Bildungsmäuschen

Startseite » Beitrag verschlagwortet mit 'Aufklärung'

Schlagwort-Archive: Aufklärung

Die Widersprüche der Aufklärung

In allen Einrichtungen für Kinder in denen ich arbeite, grassieren seit Monaten Krankheiten. Manche davon kehren immer wieder, und in der einen Einrichtung wurden jetzt Regeln dafür ausgehängt wie lange Kinder und Mitarbeiter zuhause bleiben sollen, wenn sie davon betroffen sind. Es ist dadurch alles etwas anders, Kindergruppen sind anders zusammengesetzt, Mitarbeiter übernehmen andere Arbeiten als sonst, Abläufe werden umgebaut, Gewohntes durchbrochen. Mir hat das ganz neue Eindrücke geliefert. Zum Lesen und Schreiben von Texten bin ich in der letzten Woche allerdings kaum gekommen, zum Reflektieren jedoch in gewohntem Umfang, denn das lässt sich gut in den Zeiten machen in denen Körper und Geist Ruhe benötigen. Reflektieren ist die Bearbeitung des Aufgenommenen und hilft dabei Dinge zu klären, zu Schlüssen zu kommen und neue Pläne zu entwickeln. Inzwischen bin ich allerdings selber nicht mehr ganz gesund. Mehr Zeit mit Krankheitserregern im Umfeld, mehr Risiko der Ansteckung?

Beim Herumliegen-müssen, aber nicht richtig schlafen können, gefangen in einem Körper der sich beschädigt anfühlt, schweifen meine Gedanken durch die Erfahrungen der letzten Woche, meine Lektüre der letzten Zeit und die Aktivitäten im Netz. Es kommt zu einer Reflexion über größere Zusammenhänge.

Auf der einen Seite fügt eine erneute Beschäftigung mit der Zeit der Aufklärung dem was mich umtreibt erstaunlich Zusammenhänge bei. Ich komme nur in sehr kleinen Portionen voran, gewissermaßen im Schneckentempo, den Anlass für mein Interesse haben dabei die Anregungen der letzten Präsenzveranstaltung Mitte Februar geliefert.

Für die Lektüre habe ich mir einer sehr kompakte, gut verständliche Zusammenfassung von Barbara Stollberg-Rilinger zur Aufklärung gewählt sowie von Rainer Roth Sklaverei als Menschenrecht. Rassismus und damit verbunden Sklaverei gehören zu den dunklen Seiten der Aufklärung. Dunkle Seiten zu betrachten erlaubt eine Prüfung der Konsistenz von Vorstellungen und ihrer Umsetzung.

Ich bin schon sehr frühzeitig auf diese Methode gestoßen, da ich bereits als kleines Kind mit für mich unlösbaren Widersprüchen konfrontiert wurde. Hier ergibt sich auch der Zusammenhang mit meinem Interesse an Emotionen. Widersprüche werden häufig in einer nicht sofort beschreibbaren Form wahrgenommen. Gerade für Kinder sind sie häufig nur über den Weg von Emotionen wahrnehmbar. Widersprüchliche Anforderungen, sich widersprechende Äußerungen und Verhaltensweisen aus denen keine Konsistenz gewonnen werden kann, führen zu Erregungszuständen. Diese Zustände werden als Emotionen wahrgenommen und verarbeitet. Sie liefern Informationen über die Welt, die noch nicht reflektiert werden können. Es kommt noch nicht zu einem bewussten Verstehen, das Verstehen bleibt auf einer Ebene des unbewussten unreflektierten Wissens. Aber auch in dieser Form bleibt es vorhanden, kann hervorgeholt und bearbeitet werden.

Rainer Roth wurde 1944 geboren und war Professor für Sozialwissenschaften. Sein  Buch ist im Jahr 2015 erschienen und kann über den DVS Verlag in Frankfurt bezogen werden. Das ist nur direkt oder über eine Buchhandlung möglich. Die Versandkosten sind im günstigen Preis inbegriffen. Rainer Roth hat eine Mission und noch viel vor. Das Buch ist Teil des Plans einer umfassenden Kritik der bürgerlichen Revolution und als nächster Band soll Lohnsklaverei als Menschenrecht folgen.

Mich hat der Titel elektrisiert und der Inhalt führt zu große Augen. Die Beschäftigung mit der Geschichte der Sklaverei hat in der Vergangenheit bei mir viele Tränen ausgelöst. Die Beschäftigung mit den Menschenrechten hat dagegen Freude in mir aufkommen lassen. Die modernen Menschenrechte dienen mir immer noch als eine Orientierung.

Nun kommen mein Hintergrund der Fragen nach der Bedeutung der Emotionen mit einem Blick auf die Aufklärung zusammen, die diese Zeit für mich aus der Sicht der Menschen, die damals gelebt haben, aus der Situation heraus, in der sie sich befunden haben, nachvollziehbarer macht als zuvor. Die Aufklärung war weder plötzlich da, noch war sie einheitlich. Sie hat sich auch nie auf alle Menschen bezogen und bedeutete das Ringen um eine Strukturveränderung, durch die Machtverhältnisse anders als zuvor verteilt wurden.

Hier passt dann wieder das Buch von Roth hinein und ich beschließe mich jetzt endlich einmal auch mit der Dialektik der Aufklärung von Horkheimer und Adorno zu befassen.

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit galten nie für alle Menschen. Das ist bis heute so geblieben. Auf der einen Seite findet sich daher eine Ideologie, die scheinbar allen Menschen gleichermaßen ein Versprechen gibt, das aber auf der anderen Seite nicht eingelöst wird. Dafür müssen Begründungen gefunden werden, vernünftige Begründungen, denn der Geist der Aufklärung wendet sich vom Glauben ab und dem Verstehen zu. So kommt es unter anderem zu einer Vielzahl von Zuschreibungen in Bezug auf Gruppen von Menschen. In diesen Zusammenhang lässt sich wiederum das Syndrom der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit von Heitmeyer stellen.

Die Aufklärung förderte den Rassismus und sie förderte die Sklaverei. Sind bestimmte Menschen von einer anderen Art, so müssen sie nicht als Gleiche behandelt werden. Dadurch können im Zusammenhang mit Sklaverei je nach Bedarf Gruppen bestimmt werden, die dem Vieh gleichgestellt sind und rechtlich abgesichert zum verfügbaren Besitz ihrer Herren bestimmt werden können.

Es ist eine alte Geschichte und emotional tief verankert. Im Netz habe ich eine Karte gesehen auf der Orte gepinnt waren, an denen Aktivitäten zur Woche des Rassismus stattfinden. Vor meinen Augen sehe ich die Erscheinungen der Welt mit Pins und jeder Pin enthält zwei Anhänger. Auf dem einen sind Sterne für angenehme, positive Emotionen, auf der anderen Sterne für unangenehme, negative Emotionen. Alle Erscheinungen sind in irgendeiner Weise mit beiden Ausprägungen von Emotionen besetzt, die jeweils eine Gesamteinschätzung liefern.

Unsere kulturellen Vorstellungsbilder wurden und werden Tag für Tag weitergegeben. Wir haben keinen zwingenden Grund zu rekonstruieren woher unsere Einschätzungen und Selbstverständlichkeiten kommen. Wir können in der Komplexität sozialer Vorgänge sowieso nicht vollständig nachvollziehbar machen weshalb wir bestimmte Dinge positiv, andere negativ einschätzen, weshalb wir das eine als normal, das andere als nicht normal zuordnen. Warum wir daher das eine meiden und bekämpfen und als falsch einschätzen, das andere wiederum bevorzugen, uns damit wohl fühlen und als richtig einstufen.

In Bildungskontexten geben wir das alles weiter. Ungleichwertigkeit ist Bestandteil unserer Kultur. Unsere Ideale scheinen allerdings etwas anderes vorzusehen. Daher kommt es fortdauernd zu Widersprüchen und Unstimmigkeiten. Diese wiederum werden durchaus wahrgenommen, eben auch auf der Ebene der Emotionen. Die Gründe dafür werden aber nicht zwangsläufig verstanden. Negative Emotionen führen ggf. zu Abwehr- und Vermeidungsverhalten, positive zu Bevorzugungen.

Nach meiner Einschätzung ist ein Verstehen und Aufdecken dieser Vorgänge möglich, allerdings nicht ihre Beseitigung.

Damit sehe ich mich momentan in Bildungskontexten konfrontiert und ich finde es sehr schwierig damit umzugehen. Es ist so wie in den Situationen wenn ich etwas Unübliches mit einer Kindergruppe mache und von den einen Eltern wird das als gute Idee und sehr positiv eingeschätzt und die anderen Eltern halten es für unverantwortlich. Es gibt dafür keine zufriedenstellende Lösung. Was bleibt ist die fortdauernde Reflexion und wenn möglich Kommunikation.

Damit bin ich bei den Netzaktivitäten angelangt. Seit ich ein Smartphone besitze, nutze ich das Netz anders. Seitdem ich veranlasst durch einen Kurs zur Sicherheit in sozialen Netzwerken bestimmte Änderungen in den Einstellungen bei Facebook vorgenommen habe, bekomme ich eine andere Auswahl an Nachrichten. Es ist wesentlich auffälliger geworden dass ich mich in einer Filterblase aufhalte, gleichzeitig motiviert mich Größe und Art der Darstellung auf dem Smartphone sowie Eingabeart weniger mich zu äußern. Ich überfliege Nachrichten schneller ohne ihnen weiter nachzugehen oder schiebe sie gleich ganz weg. Dazu kommt, dass eine permanente Präsenz notwendig scheint, um bestimmte Dinge am Laufen zu halten. Von vielen Post fühle ich mich inzwischen auch genervt, weil sie hingeworfene Fetzen ohne ausreichenden Kontext und Konsequenzen sind. Lernen sollte zu Konsequenzen führen. Im Netz werden diese Konsequenzen für mich aber kaum sichtbar. Dazu kommt, dass vieles viel zu einseitig ist, Komplexität unzureichend abbildet und es Bereiche gibt in denen so etwas wie eine Übereinkunft zum Gut-drauf-sein und zum Alles-wird-immer-besser zu existieren scheint.

In meinem beruflichen Alltag nehme ich dagegen momentan keine von mir positiv zu bewerteten Veränderungen wahr. Alles was aufgewühlt war, beginnt sich wieder in einer gewohnten Form zu ordnen. Mein Eindruck ist dabei allerdings, dass die Qualität abgenommen hat. Dinge werden irgendwie getan, Konzepte, Ziele und Pläne werden für mich nicht sichtbar. Was ich aus meiner Position heraus wahrnehme läuft auf billig, willig, Masse statt Klasse und Filz hinaus.

In gewisser Weise passen die Wahlerfolge einer Partei wie der AfD dazu, die Lösungen anbietet, die schon in der Vergangenheit ganze Menschengruppen massiv benachteiligt und damit eigentlich keine Lösungen vorzuweisen haben.

Fazit für mich: Das Bildungssystem bleibt ein von der gesamten Gesellschaft untrennbares Teilsystem. Gesellschaftliche Widersprüche haben eine lange Tradition und finden sich auch dort. Sie können nicht im Bildungssystem selbst gelöst werden und das Bildungssystem selbst eignet sich daher nicht dafür Menschen zu befähigen gesellschaftliche Widersprüche aufzulösen. Was das Bildungssystem allerdings zu leisten vermag ist zu lernen diese Widersprüche zu erkennen und mit ihnen zu leben.

Referenzen:

Horkheimer, D. & Adorno, Th. W. (2006). Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. (16. Aufl.). Frankfurt: S.Fischer.

Roth, R. (2015). Sklaverei als Menschenrecht. Über die bürgerlichen Revolutionen in England, den USA und Frankreich. Frankfurt am Main: DVS.

Stollberg-Rilinger, B. (2011). Die Aufklärung. (2.überarbeitete und aktualisierte Ausgabe). Stuttgart: Reclam.

Advertisements

Nach der PV auf der Wewelsburg

Nach der Präsenzveranstaltung Erziehen um zu Diskriminieren auf der Wewelsburg ist einiges ein bisschen anders. Veränderungen und wodurch sie entstanden sind, das ist nicht immer leicht zu beschreiben, auch diese Mal werde ich nicht so recht schlau daraus. Ich habe ein paar Tage verstreichen lassen, andere Lerninhalte in mich eingefüllt und blicke jetzt noch einmal auf das zurück, was als bedeutsam hängen geblieben ist.

Es sind vor allem zwei Aussagen:

  1. Ungleichheit zwischen Menschen ist nicht an sich das Problem, Probleme ergeben sich aus der Annahme, dass Ungleichheit gleichzeitig Ungleichwertigkeit bedeutet.
  2. Wirklichkeit wird innerhalb einer Gesellschaft konstruiert. Auch das stellt kein Problem an sich dar. Probleme können sich allerdings durch den Inhalt der jeweiligen Wirklichkeitskonstruktion ergeben. Wer oder was wird dadurch benachteiligt, beschädigt, deformiert, gekränkt usw., wird dabei also geschädigt oder eingeschränkt. Schule ist untrennbarer Bestandteil dieser gesellschaftlichen Wirklichkeitskonstruktion.

Dazu kommt noch:

  • Die Aufklärung war darauf ausgerichtet einen idealen Menschen zu erschaffen. Daraus hat sich in bester Absicht ein rassistisches Weltbild entwickelt, das von den Nazis in spezifischer Weise differenziert wurde. Kant kann bereits den Kritikern der Aufklärung zugerechnet werden.
  • Ein Klassenzimmer ist genauso wie eine Betreuungsgruppe von Kindern ein Ort der Emotionen.
  • Ich verfüge über spontane Rituale zum Ausdruck von starken Emotionen, die ich allerdings in der Regel nur sehr versteckt verwende, wenn ich dabei beobachtet werde.

Es sind persönliche Listen. Die erste Liste stellt eine mich momentan zufriedenstellende Ausgangsbasis dar, die zweite Liste verweist auf das womit ich mich weiter beschäftigen möchte.

Die PV hat mir sehr viel Klarheit vermittelt. Wie sie das gemacht hat? Es war das Zusammenwirken von Ort, Referaten und Menschen. Es hat mir ermöglicht diese ganzen „Naziwelten“ hinter mir zu sehen, in der Vergangenheit. Weiterwirkend, ja, aber mir ist bewusst geworden wie viele Menschen daran gearbeitet haben und weiter daran arbeiten sie zu überwinden oder vielleicht auch nur ihr Weiterwirken abzuschwächen. Und dass es vollkommen berechtigt und vielleicht sogar eine Pflicht ist auf Faktoren hinzuweisen und gegen sie anzugehen, die den „Nazigeist“ fördern.

Mich hat das beruhigt. Und bei einer Fortbildung zum Down-Syndrom, in der auf den momentanen Stand der Frühdiagnostik und ihre Folgen eingegangen wurde, konnte ich eine Verbindung herstellen und habe sie auch geäußert. In gewisser Weise kann ich mich jetzt entlastet meinem eigentlichem Interesse zuwenden. Und das ist zu einem beträchtlichen Teil die Sortierung dessen, was da so alles mit den Emotionen los ist. in Bezug auf Bildung selbstverständlich.

Emotionen und der Geist der Aufklärung

Ich liege auf meinem Sofa und heile. Eine warme Decke schützt mich gegen die winterliche Kälte. Ich mag gar nicht aufstehen. Wegen der Kälte draußen nicht, aber auch weil sich das Heilen so gut anfühlt. Durch den Frost werden am Fenster Spinnwebgirlanden sichtbar. Zarte zerbrechliche Gebilde, die ich sonst nicht bemerke. Ich mag den Winter in meiner Heimat. Die tiefstehende Sonne, die Helligkeit des Schnees, die langen dunklen Nächte, in denen es sich gut denken lässt. Am Tag weiß überkrustete Bäume und dazwischen zarter Rauch, der sich aus den Schornsteinen der Häuser schlängelt.

Langsam fügt sich mehr und mehr zusammen. Wie das mit der Bildung ist und wie mit den Emotionen. Ein Satz vom Beginn des Studiums taucht wieder in meinem Kopf auf.

“Bildung kann in eigener gedanklicher Anstrengung Sozialisation und gesellschaftliche Einflüsse durchschauen, um ihrer Dominanz nicht dauerhaft und widerstandslos ausgesetzt zu sein.”

Ich bin mir immer noch nicht sicher von wem der Satz stammt. Zu Beginn meines Studiums habe ich noch Sätze festgehalten, ohne sie mit den Autoren zu verbinden. Ich meine aber, es sei Andreas Dörpinghaus gewesen. Bei der Recherche nach Literatur von ihm stoße ich auf etwas, das ich gebrauchen kann.

„Für von Humboldt besteht die Bildung des Menschen darin, alle seine individuell verschiedenen Kräfte, Verstand und Vernunft, moralisches Handeln, Emotionen[!], künstlerische Gestaltungen und Phantasie so zu fördern, dass kein Vermögen ein anderes behindert oder gar unterdrückt.“ (Dörpinghaus, 2009, S.4)

Das ist neben Emotionen und Bildung der dritte Bestandteil für meine Auseinandersetzung. Die Ansprüche der Aufklärung und ihre Umsetzung.

Gestern hatte ich einen jetzt gut passenden Comic zu der Problematik gefunden. „But technology alone is not enough. We must engage with our hearts also.“ (Goodall, 2016) Der Begriff Herz ist dabei als Gefühle und Emotionen und deren Auswirkungen und Verbindungen zu anderen Teilen des menschlichen Innenlebens zu verstehen. Gefühle und Emotionen als Motivatoren für Lernen und Forschen.

Ich weiß nicht wer auf die Idee gekommen ist, dass Verstand und Emotionen nicht gut zusammenpassen oder dass Emotionen dem Verstand untergeordnet sein sollten. Ich weiß noch nicht einmal auf welchem Weg solche Gedanken zu mir gekommen sind, um ein Gegenstand der Auseinandersetzung zu werden. In der Schule ist es meinen Lehrern gelungen meine Kritik- und Reflexionsfähigkeit zu fördern. Ich weiß nach sehr vielen Jahren auch noch genau welche Personen sich dabei hervorgetan haben. In Bezug auf das Verstehen von Emotionen habe ich aber viel zu wenig gelernt und es ist mir noch nicht einmal aufgefallen.

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“ (Kant, 1784)

Dieser vielzitierte Satz wird als so etwas wie eine Grundaussage der Aufklärung verstanden.

„Der Mensch wird eben nicht gebildet, sondern er bildet sich, und zwar ausschließlich in der reflexiven Auseinandersetzung mit sich, der Welt und in der Diskussion mit anderen Menschen und Kulturen.“(Dörpinghaus, 2009, S.5)

Da steht nichts von Emotionskontrolle, Emotionsmanagement oder von einer untergeordneten Position der Emotionen. Da steht eine klare Aufforderung sich mit allem zu beschäftigen, allem auf den Grund zu gehen. Und das schließt Emotionen mit ein. Emotionen können Reflexions- und Untersuchungsgegenstand sein, so wie das auch das Denken sein kann.

Was ist überhaupt dieser Verstand? Das ist nicht die Gesamtheit des Denkens, sondern der Versuch etwas zu verstehen und zu begreifen, es nachvollziehbar zu machen, zu fragen und Antworten zu suchen, abzuwägen. Dies ist das Bildungsideal der Aufklärung und die Wurzel der modernen Wissenschaft. In der Zeit des Nationalsozialismus sollte geglaubt, gedacht und gefühlt, aber nicht reflektiert werden. Kein Nachdenken, bitte, denn alles ist bereits erklärt und die Welt wurde bereits für die nächsten 1000 Jahre geordnet.

„Der Verstand ist in der Philosophie das Vermögen, Begriffe zu bilden und diese zu Urteilen zu verbinden.“ (Wikipedia)

Verstand kann als eine Arbeitsmethode verstanden werden. Eine Arbeitsmethode, die auf Input angewiesen ist und auch eine Vielfalt an Input verarbeiten kann. Darunter Gedanken, aber auch Emotionen und Gefühle.

Ich vermute inzwischen, die Probleme, die ich im Zusammenhang mit  Einschätzungen von Emotionen sehe, sind ein Produkt des Denkens in Hierarchien. Eine Sache erhält eine hohe Bedeutung. So formuliert ist die Hierarchie schon enthalten. Hoch bedeutet oben, nicht so hoch ist dann unterhalb. Oben werden in der Gesellschaft die Wichtigen eingestuft. Unten sind die unwichtigen. Häh?

Erst einmal habe ich nie verstanden warum Müllmänner und Raumpflegerinnen unwichtig sein sollen. Wenn ihre Arbeit nicht gemacht wird, macht sich das sehr schnell bemerkbar. Nun will ich Emotionen nicht gerade mit Müllmännern und Raumpflegerinnen an sich vergleichen, es geht nur darum wie Denken gelenkt wird. Ist der Verstand am wichtigsten, dann steht er oben und alles andere steht dann darunter. Und weil es darunter steht ist es auch von geringerer Bedeutung. Ist anders herum natürlich genauso möglich. Man kann auch Emotionen hypen und den Verstand gering achten. Für das was Emotionen oder Verstand an sich sind, hat es allerdings keine Bedeutung. Allerdings darauf wie mit ihnen verfahren, also umgegangen wird.

Ich habe in einem Gedankenspiel kürzlich eine solche Hierarchie mal um 90° gekippt. Das Ergebnis ist verblüffend. Plötzlich stehen die Erscheinungen gleichberechtigt nebeneinander und können dadurch in eine neue Beziehung zueinander treten. Außerdem müssen sie sich selbst in ihrer Funktion und Bedeutung viel stärker auf sich selbst bezogen erklären.

Denken in Hierarchien kann die Vorstellungen vom Wert einer Sache lenken. Ich kann mir vorstellen, das ist in Bezug auf die Einstufung des Wertes von Emotionen geschehen, als der Verstand zum Mittel der Weltbegegnung mit der größten Bedeutung erklärt wurde. Und was einen geringen Wert hat, ist auch von geringerem Interesse.

„Die Beschäftigung mit Kunst, Literatur und Musik, Sprache, Religion, Wissenschaft, Recht, Ökonomie und Geschichte, Natur und Technik ist immer die Beschäftigung des Menschen mit sich selbst, seinem Denken, seinen Gefühlen und den Formen ihres Ausdrucks.“ (Dörpinghaus, 2009, S.12)

Die Beschäftigung mit den Gefühlen bedeutet für mich zuerst ihr Erkennen und Verstehen. Danach folgt erst wie mit ihnen sinnvoll für das Individuum und die Gesellschaft umgegangen werden soll. Der mündige Mensch ist zudem aufgefordert zu hinterfragen, was er über Emotionen und den Umgang mit ihnen im Verlauf seiner Sozialisation und Erziehung gelernt hat. Das Kind ist Einflüssen in weiten Teilen ausgeliefert, ist auf den Erwachsenen als Einführenden angewiesen, der mündige Mensch kann seinen Verstand einsetzen, um Einflussfaktoren, Zusammenhänge und Wirkungen zu erkennen. Und dann stellt sich möglicherweise heraus, dass Emotionen eine ganz andere Bedeutung zukommt und sie eine ganz andere Behandlung erfordern als es die Einflüsse und Annahmen von vielen Jahren nahe gelegt haben.

Referenzen:

Dörpinghaus, A. (2009). Bildung. Plädoyer wider die Verdummung. Forschung & Lehre Supplement, 9/2009. Verfügbar unter: https://www.uni-marburg.de/fb21/aktuelles/news/studiumgenerale/11.04.12.pdf zuletzt abgerufen am 23.1.2016

Goodall, J. & Zenpencil (2016). The Power of One. Verfügbar unter: http://zenpencils.com/comic/goodall/ zuletzt abgerufen am 23.1.2016

Kant, I. (1784). Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? Verfügbar unter: http://gutenberg.spiegel.de/buch/beantwortung-der-frage-was-ist-aufklarung-3505/1 zuletzt abgerufen am 23.1.2016

Erneute Verwirrung

Das Thema Emotionen macht mich noch wahnsinnig. Der Umgang mit Emotionen, den ich wahrnehme, erscheint mir wie ein komplett inkonsistentes Kuddelmuddel. Ich erwarte, dass der Umgang mit Emotionen logisch ist, doch er ist es nicht.

Es geht dabei jetzt nicht um die Problematik der anderen Art von Logik denen Emotionen im Gegensatz zu Ratio folgen, wie nachvollziehbar von Aaron Ben-Ze’ev (2013) ausgeführt. Es geht um die Logik des Umgangs mit und der Einschätzung von ihnen und das ist verdammt noch mal kein Problem der Emotionen. Emotionen wird da etwas angehängt und zugeordnet, was mit ihnen an sich nichts zu tun hat. Und damit werden sie für etwas verantwortlich gemacht, für das sie gar nicht verantwortlich sein können. Und im Rahmen der momentanen Auseinandersetzung mit der Zunahme von Flüchtlingen in der EU wird ihnen eine Indikatorfunktion zugeordnet, die sie nicht haben können.

Es ist so als würde die Sprache, die von den Emotionen gesprochen wird, falsch verstanden. Emotionen sind flüchtige, kurzlebige Erscheinungen, die nach Ben-Ze’ev auftreten wenn sich Zustände ändern. Sind sie sehr stark, drängeln sie sich in der Wahrnehmung nach vorne und haben dadurch einen Aufforderungscharakter. Sie erzwingen eine Reaktion.

Geht es nun nicht um spontane Reaktionen (ich bekomme einen Schreck und renne automatisch weg), so ist da eine Entscheiderin oder ein Entscheider, der oder die durchaus bestimmen kann was jetzt geschieht. Was mache ich mit der Emotion? (Oder dem Bündel von Emotionen.) Was sagt sie mir überhaupt? Emotionen sind nichts Losgelöstes, sie stehen in einem Zusammenhang mit unseren Einschätzungen und Bewertungen und diese stehen durch unsere unausweichlich soziale Formung auf dem Weg über Sozialisation, Erziehung und Bildung im Zusammenhang mit der Geschichte unserer Gesellschaften, unserer Gruppen und unserer individuellen Geschichte.

Wie ernst kann man sie also nehmen? Und wie sehr muss man sie hinterfragen? Im Netz wuselt momentan ein Satz, der eine momentan wahrgenommene emotionale Situation in der politischen Öffentlichkeit mit der emotionalen Situation vor der Machtübernahme der Nazis vergleicht. Die Nazis haben mit Erfolg versucht die freie Reflexion einzuschränken und Emotionen in die Richtung der Unterstützung, also der positiven Bewertung ihres Weltbildes zu lenken und haben dabei eine Generation von Soldaten herangezüchtet, die bereit waren bis zum Sieg des Stärkeren (und Untergang des Schwächeren) zu kämpfen. Emotionen haben dabei eine Rolle gespielt, aber vor allem war es das was den Menschen zum Teil sehr nachhaltig in die Köpfe gesetzt worden war. Und was dann mit Emotionen zu seiner Unterstützung verbunden wurde.

Was ist also von den Emotionen zu halten?

Emotionen und wie mit ihnen umgegangen wird, sind Ausdruck dessen was in den Köpfen vor sich geht oder einmal vor sich gegangen ist und als Emotion erinnert wird. Wenn man die Emotionen beobachtet, darf man nicht vernachlässigen zu beobachten was an anderen Orten im Innenleben der Menschen vor sich geht. Ohne das sind Emotionen gar nichts. Gilt umgekehrt allerdings ebenfalls. Dort im Inneren wird entschieden wie mit den Emotionen verfahren werden soll. Genau darum geht es bei der Mündigkeit. Darum sinnvolle Entscheidungen treffen zu können wie man mit etwas umgeht. Ob man die Angst und die Wut und den Hass zulassen und verstärken will, ob man Wut oder Hass gegen sich selbst oder andere richten möchte oder ob man ganz andere Wege suchen und beschreiten möchte.

Die Aufklärung hat die Möglichkeiten des Verstandes betont. Emotionen sind flüchtige, kurzzeitige, sich manchmal sehr stark bemerkbar machende Erscheinungen mit Aufforderungscharakter. Darin sind sie gut. Sie können etwas anstoßen und in Gang bringen und immer wieder genährt können sie es auch am Laufen halten. Sie können wunderbare Helfer, Unterstützer und Lebenserfüller sein. Emotionen sind aber auf den Entscheider oder die Entscheiderin angewiesen. (Und leider hat hier ein hierarchisches Denken sehr viel Schaden in Bezug auf die Einschätzung von Emotionen angerichtet.) Nicht dass diese Person nun frei in ihren Entscheidungen sei, so einfach ist es leider nicht. Darum geht es an dieser Stelle aber auch nicht, sondern um die Einschätzung dessen was Emotionen sind und was sie eben auch nicht sind (und auch warum hierarchische Ordnungssysteme Probleme verursachen).

Weil wir wütend sind oder Angst haben oder sonst eine Emotionen auftritt, wegen dieser Emotion an sich haben wir das Recht etwas ganz bestimmtes zu tun. Auch mir selbst oder einem anderen zu schaden. Das ist für mich keine logische Begründung. So handeln Kinder bevor sie etwas anderes gelernt haben. Emotionen drängen zwar zum Handeln, aber außer bei dem was als Handeln im Affekt bezeichnet wird und eine schnelle, spontane, kaum zu beeinflussende Reaktion darstellt, gibt es eine Beobachterin oder einen Beobachter, der oder die Entscheidungen trifft. Nicht die Emotionen und das was sie sind stellt ein Problem dar, sondern das was mit ihnen gemacht wird, wie mit ihnen umgegangen wird, wie sie eingeschätzt werden. Einstellung und Haltung, Ideologie, Umgang damit. Das ist es was beobachtet werden sollte. Nicht so sehr die Emotionen an sich (auch wenn man die kennen und benennen können sollte).

Angst, Freude, Trauer, Wut begleiten die Menschheit als Erscheinungen in einer Konstante durch ihre Geschichte. Was von ihnen zu halten ist und wie mit ihnen verfahren werden sollte, das ist es was sich immer wieder geändert hat und immer wieder ändert und nicht an allen Orten und in allen Zeiten gleich ist.

Und genau das ist ein Thema für Sozialisation, Erziehung und Bildung. Was um alles in der Welt lernen und lehren wir über Emotionen. Darüber wie wir sie sehen, was wir ihnen für eine Bedeutung geben, implizit und explizit, wie wir mit ihnen umgehen, wie wir mit ihnen umgehen wollen, wie wir sie nutzen, benutzen, ausnutzen, manipulieren, ignorieren, abschwächen, verstärken. Und wie weit wir über unser Handeln und unser Denken in Bezug auf Emotionen reflektieren.

Nicht die Emotionen an sich sind das Problem… sondern wie wir damit umgehen.

Referenzen:

Ben-Ze’ev, A. (2013). Die Logik der Gefühle. Kritik der emotionalen Intelligenz (2. Aufl.). Frankfurt: Suhrkamp.

Emotionen – Dylan Evans, Goleman und der Dalai Lama

Bei genauerem Nachforschen finden sich so viele Bücher, die sich mit dem Thema Emotionen aus einer wissenschaftlichen Perspektive beschäftigen und die auch für Bildung von Interesse sind, dass ich sie kaum alle lesen kann. Gleichzeitig nehme ich Emotionen genauso wie Kognition als etwas wahr, das fortwährend im Individuum vorhanden ist und sich auch in den verschiedenen Gruppenprozessen bemerkbar macht, die im Bereich Bildung von Interesse sind. Aus dieser Perspektive betrachtet verstehe ich es inzwischen immer weniger, warum Emotionen nicht fortwährend und überall im Bildungsbereich als etwas eine besondere Beachtung erfahren, das fortwährend anwesend ist und in vielfältiger Weise eine bedeutende Rolle spielt und einen großen Einfluss hat.

Dieses Unverständnis meinerseits erscheint mir viel größer als noch zu Beginn meiner Recherchen. Ich finde zwar mehr und mehr Belege dafür, dass Emotionen implizit oder in bestimmten Teilbereichen thematisiert werden, gleichzeitig scheint es mir aber weiterhin so, dass sie in der Regel nicht explizit und gezielt eine systematische Beachtung erfahren. Auch wenn ich es immer noch nicht so recht benennen kann was für mich merkwürdig ist, ich fühle mich letztlich mit unzureichenden Weltbildern konfrontiert.

Inzwischen hat sich meine Wahrnehmung auch dafür geschärft, dass in verschiedenen Zusammenhängen recht häufig auf einer Sachebene argumentiert wird, während es dabei aber eigentlich sehr stark um Emotionen zu gehen scheint, die allerdings nicht zum Thema gemacht werden. Wird dieser Bereich jedoch nicht oder in ungeeigneter Weise mit betrachtet, so lässt sich die eigentlich vorhandene Problematik weniger gut herausfinden. Kurz: Momentan würde ich am liebsten sehr oft dazwischenrufen: „Schaut darauf was auf der Ebene der Emotionen passiert und worauf ihr eigentlich reagiert und wofür ihr Sachargumente zu finden sucht, die aber mit der eigentlichen Sache nichts zu tun haben.“ Auf mich selbst angewendet gelingt es mir dadurch häufiger als früher mich selbst zu stoppen, sobald mir bewusst wird, dass ich Argumente für Dinge konstruiere, um die es letztlich gar nicht geht.

Inzwischen habe ich mich weit in den Interessensbereich der Psychologie begeben, dennoch handelt es sich nach wie vor um bildungsrelevante Thematiken, die gerade für viele der Bereiche von Interesse sind, die sich mit Veränderungsprozessen beschäftigen.

Als Person fühle ich mich mit einigen der wahrgenommenen Haltungen zu Emotionen unwohl. Momentan spukt mir dabei auch der Gedanke an das Bruttosozialglück Bhutans durch den Kopf. Wohin wird der gesellschaftliche Blick gerichtet und welche Rolle spielen dabei die Emotionen von Menschen und wie sie sich in der Welt fühlen?

Ich vermute, dass die über lange Zeit gepflegten Vorstellungen des geringeren Wertes von Emotionen gegenüber dem rationalen Verstand nach wie vor auf allerdings subtilere Weise wirksam sind. Es wird nicht als unwichtig eingestuft wie sich Menschen fühlen, welche Emotionen sie haben und wie diese sich auswirken, Emotionen werden auch nicht als etwas betrachtet, das nur im privaten Bereich von Bedeutung ist, es scheint mir allerdings, dass die Berücksichtigung von Emotionen nachgeordnet bleibt. So als seien sie ein Luxusgut oder eine Dazugabe oder ein gutes Mittel um damit Werbung für ganz anderes zu betreiben. Die Texte, die ich in der letzten Zeit gelesen habe, lassen dagegen ein gegenteiliges Bild entstehen und unterstützen meine eigene Wahrnehmung der immensen Bedeutung von Emotionen.

Inzwischen habe ich auch das Buch über emotionale Intelligenz von Daniel Goleman quer gelesen, auf das ich immer wieder Verweise gefunden hatte. Das Buch selbst hat mich weitgehend enttäuscht und ich halte es als nicht sehr geeignet für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema Emotionen. Einen ganz guten Überblick über die Problematik dabei gibt Stangl. An diesem Lexikoneintrag hat mich überrascht, dass er genau die Teile aufführt, die ich mir selbst aus dem Buch als zum Behalten würdig herausgeschrieben habe. Und diese Teile selbst sind nicht originär von Goleman selbst, sondern er bezieht sich dabei auf Salovey, der sich auf Gardner bezogen hat. Goleman ist es mit seinem Buch gelungen das Konzept der emotionalen Intelligenz populär zu machen.

Nach meinem Querlesen habe ich allerdings den Eindruck, dass er der Sache letztlich keinen wirklich guten Dienst geleistet hat. Emotionen bleiben auch hier die Zutat, um die man sich deshalb kümmert, damit eine in Veränderung befindliche Gesellschaft ihre systemischen Probleme besser kompensieren kann. Wird der Mensch nicht mehr durch traditionelle Gemeinschaften und Beziehungen emotional gebildet und stabilisiert, dann müssen öffentliche Einrichtungen diesen Part in unter Umständen eigens dafür geschaffenen Programmen übernehmen.

Inzwischen habe ich mich auch in diesen Bereich eingelesen und in meinen Erinnerungen Spuren dieser Unternehmungen gefunden. Sie sind eine gute Beigabe, ohne Zweifel, aber eben auch nur das: eine Beigabe, abhängig vom besonderen Engagement und der Einsicht von Einzelnen.

Einen Gewinn habe ich für mich persönlich allerdings aus dem Buch gezogen. Auch Goleman betont die Achtsamkeit als grundlegende Kompetenz für emotionale Intelligenz. Er versteht darunter, dass wir uns unserer Stimmungen UND Gedanken bewusst sind. Auch hierbei bezieht er sich auf andere (John Mayer & Peter Salovey). Dabei ist genau diese Praxis aber eigentlich sehr alt und ein wichtiger Teil der buddhistischen Lehre. Der Grund, warum gerade der Dalai Lama an diesem Bereich besonders interessiert ist. Inzwischen gibt es auch ein englischsprachiges Buch mit dem Titel Emotional Intelligence 2.0 und einen regen Gebrauch des Trainings entsprechender Fähigkeiten und Kompetenzen in Bereichen, die auf Erfolg in Leben und Beruf ausgerichtet sind.

Genau an diesem Punkt steige ich aus. Mein eigener Bezug ist über die Lehre der Achtsamkeit gegeben, aber eine Ausrichtung auf Erfolg in Leben und Beruf ist damit für mich nicht zwangsläufig verbunden. Für mich steht Erkenntnis im Mittelpunkt, der Wunsch verstehen zu wollen was vor sich geht und darüber die Verringerung von Leiden. Die gleiche Methode kann letztlich für unterschiedliche Ziele eingesetzt werden.

Sehr viel besser hat mir das Buch Emotion – The Science of Sentiment von Dylan Evans gefallen. HAL, Spock, Blade Runner, der Roboter Kismet, Raves und Drogen als Bezüge, sowie einen nicht-deutschen Blick auf die Aufklärung und ihre Väter, der anführt, dass Philosophen der Aufklärung wie David Hume, Adam Smith oder Thomas Reid von Emotionen fasziniert waren. Von Adam Smith, der meist nur in einem Zusammenhang zur Ökonomie gesehen wird, existiert das Buch The Theorie of Moral Sentiments (1759), in dem eine Beziehung zwischen Emotionen und moralischem Verhalten hergestellt wird. Auch darauf bin ich schon an anderer Stelle als eine wichtige Verbindung gestoßen. Von Evans wird erwähnt, dass die angeführten Philosophen Emotionen als lebenswichtig für die Existenz der Individuen und des Sozialen betrachteten und es für sie rational war emotional zu sein. Für ihn ist das wissenschaftliche Studium der Emotionen nicht nur möglich, sondern von großem Wert und bedeutet gleichzeitig nicht weniger tief zu fühlen. Zu wissen wie Emotionen arbeiten, stellt für ihn eine Möglichkeit dar reicher zu leben.

Und genau hier ist der entscheidende Punkt. Offenheit, grenzenlose Weiten. Eine Aufklärung, die sich beschränkt und den Verstand nicht einsetzt, um auch Emotionen mit Achtsamkeit und Respekt unvoreingenommen zu untersuchen, oder eine Beschäftigung mit Emotionen, die auf einen festgelegten gesellschaftlichen Nutzen ausgerichtet ist, setzen Grenzen, durch den Wissenserwerb verhindert werden kann. Es gibt nach meinem Wissen bisher keine allgemeine Theorie der Emotionen. Etwas, womit Individuen allein und im Kontakt mit anderen tagtäglich konfrontiert sind, das im Verlauf der Entwicklung des Kindes im kulturellen Kontext erlernt wird, das eine Basis des menschlichen Lebens darstellt, aus dem Freude genauso wie Leid hervorgehen, läuft so nebenher? Wird über die Praxis geregelt? Bleibt denjenigen überlassen, die sich besonders dafür interessieren?

Mir wurde in den letzten Monaten Gelegenheit gegeben das menschliche Leben aus einer anderen als meiner gewohnten Perspektive zu betrachten. Eine Perspektive, die viele Begebenheiten und Erfahrungen meines vergangenen und gegenwärtigen Lebens neu ordnet und in einen neuen Zusammenhang bringt. Dabei ist es allerdings schwer andere Denk- und Emotionsmuster zu entwickeln und auch darin zu verbleiben. Um mich her und in mir selbst wird die Aufrechterhaltung gewohnter Strukturen gefördert. Dabei gehört aber auch das zu beobachten und die Gründe dafür zu bestimmen zu meinem Untersuchungsgegenstand.

Zum Schluss bleibt zu erwähnen, dass ich momentan nicht die geringste Ahnung habe, wie ich das alles mit meiner Bachelorarbeit verbinden soll. Durch die Änderung der eigenen Haltung und Sichtweise eröffnen sich andere Möglichkeiten des Handelns bzw. des Nicht-Handelns (ein ungemein interessanter Punkt, dass Änderungen dadurch geschehen, dass etwas nicht getan wird, das vorher stattfand!). Da Emotionen und gedankliche Verarbeitungsprozesse in einem Austausch stehen, wirken Änderungen in der gedanklichen Verarbeitung auch auf die Emotionen und auf das sich-in-der-Welt-Fühlen und von dort wieder zurück.