Bildungsmäuschen

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Nach der PV … noch weiter

In meinem letzten Blogeintrag war ich sicher, dass Themen im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus jetzt erst einmal keine Rolle für mich spielen werden und ich mich voll und ganz auf die Emotionen konzentrieren kann, doch so funktioniert das einfach nicht. Ich und die deutsche Gesellschaft sind nicht davon trennbar. Da sind die Erinnerungen, die Orte, die Menschen, das „Geistesgut“ – es ist allgegenwärtig. Es sind sogar die Wälder, Wiesen, Felder, Berge und Bäume. Es gibt kein Entkommen. Die einzige Möglichkeit besteht darin die Augen weit zu öffnen und den Schrecken anzunehmen. Auch wenn es zum Heulen ist.

Ich habe mir von der Gedenkstätte der Wewelsburg zwei Bücher mitgebracht. Das eine ist eine aus Frankreich stammende Ethik für Kinder [1], das andere thematisiert die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus [2], etwas das für die Aktivitäten von Himmler wichtig ist, aber zu den Themen gehört, die bei der PV unter den Tisch gefallen sind. Ich habe begonnen es nachts im Bett zu lesen.

Ich arbeite momentan so, dass ich für nicht notwendige Dinge sage: „Gut eine Stunde ist dafür drin oder ein Zeitpunkt, wenn ich sowieso nicht mehr sinnvoll arbeiten kann.“ Seitdem hat die Vielfalt an Dingen die ich tue wieder zugenommen.

Das Buch erschreckt mich. Einerseits wegen der menschenverachtenden Teile der dahinter stehenden Ideologie, andererseits weil ich die dort beschriebenen Praktiken so gut kenne. Allerdings aus ganz anderen Zusammenhängen und nicht eingebettet in einen Weg, der zur nationalsozialistischen Herrschaft geführt hat. Doch genau nach dem Prinzip hat es funktioniert. Nach der Niederlage sind bestimmte Dinge unsichtbar gemacht worden, aber nach damaligen Maßstäben unverfängliche wurden unverändert beibehalten.

Mir ist wieder zum Heulen. Bei einer Ausstellungseröffnung zu einer langweilig präsentierten Ausstellung von Bildern von TOM sitzen meine alten Lehrer. Sie gehören zum kleinstädtischen kulturellen Establishment und versuchen sich eine Kultur anzueignen, die sie in der Vergangenheit gering geschätzt haben. Ihr Anblick lässt so vieles wieder aufsteigen. Neben mir steht ein Mensch, dessen Kultur Jahrzehnte später von seinen Lehrern ebenfalls gering geschätzt wurde. Jetzt hat er daraus einen Beruf gemacht, der in der Rangordnung der Betätigungen eine hohe Position einnimmt, und hat einmal überlegt zu einem dieser Ehemaligentreffen zu gehen und über sie zu lachen. Hat er nicht gemacht. Und meine alten Lehrer sitzen da auf ihren etablierten Plätzen und werden auf diesen sterben.

So funktioniert es.

Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus haben sich weit vor diesem entwickelt. Die Nazis konnten sich aus Fülle bedienen und ihr spezifisches Weltbild damit auspolstern oder sogar davon ableiten. Nach ihrer Entmachtung sind diese okkulten Ideen und Praktiken aber nicht verschwunden. Das Buch macht mir bewusst, wie viel ich von diesen Dingen kenne, da sie auf verschlungenen Wegen unhinterfragt in meinem Wissensbestand gelandet sind. Ohne Kontext ist aber der menschenverachtende Zusammenhang nicht leicht erkennbar.

Auf dem Schulhof haben sich drei Mädchen zusammengetan und provozieren einen Jungen so lange, bis er auf sie einschlägt. Ich habe versucht sowohl die Mädchen als auch den Jungen zurückzuhalten. Ohne Gewaltanwendung ist mir das nicht gelungen, und das Ergebnis ist, dass die Mädchen fordern, dass der Junge bestraft wird, denn sie haben ihn ja nicht gehauen, sondern er sie.

Ich rede und daher habe ich mit allen geredet. Neben einem Mangel an Vermögen den Standpunkt des anderen nachzuvollziehen, finde ich die Nutzung einer Unklarheit im System. Physische Gewalt ist nicht gestattet, aber psychische ist es. Das Mädchen, das am heftigsten argumentiert, lässt dabei sichtbar werden, dass sie genau weiß, dass sie etwas Mieses mit dem Jungen gemacht hat. Und genau das wollte sie, da sie der Ansicht war er hätte es verdient. Sie wollte es aber tun ohne selbst bestraft zu werden.

Ich funktioniere nicht wie erwartet und am Ende werde ich von den Mädchen beschuldigt. Später versuchen sie den Jungen von einer Kollegin bestrafen zu lassen.

Nichts verstanden. Das dahinter stehende Prinzip nicht verstanden. Umgeschwenkt auf legitimes, ungefährliches und unverfängliches. Wie Rushton, der dann eben statt Hautfarbe den Intelligenzquotienten benutzt, um Argumente zu liefern mit wem man sein eigenes Erbgut aufwerten sollte und mit wem nicht.

Fortschritt und Verbesserung auf den Fahnen und bereit dafür den Preis der Menschenverachtung und Menschenzerstörung zu zahlen. Sich das Recht nehmen zu bestimmen was Fortschritt und Verbesserung sein. Die Werte setzen. Und dafür Mittel der Beeindruckung verwenden. Dafür die Emotionen ansprechen und weitere innere Vorgänge. Es läuft erneut darauf hinaus, dass der am meisten Recht hat, der über Macht und Ressourcen verfügt.

Deshalb ist es so wichtig danach zu fragen was dahinter steht. Deshalb ist es wichtig Fragen stellen zu können. Und Fragen stellen zu dürfen. Zu lernen eingebettet in Zusammenhänge zu denken. Nichts ist losgelöst. In einer Kette von Zusammenhängen ist in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft eine Eiterbeule aufgeplatzt, die schon vorher bestand und danach nicht verheilt ist. Viele haben anschließend gefragt woraus es hervorgekommen ist, während es die Generationen im  Alltag nebenher weiter und weiter getragen haben, ohne zu verstehen, dass sie das weiter tragen aus dem sich der Nationalsozialismus entwickelt hat.

Auf der Mieterversammlung stellt sich heraus, dass es vor allem eine Person ist, die mit der Sauberkeit im Haus und der Umsetzung  der Hausordnung nicht zufrieden ist. Sie stellt die Forderung sich am Normalen zu orientieren. Als normal bezeichnet sie dabei ihre Vorstellungen, die aber in dieser Runde von niemandem geteilt werden. Irgendwann und irgendwo wurden diese Vorstellungen gebildet, als Normalität eingestuft und damit als etwas, das man von allen anderen auch einfordern kann.

Gesellschaften wandeln sich. Vielleicht kommen Menschen mit sehr unterschiedlichen Normalitätsvorstellungen zusammen. Alter, Herkunft oder Biografie spielen eine große Rolle bei den Vorstellungen von dem was denn wohl als normal eingestuft werden kann. Das allein reicht allerdings noch nicht aus. Dazu kommt noch die Bewertung. Ganz leicht schimmerte es bei der Mieterversammlung durch. Was ist hochwertiger? Und müssen das alle in gleichem Maß erbringen, um als Menschen den gleichen Wert zu besitzen? Muss man nicht Handikaps und besondere Lebenslagen in die Überlegungen einbeziehen? In der Mieterversammlung wurde aus vielen Stimmen ein Kompromiss gefunden. Keine setzte Machtmittel ein, um ihren Standpunkt den anderen aufzuzwingen.

Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus haben zuvor bestanden und sich anschließend  fortgesetzt. Vorstellungen wurden weitergegeben, bei denen es notwendig ist sie auf die Weitergabe von Strukturen zu hinterfragen. Auch noch nach vielen, vielen Jahren.

Zu häufig wird Bildung vor allem in Hinblick auf Kinder und Jugendliche wahrgenommen. Dabei ist sie eine gesellschaftliche Aufgabe für alle Generationen. Ich kenne jemanden, der stellt die für mich selbstverständlichsten Dinge in Frage, also fragt er auch danach was denn eigentlich DIESE Gesellschaft ist von der ich rede. In meiner Erklärungsnot nehme ich die erste Definition, die mir die Googleanzeige meines Smartphones liefert und die sich hinterher als reichlich unvollständig herausstellt. Ein Problem, das mir zuvor noch nicht so extrem aufgefallen ist. Ich hatte bisher kein Smartphone zur Verfügung.

Gesellschaft: „die Menschen, die in einem Land zu einer bestimmten Zeit unter bestimmten Verhältnissen zusammenleben.“

Diese unvollständige Definition zusammen mit dem Eindruck der Mieterversammlung stärkt später meine Überlegung, dass wir eigentlich alle fortwährend Input benötigen, der es uns ermöglicht die Situationen besser zu verstehen, mit denen wir im Alltag konfrontiert sind.

Ein Arbeitskollege meines Sohnes zeigte sich sehr verwundert darüber, wie dessen Mutter dazu kommt einen MOOC zur Einführung in die Programmierung mit Python abzuschließen. Meinen Dank an die Stereotypen! Auf der anderen Seite gibt es wieder Stimmen, die eine Forderung für lebenslanges Lernen als Zumutung begreifen oder nur die ökonomische Verwertung im Augen haben und bei fortschreitendem Alter auf eine mangelnde Bildungsrendite verweisen. Ein spannender Themenbereich! Was die Zeit des Nationalsozialismus in einer Kette von Vorgängen angeht, so ist diese jetzt ein Beleg für mich, dass Bildung und Weiterbildung in jedem Alter Sinn machen.

Im aktuellen Bezug bedeutet es zu wissen woher das Gedankengut kommt, das Einwanderer aus als leistungsschwächer verorteten Ländern oder den Islam an sich als Bedrohung versteht. Durch welche Details wurden diese Vorstellungen emotional getaggt weitergegeben? Was für eine Bedrohung wird da eigentlich empfunden? Die Minderwertigkeit des Nichtarischen hat sich sprachlich gewandelt, doch die Struktur der Vorstellungen ist die Gleiche geblieben. Sie wurde zur Selbstverständlichkeit, weil sie sich in den Kleinigkeiten des Alltags eingenistet hat. „Wir sind das Volk.“ Wir haben Recht weil wir so wahrnehmen und fühlen. Das ist die Normalität.

Normalität wurde geschaffen. Stück für Stück, Detail für Detail. Meine und deine. Damit fühlen wir uns wohl oder unwohl. Bildung sollte helfen zu verstehen, dass es sich um Konstrukte handelt. Um Abstand nehmen zu können. Um Bewertungen zu hinterfragen. Um sich selbst zu hinterfragen.

Ich weiß, dass ich meine alten Lehrer nicht als die Personen wahrnehme, die sie momentan tatsächlich sind, sondern dass ich sie zu Typen verzerre. Ich entschuldige mich dafür bei euch.

Referenzen:

[1] Labbé, B. & Puech, M. (2005). Was verbindet die Welt? Ethik für Kinder. Bindlach: Loewe.

[2] Goodrick-Clarke, N. (2014), 5. Aufl. Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus. Wiesbaden: Marixverlag.

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Eigene Arbeitsmethode erkennen

Ich komme momentan mit meiner Hausarbeit nicht so schnell voran wie ich möchte. Das ist nicht so ganz schlimm, nach meiner Einschätzung wird die Zeit reichen, es ist aber ein Anlass Fragen zu stellen. Dabei ist mir aufgefallen, dass ich gestern zwar scheinbar nichts für die Hausarbeit selbst getan habe, das womit ich mich den Tag über beschäftigt habe, hat aber durchaus mit der Hausarbeit zu tun. Ich habe mich jetzt das erste Mal auch genauer mit Prokrastination beschäftigt, um bestimmen zu können ob ich damit konfrontiert bin. Dieser Begriff wird gelegentlich von Studierenden benutzt, wenn sie bei einer Arbeit nicht zügig vorankommen. Hat es nach den Charakteristika aber nicht, was mich erst einmal erstaunt, denn ich dachte eigentlich, dass es mich nun eben auch erwischt hat.

Womit ich es zu tun habe funktioniert aber offensichtlich anders. Und da bin ich wieder bei der Notwendigkeit genau zu bestimmen mit welchen Erscheinungen man es im Leben jeweils exakt zu tun hat. Ich hänge offensichtlich an einem Punkt, der mir unklar ist und zu dem ich Fragen habe. Daher versuche ich diese Fragen erst einmal zu lösen, statt sie gleich unter den Tisch zu mauscheln. Ich hänge am Thema Emotionen und wie ich die einbeziehen kann. Dafür war die Graphic Novel Held von Flix hilfreich, es war aber auch hilfreich zu recherchieren, dass es im Bereich Bildung einige Personen gibt, die sich damit gezielt beschäftigen mehr über die Bedeutung von Emotionen für das Lernen herauszufinden bzw. Emotionen in Unterrichtskonzepten bewusst und gezielt anzusprechen und zu berücksichtigen. Hilft mir alles zwar momentan nicht bei dem Problem weiter wie ich das nun in meiner Arbeit unterbringen kann, stärkt mir allerdings den Rücken darin, dass dieser Punkt nicht nur für mich wichtig zu sein scheint. Und auch das ist schon eine Hilfe. Ich kann nun auch ermessen, dass ich es mit einem etwas schwierigen Problem zu tun habe, das ich vielleicht doch erst einmal beiseite lassen muss.

Da ist etwas passiert, das mir jetzt zwar nicht hilft bei meiner Arbeit zügig voran zu kommen, es stellt aber keine Ablenkung und auch kein Drücken dar, sondern ist der Bestandteil eines Auseinandersetzungsprozesses, der dazu dient besser zu verstehen, worüber ich da eigentlich schreibe. Und zu diesem Prozess gehören zwei weitere Elemente, die irritierend sind, gegen die ich aber nicht vorgehen, sondern die ich akzeptieren sollte, denn ich leide offensichtlich nicht an einem Mangel an Disziplin, daher ist es auch nicht sinnvoll Zwang auszuüben, um mich an die Arbeit zu bringen. Das könnte sogar kontraproduktiv sein. Denn ich arbeite ja bereits, nur anders als ich mir das vorgestellt und erwartet habe.

Diese beiden Elemente sind einerseits vorübergehend Distanz zu schaffen, indem ich etwas tue, das alle Gedanken an die Inhalte mit denen ich mich beschäftige für eine befristete Zeit aus meinem Bewusstsein fegt. Spannende Filme oder Literatur, die vollständig vereinnahmen können, eignen sich dafür. Gespräche, Spaziergänge und Hausarbeit eher nicht, da die Gedanken dabei immer wieder zum Thema zurückkehren. Ich weiß nicht was durch die Distanz geschieht, möglicherweise erleichtert sie bestimmt unbewusste Verarbeitungsprozesse, während nichts Neues mehr dazu kommt, auch keine bewusste Bearbeitung. Ähnlich verhält es sich auch mit dem Schlafen. Das kommt allerdings nur bei ausreichender Müdigkeit als Option in Frage. Als zweites Element gibt es dann noch das im Bett liegen und den Gedanken nachhängen. Dabei werden die Verarbeitungsprozesse für das Bewusstsein zugänglich. Währenddessen des Nachdenkens etwas zu tun verringert allerdings die Bearbeitungsbreite. Vertiefen und strukturieren lässt sich das Nachdenken durch reflektierendes Schreiben, z.B. hier auf dem Blog.

Mit diesen Überlegungen lande ich bei einer Kette.

  1. Problem und seine Benennung
  2. Recherche bei anderen (Bücher, Blogeinträge, Videos, Überblick über Bereich schaffen)
  3. Distanz (Bewusstsein von anderen Inhalte vereinnahmen lassen, Schlaf)
  4. Bewusste Verarbeitung (im Bett liegend Gedanken nachhängen, reflektierendes Schreiben)
  5. optional: Dokumentation (schreiben oder anders Aufzeichnungen machen)
  6. Neue Erkenntnisse anwenden oder verwenden

Das heißt, ich habe ein Problem, verschaffe mir zuerst einen Überblick bei anderen, dann lasse ich das ruhen. Anschließend überlasse es verschiedenen Verarbeitungsprozessen das Recherchierte mit meinen Vorerfahrungen zu verbinden und währenddessen auf mein spezifisches Problem anzuwenden. Gegebenenfalls dokumentiere ich auch etwas dazu.

Im Detail mag das jetzt nicht stimmen oder unvollständig sein, im Groben wirkt es auf mich aber zutreffend und löst keinen Widerspruch aus. Entscheidend ist dabei, dass es nahelegt mit mir selbst duldsamer umzugehen, auf die Gründe für Verhalten zu achten, nicht auf die Erscheinungen, und dabei mehr die Chancen zu betrachten, die darin liegen. Zu Arbeitsprozessen gehören Pausen, dazu gehören auch Phasen des Nachdenkens. Es gehört dazu zu erkennen, dass es manchmal auch weitergeht, während gar nichts zu geschehen scheint.

Mit diesen Überlegungen gelingt es mir eine gewisse Form von Kontrolle über gegen meinen Willen verlaufende Prozesse zu gewinnen. Es ist zur Zeit schmerzhaft, dass einige Studierende bereits fertig sind, ihre Arbeit abgeschickt haben und sich der Bachelorarbeit zuwenden. Ich wäre jetzt gerne schneller und würde gerne konzentrierter vorankommen. So funktioniere ich aber offensichtlich nicht. Das zu akzeptieren scheint allerdings sinnvoller als mich jetzt unter Druck zu setzen. Auf den Druck reagieren meine Gefühle so, dass sie ihn als eine Zumutung einstufen, die keinen Respekt vor der Arbeit hat, die zu bewältigen ist. Und ändern tut das auch nichts.

Es ist manchmal ganz schön schwierig mich sich selbst in einer angemessenen Weise umzugehen!

KlackerKlackerKlackerMomente, Komplexitätsreduktion und Kommunikation

Ein KlackerMoment ist ein Augenblick der Erkenntnis. Ein KlackerKlackerMoment ist eine Kombination oder Folge von Erkenntnissen. Und bei einem KlackerKlackerKlackerMoment werden ganze Welten von bereits vorhandenen Vorstellungen verschoben, als Bild recht gut repräsentiert durch das sich bewegenden Treppenhaus in Hogwarts (Harry Potter). Die Schreibweise der Worte wird im Bereich der Programmiersprachen als CamelCase bezeichnet und die Verdoppelung (allerdings nicht Verdreifachung) von Worten findet sich als Element in der japanischen Sprache, oft um Gefühle lautmalerisch zu beschreiben.

Und Komplexitätsreduktion – nun, die kann als Reduktion von Daten oder Informationen verstanden werden, um etwas besser erfassen, verarbeiten und/oder vermitteln zu können. Sie spielt daher z.B. im Bereich von Unterricht eine wichtige Rolle.

Mir geht es jetzt allerdings nicht um Komplexitätsreduktion, sondern um so etwas wie ihr Gegenstück. In der Zeit vor etwa eineinhalb Jahren, als ich mit dem Bloggen anfing, hatte ich Probleme mit Informationsüberflutung und der Verarbeitung von zu vielen, zu unterschiedlichen Informationen gleichzeitig, bedingt durch meine Studien und die erweiterten Möglichkeiten meiner Netznutzung. Die Erinnerung an diese Situation dient mir jetzt auch als Vergleichsbasis. Damals habe ich die Komplexität nicht auf ein leicht zu handhabendes Maß reduziert, sondern wollte so viel wie möglich gleichzeitig wahrnehmen. Letztlich habe ich versucht bis an meine äußersten Grenzen gehen.

Komplexitätsreduktion ist notwendig, um unsere Verarbeitungs- und Kommunikationssysteme am Laufen zu halten, gleichzeitig soll aber so viel wie möglich erfasst werden. Dabei sollen Auswahl und Zusammenfassung von Informationen eine möglichst sinnvolle Basis zur Wahrnehmung der Welt liefern.

Die Grenzerweiterung ist über ein schrittweises Vorgehen möglich. Je mehr für einzelne Bereiche Klärung und Vertiefung stattgefunden hat, je mehr Ordnungssysteme herausgebildet wurden, die eine schnelle Erfassung erleichtern, desto mehr Informationen können zeitgleich wahrgenommen werden, da sie schnell zugeordnet werden können. Dadurch erhöht sich die Erfassung der Komplexität der Welt, da das was im gleichen Zeitraum bewusst wahrgenommen werden kann mehr Aspekte umfasst. Dadurch werden auch mehr Kombinationen von Aspekten möglich, die zur Wahrnehmung von Zusammenhängen und zu Erkenntnissen durch Vergleiche führen können.

KlackerKlackerKlackermomente sind dann die Momente in denen sehr viele Denk- und Wahrnehmungsprozesse sehr zeitnah angeregt werden, weil wie jetzt bei mir eine andere Perspektive, die Betrachtung von Erscheinungen bei Betonung eines bestimmten Aspekts, auf alle dafür relevanten Bereiche angewendet wird. Dadurch können neue Gesamtzusammenhänge aufgedeckt werden und sich ein ganzes Ordnungssystem ändern. Das hat dann wiederum Auswirkungen auf den späteren Output, also die Schlussfolgerungen, die aus der Wahrnehmung der Welt gezogen werden.

Damit bin ich thematisch zum ersten Absatz zurückgekehrt, in dem verschiedene Wissensbestände kombiniert werden, um darüber Repräsentationen von Wahrnehmung zu erschaffen, die dann als Kommunikationsmittel eingesetzt werden können. Hier ist die Kombination individuell nützlich, da sie Bedeutsames und Verstandenes  der verwendenden Person nutzt. Für andere, die diese Wissensbestände nicht teilen, sind aber zusätzliche Erläuterungen notwendig, was zu einer Sperrigkeit der Aussage führt. An diesem Punkt wird dann die Einigung auf geteilte Vorstellungen und Begriffe sinnvoll, aus der sich dann die geteilten Weltkonstruktionen beispielsweise von Familien, Kulturen oder Disziplinen ergeben.

Was mir als Thema zum Schluss noch fehlt, ist die Schwierigkeit die Komplexität, die wahrgenommen werden kann, angemessen zu kommunizieren. Ich kann das nicht und kenne auch kein Mittel mit dem das getan werden könnte. Ich mag Comics bzw. Graphic Novels, weil sie sehr komplex vermitteln können. Sie haben Bilder für Handlungen, Zustände, Gefühle, Beschreibungen usw, Text für Sprache, Töne und Gefühle, sie können Informationen von Farben und Formen nutzen, sie haben Seiten, die als eigener Informationsträger gestaltet werden können, sie können Fantasien bildlich transportieren. Und Leser und Leserin können sich die Informationen dabei im eigenen Tempo erarbeiten. Das was ich in einem einzigen Moment wahrzunehmen in der Lage bin, kann ich aber nicht so komplex kommunizieren wie es geschieht. Vor allem nicht so schnell und gleichzeitig. Comics bzw. Graphic Novels erlauben zwar eine hohe Gleichzeitigkeit der Weitergabe sehr unterschiedlicher Informationen, ihre Produktion ist aber unglaublich aufwändig, viel, viel aufwändiger als reiner Text.

Es existieren Science Fiction oder Fantasygeschichten, in denen die Wünsche nach einer unmittelbaren Übertragung von Geistesinhalten von einer Person auf die andere thematisiert werden. In der Realität gehen wir bei unserer Kommunikation allerdings ständig an Krücken. Und wenn ich jetzt noch berücksichtige, dass all unsere Wahrnehmung bereits Reduktion und Konstruktion ist, dann kann ich durchaus auch zu dem Schluss kommen, dass es eigentlich eher erstaunlich ist, wenn Menschen in der Lage sind gut funktionierende gesellschaftliche Systeme zustande zu bringen.

Defizitorientierung

Es geht durchaus Theorien und Begriffe nur in sich zu verstehen und das zu genießen; sie mit Vorkommnissen im alltäglichen Leben verbinden zu können, erweitert jedoch die Freude am Verstehen beträchtlich. 🙂

Ich unterhalte mich mit einem Mädchen, das die vierte Klasse abgeschlossen hat und jetzt eine weiterführende Schule besuchen wird, und wir kommen im Gespräch auf eine Mitschülerin zu sprechen, die wir beide kennen. Ich erzähle, dass dieses Kind in den letzten Monaten eine sehr große Begeisterung an Bücher entwickelt hat, so dass sich ihre Mutter schon Sorgen darüber gemacht hat, dass sie sich zu wenig bewegt.

Sehr überrascht war ich über die Antwort meiner kleinen Gesprächspartnerin, als sie bei der Beschreibung der Begeisterung des anderen Kindes sofort entgegnete, die sei aber beim Vorlesewettbewerb schlecht gewesen. Ich war verblüfft, und spontan erklärte ich, dass in meinen Augen Vorlesen ja durchaus etwas anderes ist als Lesen.

Der Vorfall gehört zu den Dingen mit denen sich mein Verstand aus einer Irritation heraus im Hintergrund weiter beschäftigte. Dabei fand er heraus, dass es die Defizitorientierung des Kindes war, die ich auf Werte zurückführe, die aus dem schulischen Unterricht oder aus der Familie oder aus beidem stammen.

Ich bin Kinderbetreuerin und ich bin das sehr gerne. Für meine Arbeit muss ich u.a. darauf achten was die Kinder unter meiner Obhut mögen und gerne tun, damit ich sie dabei unterstützen kann. Gelingt es mir alle Kinder zufrieden zu stellen und sie dabei so zu unterstützen dass sie für sich selbst sinnvoll beschäftigt sind, so kann ich mich auf die Verbesserung des sozialen Miteinanders und die Verbesserung der Bedingungen der Aktivitäten konzentrieren oder auch neue Ideen anregen.

Bei einem Kind das gerne und viel liest gleich zu betonen dass es beim Vorlesewettbewerb schlecht abschneidet, ist für mich daher reichlich verrückt. Ich empfinde es als einen Akt der Herabsetzung. Das Tolle, Begeisternde, Besondere wird durch die Nichterfüllung der Normvorstellungen eines Wettbewerbs, bei dem es außerdem immer nur einige wenige Gewinner gibt, dadurch reduziert, dass ein Defizit aus einem scheinbar zugehörigen  Bereich betont wird. Es wäre ja durchaus möglich sich mit dem Kind zu freuen, zu fragen was es bevorzugt, ob es noch mehr damit macht, ob es vielleicht sogar aus eigenem Antrieb Geschichten schreibt oder auf die eigenen Interessen und Erfahrungen in dem Bereich zu verweisen, vielleicht sogar von sich selbst zu erzählen.

Dieses Mädchen vor mir hat am Ende der vierten Klasse gelernt, einen offiziell gemessenen Defizit zur Schmälerung der Bedeutung des Handelns einer anderen, vergleichbaren Person zu verwenden. Das ist für mich gruselig! Ich kenne die genauen Hintergründe und Zusammenhänge zwar nicht, bin aber überzeugt dass es sich hier auch um ein Produkt der über die Schule vermittelten Norm- und Leistungsvorstellungen handelt.

Als ich weiter darüber nachdenke erscheint es mir dann immer mehr so, dass meine Gesprächspartnerin nur die Position des anderen Kindes  in der schulischen Hierarchie für mich genauer bestimmen wollte, bei der dem Kind die Begeisterung für das Lesen wohl keine Hilfe war.

Damit bin ich dann beim Zusammenhang von Defizitorientierung und der Hierarchie gesellschaftlicher Positionen angelangt. Begeisterung für Lesen kann schlechtes Abschneiden im Vorlesewettbewerb hier anscheinend nicht ausgleichen. Überhaupt scheint es so, dass man für eine höhere Position bestimmte Kriterien erfüllen muss, die durch Defizite geschmälert werden. Was sind aber eigentlich diese Defizite?

Für die Bestimmung von Defiziten muss es Vorstellungen geben, wie das Nichtdefizitäre aussieht. Die Vase an der ein Stück für die vollständige Form fehlt beispielsweise. Da fällt mir allerdings Kunst ein und Kreativität. Spiel herum, schaff etwas das hinten und vorne nicht mit vorhandenen Vorstellungen übereinstimmt und finde gerade dadurch etwas interessantes Neues.

Ich glaube, genau darin liegt für mich das Problem. Erfülle vorgegebene Kriterien, strebe dort die Perfektion an und du wirst nur das bereits Bekannte reproduzieren. Spiel herum, probiere aus, sieh das Potential in den Dingen, die neuen Kombinationen, die Ideen der vielen, die sich miteinander verbinden, und vielleicht wird daraus das Besondere erwachsen, das Neue, das Verändernde.

Defizitorientierung ist aus vielen Gründen problematisch. Ich glaube für mich ist sie vor allem eine Spaßbremse, eine Blockade von Ideen, von Austausch, von Miteinander, von Kreativität und von Erweiterung des Geistes. Aber innerhalb eines Systems das danach Positionen vergibt, die für die Lebenschancen und das Selbstwertgefühl wichtig werden, kann auf diesem Weg das Bestehende verfestigt werden. Und plötzlich ist das Gewinnen durch Erfüllen der Vorgaben wichtig und die Begeisterung für die Dinge hilft nicht weiter…