Bildungsmäuschen
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amirabai

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Studierende der Bildungswissenschaft an der Fernuni Hagen

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Ein Fragment

Leider bietet Oliver Nachtwey am Ende seines Buchs Die Abstiegsgesellschaft keine Lösung an. Er untersucht auch nur zu einem geringen Teil die ausgelösten und geförderten Emotionen und deren Wirken in den Handlungsstrategien von Menschen in modernen Gesellschaftssystemen bei einer weitgehend kapitalistischen Orientierung des Wirtschaftssystems. Weiterhin nehme ich seine Zusammenstellung von Formen des Aufbegehrens als zu begrenzt wahr.

Aber ansonsten hilft mir seine Analyse extrem gut Vorgänge des Alltags der letzten Jahre in eine zusammenhängende Ordnung einzufügen. Sogar für den Rassismus findet er einen Platz.

„Jenseits der realen Probleme, die bestimmte Gruppen von Muslimen, zum Beispiel Salafisten, europäischen Gesellschaften bereiten, ist die Islamfeindlichkeit das neue Gewand eines Rassismus, der die vermeintliche kulturelle Überlegenheit der westlichen Kultur herausstellt.“(Nachtwey, 2016, S.223)

Für mich ist erstaunlich, dass sich Problematiken im Bildungssystem, die Anlass für mein Studium waren, letztlich als Probleme eines Wirtschaftssystems herausstellen, das eine ganze Gesellschaft und alle ihre Teilbereiche bestimmt. Ich muss feststellen, dass mich in Bezug auf Emotionen ebenfalls vor allem das Einwirken von gesellschaftlichen Bedingungen auf ihr Entstehen, ihr Verständnis, den erwarteten Ausdruck und ihre Regulation interessiert, das was vor allem über Sozialisation und Erziehung vermittelt wird, sowie die Möglichkeit durch Bildung zu einem besseren Verständnis der Vorgänge auf der Ebene der Emotionen und dadurch zu neuen Handlungsoptionen zu kommen.

Als ich kürzlich eine Phase der Traurigkeit durchlebte, wurde mein Denken von folgender Überlegung durchzogen. Wenn Emotionen ein untrennbarer Bestandteil von Menschen und ihren Wahrnehmungs-, Verarbeitungs- und Entscheidungsprozessen sind, die Emotionen von Menschen aber nicht adäquat berücksichtigt und beachtet werden, bedeutet es in letzter Konsequenz, dass Menschen an sich keine Bedeutung haben.

Ähnlich verhält es sich damit, wenn Menschen aufgefordert sind ihre Emotionen an sich zu kontrollieren und im Zaum zu halten oder wenn sie nur erwünschte Emotionen zum Ausdruck bringen dürfen. Soziale Rücksichtnahme bewegt sich in einem Feld asynchroner Machtbeziehungen, so dass die erlaubten Möglichkeiten der Sichtbarmachung von Emotionen sowie die Sanktionen bei Nichtbeachtung dieser Regeln auch Rückschlüsse über den gesellschaftlichen Wert von Personen, sowie Rückschlüsse über den Wert von Emotionen als Mittel der Erkenntnis erlauben.

Vor Jahren habe ich mich schon mit Armut beschäftigt, inzwischen wird sie wie auch Rassismus mehr und mehr zum öffentlichen Diskussionsthema. (Die Bedeutung von Emotionen an sich ist leider noch kaum dran.) Armut, Rassismus, Diskriminierung sind mit jeder Menge Emotionen verbunden. Und das auf jeder Position, die man dabei inne hat. Sie sind Ursache, Folge und Entscheidungsmittel.

Warum also nicht genauer Emotionen untersuchen, was sie für Menschen für eine Bedeutung haben und wie mit ihnen verfahren wird?

Vielleicht kommt das mit den Emotionen und einer sinnvollen Analyse ja noch.

 

Referenz:

Nachtwey, O. (2016). Die Abstiegsgesellschaft. Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne. Berlin: Suhrkamp.

 

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Kernaussagen

Es verläuft wie eine konstruierte Geschichte. Im Hintergrund lasse ich den Fernseher weiterblubbern während ich eine Weile die Augen schließe. Schon den ganzen Tag war ich lustlos, schlapp und müde. Ich bin schon fast eingeschlafen, da dringt etwas in mein Bewusstsein vor. Das Programm ist bei einer Gesprächsrunde angekommen, bei der gerade Ängste durch Flüchtlinge thematisiert werden. Es spricht ein Professor. Er redet von unterschiedlichen Gehirnarten. Plötzlich bin ich hellwach und hoch aufmerksam. Ängste werden in seiner Darstellung einem älteren, schon bei Reptilien vorhandenen Gehirn zugeordnet, Denken einem neueren Teil. Er verwendet dafür plakative Begriffe, an die ich mich jetzt leider nicht erinnere. Für die Sendung findet sich bedauerlicherweise auch keine Aufzeichnung. Die Gesprächsteilnehmer schwenken auf seine Darstellung des Gehirns ein, der Tenor geht in die Richtung, dass Ängste irrational sind und einem alten, nicht mehr benötigtem Entwicklungszustand entsprechen. Der Verstand soll das richten. Innerlich kann ich nur den Kopf schütteln.

Zum Glück ist für meine Problematik die genaue Erinnerung an Worte und Diskussionsverlauf nicht notwendig. Wichtig ist, dass es durchaus diese Theorie der verschiedenen Gehirnbereiche gibt, aber noch viele andere. Außerdem lassen sich auch aus dieser Theorie unterschiedliche Schlüsse ziehen und die hier verwendete Wortwahl der Beschreibung hat zusätzlich einen Einfluss auf die transportierte Vorstellung. Entwicklung erscheint linear, was später kommt ist besser und weiter entwickelt. Ängste erscheinen in dieser Darstellung außerdem als losgelöste Phänomene. Doch die alleinige Betrachtung von Ängsten nach dieser Theorie ist unvollständig und daher irreführend.

Aus der Emotionsforschung kenne ich inzwischen Kritiken daran, andere Theorien und Einordnungen für diese Haltung, daher weiß ich, dass die Darstellung des Professors nur eine von vielen Möglichkeiten ist. Was an Theorien dabei so etwas wie Wahrheit und Wirklichkeit nahe kommt und was nicht, kann ich in der Regel nicht selbst überprüfen und sollte es daher auch nicht auf faktische Richtigkeit hin beurteilen, was ich aber sehr gut machen kann, ist zu bestimmen wie Emotionen von Menschen betrachtet werden und was das für Auswirkungen hat.

Und genau darin liegt für mich die Lösung verschiedener meiner Problematiken. Zu Zwecken der Bildung muss ich nicht bestimmen was faktisch richtig und was falsch ist, ich benötige auch keine Instrumente zur Überprüfung. Es reicht wenn ich unterscheiden kann was wo und wie auftritt und was das jeweils für Auswirkungen hat. Ich kann vieles nebeneinander stehen und in Diskussion miteinander treten lassen. Bildung ist eine Erweiterung der Perspektive, ein Blick über den eigenen Tellerrand, die Erkenntnis und Akzeptanz der Existenz unterschiedlicher Konstruktionen. Als Folge daraus kann ich darauf hinweisen, dass es immer auch andere Perspektiven gibt. Das ist der Mehrwert. Und liefert außerdem einen Grund nicht um eine einzige Wahrheit zu streiten.

Beim Umgang mit Emotionen im Kontext von Bildung ist es von größerem Interesse zuerst einmal zu bestimmen, was Menschen dazu jeweils für Vorstellungen haben, als zu bestimmen was Emotionen tatsächlich sind. Es sind die oft impliziten über viele Jahre gelernten und sich immer wieder ändernden und erweiternden Vorstellungen, die den Umgang mit ihnen und die Haltung zu ihnen bestimmen. Zur gleichen Zeit leben in einer Gesellschaft Menschen mit unterschiedlichen Vorstellungen, ohne dass das auffällig werden muss. Soziale und kulturelle Herkunft und Bedingungen, aber auch Generationszugehörigkeit spielen eine Rolle. Im Verlauf meiner eigenen Lebensgeschichte hat sich die Haltung zu Emotionen und der Umgang mit ihnen geändert. Weiterhin wird in unterschiedlichen Teilbereichen der Gesellschaft und in unterschiedlichen Gruppen unterschiedlich mit ihnen verfahren.

In der Diskussionsrunde schien die Professorenposition ausreichend, um die Vorgabe für die Betrachtung von Emotionen als Orientierung zu übernehmen. Ich hätte eingeschränkt, auf Einseitigkeit aufmerksam gemacht und auf andere Konstruktionen zu Emotionen verwiesen. Vielleicht hätte sich daraufhin jemand in der Runde Gedanken zu den eigenen impliziten Annahmen zu Emotionen gemacht.

Zu Beginn aller Erscheinungen steht die Haltung zu Emotionen und ihre Einschätzung, daraus folgt wie mit ihnen umgegangen wird, wie sie reguliert werden, nach welchen Regeln sie ausgedrückt werden. In einem Kreislauf wirkt das wiederum auf die Haltung zu Emotionen und deren Einschätzung zurück. Gesellschaftlich betrachtet befindet sich dieser Prozess in einem stetigen Fluss. Dabei treten durchaus Widersprüche zwischen dem auf was formuliert werden kann und dem was praktiziert wird. Haltung zu Emotionen und ihre Einschätzung stehen außerdem in einem Zusammenhang mit der Art von Reflexion, die sie und der Umgang mit ihnen erhalten.

In der letzten Zeit kehre ich daher immer wieder zu der Forderung zurück genauer hinzusehen. Zum momentanen Zeitpunkt erscheint mir das als die einzige sinnvolle Möglichkeit. Daraus ergibt sich zu bestimmen nach welchen Kriterien und wie dieses Hinschauen sinnvoll erfolgen kann.

Der Blick auf Emotionen ist vielfältig. Im Verlauf der Zeit bin ich sehr unterschiedlichen Theoretikern mit sehr unterschiedlichen Theorien und Schwerpunkten begegnet. Meine letzte Begegnung war mit Eva Illouz und ihrem Buch Gefühle in Zeiten des Kapitalismus. Emotionaler Stil, emotionaler Kapitalismus, Netzwerkkapitalismus, kommunikative Kompetenzen, emotionale Kulturen, Wertrationalität, Kosten-Nutzen Analysen, Reflexion, Manipulation, emotionale Felder, emotionales Kapital, emotionaler Habitus, emotionale Hierarchie, Pathologisierung von Differenz, Klassifizierung von Pathologien, Rechtsdiskurs, emotionale Kompetenz, emotionale Intelligenz als Instrument der Klassifizierung, Monopol über Definitionen und Regeln des emotionalen Lebens, postmodernes Selbst, Arbeit der Selbstpräsentation sind Begriffe, die ein wieder anderes Bild davon zeichnen wie mit Emotionen verfahren wird, wie sie betrachtet, manipuliert und reguliert werden.

Es lässt sich von Theoretiker zu Theoretikerin hüpfen und jeder und jede ist eine einzigartige Person mit einer individuellen Sichtweise und einem spezifischen Schwerpunkt. Fülle, Überfülle, ein Bild der Vielfalt – keine boolesche Logik von wahr und nicht wahr.

Am Telefon versucht mich eine Frau mit einem standardisierten Fragebogen auf Kategorien hin zu befragen. Es ist das erste Mal, dass ich gemeinsam mit einer anderen Person beschließe damit aufzuhören. Ich kann keine Skala für Aussagen verwenden, denn noch nicht einmal die Unschärfe von Fuzziness kann etwas erfassen, das in den Abfragen nicht erscheint.

Es ist nicht genug da. In der Überfülle ist nicht genug da, das sich als eine gemeinsame Grundlage verwenden lässt. Schon allein daher gibt es nicht richtig und falsch, sondern es können nur unterschiedliche Haltungen, Einstellungen, Konstruktionen untersucht werden. Darüber können wir uns bewusst sein. Und dass es manchmal Machtverhältnisse und Statuskonstellationen gibt, die sich auf das auswirken was dominiert.

Als Kern bleibt mir, dass es etwas gibt, das wir als Emotionen bezeichnen, dass wir dazu Einschätzungen haben und damit an unterschiedlichen räumlichen und gesellschaftlichen Orten in unterschiedlicher Weise umgehen und dass sich der Umgang im Verlauf der Zeit auch verändert. Für die Fülle an Möglichkeiten in den Bereichen Einschätzung, Haltung, Regeln, Regulierung, Ausdruck ist es möglich Systematiken zu erstellen, um dann damit zu arbeiten.

Referenz:

Illouz, E. (2006). Gefühle in Zeiten des Kapitalismus. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

 

Unterschiedliche Arten mit Emotionen umzugehen

Als Zuschauerin einer der Abschlussvorstellungen einer Zirkusprojektwoche an einer Grundschule denke ich an eine andere Vorstellung, die fast zwanzig Jahr zurückliegt. Die Vorstellung in diesem Jahr gibt allen Kindern eine kleine Sternstunde, aber keines der Kinder sticht im Besonderen hervor. Vor fast zwanzig Jahren war das anders. Ich erinnere mich an den hervorragenden Clown, zu dem ein schulisch wenig erfolgreicher Junge geworden war, eine Leistung, bei der er Seiten von sich nutzen konnte, mit denen er sonst eher aneckte. Inzwischen ist er tot. Er arbeitete lange als Regalauffüller, später auch in anderen Positionen in einem Lebensmittelmarkt. Beruflich konnte er seine Begabung zum Entertainer nicht nutzen.

Am gleichen Tag unterhalte ich mich mit einer Frau aus Kasachstan, die dort an einer Schule gearbeitet hat. Sie bedauert es ausgewandert zu sein, sie sagt, sie hatte dort eine gute Stelle. Alle haben zusammengearbeitet und es war das ganze Jahr über Betrieb an der Schule. Hier bietet sie seit Jahren AGs an Schulen an und wird auf Hartz 4 verwiesen, eine Lebensweise, die sie eigentlich nicht möchte. Für ihre Kenntnissen wünscht sie sich eine entsprechende Arbeit, die sie in ein System integriert und von der sie leben kann.

Am gleichen Tag lese ich einen Beitrag von Jean-Pol Martin auf Facebook, der als Lehrer im Ruhestand zur Erkenntnis kommt, dass Spielplätze für Teile der Bevölkerung lebensnotwendig sind und dass unter einer schlechten Qualität besonders diejenigen leiden,“die weniger begütert sind und keinen Garten haben“. Die Aussage eines Privilegierten, der zu einer Perspektivübernahme aus seiner Sicht heraus veranlasst wird.

Der Konstruktivismus sagt im Groben aus, dass sich die Weltwahrnehmung eines Menschen aus denjenigen Teilen zusammensetzt, die er von der Welt wahrnimmt und wie er diese verarbeitet.

Im Zusammenhang mit Bildung gibt es zwei Anforderungen, die in Konflikt geraten können. Bildung zur Entfaltung der Möglichkeiten des Individuums und Bildung zur Erfüllung gesellschaftlicher Anforderungen.

Ich lebe in einer Gesellschaft, in der die einen einen Zugang zu interessanten Arbeitsplätzen haben, in denen sie viele Möglichkeiten haben ihre Fähigkeiten zu entfalten und weiter zu entwickeln und von denen sie auch leben können, während andere diese Möglichkeit dauerhaft nicht haben. Und das nicht weil sie das Potential dafür nicht hätten, sondern weil es diese Stellen für sie nicht gibt. Dazu kommt noch der Unterschied zwischen denjenigen mit relativ sicheren und denjenigen mit prekären, im Sinne von unsicheren, Arbeitsplätzen.

In Bezug auf die zu bewältigenden Emotionen ergeben sich daraus sehr unterschiedliche Anforderungen. Selbstverständlich kann man sich bei der Problematik auf ganz andere Aspekte konzentrieren und einen anderen Zugang wählen, ich habe aber vor allem mit Menschen zu tun, die Emotionen zu verarbeiten haben, einschließlich mir selbst. Gerade in schwierigen Bedingungen ist es für das Individuum bedeutsam mit Emotionen in einer Weise umgehen zu können, die für das Individuum selbst förderlich sind. Wie das genau aussieht und welche Aufgabe Bildung dabei zufällt, sind interessante Fragen, gerade wenn es sich dabei um die Verwendung von Methoden handelt, die eine aufklärerische Absicht verfolgen.

Mit diesen Überlegungen begeben ich mich in einen Bereich, in dem ich mich noch wenig auskenne. Grob unterscheiden würde ich nach Methoden, die auf eine relativ unreflektierte Anpassung an bestehende Bedingungen hinauslaufen, gegenüber Methoden, die es Menschen ermöglichen die Auswirkungen der Bedingungen aufzudecken, in denen sie leben, und Gründe für Emotionen und für verwendete Regulierung und Ausdruck bewusst zu machen, um mehr Entscheidungsfreiheit in ihrem Handeln zu ermöglichen. Weiter Möglichkeiten der Überlegung werden dabei sichtbar.

Traurigkeit

Irgendwo zwischen dem sehr zufriedenstellenden Vorlesen in einer Kita, die Organisation und Chaos in einer entspannten Weise verbindet und in deren Garten winzige Kinder kleine Schubkarren in faszinierender Weise wie Große schieben, der Beobachtung einer Frau mit ihrem Enkelkind, die um die Mittagszeit nach dem Unterricht an einem mobilen Grill ansteht und mit der mich eine Vorgeschichte verbindet, und dem Krach und Gebrüll einer Schulbetreuung, in der im Mittagsstress ein Kind, das sich vor anderen Kindern hinter der Tür verkrochen hat, aus der Unübersichtlichkeit der Situation heraus heftig angefahren wird, damit es den Platz hinter der Türe wieder verlässt, schleicht sich der Anlass für Traurigkeit ein.

Zwischen Bügeln und Aufräumen der Arbeitstasche wird es stärker, als ich einem Kind sein besonderes Projekt, eine mit einer Kumihimo-Scheibe geknüpfte Kette und einen Ring zusammennähe, Ideen, die noch kein Kind in der Form bisher bei mir umgesetzt hat. Die Traurigkeit wird so stark, dass ich mich auf dem Sofa zusammenrolle und mich unter einer Decke verkrieche.

Wenn sie da sind, sind sie da, die Emotionen. Dann sind sie Wirklichkeit. Direkte, unmittelbar erfahrene Wirklichkeit. Ihr Anlass wird nicht unbedingt sofort verständlich, manchmal sind sie angenehm, dann wieder unangenehm, manchmal halten sie kurz an, dann haben sie eine längere Dauer.

Unter meiner Decke nehme ich sie an, die Traurigkeit, akzeptiere sie und sie wird wieder schwächer. Freude kommt und geht, Traurigkeit kommt und geht, das sind zwei der ganz wichtigen Dinge, die über Emotionen zu lernen sind. Ihre oft umwerfende Präsenz und überwältigende Wirklichkeit zum Zeitpunkt ihres Auftretens und ihre Flüchtigkeit, die so gar nicht dazu zu passen scheint. Eine Flüchtigkeit, deren Kenntnis zum richtigen Zeitpunkt eingesetzt dabei helfen kann, auch die schrecklichsten Emotionen zu durchstehen. Schau es an, halt es aus, es geht wieder weg. Oder noch einen Schritt weiter. Ist es wirklich so schlimm wie es auf den ersten Blick scheint?

Die Traurigkeit bleibt, ich will aber noch etwas im Zusammenhang mit meinem Studium tun. Da es bereits Abend ist, nehme ich nur etwas Kleines in Angriff, ein Buch, das bald zurückgegeben werden muss.

Ich habe es schon lange herumliegen, aber immer nur begonnen darin zu lesen und dann wieder abgebrochen. Es ist das Studienbuch Emotionsforschung von Gesine Leonore Schiewer aus dem Jahr 2014. Es ist ein eigenartiges Buch. Die Literaturliste ist eine gewaltige Fundgrube zu Emotionstheorien, das Buch selbst gibt einen Einblick in einen Haufen Zeug, der im Zusammenhang mit Emotionen in sehr unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen gedacht wurde, es ist aber so gar nicht hilfreich für ein Gesamtverständnis von Emotionen.

Ein Grund dafür ist der Stil in dem es geschrieben ist, eine Aneinanderreihung von Fetzen, in Kapiteln vor allem nach Bereichen wie Medien, Computertechnik, Ökonomie oder Recht geordnet, eine Überfülle auf knapp 200 Seiten, aber kein Gesamtbild. Es ist ein Nachschlagewerk mit dem man weitere Recherchen beginnen kann, die Ordnung des Buches mit Stichworten am Rand erleichtert dabei die Nutzung. Das Buch ist so überhaupt nicht das was ich zum momentanen Zeitpunkt brauche, gleichzeitig habe ich aber den Eindruck, es wäre gut es immer wieder zur Verfügung zu haben, wenn ich mich weiterhin mit Emotionen beschäftigen will. Gefühlt brauche ich es nicht, aber gedacht wird es wichtig.

Eine Erscheinung in dem Buch wird dabei für mich bedeutsam. Das Unterkapitel zu Emotionen und Kognition in Bildung, Unterricht und Pädagogik hat einen Umfang von kaum mehr als einer Seite. Die eine Hälfte davon bezieht sich ausschließlich auf Literatur von Gieseke (2007), die andere Hälfte auf Fremdsprachenunterricht mit einem abschließenden Verweis, das Feld der Emotionsforschung für das Lernen und Unterrichten von Fremdsprachen in seiner Breite auszuschöpfen (Schiewer, 2014, S.189).

Nun ist es durchaus so, dass alle von ihr im Buch angeführten Bereiche für Bildungswissenschaft von Interesse sind, weil sie sich auf Bedingungen und Erscheinungen beziehen mit den Menschen konfrontiert sind, was letztlich ihrer Schlussfolgerung im Kapitel entspricht, in meiner immer noch bestehenden Traurigkeit wird dieser Mangel allerdings der scheinbaren Perspektivlosigkeit meiner Recherchen zugefügt und füttert dabei einerseits meine Traurigkeit, andererseits scheint er zu bestätigen, dass die Bedeutung von Emotionen für den Bereich der Bildung nur unzureichend untersucht ist.

Denn darum geht es bei meiner Traurigkeit. Nach und nach habe ich mir erarbeitet wahrnehmen zu können wie Emotionen in Bildungskontexten wirksam sind, überall kann ich sie jetzt erkennen und beobachten, es bleibt aber ohne Konsequenz. Ich nutze die Freiräume und Möglichkeiten, die mir der strukturelle Rahmen lässt, um meine Erkenntnisse anzuwenden, das ist für mich selbst hilfreich, es ändert aber nichts. Ich kann es nicht vermitteln und ich habe nichts was diese Aufgabe für mich übernehmen kann. Keinen Anknüpfungspunkt, aber auch keinen Bedarf.

Bildung werden ja manchmal fast Zauberkräfte zugesprochen, Bildung hat die aber nicht. Am leichtesten scheint es mir zu sein Emotionswissen für eigene Vorteile innerhalb eines bestehenden Systems zu verwenden, Emotionswissen für Veränderungsprozesse einzusetzen erscheint mir ungleich schwieriger. Zum momentanen Zeitpunkt tendiere ich sowieso zu der Haltung, die von einigen Kritikern vertreten wird, dass Menschen ihr Verhalten erst dann ändern, wenn es bereits zur Katastrophe gekommen ist. Erst wenn unsere Ressourcen erschöpft sind werden wir merken, dass wir bereits vorher andere Entscheidungen hätten treffen müssen.

Meine Nachbarin tut gut daran zu ihrem Vorstellungsgespräch frisch gestylt, mit neu gefärbtem Haar und freundlichem Lächeln zu erscheinen, durch Erscheinungsbild, Auftreten und Verhalten positive Emotionen zu erzeugen und eventuell auftretende negative Emotionen unter Verschluss zu halten. Sie tut gut daran ein angemessenes, gepflegtes Auto zu fahren und eine respektable Adresse vorzuweisen. Mit all dem erzeugt sie ein Bild, das eine Bewertung durch Emotionen erfährt.

Die Enkelin lernt vermittelt über Emotionen zu bewerten, dass Kinder benachteiligt sind, die in die Grundschulbetreuung gehen, und dass nur Familien Kinder angemessen betreuen und ihnen eine angemessene Bildung in der Freizeit zukommen lassen können. Schulen in der Zuständigkeit von Personen mit dieser Haltung organisieren ihr Nachmittagsangebot entsprechend dieser Kriterien und bestätigen dadurch die entsprechenden mit Emotionen verbundenen Vorurteile. Weltbilder werden geschaffen, über Emotionen abgesichert und reproduziert. Diese Weltbilder können sehr vielfältig sein.

Und so stehen sich dann Menschengruppen und Einzelpersonen gegenüber und versuchen Begründungen für das zu finden, was sie als richtig empfinden. Und statt zu untersuchen, was eigentlich die Prämissen in Form der Weltbilder sind, worin die Unterschiede bestehen und warum man sich mit dem einen wohl fühlt, mit dem anderen aber nicht, wird die eigene Position, das eigene Empfinden, die eigene Bewertung durch Emotionen im Extremfall mit Klauen und Zähnen verteidigt. Und dann wird noch die Machtkarte ausgespielt und so bleibt in der Regel weitgehend alles wie es war.

Mich macht das jetzt traurig. Mich macht es auch traurig, dass ich so schlecht vermitteln kann was ich wahrnehme. Es wäre ganz einfach dem Jungen mit den ängstlichen Augen in der Ecke die Angst zu nehmen. Es bräuchte mehr Menschen, die sich kompetent darum kümmern und die auf Emotionen positiv wirkende Strukturen schaffen. Dazu muss aber dieser Aspekt auch beabsichtigt sein. Also behält die Großmutter doch Recht mit dem was sie ihrer Enkelin vermittelt.

Emotionen wirken in vielfältiger Weise stabilisierend und formend auf gesellschaftliche Praktiken und Bedingungen. Zum Vorteil, aber ebenso zum Nachteil. Das Bildungssystem befindet sich dabei mitten drin. Es steckt voller Emotionen, voller Bewertungen und Praktiken aufgrund von Emotionen und es formt dabei die Emotionen der Involvierten. Es trägt Bewertungen der Welt weiter und erschafft sie immer wieder neu. Ob Noten, Zertifikate, Inhalte, ob Art des Lernens, gesellschaftliche Positionen, ob Verhalten oder Aussehen, alles, alles erhält das was Damasio als emotionale Marker bezeichnet. Ich bevorzuge meinen eigenen Begriff des emotionalen Taggings.

Da kann man nichts machen, das ist so, ist auch nicht an sich ein Problem. Ich halte es allerdings für notwendig, dass man sich darüber bewusst ist. Ich bewerte die Angst des Jungen als etwas das vermieden werden kann. Ich gerate in einen Erregungszustand und möchte etwas dagegen unternehmen. Eine andere Bewertung kann allerdings gerade von einem Jungen Härte erwarten und die Angst als etwas einstufen, bei dem er lernen muss es auszuhalten und nicht zu zeigen.

Es wäre gut nicht darüber zu streiten was richtig oder falsch ist, sondern herauszufinden von welchen Prämissen wir ausgehen. Was sind eigentlich unsere über das Auftreten von Emotionen als Bewertungssystem vermittelten Annahmen? Und ganz zu unterst, was sind unsere Annahmen über den Menschen und über seine Gesellschaft? Wie weit geht das mit der Gleichwertigkeit der Menschen und wie weit ist die Gesellschaft mit ihren Institutionen für das Wohlergehen von Mensch und Gesellschaft eingerichtet? Und Macht kann durchaus auch anders eingesetzt werden als zugunsten der eigenen Position.

Denken ist mächtig, Emotionen sind es ebenso. Ich bleibe traurig, ich mag das nicht. Meine Traurigkeit führt mir aber etwas vor Augen, das ich ohne sie nicht so entdeckt hätte. Die Angst des Jungen ist auch der Hinweis auf einen möglichen Änderungsbedarf. Der rechte Umgang mit Emotionen umfasst nicht nur die Trauer anzuschauen, anzunehmen und sie nicht durch Abwehr zu verstärken, sondern auch die Chancen zu erkennen, die in ihrer Erfahrung liegen.

Das alles bringt mich zwar weiter, meiner meiner Bachelorarbeit allerdings keinen Schritt näher. 😉

Referenzen:

Gieseke, W. (2007). Lebenslanges Lernen und Emotionen. Wirkungen von Emotionen auf Bildungsprozesse aus beziehungstheoretischer Perspektive. Bielefeld: wbv.

Schiewer, G.L. (2014). Studienbuch Emotionsforschung. Theorien – Anwendungsfelder – Perspektiven. Darmstadt: WBG.

Gelassenheit

Hinter mir liegen ereignisreiche Tage. Ich bin noch immer damit beschäftigt das im letzten Jahr erworbene Wissen zu Emotionen anzuwenden und dabei zu testen, ob es zu Veränderungen führen kann. Es scheint so.

Anhand der Beobachtung von Verhalten und auftretenden Emotionen bei mir und den anderen Anwesenden einer mehrstündigen Betreuungssituation gelingt es mir durch Perspektivenübernahme und Rückverfolgung von Handlungsketten zu verstehen, wie sich eine problematische und unbefriedigende Situation entwickelt hat, welche Einflussfaktoren wirksam waren, welche davon andauernde sind, welche spezifisch für die Situation und was davon veränderbar war und was nicht.

Es gelingt mir zu erkennen, dass meine Entscheidungen angemessen waren, was meine Interessen sind und welche Möglichkeiten ich habe diese umzusetzen. Am Ende habe ich die Situation für mich so weit geklärt, dass sie selbst keine emotionale Belastung mehr für mich darstellt und ich für mich entscheiden kann, unter welchen Bedingungen ich mich erneut auf eine ähnliche Situation einlassen würde. Wo ich vorher emotional aufgewühlt war, kann ich sachlich argumentieren.

Im Zusammenhang mit meinen Recherchen zu Emotionen hat es sich ergeben, dass ich die Frage danach stelle, was ich selbst eigentlich unter sozialer und emotionaler Kompetenz verstehe und wo ich beides beobachten kann. Es führt mich zu der Schlussfolgerung, dass ich sehr viel normales und übliches Verhalten in unterschiedlichen Bereichen weder als sozial noch emotional kompetent einstufen kann. Das erschreckt mich und erlaubt mir unter anderem eine ganze Reihe von Problemfeldern der Bildungswissenschaft aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Es führt mich weiterhin dazu soziale Kompetenz in den Mittelpunkt zu stellen und nicht emotionale Kompetenz. Emotionale Kompetenz scheint soziale Kompetenz zu unterstützen, nicht umgekehrt. Den Fokus auf die Ausprägung sozialer und emotionaler Kompetenz bei der Betrachtung von Erscheinungen im Miteinander von Menschen zu richten, ermöglicht mir zum momentanen Zeitpunkt ganz neue Zusammenhänge zu erkennen.

Für mich schließt sich dadurch auch ein Kreis an Interessen, die ich im Verlauf meines Lebens und meines Studiums verfolgt habe. Das Strukturprinzip von Rassismus bleibt für mich dabei weiterhin grundlegend. Manipulationen der Weltsicht, die den eigenen Vorteil bei eigentlich nicht zu akzeptierenden Nachteilen anderer absichern, erlauben weiterhin die Erfahrung angenehmer statt unangenehmer Emotionen.

In einer Situation mit Privilegierten, die ihre Privilegien nicht wahrnehmen, ihrem eigenen Verdienst zuschreiben und die eigene Normalität als verbindlichen Maßstab für alle anwenden, bleibe ich ruhig und standhaft und lasse mich nicht dazu drängen diese Sichtweise zu übernehmen. Ruhig bringe ich Aspekte von Wirklichkeit ins Spiel, die diese Normalität anzweifeln. Hinterher fühlt es sich wie ein kleiner Sieg an, auch wenn nichts weiter gewonnen wurde als Integrität und dabei innere Ruhe. Ich habe mich nicht in ein Weltbild hineinziehen lassen, das die Wirklichkeit so interpretiert, dass alles und jedes die eigene Hochwertigkeit bestätigt. Das ermöglicht mir nebenher, dass ich dahinter den eigenen Kampf um Positionierung hervorschimmern sehe. Aus einer Bedrohung wird dadurch Mitempfinden bei einer klaren Grenzziehung und geringerer emotionaler Belastung.

Zum Abschluss des Wochenendes spielt Hagen Rether mit den Mitteln der Satire aufmunternd und zur Perspektiverweiterung geeignet ein wenig mit der Wahrnehmung von Wirklichkeit.

Aufgabe der Pädagogik in Bezug auf Emotionen

Andere Erfordernisse des Lebens haben meine Beschäftigung mit den Emotionen und ihre Bedeutung in der Bildung für zwei Tage in den Hintergrund gedrängt und es fällt mir etwas schwer mich an den letzten Stand zu erinnern und wieder den Einstieg zu finden.

Die Auseinandersetzung mit Inhalten des Readers von Buddrus (1992) hat mich in eine schwierige Lage versetzt. Er stellt Fragen nach der Bedeutung der Emotionen in der Pädagogik, die auch mich beschäftigen, die Antworten, die sich im Buch finden, nutzen mir jedoch letztlich wenig. Einerseits repräsentieren sie den Wissensstand einer vergangenen Zeit und die Suche danach, was die Autoren daraus entwickelt haben, ist nicht hilfreich. Auch in seiner Literaturliste kann das Buch aufgrund seines Alters keine Unterstützung für die Recherche bieten. Es ist eine Sackgasse.

Andererseits sind die beschriebenen Übungen zur Förderung einer Bewusstheit der Gefühle (der hier verwendete Begriff für Emotionen) vor allem auf die Wahrnehmung des Individuums von sich selbst ausgerichtet. Buddrus erwähnt dazu in der Einleitung, dass er neben anderem soziale und politologische Aspekte ausklammert.

Insgesamt präsentiert es Lösungen, Praktiken und Techniken einer vergangenen Zeit, an die ich mich noch gut erinnere, die für mich inzwischen unzureichend sind, das Buch gibt keinen Hinweis auf das, was sich daraus weitergehend entwickelt haben könnte. Das Wissen und die verwendeten Techniken waren zum damaligen Zeitpunkt meiner Einschätzung nach allerdings vollkommen ausreichend, es war ein großer Fortschritt sich der eigenen Emotionen bewusst zu werden, einen entspannteren Umgang damit zu finden, ihre Existenz zu berücksichtigen und sie sichtbarer werden zu lassen, es ist aber alles viel zu sehr auf das einzelne Individuum bezogen und daher nur ein erster Schritt. Und es bleibt die Frage danach, was in der Zwischenzeit möglicherweise weiterentwickelt wurde.

Bei den Fragen nach den Aufgaben der Pädagogik in Bezug auf die Emotionen versuche ich daher vorerst eigenständig diese in drei Bereiche zu unterteilen.

  1. Die Vermittlung der Anforderungen einer vielfältigen Gesellschaft in Bezug auf Emotionen.
  2. Förderung von Wissen in Bezug auf Emotionen im Interesse des Individuums. Dazu gehören Kenntnisse über die eigenen Emotionen und des Umgangs damit als auch Kenntnisse zum Erkennen der Emotionen und des Umgangs mit ihnen, die bei anderen auftreten.
  3. Förderung der Reflexionsfähigkeit beider Bereiche.

Die ersten beiden Punkte bewegen sich im pädagogischen Spannungsfeld zwischen Anpassung an gesellschaftliche Anforderungen und Entfaltung des Individuums und stehen in einem engen Zusammenhang mit Erziehung. Hier müssen Problematiken von Regulierung für das Individuum, wie Entfremdung, Unterdrückung und zu stark einschränkende Begrenzung, in Balance gebracht werden mit den Anforderungen, die für Gemeinschaften schädlichen Emotionen und den Umgang damit zu kontrollieren. Besondere Beachtung erfordern dabei die Auswirkungen von Machtkonstellationen.

Der dritte Punkt repräsentiert für mich am stärksten die Ansprüche und Anforderungen von Bildung im Sinne der Aufklärung als Schulung der Vernunft. Es ist die Befähigung über das was im Bereich der Emotionen vor sich geht und Verwendung findet zu reflektieren. Das kann dafür eingesetzt werden Problematiken zu erkennen und den Umgang mit Emotionen zu verbessern, aber auch nur um ein besseres und bewussteres Verständnis zu entwickeln.

Buddrus (1992, S. 37) bemerkt, dass er bei der Beschäftigung mit der Geschichte des pädagogischen Dilemmas im Umgang mit den Gefühlen festgestellt hat, dass viele Problemstellungen schon lange bekannt sind, je nach Zeitgeist ganze Dimensionen aber aus dem Blick geraten können. Ich sehe hier einen Zusammenhang damit, dass aufgrund der Art des Umgangs mit dem Themenbereich Emotionen eine Reflexion aus einer übergeordneten Perspektive nur unzureichend erfolgt (dazu: Tagung Bildung und Emotion).

Ich hatte über lange Zeit mit der Problematik zu tun, dass sich Emotionen immer wieder dem Blick entzogen und dadurch verschwunden sind. Sie haben in der Tradition der Betrachtung des Menschen und seiner intra- und interpersoneller Beziehungen in diesem Kulturkreis anscheinend keine Position, die es fortdauernd erforderlich macht auf sie zu achten. In der Beobachtung von politischen und ökonomischen Vorgängen lässt sich feststellen, dass das emotionale Erleben von Menschen keine Priorität hat und die Zielsetzungen von Politik und Ökonomie nicht vorrangig darauf ausgerichtet sind (dazu: Politik der Gefühle). Emotionale Gegebenheiten finden Berücksichtigung, wenn Störungen oder Notwendigkeiten der Verbesserung von Abläufen des erforderlich machen, Ökonomie und Politik sind aber nicht an sich darauf ausgerichtet die emotionale Befindlichkeit von Menschen zu fördern, können diese bei der Verfolgung ihrer eigenen Interessen sogar massiv stören.

Es gibt Bereiche der Gesellschaft, in der Emotionen eine andere Rolle spielen, dabei handelt es sich allerdings nicht um in der Gesellschaft dominante Bereiche. Macht- und Interessenverhältnisse haben jedoch einen großen Einfluss auf das, worauf sich innerhalb von Gesellschaften der Fokus richtet. Bildungspolitik als Teilbereich der Politik ist nicht aus sich heraus auf die emotionale Befindlichkeit von Menschen ausgerichtet, kann diese allerdings bei Bedarf einbeziehen.

Es ist etwas schwierig verständlich zu machen. Es ist so etwas wie der Unterschied darin, ob in einer Gesellschaft der Fokus auf Bruttosozialprodukt oder auf Bruttosozialglück gerichtet wird. Beides führt zu anderen Konsequenzen. Ich will dabei weder das eine noch das andere favorisieren, nur verständlich machen, dass die jeweilige Ausrichtung andere Dinge betont und andere Handlungskonsequenzen nach sich zieht.

Es erklärt sich die untergeordnete Position von Emotionen, die zu ihrem Verschwinden aus der Wahrnehmung führt, wenn sie sich nicht aus sich selbst heraus bemerkbar machen. So kommt es dazu, dass Emotionen kein kontinuierlicher Beobachtungsbereich bleiben, was eine Akkumulation von Informationen, Wissen und Erfahrungen erschwert. Gewonnenes Wissen verschwindet wieder. Ein anderer Zeitgeist muss dann einen neuen ihm entsprechenden Zugang gewinnen und kann nicht einfach vorhandenes Wissen fortführen und dabei anpassen.

Ein bisschen weit aus dem Fenster gelehnt? Vielleicht, aber nicht so ganz abwegig. Feststellen kann ich, dass bei mir nach wie vor eine Verwunderung über die Art bleibt, in der Emotionen Berücksichtigung bzw. keine Berücksichtigung finden, die mich immer wieder über die Ursachen rätseln lässt. Verschwunden sind dagegen Minderwertigkeitsgefühle aufgrund des Themas, genauso wie Zweifel an seiner Bedeutsamkeit. Es wird auch immer klarer, dass Emotionen untrennbarer Bestandteil pädagogischer Praxis sind. Wenn ein Mangel besteht, dann besteht der am ehesten in einem Mangel an Bewusstheit.

Referenz:

Buddrus, V. (Hrsg), 1992. Die „verborgenen“ Gefühle in der Pädagogik. Impulse und Beispiele aus der Humanistischen Pädagogik zur Wiederbelebung der Gefühle. Hohengehren: Schneider.

Bewusstheit der Emotionen

Wie funktioniert Lernen? Wie funktioniert der Weg zu Verständnis?

Walpurgisnacht und 1.Mai mit seinen vielen Ausflüglern liegen hinter mir, die neue Woche startet in einem wunderschönen, gelblichen Licht in einer nebelverhangenen Landschaft, mit frischer, kalter Luft und Vogelzwitschern, vermengt mit den Geräuschen der zunehmenden Arbeitsaktivitäten.

Hatte ich noch gestern den Eindruck, ich hätte vor allem herumgehangen, wäre nicht zu sehr viel gekommen, hätte Geplantes nur vor mir hergeschoben und wäre deshalb deprimiert, so fügt sich im Morgengrauen ein überraschendes Bild von Aktivitäten zusammen. Ich habe etwas gänzlich anderes getan als ich geplant hatte. Und das hat sogar seine eigene innere Logik.

Das wofür Walpurgisnacht steht war dabei völlig ohne Bedeutung, das wofür der Tag der Arbeit steht hatte dagegen eine hohe Brisanz. Es waren vor allem zwei Filme, Joschka und Herr Fischer, Aspekte der Geschichte der Bundesrepublik aus der Perspektive von Joschka Fischer, und Inequality for All über Theorien von Robert Reich, die als Input im Hintergrund verarbeitet wurden. Weiterhin tritt aus der Erinnerung das Bild einer Frau hervor, die ich beim Kauf meiner Wochenvorräte am Samstag im Vorbeigehen gegrüßt habe. Ich hatte sie sehr lange nicht gesehen, sie ist für mich aufs engste mit einem Kurs über Methoden zur Achtsamkeitsförderung verbunden, den sie vor vielen Jahren einmal über die Volkshochschule angeboten hat. Ich habe sie als Schülerin in dem Kurs gefragt, wozu diese Methoden dienen, wofür sie verwendet werden. Sie hat mich nur angeschaut und ist mir auf immer eine Antwort schuldig geblieben. Dazwischen mischt sich das Bild des Ausverkaufs eines Ladens für Bastel- und Schreibbedarf, der schließt, weil er sich nicht mehr rentiert und verbindet sich mit dem Bild weiterer Läden an anderen Orten und zu anderen Zeiten.

Wie funktioniert das mit dem Lernen? Es gibt Input, irgendwo her, in meinem Fall vermittelt über soziale Netzwerke, weiterhin über das Fernsehen und aus dem Alltag heraus. Das wird bunt gemischt, mit dem versetzt was bereits im Speicher an Wissen und Fragen vorhanden ist und im Hintergrund verarbeitet. Während der Verarbeitung blitzen Emotionen auf, Assoziationen, Gedanken, vielleicht kommt es zu Träumen, dann ist irgendwann ein Produkt da. Bei mir meist im Morgengrauen.

Das Ergebnis ist dieses Mal weitreichend und komplex, ich würde lange benötigen es darzustellen. Auf dem Hintergrund meiner Fragen nach der Bedeutung der Emotionen in Bildungskontexten komme ich zu dem Ergebnis, dass es durch eine Verbesserung der Bewusstheit der Emotionen keine Möglichkeit der Veränderung wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Bedingungen gibt. Bewusstheit kann zwar dazu beitragen die psychische Gesundheit besser zu erhalten, kann aber genauso Dinge sichtbar machen, mit denen ein bewusster Umgang sehr schwer ist.

Ich will das an dieser Stelle nicht weiter ausführen. Für mich wird dabei sichtbar was mich gestern deprimiert hat. Im Sonnenlicht des beginnenden Tages kann ich entspannter damit umgehen. Es ist wie mit jeder anderen Bewusstheit auch, sie hilft zu verstehen. Möglicherweise gelingt es dadurch besser Entscheidungen zu treffen, die auch ein besseres Ergebnis liefern. Das war es aber auch schon. In Gedanken gehe ich noch einmal zu Problemsituationen zurück und stelle die Frage danach, wie weit eine größere Bewusstheit und ein umfassenderes Verständnis von Emotionen hätte ändern können, was aus den Situationen heraus entstanden ist.

Das ist sehr interessant, denn es führt mich zu Interessenskonflikten zwischen Menschen. Und es führt mich zu den Theorien, nach denen Denken, Emotionen und Handeln nicht getrennt werden können. Wenn Emotionen nicht als losgelöste, abgetrennte Erscheinungen eingestuft werden, so drücken sich in ihnen die Einschätzungen aus, die Menschen haben, und diese Einschätzungen stehen in einem starken Zusammenhang mit ihrer kognitiven Verarbeitung.

 

Die Entscheidungen, die in der Vergangenheit getroffen wurden, wurden nicht wegen der heftigen Emotionen getroffen. Es waren keine emotionalen Entscheidungen. Die begleitenden Emotionen lieferten nur die deutlich spürbaren Bewertungen, die ihre Gründe aber in unverträglichen Interessen von unterschiedlichen Menschen hatten. Es waren keine emotionalen Entscheidungen, auch wenn heftige Emotionen aufgetreten sind. Es waren Entscheidungen aufgrund der bestehenden Problemlagen. Kein Handeln im Affekt. Andere Entscheidungen hätten eine andere Betrachtung der Welt vorausgesetzt. Nicht die Wut ist der Grund dafür Ausbeutung nicht zu dulden. Sondern es ist die Tatsache der Ausbeutung, die durch Wut bewertet wird. Die Entscheidung ist die Antwort auf die Frage, ob man Ausbeutung hinnehmen will oder muss oder ob man sie abweisen will oder kann. Nicht die Wut entscheidet, sie begleitet die Entscheidung nur, die aber unter Einbeziehung von weit mehr Informationen getroffen wird. An dieser Stelle ergibt sich sinnvoll die Frage danach, wer Regeln für einen angemessenen Ausdruck von Emotionen für wen aufstellt.

 

Es sind immer vollständige Menschen, die durch die Welt laufen. Im Verlauf unserer Sozialisations-, Erziehungs- und Bildungsprozesse verbinden sich Emotionen und gedankliche Konstruktionen der Welt zu einem untrennbaren Ganzen. Bewusstheit macht das besser sichtbar. Mehr nicht. Möglicherweise können wir mit mehr Vernunft entscheiden, möglicherweise können wir uns in dem Bewusstsein begegnen, dass keine Weltkonstruktion, und dadurch auch nicht die damit verbundenen Emotionen, die richtige ist. Dass es sowieso nicht darum geht was richtig oder falsch ist, sondern darum zu sinnvollen Lösungen nach vernünftigen Maßstäben zu kommen. Möglicherweise können wir dafür sogar unsere unterschiedlichen Machtpositionen nicht wirksam werden lassen.

Langsam entfaltet sich der Tag. Es gibt Probleme zu lösen und es muss Konflikten begegnet werden. Es geht darum bewusst zu bleiben und offen. Es werden Emotionen auftreten, die ertragen werden müssen, und Emotionen, die den Wunsch nach Fortdauern wecken. Es wird sinnvoll gehandelt werden und unsinnig. Es werden Dinge anders sein und es werden Dinge gleich bleiben. Es wird Aufregung geben und wieder Ruhe. Es wird Glück geben und Pech.

Möglicherweise geht es darum, dass Bewusstheit eine interessante Methode ist den Anforderungen, Problemen und Möglichkeiten des Lebens zu begegnen. Möglicherweise geht es auch einfach nur darum, dass in dem Wort Bildung die Entfaltung und Weiterentwicklung des Menschen enthalten ist und Bewusstheit und Bewusstsein Weiterentwicklungen darstellen.