Bildungsmäuschen

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Denken und Emotionen im dialogischen Verhältnis

Wenn ich jetzt nach mehreren Tagen in denen ich nicht online war meinen Postkasten checke, so quiltt er nicht mehr über. Das war in der ersten Zeit anders, da war ich jedes Mal beim erneuten Online-Gehen mit einer solchen Flut von Mails konfrontiert, dass ich dadurch ein langfristiges Problem gesehen habe. Doch so etwas scheint sich sehr einfach in Luft auflösen zu können. Wer sich nicht mehr bemerkbar macht, gerät in Vergessenheit. 🙂 Husch – weg.

Mein Hauptbuchstapel ist erst einmal abgetragen, zurück bleibt eine Liste mit möglicher vertiefender Literatur. Doch es reicht erst einmal. In meinem Kopf trage ich die Frage, was ich jetzt aus Gelesenem, Nachgedachtem und Geschriebenem machen will. Ja, eine Bachelorarbeit will ich noch verfassen, aber darum geht es erst einmal nicht. Was will ich für mein Leben aus dem machen, womit ich jetzt seit Monaten beschäftigt bin? Wie will ich es verwenden, was für Strategien benötige ich dafür?

Es geht um die Untersuchung des Verhältnisses zwischen Denken, Fühlen und Handeln. Es geht darum, in welcher Position Emotionen im Lebensverlauf durch gesellschaftliche Gepflogenheiten in die Wahrnehmung des Individuums integriert werden. Es geht um die Untersuchung davon was Emotionen eigentlich sind, wie sie wirken, was sie für das Lernen bedeuten und für lernende Gemeinschaften. Es geht darum Emotionen in eine andere Position zu bringen.

Während mein Denken erwachsen werden konnte, wurde das von meinen Emotionen nie gefordert. Sie konnten immer Kinder bleiben, an manchen Stellen gezähmt und gegängelt, an anderen Stellen mit Freiräumen ausgestattet, die sie zu nutzen lernten und in denen sie die verschiedensten Spiele entwickelten.

Ich habe in den letzten Monaten viele Theorien durchstreift, bin in einen Dialog mit vielen Texten getreten, habe viele Aspekte kennengelernt und habe mich an Lernbegebenheiten in meinem Leben erinnert, an die ich schon seit sehr vielen Jahren nicht mehr gedacht hatte, manchmal seit Jahrzehnten. Die Bedeutung von Emotionen für das Lernen, gerade für das nachhaltige Lernen, ist immens groß. So groß, dass ich es immer noch nicht verstehe, warum nicht überall im Bildungsbereich explizit ein Bereich Emotionen zugefügt wird. Wie wirkt das was getan wird auf die Emotionen, was ist in Bezug auf Emotionen zu beachten? Was für Erfahrungen wurden in Bezug auf Emotionen bereits gemacht?

Das neue Semester hat begonnen und ich bin für neuen Stoff und neue Aufgaben eingeschrieben. Und auch wenn ich jetzt nicht den Kopf frei habe, um mich mit Neuem wirklich zu beschäftigen, und auch wenn ich meine Studienbriefe bisher noch gar nicht in Papierform habe, so schau ich doch einmal im neuen Moodle vorbei und lasse mich dabei abschrecken und in Aufregung versetzen, denn für die Fülle, die mir dort entgegen tritt, habe ich momentan gar keine Zeit und muss dennoch damit umgehen, wenn ich mich damit konfrontiere. Ich werde erinnert, dass ich nach den offiziellen Plangssystemen längst mit meiner BA fertig sein sollte, dass ich letztlich bei der Erfüllung von Richtwerten versagt habe, und mein Klärungsbedürfnis für den Bereich der Emotionen erscheint mir im Angesicht der geordneten Moodlestruktur plötzlich von sehr lächerlicher, privater Natur, während ich inzwischen allerdings durchaus weiß, dass es eine ganze Reihe Theoretiker gibt, die einen ähnlichen Eindruck wie ich in Bezug auf die kontinuierlich vorhandene Bedeutung von Emotionen für das Lernen haben.

Meine Lösung ist es die Pdfs für meine Studienbriefe herunterzuladen und in demjenigen, mit dem die anderen bereits angefangen haben, nach den Begriffen Emotionen, Gefühle und Motivation zu suchen. Was ich finde, scheint genau das widerzuspiegeln, das ich oft im Bereich des Lernens zu finden meine, der Mangel an expliziter Erwähnung von Emotionen. Der Begriff Emotionen selbst taucht auch überhaupt nicht auf. Zu Motivation finde ich das was üblich ist, d.h. Motivationssteigerung und intrinsische Motivation werden erwähnt. Bei dem Begriff Gefühl wird es dann für mich ziemlich interessant. Gefühl der Vereinzelung; das Gefühl Rechenschaft ablegen zu müssen; das Artikulieren eigener Gefühle; Gefühle, Gedanken, Erfahrungen in einer Aufzählung; persönliche Erlebnisse und Gefühle verarbeiten. Und ein Fundstück zu Empfinden: das Empfinden positiver Arbeit. Sie sind da. Und sie sind in einer ganz bestimmten Weise da. Für einen ganz bestimmten Bereich. Genau da wo sie in den gelesenen Texten verortet werden, beim subjektiven Zugang und der Lernbehinderung. Ich bin sicher, dass ich beim Durchlesen des gesamten Studienbriefs noch mehr finden würde, das sich auf Emotionen bezieht, allerdings nicht diesen Begriff verwendet.

Und nun sehe ich mich in einem Dilemma. Im Studienbrief geht es nicht um Emotionen, sondern u.a. um Weblogs. Ich bin wegen meines Klärungsbedarfs momentan aber zuerst einmal an Emotionen interessiert, in welcher Position sie in der Gesamtheit stehen, wann sie wofür erwähnt werden, was für ein Bild daraus entsteht, welche Annahmen und Vorstellungsbilder dahinter stehen, welche Lenkung stattfindet, und erst danach an Weblogs. Wie soll ich jetzt also lesen? Erst auf Weblogs hin und dann mit der Ausrichtung auf die Spuren der Emotionen oder umgekehrt oder geht es auch parallel und wenn wie? Und dann – wie kommuniziere ich darüber? Kommuniziere ich überhaupt darüber? Wie füge ich mein Interesse und die vorgegebene Ausrichtung zusammen?

Ich bin also letztlich wieder zurück bei meinen Fragen vom Beginn. „Was will ich für mein Leben aus dem machen, womit ich jetzt seit Monaten beschäftigt bin? Wie will ich es verwenden, was für Strategien benötige ich dafür? „

Ich habe alle Dinge erst einmal so zu tun wie ich sie immer tue, es kommt jetzt allerdings immer diese spezielle Betrachtungsebene mit ihren Fragen dazu. Und das ist zuerst einmal meine eigene Sache, also etwas das in der Kommunikation mit anderen erst einmal nichts zu suchen hat, so als würde ich in meinem Leben parallel Buch darüber führen wo ich beispielsweise die Farbe Rot bemerke. Wäre ja auch seltsam, wenn ich so etwas immer wieder erwähnen würde, während sich andere nicht im besonderen damit beschäftigen.

Ich weiß nicht wie ich weiter verfahren soll und vertraue darauf, dass es sich finden wird. In diesem einen Satz steckt die ganze Form wie mein Denken und meine Emotionen zusammenarbeiten, um gemeinsam zum Handeln zu kommen. Sie sind beide anwesend. Und das sind sie nicht nur für die Nebenbei-Dinge. Sie stehen in jedem Moment in einem Kontakt miteinander. Sie arbeiten in Iterationen zusammen, um zu sinnvollen Lösungen zu finden. Vorschläge und Überprüfungen wechseln hin und her. Gleichzeitig wurden die Emotionen nie aus ihrem Kind-Sein entlassen. Da ich ein Mädchen war und eine Frau bin, durfte ich die Emotionen zwar immer an meiner Seite behalten, ich wurde allerdings nur unzureichend dazu angeleitet wie ich sie zum vollen Erwachsenwerden führen kann. Der Aufklärung ist es gelungen in den Vorstellungen der Menschen das Denken zur Freiheit zu führen, doch die Emotionen wurden auf diesem Weg zurückgelassen und mussten unmündige Kinder bleiben. Ich weine darüber für sie und das ist mir eine Ehre.

Zu Transformationsprozessen gehören Emotionen dazu. Nicht nur Denk-, auch Emotionsmuster müssen verändert werden. Ich nehme meine Emotionen in die Arme und streichele sie. Ihr seid nicht die kleinen Helfer oder die Störenfriede im Hintergrund. Ihr seid es nie gewesen. Ohne euch ist mein Denken nichts. Ohne das Denken seid ihr nicht genug. Ohne die immer wieder neue Zusammenarbeit von euch beiden kann ich nicht zu sinnvollen Handlungsentscheidungen kommen.

Ich habe drei Formen der Vorstellung dafür kennengelernt in welcher Beziehung ihr zueinander steht. In einem Herrschaftsverhältnis der Dominanz eines Bereichs, in einer Dualität der Verschiedenheit sowie in einem dialogischen Verhältnis der gleichberechtigten Zusammenarbeit. Ich versuche es jetzt mit der letzten Vorstellung.

Es ist schwer immer wieder gegen Gewohnheiten anzugehen. Es ist schwer die Augen offen zu halten und die Achtsamkeit immer wieder an die gewünschte Stelle zu lenken. Aber beide Bereiche geben mir das Signal, dass es der richtige Weg ist um etwas herausfinden, dem möglicherweise die Kraft zu tiefgreifenden Veränderungen innewohnt – durch die Erfahrungen in der Anwendung.

Und inzwischen habe ich ja zum Glück auch Theorien und Schriften im Gepäck, durch deren reines Vorhandensein ich mich mit meinen Interessen nicht mehr so einsam in der Welt herumstehend fühle.

Referenz:

Arnold, R. (2010). Die emotionale Konstruktion der Wirklichkeit. Beiträge zu einer emotionspädagogischen Erwachsenenbildung. 3. unveränderte Auflage. Hohengehren: Schneider.

Dem Ende der ersten Recherche entgegen

Langsam sehe ich ein Ende meiner ersten Recherchearbeit zum Thema Emotionen vor mir. Noch immer bin ich damit konfrontiert dass ich beobachten kann, wie sowohl der Inhalt meiner Gedanken als auch die Körperempfindungen, die ich zu Beginn des Tages habe, sich teilweise gravierend von denen des Vortags unterscheiden. Das betrifft sowohl die Wahrnehmungen im Körper als Gesamtheit, als auch die gedanklichen Verarbeitungsprozesse, die im Gehirn lokalisiert sind. Dabei geraten die Gemeinsamkeiten mehr als die Unterschiede in meine Aufmerksamkeit. In beiden Vorgangsbereichen geht es flüchtig, unbeständig und wechselhaft zu, und von daher sind sie in gleichem Ausmaß zuverlässig bzw. unzuverlässig. Ich habe es immer nur mit momentanen Zuständen zu tun, denen ich nachrätseln, die ich aber genauso gut vorbeiziehen lassen kann.

Passenderweise lese ich am Morgen nach diesen Überlegungen einen Beitrag aus Emotionen und Lernen, herausgegeben von Rolf Arnold und Günther Holzapfel, von Herbert Gerl (2008) mit dem Titel Selbstfindung und Dekonstruktion. Eine Zen-Perspektive für lebenslanges Lernen. Dieser Artikel basiert auf Erfahrungen mit einer sehr ähnlichen Technik der Meditation wie diejenige, auf der mein Beobachtungszugang beruht. Gerls Beitrag liegt eine andere Fragestellung zugrunde wie mir, die Gemeinsamkeiten im Betrachtungszugang sind allerdings sehr groß. Auch mein Zugang basiert auf einer aus den Lehren Buddhas hervorgegangenen Technik. Es geht in beiden Fällen um die Beobachtung dessen, was im Inneren vorgeht, ohne dabei einzugreifen.

Während dadurch ermöglicht wird Realität unmittelbar wahrzunehmen, können sowohl Denken als auch Emotionen als reine Interpretationsschemata dieser Realität wahrgenommen werden. Emotionen genauso wie Gedanken sind permanenter Veränderung unterworfen, wirken aufeinander, sind unbeständig und können nicht festgehalten, d.h. konserviert werden. Sie liefern eine fortdauernde Bewertungs- und Interpretationsfolie zwischen Subjekt und Objekt.

Es handelt sich um eine Art Realität zweiter Ordnung (Gerl, 2008).

Damit existieren parallel eine Realität, die wir unmittelbar mit unseren Sinnen aufnehmen können, die allerdings vom Wahrnehmungsspektrum dieser Sinne begrenzt ist, als auch eine Realitätsinterpretation, die sowohl auf der Ebene der Gedanken als auch der Empfindungen geschieht. Aus dieser Perspektive betrachtet ist jegliche Hierarchie zwischen Denken und Empfinden sinnlos. Beide können nützliche als auch problematische Verarbeitungsformen der Weltwahrnehmung sein.

Interessanterweise beschreibt Gerl den Vorgang der reinen Beobachtung als vollkommen zweckfrei. Es geht allein darum einen Blick auf offene Weite zu ermöglichen. Damit ist nichts verbunden, das in der Zukunft erreicht werden kann, denn die gewonnene und geübte Fähigkeit zum offenen, nicht-bewertenden, nicht-kontrollierenden Wahrnehmen von dem was ist führt nirgendwo hin. Sie erfüllt ihren Zweck allein durch sich selbst.

Allerdings ermöglicht sie das unmittelbare Wahrnehmen und Benennen von Konstruktionen und Konditionierungen, macht sie transparent und verringert dadurch ihre Kraft uns zu bestimmen und zu manipulieren. Eine reine Zweckfreiheit kann ich daher hier nicht ausmachen, was allerdings auch in einem Zusammenhang mit einem unterschiedlichen Verständnis von Zweckfreiheit stehen kann. Ich sehe allerdings einen starken Zusammenhang mit Vorstellungen, dass durch eine Bildung, die auf die Entfaltung des Individuums ausgerichtet ist, Zwänge reduziert und Freiheiten gewonnen werden können. In dem Bemühen von beiden, der beobachtenden Meditation als auch im Bildungsstreben, sind starke Anteile von etwas enthalten, das für die reine Über-Lebensführung nicht notwendig ist, sondern auf den Bereich der Lebensqualität verweist.

Wie dem auch sei. Mir geht es momentan um den Stellenwert von und den Umgang mit Gefühlen und Emotionen und um Wissen darüber, was sie eigentlich sind. Zunehmend wird für mich sichtbar, dass Denken und Emotionen weder unterschiedlich gewichtet, noch unterschiedlich behandelt werden sollten. Die Betrachtung von beiden sollte aus einer anderen Perspektive erfolgen als ich in der Vergangenheit wahrgenommen habe. Spätestens nach dem Text von Gerl muss ich Emotionen auf die gleiche Stufe wie Denken stellen und beide aufs engste verflochten begreifen. Dabei werden Emotionen aber nicht in die gleiche Position gebracht, die Denken einmal hatte, was meine ursprüngliche Vorstellung war, sondern das Denken verliert dabei die herausragende Bedeutung, die es im Verlauf abendländischer Geistesgeschichte häufig erhalten hat. Gleichzeitig ist es unmöglich eine Position zu vertreten, in der Emotionen eine größere Bedeutung als Denken zugesprochen wird.

Erneut geht es um das was Damasio Descartes‘ Irrtum nennt. „Ich denke, also bin ich.“ Denken in seinen verschiedenen Facetten ist nur eine Funktion und Aufgabe des Organismus. Genauso verhält es sich mit Emotionen. Da beide auf unterschiedlichen Bühnen stattfinden, scheint es möglich sie voneinander zu trennen. Bei genauerem Hinsehen ist das aber unhaltbar.

Ich selbst liebe beide Funktionen. Ich liebe es zu empfinden und ich liebe es zu denken. Ich mag beides und ich mag es auch, wenn es schwierig ist oder schmerzhaft. Ich will auch nicht davor entkommen. Gleichzeitig mag ich die Momente unmittelbarer Wahrnehmung, bevorzuge sie aber nicht.

Noch vorgestern hatte ich den Bedarf eines Kategoriensystems für die Vielfalt der Themen im Bereich Emotionen gesehen, da ich mich überfordert fühlte, gestern erschien mir das nicht mehr notwendig, da ich den Eindruck habe, dass mein Gesamtüberblick gewachsen ist. Vorgestern hatte ich sehr unangenehme Körperempfindungen, während ich mich gestern ausgesprochen entspannt und ausgeruht fühlte. Heute Morgen waren meine Empfindungen dagegen gemischt, und während meine Gedanken zum Thema Emotionen wesentliche Ergänzungen vornahmen und sich an einer Formulierung meiner Forschungsfragen zu meiner Bachelorarbeit versuchten, musst ich einen Teil meiner Energie darauf verwenden einzuschätzen, wie lange ich einen fälligen Zahnarztbesuch noch aufschieben kann und warum ich das überhaupt will.  (In diesem Kontext taucht die Frage auf, ob ein identifizierbares Ich überhaupt existiert, die ich aus Gründen der Komplexitätsreduktion aber ignoriere.)

Denken und Empfindungen stehen nicht getrennt. Emotionen ergeben sich als eine Durchmischung von Wahrnehmung, Interpretation, Bewertung, Denken, Gefühlen und Empfindungen. Das ist beobachtbar. Beide Bereiche liefern die Grundlage für Handeln, das dann wieder über die Wahrnehmung der Auswirkung auf das Denken und damit verbundene Gefühle wirkt, bzw. Empfindungen auslöst, die sich mit Denkvorgängen zu Emotionen verbinden, die wiederum Denk- und Empfindungsprozesse in Gang setzen.

Was mir jetzt noch fehlt, ist die ganz spezifische Bedeutung für den Bereich der Bildung, zu der ich inzwischen schon Überlegungen entwickelt habe, die momentan allerdings noch nicht so ganz auf der Ebene des schriftlich Formulierbaren angekommen zu sein scheinen.

Referenz

Gerl, H.(2008). Selbsterfindung und Dekonstruktion. Eine Zen-Perspektive für lebenslanges Lernen. In Arnold, R.& Holzapfel, G. (Hrsg.). Emotionen und Lernen. Die vergesessenen Gefühle in der (Erwachsenen-) Pädagogik. Hohengehren: Schneider.

Theorie in der Praxis suchend

Jeder Tag ist anders als der vorhergehende. Eine banale Aussage, aber etwas das mich immer wieder neu fasziniert. Ich lebe ein Leben, in dem sich Abläufe und Orte regelmäßig wiederholen, und genau dadurch fällt dieser Wechsel so stark auf. Ich habe keine Ahnung was dafür verantwortlich ist und kann es daher nur beobachten und zur Kenntnis nehmen. Schlafen wir drüber und morgen sieht alles anders aus, ist eine zutreffende Anwendung davon.

Gestern habe ich das Lesen zum Thema Emotionen, das mich viele Tage beschäftigt gehalten hat, nicht fortgesetzt, sondern meine Aufmerksamkeit darauf gerichtet die Inhalte im Alltag zu finden. Das war kein beabsichtigtes Verhalten, sondern hat sich aus den Begegnungen des Tages auf der Basis des wochenlang Gelesenen so ergeben.

Das Gegenteil von Vernunft ist Unvernunft, nicht Emotionen oder Emotionalität. Emotionen an sich sind nicht unvernünftig. Das ist die Art wie sie manchmal verwendet werden. Aber auch den Verstand und Rationalität kann man sehr unvernünftig einsetzen. (eigener Kommentar in einem Thread auf Facebook)

Das war so eine Gelegenheit der Anwendung. Außerdem die häufige Beobachtung während des Tages was die eigenen Empfindungen so betreiben, wie ich mich fühle, wann Emotionen auftreten, wie sie sich auf das Handeln auswirken, mit was für Gedankenbildern sie verbunden sind. Eine Schülerin, die mir mitteilt, dass sie schon den ganzen Tag in einer guten Stimmung ist, ein Film, der ein Abel/Kain-Motiv auf sehr interessante Weise thematisiert und bei dem ich mich in den Gefühlszustand der Charaktere versetze, der von den Schauspielern sehr anschaulich dargestellt wird. Der beabsichtigte Ausdruck von Emotion bei anderen im zwischenmenschlichen Kontakt während der Arbeit und ihre Nützlichkeit für die gemeinsame Arbeit, aber auch die Anpassung der Äußerung an das was im gemeinsamen Kontext üblich ist. Die Überlegung, was von einem Vortrag über die Neue Frankfurter Schule an vermittelten Informationen in einigen Wochen noch vorhanden sein wird, durch Vergleich mit den Vorerfahrungen ähnlicher Vorträge, und wie eine stärkere Ansprache von Emotionen die Erinnerung fördern könnte. Die Erinnerungen aus der Vergangenheit an Arbeitsgruppen, die nach Vorträgen stattfanden, und der Vergleich mit dem Nutzen emotionaler Involvierung bei Diskussionsforen im Internet.

Was ich momentan betreibe, erinnert mich an Deweys Methode aus der Praxis in die Theorie, wieder zurück in die Praxis und erneut in die Theorie zurück. Das Thema Emotionen, generell untersucht und nicht auf einen eingegrenzten Bereich, ist dabei etwas sehr spezielles. Emotionen sind fortwährend in den unterschiedlichsten Kontexten und Zusammenhängen vorhanden und können ganz nebenbei untersucht beziehungsweise beobachtet werden. Alles eignet sich, sämtliche Äußerungen des Lebens, gleichzeitig passiert nichts ungewöhnliches.

Hilfreich ist für mich dabei die Unterteilung des emotionalen Bereichs nach Empfindungen, Gefühlen, Emotionen und Stimmungen in Anlehnung an Küpers und Weibler (2005), die allerdings im Bezug auf die Empfindungen von meinen abweichen, außerdem die Vorstellung des untrennbaren Zusammenhangs von Körper, Emotionen, Denken und Handeln, den ich bisher am vehementesten betont bei Gieseke (2007) gefunden habe. Ein weiteres Element ist die Vorstellung von Hintergrundempfindungen, die fortwährend vorhanden sind, bei denen ich jetzt nicht genau weiß, auf wen sie zurückgehen. Diese Form der Empfindungen spielt für mein Thema auch keine Rolle. Es ist allerdings interessant zu wissen, dass Empfindungen als Wahrnehmung der Funktionen des Körpers so lange vorhanden sind wie Leben existiert und dass wir uns in einem gefühls- bzw. emotionsneutralem Zustand befinden können.

Wo ich momentan noch Lernbedarf sehe, sind die von den Neurowissenschaftlern festgestellten Aktivitäten in verschiedenen Bereichen des Gehirns. Ich würde mir das gerne am lebenden Körper vorstellen können, das erfordert aber zuvor eine gezieltes Visualisieren der vorhandenen wissenschaftlichen Kenntnisse, da bisher alle Darstellungen, die ich dazu gelesen habe, mir kein unmittelbares Nachvollziehen ermöglichten.

Es ist etwas schwierig zu beschreiben, aber ich konzentriere mich momentan nicht auf eine Systematisierung dessen, was im Kopf geschieht, ob dort Bilder oder Sprache oder komplexe Vorstellungen auftauchen, nicht auf Inhaltsarten und Formen, sondern nur darauf dass dort etwas geschieht und wie es in Bezug zu Empfindungen steht. Wie aus Kommunikation zwischen verschiedenen Teilen ein Komplex entsteht, der sich als Emotion beschreiben lässt. Und wie der dann auf mich wirkt, bestimmte Verhaltensweise abruft und andere zuerst einmal unmöglich erscheinen lässt. Ich beobachte allerdings auch die Strategien und Ausdrucksformen, die von anderen Menschen angewendet werden.

Ohne Auswirkungen ist das nicht, auch wenn diese sehr subtil sind. Es bleibt nicht beim reinen Beobachten, sondern führt dazu, dass ich Verhalten und Denken in Situationen unterbreche, abändere oder mir andere mögliche Strategien überlege. Ich unterbreche die für mich irrelevanten Ausführungen einer mit mir Telefonierenden, die bei mir negative Emotionen auslösen, da ich die Art der Darstellung als verbunden mit einer inhumane Haltung wahrnehme von der ich mich unnötig belastet fühle. (Es ist die Art der Darstellung und Bewertung durch die Person, auf die ich mich zuerst abwehrend einlasse, da ich sie aber nicht ändern kann, versuche ich das Thema gezielt zu wechseln. Allerdings kam die Person später wieder darauf zurück und erwischte mich weniger achtsam, so dass ich dann doch mit einem Haufen negativer Emotionen zurecht kommen musste. Das ist übrigens ein sehr interessantes Thema, wie sich die in der Kommunikation vermittelten Haltungen auf die Wahrnehmung von Gesellschaft an sich und die individuellen Möglichkeiten darin über in der Kommunikation entstandene Emotionen auswirken.)

Ich beobachte und experimentiere zur gleichen Zeit. Allerdings nicht fortwährend. Es ist eher so, dass ich bei Anlässen wie dem Facebookthread an das Thema erinnert werde und dann das was ich bereits an Wissen habe anwende. Zwischendurch verliere ich wieder den Faden und versinke in meinem gewohnheitsmäßigen Tun. Zum Teil reflektiere ich Ereignisse auch erst nachträglich auf Vorkommen und Bedeutung von Emotionen dabei. Ausgerichtet bin ich in den Reflexionen vor allem auf Bildungskontexte, da ich ja immer noch nach dem genauen Thema für meine Bachelorarbeit suche und daher alles auf mögliche Kenntnislücken absuche.

Referenzen:

Gieseke, W. (2007). Lebenslanges Lernen und Emotionen. Wirkungen von Emotionen auf Bildungsprozesse aus beziehungstheoretischer Sicht. Bielefeld: Bertelsmann.

Küpers, W. & Weibler, J. (2005). Emotionen in Organisationen. Stuttgart: Kohlhammer.

Keine Zeit für Weihnachtsvorbereitungen

Vieles fühlt sich durcheinander an. Primeln blühen in Gärten und auf Balkons. Ich schlafe wenn ich müde bin und so lange bis ich wieder wach werde. Es kann passieren dass mein Tag um 2.30 Uhr beginnt oder dass ich mich um 16.00 Uhr ins Bett lege. Ich stelle den Fernseher an, weil ich nur noch konsumieren will und lande beim offenen Kanal Kassel. Und plötzlich ist da nichts anderes als im Netz, allerdings mit dem Unterschied, dass ich nicht stoppen und zurückspulen kann, dass ich keinen Link zur Sendung verschicken und nicht parallel darüber lesen kann und keine Beteiligungsmöglichkeit sehe. Und um meinen geliebten Notizblock zu holen und wichtige Stichpunkte mitzuschreiben bin ich bereits zu müde. Das Programm ist aber ähnlich wie die Netzangebote, die ich mir aussuche, was ich in dieser Form vom Fernsehen nicht gewohnt bin.

Zuerst sehe ich ein langes Interview mit einem Ökonomen, in dem ich detailliert erfahre, wie sich ein Problem in Kassel bemerkbar macht, das man als Verödung der Innenstädte bezeichnet, und wie das behoben werden könnte. Danach höre ich dem Vorsitzenden der Bundeszentrale für politische Bildung zu, der sich in sieben Punkten zu offenen Kanälen äußert. Ohne die Mitschreiboption wird das aber schnell unübersichtlich, seine Sprache und Darstellung ist sehr komplex und mir fallen langsam die Augen zu. Ich zappe danach eine Weile weg und kehre zurück als Hüther einen Vortrag in einem mit Pflanzen bestückten Hörsaal hält, der sich natürlich um Bildung dreht. Nach kurzer Zeit sitze ich wieder aufrecht und höre gespannt zu. Ich erfahre, dass er an der Uni in Witzenhausen ist, erwische auch im Abspann die Jahreszahl, 2011, und sehe gerade noch eine Webaddresse vorbeihuschen, die ich mir so schnell aber nicht merken kann. Fernsehen eben.

Die Angaben reichen aber zum Googeln und ich finde den Film, bzw. seinen Trailer, denn es handelt sich um kostenpflichtiges Unterrichtsmaterial. Wäre es jetzt nicht bereits ein bisschen spät, hätte ich da jemanden für den ich die 5€ als Weihnachtsgeschenk investieren würde. Was danach kommt interessiert mich nicht und ich wende mich meinem üblichen Halbschlafkonsumangebot zu. Als ich zum nächsten Morgen hin aufwache, fühle ich mich allerdings irritiert und beunruhigt. Ziemlich beunruhigt.

Meine Gedanken kreisen um Medien und Informationen, um Handlungs- und Anwendungsmöglichkeiten, um Veränderungsprozesse und Gewohnheiten, um Inklusion und Exklusion, um noch Ungreifbares, um Schmerzhaftes, um Vergangenes, um Gegenwärtiges. Ich hatte Pläne. Ich wollte Weihnachten vorbereiten. Doch es gelingt mir nicht mich auf vertraute Pfade zu begeben. Noch ist etwas Zeit, noch ist kein ausreichender Druck, noch ist Verschieben möglich.

Hüther hat von den Älteren gesprochen, die nicht dazulernen, weil sie in abgesicherten Verhältnissen leben und keine Veranlassung mehr haben dazuzulernen. Bei dem Interview mit dem Ökonom stach mir der Punkt ins Auge, dass Innenstädte veröden, weil es dort keinen oder keinen bezahlbaren Wohnraum mehr gibt, und bei dem Vorsitzenden der Zentrale für politische Bildung dachte ich an die viel größeren Handlungsmöglichkeiten in Städten. Ich war auch einmal im offenen Kanal in Kassel, aber nur als Zuschauerin und dass es sich dort um Partizipationsmöglichkeiten handeln könnte, hat mir niemand gesagt und dieser Eindruck entstand auch nicht.

So langsam wird mir meine Beunruhigung klarer. Es scheint um die Handlungsmöglichkeiten zu gehen. Informationen erhalten zu können ist interessant, dabei aber nur Zuschauerin zu bleiben nicht so wirklich. Das war schon in der Vergangenheit so, als es keine andere Möglichkeit gab als zu Vorträgen und Vorlesungen anzureisen. Als die Verfügbarkeit von Informationen eine andere war. Als durch die Präsenz die anderen Menschen und das Nebenbeigeschehen Teil der Veranstaltung waren, die weitere Informationen lieferten. Nur Zuhören war nie genug. Die daraus folgenden Handlungen waren das Wichtige.

Bei Konsumangeboten ist das anders. Sie sind für den Moment und haben keine Folgen. Sie können sofort wieder vergessen werden. Sie beunruhigen nicht. Aber Informationsangebote, die auch noch direkt oder indirekt einen auffordernden Charakter für Veränderungen haben, sind etwas ganz anderes. Bei Konsumangeboten kann ich zur Tagesordnung übergehen, ganz gleich wie erfreulich oder unerfreulich diese ist. Es war nur der Abstecher in eine Anderswelt. Informationsangebote haben aber gedankliche Konsequenzen, und keine Möglichkeit zu sehen der Veränderungsaufforderung nachzukommen oder außen vor stehenbleiben zu müssen, ausgeschlossen zu sein, ist schmerzhaft und beunruhigend.

Eine größere Verfügbarkeit über Informationen allein schafft eben noch keine größere Möglichkeit für Handlungen. Und Präsenzveranstaltungen mit anwesenden Personen garantieren nicht, dass dies gehäuft geschieht. Das musste ich durch meine in die Vergangenheit schweifenden Gedanken überprüfen. Herausgekommen sind dabei Gefühle, keine Erkenntnisse. Die Art der Gefühle (Irritation, Unruhe, Perspektivlosigkeit, leichte Verzweiflung) hat aber danach gedrängt sich näher damit zu befassen. Die Gefühle sind die Summe der grob, und in ihrer Bedeutung weitgehend unbewusst gebliebenen, verarbeiteten Eindrücke. Hier darf es allerdings nicht stehen bleiben.

Gefühle sind gute Indikatoren und Helfer. Schaue ich jetzt auf sie, so sagen sie, gut gemacht. Du hast uns weitergeholfen. Du hast uns gezeigt was wir selbst nicht benennen können, weil wir nicht in dieser Form kommunizieren. Sie sagen auch, du darfst uns nicht allein lassen. Du musst uns ganz genau zuhören, damit wir dir helfen können und damit du uns helfen kannst. Du musst verstehen was wir sind und wie wir sprechen. Dann kannst du dein Denken einsetzten, um nachzuvollziehen wie wir uns entwickelt haben und was wir an Informationen für dich zusammentragen konnten. Und mit deinen Schlussfolgerungen kannst du uns eine neue Richtung geben. Wir können uns gegenseitig helfen.

Mein Denken hat jetzt Einfluss auf meine Gefühle genommen. Aus diffusen Ängsten ist Verstehen geworden. Mein Denken kann meinen Gefühlen gezielt andere Bilder zeigen, Alternativen entwerfen. Auf einer kleinteiligen Ebene habe ich meine Handlungskompetenz wiedergewonnen. Zumindest wird das von meinen Gefühlen so bewertet. Und das bildet nun einen Gegenpol zu den aufgetauchten Fragen des nicht zu erfüllenden Aufforderungscharakters zum Handeln, die Informationen an mich herantragen. Und damit habe ich eine bessere Basis zu erkennen, was ich eigentlich wie wahrnehme, was ich für Möglichkeiten habe und welche nicht, und wie ich aus der ganzen Situation das Beste machen kann. Denn meine Gefühle wollen eigentlich, dass es ihnen wohl ergeht. Dazu benötigen sie aber offensichtlich gelegentlich die Unterstützung durch meine Bemühungen um eine bewusste Wahrnehmung, die über Denkprozesse ermöglicht wird.