Bildungsmäuschen

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Beobachtung des Entstehens von Emotionen sowie aktueller Stand des Lesens

Emotionen

Vor drei Tagen hatte ich das Glück in einer Alltagssituation direkt beobachten zu können wie Emotionen entstanden sind. Ich richte meine Aufmerksamkeit selten begleitend auf die Bühne meiner Körperempfindungen während ich gerade im Kontakt mit anderen bin. Daher nehme ich in der Regel nicht wahr wann und wie genau sich etwas auf der Ebene der Körperempfindungen bemerkbar macht.

Die Situation ergab sich an einem Ort, den ich bisher einmal besucht hatte, der also vertraut, aber noch neu und gleichzeitig bedeutsam für mich war. Daher war ich noch nicht in Gewohnheiten untergetaucht, gleichzeitig aber auch nicht mehr in der Anspannung und Involviertheit des ganz Neuen. Und da konnte ich unmittelbar beobachten wie es vor sich geht. Ich nehme eine Situation wahr, bewerte sie auf Grund meiner Erwartungen, Wünsche und Vorerfahrungen und während des Ergebnisses werden Emotionen ausgelöst, die mir mitteilen wie ich mich dabei fühle. Davon werden meine weiteren Reaktionen beeinflusst wie Handeln, Denken oder Vorstellungen, die ich mir von mir selbst und der Welt mache.

Das Ganze ist jedoch nur etwas, das ich aus der Situation heraus erzeuge. Ich könnte sie anders interpretieren, wenn ich andere Vorerfahrungen hätte, ich könnte ein anderes Selbstbild haben, was zu anderen Handlungskonsequenzen führen könnte. Ich könnte einfach nur beobachten was vor sich geht und mich entscheiden, ob ich mich so verhalte wie es meine Gewohnheiten vorgeben oder ob ich andere Verhaltensoptionen habe.

Der springende Punkt ist, dass Emotionen nichts Losgelöstes sind und in einem sozialen Kontext entstehen. Sie können nicht von Vorstellungen und der Interpretationen von Situationen getrennt werden. Damit wird für mich eine andere Bedeutung von Emotionen sichtbar, die ich allerdings noch nicht so recht beschreiben kann. Ich kann jedoch einem Freund, der mir kürzlich sagte, Emotionen sind etwas Natürliches, damit werden wir geboren, entgegne, nein, so ist das nicht. Emotionen werden im sozialen Kontext erlernt. Wir haben Empfindungen, aber wie wir sie interpretieren, wie wir sie wahrnehmen und beschreiben, das müssen wir erst lernen. Auch aus diesem Grund sind Emotionen als Thema für den Bildungsbereich wichtig.

Bücher

Inzwischen habe ich mich mit neuen Büchern aus der UniBib eingedeckt. Einen Abschnitt aus Psychologie des Lernens und der Instruktion von Weinert, in dem Pekrun und Schiefele zu emotions- und motivationspsychologischen Bedingungen der Lernleistung schreiben, habe ich bereits bearbeitet, muss aber die Ergebnisse noch zusammenfassen. Der beschriebene Stand ist leider kein Maßstab, das Buch ist von 1996. Das Kapitel endet mit ziemlich vielen offenen Fragen, der Text ist aber aufgrund seiner Sachlichkeit und Systematik trotzdem noch gut verwendbar. Es bleiben also nur noch knapp 20 Jahre zu ergänzen in denen entscheidende Schriften geschrieben worden sein könnten. 🙂

Erschreckend ist in diesem Zusammenhang für mich, dass ich in dem zweiten Buch, das ich mir ausgeliehen habe und das nicht von Emotionen handelt (Das Verschwinden der Arbeit von Hermann Glaser von 1988), dass ich dort aktuelle Themen finde, die ich zum Zeitpunkt des Erscheinens des Buches noch nicht vermutet hätte. Ich bin schon gespannt, ob sie sich beim Lesen genauso aktuell präsentieren werden wie beim Überfliegen.

In der Zwischenzeit mache ich einen Ausflug in die kritische Bildungstheorie. Als Alternative zu Rutschkys Buch Schwarze Pädagogik, bei dem alle Exemplaren seit längerem ausgeliehen sind, bekam ich als Vorschlag das Buch Sackgassen der Bildung von Pongratz. Das Vorwort war bereits so interessant, dass ich nicht mit dem Teil zu schwarzer Pädagogik beginnen wollte, sondern das Buch inzwischen Stück für Stück durcharbeite. Es präsentiert sich als Einführung in die Pädagogik, könnte aber auch Einführung in die Bildungswissenschaft heißen. Es fasst wichtige Themen des Fachs zusammen, dabei ist die eingenommene Perspektive allerdings sehr eigenwillig, denn der Autor konzentriert sich bei allen Themen auf die inneliegenden Widersprüche. Das stellt für mich eine beträchtliche Bereicherung dar, allerdings ist das Tempo, mit dem ich durch das Buch sause, bei der Fülle der Themen zu hoch und ich habe inzwischen begonnen Teile wegzulassen.

Zuerst dachte ich, ich könne anhand des Buches mein Studiumswissen in einem schnellen Überblick noch einmal auffrischen und dabei stärker auf das Thema Emotionen achten, ich bekomme aber viel mehr und anderes. Vertrautes wird fremd gemacht, und das was es auch sein könnte, erweitert dabei den Blick. Ich kenne den größten Teil der Inhalte, ich kenne ihn aber nur begrenzt so wie er hier präsentiert wird. Das Buch führt mich jetzt vom Thema Emotionen weg, was etwas ungünstig ist, da meine mühsam aufgebaute Achtsamkeit für Emotionen dadurch wieder abnimmt, und überflutet mich mit einer viel zu großen Breite an Themen. Trotzdem werde ich versuchen es bis zum Ende durchzuarbeiten, da ich die Aufforderung Dinge anders zu sehen sehr schätze. Dadurch werden Selbstverständlichkeiten durchbrochen, die den Blick festnageln und das Wissen gestärkt, dass alles auch immer anders sein könnte.

Zusammenhang

Und darum geht es letztlich auch bei dem Thema Emotionen. Gelingt es gewohnte Selbstverständlichkeiten zu durchbrechen, werden neue Erkenntnisse möglich. Noch immer bewege ich mich im Schneckentempo auf das zu was mich interessiert, meine Darstellungsversuche anderen gegenüber werden aber langsam nachvollziehbarer, so dass auch andere mir zu dem Thema etwas beisteuern können, was wiederum hilft festzunageln, worum es mir eigentlich geht.

Inzwischen bin ich auch an einem Punkt angekommen an dem ich es leid bin, dass Emotionen in meinen Augen im sozialen Miteinander kaum eine angemessene Untersuchung erfahren. Inzwischen kann ich benennen, dass es mir zuerst einmal um die Beobachtung, um die Achtsamkeit, um die Konzentration der Wahrnehmung auf den Bereich der Emotionen geht. Was passiert da eigentlich tatsächlich? Was existieren da für Strukturen? Und wie wirken sie sich aus? Und was bedeutet es gewohnheitsmäßig zu reagieren?

Referenzen

Glaser, H. (1988). Das Verschwinden der Arbeit. Düsseldorf, Wien, New York: Econ.

Pekrun, R. & Schiefele, U. (1996). Emotions- und motivationspsychologische Bedingungen und Lernleistungen. In Weinert, F. E. (Hrsg.). Psychologie des Lernens und der Instruktion. Göttingen, Bern, Toronto, Seattle: Hogrefe.

Pongratz, L. A. (2010). Sackgassen der Bildung. Pädagogik anders denken. Paderborn: Ferdinand Schöningh.

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Von Juul aus der Spur geworfen

Es kam auf sanften Pfoten daher. Ein Buch mitgenommen aus der Stadtbücherei beim Besorgen der Bilderbücher für das Vorlesen. Passend zum Thema Emotionen. Begonnen leicht müde am Abend auf dem Sofa. Im Kontrast zur wissenschaftlichen Literatur des Tages im entspannten Plauderton der Meinung einsickernd. Auf den ersten Seiten denke ich, das Buch bringt mir nicht wirklich etwas Neues, ich verstehe auch nicht so richtig warum er es geschrieben hat.

Über Aggression wollte ich mehr erfahren, weil ich wissen will wie das so ist mit den Emotionen. Das Buch ist aber etwas anderes als ich suche. Es ist ein Plädoyer für Kinder und Jugendliche. Es ist ein Plädoyer dafür in dem Ausdruck der als aggressiv bezeichnet wird die Stimme zu hören, die sich anders nicht zu Wort zu melden in der Lage ist. Ich erfahre etwas über konstruktive und destruktive Aggression und gewalttätiges Verhalten von Frauen, das aggressiv ist, auch wenn es nicht so wirkt. Und er flicht Beispiele ein, die mich nicht mehr loslassen. Erwachsene und Kinder innerhalb von Institutionen, in denen die Erwachsenen zu Lasten der Kinder ihre Positionen sichern.

Es ist kein Buch das ich als analytisch wahrnehme. Es ist ein Buch nach dem ich mich schlecht fühle und verzweifelt. Es ist ein Buch das Emotionen anspricht. Es ist allerdings nicht der einzige Einfluss, den ich in Bezug auf Institutionen momentan zu verarbeiten habe. Zeitgleich beschäftigt sich mein Essay zu Teaching for Learning 8 mit der Beziehung zu Kollegen und Administratoren. Dabei geht es um Führerschaft und Machtgefälle und der Abhängigkeit derjenigen mit geringerer Machtausstattung von der Art wie die Führung aussieht. Und was ein Mensch mit geringer Macht unter schlechten Bedingungen in einer Institution tun kann.

Ich beschäftige mich schon lange mit Führung und wie gute Führung aussieht. Ich hatte auch begonnen mich mit Institutionen zu beschäftigen, das aber aus zeitlichen Gründen erst einmal wieder abgebrochen. Juul erreicht mich auf Grund meiner Vorerfahrungen und eigenen Problematiken. Dabei steht er bedingungslos für die Kinder bzw. die Jugendlichen ein. Sie tragen in seinen Augen keine Verantwortung, diese liegt allein bei den Erwachsenen. Ich kenne es sehr gut wie versucht wird Schwächeren Schuld für Probleme zuzuweisen. Und gelegentlich fällt es mir auf, wenn ich es selber benutze. Ich tue es, weil es dem üblichen Verhalten gegenüber Kindern entspricht, weil ich mich, wenn ich zu meiner eigenen Schuld oder Mitschuld stehe, zum geeigneten Opfer mache. Es ist schwierig und ich suche nach einer Lösung.

An all das gemahnt mich Juul und beunruhigt mich. Zeigt mir auf wie wichtig es ist nicht aufzugeben, sich nicht anzupassen an Gepflogenheiten, wie wichtig es ist Lösungen zu finden. Dass ich es mit einer Problematik zu tun habe, die andere Menschen schädigt. Darum ist es bedeutend. Aber es müssen gute Lösungen sein und Lösungen für diejenigen in machtschwächeren Positionen wie die meine. Es ist mir möglich Aggressivität oder andere Äußerungen der Kinder in der von ihm beschriebenen Form wahrzunehmen und zu verstehen, wenn ich mich allerdings nicht an die üblichen Gepflogenheiten der Reaktion darauf anpasse, kann es für mich sehr unangenehm werden. Es sei denn ich finde einen Weg, der von allen Seiten als positiv wahrgenommen wird.

Genau das beginnt sich seit einer Weile zu entwickeln. Juul schreibt von der Gewalt der Freundlichkeit und Korrektheit (Juul 2013, S.35). Ich weiß genau was er meint. Bin ich damit konfrontiert, so fühle ich mich unwohl und angespannt ohne zu verstehen warum das so ist. Dazu schreibt er, dass sich die wahre Form dieser Aggression durch die Erfahrungen der Schwächeren offenbart (ebd.). Freundlichkeit und Korrektheit in dieser Form können daher nicht die Lösung sein, auch wenn Freundlichkeit und Korrektheit an sich durchaus hilfreich sein können. Die Lösung liegt nach der Lektüre des Buches für mich mehr bei so etwas wie Authentizität, Vertrauen in die eigene Wahrnehmung, ein gelassenes Herangehen an Situationen und Vertrauen in die Kinder und die Berechtigung ihrer Empfindungen und Reaktionen. Und nicht davon abzulassen das Wohlergehen der Kinder in den Mittelpunkt zu stellen. Aller Kinder.

Schulen sind für die Gesellschaft da, aber auch für die Individuen. Und zwar für vollständige Individuen.

Juuls kleines schmales Buch hat mich sehr nachdenklich gemacht, Unwohlgefühle erneut hervor gezerrt, mich dazu gebracht alle anderen Themen erst einmal ruhen zu lassen. Und es hat mein Verhalten gegenüber den Kindern beeinflusst. Oder eher meine authentische Art des Umgangs mit den Kindern wieder stärker zum Vorschein gebracht. Mich faszinieren Kinder, das ist der Grund warum ich mit Kindern arbeite. Ich habe auch großes Vertrauen in Kinder. Für mich besteht die Aufgabe von Erwachsenen darin Kinder zu begleiten, ihnen Möglichkeiten zur Verfügung zu stellen und sich von ihnen überraschen zu lassen. Und gemeinsam Lösungen zu finden.

Bei Teaching for Learning habe ich kürzlich etwas sehr Nützliches gelernt. Wie-Fragen sind besser als Warum-Fragen. Wie können wir zu einer befriedigenden Lösung kommen? Wie kann ich dir helfen? Wie wollen wir jetzt damit umgehen, dass du so sauer bist, oder so traurig? Ich habe die letzten Wochen damit sehr gute Erfahrungen gemacht. Wir sprechen anders miteinander. Die Kinder und ich.

Nach der Lektüre war es mir gestern ein wenig unheimlich als ich zur Arbeit kam und die Kinder mich drückten, an der Hand nahmen und mich mit Fragen überschütteten, so dass ich gar nicht so schnell nachgekommen bin auf alle eingehen zu können. Ich werde Fehler machen. Ich werde Menschen verletzen und enttäuschen. Ich werde in alte Reaktionsmuster verfallen. Ich werde aus verletzten Gefühlen heraus in einer Weise reagieren, die für eine Verantwortliche unangemessen ist.

Juuls Buch kann man auf sehr verschiedene Weise lesen. Zu viel mehr Themen als zu Aggression lassen sich darin Funde machen. Ein Mensch mit vielen Erfahrungen und Überlegungen gibt hier seine komplexe Haltung weiter. Herausragend ist dabei seine Parteinahme für die Schwächeren. Die Aufforderung zu einer Perspektivänderung. Und für mich auch seine Aufforderung das Wissen des therapeutischen Bereichs, allerdings nicht deren Methoden, in den Bereich der Pädagogik aufzunehmen. Weil er das Individuum und seine Einbettung in viele Einflussbereiche betrachtet, sieht er den Bedarf dieses Wissen einzubeziehen und zu berücksichtigen, um für jeden Einzelnen ein erfolgreiches Gelingen von Lernen zu ermöglichen.

Es ist seine Kompromisslosigkeit bei der Zuweisung von Verantwortung, die mich berührt hat. Kinder sind nicht verantwortlich, das sind Erwachsene. Kindern Schuld zuzuweisen ist nicht sinnvoll. Ich habe dieses Wissen bereits in mir gehabt, er hat es jetzt verstärkt. Ich kann meine Verantwortung nicht abgeben, indem ich die Schuld dafür, dass ich Probleme habe, auf Kinder schiebe. Ich bin in einer vergleichbaren Position wie die Führungskraft, die sich selbst damit entlastet, dass sie einer Untergebenen  die alleinige Schuld dafür zuweist, dass sie in einer Situation, die sie aber nicht selbst bestimmen konnte, Probleme nicht zur Zufriedenheit der Leitung gelöst hat. Schuldzuweisungen und daraus erfolgende Bestrafungen sind keine gute Lösung. Lösungen sollten miteinander und in Kommunikation gefunden werden.

Heute werde ich weiter üben.

Referenz:

Juul, J.(2013). Aggression. Warum sie für uns und unsere Kinder notwendig ist. Frankfurt am Main: S.Fischer.

Vorlesepatin in Kindertagesstätten

Zum momentanen Zeitpunkt befinde ich mich in dem Modul meines Studiums, in dem versucht wird Theorie und Praxis zu verbinden. Das hat die Wirkung auf mich, dass ich auch einen neuen Blick auf meine langjährige Tätigkeit als Vorlesepatin in zwei Kindertagesstätten werfe. Was tue ich da eigentlich und wie bin ich zu dem gekommen was ich da regelmäßig und zuverlässig mache?

Ich bin inzwischen eine routinierte Vorlesepatin und kann mich sehr flexibel auf entstehende Situationen einstellen. Im Lauf der Zeit habe ich für mich ein System entwickelt, bei dem ich immer mindestens drei Bilderbücher besorge, die ich selbst gut finde, etwa acht Kinder mit mir zusammen in einen Kreis setze, und dann beginne die Bilder des Buchs zu zeigen und dabei den Inhalt des Textes nach einem Blick darauf weitgehend frei zu erzählen. Dazu muss ich den Inhalt vorher allerdings bereits kennen.  Die jüngsten Kinder in den altersgemischten Gruppen sind dabei zwei Jahre, was der Grund dafür ist, dass sich diese Methode entwickelt hat.

Ich setze dabei auf den Informationsgehalt der Bilder, beziehe die Kinder durch Fragen mit ein, benutze die vielfältigen Möglichkeiten des Erzählens wie Schreien, Flüstern, Stimme verändern, Verlangsamen, Beschleunigen, Geräusche einzufügen. Die Intention ist dabei die Geschichte für alle Kinder interessant, aber auch verständlich zu machen. Durch Beobachtung der Reaktionen merke ich, ob ich die Kinder fesseln kann oder eben nicht. Manchmal muss ein Buch etwas beschleunigt werden, manchmal kann es noch erweitert werden. Für mich ist das weiterhin Vorlesen, aber es ist ein Vorlesen in der Tradition der alten Geschichtenerzähler, die ihr Publikum miteinbeziehen und die Geschichte an sie anpassen.

Zu Anfang habe ich noch nicht so gearbeitet, ich habe allerdings sehr viel ausprobiert. Und ich hatte in den Anfangsjahren zwei Fortbildungen, einmal bei einer Frau von der Stiftung Lesen und einmal bei einer Schauspielerin. Beide waren sehr nützlich, aber am meisten hat mir die Fortbildung der Stiftung Lesen geholfen. Auch nach vielen Jahren kann ich mich noch gut daran erinnern. Nach einer allgemeineren Einführung bekamen wir viele Beispiele und Tipps präsentiert, die alle auf die Hauptaussage hinausliefen, dass jede/r dabei finden muss, was am besten zu ihr oder ihm passt. Ich würde heute noch dazusetzen, dass es auch zu der jeweiligen Situation passen muss, mit der man konfrontiert ist.

Genau diese Mischung aus Informationen in einem Rahmen, der auch Theorien beinhaltet, praktischen Beispielen und Tipps, bei der Schauspielerin auch praktischen Übungen, aber dem auch Hinweis darauf dass jede Form begrüßenswert ist, die man als sinnvoll selbst entwickeln kann, haben mir damals die Richtung gewiesen in die ich mich bewegt habe und die dazu geführt hat, dass ich nach vielen Jahren immer noch vorlese, und dass ich zu einer Kita im Lauf der Zeit noch eine weitere dazu genommen habe.

Beide Kitas sind dabei sehr verschieden. Während ich in der einen nur für die Kinder einer einzigen Gruppe in der Zeit wo die anderen Gruppenkinder auf dem Flur spielen im Gruppenraum vorlese, kommen in der anderen Kita Kinder aus allen Gruppen zu mir. Jede Gruppe wählt drei bis vier Kinder aus, so dass ich wie in der ersten Kita für zwei Gruppen hintereinander vorlese. In der zweiten Kita ist es dabei normal, dass fortwährend Kinder ihre Gruppen für andere Aktivitäten verlassen.

In der zweiten Kita war es immer schwieriger, da es viel weniger einen festen Rahmen gibt. Einerseits musste ich immer wieder den Raum wechseln, war in Räumen, die eine ganz andere Funktion hatten, was die Kinder sehr ablenkte, andererseits kamen jedes Mal andere Kinder. Inzwischen wurde eine kleine Leseecke in der Kita eingerichtet, in der ich meinen Stuhlkreis aufbauen kann und aus der ich alles entferne was keine Bücher sind. Dieser Rahmen hilft dabei, dass die Kinder allein auf Bücher konzentriert sind.

In beiden Kitas habe ich die Regel, dass die Kinder ein Buch „durchhalten“ müssen. Danach können sie entscheiden für ein weiteres Buch zu bleiben oder sie können wieder zu ihrer Gruppe gehen. Das hat sich über die Jahre als sinnvoll bewährt. Dadurch wird die Gruppe zum Ende hin häufig kleiner und es können dann auch längere Texte direkt vorgelesen werden.

In der zweiten Kita hat es sich inzwischen entwickelt, dass die Kinder häufig nach dem ersten Buch kein weiteres vorgelesen bekommen möchten, sondern sie wollen die Bücher der Bücherecke erkunden. Ganz zu Beginn war ich davon noch irritiert, inzwischen baue ich das ein. Beim letzten Vorlesetermin habe ich dann drei zusätzliche Bücher aus dem Kitabestand kleineren Gruppen vorgelesen, während sich die anderen Kinder einzelne Bücher anschauten. Ein Buch hatte dabei einen viel zu langen Text, war aber in seiner Struktur schnell zu erkennen und verwendbar. Es mussten immer versteckte Buchstaben auf den Seiten gefunden werden. Etwas was den Kindern, die sich dafür interessierten, sehr viel Spaß machte (hier handelte es sich um das Vorschulalter).

Rückblickend merke ich jetzt wie viele Erfahrungen sich im Lauf der Jahre angesammelt haben, wie viel ich ausprobiert habe und wie es sich immer noch weiter verändert. Es würde den Rahmen eines Blogbeitrags sprengen das jetzt noch weiter auszuführen. Auch mein eigener Hintergrund hat sich im Lauf der Zeit verändert. War es in der Vergangenheit mehr die Gestaltung eines kollektiven Events das mich interessierte, so tritt jetzt die Lernbegleiterin mehr zum Vorschein. Dadurch kann ich auch ein Büchererkunden nahtlos in eine Vorlesestunde einbeziehen. Es gibt viele Arten die Freude am Buch zu fördern. Und das Kind, das selbst ein Buch erkundet, das einem anderen Kind ein Buch erläutert, das ein Buch auswählt und vorgelesen bekommen möchte, ist genau das was gefördert werden soll: Bücher als interessante Medien zu entdecken, etwas in dem sich ganze Welten verbergen können, etwas das allein oder im Miteinander mit einem Griff danach zum Leben erweckt werden kann.