Bildungsmäuschen

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Umgang mit emotionalen Belastungen

Es ist an der Zeit über emotionale Belastungen im Kontext von Bildung zu schreiben. Hintergrund ist dabei der momentane Zustand meines durch einen Unfall beeinträchtigen Hörvermögens und der emotionale Stress, der dadurch besteht und der sich auf meine Verarbeitungs- und Kommunikationsfähigkeit auswirkt, und für den ich Strategien überlege und ausprobiere. Genau das lenkt jetzt meine Achtsamkeit. Unter emotionalen Belastungen können dabei Emotionen verstanden werden, die zu viel, zu stark, zu widersprüchlich oder sehr negativ sind.

Inzwischen habe ich damit begonnen mir erlebte als auch imaginäre Situationen in Lern-/Lehrkontexten in den komplexen emotionalen Einflüssen vorzustellen, die bei die Einzelnen bestehen und mit denen sie sich in eine Situation mit anderen begeben, in der wiederum Emotionen ausgelöst werden. Diese Gesamtbilder sind kaum linear zu beschreiben, als Gedankenexperiment aber sehr aufschlussreich.

Immer wieder wurde in den letzten Jahren beispielsweise auf für Lehrer und Schüler belastende Klassenraumsituationen verwiesen und von Lehrerseite wird auch häufig ein Interesse an besseren Kenntnissen zu Emotionen geäußert.  Bei der Verwendung mir bekannter Beispiele von dem was in einem Klassenraum an emotionalen Belastungen so alles zusammenkommen und sich gegenseitig beeinflussen kann (emotionale Ansteckung), wird für mich sehr verständlich, warum der Wunsch entstehen kann, das alles möglichst wenig sichtbar werden zu lassen, indem der Emotionsausdruck in spezifischer Weise reguliert wird. Dieses zu erlernen ist Bestandteil vorschulischer und schulischer Sozialisation und wird in den letzten Jahren auch verstärkt geplant durchgeführt.

Die Beteiligten an institutionellen Lernprozessen, Erwachsene ebenso wie Kinder oder Jugendliche, haben im Ideal zu lernen wie sie mit ihren emotionalen Belastungen und denen der anderen in einer Weise umgehen, dass es zu möglichst geringen Beeinträchtigungen des anvisierten Lernablaufs für alle Beteiligten kommt. Lehrerzufriedenheit mit Unterricht scheint sehr stark daran gekoppelt zu sein.

Dazu fallen mir einerseits traditionelle Unterrichtsformen ein, die sehr stark auf Disziplin und Regeleinhaltung setzen und in denen wenig Raum für Emotionsausdruck vorgesehen ist. Dadurch sollten emotionale Belastungen weniger sichtbar werden und sich während der Unterrichtssituation bemerkbar machen. Diese Zurückhaltung des Emotionsausdrucks entspricht aber nicht mehr gängigen Idealen. Gängige Ideale erwarten eher Emotionen zu erfahren und zu zeigen, allerdings sollen diese möglichst in einer für den Lernprozess positiven und nicht destruktiven Form erfolgen.

Genau darin scheint die momentane Aufgabe von Lehrenden und Lernenden in Bezug auf Emotionen zu bestehen. Bei einer Facebookdiskussion wurde von einer Kommilitonin spontan vorgeschlagen, ich können ja untersuchen, wie positive Emotionen bei Lernangeboten gefördert werden können. Ebenso gibt es den Zugang aus der anderen Richtung der danach fragt, wie negative Emotionen vermieden werden können.

Interessanter erscheint mir momentan allerdings eine Konzentration auf die Reduktion emotionaler Belastungen in der von mir beschriebenen Form. Also: nicht zu viel, zu stark, zu widersprüchlich oder zu negativ. Unterschiedlichste Emotionen werden während Lern-/Lehrprozessen erfahren und sollten auch ausgedrückt werden dürfen. Auch negative Emotionen haben dabei eine Bedeutung während positive Emotionen allein kein Garant für gutes und nachhaltiges Lernen sind. Die Bewältigung negativer Emotionen kann sich beispielsweise positiv auf das Selbstwirksamkeitserleben auswirken. Problematisch scheinen eher zu große emotionale Belastungen zu sein. Das gilt dabei sowohl für Lernende als auch Lehrende.

Es wäre also durchaus interessant darauf zu achten wo emotionale Belastungen zu groß werden, welche Ursachen es dafür gibt und wie sie wirksam reduziert werden können.

Nachtrag vom 29.7.2015: Thematisch passender Artikel

Facebookkommentar

Auch ein Facebookposting kann den Anlass dafür liefern sich mit dem momentanen Thema auseinanderzusetzen, um sich daran anzunähern. Da es für mich ein Hinweis auf die Richtung meiner Gedanken ist, nehme ich meinen eigenen Kommentar auf meinem Blog auf.

Danke, das passt jetzt gut für eine Auseinandersetzung! Interessant, dass der Artikel mit dem Begriff anfühlen für sich wirbt! Genau darin geht es bei meinem Thema, das ich momentan nicht in eingegrenzt bekomme. Der Mangel an expliziter Beachtung von Emotionen und Gefühlen bei Bildungsprozessen und in Institutionen, die sich mit Bildung beschäftigen.

Die Aussage “ Das, was mich rettete, waren der sanfte Druck und die Erwartungen meiner Eltern. Sie haben von mir Disziplin und die Einhaltung von moralischen Regeln eingefordert.“ ist dabei sehr aufschlussreich. Was für Emotionen förderten die Eltern und welche Emotionen wurden offensichtlich durch die Schulerfahrungen gefördert? Und aus welchen Gründen wird dort nicht fortwährend hingeschaut?

Bei Kunden wird es inzwischen als wichtig eingestuft, dass bei ihnen für das Kaufverhalten förderliche Emotionen entstehen. Was ist aber mit den das Lernen fördernden oder blockierenden Emotionen? Hauptschulen weg wird auch hier nicht als die alleinige Lösung betrachtet. Es muss noch etwas dazu kommen.Hier wird passenderweise das SelbstwertGEFÜHL angeführt.

Es ist aber auch entscheidend wie sich Menschen generell in Bildungsprozessen fühlen und mit welchen Emotionen sie sich dabei tagtäglich auseinandersetzen müssen. Jede einzelne Kleinigkeit formt ein Gesamtbild der Welt mit, liefert einen Baustein dafür wie die Wirklichkeit emotional konstruiert wird und beeinflusst Handeln darüber, wo man sich zugehörig fühlt und was man als passend für sich selbst erlebt. Damit werden die Grundlagen für die Chancen gelegt, die man dann für sich selbst nutzen kann.

In meinen Augen ist die Beachtung der emotionalen Ebene von gravierender Bedeutung wenn es um Veränderungen geht. Und diese Beachtung muss ausdrücklich erfolgen und Emotionen dürfen dabei nicht als pillepalle nachgeordneter Privatkram eingestuft werden, der nicht wirklich wichtig ist.

Puh! Sorry für die Länge. Ich habe momentan ziemlichen Diskussionsbedarf!

Umbauprozesse

Manchmal dauert es ein wenig um zu verstehen in welcher Phase meines Lernprozesses ich mich befindet. Gestern bekam ich zu hören, ich sähe nach den Ferien sehr erholt aus. Und wenn ich meine körperliche Fitness beobachte, so scheint sie sich auch verbessert zu haben, aber eigentlich fühle ich mich miserabel. Oder etwa nicht?

Momentan zieht es mich vor allem zum Nachdenken. Drei Jahre habe ich meinen Kopf unentwegt befüllt und seit einer Weile weigert er sich so weiter zu machen. Er hat damit begonnen die Welt auf der Basis des bisher Gelernten neu zu interpretieren. Wie er das macht, kann ich momentan gar nicht erfassen, nur dass ich mich dabei häufig ziemlich miserabel fühle. Es geht recht tief, es geht um grundlegende Fragen darüber was ein menschliches Leben ist, wie ein Mensch zu einem gesellschaftlichen Wesen wird, wie Welt interpretiert wird, was für eine gesellschaftliche Werteorientierung vorhanden ist. Letztlich gelingt es mir aber nicht diese Vorgänge aus dem Bereich der Gedanken in den Bereich des Aufschreibbaren zu befördern, daher versuche ich nur das dahinterstehende Prinzip zu erfassen.

Bildungsprozesse können einen Perspektivenwechsel verursachen. Und genau so etwas wird bei mir momentan bearbeitet. Das zieht sehr viel Energie und Zeit ab. Oberflächlich betrachtet bin ich gering motiviert, schlafe viel, verliere das Interesse an Dingen, die noch vor einer Weile bedeutungsvoll waren, tue nur das Notwendigste, und hänge erschreckenden, deprimierenden Gedanken nach. Nach geltenden Maßstäben geht es mir schlecht, daher meine Verwunderung dass andere meinen, ich sähe erholt aus. Aber schaue ich genau hin, dann blitzen zwischen all den finsteren, perspektivlosen Überlegungen von denen mein Denken durchsetzt ist neue Gedankengänge auf. Das was ich als negativ empfinde, scheint etwas Positives hervorbringen zu wollen. Vielleicht ist es das was die anderen wahrnehmen.

Ein wenig werde ich jetzt erneut an Platons Höhlengleichnis erinnert. Vor dem Studium habe ich den Bildungsbereich und Lernen und Lehren in einer unreflektierten Weise betrachtet. Ich war in normaler Selbstverständlichkeit gefangen und nicht motiviert grundsätzliche Fragen zu stellen. Bei mir hat das Studium bewirkt, dass mein Blick gewendet wurde. Bei dem was jetzt passiert, kann ich momentan nicht beschreiben wie es genau geschieht, denn das macht mein Kopf ganz eigenständig. Ich muss ihm nur Raum geben. All die Informationen in meinem Kopf, all die Erfahrungen und Überlegungen der letzten Jahre werden auf meine Vor-Vorstellungen angewendet, auf das was in der Vergangenheit meine Annahmen zum Bildungsbereich waren. Ich werde desillusioniert und das deprimiert. Nichts funktioniert mehr wie zuvor und Neues ist noch kaum in Sicht. Zweifel entstehen. War das alles vertane Zeit? Habe ich mich mit etwas ohne Wert beschäftigt?

Zu verstehen dass Bildungsprozesse auch Transformationsprozesse sind und dass Transformation nicht bedeutet, dass etwas angenehm ist, sondern dass sich etwas verändert, hilft mir in meinem momentanen Zustand nicht gänzlich zu verzweifeln. Und dass manchmal ganz neue Vorstellungsbilder und Lösungsansätze aufblitzen. Vielleicht sind es diese Perlen, die mich auf die richtige Spur gebracht haben. Mein Kopf bewegt sich durch all diese Schatten auf der Suche nach einem anderen Verständnis, das auch andere Lösungen zur Verfügung stellen kann. Divergentes Denken, Orientierung an Glück, systematische Analyse, Abgrenzung, Achtsamkeit, Verzögerung im Reagieren, das dann zu einem Agieren wird, stellt er mir als Vorstellungen zur Verfügung. Außerdem eine Neuinterpretation meines Bildungsweges, eine mich schwindelnd machende Vorstellung der Bedeutung von Bildung für die Gesellschaft und Momente, in denen ich zu plötzlichen Erkenntnissen gelange.

Parallel dazu wird die gesellschaftliche Entwicklung des Bildungsbereichs für mich immer fragwürdiger, auch wenn ich da noch keinerlei Überblick zu gewinnen in der Lage bin. Meine verknüpften Vorstellungen sind eine Bildung, der Freude und Entspanntheit fehlen, die zunehmend zur Ware wird, die messbar, evaluierbar, steuerbar daher kommt, abhängig wird von der Verfügbarkeit über finanzielle Ressourcen und daher ungleich zur Verfügung stehend. Tendenzen, die für mich Schutzmaßnahmen erforderlich machen. Schutzmaßnahmen, um Bildung für mich selbst erhalten zu können. Denn es scheint, uns soll alles genommen werden. Bildung, Spiel, Freude werden marktgerecht angepasst.

Das Studium hat meine Naivität zerstört, mir erfreuliche und beängstigende Antworten gegeben und stellt jetzt die Frage, was ich als Handelnde daraus machen soll. Wenn alte Lösungen nicht mehr praktikabel sind, liegt die Suche nahe.

Ja, es geht mir zur Zeit elend. Altes funktioniert nicht mehr, Neues ist noch kaum vorhanden. Einfach drauflos handeln geht auch nicht mehr. Am besten funktioniert die Uminterpretation von Dingen, die schon in der Vergangenheit zu erfreulichen Ergebnissen geführt haben. Und manchmal fühle ich mich auch einfach überfordert. Da ich das Ganze aber nicht mehr als unerklärliche, möglichst schnell zu beseitigende Erscheinungen begreife, sondern als Teil eines Lernprozesses, und da ich aus meiner Erfahrung gelernt habe, dass alle Prozesse ein Ende finden werden und dass Dinge, die während des Prozesses unangenehm sind, sich später als das Wichtigste und Hilfreichste erweisen können, versuche ich Ruhe zu bewahren, zu beobachten was vor sich geht, mich selbst mit Nachsicht zu behandeln und meine phasenweisen Verzweiflung gelassen zu ertragen.

Und schon beginnt sich ein Lächeln auf meinem Gesicht auszubreiten, während ich mir meiner inneren Verzweiflung durchaus bewusst bleibe. Das so etwas funktioniert, verwundert mich immer wieder.