Bildungsmäuschen

Startseite » Beitrag verschlagwortet mit 'Bildung'

Schlagwort-Archive: Bildung

Zum Umgang mit Emotionen in gesellschaftlichen Teilbereichen

15 Tage sind seit meinem letzten Blogeintrag vergangen, Danke an die Statistik, und es sind fast so viele Tage, dass mein Rechner nicht in Betrieb war. Er startet erst einmal damit jeden Seitenaufruf durch das Herunterladen von Updates zu verlangsamen und die Tastatur klappert ungewohnt. Das Wetter hat sich wieder abgekühlt, über den Brexit wurde inzwischen abgestimmt, ich weiß jetzt mehr über Kapitalismus, Finanzkapital, Neoliberalismus, affektives Kapital und Gefühle im Kapitalismus, habe einen gewissen, dabei entstandenen Horror noch nicht so ganz überwunden, finde mein erstelltes System zu dem was im Bereich Bildung in Bezug auf Emotionen untersucht werden sollte aber weiterhin sinnvoll.

Im Zusammenhang mit dem Brexit wurden Emotionen sehr ausgiebig erwähnt. Ebenso die Verantwortlichkeit von Politikern und Medien für die durch sie erzeugten Emotionen, weiterhin wurde sogar über die mögliche Rationalität von Emotionen der Wähler gesprochen. Dabei durfte mit intensivem Emotionsausdruck und Heftigkeit argumentiert werden, ohne dass die Sachlichkeit auf der Strecke geblieben ist. In Bezug auf die Entwicklung der Beachtung und Einbeziehung von Emotionen bin ich in diesem Bereich hochzufrieden. Auf den Bereich der Bildung bezogen allerdings nicht.

Und da ist sie auch schon wieder, die Motivation durch Unzufriedenheit, durch den Eindruck des Mangels, die Beunruhigung. Der Anlass, der weiter suchen lässt. Es ist immer möglich dass es an der Auswahl an Informationen aus der Fülle des Verfügbaren liegen, dass ich den Eindruck habe, eine implizite Einbeziehung von Emotionen im Bildungsbereich ist Mangelware.

Die letzten Wochen waren von Smartphonenutzung und sozialen Netzwerken bestimmt, in bildungswissenschaftlich ausgerichteten Diskussionssträngen habe ich versucht zu erklären was mich an Emotionen überhaupt interessiert, ich konnte beobachten wie Emotionen als Motivatoren bei Erklärungen zu Noten und Ausbildungswahl in Diskussionen ausgespart wurden und wie Emotionen und Vernunft weiterhin als Gegensatzpaare konstruiert wurden. Die Vernunft hat dabei die Emotionen zu überwinden.

Ich sitze mit den von mir betreuten Kindern und beobachte wie die Emotionen wirken, wie auf sie eingewirkt wird, wie sie lernen Emotionen mit den Wahrnehmungen der Welt zu verbinden, wie sie ihre Enttäuschung ausleben und verringern, wie sie ihre Emotionen ausdrücken und wie ich darauf reagiere. Wie ich nach Emotionen Ausschau halte, um Vorgänge zu steuern und zu lenken, wie ich meine eigenen Emotionen kontrolliere, wie es mir in Stresssituationen nicht mehr gelingt, wie ich aufgestaute Emotionen zu einem späteren Zeitpunkt und womit abbaue. Wie mich angenehme Emotionen motivieren, wie mich unangenehme demotivieren, wie Emotionen Entscheidungen und Handlungen beeinflussen, wie im Privaten Emotionen thematisiert werden und in Konfliktsituationen verborgen werden. Rationale Entscheidungen. Hah!

Es gibt einen Bonbon und plötzlich wird das Aufräumen interessant mit dem Effekt, dass für jedes Entgegenkommen eine Belohnung erwartet wird. Außerdem werden Bonbons emotional positiv getaggt. Noten, Hausaufgaben, Abschlüsse, Positionen, alles emotional getaggt. Emotionen lenken auf dem Weg der Entscheidungen. Emotionsregulierungen sind Alltag, Emotionen werden strategisch gezeigt und verborgen, emotionale Belastungen stellen Hindernisse und Blockaden dar, angenehme und überwundene unangenehme Emotionen indizieren was aufgesucht, unangenehme was vermieden werden sollte.

Alles Alltag, ganz normal, nichts Besonderes, was mich daran irritiert ist die mangelnde Thematisierung. Menschen drücken selbst heftige Emotionen aus, schriftlich, in Foren, das geht, entlasten sich, stabilisieren sich, dann machen sie weiter ohne Emotionen selbst zum Thema zu machen.

Es scheint mir, dass die Trennung öffentlich/privat nach wie vor besteht. Wo und wie redet man über den Anteil, den Emotionen haben? Wo wird analysiert, dass es bei unterschiedlichen Beziehungen und Gruppen fördernden Maßnahme um die Emotionen geht, die in den beteiligten Menschen ausgelöst werden? Weil sie dann beispielsweise besser gemeinsam lernen und sich unterstützen können.

Das was Menschen fühlen, die Emotionen, die in ihnen auftreten, hat einen sehr eigenartigen Wert. Und der Umgang mit ihnen ist ebenfalls sehr eigenartig. Völlig inkonsistent. Zum momentanen Zeitpunkt kann ich mir das nur durch einen Mangel an Reflexion erklären. Oder durch Veränderungsprozesse in der Einbeziehung von Emotionen. So was wie: alles ist im Fluss und ändert sich und dann passt vieles nicht mehr zusammen. Der Bildungsbereich selbst scheint dabei eine sehr spezifische Art der Einschätzung und des Umgangs mit Emotionen zu haben. Lenken, kontrollieren, ausrichten, bestimmte Emotionen fördern, andere vermeiden, Freiräume für einen Ausgleich frei halten. Oder auch mit einer bestimmten Art von Vorbildung arbeiten.

Da das noch neue Überlegungen sind, werde ich an dieser Stelle abbrechen.

Unterschiedlicher Umgang mit Emotionen

Das wohin mich meine Recherchen geführt haben, kann man am ehesten mit dem Erleben der emotionalen Konstruktion von Wirklichkeit beschreiben. Für andere Menschen mag das anders sein, für mich ist es ausgesprochen faszinierend zu beobachten, wie Entscheidungen getroffen werden und Handeln geschieht, weil Personen, Dinge und Situationen eine positive oder negative Bewertung durch Emotionen erhalten oder bedeutungslos sind, während das den involvierten Personen zur gleichen Zeit aber nicht bewusst ist, weil sie nicht darauf achten, sondern in alltäglicher Selbstverständlichkeit handeln. Mich selbst muss ich dabei einschließen, auch wenn es mir öfter als früher gelingt entsprechende Abläufe unmittelbar bei mir zu beobachten.

Ich bewege mich dabei durch sich fortwährend ändernde Räume und hangele mich von Anregung zu Anregung. Was ist eigentlich Kapitalismus und wie beeinflusst er Emotionen? Und wie wirkt sich das auf und im Bildungssystem aus? Was für Menschen entwickeln sich dabei und werden entwickelt? Und wie sehen die emotionalen Wirklichkeiten von Menschen in unterschiedlichen gesellschaftlichen Positionen aus? Wie fühlen sie sich? Welche Emotionen treten verstärkt und als typische auf?

Menschen sind zwangsläufig gesellschaftliche Wesen. Kein Kind wird sich ohne andere Menschen zu einem Menschen entwickeln. Diese anderen Menschen erklären und vermitteln dem Kind die Welt, das sich auf diesem Hintergrund seine eigene Konstruktion bastelt.

Der Prozess hört aber nicht auf und geht im Verlauf des Lebens weiter. In Berlin wird an verschiedenen Orten zu Emotionen geforscht, am Adlershof wurde eine Methode zur Messung von Emotionen entwickelt. Ihre nachprüfbare Messung ist eine der großen Problematiken bei der Untersuchung von Emotionen. Gemessen werden hier anscheinend anhand von Muskelbewegungen positive und negative Ausrichtung von Emotionen, sowie die Erregungsstärke. Damit lässt sich im Labor schon eine Menge anfangen, genutzt wird es momentan zur Überprüfung der emotionalen Wirkung von Werbung und Produktgestaltung. Wahrscheinlich kommen die Gelder zur Finanzierung der Forschung aus diesem Bereich. Neu geplant ist der Einsatz bei psychischen Problemen zur besseren Kontrolle von Emotionen.

Ich beschäftige mich mit dem was tagtäglich auf mich einströmt und suche meine Beispiele darin aus, eine Systematik hat das Ganze nicht, nur einen gemeinsamen Schwerpunkt. Dabei ist in der letzten Zeit bei mir der Eindruck entstanden, dass die Haltung zu Emotionen in unterschiedlichen Teilbereichen der Gesellschaft durchaus sehr unterschiedlich ist. Bei der Auseinandersetzung mit der Geschichte des Kapitalismus, mit der Zunahme prekärer Arbeitsverhältnisse, mit der Idee des BGE oder den Überlegungen zu einer Abstiegsgesellschaft wurde sichtbar, dass in den Bereichen Wirtschaft und Politik Emotionen eine ganz andere Bedeutung haben und Rolle spielen als im Kontext von Bildung.

Spätestens die Prospect Theorie von Kahneman und Tversky liefert Hinweise darauf, dass Emotionen im Bereich der Wirtschaft für Entscheidungen eine bedeutende Rolle als Motivatoren spielen. Werbung setzt bei der Imagepflege von Produkten ganz eindeutig und zunehmend auf ein emotionales Tagging. Produkte sollen eine positive emotionale Bewertung erhalten. Ziele sind dabei Abgrenzung zu anderen Produkten, die Wahrnehmung von Hochwertigkeit oder Besonderheit, Kundenbindung. Aber auch Finanzentscheidungen sind mit Emotionen verbunden. Etliche Male in meinem Leben war ich damit konfrontiert, dass versucht wurde mir die Ablehnung von Finanzprodukten als Rückständigkeit zu verkaufen. Und rückständig will man ja nicht sein, oder? Das ist doch beschämend. Und Geld muss man arbeiten lassen, das darf nicht herumliegen. Und es muss eine möglichst hohe Rendite bringen. Dann kommen wiederum die daher, die danach fragen, wie denn die Rendite entsteht. Und diejenigen, die bei bestimmten Entscheidungen Vorwürfe machen und Schuldgefühle auslösen. Wegen ethischer und sozialer Überlegungen.

Alles mit unterschiedlichen Emotionen verbunden.

In der Politik ist es noch spannender. Es gibt Talkshows deren primäre Absicht es zu sein scheint Vertreter unterschiedliche Gruppierungen aufeinander loszulassen, um sich dann anschauen zu können wie die Emotionen hochkochen und Argumente nicht mehr zu einer Klärung genutzt werden, sondern nur noch um für die eigene Position einen Gewinn zu erringen. Am Schluss glättet der Moderator oder die Moderatorin wieder die Wogen und nichts ist geschehen. Emotionale Spektakel sind fester Bestandteil politischer Auseinandersetzung, politische Gegner werden geschämt und blamiert, aufgebrachte Wähler abgewiegelt, kaltgestellt oder wenn es gar nicht mehr anderes geht mit kleinen Zugeständnissen vorerst abgefunden.

Ein Bereich voll mit Emotionen.

Wenn ich dann in den Bildungsbereich gucke, erscheint ein wiederum anderes Bild. Immer wieder kommt es von außerhalb zu Unmut über bestimmte Vorgänge im System, aber innerhalb des Bereichs der Bildung scheint es vor allem darum zu gehen positive Emotionen zu erzeugen und störende fern zu halten. Nicht dass das gelingt. Es scheint aber das Ziel. Die Herstellung eines neutralen bis leicht positiven Zustands der Emotionen auf niedrigem Erregungsniveau als idealer Zustand um Wissen zu vermitteln. Keine schreiende, brüllende Klasse von Schülern in Erregungszuständen, keine emotionalen Ausraster, keine Beleidigungen, Anfeindungen und gegenseitigen Angriffe in Diskussionen. Die Produkte werden dabei mit einem Bewertungssystem versehen, Grundlage für vielfältige positive und negative Emotionen.

Emotionsregeln für Emotionsregulierung und Ausdruck von Emotionen sind für den Bildungsbereich grundlegend und eingebetteter Bestandteil des Bildungsprogramms. Ist die Wahrnehmungsfähigkeit und Befähigung zur Umsetzung noch nicht durch Sozialisation und Erziehung vorgebildet, kann versucht werden in speziellen begleitenden Programmen oder auch extern in einem therapeutischen Rahmen nachzubilden. Im Erwachsenenbereich finden sich dann Lernangebote im Weiterbildungsbereich zur Persönlichkeitsentwicklung, der Entwicklung sozialer und emotionaler Kompetenzen, oder auch wie momentan bei meinem Arbeitgeber der Gesundheitsvorsorge durch Psychotechniken, deren Verwendung auf Verbesserung und Entlastung im Arbeitsleben ausgerichtet ist.

Generell nehme ich für den Bildungsbereich die Auswirkung der Haltung der Vergangenheit zu Emotionen als Gegenpol zu Denken und Rationalität wahr, die daher vor allem zu zähmen sind, als auch die Auswirkungen von Vorstellungen, dass sich Wissen in Lernende einflößen lässt und 1:1 übertragen werden kann, wenn denn die Lernenden nur in einen Zustand größter Aufnahmefähigkeit versetzt werden können. Emotionen werden dabei in vielen Ausformungen als störend eingestuft. Daher werden für den zulässigen Ausdruck Regeln erstellt, was allerdings kein in seiner Bedeutung bewusster Akt sein muss.

Diese Regeln können sowohl für Lernende als auch Lehrende starke Belastungen zur Folge haben, die eine anschließende Kompensation erfordern. Ich habe jahrelang mit den Kindern zu tun gehabt, die aus der Schule auf den Schulhof stürmten und erst einmal übereinander herfielen, bis sich nach einer Explosion von etlichen Minuten oft nur durch einschreitendes Ordnen die Situation wieder entspannte und für alle leidlich erträglich wurde, ohne dass ich verstanden hätte, womit ich da eigentlich konfrontiert bin. Ebenso habe ich jahrelang viele Stunden nach der Arbeit damit verbracht emotionale Belastungen zu kompensieren, ebenfalls ohne zu verstehen, womit ich da eigentlich konfrontiert war.

Durch die Auseinandersetzung damit was Emotionen sind und welche Bedeutung sie haben, habe ich meine Möglichkeiten für Strategien beim Umgang mit ihnen erweitert. Am bedeutsamsten ist dabei unmittelbare Achtsamkeit gepaart mit einem erweiterten Verständnis und der Möglichkeit in Distanz zu gehen, ohne dabei Emotionen an sich zu verändern. Problematisch ist die Tendenz gewohnheitsmäßig Emotionen abzuwehren, sie umzuinterpretieren oder zu versuchen sie zu verändern. Hohe Anforderungen an die Regulierung von Emotionen und ihres Ausdrucks verlangen einen hohen Preis, der sich in dieser Tendenz verfestigt, der aber als Folge zu Entfremdung von den tatsächlichen Emotionen führt. Daraus kann sich ein kontinuierlicher Zustand der Anspannung ergeben, der auch an den involvierten Personen in unterschiedlichen Formen sichtbar in Erscheinung treten kann.

Was ich zu Beginn meiner Recherchen noch nicht beabsichtigt hatte und was mir zwischendurch wegen der vielfältigen, kaum überschaubaren Erscheinungen gar nicht bestimmbar erschien, beginnt sich inzwischen zunehmend zu entwickeln. Es sind Orientierungen für eine sinnvolle Berücksichtigung der Bedeutsamkeit von Emotionen in Bildungskontexten. Letztendlich lässt sich der ganze Bereich der Emotionen in seiner Bedeutung für den Bereich der Bildung sinnvoll auf wenige Elemente reduzieren.

Meine nächste Aufgabe wird es sein, dafür eine nachvollziehbare Systematik zu entwickeln. Diese soll im Alltag auch ohne große Probleme unmittelbar anwendbar sein. Zum momentanen Zeitpunkt bin ich mit dem Ergebnis meiner Recherchen hochzufrieden. Zwischendurch hatte ich allerdings große Zweifel daran, dass mir das je gelingen könnte, und ich dachte, ich würde für immer in einer undurchschaubaren Komplexität gefangen bleiben. Es kann natürlich passieren, dass jetzt wieder bedeutsame, noch zu klärende Fragen auftauchen, meine Zufriedenheit scheint mir nach den Erfahrungen mit mir selbst aber ein deutlicher Hinweis darauf, dass keine wirklich wichtigen Fragen ausstehen. Ein letztes Puzzlesteinchen hat mir dabei das im letzten Blogbeitrag beschriebene Fundstück geliefert.

Traurigkeit

Irgendwo zwischen dem sehr zufriedenstellenden Vorlesen in einer Kita, die Organisation und Chaos in einer entspannten Weise verbindet und in deren Garten winzige Kinder kleine Schubkarren in faszinierender Weise wie Große schieben, der Beobachtung einer Frau mit ihrem Enkelkind, die um die Mittagszeit nach dem Unterricht an einem mobilen Grill ansteht und mit der mich eine Vorgeschichte verbindet, und dem Krach und Gebrüll einer Schulbetreuung, in der im Mittagsstress ein Kind, das sich vor anderen Kindern hinter der Tür verkrochen hat, aus der Unübersichtlichkeit der Situation heraus heftig angefahren wird, damit es den Platz hinter der Türe wieder verlässt, schleicht sich der Anlass für Traurigkeit ein.

Zwischen Bügeln und Aufräumen der Arbeitstasche wird es stärker, als ich einem Kind sein besonderes Projekt, eine mit einer Kumihimo-Scheibe geknüpfte Kette und einen Ring zusammennähe, Ideen, die noch kein Kind in der Form bisher bei mir umgesetzt hat. Die Traurigkeit wird so stark, dass ich mich auf dem Sofa zusammenrolle und mich unter einer Decke verkrieche.

Wenn sie da sind, sind sie da, die Emotionen. Dann sind sie Wirklichkeit. Direkte, unmittelbar erfahrene Wirklichkeit. Ihr Anlass wird nicht unbedingt sofort verständlich, manchmal sind sie angenehm, dann wieder unangenehm, manchmal halten sie kurz an, dann haben sie eine längere Dauer.

Unter meiner Decke nehme ich sie an, die Traurigkeit, akzeptiere sie und sie wird wieder schwächer. Freude kommt und geht, Traurigkeit kommt und geht, das sind zwei der ganz wichtigen Dinge, die über Emotionen zu lernen sind. Ihre oft umwerfende Präsenz und überwältigende Wirklichkeit zum Zeitpunkt ihres Auftretens und ihre Flüchtigkeit, die so gar nicht dazu zu passen scheint. Eine Flüchtigkeit, deren Kenntnis zum richtigen Zeitpunkt eingesetzt dabei helfen kann, auch die schrecklichsten Emotionen zu durchstehen. Schau es an, halt es aus, es geht wieder weg. Oder noch einen Schritt weiter. Ist es wirklich so schlimm wie es auf den ersten Blick scheint?

Die Traurigkeit bleibt, ich will aber noch etwas im Zusammenhang mit meinem Studium tun. Da es bereits Abend ist, nehme ich nur etwas Kleines in Angriff, ein Buch, das bald zurückgegeben werden muss.

Ich habe es schon lange herumliegen, aber immer nur begonnen darin zu lesen und dann wieder abgebrochen. Es ist das Studienbuch Emotionsforschung von Gesine Leonore Schiewer aus dem Jahr 2014. Es ist ein eigenartiges Buch. Die Literaturliste ist eine gewaltige Fundgrube zu Emotionstheorien, das Buch selbst gibt einen Einblick in einen Haufen Zeug, der im Zusammenhang mit Emotionen in sehr unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen gedacht wurde, es ist aber so gar nicht hilfreich für ein Gesamtverständnis von Emotionen.

Ein Grund dafür ist der Stil in dem es geschrieben ist, eine Aneinanderreihung von Fetzen, in Kapiteln vor allem nach Bereichen wie Medien, Computertechnik, Ökonomie oder Recht geordnet, eine Überfülle auf knapp 200 Seiten, aber kein Gesamtbild. Es ist ein Nachschlagewerk mit dem man weitere Recherchen beginnen kann, die Ordnung des Buches mit Stichworten am Rand erleichtert dabei die Nutzung. Das Buch ist so überhaupt nicht das was ich zum momentanen Zeitpunkt brauche, gleichzeitig habe ich aber den Eindruck, es wäre gut es immer wieder zur Verfügung zu haben, wenn ich mich weiterhin mit Emotionen beschäftigen will. Gefühlt brauche ich es nicht, aber gedacht wird es wichtig.

Eine Erscheinung in dem Buch wird dabei für mich bedeutsam. Das Unterkapitel zu Emotionen und Kognition in Bildung, Unterricht und Pädagogik hat einen Umfang von kaum mehr als einer Seite. Die eine Hälfte davon bezieht sich ausschließlich auf Literatur von Gieseke (2007), die andere Hälfte auf Fremdsprachenunterricht mit einem abschließenden Verweis, das Feld der Emotionsforschung für das Lernen und Unterrichten von Fremdsprachen in seiner Breite auszuschöpfen (Schiewer, 2014, S.189).

Nun ist es durchaus so, dass alle von ihr im Buch angeführten Bereiche für Bildungswissenschaft von Interesse sind, weil sie sich auf Bedingungen und Erscheinungen beziehen mit den Menschen konfrontiert sind, was letztlich ihrer Schlussfolgerung im Kapitel entspricht, in meiner immer noch bestehenden Traurigkeit wird dieser Mangel allerdings der scheinbaren Perspektivlosigkeit meiner Recherchen zugefügt und füttert dabei einerseits meine Traurigkeit, andererseits scheint er zu bestätigen, dass die Bedeutung von Emotionen für den Bereich der Bildung nur unzureichend untersucht ist.

Denn darum geht es bei meiner Traurigkeit. Nach und nach habe ich mir erarbeitet wahrnehmen zu können wie Emotionen in Bildungskontexten wirksam sind, überall kann ich sie jetzt erkennen und beobachten, es bleibt aber ohne Konsequenz. Ich nutze die Freiräume und Möglichkeiten, die mir der strukturelle Rahmen lässt, um meine Erkenntnisse anzuwenden, das ist für mich selbst hilfreich, es ändert aber nichts. Ich kann es nicht vermitteln und ich habe nichts was diese Aufgabe für mich übernehmen kann. Keinen Anknüpfungspunkt, aber auch keinen Bedarf.

Bildung werden ja manchmal fast Zauberkräfte zugesprochen, Bildung hat die aber nicht. Am leichtesten scheint es mir zu sein Emotionswissen für eigene Vorteile innerhalb eines bestehenden Systems zu verwenden, Emotionswissen für Veränderungsprozesse einzusetzen erscheint mir ungleich schwieriger. Zum momentanen Zeitpunkt tendiere ich sowieso zu der Haltung, die von einigen Kritikern vertreten wird, dass Menschen ihr Verhalten erst dann ändern, wenn es bereits zur Katastrophe gekommen ist. Erst wenn unsere Ressourcen erschöpft sind werden wir merken, dass wir bereits vorher andere Entscheidungen hätten treffen müssen.

Meine Nachbarin tut gut daran zu ihrem Vorstellungsgespräch frisch gestylt, mit neu gefärbtem Haar und freundlichem Lächeln zu erscheinen, durch Erscheinungsbild, Auftreten und Verhalten positive Emotionen zu erzeugen und eventuell auftretende negative Emotionen unter Verschluss zu halten. Sie tut gut daran ein angemessenes, gepflegtes Auto zu fahren und eine respektable Adresse vorzuweisen. Mit all dem erzeugt sie ein Bild, das eine Bewertung durch Emotionen erfährt.

Die Enkelin lernt vermittelt über Emotionen zu bewerten, dass Kinder benachteiligt sind, die in die Grundschulbetreuung gehen, und dass nur Familien Kinder angemessen betreuen und ihnen eine angemessene Bildung in der Freizeit zukommen lassen können. Schulen in der Zuständigkeit von Personen mit dieser Haltung organisieren ihr Nachmittagsangebot entsprechend dieser Kriterien und bestätigen dadurch die entsprechenden mit Emotionen verbundenen Vorurteile. Weltbilder werden geschaffen, über Emotionen abgesichert und reproduziert. Diese Weltbilder können sehr vielfältig sein.

Und so stehen sich dann Menschengruppen und Einzelpersonen gegenüber und versuchen Begründungen für das zu finden, was sie als richtig empfinden. Und statt zu untersuchen, was eigentlich die Prämissen in Form der Weltbilder sind, worin die Unterschiede bestehen und warum man sich mit dem einen wohl fühlt, mit dem anderen aber nicht, wird die eigene Position, das eigene Empfinden, die eigene Bewertung durch Emotionen im Extremfall mit Klauen und Zähnen verteidigt. Und dann wird noch die Machtkarte ausgespielt und so bleibt in der Regel weitgehend alles wie es war.

Mich macht das jetzt traurig. Mich macht es auch traurig, dass ich so schlecht vermitteln kann was ich wahrnehme. Es wäre ganz einfach dem Jungen mit den ängstlichen Augen in der Ecke die Angst zu nehmen. Es bräuchte mehr Menschen, die sich kompetent darum kümmern und die auf Emotionen positiv wirkende Strukturen schaffen. Dazu muss aber dieser Aspekt auch beabsichtigt sein. Also behält die Großmutter doch Recht mit dem was sie ihrer Enkelin vermittelt.

Emotionen wirken in vielfältiger Weise stabilisierend und formend auf gesellschaftliche Praktiken und Bedingungen. Zum Vorteil, aber ebenso zum Nachteil. Das Bildungssystem befindet sich dabei mitten drin. Es steckt voller Emotionen, voller Bewertungen und Praktiken aufgrund von Emotionen und es formt dabei die Emotionen der Involvierten. Es trägt Bewertungen der Welt weiter und erschafft sie immer wieder neu. Ob Noten, Zertifikate, Inhalte, ob Art des Lernens, gesellschaftliche Positionen, ob Verhalten oder Aussehen, alles, alles erhält das was Damasio als emotionale Marker bezeichnet. Ich bevorzuge meinen eigenen Begriff des emotionalen Taggings.

Da kann man nichts machen, das ist so, ist auch nicht an sich ein Problem. Ich halte es allerdings für notwendig, dass man sich darüber bewusst ist. Ich bewerte die Angst des Jungen als etwas das vermieden werden kann. Ich gerate in einen Erregungszustand und möchte etwas dagegen unternehmen. Eine andere Bewertung kann allerdings gerade von einem Jungen Härte erwarten und die Angst als etwas einstufen, bei dem er lernen muss es auszuhalten und nicht zu zeigen.

Es wäre gut nicht darüber zu streiten was richtig oder falsch ist, sondern herauszufinden von welchen Prämissen wir ausgehen. Was sind eigentlich unsere über das Auftreten von Emotionen als Bewertungssystem vermittelten Annahmen? Und ganz zu unterst, was sind unsere Annahmen über den Menschen und über seine Gesellschaft? Wie weit geht das mit der Gleichwertigkeit der Menschen und wie weit ist die Gesellschaft mit ihren Institutionen für das Wohlergehen von Mensch und Gesellschaft eingerichtet? Und Macht kann durchaus auch anders eingesetzt werden als zugunsten der eigenen Position.

Denken ist mächtig, Emotionen sind es ebenso. Ich bleibe traurig, ich mag das nicht. Meine Traurigkeit führt mir aber etwas vor Augen, das ich ohne sie nicht so entdeckt hätte. Die Angst des Jungen ist auch der Hinweis auf einen möglichen Änderungsbedarf. Der rechte Umgang mit Emotionen umfasst nicht nur die Trauer anzuschauen, anzunehmen und sie nicht durch Abwehr zu verstärken, sondern auch die Chancen zu erkennen, die in ihrer Erfahrung liegen.

Das alles bringt mich zwar weiter, meiner meiner Bachelorarbeit allerdings keinen Schritt näher. 😉

Referenzen:

Gieseke, W. (2007). Lebenslanges Lernen und Emotionen. Wirkungen von Emotionen auf Bildungsprozesse aus beziehungstheoretischer Perspektive. Bielefeld: wbv.

Schiewer, G.L. (2014). Studienbuch Emotionsforschung. Theorien – Anwendungsfelder – Perspektiven. Darmstadt: WBG.

Aufgabe der Pädagogik in Bezug auf Emotionen

Andere Erfordernisse des Lebens haben meine Beschäftigung mit den Emotionen und ihre Bedeutung in der Bildung für zwei Tage in den Hintergrund gedrängt und es fällt mir etwas schwer mich an den letzten Stand zu erinnern und wieder den Einstieg zu finden.

Die Auseinandersetzung mit Inhalten des Readers von Buddrus (1992) hat mich in eine schwierige Lage versetzt. Er stellt Fragen nach der Bedeutung der Emotionen in der Pädagogik, die auch mich beschäftigen, die Antworten, die sich im Buch finden, nutzen mir jedoch letztlich wenig. Einerseits repräsentieren sie den Wissensstand einer vergangenen Zeit und die Suche danach, was die Autoren daraus entwickelt haben, ist nicht hilfreich. Auch in seiner Literaturliste kann das Buch aufgrund seines Alters keine Unterstützung für die Recherche bieten. Es ist eine Sackgasse.

Andererseits sind die beschriebenen Übungen zur Förderung einer Bewusstheit der Gefühle (der hier verwendete Begriff für Emotionen) vor allem auf die Wahrnehmung des Individuums von sich selbst ausgerichtet. Buddrus erwähnt dazu in der Einleitung, dass er neben anderem soziale und politologische Aspekte ausklammert.

Insgesamt präsentiert es Lösungen, Praktiken und Techniken einer vergangenen Zeit, an die ich mich noch gut erinnere, die für mich inzwischen unzureichend sind, das Buch gibt keinen Hinweis auf das, was sich daraus weitergehend entwickelt haben könnte. Das Wissen und die verwendeten Techniken waren zum damaligen Zeitpunkt meiner Einschätzung nach allerdings vollkommen ausreichend, es war ein großer Fortschritt sich der eigenen Emotionen bewusst zu werden, einen entspannteren Umgang damit zu finden, ihre Existenz zu berücksichtigen und sie sichtbarer werden zu lassen, es ist aber alles viel zu sehr auf das einzelne Individuum bezogen und daher nur ein erster Schritt. Und es bleibt die Frage danach, was in der Zwischenzeit möglicherweise weiterentwickelt wurde.

Bei den Fragen nach den Aufgaben der Pädagogik in Bezug auf die Emotionen versuche ich daher vorerst eigenständig diese in drei Bereiche zu unterteilen.

  1. Die Vermittlung der Anforderungen einer vielfältigen Gesellschaft in Bezug auf Emotionen.
  2. Förderung von Wissen in Bezug auf Emotionen im Interesse des Individuums. Dazu gehören Kenntnisse über die eigenen Emotionen und des Umgangs damit als auch Kenntnisse zum Erkennen der Emotionen und des Umgangs mit ihnen, die bei anderen auftreten.
  3. Förderung der Reflexionsfähigkeit beider Bereiche.

Die ersten beiden Punkte bewegen sich im pädagogischen Spannungsfeld zwischen Anpassung an gesellschaftliche Anforderungen und Entfaltung des Individuums und stehen in einem engen Zusammenhang mit Erziehung. Hier müssen Problematiken von Regulierung für das Individuum, wie Entfremdung, Unterdrückung und zu stark einschränkende Begrenzung, in Balance gebracht werden mit den Anforderungen, die für Gemeinschaften schädlichen Emotionen und den Umgang damit zu kontrollieren. Besondere Beachtung erfordern dabei die Auswirkungen von Machtkonstellationen.

Der dritte Punkt repräsentiert für mich am stärksten die Ansprüche und Anforderungen von Bildung im Sinne der Aufklärung als Schulung der Vernunft. Es ist die Befähigung über das was im Bereich der Emotionen vor sich geht und Verwendung findet zu reflektieren. Das kann dafür eingesetzt werden Problematiken zu erkennen und den Umgang mit Emotionen zu verbessern, aber auch nur um ein besseres und bewussteres Verständnis zu entwickeln.

Buddrus (1992, S. 37) bemerkt, dass er bei der Beschäftigung mit der Geschichte des pädagogischen Dilemmas im Umgang mit den Gefühlen festgestellt hat, dass viele Problemstellungen schon lange bekannt sind, je nach Zeitgeist ganze Dimensionen aber aus dem Blick geraten können. Ich sehe hier einen Zusammenhang damit, dass aufgrund der Art des Umgangs mit dem Themenbereich Emotionen eine Reflexion aus einer übergeordneten Perspektive nur unzureichend erfolgt (dazu: Tagung Bildung und Emotion).

Ich hatte über lange Zeit mit der Problematik zu tun, dass sich Emotionen immer wieder dem Blick entzogen und dadurch verschwunden sind. Sie haben in der Tradition der Betrachtung des Menschen und seiner intra- und interpersoneller Beziehungen in diesem Kulturkreis anscheinend keine Position, die es fortdauernd erforderlich macht auf sie zu achten. In der Beobachtung von politischen und ökonomischen Vorgängen lässt sich feststellen, dass das emotionale Erleben von Menschen keine Priorität hat und die Zielsetzungen von Politik und Ökonomie nicht vorrangig darauf ausgerichtet sind (dazu: Politik der Gefühle). Emotionale Gegebenheiten finden Berücksichtigung, wenn Störungen oder Notwendigkeiten der Verbesserung von Abläufen des erforderlich machen, Ökonomie und Politik sind aber nicht an sich darauf ausgerichtet die emotionale Befindlichkeit von Menschen zu fördern, können diese bei der Verfolgung ihrer eigenen Interessen sogar massiv stören.

Es gibt Bereiche der Gesellschaft, in der Emotionen eine andere Rolle spielen, dabei handelt es sich allerdings nicht um in der Gesellschaft dominante Bereiche. Macht- und Interessenverhältnisse haben jedoch einen großen Einfluss auf das, worauf sich innerhalb von Gesellschaften der Fokus richtet. Bildungspolitik als Teilbereich der Politik ist nicht aus sich heraus auf die emotionale Befindlichkeit von Menschen ausgerichtet, kann diese allerdings bei Bedarf einbeziehen.

Es ist etwas schwierig verständlich zu machen. Es ist so etwas wie der Unterschied darin, ob in einer Gesellschaft der Fokus auf Bruttosozialprodukt oder auf Bruttosozialglück gerichtet wird. Beides führt zu anderen Konsequenzen. Ich will dabei weder das eine noch das andere favorisieren, nur verständlich machen, dass die jeweilige Ausrichtung andere Dinge betont und andere Handlungskonsequenzen nach sich zieht.

Es erklärt sich die untergeordnete Position von Emotionen, die zu ihrem Verschwinden aus der Wahrnehmung führt, wenn sie sich nicht aus sich selbst heraus bemerkbar machen. So kommt es dazu, dass Emotionen kein kontinuierlicher Beobachtungsbereich bleiben, was eine Akkumulation von Informationen, Wissen und Erfahrungen erschwert. Gewonnenes Wissen verschwindet wieder. Ein anderer Zeitgeist muss dann einen neuen ihm entsprechenden Zugang gewinnen und kann nicht einfach vorhandenes Wissen fortführen und dabei anpassen.

Ein bisschen weit aus dem Fenster gelehnt? Vielleicht, aber nicht so ganz abwegig. Feststellen kann ich, dass bei mir nach wie vor eine Verwunderung über die Art bleibt, in der Emotionen Berücksichtigung bzw. keine Berücksichtigung finden, die mich immer wieder über die Ursachen rätseln lässt. Verschwunden sind dagegen Minderwertigkeitsgefühle aufgrund des Themas, genauso wie Zweifel an seiner Bedeutsamkeit. Es wird auch immer klarer, dass Emotionen untrennbarer Bestandteil pädagogischer Praxis sind. Wenn ein Mangel besteht, dann besteht der am ehesten in einem Mangel an Bewusstheit.

Referenz:

Buddrus, V. (Hrsg), 1992. Die „verborgenen“ Gefühle in der Pädagogik. Impulse und Beispiele aus der Humanistischen Pädagogik zur Wiederbelebung der Gefühle. Hohengehren: Schneider.

Emotionen untersuchen

In der letzten Zeit habe ich zunehmend den Eindruck, dass mein grundlegendes BiWi- Studium nun komplett ist. Das meint nicht, dass ich umfassende und perfekte Kenntnisse habe, sondern ich verfüge über einen Überblick über Komplexität, den ich in relevanten Situationen anwenden kann. Was ich zunehmend tue. Es ist eine Art von Studium, die im Menschen etwas an dem verändert wie er oder sie der Welt begegnet und mit ihr umgeht. Es ist eine Art von Studium, wodurch die Person an sich geformt und verändert wird. Ich muss dadurch nicht mehr rumzappeln und mich aufregen (kann es aber, wenn ich will, was gerade bei angenehmen Erregungszuständen bis zu einem bestimmten Grad angenehm ist), ich kann sachlich und analytisch an komplexe, schwierige und widersprüchliche Erscheinungen herangehen. Auch an Emotionen. Oder besser, gerade an Emotionen.

Über den Umgang mit Komplexität habe ich schon eine Menge gehört und gelesen und kann meinen eigenen, darauf bezogenen Stand bestimmen, in Bezug auf Emotionen ist das anders. Ich habe immer wieder Phasen und Momente, wo mir die Beschäftigung mit Emotionen unnötig, unwichtig und minderwertig erscheint. Oder wo Emotionen gänzlich verschwinden, weil sie keine Erwähnung finden. Obwohl sie fortwährend in Menschen auftreten, sie interpretiert, ausgedrückt, geformt, kontrolliert und manipuliert werden, sind sie nach wie vor nichts, das bei der Beschäftigung mit Menschen auch fortdauernd eine bewusste und gezielte Beachtung finden. Doch erst dadurch wird für mich die Betrachtung von Menschen und ihres sozialen Miteinanders vollständig.

In der letzten Zeit gelingt es mir zunehmend besser, achtsam für Erscheinungen in Bezug auf Emotionen zu bleiben und mich nicht verunsichern zu lassen. Es wird einfacher neben der Duldung des Auftretens aller Arten von Emotionen, Formen der Regulierung, des Ausdrucks oder des Mangels daran eine distanziert beobachtende Position einzunehmen. Diese Position hat zwar Auswirkungen darauf wie ich mit meinen und den Emotionen anderer umgehen, führt aber nicht zu grundsätzlichen Änderungen. Die Emotionen bleiben was und wie sie sind. Ich unterdrücke sie nicht, wehre sie nicht ab und fördere sie nicht mehr als sonst. Zum Teil wird es sogar wesentlich einfacher sie sichtbar werden zu lassen und ihre Sichtbarkeit zu dulden, da die Sicherheit im Umgang mit ihnen wächst.

In Bezug auf bildungsrelevante Texte, Problemfelder und Fragestellungen versuche ich zu erfassen und zu berücksichtigen, in welcher Weise Emotionen eine Rolle spielen. Wenn sich die Gewohnheit etabliert hat so vorzugehen, wird die Achtsamkeit in vielen Fällen ganz automatisch auf Emotionen gelenkt, während weiterhin das beachtet und untersucht wird, was auch schon vorher beachtet und untersucht wurde. Das wird dadurch nicht geschmälert. Emotionen sind ein zusätzlich berücksichtigter Bereich, der bereits vorher da war, der Unterschied besteht in der Bewusstmachung ihrer Existenz auf der Basis von begrenztem, aber sich erweiternden Wissens über Emotionen, ihrer Natur, des Umgangs damit, der Regulierung und so weiter. Für mich ergibt sich dadurch ein vollständigeres, umfassenderes Bild, das für mich besser nachvollziehbar, übertragbar und anschlussfähig ist, da Emotionen den Bereich des unmittelbaren Geschehens repräsentieren. Emotionen finden unmittelbar statt. Auch dann wenn sie als Erinnerungen auftreten. Sie repräsentieren unmittelbares Erleben von Menschen.

Da sich Bildungswissenschaft mit dem Menschen und seinen Bildungsprozessen beschäftigen, ist es legitim und möglicherweise sogar notwendig Emotionen, und alles was dazu gehört, in Analysen zu berücksichtigen. Praktisch angewandte Pädagogik musste immer auch mit Emotionen umgehen. Die einzige Frage in diesem Kontext ist, ob das bewusst oder nicht bewusst geschehen ist oder geschieht. Ein nicht bewusster Umgang funktioniert, ein bewusster ermöglicht nach meinen Überprüfungen an mir selbst einen deutlichen Mehrwert.

Durch einen bewussten Umgang mit Emotionen und eine Konzentration auf sie können Haltungen zu Emotionen, die verwendeten Arten des Umgangs, die Lenkung des Ausdrucks, verschiedenste Formen der Manipulation, auftretende Konflikte und Problematiken beispielsweise durch Widersprüche und vieles mehr eher erkennbar werden. Dadurch wiederum können eine gezieltere Änderung sowie weitere Untersuchungen vorgenommen werden.

Als Probleme bleiben für mich momentan wie ein solches Vorgehen für andere nachvollziehbar dargestellt werden kann und ob sich Systematiken für das erstellen lassen was ich in meinem Alltag anzuwenden versuche. Worauf muss wie und weshalb geachtet werden? Und wie geht man dabei vor? Reicht es aus bestimmtes Wissen über Emotionen zur Verfügung zu haben? Wo befindet sich die Beobachtungsebene? Und was ist mit Texten? Und was mit Netzaktivitäten? Wie sammele ich eigentlich meine ganzen Informationen?

Emotionen im weiten Land der Bildung

Heute morgen habe ich vor Freude innerlich und äußerlich gezappelt. Ich konnte im weiten Land der Bildung überall die Emotionen winken sehen. Ich habe dabei das Land als tatsächliche Landschaft visualisiert, in der die Emotionen in bunten Farben an unterschiedlichsten Positionen, in unterschiedlichsten Feldern und auf unterschiedlichen Hierarchiestufen vorhanden sind. Dieses Bild ist die Repräsentation meiner momentanen Wahrnehmung. Es ist eine Frage der Perspektive, der Blickrichtung, der Betonung. Konzentriere ich mich auf Kognition, sehe ich überall die Kognition, konzentriere ich mich auf Rassismus, sehe ich überall den Rassismus, konzentriere ich mich auf Frauen, sehe ich überall die Position der Frauen. Kombinationen sind möglich.

Es ist ein altbekanntes Prinzip und es ist legitim. Erst so fallen Feinheiten auf und Wirkungszusammenhänge. Eine Kommilitonin möchte ein Konzept zur interkulturellen Kompetenz für ehrenamtliche bzw. professionelle Flüchtlingshelfer in Erstaufnahmeeinrichtungen für Flüchtlinge entwickeln und ich denke sofort, dazu gehört doch auch die Achtsamkeit den Emotionen gegenüber und ihre Reflexion, Achtsamkeit für die Art wie man mit den eigenen Emotionen und denen anderer umgeht, wie man sich und andere nicht überlastet, sondern entlastet, aber auch die Beobachtung von vorhandenen Bewertungen, die in Form von Emotionen sichtbar werden. Dazu gehören auch rassistische und deterministische Vorstellungen, die oft nicht bewusst sind. Ich habe keine Ahnung wie man das sinnvoll in einem Konzept unterbringt, es gehört aber dazu. Sich dessen bewusst zu sein, öffnet den Weg dafür Emotionen in Bildungskontexten gezielter berücksichtigen zu können. Man muss allerdings auch einen Wert darin sehen.

Ich überlege wie ich das in Unterrichts-, Betreuungs- und Angebotsgestaltung handhabe. In der Vorbereitung beziehe ich die möglichen Emotionen der Kinder, meine eigenen und die anderer Beteiligter mit ein. Ich mache das durch Visualisierung der erwarteten Situation. Während der Durchführung beobachte ich Emotionen, als Ausdruck am Körper, als Empfindung im Körper, reagiere auf sie, wirke auf sie ein, versuche ungünstige spontane Reaktionen zu dämpfen, Emotionen zu lenken. Sowohl bei den Kindern als auch bei mir selbst als auch bei anwesenden Erwachsenen. Ich verbringe anschließend Zeit mit Reflexion, erinnere mich, versuche Zusammenhänge zu erkennen, Abläufe, wo es anfing und warum es sich in einer bestimmten Weise entwickelt hat. Entwickele bei Bedarf alternative Vorstellungen für das nächste Mal. Was muss ich vermeiden damit bestimmte Emotionen auftreten, was muss ich tun um andere zu fördern. Bei mir selbst und bei den anderen.

Als selbst Lernende kann ich ebenfalls meine Emotionen beobachten. Welche Emotionen bewegen mich wann zum Lernen, welche sind hinderlich? Die Freiheit der selbstbestimmten Lernerin wird von Emotionen getragen. Die Auswahl dessen was ich lerne, der Menschen, deren Äußerungen ich auch im Netz bevorzuge. Die Inhalte, die sich stärker und schwächer einprägen. Ich stelle Beziehungen zu Menschen her, die ich niemals unmittelbar sehen werde, die durchaus emotionale Komponenten haben. Was der will, will ich auch. Was die schreibt, stößt mich ab. Wenn ich das tue, werde ich nicht mehr gemocht. Ich kann versuchen solche Einflüsse vorüberziehen zu lassen. Kann sie beobachten, kann im ersten Fall versuchen meine eigentlichen Interessen herauszufinden, die Emotionen zu identifizieren und mich daran zu orientieren, die mir einen geeigneten Weg durch die Fülle der Möglichkeiten weisen. Kann im zweiten Fall abwarten, genauer hinsehen, anderes entdecken, offen bleiben, mich nicht schnell festlegen. Ich kann aber auch mein eigenes Scheitern beobachten, meine Ängste und Unsicherheiten, meine Verstimmtheit, mein unnötiges Zögern, Neid und Gier. Kann beobachten, dass meine Wut nicht destruktiv ist, nur heftig und ein starker Motivator.

Ich bin ausgesprochen zufrieden mit meinen Überlegungen und Recherchen. Ein weites Land, das ich schon lange kenne und trotzdem ganz neu erlebe, weil ich mich auf diesen speziellen Aspekt konzentriere. Es wuselt nicht mehr irgendwo herum, wirkt und arbeitet ohne dass ich damit arbeiten kann. Wenn ich beobachten, verstehen und einordnen kann was geschieht, kann ich darüber sprechen, kann dazu denken, kann dazu planen, kann dazu Ideen sammeln. Wenn ich Emotionen als Beobachtungsgegenstand ernst nehmen kann, kann ich ihre Auswirkungen anderen gegenüber besser zum Thema machen. Nicht emotional verstrickt, sondern sachlich, bewusst, greifbar, mit einer Distanz zum unmittelbaren Erleben, ohne dadurch aber die Emotionen unterdrücken oder auch vor mir selbst verbergen zu müssen.

Von Gabriele Zienterra (2015, S.190), Expertin für Rhetorik und Kommunikation, habe ich den Begriff Dissonanz gelernt. Nicht in den eigenen Emotionen aufgehen, sondern sie aus der Distanz betrachten. Für sie besteht die Kunst im Wechsel zwischen der erlebten und der beobachteten Gefühlswelt. Das Erleben mit dem Verstehen über die bewusste Achtsamkeit verbinden, dabei einen authentischen und spontanen Ausdruck von Emotionen ermöglichen, die Artikulationsfähigkeit erhöhen, Emotionen aber keinesfalls an anderen auslassen, sondern auf deren Emotionen achten.

Emotionen dürfen sichtbar gemacht werden, denn sie sind sowieso da und werden durch verschiedene Zeichen wahrgenommen, wie im EASI-Modell von Van Kleef beschrieben. Gestik, Mimik, Körperhaltung, Tonfall, Wortwahl geben Hinweise, die unter Einfluss der Art der Informationsverarbeitung und Faktoren der sozialen Beziehung auf die parallel zueinander auftretenden Affekten des Beobachters und seine Schlussfolgerungen das darauf folgende Verhalten bestimmen. Watzlawick formuliert: „Man kann nicht nicht kommunizieren, denn jede Kommunikation (nicht nur mit Worten) ist Verhalten und genauso wie man sich nicht nicht verhalten kann, kann man nicht nicht kommunizieren.“ [1] Watzlawick redet nicht von Emotionen, doch im Sinne des EASI-Modells umfasst seine Beschreibung auch den Ausdruck von Emotionen. Gabriele Zinterra empfiehlt in diesem Zusammenhang allerdings, nicht der eigenen Interpretation vertrauen, sondern beim Gegenüber nachhaken.

Das ganze Verstecken und Unterdrücken könnten wir uns vielleicht schenken. Wären da nicht Machtverhältnisse und Abhängigkeiten, Gepflogenheiten und Ideale, eine Vergangenheit (und Gegenwart) christlicher Moralvorstellung nach der bestimmte Emotionen, da sündhaft, gar nicht auftreten dürfen, Intrigen zur Durchsetzung von Interessen, eine Vergangenheit der Abwertung der Sichtbarkeit von Emotionen, Ängste vor und Abwehr von ganzen Kategorien von Emotionen (die negativen 😉 )…

Nun gut, wir können es uns nicht schenken, aber ausprobieren wo wir es reduzieren können. In Therapien werden Erkenntnisse durch die Aufdeckung und Bewusstwerdung von Emotionen gewonnen. Das sind wirkungsvolle Methoden, die zu Heilungsprozessen führen können. Bildung ist nun keine Therapie, aber wahrscheinlich hat die gelernte Art des Umgangs mit Emotionen beträchtliche Auswirkungen auf das Wohlergehen von Menschen, von Institutionen und von Gesellschaften an sich.

Umlernen ist ein Bestandteil der Bildung Erwachsener…

Referenz:

Zienterra, G. (2015). Stop Cheap Speak. Wie wir wertvoller kommunizieren. München: Knaur.

[1] Zitat abgerufen unter: http://www.paulwatzlawick.de/axiome.html

Ausbildung, Bildung, Lernen

Einem Bekannten gegenüber habe ich kürzlich geäußert, dass ich jetzt bei meinen Untersuchungen auf der untersten Ebene, der Anwendungsebene, angekommen bin. Wie soll man in Bildungskontexten mit Emotionen umgehen, was soll man über sie wissen, was soll man über sie lehren?

In Konfrontation mit einer Reportage über China, die auch Einblicke in Schul- und Arbeitssystem lieferte, wurde für mich die Frage bedeutsam wie weit man Menschen in Bildungskontexten an ihre tatsächlichen Emotionen heranführen kann. Kinder und Jugendliche, die über viele Jahre 13 Stunden am Tag mit geplantem Lernen beschäftigt sind, dabei Erwartungen von Eltern und Gesellschaft zu erfüllen haben und deren Lebensperspektive maßgeblich von einer einzigen abschließenden Prüfungszeit abhängt, sind sehr stark auf ein gutes Management ihrer Emotionen in Hinblick auf erfolgreiche Leistung angewiesen. In einem solchen System anderes zu fördern kann schädliche Konsequenzen für das Individuum haben.

Interessanterweise wurde in der Reportage von einem Vater geäußert, dass sein Sohn nach bestandenem Abitur im westlichen Bildungssystem studieren soll, da nur dieses in der Lage ist Individualität und Kreativität zu fördern, und sich durch den Erwerb dieser Fähigkeiten für seinen Sohn Wettbewerbsvorteile gegenüber anderen ergeben. Ein sehr interessantes strategisches Vorgehen! Wie der Sohn wohl auf den Wechsel reagiert?

Inzwischen bin ich dazu gekommen erst einmal drei Hauptkategorien für die Betrachtung von Emotionen in Bildungskontexten zu verwenden. Ausbildung, Lernen und Bildung. Von besonderer Bedeutung ist für mich außerdem der Faktor Ungleichheit, der in allen drei Kategorien Auswirkungen hat.

Diese Unterscheidung zu treffen hilft mir momentan beträchtlich Widersprüche in Bezug auf die Einschätzung und den Umgang mit Emotionen zu verstehen und zu ordnen. Der Auftrag von Bildung bedeutet das Individuum zu Erkenntnisfähigkeit seiner selbst, anderer Individuen sowie seiner sozialen und natürlichen Umwelt zu führen. Dafür ist es notwendig auch die Informationen zu verstehen, die aus den eigenen Emotionen und der Art des Umgangs mit ihnen gewonnen werden können. Schwierig ist das dann, wenn das Individuum Emotionen vor sich verbirgt, bestimmte Emotionen verdrängt oder betäubt, gelernt hat bestimmte Emotionen beim Auftreten sofort abzuwandeln oder aber auch, beispielsweise durch ständigen Zeitdruck, Emotionen nicht beobachten und reflektieren kann. Um aus Emotionen Informationen für Erkenntnisprozesse bewusst gewinnen zu können, ist ein gewisser Zugang zu ihrer tatsächlichen Form und Bedeutung notwendig. Neben anderem können geeignete Meditations- und Achtsamkeitstechniken dabei hilfreich sein.

Für gezieltes Lernen gelten dagegen andere Anforderungen. Es existieren ein Rahmen und ein Ziel und der emotionale Zustand des Lernenden kann dafür von ihm selbst oder von den anleitenden Personen in einer förderlichen Weise gestaltet werden. Es können emotionale Faktoren identifiziert werden, die blockierend oder fördernd wirken und die Gestaltung von Lernumgebung, Lerninhalt oder Lernmaterial können diese geplant und spontan berücksichtigen.

Für Ausbildung können wiederum andere Regeln angewendet werden, müssen es aber nicht. Ausbildung kann vom Auszubildenden erwarten, dass er Vorgaben erfüllt. Das bezieht sich auch auf die Art wie er mit Emotionen umgeht und sie präsentiert. Ausbildung muss das Individuum nicht zu Erkenntnis führen und kann von ihm erwarten, dass es von außen kommende Anforderungen erfüllt, seine eigentlichen Emotionen unterdrückt, verbirgt oder abändert, sowohl in einem deep als auch einem surface acting. Ausbildung darf das Individuum von sich selbst entfremden und zur reinen Erfüllung von Rollenverhalten und gesellschaftlicher Vorgaben hinführen. In diesem Kontext kann es von großer Bedeutung werden dem Individuum Raum für Unterbrechung und Entspannung zur Erhaltung seiner Gesundheit zu gewährleisten. Ob ein solches Vorgehen für das Gesamtwohlergehen des Individuums, die Entwicklung von Gesellschaften oder die Qualität von Arbeit tatsächlich sinnvoll und förderlich ist, stellt dabei erst einmal ein untergeordnetes Untersuchungskriterium dar.

Ungeplantes und nicht zielgerichtetes Lernen lässt sich in diesem Kontext mit Sozialisation zusammenfassen. Diese Bereiche fallen für mich nicht unter die Fragestellung wie in Bildungskontexten mit Emotionen umgegangen werden soll. Erziehung kann in diesem Zusammenhang je nach Intention Bildung oder Ausbildung zugeordnet werden, auch wenn das zuerst etwas eigenartig erscheinen mag. Einübung hat dabei grundsätzlich genauso eine Berechtigung wie die Förderung von Erkenntnisbefähigung.

Bedeutsam ist in diesem Zusammenhang Bewertungen danach was gut oder schlecht, richtig oder falsch sei erst einmal beiseite zu lassen. Ich bin vor allem mit Bewertungen konfrontiert, die darauf hinauslaufen, Bildung im beschriebenen Sinn als gut, Ausbildung als schlecht einzustufen und in denen außerdem eine emotional positive Lerngestaltung gleichgesetzt wird mit der Gesamtgestaltung von Bildung und Ausbildung. Bei der Beobachtung der Bedeutung von Emotionen in Bildungskontexten führt das bei mir aber regelmäßig zu Verwirrung, weil sich dadurch viele Erscheinungen und Praktiken in Bezug auf Emotionen nicht stimmig ordnen lassen.

Auf der Ebene der direkten Beobachtung wie Emotionen im sozialen Bereich entstehen und wirken, bleibt das EASI-Modell von Van Kleef für mich allerdings weiterhin gut anwendbar. Die Unterteilung in die Kategorien Lernen, Bildung und Ausbildung hilft dabei zuerst einmal scheinbar widersprüchliche Erscheinungen und Ansprüche zu ordnen. Probleme bereitet es mir momentan in die Kombination aus beidem Differenzerfahrungen einzubauen.

Das EASI-Modell erfasst grundsätzlich sowohl den Einfluss von Normalitätsvorstellungen des Wahrnehmenden als auch den Einfluss gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Ausbildung geschieht innerhalb gesellschaftlicher Machtverhältnisse und dominierender Vorstellungen, muss sie aber nicht hinterfragen und kann sich daran anpassen, Bildung erfordert ihre Berücksichtigung und die Untersuchung ihres Einflusses. Gezielte Lernarrangements an sich haben Wahlfreiheit. Sie können ausbilden, bilden und beides mischen. Ich denke unser momentanes Ideal umfasst durchaus eine Mischung. Wir wünschen uns sowohl gut ausgebildete als auch gebildete Menschen. In Bezug auf Emotionen bedeutet das

  • Erkenntnisbefähigung und Verstehen in Bezug auf die eigenen Emotionen und die anderer Personen (Bildungsauftrag: Achtsamkeit, Wahrnehmungslenkung, Bewusstheit, Verbindung mit Beispielen),
  • bei gleichzeitigem Wissen über Emotionsregulierung und Emotionsausdruck, die sinnvoll und zielführend sind, aber auch was ungeeignet und zu vermeiden ist (Bildungsauftrag: Methoden, Techniken, kulturelle Praktiken, Wissen über gesellschaftliche Bedingungen, Verwendung von Beispielen, kritisches Denken)
  • bei gleichzeitigem Wissen über die Einbettung von Emotionen in Kontextbedingungen (Bildungsauftrag: gesellschaftliche Bedingungen, Konstruktion von Wirklichkeit, Kommunikationsstrukturen, Befähigung zur Einnahme unterschiedlicher Perspektiven, Denken in Komplexität).

Als Kompetenzbegriffe können in diesem Zusammenhang emotionale und soziale Kompetenz benannt werden.

Die Zeiten, in denen Emotionen eine untergeordnete Rolle zugewiesen werden und in denen sie in den privaten Bereich verwiesen werden konnten, in dem sie dann in eine gesellschaftlich verträgliche, Abläufe möglichst nicht störende Form gebracht werden, sind vorbei. Es erweist sich als notwendig die permanente Anwesenheit von Emotionen in Menschen und ihren stetigen Anteil an mentalen Verarbeitungsprozessen zu berücksichtigen, um Vorgänge und Abläufe zu verstehen. Emotionen, im besonderen soziale Emotionen sind für das menschliche Individuum als sozialem Wesen von gravierender Bedeutung. Bildung geht nicht ohne Emotionen. Daher sollte ihr Mitwirken in Bildungskontexten auch jeweils genauer betrachtet und einbezogen werden.