allem Abwehr von Störungen, Instrumentalisierung für den schulischen Lehrplan und Erfüllungen von Bedürfnissen der LehrerInnen.
  2. Entemotionalisierung des Bezugs zur Welt (durch Konzentration auf kognitives Lernen und Lernen, das keine oder negative emotionale Bezüge herstellt).
  3. Analphabetisierung in den zwischenmenschlichen Bezüge (der Beziehungsaspekt der menschlichen Kommunikation verläuft weitgehend über Gefühle). Wird dieser Bereich nicht bewusst integriert, bleibt er Teil von „naturwüchsiger“ Sozialisation und wird nicht Teil von Allgemeinbildung.
  4. Aufgabe der Pädagogik ist es Gefühle in ihren vielfältigen Erscheinungs- und Ausdrucksformen bewusstseinsfähig zu machen. Dazu gehören Auswirkungen und Nebenfolgen im zwischenmenschlichen, gesellschaftlichen und Leben mit der Welt.

Für das was bewusst zu machen ist, legt Buddrus eine Liste an:

  • Auslöser
  • Ausdrucksformen
  • Darstellungsregeln
  • Freiräume zwischen Emotionen und Verhalten
  • Situationsabhängigkeit
  • Äußere Formen der Abwehr oder Distanzierung (z.B. Verharmlosung, Ritualisierung, Ablenken, Abwiegeln, Tabuisierung)
  • Innere Umgangsweisen (z.B. Verdrängen, Sublimieren, Umwandeln)
  • Eingebundenheit der Gefühle in die Entwicklung der Person als Gestaltungsaufgabe

Bewusstmachung allein hält er nicht für ausreichend. Ergänzt werden muss es durch:

  • Üben des liebevollen Umgangs mit Gefühlen
  • Sein-lassen von Gefühlen
  • Nicht-Eingriff

Aus beidem ergibt sich als pädagogische Aufgabe Bewusstmachung sowie praktische Anwendung des Bewusstgemachten. Es kann dabei davon ausgegangen werden, dass es durch ein Wachstum an Wissen und stetige Erfahrungen zu einer fortwährenden  Erweiterung von Kenntnissen kommt. Die Entwicklung ist dabei nicht auf einen bestimmten Altersbereich begrenzt und erstreckt sich grundsätzlich über das gesamte Leben eines Menschen.

Nach Buddrus (1992, S.2) ist der Umgang mit Gefühlen elementar und wichtig, aber wenig im Bewusstsein einer (Fach)Öffentlichkeit vorhanden. Gefühle in der Beachtung zu vernachlässigen bedeutet jedoch über sie und alles was mit ihnen in Zusammenhang steht keine kritische Reflexion  betreiben zu können (Buddrus, 1992, S.80). Nach seinen Angaben handelt sich dabei um ein kulturelles Phänomen, nicht um ein pädagogisches. Das Bildungssystem kann als Teilsystem der Gesellschaft nicht von ihr losgelöst betrachtet werden. Die kulturelle Einflussnahme auf Gefühle schätzt er als sehr groß ein, ihr Erkennen als schwierig. Es lässt sich hinzufügen, dass, wenn schon das Erkennen von Gefühlen schwierig ist, es die vielfältigen Umgangsformen, Wirkungen und Zusammenhänge letztlich ebenfalls sind.

Das Buch ist über 20 Jahre alt und die Beachtung von Emotionen hat in der Zwischenzeit zugenommen. Es scheinen aber vor allem einzelne Personen, die sich dem Themenbereich in besonderer Weise widmen und Kenntnisse voranbringen. Eine komplette Nichtbeachtung von Emotionen, die unreflektierte Berücksichtigung von Emotionen auf der Basis von Alltagsvermutungen oder eine undifferenzierte Betonung positiver Emotionen existieren gleichzeitig neben unterschiedlichen wissenschaftlichen Ansätzen unterschiedlicher Disziplinen.

Die Haltungen zu Emotionen und das Verständnis von ihnen sind vielfältig, nach meiner Einschätzung wird gerade das wenig thematisiert. Es geschieht, dass über Emotionen kommuniziert wird, ohne zuvor abzuklären wie die Vorstellungen dazu eigentlich aussehen, ob die überhaupt übereinstimmend sind. Weiterhin wird mit Emotionen oft in einer so selbstverständlichen Weise verfahren, dass sie gerade dadurch unsichtbar werden und verschwinden.

Das Thema Emotionen bleibt komplex und auch schwierig zusammenzufassen.

Referenz:

Buddrus, V. (Hrsg), 1992. Die „verborgenen“ Gefühle in der Pädagogik. Impulse und Beispiele aus der Humanistischen Pädagogik zur Wiederbelebung der Gefühle. Hohengehren: Schneider.

Emotionswissenschaft?

Inzwischen bin ich an einem Punkt angelangt an dem ich mir eine eigenständige interdisziplinäre Emotionswissenschaft wünsche, die all die verstreuten Erkenntnisse und Problemstellungen zu Emotionen unter einem Dach ordnen, verbinden, zusammenfassen und weiterentwickeln kann. Gibt es in Deutschland wohl nicht, englischsprachig findet sich allerdings einiges, u.a. ein Wikipedia-Artikel zu Affective Science. Dort finde ich auch ein Zitat, das in einem direkten Zusammenhang zu dem steht, was mich in Bezug auf bildungswissenschaftliche Themen beschäftigt.

„Research over the last two decades suggests that many phenomena, ranging from individual cognitive processing to social and collective behavior, cannot be understood without taking into account affective determinants (i.e. motives, attitudes, moods, and emotions).“ Wikipedia, Affective Science, Stand 27.1.2016, ursprünglicher Text unter  http://spl.stanford.edu/pdfs/2013/Gross%20SAS%20Emotion.pdf verfügbar

Der ursprüngliche Artikel verhilft mir zur Kenntnis davon, dass es eine International Society of Research on Emotion (ISRE) gibt, die u.a. ein vierteljähriges Journal, die Emotion Review, herausgibt. Ich werde ganz aufgeregt und lade mir einen Probeartikel zu Emotion, Emotion Regulation, and Conflict Resolution herunter. Nach und nach beginne ich die Texte zu lesen.

„After decades of research, it has become clear that affect is a central feature in almost all phenomena that are labeled “mental” and some that are labeled “physical,” including (among others) the following: most if not all categories of mental illness, health and physical illness, resilience to stress and well-being, immune function, memory, marketing, attitudes, stereotyping and prejudice, interpersonal relationships, verbal communication, negotiation strategies, judgment and decision-making, financial decision making, predicting the future, work motivation, politics, aesthetics, and personality. Affect can serve as the basis for moral judgments of right and wrong. Affect even influences perceptual processing in fundamental ways. As a consequence, affective science represents an opportunity for scientific synthesis and discovery across a variety of phenomena and levels of analysis.“Gross & Barett, 2013

Für einen Moment fühle ich mich in meinem persönlichen Paradies. Vorgestern hat es mich schon ganz kribbelig gemacht zu entdecken, dass es ein Buch über ein Gespräch zwischen Paul Ekman und dem Dalai Lama zu Emotional Awareness gibt. Ich kann die Akzeptanz der sich eröffnenden Verbindungen in mir bestimmen, durch die dieser vorübergehende Zustand in mir ausgelöst wird. Erkenntnisse des Buddhismus treffen auf anthropologisch-psychologische Erkenntnisse, Emotionstheorien und Forschung werden mit allen relevanten Bereichen verknüpft. Genau dafür wird die interdisziplinäre Arbeit mit der Ausrichtung auf Emotionen benötigt.

„In particular affective science includes psychology, neuroscience, sociology, psychiatry, anthropology, ethology, archaeology, economics, criminology, law, political science, history, geography, education and linguistics. Research is also informed by contemporary philosophical analysis and artistic explorations of emotions. Emotions developed in human history make organisms to react to environmental stimuli and challenges.“ Wikipedia, Affective Science, Stand 27.1.2016

2012 wurde die Society for Affective Science gegründet.

„More than a century ago, Wilhelm Wundt described affect as a fundamental ingredient of the human mind (Wundt, 1897). We now know he was right.[…] These are exciting times in affective science, and it is very clear that the best is yet to come.“ Gross & Barett, 2013

Und ich finde auch die Beschreibung eines für mich grundlegenden Problems bei der Verwendung von Emotionstheorien in der Bildungswissenschaft.

„… one of the first challenges of affective science is to reach consensus on the definition of emotions.“ Wikipedia, Affective Science, Stand 27.1.2016

Mir bleibt nur noch zu bedauern, dass ich nicht jemand anders bin als ich nun einmal bin. Vielleicht reicht es aber für einen Fensterplatz auf der Empore.

Referenzen:

Gross, J.J. & Barrett, L.F. (2013). The Emerging Field of Affective Science. In: Emotion, 2013, Vol. 13, No. 6, P. 997–998. Washington, D.C.: American Psychological Association.