Bildungsmäuschen

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Werteänderung

Es ist alles sehr, sehr seltsam geworden mit dem Thema Emotionen. Was daran seltsam ist, kann ich momentan selbst kaum erfassen, um es anderen nachvollziehbar zu vermitteln, fehlen mir Konzepte zur Einordnung der Vorgänge und Erfahrungen.

Zur Zeit kann ich nur Symptome beschreiben und sogar das fällt schwer.

Ich schaffe es sehr leicht so gut wie alle Menschen, mit denen ich etwas tiefgehender rede, auf das Thema Emotionen hin zu lenken und dadurch unterschiedlichste Informationen von ihnen zu erhalten. Es sind informelle, ungeplante Gespräche bei denen ich meine eigenen Überlegungen präsentiere und dazu Meinungen erhalte. Es handelt sich um sehr unterschiedliche Menschen aus unterschiedlichen Kontexten und mit verschiedenen Hintergründen. Interessant ist dabei der Unterschied zwischen Personen, die im Bildungsbereich arbeiten bzw. nicht.

Ich selbst verbringe einiges an Zeit damit zuzuschauen, wie in meinen Vorstellungen neue Verkettungen und Zusammenhänge entstehen, wie ich meine eigene Lebensgeschichte und meine Erfahrungen aus einem anderen Blickwinkel betrachte. Aus der Perspektive der Emotionen geschaut, hatte ich bisher ein ausgesprochen interessantes und sehr reiches Leben. Die Änderung der Blickrichtung lässt bei mir Anspannung sinken und hebt mein Selbstbewusstsein. Ich esse anders, ich trinke anders, ich gehe anders. Ich bin sehr viel entspannter. Entstehen Anspannungen, so nehme ich das viel schneller wahr und kann sie sich lockern lassen. Dadurch entstehen weniger neue Anspannungen und der Umgang mit mir selbst, den anderen und der Welt wird einfacher.

Ich habe Tätigkeiten mit emotionaler Bedeutung aus der Vergangenheit in die Gegenwart geholt und dabei auch meine Erinnerung an die emotionale Bedeutung, die sie damals hatten. Das ist die eigenartigste Sache. Buddhistische Literatur und alte JRPG. Beides in neuen Erscheinungsformen, nicht in den bereits mir bekannten Versionen. Ich beobachte die Verbindung von Empfindungen und dort vermittelten Werten und entdecke die Stellen, an denen meine Vorstellungen davon abweichen. Dort sind die Grenzen der Bereitschaft zu suchen, mich auf die vertretenen Inhalte einzulassen. Und es sind auch die Stellen, die dazu geführt haben, dass beides irgendwann an Bedeutung verloren hat und dann nicht weiter vertieft wurde.

Ich krame noch mehr aus der Vergangenheit hervor und überprüfe es auf seinen emotionalen Wert für die Gegenwart. Menschen, Orte, Tätigkeiten, Haltungen. Für die Emotionen sind Bereiche wichtig wie Musik, Tanz, Bewegung generell, buddhistische Achtsamkeit, Sprechen über Gefühle, Comics, Literatur, Filme, verschiedene Techniken, durch die eine Wahrnehmungsfähigkeit für den Körper gefördert wird…

In meinem Kopf wuselt das alles noch recht unsystematisch durcheinander. Ein guter Freund sagte mir vorgestern, dass ich mich mit Emotionen letztlich so lange beschäftige wie er mich kennt (und das ist schon ziemlich lange). Und er nimmt auch wahr, dass ich es momentan auf eine andere Art und Weise tue.

Ich selbst würde den Unterschied damit beschreiben, dass ich jetzt eine Vorstellung davon habe, was der gemeinsame Nenner von sehr unterschiedlichen Dingen etc. ist. Was vorher noch getrennt und verstreut war und aus letztlich unbewussten Motiven verwendet wurde oder interessiert hat, erhält einen gemeinsamen Rahmen. Mein Leben bekommt dabei einen neuen narrativen Faden. Dazu kommt, dass ich mich ja selbst inzwischen davon überzeugen konnte, dass Emotionen keine geringe Bedeutung für das menschliche Leben haben. Und das ist letztlich auch der wirklich entscheidende Punkt. Dadurch wird alles, was in besonderer Weise mit Emotionen verbunden ist, ebenfalls bedeutungsvoll und ist kein unwichtiger pillepalle Nebenbeikram mehr, sondern hat eine gezielte Beachtung verdient. Und ich kann dabei auf verschieden Theorien zugreifen, die mir verschiedene Erklärungsrahmen bieten, die ich vorher nicht kannte.

Ich vermute, ich bin momentan damit beschäftigt meine Werte neu zu ordnen und dabei bekommt vieles eine andere Bedeutung. Es fühlt sich sehr merkwürdig an, sich mit den „ureigensten“ Dingen wohlfühlen und sie unbeschwert genießen  zu dürfen. Genau das scheint es aber zu sein, was ich mir momentan zugestehe. Es ist momentan nicht die Entdeckung von Neuem, es ist Entdeckung von bereits Bekanntem in einer neuen Form.

Und erneut ist es wichtig zu erwähnen, dass diese Erscheinungen als Produkt der Konzentration auf Emotionen aus einer wissenschaftlichen Sicht auftauchen. Es existiert dabei keine Planung, die Steuerung ist nur gering. Letztlich stehe (bzw. liege oder sitze oder gehe) ich und staune.

Emotionen während des Unterrichts – Ein Beispiel

Momentan befinde ich mich in der Anwendungsphase von Erkenntnissen, die ich bisher zu Emotionen gewonnen habe. Die Anwendung ist im Alltag sehr banal, dennoch ist sie für weitere Schlussfolgerungen sehr aufschlussreich. Ich werde mal eine gut überschaubare Szene schildern.

Vhs-Kurs Japanisch. Es müssen nach vorgegebenen Mustern Gespräche geführt werden. Nicht vorgegeben sind die Höflichkeitsfloskeln am Ende. Es ist die schwierigste und eigenverantwortlichste Leistung, vom Japanischlehrer aus eigener Initiative dem Lehrmaterial zugefügt, eine große Unsicherheit für viele der Schüler. Japanische Gepflogenheiten sehen vor, dass man sein Gegenüber schont. Man sagt nicht, dass etwas warui, also schlecht ist. Ich versuche es trotzdem, ich will wissen ob das nicht doch geht, kann mir allerdings schon denken was passiert.

Lachen. Beim Lehrer und auch bei einem Teil der Schüler. Kein Auslachen – es ist dieses Lachen: oh wie peinlich. In europäischer und japanischer Version (die sind durchaus verschieden). Nach einer Weile bekomme ich auch meine Erläuterung vom Lehrer und einigen Schülern. Auf einer verbalen, aber auch auf einer emotional erfahrbaren Ebene. Ich habe eine Peinlichkeit begangen. Ich habe mich europäisch verhalten. Besser ich tue das nicht. Es werden auch Ersatzvorschläge gemacht, aber am nächsten Tag vor allem hängen geblieben ist das was ich falsch formuliert habe: warui, ich habe primär gelernt was ich nicht tun und wie es sich anfühlen soll. Die Ersatzvorschläge muss ich dagegen erst nachlesen und danach gezielt lernen. Allerdings habe ich durch die von mir initiierte Situation dafür nun eine höhere Motivation.

Die Erinnerung an die Szene hat sich tief eingegraben und weil ich die Erinnerung wiederhole, gräbt sie sich noch tiefer ein. Ich werde nicht mit warui desu antworten, wenn mir jemand erzählt, dass er oder sie eine schlechte Stimme hat und nicht singen kann. Eher werde ich verwenden: watashi nimo. issho ni karaoke o mimashouka. Geht mir auch so, wollen wir zusammen Karaoke singen gehen? Ähnlich war der Vorschlag meines Japanischlehrers. Sagt eine ganze Menge über japanische Denk- und Umgangsweise aus.

Nun zu den Emotionen. Diese Szene sitzt. Zusammen mit den verbundenen Informationen. Und sie sitzt, weil Emotionen damit verknüpft sind. In diesem Fall weniger meine eigenen Emotionen als diejenigen der anderen. Ich habe dieses Lachen und sich Winden noch sehr deutlich vor Augen. Es sind Informationen über die bei anderen erzeugten und empfundenen Emotionen. Und weil ich nett behandelt wurde und ein netter Mensch bin, werde ich mich anpassen, auch wenn keiner derjenigen aus der Ursprungssituation anwesend sein wird. Ich werde es ihnen zuliebe tun, nicht weil ich selbst diese Peinlichkeit empfinde, das ist einfach nicht gegeben. In einer anderen Situation, die auf andere Vorerfahrungen zugreift, wäre eine solche emotionale Motivierung allerdings vorstellbar.

Es gibt nun gänzlich anders geartete Lern- und Lehrsituationen in denen soziale und emotionale Aspekte in anderen Formen anwesend sind. Die Unterschiedlichkeit dabei ist nicht das Entscheidende, bedeutsam ist vor allem, dass emotionale und soziale Aspekte anwesend sind und wichtige Lehrer darstellen. Und das nicht nur bei Kindern. Das fällt aber erst ins Auge, wenn man gezielt darauf achtet. Dann ist es allerdings (jedenfalls für mich) hoch spannend. Und ich bin mir recht sicher, dass hier viel nachhaltiger gelernt wird als auf der Ebene nur kognitiven Verstehens, dem jedoch immer noch häufig die Priorität auch in Situationen gegeben wird, in denen das Lernen gerade vorrangig auf ganz anderen Ebenen stattfindet.

Hier befindet sich auch die Wirkungsebene des sogenannten heimlichen Lehrplans, der aber aus der Perspektive der Emotionen betrachtet gar nicht mehr so heimlich ist. Er steht ganz offen und beobachtbar zur Verfügung. Er verwirklicht sich nebenher in Situationen. Ein anders eingestellter Fokus und die Bereitschaft emotionale Aspekte als bedeutungsvoll zu erfahren, lässt für mich eine ganz andere Erlebenswelt heraufscheinen. Und ermöglicht andere Reaktionen und Handlungen.

Dem Ende der ersten Recherche entgegen

Langsam sehe ich ein Ende meiner ersten Recherchearbeit zum Thema Emotionen vor mir. Noch immer bin ich damit konfrontiert dass ich beobachten kann, wie sowohl der Inhalt meiner Gedanken als auch die Körperempfindungen, die ich zu Beginn des Tages habe, sich teilweise gravierend von denen des Vortags unterscheiden. Das betrifft sowohl die Wahrnehmungen im Körper als Gesamtheit, als auch die gedanklichen Verarbeitungsprozesse, die im Gehirn lokalisiert sind. Dabei geraten die Gemeinsamkeiten mehr als die Unterschiede in meine Aufmerksamkeit. In beiden Vorgangsbereichen geht es flüchtig, unbeständig und wechselhaft zu, und von daher sind sie in gleichem Ausmaß zuverlässig bzw. unzuverlässig. Ich habe es immer nur mit momentanen Zuständen zu tun, denen ich nachrätseln, die ich aber genauso gut vorbeiziehen lassen kann.

Passenderweise lese ich am Morgen nach diesen Überlegungen einen Beitrag aus Emotionen und Lernen, herausgegeben von Rolf Arnold und Günther Holzapfel, von Herbert Gerl (2008) mit dem Titel Selbstfindung und Dekonstruktion. Eine Zen-Perspektive für lebenslanges Lernen. Dieser Artikel basiert auf Erfahrungen mit einer sehr ähnlichen Technik der Meditation wie diejenige, auf der mein Beobachtungszugang beruht. Gerls Beitrag liegt eine andere Fragestellung zugrunde wie mir, die Gemeinsamkeiten im Betrachtungszugang sind allerdings sehr groß. Auch mein Zugang basiert auf einer aus den Lehren Buddhas hervorgegangenen Technik. Es geht in beiden Fällen um die Beobachtung dessen, was im Inneren vorgeht, ohne dabei einzugreifen.

Während dadurch ermöglicht wird Realität unmittelbar wahrzunehmen, können sowohl Denken als auch Emotionen als reine Interpretationsschemata dieser Realität wahrgenommen werden. Emotionen genauso wie Gedanken sind permanenter Veränderung unterworfen, wirken aufeinander, sind unbeständig und können nicht festgehalten, d.h. konserviert werden. Sie liefern eine fortdauernde Bewertungs- und Interpretationsfolie zwischen Subjekt und Objekt.

Es handelt sich um eine Art Realität zweiter Ordnung (Gerl, 2008).

Damit existieren parallel eine Realität, die wir unmittelbar mit unseren Sinnen aufnehmen können, die allerdings vom Wahrnehmungsspektrum dieser Sinne begrenzt ist, als auch eine Realitätsinterpretation, die sowohl auf der Ebene der Gedanken als auch der Empfindungen geschieht. Aus dieser Perspektive betrachtet ist jegliche Hierarchie zwischen Denken und Empfinden sinnlos. Beide können nützliche als auch problematische Verarbeitungsformen der Weltwahrnehmung sein.

Interessanterweise beschreibt Gerl den Vorgang der reinen Beobachtung als vollkommen zweckfrei. Es geht allein darum einen Blick auf offene Weite zu ermöglichen. Damit ist nichts verbunden, das in der Zukunft erreicht werden kann, denn die gewonnene und geübte Fähigkeit zum offenen, nicht-bewertenden, nicht-kontrollierenden Wahrnehmen von dem was ist führt nirgendwo hin. Sie erfüllt ihren Zweck allein durch sich selbst.

Allerdings ermöglicht sie das unmittelbare Wahrnehmen und Benennen von Konstruktionen und Konditionierungen, macht sie transparent und verringert dadurch ihre Kraft uns zu bestimmen und zu manipulieren. Eine reine Zweckfreiheit kann ich daher hier nicht ausmachen, was allerdings auch in einem Zusammenhang mit einem unterschiedlichen Verständnis von Zweckfreiheit stehen kann. Ich sehe allerdings einen starken Zusammenhang mit Vorstellungen, dass durch eine Bildung, die auf die Entfaltung des Individuums ausgerichtet ist, Zwänge reduziert und Freiheiten gewonnen werden können. In dem Bemühen von beiden, der beobachtenden Meditation als auch im Bildungsstreben, sind starke Anteile von etwas enthalten, das für die reine Über-Lebensführung nicht notwendig ist, sondern auf den Bereich der Lebensqualität verweist.

Wie dem auch sei. Mir geht es momentan um den Stellenwert von und den Umgang mit Gefühlen und Emotionen und um Wissen darüber, was sie eigentlich sind. Zunehmend wird für mich sichtbar, dass Denken und Emotionen weder unterschiedlich gewichtet, noch unterschiedlich behandelt werden sollten. Die Betrachtung von beiden sollte aus einer anderen Perspektive erfolgen als ich in der Vergangenheit wahrgenommen habe. Spätestens nach dem Text von Gerl muss ich Emotionen auf die gleiche Stufe wie Denken stellen und beide aufs engste verflochten begreifen. Dabei werden Emotionen aber nicht in die gleiche Position gebracht, die Denken einmal hatte, was meine ursprüngliche Vorstellung war, sondern das Denken verliert dabei die herausragende Bedeutung, die es im Verlauf abendländischer Geistesgeschichte häufig erhalten hat. Gleichzeitig ist es unmöglich eine Position zu vertreten, in der Emotionen eine größere Bedeutung als Denken zugesprochen wird.

Erneut geht es um das was Damasio Descartes‘ Irrtum nennt. „Ich denke, also bin ich.“ Denken in seinen verschiedenen Facetten ist nur eine Funktion und Aufgabe des Organismus. Genauso verhält es sich mit Emotionen. Da beide auf unterschiedlichen Bühnen stattfinden, scheint es möglich sie voneinander zu trennen. Bei genauerem Hinsehen ist das aber unhaltbar.

Ich selbst liebe beide Funktionen. Ich liebe es zu empfinden und ich liebe es zu denken. Ich mag beides und ich mag es auch, wenn es schwierig ist oder schmerzhaft. Ich will auch nicht davor entkommen. Gleichzeitig mag ich die Momente unmittelbarer Wahrnehmung, bevorzuge sie aber nicht.

Noch vorgestern hatte ich den Bedarf eines Kategoriensystems für die Vielfalt der Themen im Bereich Emotionen gesehen, da ich mich überfordert fühlte, gestern erschien mir das nicht mehr notwendig, da ich den Eindruck habe, dass mein Gesamtüberblick gewachsen ist. Vorgestern hatte ich sehr unangenehme Körperempfindungen, während ich mich gestern ausgesprochen entspannt und ausgeruht fühlte. Heute Morgen waren meine Empfindungen dagegen gemischt, und während meine Gedanken zum Thema Emotionen wesentliche Ergänzungen vornahmen und sich an einer Formulierung meiner Forschungsfragen zu meiner Bachelorarbeit versuchten, musst ich einen Teil meiner Energie darauf verwenden einzuschätzen, wie lange ich einen fälligen Zahnarztbesuch noch aufschieben kann und warum ich das überhaupt will.  (In diesem Kontext taucht die Frage auf, ob ein identifizierbares Ich überhaupt existiert, die ich aus Gründen der Komplexitätsreduktion aber ignoriere.)

Denken und Empfindungen stehen nicht getrennt. Emotionen ergeben sich als eine Durchmischung von Wahrnehmung, Interpretation, Bewertung, Denken, Gefühlen und Empfindungen. Das ist beobachtbar. Beide Bereiche liefern die Grundlage für Handeln, das dann wieder über die Wahrnehmung der Auswirkung auf das Denken und damit verbundene Gefühle wirkt, bzw. Empfindungen auslöst, die sich mit Denkvorgängen zu Emotionen verbinden, die wiederum Denk- und Empfindungsprozesse in Gang setzen.

Was mir jetzt noch fehlt, ist die ganz spezifische Bedeutung für den Bereich der Bildung, zu der ich inzwischen schon Überlegungen entwickelt habe, die momentan allerdings noch nicht so ganz auf der Ebene des schriftlich Formulierbaren angekommen zu sein scheinen.

Referenz

Gerl, H.(2008). Selbsterfindung und Dekonstruktion. Eine Zen-Perspektive für lebenslanges Lernen. In Arnold, R.& Holzapfel, G. (Hrsg.). Emotionen und Lernen. Die vergesessenen Gefühle in der (Erwachsenen-) Pädagogik. Hohengehren: Schneider.

Beobachtung des Entstehens von Emotionen sowie aktueller Stand des Lesens

Emotionen

Vor drei Tagen hatte ich das Glück in einer Alltagssituation direkt beobachten zu können wie Emotionen entstanden sind. Ich richte meine Aufmerksamkeit selten begleitend auf die Bühne meiner Körperempfindungen während ich gerade im Kontakt mit anderen bin. Daher nehme ich in der Regel nicht wahr wann und wie genau sich etwas auf der Ebene der Körperempfindungen bemerkbar macht.

Die Situation ergab sich an einem Ort, den ich bisher einmal besucht hatte, der also vertraut, aber noch neu und gleichzeitig bedeutsam für mich war. Daher war ich noch nicht in Gewohnheiten untergetaucht, gleichzeitig aber auch nicht mehr in der Anspannung und Involviertheit des ganz Neuen. Und da konnte ich unmittelbar beobachten wie es vor sich geht. Ich nehme eine Situation wahr, bewerte sie auf Grund meiner Erwartungen, Wünsche und Vorerfahrungen und während des Ergebnisses werden Emotionen ausgelöst, die mir mitteilen wie ich mich dabei fühle. Davon werden meine weiteren Reaktionen beeinflusst wie Handeln, Denken oder Vorstellungen, die ich mir von mir selbst und der Welt mache.

Das Ganze ist jedoch nur etwas, das ich aus der Situation heraus erzeuge. Ich könnte sie anders interpretieren, wenn ich andere Vorerfahrungen hätte, ich könnte ein anderes Selbstbild haben, was zu anderen Handlungskonsequenzen führen könnte. Ich könnte einfach nur beobachten was vor sich geht und mich entscheiden, ob ich mich so verhalte wie es meine Gewohnheiten vorgeben oder ob ich andere Verhaltensoptionen habe.

Der springende Punkt ist, dass Emotionen nichts Losgelöstes sind und in einem sozialen Kontext entstehen. Sie können nicht von Vorstellungen und der Interpretationen von Situationen getrennt werden. Damit wird für mich eine andere Bedeutung von Emotionen sichtbar, die ich allerdings noch nicht so recht beschreiben kann. Ich kann jedoch einem Freund, der mir kürzlich sagte, Emotionen sind etwas Natürliches, damit werden wir geboren, entgegne, nein, so ist das nicht. Emotionen werden im sozialen Kontext erlernt. Wir haben Empfindungen, aber wie wir sie interpretieren, wie wir sie wahrnehmen und beschreiben, das müssen wir erst lernen. Auch aus diesem Grund sind Emotionen als Thema für den Bildungsbereich wichtig.

Bücher

Inzwischen habe ich mich mit neuen Büchern aus der UniBib eingedeckt. Einen Abschnitt aus Psychologie des Lernens und der Instruktion von Weinert, in dem Pekrun und Schiefele zu emotions- und motivationspsychologischen Bedingungen der Lernleistung schreiben, habe ich bereits bearbeitet, muss aber die Ergebnisse noch zusammenfassen. Der beschriebene Stand ist leider kein Maßstab, das Buch ist von 1996. Das Kapitel endet mit ziemlich vielen offenen Fragen, der Text ist aber aufgrund seiner Sachlichkeit und Systematik trotzdem noch gut verwendbar. Es bleiben also nur noch knapp 20 Jahre zu ergänzen in denen entscheidende Schriften geschrieben worden sein könnten. 🙂

Erschreckend ist in diesem Zusammenhang für mich, dass ich in dem zweiten Buch, das ich mir ausgeliehen habe und das nicht von Emotionen handelt (Das Verschwinden der Arbeit von Hermann Glaser von 1988), dass ich dort aktuelle Themen finde, die ich zum Zeitpunkt des Erscheinens des Buches noch nicht vermutet hätte. Ich bin schon gespannt, ob sie sich beim Lesen genauso aktuell präsentieren werden wie beim Überfliegen.

In der Zwischenzeit mache ich einen Ausflug in die kritische Bildungstheorie. Als Alternative zu Rutschkys Buch Schwarze Pädagogik, bei dem alle Exemplaren seit längerem ausgeliehen sind, bekam ich als Vorschlag das Buch Sackgassen der Bildung von Pongratz. Das Vorwort war bereits so interessant, dass ich nicht mit dem Teil zu schwarzer Pädagogik beginnen wollte, sondern das Buch inzwischen Stück für Stück durcharbeite. Es präsentiert sich als Einführung in die Pädagogik, könnte aber auch Einführung in die Bildungswissenschaft heißen. Es fasst wichtige Themen des Fachs zusammen, dabei ist die eingenommene Perspektive allerdings sehr eigenwillig, denn der Autor konzentriert sich bei allen Themen auf die inneliegenden Widersprüche. Das stellt für mich eine beträchtliche Bereicherung dar, allerdings ist das Tempo, mit dem ich durch das Buch sause, bei der Fülle der Themen zu hoch und ich habe inzwischen begonnen Teile wegzulassen.

Zuerst dachte ich, ich könne anhand des Buches mein Studiumswissen in einem schnellen Überblick noch einmal auffrischen und dabei stärker auf das Thema Emotionen achten, ich bekomme aber viel mehr und anderes. Vertrautes wird fremd gemacht, und das was es auch sein könnte, erweitert dabei den Blick. Ich kenne den größten Teil der Inhalte, ich kenne ihn aber nur begrenzt so wie er hier präsentiert wird. Das Buch führt mich jetzt vom Thema Emotionen weg, was etwas ungünstig ist, da meine mühsam aufgebaute Achtsamkeit für Emotionen dadurch wieder abnimmt, und überflutet mich mit einer viel zu großen Breite an Themen. Trotzdem werde ich versuchen es bis zum Ende durchzuarbeiten, da ich die Aufforderung Dinge anders zu sehen sehr schätze. Dadurch werden Selbstverständlichkeiten durchbrochen, die den Blick festnageln und das Wissen gestärkt, dass alles auch immer anders sein könnte.

Zusammenhang

Und darum geht es letztlich auch bei dem Thema Emotionen. Gelingt es gewohnte Selbstverständlichkeiten zu durchbrechen, werden neue Erkenntnisse möglich. Noch immer bewege ich mich im Schneckentempo auf das zu was mich interessiert, meine Darstellungsversuche anderen gegenüber werden aber langsam nachvollziehbarer, so dass auch andere mir zu dem Thema etwas beisteuern können, was wiederum hilft festzunageln, worum es mir eigentlich geht.

Inzwischen bin ich auch an einem Punkt angekommen an dem ich es leid bin, dass Emotionen in meinen Augen im sozialen Miteinander kaum eine angemessene Untersuchung erfahren. Inzwischen kann ich benennen, dass es mir zuerst einmal um die Beobachtung, um die Achtsamkeit, um die Konzentration der Wahrnehmung auf den Bereich der Emotionen geht. Was passiert da eigentlich tatsächlich? Was existieren da für Strukturen? Und wie wirken sie sich aus? Und was bedeutet es gewohnheitsmäßig zu reagieren?

Referenzen

Glaser, H. (1988). Das Verschwinden der Arbeit. Düsseldorf, Wien, New York: Econ.

Pekrun, R. & Schiefele, U. (1996). Emotions- und motivationspsychologische Bedingungen und Lernleistungen. In Weinert, F. E. (Hrsg.). Psychologie des Lernens und der Instruktion. Göttingen, Bern, Toronto, Seattle: Hogrefe.

Pongratz, L. A. (2010). Sackgassen der Bildung. Pädagogik anders denken. Paderborn: Ferdinand Schöningh.

Weiter mit dem Thema Emotionen

Das Bild das ich zu meiner momentanen Tätigkeit im Kopf habe, ist es auf einem Boot stehend auf einem Fluss durch die Unterwelt zu staken. Dabei ist diese Unterwelt in ihrem Aussehen eine Mischung aus Hades und Hölle, an manchen Stellen dunkel und kalt, an anderen Stellen heiß und hell.

Die großen Weiten des Internets helfen mir mein eigenes Interesse auch in einem größeren Kontext ernst zu nehmen und nicht nur als individuelle Marotte zu begreifen. Es erfordert nur wenige Schlagworte und Seitenaufrufe, um zu wissenschaftlich relevanter Lektüre zum Thema Emotionen zu gelangen. Und das ist für mich eine der großartigsten Großartigkeiten des Netzes. Wo ich in der Vergangenheit auf Zufallsfunde schriftlicher Art angewiesen war und zum Austausch nur die Menschen in erreichbarer Umgebung zur Verfügung standen, die mit meinen für sie befremdlichen Interessen häufig so gar nichts anfangen konnten, stehen mir jetzt Gedanken von anderen zur Verfügung, die sich mit meinen Interessen zu decken scheinen. Das macht vieles so sehr viel leichter, denn es fällt mir noch immer schwer die jahrelangen Ablagerungen und Krusten von meiner Haut zu schütteln, die mich in einem engen Panzer gehalten haben, und die Welt als einen Raum der Möglichkeiten zu betrachten, nicht der Unmöglichkeiten, wo für mich nur Nischen zum reinen Überleben zu finden sind.

Ein wichtiger Schritt ist jetzt die Beschäftigung mit den Emotionen. Erneut scheine ich auf ein Thema gestoßen zu sein, bei dem nicht nur für mich noch Klärungsbedarf besteht. Der kleine verlinkte Artikel verweist neben anderem auch gleich auf zwei Gedankengänge, auf die ich bereits beim Nachdenken schon gestoßen bin. Das ist einerseits eine Tradition den Verstand über die Gefühle zu stellen, wobei unterlegenen Bevölkerungsteilen, wie beispielsweise Frauen :-), dann mehr Bezug zum Gefühl statt zum Verstand zugeordnet wurde. Das andere ist die Frage danach, wie weit die reinen Empfindungen, die wir alle haben, von Menschen unterschiedlicher kultureller oder sozioökonomischer Herkunft unterschiedlich interpretiert werden.

Ich verwende zur Zeit die Methoden, dass ich mich selbst beobachte, dass ich andere beobachte, dass ich versuche mich in andere hineinzuversetzen und ihre Gefühle nachzuvollziehen, und dass ich beobachte wie das was ich bei anderen wahrnehme auf meine Gefühle einwirkt. Dann noch Nachdenken, also Reflexion und Assoziationen. Ich bin noch nicht an dem Punkt dass ich andere befragen könnte, dazu benötige ich erst einmal Kenntnisse dazu wonach ich eigentlich fragen will.

Aufgegriffen habe ich auch erneut eine aus dem Buddhismus stammende Technik der systematischen Beobachtung von Körperempfindungen, allerdings mache ich das dieses Mal etwas anders als ich es in der Vergangenheit gelernt hatte. Dieses Mal ist meine Zielsetzung nicht gleichmütig zu bleiben, sondern ich versuche zu verstehen was da eigentlich vor sich geht. Es ist für mich einfach einzelne Körperempfindungen auszumachen, auch den Gesamtüberblick über die Kombination aus Empfindungen zu so etwas wie der Gesamtempfindung zu behalten, das was im Alltag ohne spezielle Konzentration am ehesten aufrecht erhalten werden kann. Der Bereich in dem ich kein Wissen habe, ist wie das Ganze mit meiner Wahrnehmungszentrale im Kopf verbunden ist. Emotionen sind nicht einfach diese Empfindungen im Körper. „…dass der mimische Ausdruck der Grundemotionen universal ist, aber Gefühle kulturell unterschiedlich bewertet und wahrgenommen werden.“[1], dieser kleine Satz weist auf etwas hin, was bei meinen Selbstbeobachtungen ebenfalls als Frage aufgetaucht ist.

Ein weiterer Hinweis findet sich bei Trepp (2002, S.87) wo eine der klassischen Theorien der Psychologie erwähnt wird, die Schacht-Singer-Theorie, die besagt, dass Emotionen durch die „Interpretationen unserer physiologischen Zustände und durch die gleichzeitige Verarbeitung der jeweils erlebten Situation“ entstehen“ (ebenda). Ebenfalls Erwähnung findet die James-Lange-Theorie, nach der „Emotionen […] durch kognitive Interpretationen unseres Verhaltens entstehen.“(ebenda) Diese Variante scheint aber nicht zu dem zu gehören, was im Bereich meines Beobachtungsrahmens lag, genauso wenig wie der integrative Ansatz von Luc Ciompi, nachdem Emotionen als kausaler Zusammenhang und „Wechselwirkungen zwischen Denken, Fühlen und Handeln“ (ebenda) zu betrachten sind, denn bei meiner Selbstbeobachtung waren Verhaltens-und Handlungsaspekt nicht vorhanden. Es sei denn man betrachtet Änderungen im Denken oder der Einstellung als Verhalten oder Handeln.

In dem Text von Trepp findet sich noch ein weiterer Aspekt. „Denn von der fehlenden Verbalisierung läßt sich nicht ohne weiteres auf die Nichtexistenz von Emotionen schließen.“ (Trepp 2002, S.88) Es handelt sich hier um einen den Kulturwissenschaften zuzuordnenden Text, der gleichzeitig darauf verweist, dass die Artikulation und explizite Benennung von Gefühlen zu unterschiedlichen Zeiten, in unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen und in unterschiedlichen Textarten verschieden gehandhabt wurde. Von der fortwährenden Existenz von Gefühlen und ihrem Einfluss ist allerdings auszugehen, auch wenn niemand darüber schreiben oder sprechen würde.

Ein weiterer Aspekt meiner Selbstbeobachtung wird ebenfalls thematisiert. Gefühle werden in Sprache übersetzt, um sie zu benennen. Das bedeutet es wird kulturell vermittelt gelernt bestimmte Empfindungen mit bestimmten Begriffen zu verbinden. „Sprache formt und prägt Emotionen, ja bildet sie sogar bis zu einem gewissen Grad erst aus. Ethnologische Beobachtungen lassen vermuten, daß Gefühle, für die es keinen sprachlichen Ausdruck gibt, offenbar gar nicht existieren.“ (ebenda, S.89) Bei meinen Selbstbeobachtungen hatte es mich auch interessiert welche Auswirkungen es hat, wenn ich statt auf Deutsch auf Englisch denke. Da diese Überlegungen an dieser Stelle aber zu weit führen, lasse ich sie erst einmal ruhen. Sie erscheinen aber im Zusammenhang mit Lernen von großer Bedeutung.

Als weitere Funde im Text ergeben sich für mich noch, dass die Bedeutung von Emotionen im 18. Jhdt. im Bürgertum sehr hoch war, während im 19. Jhdt. die Rationalität diesen Platz übernahm, also erst da die unterschiedliche Zuordnung zu den Geschlechtern einsetzte, und dass je höher die Bedeutung der Vermittlung von Emotionen in einer Gesellschaft ist, desto mehr Emotionen identifiziert und benannt werden (ebenda, S.97).

Zum Schluss ist noch eine Begriffsklärung vorzunehmen. In ihrem Vortrag [2] unterscheidet Kasten (ab 11.47) zwischen Gefühl und Emotion, wobei sich Gefühl auf das subjektive Erleben bezieht und Emotion der übergeordnete Begriff ist. Persönlich neige ich dazu Gefühl und Empfindung als Begriffe für das subjektive Erleben zu benutzen, wobei die Empfindung das Geschehen auf der körperlichen Ebene der Erscheinungen bezeichnet, das Gefühl die Zusammenfassung von verschiedenen Empfindungen zu einem größeren Ganzen, das dann eine Gesamtinformation liefert. Der Begriff Emotionen bezeichnet für mich den Gesamtbereich, also auch die Wahrnehmungs- und Verarbeitungsprozesse von Empfindungen und Gefühlen, die mir bisher allerdings noch unklar sind.

Als nächster Schritt steht jetzt aus die Unibib nach Literatur zu durchsuchen (125 Treffer für Emotionen) und zwischendurch möglichst auch die Weihnachtsvorbereitungen voranzutreiben. 🙂

 

Referenzen:

[1] http://www.3sat.de/page/?source=/scobel/160625/index.html

[2] http://www.uni-giessen.de/videoblog-gcsc/?p=1276

Trepp, A.C.(2002). Gefühl oder kulturelle Konstruktion? Überlegungen zur Geschichte der Emotionen. In Kasten et. al. Querelles Jahrbuch – Neuerscheinung. Band 7. Kulturen der Gefühle in Mittelalter und Früher Neuzeit. URL: http://www.zefg.fu-berlin.de/media/pdf/querelles_jahrbuchaufsatz4.pdf (abgerufen 21.12.2014)

Was noch interessant ist:

Damasio, A.R.(1994). Descartes‘ Irrtum: Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn. München: List.

Müller, A.W. & Reisenzein, R.(2013). Emotionen – Natur und Funktion. In Hubig, C. & Jüttemann, G. (Hrsg.). Philosophie und Psychologie im Dialog  Band 12. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG.

Schwarzer-Petruck, M. (2014). Emotionen und pädagogische Professionalität. Zur Bedeutung von Emotionen in Conceptual-Change-Prozessen in der Lehrerbildung. Wiesbaden: Springer.

Auswirkungen der Konzentration auf das Thema Gefühle und Emotionen

Ursprünglich wollte ich endlich den Bericht über ein gelungenes vorweihnachtliches Bastelprojekt verfassen, dann stürmten verschieden sehr interessante Feeds auf mich ein und ich blieb erst einmal an anderen mich interessierenden Themen hängen. Dazu passt ein Interview mit Dueck über richtige Führung.

Schon vor einer ganzen Weile bin ich auf das Thema Führung gestoßen, zuerst allerdings noch ohne erfassen zu können worin die Zusammenhänge zum Bildungsbereich bestehen. Inzwischen beziehe ich das Thema aber zunehmend bewusster ein. Schon von daher war das Interview von Interesse, aber zum Ende hin verband es sich dann in unerwarteter Weise mit dem Thema Emotionen und Gefühle. Sehr überraschend hier die Forderung, dass jeder mit Herz und Gefühl auf andere eingehen sollte, damit Führung in unterschiedlichster Form besser gelingt. Und am Ende die Frage, wie man ohne eine Checkliste fühlen und auf sich selbst hören kann.

Seitdem ich meine Antennen auf das Thema Emotionen ausgerichtet habe, fällt es mir an den verschiedensten Stellen auf, an denen ich es vorher nicht wahrgenommen habe. Es ist ein wenig wie bei der Bearbeitung des Themas Rassismus. Plötzlich gibt es überall Bezüge. Ich habe viele Folgen der Animeserie Naruto gesehen, aber gestern ist mir das erste Mal aufgefallen, dass der Umgang mit Gefühlen hier ein grundlegendes Thema ist. Auf der Seite der Gegner wird versucht Gefühle zu überwinden und sich nicht durch Mitempfinden, Zuneigung, Güte oder Freundschaft in seinem Handeln schwächen zu lassen. Es wird versucht sich unempfindlich und hart zu machen, untereinander wird ein zum Teil negativ gewalttätiger Umgang benutzt, den ohne Beeinträchtigungen hinzunehmen zu einer Demonstration von Stärke wird. Die Seite der Sympathieträger versucht dagegen unterschwellig unter Beweis zu stellen, dass Mitempfinden, Zuneigung, Leidenschaft, Begeisterung oder Freundschaft nicht schwächen, sondern Stärke verleihen. Gefühle spielen also eine wichtige Rolle, zum Teil wird der Umgang damit sogar explizit als Lernaufgabe formuliert.

Auch bei meiner Arbeit als Kinderbetreuerin muss ich fortwährend mit Gefühlen umgehen. Mit den Gefühlen der Kinder als Individuen. Mit den Gefühlen in ihrem Kontakt untereinander entstehen. Mit meinen eigenen Gefühlen. Mit den Gefühlen von Vorgesetzten und Kollegen. Mit den Gefühlen von Eltern. Das passiert fortwährend, alltäglich und selbstverständlich. Und ich gebe den Kindern Hinweise dazu wie sie mit ihren Gefühlen umgehen sollten. Oder welche Gefühle sie entwickeln sollten. (Typisches Beispiel: mit einem Kind zu einem anderen Kind hingehen, das von ihm verletzt wurde, und es mit den Auswirkungen bei dem anderen Kind konfrontieren. Wäre an dieser Schule nicht in einer solchen Form notwendig, da dort die Kinder die Dinge unter sich auszumachen scheinen, bei uns wird das auf dem Schulhof aber in einer ähnlichen Form erwartet.)

Schule selbst arbeitet damit bei Kindern Gefühle zu fördern und mit bestimmten Inhalten zu koppeln. Angst und Stolz finde ich häufig, Beschämung habe ich als Erfahrung meiner Nichte beim Schüleraustausch in Shanghai berichtet bekommen. Über Gefühle wird versucht Einfluss auf Lernverhalten oder Benehmen zu erzielen. Es wird versucht Gefühle damit zu verbinden, was als richtiges und falsches Verhalten betrachtet wird. Die Spur der Belegung von Empfindungen mit bestimmten Interpretationen und Bewertungen führt bis ins Erwachsenenleben, in dem das was im Verlauf des Heranwachsens entstanden ist nicht mehr hinterfragt wird, sondern es ist zu einer Selbstverständlichkeit geworden ist, die einen Teil der Identität der Person ausmacht.

Ich habe mich nie zuvor in meinem Leben Gefühlen aus dieser Perspektive genähert. Schon das allein gibt mir jetzt wichtig Informationen. Ich habe im Verlauf meines Leben nebenbei gelernt wie ich mit Gefühlen umgehe. Das Nebenbei ist in dieser Aussage wichtig. Da sind Gefühle, damit musste ich eben zurecht kommen, aber ich habe mich nicht außerhalb davon gestellt und sie mir aus der Distanz angeschaut und dabei betrachte was ich eigentlich tue oder was andere eigentlich tun. Ich war immer mittendrin. Gefühle sind da und die muss man hinnehmen. Punkt.

Das versuche ich jetzt anders zu machen und ich suche nach Spuren. Wie betrachten andere eigentlich Gefühle? Was für Gedanken machen sich andere dazu? Was für unterschwellige oder offene Annahmen gibt es?

In gewisser Weise versuche ich mich auf eine Metaebene in Bezug auf Gefühle zu begeben, während ich aber gleichzeitig in Gefühle verwickelt bin. In gewisser Weise eine teilnehmende Beobachtung, etwas anderes ist ganz und gar unmöglich. Verwickelt und Distanz. Dabei kommt eine distanzierte Involvierung heraus. Allerdings nur wenn ich aufmerksam genug bin. Sonst versinke ich wieder in den nicht bewussten gewohnheitsmäßigen Reaktionsmustern, die sich einer distanzierten Betrachtung entziehen. Ich habe noch keine Ahnung was das Ganze soll. Ich finde es allerdings sehr interessant.