Bildungsmäuschen

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Emotionen im weiten Land der Bildung

Heute morgen habe ich vor Freude innerlich und äußerlich gezappelt. Ich konnte im weiten Land der Bildung überall die Emotionen winken sehen. Ich habe dabei das Land als tatsächliche Landschaft visualisiert, in der die Emotionen in bunten Farben an unterschiedlichsten Positionen, in unterschiedlichsten Feldern und auf unterschiedlichen Hierarchiestufen vorhanden sind. Dieses Bild ist die Repräsentation meiner momentanen Wahrnehmung. Es ist eine Frage der Perspektive, der Blickrichtung, der Betonung. Konzentriere ich mich auf Kognition, sehe ich überall die Kognition, konzentriere ich mich auf Rassismus, sehe ich überall den Rassismus, konzentriere ich mich auf Frauen, sehe ich überall die Position der Frauen. Kombinationen sind möglich.

Es ist ein altbekanntes Prinzip und es ist legitim. Erst so fallen Feinheiten auf und Wirkungszusammenhänge. Eine Kommilitonin möchte ein Konzept zur interkulturellen Kompetenz für ehrenamtliche bzw. professionelle Flüchtlingshelfer in Erstaufnahmeeinrichtungen für Flüchtlinge entwickeln und ich denke sofort, dazu gehört doch auch die Achtsamkeit den Emotionen gegenüber und ihre Reflexion, Achtsamkeit für die Art wie man mit den eigenen Emotionen und denen anderer umgeht, wie man sich und andere nicht überlastet, sondern entlastet, aber auch die Beobachtung von vorhandenen Bewertungen, die in Form von Emotionen sichtbar werden. Dazu gehören auch rassistische und deterministische Vorstellungen, die oft nicht bewusst sind. Ich habe keine Ahnung wie man das sinnvoll in einem Konzept unterbringt, es gehört aber dazu. Sich dessen bewusst zu sein, öffnet den Weg dafür Emotionen in Bildungskontexten gezielter berücksichtigen zu können. Man muss allerdings auch einen Wert darin sehen.

Ich überlege wie ich das in Unterrichts-, Betreuungs- und Angebotsgestaltung handhabe. In der Vorbereitung beziehe ich die möglichen Emotionen der Kinder, meine eigenen und die anderer Beteiligter mit ein. Ich mache das durch Visualisierung der erwarteten Situation. Während der Durchführung beobachte ich Emotionen, als Ausdruck am Körper, als Empfindung im Körper, reagiere auf sie, wirke auf sie ein, versuche ungünstige spontane Reaktionen zu dämpfen, Emotionen zu lenken. Sowohl bei den Kindern als auch bei mir selbst als auch bei anwesenden Erwachsenen. Ich verbringe anschließend Zeit mit Reflexion, erinnere mich, versuche Zusammenhänge zu erkennen, Abläufe, wo es anfing und warum es sich in einer bestimmten Weise entwickelt hat. Entwickele bei Bedarf alternative Vorstellungen für das nächste Mal. Was muss ich vermeiden damit bestimmte Emotionen auftreten, was muss ich tun um andere zu fördern. Bei mir selbst und bei den anderen.

Als selbst Lernende kann ich ebenfalls meine Emotionen beobachten. Welche Emotionen bewegen mich wann zum Lernen, welche sind hinderlich? Die Freiheit der selbstbestimmten Lernerin wird von Emotionen getragen. Die Auswahl dessen was ich lerne, der Menschen, deren Äußerungen ich auch im Netz bevorzuge. Die Inhalte, die sich stärker und schwächer einprägen. Ich stelle Beziehungen zu Menschen her, die ich niemals unmittelbar sehen werde, die durchaus emotionale Komponenten haben. Was der will, will ich auch. Was die schreibt, stößt mich ab. Wenn ich das tue, werde ich nicht mehr gemocht. Ich kann versuchen solche Einflüsse vorüberziehen zu lassen. Kann sie beobachten, kann im ersten Fall versuchen meine eigentlichen Interessen herauszufinden, die Emotionen zu identifizieren und mich daran zu orientieren, die mir einen geeigneten Weg durch die Fülle der Möglichkeiten weisen. Kann im zweiten Fall abwarten, genauer hinsehen, anderes entdecken, offen bleiben, mich nicht schnell festlegen. Ich kann aber auch mein eigenes Scheitern beobachten, meine Ängste und Unsicherheiten, meine Verstimmtheit, mein unnötiges Zögern, Neid und Gier. Kann beobachten, dass meine Wut nicht destruktiv ist, nur heftig und ein starker Motivator.

Ich bin ausgesprochen zufrieden mit meinen Überlegungen und Recherchen. Ein weites Land, das ich schon lange kenne und trotzdem ganz neu erlebe, weil ich mich auf diesen speziellen Aspekt konzentriere. Es wuselt nicht mehr irgendwo herum, wirkt und arbeitet ohne dass ich damit arbeiten kann. Wenn ich beobachten, verstehen und einordnen kann was geschieht, kann ich darüber sprechen, kann dazu denken, kann dazu planen, kann dazu Ideen sammeln. Wenn ich Emotionen als Beobachtungsgegenstand ernst nehmen kann, kann ich ihre Auswirkungen anderen gegenüber besser zum Thema machen. Nicht emotional verstrickt, sondern sachlich, bewusst, greifbar, mit einer Distanz zum unmittelbaren Erleben, ohne dadurch aber die Emotionen unterdrücken oder auch vor mir selbst verbergen zu müssen.

Von Gabriele Zienterra (2015, S.190), Expertin für Rhetorik und Kommunikation, habe ich den Begriff Dissonanz gelernt. Nicht in den eigenen Emotionen aufgehen, sondern sie aus der Distanz betrachten. Für sie besteht die Kunst im Wechsel zwischen der erlebten und der beobachteten Gefühlswelt. Das Erleben mit dem Verstehen über die bewusste Achtsamkeit verbinden, dabei einen authentischen und spontanen Ausdruck von Emotionen ermöglichen, die Artikulationsfähigkeit erhöhen, Emotionen aber keinesfalls an anderen auslassen, sondern auf deren Emotionen achten.

Emotionen dürfen sichtbar gemacht werden, denn sie sind sowieso da und werden durch verschiedene Zeichen wahrgenommen, wie im EASI-Modell von Van Kleef beschrieben. Gestik, Mimik, Körperhaltung, Tonfall, Wortwahl geben Hinweise, die unter Einfluss der Art der Informationsverarbeitung und Faktoren der sozialen Beziehung auf die parallel zueinander auftretenden Affekten des Beobachters und seine Schlussfolgerungen das darauf folgende Verhalten bestimmen. Watzlawick formuliert: „Man kann nicht nicht kommunizieren, denn jede Kommunikation (nicht nur mit Worten) ist Verhalten und genauso wie man sich nicht nicht verhalten kann, kann man nicht nicht kommunizieren.“ [1] Watzlawick redet nicht von Emotionen, doch im Sinne des EASI-Modells umfasst seine Beschreibung auch den Ausdruck von Emotionen. Gabriele Zinterra empfiehlt in diesem Zusammenhang allerdings, nicht der eigenen Interpretation vertrauen, sondern beim Gegenüber nachhaken.

Das ganze Verstecken und Unterdrücken könnten wir uns vielleicht schenken. Wären da nicht Machtverhältnisse und Abhängigkeiten, Gepflogenheiten und Ideale, eine Vergangenheit (und Gegenwart) christlicher Moralvorstellung nach der bestimmte Emotionen, da sündhaft, gar nicht auftreten dürfen, Intrigen zur Durchsetzung von Interessen, eine Vergangenheit der Abwertung der Sichtbarkeit von Emotionen, Ängste vor und Abwehr von ganzen Kategorien von Emotionen (die negativen 😉 )…

Nun gut, wir können es uns nicht schenken, aber ausprobieren wo wir es reduzieren können. In Therapien werden Erkenntnisse durch die Aufdeckung und Bewusstwerdung von Emotionen gewonnen. Das sind wirkungsvolle Methoden, die zu Heilungsprozessen führen können. Bildung ist nun keine Therapie, aber wahrscheinlich hat die gelernte Art des Umgangs mit Emotionen beträchtliche Auswirkungen auf das Wohlergehen von Menschen, von Institutionen und von Gesellschaften an sich.

Umlernen ist ein Bestandteil der Bildung Erwachsener…

Referenz:

Zienterra, G. (2015). Stop Cheap Speak. Wie wir wertvoller kommunizieren. München: Knaur.

[1] Zitat abgerufen unter: http://www.paulwatzlawick.de/axiome.html

Ausbildung, Bildung, Lernen

Einem Bekannten gegenüber habe ich kürzlich geäußert, dass ich jetzt bei meinen Untersuchungen auf der untersten Ebene, der Anwendungsebene, angekommen bin. Wie soll man in Bildungskontexten mit Emotionen umgehen, was soll man über sie wissen, was soll man über sie lehren?

In Konfrontation mit einer Reportage über China, die auch Einblicke in Schul- und Arbeitssystem lieferte, wurde für mich die Frage bedeutsam wie weit man Menschen in Bildungskontexten an ihre tatsächlichen Emotionen heranführen kann. Kinder und Jugendliche, die über viele Jahre 13 Stunden am Tag mit geplantem Lernen beschäftigt sind, dabei Erwartungen von Eltern und Gesellschaft zu erfüllen haben und deren Lebensperspektive maßgeblich von einer einzigen abschließenden Prüfungszeit abhängt, sind sehr stark auf ein gutes Management ihrer Emotionen in Hinblick auf erfolgreiche Leistung angewiesen. In einem solchen System anderes zu fördern kann schädliche Konsequenzen für das Individuum haben.

Interessanterweise wurde in der Reportage von einem Vater geäußert, dass sein Sohn nach bestandenem Abitur im westlichen Bildungssystem studieren soll, da nur dieses in der Lage ist Individualität und Kreativität zu fördern, und sich durch den Erwerb dieser Fähigkeiten für seinen Sohn Wettbewerbsvorteile gegenüber anderen ergeben. Ein sehr interessantes strategisches Vorgehen! Wie der Sohn wohl auf den Wechsel reagiert?

Inzwischen bin ich dazu gekommen erst einmal drei Hauptkategorien für die Betrachtung von Emotionen in Bildungskontexten zu verwenden. Ausbildung, Lernen und Bildung. Von besonderer Bedeutung ist für mich außerdem der Faktor Ungleichheit, der in allen drei Kategorien Auswirkungen hat.

Diese Unterscheidung zu treffen hilft mir momentan beträchtlich Widersprüche in Bezug auf die Einschätzung und den Umgang mit Emotionen zu verstehen und zu ordnen. Der Auftrag von Bildung bedeutet das Individuum zu Erkenntnisfähigkeit seiner selbst, anderer Individuen sowie seiner sozialen und natürlichen Umwelt zu führen. Dafür ist es notwendig auch die Informationen zu verstehen, die aus den eigenen Emotionen und der Art des Umgangs mit ihnen gewonnen werden können. Schwierig ist das dann, wenn das Individuum Emotionen vor sich verbirgt, bestimmte Emotionen verdrängt oder betäubt, gelernt hat bestimmte Emotionen beim Auftreten sofort abzuwandeln oder aber auch, beispielsweise durch ständigen Zeitdruck, Emotionen nicht beobachten und reflektieren kann. Um aus Emotionen Informationen für Erkenntnisprozesse bewusst gewinnen zu können, ist ein gewisser Zugang zu ihrer tatsächlichen Form und Bedeutung notwendig. Neben anderem können geeignete Meditations- und Achtsamkeitstechniken dabei hilfreich sein.

Für gezieltes Lernen gelten dagegen andere Anforderungen. Es existieren ein Rahmen und ein Ziel und der emotionale Zustand des Lernenden kann dafür von ihm selbst oder von den anleitenden Personen in einer förderlichen Weise gestaltet werden. Es können emotionale Faktoren identifiziert werden, die blockierend oder fördernd wirken und die Gestaltung von Lernumgebung, Lerninhalt oder Lernmaterial können diese geplant und spontan berücksichtigen.

Für Ausbildung können wiederum andere Regeln angewendet werden, müssen es aber nicht. Ausbildung kann vom Auszubildenden erwarten, dass er Vorgaben erfüllt. Das bezieht sich auch auf die Art wie er mit Emotionen umgeht und sie präsentiert. Ausbildung muss das Individuum nicht zu Erkenntnis führen und kann von ihm erwarten, dass es von außen kommende Anforderungen erfüllt, seine eigentlichen Emotionen unterdrückt, verbirgt oder abändert, sowohl in einem deep als auch einem surface acting. Ausbildung darf das Individuum von sich selbst entfremden und zur reinen Erfüllung von Rollenverhalten und gesellschaftlicher Vorgaben hinführen. In diesem Kontext kann es von großer Bedeutung werden dem Individuum Raum für Unterbrechung und Entspannung zur Erhaltung seiner Gesundheit zu gewährleisten. Ob ein solches Vorgehen für das Gesamtwohlergehen des Individuums, die Entwicklung von Gesellschaften oder die Qualität von Arbeit tatsächlich sinnvoll und förderlich ist, stellt dabei erst einmal ein untergeordnetes Untersuchungskriterium dar.

Ungeplantes und nicht zielgerichtetes Lernen lässt sich in diesem Kontext mit Sozialisation zusammenfassen. Diese Bereiche fallen für mich nicht unter die Fragestellung wie in Bildungskontexten mit Emotionen umgegangen werden soll. Erziehung kann in diesem Zusammenhang je nach Intention Bildung oder Ausbildung zugeordnet werden, auch wenn das zuerst etwas eigenartig erscheinen mag. Einübung hat dabei grundsätzlich genauso eine Berechtigung wie die Förderung von Erkenntnisbefähigung.

Bedeutsam ist in diesem Zusammenhang Bewertungen danach was gut oder schlecht, richtig oder falsch sei erst einmal beiseite zu lassen. Ich bin vor allem mit Bewertungen konfrontiert, die darauf hinauslaufen, Bildung im beschriebenen Sinn als gut, Ausbildung als schlecht einzustufen und in denen außerdem eine emotional positive Lerngestaltung gleichgesetzt wird mit der Gesamtgestaltung von Bildung und Ausbildung. Bei der Beobachtung der Bedeutung von Emotionen in Bildungskontexten führt das bei mir aber regelmäßig zu Verwirrung, weil sich dadurch viele Erscheinungen und Praktiken in Bezug auf Emotionen nicht stimmig ordnen lassen.

Auf der Ebene der direkten Beobachtung wie Emotionen im sozialen Bereich entstehen und wirken, bleibt das EASI-Modell von Van Kleef für mich allerdings weiterhin gut anwendbar. Die Unterteilung in die Kategorien Lernen, Bildung und Ausbildung hilft dabei zuerst einmal scheinbar widersprüchliche Erscheinungen und Ansprüche zu ordnen. Probleme bereitet es mir momentan in die Kombination aus beidem Differenzerfahrungen einzubauen.

Das EASI-Modell erfasst grundsätzlich sowohl den Einfluss von Normalitätsvorstellungen des Wahrnehmenden als auch den Einfluss gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Ausbildung geschieht innerhalb gesellschaftlicher Machtverhältnisse und dominierender Vorstellungen, muss sie aber nicht hinterfragen und kann sich daran anpassen, Bildung erfordert ihre Berücksichtigung und die Untersuchung ihres Einflusses. Gezielte Lernarrangements an sich haben Wahlfreiheit. Sie können ausbilden, bilden und beides mischen. Ich denke unser momentanes Ideal umfasst durchaus eine Mischung. Wir wünschen uns sowohl gut ausgebildete als auch gebildete Menschen. In Bezug auf Emotionen bedeutet das

  • Erkenntnisbefähigung und Verstehen in Bezug auf die eigenen Emotionen und die anderer Personen (Bildungsauftrag: Achtsamkeit, Wahrnehmungslenkung, Bewusstheit, Verbindung mit Beispielen),
  • bei gleichzeitigem Wissen über Emotionsregulierung und Emotionsausdruck, die sinnvoll und zielführend sind, aber auch was ungeeignet und zu vermeiden ist (Bildungsauftrag: Methoden, Techniken, kulturelle Praktiken, Wissen über gesellschaftliche Bedingungen, Verwendung von Beispielen, kritisches Denken)
  • bei gleichzeitigem Wissen über die Einbettung von Emotionen in Kontextbedingungen (Bildungsauftrag: gesellschaftliche Bedingungen, Konstruktion von Wirklichkeit, Kommunikationsstrukturen, Befähigung zur Einnahme unterschiedlicher Perspektiven, Denken in Komplexität).

Als Kompetenzbegriffe können in diesem Zusammenhang emotionale und soziale Kompetenz benannt werden.

Die Zeiten, in denen Emotionen eine untergeordnete Rolle zugewiesen werden und in denen sie in den privaten Bereich verwiesen werden konnten, in dem sie dann in eine gesellschaftlich verträgliche, Abläufe möglichst nicht störende Form gebracht werden, sind vorbei. Es erweist sich als notwendig die permanente Anwesenheit von Emotionen in Menschen und ihren stetigen Anteil an mentalen Verarbeitungsprozessen zu berücksichtigen, um Vorgänge und Abläufe zu verstehen. Emotionen, im besonderen soziale Emotionen sind für das menschliche Individuum als sozialem Wesen von gravierender Bedeutung. Bildung geht nicht ohne Emotionen. Daher sollte ihr Mitwirken in Bildungskontexten auch jeweils genauer betrachtet und einbezogen werden.

Überlegungen zum EASI-Modell

Das EASI-Modell (Emotion As Social Information) für soziale Aspekte von Emotionen von Van Kleef ist als sozialpsychologisches Modell im Gegensatz zu einer Reihe von Theorien aus unterschiedlichen Wissenschaften, deren Texte zu Emotionen ich gelesen habe, sehr gut anschlussfähig an mein BiWi-Studium. Es ist außerdem ein sehr einfaches, gleichzeitig auf grundlegende Strukturen bezogenes Modell, das als Basis für vielfältige Beobachtungen in Bezug auf das Auftreten und die Bedeutung von Emotionen in Bildungs- und anderen sozialen Kontexten genutzt werden kann. Je nach untersuchtem Fall können andere Theorien angehängt oder bestimmte Aspekte betont werden.

Es hat außerdem den großen Vorteil, dass es Ungewissheit und Konstruktion einbezieht. Eine wesentliche Problematik bei der Beschäftigung mit Emotionen ist die grundlegende Schwierigkeit intrapersonelle Vorgänge zu erfassen. Stichworte sind in diesem Zusammenhang für mich Black Box und Konstruktivismus. Mit dem EASI-Modell lassen sich daraus entstehende Probleme umgehen, ohne sie vernachlässigen zu müssen, da es sich auf die Beobachtung des emotionalen Ausdrucks und auftretende diskrete Emotionen bezieht. Wie diese Wahrnehmungen verstanden und interpretiert werden, ist für das Prozessverständnis selbst nicht entscheidend. Um den Ablauf nachvollziehbar zu machen, ist es nicht von Bedeutung ob das was wahrgenommen und interpretiert wird zutreffend, verzerrt oder möglicherweise sogar falsch ist. Solche Faktoren lassen sich getrennt davon untersuchen.

Das Modell erfasst, dass zwischen beobachtetem Emotionsausdruck und Verhalten des Beobachters zwei Prozesse parallel ablaufen. Einerseits affektive Reaktionen des Beobachters, andererseits die Schlussfolgerungen des Beobachters. Emotions- und Denkprozesse können dadurch als nicht trennbare, zusammenwirkende Komponenten erfasst werden. Das Modell beinhaltet weiterhin den Einfluss der Art der Informationsverarbeitung des Beobachters und Faktoren der sozialen Beziehung, die beide zwischen Wahrnehmung des Emotionsausdrucks und Verhalten des Beobachters sowohl auf affektive Reaktionen als auch Schlussfolgerungen einwirken. Emotionen werden in dem Modell als bedeutsame soziale Informationen verstanden. Das Modell ist als Strukturmodell nach meinem Verständnis sowohl auf die Wahrnehmung anderer als auch auf die Eigenwahrnehmung anwendbar.

Für mich ist es außerdem bedeutsam, weil es den informellen Wert von Emotionen in sozialen Kontexten anerkennt. Seine Wurzeln liegen in einem sozialfunktionalen Ansatz von Emotionen. Genau in diesem Bereich liegt für mich ein hoher Wert von Emotionen und der Grund dafür, dass eine Missachtung oder Geringschätzung von Emotionen oder die Forderung nach ihrer Manipulation innerhalb von Machtbeziehungen zugunsten der dominierenden Partei bei mir zu Widerspenstigkeit führen können.

Zuerst war es für mich frustrierend nach so langer Zeit der Suche, des Lesens, der Reflexion und Beobachtung in einem so kleinen Modell ein geeignetes Werkzeug für die Anwendung im Alltag zu finden, bis mir dämmerte, dass ich ohne diese ganze Suche die Bedeutung des Modell nicht hätte erfassen können. Ebenfalls kann ich dadurch abschätzen, dass Van Kleef ausreichend recherchiert hat und sich mit grundlegenden Emotionstheorien auskennt.

Ein Problem habe ich momentan damit zu bestimmen wie ich meine ganzen Recherchen zu einer wissenschaftlichen Arbeit zusammengefügt bekomme. Wie vermittele ich, dass und wie ich die Berücksichtigung von Emotionen in Bildungskontexten als wichtig ansehe. Für mich persönlich macht das EASI-Modell zwischenmenschliche Vorgänge in Bildungskontexten wesentlich verständlicher und legt nahe Emotionen, ihr Auftreten und den Umgang mit ihnen als bedeutsam einzustufen. Dieser Ansatz ist dabei aber spezifisch und unterscheidet sich grundlegend von anderen Ansätzen in Bezug auf Emotionen. Im Besonderen von denjenigen, die vor allem auf die Förderung positiver Emotionen ausgerichtet sind oder Emotionsregulierung betonen.

Kurz zusammengefasst interessiert mich vor allem, wie das mit den Emotionen im alltäglichen Miteinander eigentlich funktioniert. Ich bin dabei an einer unmittelbaren Bewusstheit und einem Verstehen interessiert und der dafür notwendigen Methoden zur Wahrnehmung von Abläufen. Auf Bildungskontexte bezogen bedeutet es zuerst einmal die Förderung der Wahrnehmung des im EASI-Modell beschriebenen Prozesses in der eigenen Person als auch in anderen Personen.

Neben Vorkommnissen in Bildungskontexten, die für mich schlecht ausgegangen sind, zu sehr unangenehmen Emotionen führten und bis heute Fragen nach der Möglichkeit alternativer Verhaltensentscheidungen aufwerfen, erinnere ich mich inzwischen zunehmend an Bildungskontexte, die anderen emotionale Probleme bereitet haben, während ich mit den Situationen gut zurecht gekommen bin. Im Besonderen erinnere ich mich an einen VHS-Kurs, in dem der Durchführende einen derart beleidigenden Umgang mit den Teilnehmern benutzte, wenn ihm Produkte des Kurses nicht gefielen, dass die Anzahl der Teilnehmer stetig abnahm, bis ich beim letzten Termin allein übrig geblieben war.

Was ich bis heute als interessant und sogar lustig eingestuft habe, da ich die Situation bewältigen konnte ohne aufzugeben, erscheint jetzt in einem anderen Licht. Der pädagogische Mangel des Durchführenden ist für mich stärker sichtbar, ebenso dass die Hinnahme eines stillschweigenden Rückzugs anderer eine problematische Lösung darstellt, auch wenn keine eigene unmittelbare Betroffenheit besteht. Ich wünsche mir Werkzeuge, die dabei helfen können zu erkennen was auf der Ebene der Emotionen genau vor sich geht, was das beispielsweise in Bezug auf Konflikte, Verletzungen der Würde des Menschen, Diskriminierung oder Ausschluss bedeutet, und die es grundsätzlich ermöglichen Problematiken in einer sachlichen, kooperativen Form zu thematisieren.

Auf der Seite der EASI Labgroup ist für dieses Jahr eine Publikation angekündigt mit dem Titel: „Are the powerful really blind to the feelings of others? How concern over one’s power shapes attention to emotions.“ Der Titel macht mich neugierig. Von großem Interesse ist für mich der Umgang mit Emotionen im Kontext von Machtverhältnissen und Machtinteressen einschließlich dessen, wie weit eine Nichtberücksichtigung oder Geringschätzung von Emotionen, die Aufforderung zum Verbergen oder zum Manipulieren oder die Aufforderung zur Umgestaltung des Emotionsausdrucks in diesem Kontext von Bedeutung ist.

Ergänzung:

Seitdem ich diesen Beitrag verfasst habe, sind zwei Tage vergangen. In der Zwischenzeit habe ich meinen Alltag unter Verwendung des Modells beobachtet. Dabei tauchte für mich die Frage danach auf, ob Van Kleef in den Emotionsausdruck auch verbale Äußerungen einbezieht aus denen Emotionen ablesbar werden. Tut er. „People may be unaware that their inner feelings are reflected on their faces, in their voices, in their bodily postures, or in their choice of words.“ (Van Kleef, 2010, S.3). Genau das konnte ich in der Zwischenzeit beobachten. Ohne dass Personen direkt angegeben haben welche Emotionen für sie in welchen Beziehungen oder in Bezug auf welche sozialen Situationen aufgetreten sind, haben sie durch scheinbar belanglose Äußerungen nebenher dazu bedeutende Informationen geliefert. Wahrscheinlich noch nicht einmal mit einem Bewusstsein dafür.

In diesen Äußerungen sind Emotionen enthalten, die im Sinne der Appraisal Theorien Bewertungen darstellen. Im sozialen Miteinander stellen sie soziale Bewertungen dar. In nebenher erfolgenden Äußerungen werden im sozialen Miteinander Wertesysteme transportiert, deren Bedeutsamkeit mit der Machtposition derjenigen verknüpft sind, die sie vertreten. Personen können sich auf diese Weise mit sozialen Machtpositionen verbinden, indem sie diese reproduzieren. Die Verbindung mit einer Machtposition kann dabei das eigene Wohlbefinden erhöhen, so wie die Verbindung mit einer Ohnmachtsposition oder Zuweisung zu einer Ohnmachtsposition das Wohlbefinden reduzieren kann.

Referenz:

Van Kleef, G. (2010). The emerging view of emotion as social information. Verfügbar unter http://dare.uva.nl/document/2/90694

Erneute Positionsbestimmung

Meine letzten beiden Blogeinträge haben bei mir viel in Bewegung gebracht. Ich habe sie allerdings nicht öffentlich machen können, da sie während des Schreibens selbst zu einem sehr persönlichen Erkundungsmittel wurden, das für Fremde leicht misszuverstehen ist.

Sich auf den Schwerpunkt Emotionen einzulassen eröffnet ein sehr weites Feld. Nicht nur an Literatur aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen und einer Vielfalt von Ansätzen und Problematiken, sondern ebenso an alltäglichen Beobachtungsmöglichkeiten mit und ohne Bildungsbezug. Nachdem ich zuerst monatelang gelesen hatte und zwischendurch von der Komplexität der Thematik überfordert war, konzentriere ich mich seit einer Weile auf zufällige Beobachtungen in meinem Alltag und Reflexionen darüber auf der Basis meines bisherigen Wissensstandes. Auf diesem Weg suche ich auch nach der Bedeutung von Emotionen für die Bildungspraxis. Gelesen habe ich in der letzten Zeit sehr wenig zum Thema Emotionen und fühle mich noch immer sehr von Theorien überfüllt und habe eine gewisse Abneigung gegen Texte, die schwer nachvollziehbar sind.

Die letzten Tage war ich mit dem Aspekt der Entfremdung von den eigenen Emotionen beschäftigt, dem Vor-sich-selbst-verbergen, der Verheimlichung von Emotionen und der sofortigen Manipulation von Emotionen bei ihrem Auftreten. Gefunden durch Selbstbeobachtung, die durch das Schreiben über ein Thema ausgelöst wurde. Die Identifizierung, worum es sich genau handelt, erfolgte durch Erinnerung an Gelesenes.

Der Effekt auf der persönlichen Ebene war dabei erstaunlich. Ich wusste nicht wie viel ich vor mir verberge, um mit meinem Leben besser zurecht zu kommen. Teile davon zuzulassen hatte zur Folge, dass ich meine Umwelt vorübergehend wesentlich anders wahrgenommen habe als sonst, einschließlich des Körpergefühls in dem ich mich bewegt habe. Es war ein Zustand größerer Klarheit durchzogen von gefasster Trauer aber auch Würde. Etwas vor sich selbst zu verbergen ist legitim, wenn es dazu dient unveränderliche Zustände besser ertragen zu können. Es aufzudecken kann wiederum hilfreich sein, um nicht zu ignorieren dass es existiert. Ich tue es auch!

Der Auslöser waren Überlegungen dazu wie weit Emotionen einem Menschen Informationen zu seinen Vorstellungen und Einstellungen liefern können. Nachdem ich zuerst davon überzeugt war, dass das möglich ist, hat mich meine Erfahrung mit dem Verheimlichen, Verbergen und sofortigen Manipulieren bei mir selbst eines besseren belehrt. Deutlich zutage getreten ist für mich dabei die untrennbare Verbindung von Denken und Emotionen. Denken und Emotionen stellen eine Einheit dar, in der beide Bereiche unmittelbar aufeinander einwirkt. Die Geschwindigkeit, in der das geschehen kann, kann dabei allerdings den Eindruck einer Nichtverbundenheit erzeugen.

Inzwischen ist die mögliche Verlängerungsdauer der zum Thema Emotionen in der UniBib ausgeliehenen Bücher bei den ersten überschritten. Das bedeutet, ich habe sie seit fast einem Jahr. Bei dem ersten Buch traten noch Verlustängste auf, jetzt gehen ich entspannter damit um. Die großen Zusammenhänge sind für mich aus dem Mittelpunkt des Interesses gerückt, da ich mich meistens nicht mehr von der generellen Bedeutung von Emotionen überzeugen muss. Um überhaupt etwas sinnvolles im Rahmen einer Bachelorarbeit schreiben zu können, scheint es mir inzwischen immer erfolgsversprechender mich auf einen kleinen, gut einzugrenzenden Bereich zu beschränken. Das Hauptproblem sehe ich momentan darin einen Bereich auszuwählen, der meine Art des Interesses an Emotionen gut widerspiegelt. Ich wünsche mir bei der Arbeit durchaus einen für meinen Alltag verwertbaren Gewinn.

Beim Herumspielen bin ich gestern auf eine Theorie gestoßen, die noch recht neu ist und sich zuerst einmal interessant anhört, das Emotions as Social Information (EASI) Modell von Van Kleef. Ein erster Blick darauf vermittelt den Eindruck, dass es für die Art meines Interesses an Emotionen in Bildungskontexten von Interesse sein könnte. Die letzte Zeit habe ich mich stark mit der Beobachtung der Emotionen beschäftigt, die in Gruppen innerhalb von Bildungsinstitutionen auftreten, der Informationen, die sie dabei liefern, der Handlungskonsequenzen, die sie haben, der Geschichten, die sie dabei erzählen. Verbergen, verheimlichen und manipulieren sind hier eingeschlossen. Interessant ist in diesem Kontext auch ein Blogbeitrag von Richard Gutjahr zu Entwicklungen im digitalen Bereich.

„Die wohl erstaunlichste Entwicklung dürfte aber sein, dass die Maschinen Empathie entwickeln. Mit jeder neuen Interaktion lernen sie, sich besser auf die Persönlichkeit ihrer Nutzer einzustellen. So erscheinen uns die Maschinen immer nahbarer, menschlicher. Es werden Studien zitiert, wonach Probanden sogar dazu übergingen, sich lieber mit einem Roboter zu unterhalten, als mit Gesprächspartnern aus Fleisch und Blut. Erklärung der Experten: Die Maschine sei unvoreingenommen, sie wertet nicht.“

(Richard Gutjahr, 18.3.2016, verfügbar unter http://meedia.de/2016/03/18/richard-gutjahrs-sxsw-bilanz-mobile-video-und-datamining-der-neue-wilde-westen-der-digitalen/)

Das stößt bei mir durchaus auch sehr viele Fragen zur Zukunft des Lernens an und wie weit digitale Möglichkeiten genutzt werden, um beispielsweise emotional belastenden sozialen Konflikten in Bildungskontexten zu entgehen und wie weit das dann generell Auswirkung auf Konflikt- und Konsensfähigkeit, aber auch Empathie hat.

Zuerst einmal werde ich mich jetzt aber mit den EASI-Modell beschäftigen.