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Emotionen – Coping-Strategien sowie Aufgaben für den schulischen Bereich

Von Frenzel, Götz und Pekrun (2015, S.205) werden drei zentrale Coping-Strategien angeführt, emotionsorientiertes, problemorientiertes und meidungsorientiertes Coping. Der Begriff Coping bezeichnet dort den Umgang mit negativen Gefühlszuständen. Der Artikel selbst gehört zu denjenigen, in denen die Begriffe Emotionen und Gefühle synonym verwendet zu werden scheinen.

Ich stehe dagegen noch stark unter dem Eindruck der von Damasio (2003) als sinnvoll vermittelten Unterscheidung zwischen Emotionen und Gefühlen. Emotionen sind bei ihm mit den von mir als Empfindungen bezeichneten Erscheinungen  verbunden, die auf der Ebene des Körpers wahrnehmbare sind, während es sich bei Gefühlen um mentale Produkte handelt, die zwar Informationen aus dem Bereich der Empfindungen nutzen oder bereits genutzt haben, aber selbst nicht davon begleitet werden. Gefühle haben im Gegensatz zu Emotionen keinen körperlichen Ort an dem sie durch Selbstbeobachtung lokalisiert werden können. Dadurch werden sie weniger greifbar. Damasio berichtet allerdings davon, dass Gefühle als Aktivitäten in spezifischen Gehirnbereichen mit entsprechenden bildgebenden Verfahren beobachtet werden können. Ich vertraue ihm dabei und nehme seine Ergebnisse in meine Vorstellungsbilder auf. Wenn ich nicht lokalisierbare Gefühle habe, so sollte es also möglich sein sie als mentale Produkte durch einen Gehirnscan auf der körperlichen Ebene sichtbar zu machen. Ich stelle mir das nun in meinem Kopf begleitend vor.

Es passiert mir immer wieder, dass ich am Tag Texte lese, danach schlafe und mich nach dem Aufwachen mit einem der gelesenen Aspekte beschäftige, der während des Vortages noch keine besondere Bedeutung hatte. Habe ich viele Texte gelesen, entsteht dabei öfter das Problem, dass ich mich nur noch schlecht erinnern kann wo genau die entsprechende Passage stand. Die Stelle über die Coping-Strategien habe ich nur durch Pdf-Suche gefunden, denn in meiner Erinnerung stand sie an einer anderen Stelle. Steht mir kein Pdf zur Verfügung oder habe ich zu viel gelesen, ist das manchmal ein Problem, da ich dann das Original nicht noch einmal überprüfen kann.

Die Coping-Strategien haben Bedeutung erlangt, weil sie im Zusammenhang mit dem Umgang mit Emotionen UND Gefühlen stehen, an den ich mich aus der Vergangenheit erinnere. Ich überlege nun, ob ich mir inzwischen Wissen angeeignet habe, durch das ich damalige problematische Situationen besser bewältigen könnte. Und ich untersuche die erinnerten Situationen auf Aspekte, die mir bisher entgangen sind.

Die Coping-Strategien überprüfe ich anhand meines erinnerten Materials und überprüfe gleichzeitig erinnerte Vorkommnisse auf die verwendeten Strategien.

Emotionsorientiertes Coping bezeichnet beispielsweise die Vorgehensweise wenn ich die Empfindungen in meinem Körper in einer Situation beobachte, merke wie sich Spannung und starke Empfindungen aufbauen, die ich als nicht sinnvoll betrachte, und daraufhin durch Entspannung sofort entgegenwirke. Auch Reflexionen nach Vorkommnissen, Einwirkungsmöglichkeiten durch die Verwendung von Vorstellungen bzw. Wissen, oder Stop-and.Think, gehören als Strategien in diesen Bereich.

Problemorientiertes Coping beschäftigt sich damit herauszufinden was die Situation ausgelöst hat und wie sich die Situation selbst ändern lässt (vielleicht sollten jetzt alle Kinder erst einmal auf den Schulhof, um sich auszutoben, vielleicht sollten der Sinn der geltenden Regeln erst noch einmal erklärt werden, vielleicht sollte man eine Gruppe anders zusammensetzen, um bestimmte Konflikte zu vermeiden).

Meidungsorientiertes Coping bezeichnet die „behaviorale oder mentale Flucht aus der emotionsauslösenden Situation bzw. Vermeidung einer Konfrontation mit der Situation“ (Frenzel et al., 2015). Diese Form wird als die für viele Situationen ungünstigste beschrieben und genau so habe ich diese Strategie auch in Erinnerung. In der Vergangenheit hat sie mir schon viele Probleme bereitet und Chancen behindert.

Spätestens an diesem Punkt setzt für mich die Bedeutung von Wissen über die Funktion und den Ablauf von Emotionen und Gefühlen ein. In sozialen Geflechten mit pädagogischer Intention ist es von großer Bedeutung erkennen zu können was genau im Bereich von Emotionen und Gefühlen vor sich geht und welche Strategien für einen möglichst positiven Effekt auf das einzelne Individuum und darüber für die gesamte Gemeinschaft am geeignetsten sind. Emotionen tauchen fortwährend auf und formen die Gefühle mit, mit denen Menschen sich selbst und die Welt betrachten und in ihr handeln. Sie liefern die Grundlage für Lernmotivation sowie soziales Miteinander. Sie beeinflussen das Selbstbild und sind mit Vorstellungen von Chancen und Grenzen verbunden. Emotionen und Gefühle können aus vielen verschiedenen Gründen kein störender bloß subjektiver Nebenbeikram sein, sondern erfordern Beachtung, Kenntnisse und sind Lern- und Lehrbemühungen wert. Neben vielen anderen Effekten kann sich Wohlbefinden einstellen, etwas, dem durchaus ein eigenständiger Wert zugeordnet werden kann.

Frenzel, Götz und Pekrun (2015, S.221) beziehen sich auf einen älteren Text von sich selbst und schlagen für den schulischen Bereich vor:

  • „Die Förderung des Bewusstseins dass Emotionen eine wichtige Rolle in Lern- und Leistungskontexten spielen“ (möchte ich um den Begriff Gefühle im Sinne der Unterteilung von Damasio erweitern, außerdem halte ich die ausdrückliche Beachtung sozialer Kontexte für notwendig)
  • Die Vermittlung von Wissen über Emotionen (sie beziehen sich nur auf Leistungsemotionen, was ich für unzureichend halte)
  • Die Vermittlung, dass emotionales Erleben kontrolliert werden kann.
  • „Vermittlung und Üben konkreter Emotionsregulations- und Coping-Strategien“

Eine wichtige Voraussetzung ist dafür, dass die Unterrichtenden selbst über ein entsprechendes Bewusstsein, Wissen über Emotionen und Gefühle sowie Kompetenzen in der Verwendung geeigneter Strategien, auch im Sinne von Modelllernen, verfügen.

Ich kann leider keine Belege dafür vorlegen, gehe aber davon aus, dass ein solches Vorgehen unterm Strich keine Mehrbelastung darstellen würde (im Sinne von immer mehr und mehr Zuständigkeiten), sondern verschiedene Problematiken könnten dadurch kleiner werden oder möglicherweise ganz wegfallen. Kurz, ich halte Emotionskompetenz und fundiertes Wissen über die Funktion sowie die ablaufenden Prozesse bei Emotionen und Gefühlen für Werkzeuge mit großem Einfluss.

Referenz:

Frenzel, A.C., Götz, T. & Pekrun, R. (2015). Emotionen. In: Wild, E. & Möller, J.(Hrsg.) Pädagogische Psychologie, 2., vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage. Berlin, Heidelberg: Springer.

Emotionen – Auf einer fernen nahen Insel

Ich bin auf einer fernen Insel und die Zeit verstreicht. Mein Interesse die Aktivitäten anderer Menschen im Netz zu beobachten sowie Meinungen zu teilen oder zu verbreiten ist schon vor einer ganzen Weile gesunken. Ich verbringe einen beträchtlichen Teil meiner Zeit damit mich mit aufgeschriebenen Gedanken zu Emotionen zu beschäftigen, mir Gedanken darüber und zum Thema insgesamt zu machen, mich selbst zu beobachten sowie auszuprobieren. Es ist ein wenig einsam, das liegt an der momentanen Ausrichtung auf meine eigenen inneren Prozesse. Die Zeit, als ich mit jedem der oder die zur Verfügung stand in einen Austausch über Emotionen zu treten versuchte, liegt hinter mir und es fühlt sich an als wären seitdem bereits Jahre vergangen. Ich bin über die Situation verwundert, mache mir aber wenig Sorgen. Irgendwann werde ich schon fertig sein. Außerdem habe ich immer noch die Hoffnung dabei etwas von großem Gewinn für mich mitzubringen.

Die Frustration nach dem Schlusskapitel des Spinoza-Effekts von Damasio habe ich durch Zufall, Zeit und Lesen der noch zurückgestellten Kapitel vier und fünf überwunden. In der Nacht wache ich auf und wende einen Teil der bei Damasio gelesenen Vorstellungen des Vortags auf mich selbst an. So wie Damasio schreibt, dass er nicht Spinoza erläutern, sondern die durch ihn inspirierten eigenen Gedanken darstellen möchte, geht es mir mit Damasio. Damasio hat mich auf eine Reise in mein eigenes Gehirn mitgenommen. So etwas kann er. Er hat mir neue Vorstellungsbilder zur Anwendung geliefert. Das Gehirn und was in ihm vor sich geht, ist für ihn ein Teil des Körpers. Für mich war das in der Vergangenheit in meiner Selbstwahrnehmung nicht so. Ich kann mein Gehirn nicht fühlen, meinen weiteren Körper aber sehr wohl. Dort lassen sich verschiedenste Arten von Körperempfindungen auch ganz systematisch beobachten, das ist mit etwas Übung recht leicht. Der Bereich des Gehirns bleibt allerdings leer – oder?

Nein, der Raum des Gehirn ist nicht leer. Das Gehirn arbeitet nur anders, daher lassen sich dort andere Erscheinungen beobachten. Die den Empfindungen adäquaten Produkte des Gehirns sind Vorstellungen, Gedanken, Ideen, Bilder. Damasio hat mir für diese Wahrnehmung die Grundlage geliefert. Der weitere Körper liefert Empfindungen als Informationen, das körperliche Gehirn produziert in seiner spezifischen Form wahrnehmbare und verwendbare Informationen. Und das, worum es dabei eigentlich geht, ist anscheinend sowieso etwas ganz anderes. Es scheint das Bewusstsein zu sein.

Beim Versuch dieses genauer zu lokalisieren bin ich eingeschlafen. Im Raum des Gehirns selbst konnte ich es jedenfalls nicht festnageln. Allerdings scheint es sich in dessen Nähe zu verdichten.

Damasio beschreibt die Vorstellung von Spinoza von parallel arbeitenden Systemen. Nach seinen Ausführungen kann ich das in der Selbstbeobachtung nachvollziehen. Die Produktionen des Gehirns zu beobachten ist dabei viel schwerer als die Empfindungen des weiteren Körpers, da sie keinen für mich wahrnehmbaren Ort der Lokalisation besitzen und die Konzentration dadurch schnell abschweift. Es ist schwierig den Strom von Bildern, Gedanken und was auch immer das Gehirn produziert über einen längeren Zeitraum zu verfolgen, um dazu eine Systematik zu erstellen. Aber letztlich ist es nichts anderes was dort produziert wird als es die Empfindungen auf der Ebene des weiteren Körpers sind – Informationsmöglichkeiten für das Bewusstsein. Und genau für das scheint das ganze Theater zu einem beträchtlichen Teil veranstaltet zu werden.

Auf Seite 226 gibt Damasio eine theoretische Erklärung zum Leib-Seele-Problem ab, hier eine für mein Verständnis modifizierte Fassung:

  1. Weiterer Körper und Gehirn sind ein Organismus und interagieren intensiv und wechselseitig. Die Mittel dafür sind neuronale (Nervensystem) und chemische (Blutkreislauf) Bahnen.
  2. Die Aktivitäten des Gehirns sollen vor allem die Lebensregulation des Organismus unterstützen. Unterstützt werden dabei die inneren Operationen des weiteren Körpers sowie die Interaktion zwischen Organismus und sozialer und materieller Umwelt.
  3. Die Aktivität des Gehirns soll vor allem Überleben und Wohlbefinden sichern. (Nebenher können Gedichte geschrieben und Raumschiffe gebaut werden.)
  4. In komplexen Organismen reguliert das Gehirn Operationen, indem es Vorstellungen (Gedanken, Ideen) erzeugt und manipuliert. Der Prozess wird als Geist bezeichnet.
  5. Um Objekte oder Ereignisse innerhalb oder außerhalb des Organismus wahrzunehmen, werden mentale Bilder benötigt. Diese können sich auf die Innen- und die Außenwelt beziehen. Es gibt dabei automatische und willkürliche Reaktionen. Weiterhin die Möglichkeit der Planung.
  6. Die Schnittstelle zwischen Aktivitäten des weiteren Körpers und den geistigen Mustern (Vorstellungen) des Gehirns liegt in spezifischen Gehirnregionen. Neuronale Schaltkreise konstruieren hier kontinuierlich dynamische neuronale Muster. Diese Muster sind Darstellungen der Aktivitäten im weiteren Körper in dem Augenblick in dem sie sich manifestieren.
  7. Die Darstellung der Aktivitäten des weiteren Körpers in den Schnittstellen muss kein passiver Prozess sein. Mentale Karten werden von den Strukturen geprägt in denen sie entstehen. Diese Strukturen werden außerdem von anderen Hirnstrukturen beeinflusst.

Es ist das Bewusstsein des Menschen, das in der Lage ist auf diese Prozesse einzuwirken. Um Flexibilität zu erreichen reicht es nicht, nur Automatismen ablaufen zu lassen. Komplexe Prozesse benötigen zu ihrer Steuerung ein Bewusstsein, das in der Lage ist Informationen neu und kreativ zu verarbeiten um davon ausgehend lenkend einzugreifen. Nach Damasio (2003, S.194) ist es die natürliche Aufgabe der Gefühle (das ist bei ihm etwas anderes als Emotionen, Emotionen liegen Gefühlen bei ihm zugrunde) an den Geist Informationen über die Lebensbedingungen weiterzuleiten und für die Berücksichtigung bei der Verhaltensorganisation zu sorgen. Empfindungs- als auch Denkprodukte stehen beide dem Bewusstsein als vorstrukturierte Informationsquellen für Entscheidungsanforderungen zum Erhalt von Leben und Wohlergehen zur Verfügung (Gedichte schreiben und Raumschiffe bauen könnten dann dem Bereich des Wohlergehens zugeordnet werden) .

Aus dieser Sicht verfügt das Individuum über zwei parallele Systeme zur Informationsgewinnung, die eng miteinander verbunden sind und einem Bewusstsein zur Verfügung stehen, das deshalb benötigt wird, weil automatisierte Prozesse allein nicht ausreichen. Die Art der erzeugten Informationen der beiden Systeme ist in der Wahrnehmung jedoch sehr unterschiedlich, so dass sie als getrennte Systeme verstanden oder auch in eine hierarchische Ordnung gebracht werden können. Beide Systeme liefern jedoch gleichermaßen Informationen, die für das Bewusstsein von Bedeutung sind, um flexibel und effektiv die Funktion des Organismus zu unterstützen.

Referenz:

Damasio, A.R. (2003). Der Spinoza-Effekt. Wie Gefühle unser Leben bestimmen. München: List.

Warum ich es verstehen möchte

Mir falle zwei Gründe ein, die für den Bereich Bildung von Interesse sind. Der Umgang mit den mir anvertrauten Kindern sowie mein eigenes Lernen.

Es geht natürlich mal wieder um den Bereich Emotionen und manchmal helfen nur möglichst exakte Beschreibungen von inneren Vorgängen weiter, um zu erfassen was verändert werden möchte.

Es gibt Momente, da werde ich von unangenehmen Emotionen und Gefühlen überschwemmt, die ich nicht verstehe. Ich weiß, dass es sich dabei um Informationen handelt, auf die mein System reagiert, ohne dass mein Verstand die Informationen aber sofort nachvollziehen kann. Da ist etwas viel schneller als mein Verstand.

Reflexion hilft oft, manchmal auch einfach nur abwarten.

Es gibt Momente, da werde ich dadurch beim Lernen ausgebremst. Etwas geschieht und ich kann einfach nicht weitermachen. Dieses Mal ist es eine Frustration, die mich am Ende des Buches von Damasio über den Spinoza-Effekt erfasst hat. Ich war von dem Buch begeistert. Zu Beginn hatte es einen hohen Erklärwert für mich und ich habe viel davon erwartet. In dem Buch beschäftigt sich Damasio damit was Gefühle aus seiner Sicht sind und unterteilt dabei zuerst einmal in Emotionen und Gefühle, erläutert beide getrennt, um sie danach wieder zusammenzufügen. Interessant ist das vor allem daher, weil beide Begriffe häufig synonym verwendet werden.

Was er aus seinem Fachgebiet der Neurologie dazu vermittelt ist für mich im Gegensatz zu Beiträgen anderer über das Gehirn sehr anschaulich und nachvollziehbar. Damasios Buch ist allerdings insgesamt eine Mischung aus literarischer Erzählung, Präsentation wissenschaftlicher Erkenntnisse, eigener Theorie und Meinung. Bis dicht vor den Schluss war das für mich insgesamt akzeptabel, dann kam der Absturz. Damasio endet mit Ausführungen zu Spiritualität und darin ist er in meinen Augen einfach kein Fachmann. Das wäre jetzt nicht allzu schlimm, es ist in Ordnung wenn jemand seine Meinung präsentiert, die fachlich unzureichende Verbindung von Emotionen, Gefühlen und Spiritualität nehme ich aber als kontraproduktiv war. Wer dem Bereich von Emotionen und Gefühlen zu mehr Ansehen verhelfen will, muss sich gut auskennen, vor allem wenn er Bereiche damit verbindet, die selbst in ihrem Stellenwert problematisch sind.

Die Verbindung mit Spiritualität oder auch Moral und Ethik stellen auch andere her, u.a. Rolf Arnold und der Dalai Lama. Beide wirken dabei allerdings wesentlich kompetenter. Jedenfalls auf der Basis meines Wissens.

Es geht jetzt aber nicht primär um diese Problematik oder dass sie für mich von Bedeutung ist, sondern um meine Reaktion darauf, die ich im ersten Augenblick nicht verstehe. Ich kann nicht weiterlesen und fühle mich schlecht und hoffnungslos. Das Buch, das mich zu Beginn begeistert hat und das ich streckenweise mit höchster Aufmerksamkeit gelesen habe, verliert seinen Wert und wird emotional negativ besetzt. Sogar die ganze Thematik Emotionen wird davon beeinträchtigt. Ich muss mich selbst aufrichten, negativen Gefühlen entgegenarbeiten und mir erklären, dass mein Interesse seriös und ernsthaft ist und keine Spinnerei. Es gelingt mir nicht gut, was mich zusätzlich frustriert. Außerdem habe ich, um das Buch zu lesen, auf andere Aktivitäten verzichtet, was ich nun auch noch bedauere, da mir der Verlust im Nachhinein zu groß erscheint.

Sie mischen sich ein, die Emotionen und Gefühle, sie stören, sie blockieren den Fluss des ungestörten Weiterarbeitens, sie liefern dabei aber auch wichtige Informationen. Aus meinen Erfahrungen und meinem erworbenen Wissen heraus liefern sie mir zu Bedenkendes und zu Bearbeitendes indem sie deutliche Warnsignale aufrichten. Damasio beschreibt, dass in uns das Bestreben vorhanden ist einen Zustand es Wohlergehens zu erreichen. Die unangenehmen Emotionen und Gefühle weisen nun darauf hin, dass etwas zu klären ist, um diesen Zustand wieder erreichen zu können.

Ich mag das nicht. Ich komme aber nicht umhin damit umzugehen. Letztlich werde ich dazu gezwungen der Sache auf den Grund zu gehen. Die Störung, die Irritation zu begreifen.

Mit den Kindern ergeht es mir ähnlich. In der Regel habe ich nach jedem Arbeitstag Klärungsbedarf. Meine Emotionen und Gefühle geben mir vor womit ich mich noch einmal zu beschäftigen habe. Die Verarbeitung durch den bewussten Verstand kommt dabei erst später. Dadurch entsteht gleichzeitig eine Ausrichtung auf negative Aspekte. Denn diese verlangen nach Klärung und dem Versuch der Änderung, nicht die vielen angenehmen und als positiv wahrgenommenen Situationen. Der Wunsch in der Zukunft besser handeln zu können, lenkt meine Aufmerksamkeit auf das was am meisten belastet, um es ändern oder beseitigen zu können.

Nach dieser Erkenntnis und dem Wissen, dass Gedanken einen Einfluss auf Emotionen haben, erscheint es mir sinnvoll als Ausgleich mehr auf das zu blicken was gut funktioniert und gut geklappt hat. Für mich ist es nach wie vor nicht die richtige Haltung negative Erscheinungen und Aspekte unter den Tisch fallen zu lassen und mich möglichst wenig damit zu beschäftigen. Ich weiß, das ist durchaus eine mögliche Strategie, dafür habe ich aber emotionale Grenzen. Gedanken an Balance und Gelassenheit sind für mich jedoch eine vorstellbare Ausrichtung und letztlich drückt sich in meiner bisherigen Haltung durchaus eine Art Defizitorientierung aus. Es ist erst alles gut, wenn alles beseitigt ist, das nicht gut funktioniert. Warum eigentlich? Gelassenheit kann durchaus auch Unvollkommenes stehen lassen.

Das Schreiben als Reflexion hat an diesem Punkt seine Aufgabe erfüllt und mir zur Vorstellung einer für mich passenden Strategie verholfen. Dass Abwarten und Gelassenheit sinnvoll sind gehörte bereits zu meinen Wissensbeständen. Neu ist für mich die Vorstellung eine Balance zwischen den Arten von Erlebnissen herzustellen, mit denen ich mich im Nachhinein beschäftige. Wenn ich mich mit negativen Aspekten beschäftigen will oder muss, so scheint es mir notwendig, ihnen immer auch positive Aspekte zur Seite stelle. Als Ausgleich. Diese Erkenntnis ist jetzt überraschend, allerdings auch logisch.

Es bleibt abzuwarten wie weit sie sich im Alltag umsetzen lässt. Die Chancen schätze ich momentan als gut ein. Vor kurzem habe ich verstanden wie Lachyoga funktioniert, das ich früher nur merkwürdig fand, und dass es sich dabei in Bezug auf Emotionen und Gefühle um eine sinnvolle und durchaus legitime Technik der Beeinflussung handelt.

Puzzleteile zum Thema Emotionen

Ich würde gerne das was ich zur Zeit tue für andere nachvollziehbar und für mich später rekonstruierbar dokumentieren, bin dazu aber nicht in der Lage. Ich denke, das ist vor allem ein zeitliches Problem. Seit Beginn des Jahres versuche ich täglich kurz zusammenzufassen was bei meiner beruflichen Tätigkeit für Vorkommnisse waren und was ich gemacht habe, und schon das gelingt mir für den jeweils sehr kurzen Zeitraum an den einzelnen Wochentagen kaum. Was das Studium und die damit in Verbindung stehenden Aktivitäten betrifft ist es unmöglich. Ich arbeite an dem was mich beschäftigt so lange ich kann und benötige dann noch Zeit für Entspannung und Reflexion. Für eine systematische Dokumentation bleibt kein zeitlicher Rahmen. Da ich aber gedanklich versuche einen Überblick zu behalten und Zusammenhänge zu sehen, entsteht das Bedürfnis das auch festzuhalten. Es scheint aber ein unerfüllbarer Wunsch bleiben zu müssen. Ich werde mit Fetzen von gelegentlicher Dokumentation Vorlieb nehmen und meine Frustration darüber bewältigen müssen. Zumindest wird mir jetzt klarer, dass hinter allem was ich von anderen Menschen erfahre und das sie mitteilen noch so viel mehr steht, das nie zum Vorschein kommen wird.

In Bezug auf die Emotionen trage ich also weiterhin Puzzelteile zusammen. Die Aufmerksamkeit auf ein Thema zu richten führt dabei zur Sammlung von Informationen aus sehr unterschiedlichen Quellen. Hilfreich für mein persönliches Verständnis war in den letzten Tagen die Vorstellung von Emotionen als energetische Phänomene in einem YouTubeVideo. Zu Problemen kommt es, wenn diese Energie an einem freien Fluss gehindert wird und Strategien gefunden werden müssen, um mit dieser Situation umzugehen.

Interessant war weiterhin das Webinar „Faszination E-Learning“ mit dem Thema „Emotionen beim E-Learning nutzen“, mit Zusatzinfos durch Markus Jung verlinkt. Danke an ihn. In diesem Webinar stellt Sylvan Becchio seine Masterthesis vor. Er verbindet dabei Erkenntnisse aus der Psychologie mit Erkenntnissen aus dem Gamedesign um besseres E-Learning zu gestalten. Das ist nicht mein Thema, hilft mir aber mein eigenes Thema besser einzukreisen. Er sieht Emotionen als ständige Begleiter beim Lernen, als fortwährende Bewertung von Situationen und als Wegweiser für Handlungsentscheidungen. Sowohl positive Emotionen als auch negative Emotionen eignen sich zum Lernen, führen allerdings zu unterschiedlichen Strategien, das heißt, sie beeinflussen die Art und Weise wie gelernt wird. Er führt dabei auch den emotionslosen Zustand als eine Option an, in dem gelernt werden kann. Wie Jean-Pol Martin bei LdL verwendet er Grundbedürfnisse im Rahmen von Lernen, allerdings nur die psychologischen, deren Befriedigung in einer Lernsituation zu Wohlbefinden führt.

Nicht ganz klar ist mir geworden warum er eigentlich die positiven Emotionen beim Lernen fördern will. Er entwickelt verschiedene Vorschläge für Strategien auf der Basis des Gamedesigns, es gibt dafür auch ein Plakat, das zu erstellen an seiner Fernfachhochschule eine Verpflichtung ist, doch wenn Lernen auch in einem emotionslosen Zustand oder mit negativen Emotionen möglich ist, was ist dann an dem Weg positiver Emotionen von Vorteil? Eine Antwort darauf habe ich während des Webinars nicht wirklich bekommen. Ich könnte noch einmal gezielt in der Aufzeichnung oder in seiner Masterthesis danach suchen. Da das momentan für meine Fragestellung aber nicht bedeutsam ist, verfolge ich es erst einmal nicht weiter.

Ein weiterer Aspekt ist ebenfalls erwähnenswert. Wie auch während der Beschäftigung mit dem Rassismus wende ich das was ich lese, überlege und feststelle direkt an. Das führt einerseits dazu, dass ich stärker darauf achte was in mir selbst zu dem Thema vor sich geht, als auch was ich bei anderen wahrnehme. Dabei wurde auffällig, dass ich dazu neige Empfindungen zu verstärken. Inzwischen unterbreche ich diese Gewohnheit durch die Achtsamkeit darauf häufiger, was dazu geführt hat, dass ich mich insgesamt in einem entspannteren Zustand befinde. Außerdem registriere ich stärker den Ausdruck von Emotionen bei anderen, die für mich sichtbar sind, aber im Alltag nicht thematisiert werden. Auch die wahrnehmbare Bevorzugung unterschiedlicher Strategien mit Emotionen umzugehen bei unterschiedlichen Menschen, ist dabei in mein Bewusstsein gerückt.

Weiterhin ist mir klar geworden, wenn umgangssprachlich formuliert wird, dass Gefühle verletzt wurden, dann ist damit eine Beeinträchtigung von Vorstellungen, Werten, Einstellungen oder Erwartungen gemeint. Damit sind Empfindungen verbunden, die als Emotionen verstanden werden, wobei dann Empfindungen als Altlasten wiederum auf Vorstellungen, Werte, Einstellungen oder Erwartungen einwirken. Auffällig ist dabei die starke Einbettung des Themas in Selbstverständlichkeiten, die wegen ihrer Selbstverständlichkeit einerseits wenig hinterfragt werden als auch schwierig zu hinterfragen sind.

So wie die Förderung positiver Emotionen beim Lernen. Erst einmal: was ist denn eigentlich positiv und was negativ? Sind wir uns darüber überhaupt einig? Und was sind Emotionen? Welche Empfindungen sind wie mit Emotionen verknüpft und was ist einfach etwas ganz anderes. Haben wir da die gleichen Vorstellungen? Die Emotionspsychologie [1] hat mich bereits eines Besseren belehrt. Und Damasio [2] (Seite 207f.) bestimmt klar Erscheinungen, die als Hintergrundempfindungen übersetzt wurden und nicht emotionale Empfindungen sind, die weder als positiv noch als negativ erlebt werden und von denen er schreibt, dass wir in unserem Leben wahrscheinlich überwiegend solche Empfindungen haben. Das deckt sich sehr mit der Beobachtung meiner eigenen Empfindungen auf der körperlichen Ebene, wo häufig gar nichts passiert, das als Emotionen bezeichnet werden kann. Empfindungen selbst sind allerdings fortwährend vorhanden. Und auf dieser Basis allein lässt sich durchaus hervorragend lernen.

Dazu passt dann auch das Flow-Gefühl im Flow-Kanal zwischen Langeweile bei Unterforderung der eigenen Fähigkeiten durch zu niedrige Herausforderungen und der Angst bei Überforderung der eigenen Fähigkeiten bei unpassend hohen Anforderungen [3]. Ist Flow überhaupt ein emotionaler Zustand? Oder ist er einfach ein energetisch optimaler Zustand? Emotionen, die sehr stark werden, können, sowohl wenn sie als positiv wahrgenommen werden als auch wenn sie als negativ wahrgenommen werden, zu Ablenkung oder Überforderung führen. Ich denke, ich kenne mich da ganz gut aus.

An diesem Punkt will ich abbrechen. Es ist mir gelungen mehr zu dokumentieren als erhofft. Die Fragen, die ich habe, müssen nicht heute und nicht morgen beantwortet werden. Es reicht wenn ich ihnen Schritt für Schritt näher komme.

Referenz:

[1] Schmidt-Atzert, L., Peper, M., Stemmler, G. (2014). Emotionspsychologie. Ein Lehrbuch.Stuttgart: Kohlhammer.

[2] Damasio, A.R.(1994). Descartes’ Irrtum: Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn. München: List.

[3] Csikszentmihalyi, M. (2004). Flow. Das Geheimnis des Glücks. Stuttgart: Klett-Cotta.