Bildungsmäuschen

Startseite » Beitrag verschlagwortet mit 'Bildungswissenschaft'

Schlagwort-Archive: Bildungswissenschaft

Emotionen als Untersuchungsgegenstand

Es ist Freitag, kurz nach 24.00 Uhr und ich bin gerade aufgestanden. Mein letzter Blogeintrag von Mittwoch ist bis jetzt nicht fertig geworden und auch den Rechner hatte ich bisher nicht wieder an. Das Smartphone, mit dem ich seitdem ein Minimum an Netzaktivitäten betrieben habe, eignet sich nicht für längeres Schreiben und in der Zwischenzeit wollte ich meinen Blog sowieso nicht mehr öffentlich fortführen und auch den größten Teil der Einträge auf privat stellen. Davon bin ich allerdings wieder abgerückt.

Während ich den Blogeintrag von Mittwoch geschrieben habe, kam eine Sammelmail von Prof. Dr. Jordi Vallverdú, in der er freiwillige Unterstützer bei einer Wiederholung seines MOOCs zu Emotionen aus philosophischer Perspektive sucht. Wäre es ein deutschsprachiger MOOC, ich hätte mich sofort angeboten, so verbringe ich erst einmal einige Stunden damit alle meine Aufzeichnungen zum MOOC vom letzten Jahr durchzulesen, um die momentane Relevanz der Inhalte für mich zu bestimmen. Inzwischen denke, er ist zu spezifisch philosophisch und führt mich nicht zu den Aspekten, die für mich bedeutsam sind. Doch genau solchen Input, sehr passgenau zu den für mich wichtigen Aspekten im Zusammenhang mit Emotionen, benötige ich zu meiner Unterstützung, gerade um nicht fortwährend verwirrt und verunsichert zu werden. Es war wegen dieser Verunsicherungen und meiner Schwierigkeiten damit, dass ich überlegt hatte, meinen Blog weitgehend unsichtbar zu machen.

Mehr als die Inhalte des MOOCs zu Emotionen hilft mir momentan das siebte Kapitel zu Bildung, Lernen und Emotionalität von Ulrike Zimmermann in dem Buch Bildungswiderstand, das ich trotz heute ablaufender Frist am Mittwoch nicht in der UniBib zurückgegeben habe. Sie hatten keinen Münzkopierer mehr und vorm Schließen der Außenstelle konnte ich keine Alternative auftreiben. Eine Kopie habe ich inzwischen zwar immer noch nicht, dafür die drängende Situation als Anlass genommen den Text gestern zu einem Teil intensiver zu bearbeiten.

Zwischendurch wuseln noch immer die Inhalte vom MOOC Arbeit 4.0 umher und ein Post auf Facebook lenkt meine Gedanken in eine Richtung, durch die Emotionen, neue Arbeitwelt, meine Skepsis gegenüber einer zu unkritischen Haltung und der Anstoß, den mir Zur Kritik des Bedingungslosen Grund-Einkommens von Rainer Roth geliefert hat, sowie meine eigenen Lebenserfahrungen miteinander verbunden werden. Aus einem bestimmten Blickwinkel betrachtet wird das BGE zu einem Mittel, mit dem eine kapitalistische Ökonomie die durch ihre eigenen Strukturen erzeugten systemgefährdenden Probleme versucht abzumildern. Die von Befürwortern erhoffte gesellschaftliche Änderung ist davon folglich nicht zu erhoffen. Systemimmanente Probleme werden nur für eine Zeit weiter vor sich hergeschoben.

Wie werden Emotionen in solchen Zusammenhängen gesehen und wie wird mit ihnen verfahren? Das sind sehr wichtige Fragen. Es ist von hoher Bedeutung zu analysieren was im Bereich der Emotionen vor sich geht und sie nicht nur als etwas zu betrachten, das man als begleitende Erscheinungen beliebig formen und einsetzen kann, da es sich bei ihnen um grundlegende Anteile von Menschen handelt. Bei der Frage nach der Methode des Herangehens und der dahinter stehenden Haltung zu Emotionen, stoße ich auf das was mich momentan umtreibt. Ich habe den Eindruck besser sein zu müssen als gut, um mich überhaupt nur verständlich machen zu können, halte diese Anforderung aber für zu hoch und für mich unerfüllbar. In meinem letzten, bisher nicht veröffentlichten Blogeintrag, habe ich mich mit der Problematik beschäftigt, fortwährend missverstanden zu werden und viel erklären zu müssen, wenn ich mich in meinen Argumenten auf Emotionen beziehe. In einem einzigen Satz hilft mir Zimmermann weiter.

„Die Beschäftigung mit Emotionen dagegen, versucht sich Trauer oder Freude analytisch und erkennend zu nähern, die Bedeutung und Funktion für das Handeln und Denken herauszufinden.“ (Zimmermann, 2013, S.144)

Es geht mir nicht um Emotionalität, Befindlichkeitsfeststellungen oder das Ausdrücken von Emotionen, sondern um eine Analyse der Rolle, die Emotionen, und der Umgang mit ihnen bei verschiedenen Erscheinungen spielen. Ich werde dadurch auch nicht zu einem besseren Menschen, der besser mit seinem Leben zurecht kommt, Probleme besser lösen kann, freundlicher, zuvorkommender, kontrollierter und einsichtiger ist. Und auch wenn ich rechts und links und oben und unten und bei mir selbst gucke, und mich scheinbar sehr off-topic bewege, bin ich weiterhin auf bildungswissenschaftliche Themen ausgerichtet, denn das nach allen Seiten um sich blicken gehört dazu. Bildungswissenschaft ist nicht allein die Lehre vom besseren Lernen, Lehren und Erziehen oder eines Wegs zum gesellschaftlichen Aufstieg, auch wenn sie all das durchaus einschließt. Bildungswissenschaft muss am Menschen an sich, an dessen Konstitution und Entfaltungsmöglichkeiten genauso interessiert sein wie an den Kontextbedingungen in denen Bildung geschieht oder eben nicht geschieht. Grundlegend sind dabei Emotionen, die in der Gesellschaft verbreiteten Haltungen dazu sowie die Anforderungen, die an Emotionsausdruck und Emotionsregulierung gestellt werden.

„Die Emotionsforschung und die neurobiologische Forschung schreiben Emotionen eine weitreichende Rolle für das Lernen, Handeln, Kommunizieren und Erinnern zu. Bisherige pädagogische Theorien werden dieser Rolle der Emotionen nicht gerecht. Emotionen sind eine eigenständige Größe sowohl im Bildungs- als auch im Erziehungsprozess. Emotionen wirken besonders aus der Kindheit nach und haben jahrelange Auswirkungen auf die Motivationsprozesse von Menschen und ihre Fähigkeit, sich langfristig auf Lernprozesse einzulassen.“ (Zimmermann, 2013, S. 151f.)

Mit diesem Zitat kehre ich an den Anfang meiner Recherchen zu Emotionen zurück. Damals habe ich mir die Frage gestellt, was denn hinter der immer wieder angeführten Motivation steckt, wo sie herkommt, und für mich waren eindeutig Emotionen die Grundlage. Also habe ich weiter gefragt, warum diese keine angemessene Erwähnung finden. Inzwischen kann ich feststellen, dass in der Regel keine in meinen Augen ausreichenden Analysen zur Wirkung und Auswirkung von Emotionen vorgenommen werden. Sehr häufig wird noch nicht einmal bestimmt, worum es sich bei Emotionen, eigentlich handeln soll, wenn sie denn überhaupt erwähnt werden. Inzwischen bin ich über jeden und jede froh, der oder die das tut, und habe begonnen mich dafür zu bedanken. Für mich handelt es sich dabei um Respekt gegenüber dem was Menschen sind und was sie ausmacht, den ich bei anderen Herangehensweisen vermisse.

Zimmermann bezeichnet Bildung als „emotional-kognitive Einlassung auf die Welt und sich selbst“ (Zimmermann, 2013, S.135). Erst in dieser expliziten Beschreibung wird das Bild für mich vollständig. Ich fühle mich mit Texten unwohl, in denen Emotionen unsichtbar werden, nicht weil ich emotional angesprochen werden möchte, sondern weil Emotionen fortwährend in Menschen anwesend und wirksam sind. Da laufen keine Köpfe durch die Welt, die befüllt werden und verarbeiten, sondern ganze Körper mit vielfältigen Wahrnehmungen in einem sozialen und umweltlichen Kontext, in denen Emotionen, Denken und Handeln in einer untrennbaren Einheit in Erscheinung treten. Man kann unterlassen das im Besonderen zu benennen, unterlassen sich damit genauer zu beschäftigen, man kann es dadurch aber nicht an seiner Existenz und an seinem vielfältigen Wirken hindern. Das Problem dabei ist, dass das was nicht benannt wird eher der Achtsamkeit entgeht, damit der Möglichkeit eines bewussten Verstehens und der Erkenntnis, und dass dadurch auch kein Anlasses geliefert wird weitere genauerer Untersuchungen anzustellen. Ein wichtiger Teil der Wirklichkeit bleibt dadurch dauerhaft unsichtbar.

So bleiben Emotionen in zu vielen Fällen ein undifferenziertes, kaum systematisiertes Feld, bei deren Erwähnung auf entgegengesetzten Polen die einen Glanzaugen bekommen und beginnen in Emotionen zu rotieren, die anderen wiederum eine Abwehrstellung einnehmen, sich distanzieren und Unangemessenheit reklamieren. Keine von beiden Haltungen ist wirklich hilfreich. Beide helfen nicht dabei die Unterschiede in dem zu erkennen, was im Umgang mit Emotionen geschieht, wie sie eingesetzt und wie sie manipuliert werden. Viele reden von Emotionen und Gefühlen, doch häufig ist damit überhaupt nicht das Gleiche gemeint. Absichten und Zwecke, die hinter Beachtung und Verwendung von Emotionen stehen, sind ebenfalls sehr unterschiedlich. Auch das ist wichtig aufzudecken. Es gibt viel zu tun. Dabei ist ein erster Schritt Emotionen als Untersuchungsgegenstand gesondert zu berücksichtigen.

Referenz:

Roth, R. (2006). Zur Kritik des Bedingungslosen Grund- Einkommens. Frankfurt: DVS.

Zimmermann, U. (2013). Bildungswiderstand. Lernende Erwachsene im Spannungsverhältnis von Individualität und Funktionalität. Uelvesbüll: Der Andere Verlag.

Zwei Schwerpunkte

Momentan fühle ich mich mit meinem Thema Emotionen erbärmlich allein. Die Zunahme an Flüchtlingen hat heftige Emotionen zum Vorschein gebracht, mit denen verschiedene Gruppen nicht nur verbal aufeinander losgehen, die soziale Netzwerk sind immer noch voll davon. Im Alltag begegnen mir sehr unterschiedliche Flüchtlinge, manche mit der reinen Verzweiflung im Gesicht, andere strahlend vor Glück, und dabei ist das was ich Tag für Tag erlebe sehr viel anders als alle Darstellungen in den Medien suggerieren, die ich gar nicht mehr hören oder lesen mag. Bei meiner Arbeit mit Kindern bin ich fortwährend in unterschiedlichster Weise mit Emotionen konfrontiert, aber niemand spricht dort aus einer Metaperspektive reflektierend über sie. Und bei der PV, für die ich angemeldet bin, haben sich gerade mal drei Studierende für ein Referat gemeldet. Eine davon bin ich, die beiden anderen gehören zu denen, die auch im Netz sichtbar sind. Ich finde die Beteiligung ungemütlich gering.

Inzwischen weiß ich, dass ich das Thema Emotionen nicht bewältigen kann. Keine Chance. Was ich allerdings kann, ist diesen Zustand gelassen hinzunehmen. Gelingt in der letzten Zeit ganz gut, jetzt kommt aber die Einsamkeit dazu und rüttelt an dem doch recht labilen Gleichgewicht.

In der Vorbereitung auf mein eigenes Referat wird mir plötzlich bewusst, dass ich an mindestens zwei unterschiedlichen Themen parallel arbeite. Da es in beiden Fällen um Emotionen geht und der Bereich der Emotionen so komplex ist, war das für mich bisher nicht klar erkennbar. In dem einen Fall geht es um die Bedeutung von Emotionen für die Bildungswissenschaft, in dem andern um die Bedeutung von Emotionen im Kontext von Differenzerfahrungen.

Bei der Suche nach einer geeigneten Einleitung für das Referat im Kontext von Differenzerfahrungen wird mir bewusst, worin das Problem für die Bildungswissenschaft besteht. Theorien, Studien usw. zu Emotionen sind in vielen wissenschaftlichen Disziplinen verstreut. Jede Disziplin nähert sich Emotionen dabei mit ihrem spezifischen theoretischen Hintergrund und den ihr spezifischen Fragestellungen. Die Überlegungen aus meinem letzten Blogbeitrag sind dabei hilfreich. In Bezug auf die wissenschaftliche Untersuchung von Emotionen beginnt gerade erst eine interdisziplinäre Zusammenarbeit, die (hoffentlich) versucht aus diesen verstreuten Erkenntnissen ein Gesamtbild zusammenzufügen. Daraus könnte sich eine interdisziplinäre Wissenschaft, möglicherweise mit dem Namen Affective Science, etablieren.

Dieser Wissenschaftszweig könnte dann zusammenfassende Theorien und Ordnungssysteme für andere Wissenschaften liefern. Zum Beispiel für die Bildungswissenschaft. Bei dieser handelt es sich selbst um eine interdisziplinäre Wissenschaft, die Erkenntnisse anderer Wissenschaften verwendet. Beispielsweise aus der Soziologie, Philosophie, Psychologie, Biologie, Pädagogik oder auch Informatik (HRI). Es kann dabei letztlich nicht die Aufgabe der Bildungswissenschaft sein verstreutes Wissen über Emotionen aus den unterschiedlichsten Disziplinen zusammenzutragen und zu ordnen und ein für die Bildungswissenschaft durchgehend anwendbares System zu schaffen. Sie könnte aber die Ordnungssysteme einer spezialisierten Wissenschaft verwenden, wenn diese zu einem Erkenntnisgewinn führen würden.

Daraus ergibt sich eine Situation, dass in der Mehrheit Alltagswissen über Emotionen und verbreitete Haltungen zu Emotionen Verwendung finden. Spezielleres Wissen zu Emotionen taucht zwar implizit in verwendeten Theorien auf, Emotionen sind aber meistens kein eigenständiger Untersuchungsgegenstand, hinter dem eine umfassende Emotionstheorie steht. In diese Situation kommen einige Forschende mit einem speziellen Interesse an Emotionen hinzu, die sich in der Regel aber jeweils auf Teilaspekte konzentrieren. Weiterhin werden aktuelle Trends oder herausstechende neue Erkenntnissen berücksichtigt, in jüngerer Zeit Untersuchungen der Neurowissenschaft.

Die Pädagogik als Ursprungsort der Bildungswissenschaft und mit Wurzeln in der Philosophie verfügt zwar über Bereiche in denen eine Einbeziehung von Emotionen stattgefunden hatte und immer noch stattfindet, diese scheinen aber zu wenig über ein wissenschaftliches Fundament aktueller Akzeptanz zu verfügen und kaum mit der Art neuerer Erkenntnissen der Sozial- und Naturwissenschaften und deren Herangehensweisen verbunden.

Möglicherweise werden sich nach diesen Überlegungen weitere Schlussfolgerungen ergeben. Mit meinen momentanen Ergebnissen bin ich allerdings ausgesprochen zufrieden, da sie die Vielfalt der Befunde meiner Recherchen in einen sinnvollen, nachvollziehbaren Zusammenhang bringen.

Mit dem zweiten meiner Themen, der Verbindungen zwischen Emotionen und der Erfahrung von Differenz, sieht es allerdings schlechter aus. Momentan habe ich keine Ahnung wie ich ein sinnvolles Referat zusammenbauen kann. Es soll in knapp zwei Wochen fertig sein und ich habe mich schon darauf eingestellt, dass es nicht umfassend, sondern nur bruchstückhaft sein wird. Irgendwo und irgendwie weiß ich wie es funktioniert, es ist aber noch sehr weit von Bewusstheit oder vermittelbarer Systematik entfernt. Und das ist weder für wissenschaftliche Arbeit noch für Kommunikation genug.

Es bleibt also nur weiterzumachen und zu sehen wie weit ich bis zum Stichtag komme…

Die Bedeutung von Emotionen für die Bildungswissenschaft

Meine Freundin sagt, es scheint ihr als suche ich der Weisheit letzten Schluss und ein guter alter Freund meint, eines morgens wachst du auf und dann weißt du genau was du schreiben willst und schreibst das dann in einem Rutsch runter. Und ein Verwandter mit Erfahrung meint, du hast doch schon längst alles zusammen was du für so eine doch recht kleine Arbeit wie eine Bachelorarbeit brauchst. Du musst nur endlich anfangen. Und aus dem Netz kommt die Aufmunterung, an die Insel der Forschung zu denken.

Es ist gut so etwas zu erleben, weil es die Sorge um einen anderen Menschen ausdrückt, weil Menschen so etwas benötigen und weil es ein wichtiger Bestandteil von Beziehungen ist. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, so fühle ich mich geborgen. Keiner der Hinweise trifft meine Probleme dabei so richtig, allerdings liefern mir alle etwas dem gegenüber ich meine eigene Position besser bestimmen kann.

Der Weisheit letzten Schluss gibt es in Bezug auf Emotionen nicht und auf die spontan entstehende Ordnung hoffe ich nicht mehr. Bei den anderen Ratschlägen wird es schon schwieriger. Nein, das was ich für meine Arbeit benötige habe ich noch nicht ganz zusammen. Momentan stecke ich in den Fragen nach den Schlussfolgerungen, die sich in Bezug auf die Bildungswissenschaft aus meinen Recherchen ergeben. Lokalisiere ich mich auf der Insel der Forschung, so befinde ich mich zur Zeit im Wo-bin-ich-Nebel. Gerade eben ist alles am zerfallen und sich auflösen. Konfrontiert mit permanenter Ungewissheit und der Überforderung meiner Denkfähigkeiten bekomme ich allerdings keine Panik mehr. Beides gehört zum Prozess dazu.

Von Texten ausgehend, die sich mit den emotionalen Aspekten des Nationalsozialismus beschäftigen und für mich sowohl Vergangenheitsbewältigung als auch Suche nach den bis heute andauernden Auswirkungen auf emotional gestützte Weltkonstruktionen und Bewertungssysteme darstellen, habe ich in den letzten Tagen mit Byung-Chul Han einen großen Sprung in die Gegenwart gemacht. „Die neoliberale Psychopolitik bemächtigt sich der Emotionen, um Handlungen auf dieser präreflexiven Ebene zu beeinflussen. Über Emotionen greift sie tief in die Person ein. So stellt sie ein sehr effizientes Medium der psychopolitischen Steuerung der Person dar.“ (Han, 2015, S.67)

In der Entwicklung der Ausprägung von Macht sieht er eine Bewegung von der Souveränitätsmacht als Macht des Schwertes über die Disziplinarmacht als Normierungsmacht mit einem Regelwerk von Normen, Geboten und Verboten und der Beseitigung von Abweichungen und Anomalien (Han, 2015, S.34) zu einer Machtform, einer Psychomacht, bei der die Psyche des Menschen vereinnahmt wird und er im Sinne des perfekten Funktionieren im System zu permanenter Selbstoptimierung aufgefordert wird, bei der Blockierungen, Schwächen und Fehler wegtherapiert werden sollen, um Effizienz und Leistung zu steigern (Han, 2015, S.43).

Noch kaum mit Verarbeitung und Einbau der neuen Perspektive in meine Gesamtvorstellung fertig, liegt ein vor einer Weile in der UniBib bestelltes Buch zur Abholung bereit. Vorbestellte Bücher kommen nicht unbedingt dann wenn sie passen, und für dieses Buch habe ich momentan eigentlich gar keinen Platz in meinem Kopf. Klein und unscheinbar liegt es im Abholregal und ist dabei unglaublich gewichtig. Philosophie der Gefühle, ein Reader von 2009 und schon ziemlich abgegriffen. Texte von Philosophen, und wer noch glaubt Philosophie oder Emotionen seien Nebenbei-Spielkram, sollte einen Blick in dieses Buch werfen. Das ist komplexes Denken pur.

Ich sehe mich außerstande dieses Buch jetzt auch noch zu bearbeiten. Die wenigen Seiten, die ich lese, sind so voll von Gedankengängen zu Gefühlen und Emotionen, mir bereits bekannten aber auch sehr vielen neuen Überlegungen, noch dazu in einer mir zum Teil nicht vertrauten Sprache, dass ich vor allem den Schluss daraus ziehe, dass ernst zu nehmendes, komplexes Wissen und umfangreiches Denken zu Emotionen existieren. Es mag keine Einigkeit geben, zu viele offene Fragestelllungen und Unklarheiten und keine mal einfach so anwendbare Systematik, die Art der Beschäftigung mit dem Thema Gefühle, die ich hier finde, belegt mir, dass Emotionen ein der genaueren Untersuchung würdiges Thema sind. Genau das scheine ich mir immer wieder bestätigen zu müssen.

Und damit komme ich zum Wo-bin-ich-Nebel. Emotionen sind ein wichtiges Thema für unterschiedliche Wissenschaften, davon habe ich mich inzwischen überzeugt, aber wie sieht es nun konkret für die Bildungswissenschaft aus? Als interdisziplinäre Wissenschaft muss sie selbst nicht daran forschen was Emotionen sind. Sie hat aber mit Menschen zu tun und zu Menschen gehören Emotionen. Aber welches Emotionswissen und welche Theorien braucht sie, in welchem Umfang, in welcher Systematik, woher nimmt sie es und wofür kann sie es benutzen?

Ich bin der Ansicht, dass sich die Bildungswissenschaft, so wie ich sie erlebt habe, einerseits zu wenig mit Emotionen befasst, andererseits zu wenig über ihren Umgang mit Emotionen reflektiert. Der durch neuere neurowissenschaftliche Erkenntnisse ausgelöste Hype der Beschäftigung mit Emotionen scheint vorübergegangen. So vereinfacht wie es in den Jahren nach 2000 eine Zeit lang im Bildungsbereich verbreitet wurde – fördert positive Emotionen und alles wird gut – ist es eben nicht. Eine Konzentration auf das Lernen und die damit verbundenen Emotionen, wie von der pädagogischen Psychologie praktiziert, ist ebenfalls unvollständig. An anderer Stelle habe ich mich bereits damit auseinandergesetzt, dass ich dabei die Auswirkungen von Differenzerfahrungen als nicht ausreichend berücksichtigt betrachte.

Ebenfalls als zu wenig beachtet finde ich die Auswirkungen von Normalitätsvorstellungen auf Emotionen. Auch die von Byung-Chul Han, aber bereits von Arlie Hochschild  in der Studie Das gekaufte Herz thematisierte ökonomisch orientierte Verwendung von Emotionen halte ich inzwischen für bedeutende Aspekte, die im Bereich der Bildungswissenschaft in Überlegungen einbezogen werden sollten.

Insgesamt, neben der Anerkennung von Emotionen als Einflussfaktoren, fehlt mir ein überall anwendbares Konzept für Emotionen zur Überprüfung der Auswirkungen emotionaler Aspekte auf Bildung. Es geht dabei nicht allein um die Förderung von Lernerfolgen, sondern um die Auswirkungen von Differenzerfahrungen, die Gründe unterschiedlicher Bildungsvorstellungen und Bildungskonzepte, die Erfüllung der Ansprüche auf einen gleichberechtigten Bildungszugang, die ungleiche Bewertung von Bildungsabschlüssen oder auch um Normalitätsvorstellungen und deren Auswirkungen. Und dann noch, was lehren wir überhaupt über Emotionen? Die Aufzählung kann noch weiter fortgesetzt werden.

Der erste Schritt ist es jedenfalls Emotionen als Einflussfaktoren als bedeutungsvoll einzustufen. Der zweite wäre eine geeignete Systematik zur Untersuchung zu entwickeln. Der dritte diese anzuwenden und zu sehen welche Schlüsse sich daraus ergeben und ob diese tatsächlich zu einem interessierenden Erkenntnisgewinn führen.

Etwas hat sich jetzt mein Wo-bin-ich-Nebel gelichtet.

 

Referenzen:

Döhring, S.A. (2009) (Hrsg.). Philosophie der Gefühle. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Han, B.-C. (2015). Psychopolitik. Neoliberalismus und die neuen Machttechniken. Frankfurt am Main: S.Fischer.

Neckel, S. (2013). Arlie Russell Hochschild: Das gekaufte Herz. Zur Kommerzialisierung der Gefühle. In: Senge, K. & Schützeichel, R. (Hrsg.). Hauptwerke der Emotionssoziologie. Wiesbaden: Springer Fachmedien.

Bildungswissenschaft an einem Tag

FernuniPNGEinmal im Jahr findet an der FernUni in Hagen ein eintägiges Seminar mit dem obigen Titel statt. Schon im letzten Jahr hatte ich mich für die Veranstaltung interessiert, und als ich vor einer guten Wochen im FU Moodle las dass noch Plätze frei sind, habe ich mich spontan angemeldet. Das Seminar begann an einem Samstag um 9.00 Uhr und endete um 16.00 Uhr.  Die Rahmenbedingungen waren für einen Tagesausflug hervorragend. Fahrtzeit von etwas mehr als zwei Stunden, Start vor der eigenen Haustüre, Stop auf dem Parkplatz  direkt vor dem Seminargebäude, keine Dunkelheit, kein Regen, keine Übernachtung, leckeres Mittagessen an der Uni.

Dieser Rahmen gestaltete sich auch so einfach wie erwartet und es blieb danach sogar noch Zeit für ein paar vergessene Wochenendeinkäufe.

Gestaltet und durchgeführt wurde das Seminar von Prof. Dr. Theo Bastiaens, der unter Studierenden als „speziell“ gilt. Für ein eingeflochtenes Spiel „Bildungswandel“ wurde er von einer Assistentin unterstützt. Persönlich habe ich Herrn Bastiaens in der Vergangenheit durchaus etwas schrill und überdreht erlebt, die Gestaltung des Seminars war das aber nicht, sondern sein Stil verwirklichte sich in der Verwendung einer Fülle von Elementen, um den Tag abwechslungsreich zu gestalten, so dass die Aufmerksamkeit der Studierenden erst in der letzten Stunde, die er aus Zeitgründen etwas zu beschleunigen schien, erlahmte.

Hier ein kurzer Überblick über verwendete Elemente:

  • Count-down mit Musik, „Let me entertain you“, zum Start des Seminars
  • Entertainmentbühne mit Sesseln, Erdnussflips, Farberläuterung  der Tischdecken und Entertainmenteinstieg mit Erfragen von Anreisezeit, Auslandsanreise, Studiengang, dazu Conchitawurst und Gesetz gegen Handys an Schulen als Widersprüchlichkeit in  ÖsterreichLeute
  • Beginn: Nachbarn zeichnen lassen, auf Verlieren des Spielerischen hinweisen
  • Wake-up call = kurze gemeinsame Aufstehen-und-Bewegen-Übung aller, mehrmals zwischendurch
  • Präsentationsmix aus Schrift, Bildern, Filmen, kurzen Vortragspassagen, Buchvorstellungen
  • Einbeziehung wechselnder Personen durch direktes Befragen auf gerade gegebene Informationen bezogen
  • Diskussionsrunde mit pro/contra Positionen zu einem konstruktivistischen Schulversuch
  • Ausfüllen und Auswerten eines Lernstilbogens nach Kolb
  • „Bildungswandel“: Rundweg über Unigelände als App-quest zur Buchstabensuche und dem AHandufrufen von Zusatzinfos über Smartphone/Tablet
  • Quiz von 20 Fragen für alle mit einer stellvertretenden Person auf der Bühne
  • Verwendung von Flipchart zur Erläuterung 4C/ID Modell
  • Verwendung einer Tablet-app (gebeamt) zur 3D Darstellung von Einkaufsprodukten (Bereich Augmented Reality)
  • Schluss: Wieder Einbindung durch Zeichnung – Hand mit zukünftigen Vorhaben, in jeden Finger eingetragen

Das ist ein Eindruck der Ebene der verwendeten Methoden. Dann gibt es aber noch die Ebene der vermittelten Themengebiete. Angegeben wurde in der Veranstaltungsbeschreibung

  • Behaviorismus, Kognitivismus, Konstruktivismus, Konnektivismus
  • Lernstile
  • Didaktik, Instruktionsentwurf und Assessment
  • Mediamix
  • Transfer und Motivation

Diese Zusammenstellung gibt aber nur grob an, was alles in diesen sieben Stunden präsentiert wurde. Als ich später versuchte zu erfassen was mir hier eigentlich vermittelt worden war, erschien es mir wie eine komplexe Installation. Irgendwo gab es ein Gerüst an das Prof. Bastiaens über den Zeitverlauf Stück für Stück sehr unterschiedliche Elemente befestigte, denen selber wiederum Elemente anhingen, wodurch am Ende ein Gebilde geschaffen worden war, das meinem Eindruck von Bildungswissenschaft an der FernUni Hagen recht nahe kam, allerdings mit einem eindeutigen Schwerpunkt auf den für Herrn Bastiaens besonders wichtigen Anteilen. Mein Bild würde schon etwas anders aussehen.

Diese Schaffung eines komplexen Vorstellungsbildes hat mich sehr erstaunt. Ich bin Vermittlungsweisen gewöhnt, die wesentlich linearer sind und mir während des Prozesses mehr erlauben zu verorten wo wir uns im Gesamtablauf gerade befinden. In diese Veranstaltung bin ich eingetaucht und in den Einzelelementen versunken. Erst am Ende war dann ein detailliertes Gesamtbild entstanden, in dem anscheinend alle im Studium auftauchenden Bestandteile in irgendeiner Weise repräsentiert waren. Ein Überblick über Fülle so zu sagen.

Persönlich fühlte ich mich nach der Veranstaltung allerdings frustriert. Keine Antwort für die Baustelle Schule und eine Betonung neuer Medien, die ich in der präsentierten Form für mich zu unkritisch finde (gut, als Werbung für diejenigen die sich noch scheuen ist das sicherlich besser, hilft mir aber nix). Es blieb das Gefühl: Bildungswissenschaft hat keine Antworten für mich. So ist das aber gar nicht. Vielleicht hatte Herr Bastiaens für mich in dieser Veranstaltung keine Antworten, aber BiWi kann eben noch ganz anders angegangen werden, es können andere Schwerpunkte gewählt werden. Daher musste ich am Abend und Morgen nach der Veranstaltung auch erst einmal zu dem zurückkehren, was für mich an Bildungswissenschaft besonders wichtig ist. Wieder auf meine eigene Spur gesetzt konnte ich dann auch genießen was ich bekommen hatte: Prof. Bastiaens gelungene komplexe Darstellung seiner Sicht von BiWi an der FernUni in Hagen. Letztlich recht konstruktivistisch!

 

Als Fazit kann ich nicht entscheiden, ob ich diese Veranstaltung empfehlen soll oder nicht. Die Präsentationsart zu erleben ist auf jeden Fall interessant und die zeitliche Begrenzung auf einen Tag erleichtert sicherlich wie bei mir manchen die Teilnahmemöglichkeit (und eine für den Bachelor anerkennungsfähige Teilnahmebescheinigung gibt es noch dazu). Allerdings sollte man schon im Auge behalten können, dass es sich hier um eine Interpretation handelt, die dann wiederum von den einzelnen Teilnehmern entsprechend ihres Hintergrunds erneut interpretiert wird. Es wird immer nur ein Einblick und ein unvollständiges Bild bleiben.

Allerdings weiß ich jetzt was gemeint ist, wenn der Vorschlag für ein Hausarbeitsthemen darauf ausgerichtet ist dass eine Prognose erstellt wird, wie Lernen in 10 Jahren aussehen wird. Herr Bastiaens hat es mehr oder weniger gewagt eine mögliche Tendenz aufzuzeigen. Ob er damit Recht hat und ob auch deutsche Schulen dann diesen Anpassungsschritt vollziehen werden? Angesichts des unglaublichen Beharrungsvermögens von Schule in Deutschland frage ich mich schon wie das gehen soll. Aber wer weiß. Vielleicht sind ja die richtigen Leute mit den richtigen Methoden irgendwo richtig erfolgreich. Das wäre letztlich unterm Strich das überzeugendste Argument!