Bildungsmäuschen

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Neustart?

Es gibt Blogschreibende, die kündigen zuvor an, dass sie eine Pause machen. Bei mir hat sich die Pause aus der Situation heraus ergeben. Zwei Monate, die mir wesentlich länger erscheinen.

Ich war völlig erschöpft. Jahrelang kein wirklicher Urlaub. Arbeiten in einer problematischen, belastenden Situation, Studium, Moocs, aufgeschobene Arbeiten zuhause, zu wenig körperliche Bewegung, zu viel Berührung mit gesellschaftlichen Problematiken. Es kommt schleichend. Zu Beginn der Ferien hatte ich mich ins Bett gelegt  und erst einmal geschlafen.

Danach habe ich begonnen Pokémon Go zu spielen. Die deutsche Version war kurz zuvor erschienen, es war die Zeit des Hypes und für mich wurde es ein wunderbarer Pokémon-Sommer. Der Rechner blieb aus, das Smartphone wurde endlich einmal mobil ausgereizt. Weite, tägliche Spaziergänge, Orte, die ich lange nicht besucht hatte, wunderschöne Landschaften, Pflanzen, Tiere, viele Eindrücke von Menschen, zufällige Treffen mit Bekannten, die ich lange nicht gesehen hatte, Architektur, materialisierte Sozialstruktur, und dabei die simplen, überschaubaren Anforderungen des Spiels als Zielsetzung und Rahmen.

Pokémon Go, um aus etwas heraus zu kommen und Abstand zu gewinnen. Dazu Herumhängen, Reduzierung von Verpflichtungen auf das Notwendigste, Kochen leckerer Gerichte und eine tägliche Dosis Star Trek als Eintauchen in eine spannende, aber unproblematische Welt der Fantasie.

Es ist vorbei. Drei Wochen Schule, beginnender Herbst und graues Wetter und es ist vorbei. Drei Wochen konnte ich mich noch daran klammern, wollte das Sommergefühl, die tiefe Entspannung nicht loslassen, doch ein Alltag voller Problematiken schleicht sich an allen Ecken und Enden wieder ein. Ich kann das was war nicht bewahren. Der Traum einer besseren Welt voller Glück beginnt zu verblassen.

Bei der Rückkehr von der morgendlichen Pokémonjagd begegnen mir Schülerzombies. Schüler auf dem Weg zur Schule, viel zu früh auf die Straße gerissen, in ihre Jacken versunken, noch nicht ansprechbar. Schritt vor Schritt setzend, um voran zu kommen, mit Gesichtern voller Unglück. Auf dem Schulhof erklärt mir eine Erstklässlerin (!) stolz, dass sie ihre Hausaufgaben gut macht und daher nicht auf die X-Schule (Förderstufe, Hauptschule, Realschlule) gehen muss, sondern gleich aufs Gymnasium gehen kann. Vor Ort gibt es neben einer reinen Förderschule nur diese Alternativen.

In Zeitlupe zersplittert die Illusion wie das Glas eines Spiegels und dahinter tritt eine Realität wieder klar hervor, vor deren Anforderungen ich Ruhe brauchte. Vor Tagen schon ging mir Adornos Satz durch den Kopf, dass es kein richtiges Leben im falschen gibt. Aber so richtig trifft dies das Problem nicht. Es geht nicht um das richtige Leben, sondern um das Verstehen, die Aufdeckung, die Erkenntnis, dass alles ganz anders ist als die Interpretationen oder in anderen Worten, gängigen Konstruktionen von Wirklichkeit, die allerdings zu Manifestationen führen, die diese konstruierte Wirklichkeit zu bestätigen scheinen. So wie sich selbst erfüllende Prophezeiungen bzw. der Pygmalioneffekt.

Mit einem Sprung, allerdings deutlichen Spuren von Erholung, bin ich damit auch wieder bei meinem Thema, wie das Ganze, die Vorstellungen davon wie die Wirklichkeit aussieht, auch durch Emotionen untermauert wird und wie wichtig es daher ist die Ebene der Emotionen im Augen zu behalten. Denn wenn man nicht bedenkt, dass die Emotionen, die mit etwas verbunden sind, durchaus erlernt werden, wenn man die Informationen aus Emotionen so nimmt wie sie auf den ersten Blick erscheinen, wenn man daran glaubt, dass das was sich richtig anfühlt zwangsläufig auch richtig sein muss und wenn man solches Wissen in Situationen noch nicht unmittelbar anwenden kann, dann ist noch viel Raum für eine auf Emotionen bezogene Bildung.

Es ist nicht einfach sich mit Emotionen zu beschäftigen, vor allem dann nicht, wenn es sich um unangenehme handelt. Es ist anstrengend. Es hat etwas von Ungreifbarkeit. Es birgt viele Gefahren. Es kann einfacher erscheinen Emotionen zu vermeiden.

Eine Auseinandersetzung mit Bildung sollte eine bewusste Auseinandersetzung mit Emotionen jedoch nicht vermeiden. Emotionen sind ein untrennbarer Teil des menschlichen Erlebens. Bildung bezieht sich auf Menschen. Menschen bilden sich und werden gebildet. Ganze, komplette Menschen.

Ich kehre zurück zur Erstklässlerin, die gelernt hat, dass es verschiedene Arten von Schulen gibt. Eine für die guten, eine für die nicht so guten Schüler. Sie hat auch bereits Maßstäbe für gut und schlecht gelernt. Wer seine Hausaufgaben gut macht (wobei sie selbstverständlich auch noch lernt was genau gut in diesem Rahmen eigentlich bedeutet), ist ein guter Schüler.

Interessant ist in dem Zusammenhang auch das, womit ich mich kurz vor meiner Sommerpause beschäftigt habe. Die Zunahme von depressiven Erschöpfungszuständen (Burn-out) bei vor allem weiblichen Kindern und Jugendlichen [1], die alles gut und zur Zufriedenheit der Erwachsenen machen wollen. Nett, geduldig, fügsam – und zu ihrem eigenen Schaden, wenn eine wachstumsorientierte Leistungsgesellschaft ihnen nicht gleichzeitig vermittelt zu erkennen, dass es Grenzen gibt und wo sich ihre eigenen Grenzen befinden. Und diese Befähigung hat viel mit der Fähigkeit zur Eigenwahrnehmung und Eigenverständnis zu tun. Und diese sehr viel mit der Wahrnehmung und dem Verständnis eigener und fremder Emotionen.

Parallel zur Einschätzung von Hausaufgaben und dem Zusammenhang mit eigenen Chancen wurde bereits gelernt ganze Schulformen und deren Schüler abzuwerten. In meinen Augen ist das Diskriminierung. Besonders fatal in Zeiten, in denen von Seiten des Handwerks großflächige, gut gemachte Werbeaktionen gestartet wurden, um mehr Schüler für eine Ausbildung im handwerklichen Bereich zu gewinnen, während die Hochschulen zunehmend voller geworden sind. Diese Lerninhalte werden dabei mit Emotionen verbunden dauerhaft abgespeichert und von den Kindern, wenn sie selbst Eltern sind, erneut reproduziert. So setzt sich eine Kette ohne erkennbares Ende fort. Auf diese Art und Weise reproduzieren sich gesellschaftliche Strukturen. Im Guten wie im Schlechten.

Meine Sommerpause ist offensichtlich zu Ende. Die Probleme, denen ich mich eine Weile in sommerlichen Parks und Kleinstädten entziehen konnte, haben ihre Häupter wieder erhoben. Und mit ihnen die Problematik der emotionalen Absicherung von angenommener Wirklichkeit, die ohne eine bewusste Bearbeitung wirkt und wirkt und wirkt.

Denn das, was sich richtig anfühlt, das muss dann doch auch richtig sein. Oder?

 

Referenz:

[1] Schulte-Markworth, M. (2015). Burnout-Kids. München: Pattloch.

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Zum Umgang mit Emotionen in gesellschaftlichen Teilbereichen

15 Tage sind seit meinem letzten Blogeintrag vergangen, Danke an die Statistik, und es sind fast so viele Tage, dass mein Rechner nicht in Betrieb war. Er startet erst einmal damit jeden Seitenaufruf durch das Herunterladen von Updates zu verlangsamen und die Tastatur klappert ungewohnt. Das Wetter hat sich wieder abgekühlt, über den Brexit wurde inzwischen abgestimmt, ich weiß jetzt mehr über Kapitalismus, Finanzkapital, Neoliberalismus, affektives Kapital und Gefühle im Kapitalismus, habe einen gewissen, dabei entstandenen Horror noch nicht so ganz überwunden, finde mein erstelltes System zu dem was im Bereich Bildung in Bezug auf Emotionen untersucht werden sollte aber weiterhin sinnvoll.

Im Zusammenhang mit dem Brexit wurden Emotionen sehr ausgiebig erwähnt. Ebenso die Verantwortlichkeit von Politikern und Medien für die durch sie erzeugten Emotionen, weiterhin wurde sogar über die mögliche Rationalität von Emotionen der Wähler gesprochen. Dabei durfte mit intensivem Emotionsausdruck und Heftigkeit argumentiert werden, ohne dass die Sachlichkeit auf der Strecke geblieben ist. In Bezug auf die Entwicklung der Beachtung und Einbeziehung von Emotionen bin ich in diesem Bereich hochzufrieden. Auf den Bereich der Bildung bezogen allerdings nicht.

Und da ist sie auch schon wieder, die Motivation durch Unzufriedenheit, durch den Eindruck des Mangels, die Beunruhigung. Der Anlass, der weiter suchen lässt. Es ist immer möglich dass es an der Auswahl an Informationen aus der Fülle des Verfügbaren liegen, dass ich den Eindruck habe, eine implizite Einbeziehung von Emotionen im Bildungsbereich ist Mangelware.

Die letzten Wochen waren von Smartphonenutzung und sozialen Netzwerken bestimmt, in bildungswissenschaftlich ausgerichteten Diskussionssträngen habe ich versucht zu erklären was mich an Emotionen überhaupt interessiert, ich konnte beobachten wie Emotionen als Motivatoren bei Erklärungen zu Noten und Ausbildungswahl in Diskussionen ausgespart wurden und wie Emotionen und Vernunft weiterhin als Gegensatzpaare konstruiert wurden. Die Vernunft hat dabei die Emotionen zu überwinden.

Ich sitze mit den von mir betreuten Kindern und beobachte wie die Emotionen wirken, wie auf sie eingewirkt wird, wie sie lernen Emotionen mit den Wahrnehmungen der Welt zu verbinden, wie sie ihre Enttäuschung ausleben und verringern, wie sie ihre Emotionen ausdrücken und wie ich darauf reagiere. Wie ich nach Emotionen Ausschau halte, um Vorgänge zu steuern und zu lenken, wie ich meine eigenen Emotionen kontrolliere, wie es mir in Stresssituationen nicht mehr gelingt, wie ich aufgestaute Emotionen zu einem späteren Zeitpunkt und womit abbaue. Wie mich angenehme Emotionen motivieren, wie mich unangenehme demotivieren, wie Emotionen Entscheidungen und Handlungen beeinflussen, wie im Privaten Emotionen thematisiert werden und in Konfliktsituationen verborgen werden. Rationale Entscheidungen. Hah!

Es gibt einen Bonbon und plötzlich wird das Aufräumen interessant mit dem Effekt, dass für jedes Entgegenkommen eine Belohnung erwartet wird. Außerdem werden Bonbons emotional positiv getaggt. Noten, Hausaufgaben, Abschlüsse, Positionen, alles emotional getaggt. Emotionen lenken auf dem Weg der Entscheidungen. Emotionsregulierungen sind Alltag, Emotionen werden strategisch gezeigt und verborgen, emotionale Belastungen stellen Hindernisse und Blockaden dar, angenehme und überwundene unangenehme Emotionen indizieren was aufgesucht, unangenehme was vermieden werden sollte.

Alles Alltag, ganz normal, nichts Besonderes, was mich daran irritiert ist die mangelnde Thematisierung. Menschen drücken selbst heftige Emotionen aus, schriftlich, in Foren, das geht, entlasten sich, stabilisieren sich, dann machen sie weiter ohne Emotionen selbst zum Thema zu machen.

Es scheint mir, dass die Trennung öffentlich/privat nach wie vor besteht. Wo und wie redet man über den Anteil, den Emotionen haben? Wo wird analysiert, dass es bei unterschiedlichen Beziehungen und Gruppen fördernden Maßnahme um die Emotionen geht, die in den beteiligten Menschen ausgelöst werden? Weil sie dann beispielsweise besser gemeinsam lernen und sich unterstützen können.

Das was Menschen fühlen, die Emotionen, die in ihnen auftreten, hat einen sehr eigenartigen Wert. Und der Umgang mit ihnen ist ebenfalls sehr eigenartig. Völlig inkonsistent. Zum momentanen Zeitpunkt kann ich mir das nur durch einen Mangel an Reflexion erklären. Oder durch Veränderungsprozesse in der Einbeziehung von Emotionen. So was wie: alles ist im Fluss und ändert sich und dann passt vieles nicht mehr zusammen. Der Bildungsbereich selbst scheint dabei eine sehr spezifische Art der Einschätzung und des Umgangs mit Emotionen zu haben. Lenken, kontrollieren, ausrichten, bestimmte Emotionen fördern, andere vermeiden, Freiräume für einen Ausgleich frei halten. Oder auch mit einer bestimmten Art von Vorbildung arbeiten.

Da das noch neue Überlegungen sind, werde ich an dieser Stelle abbrechen.

Unterschiedlicher Umgang mit Emotionen

Das wohin mich meine Recherchen geführt haben, kann man am ehesten mit dem Erleben der emotionalen Konstruktion von Wirklichkeit beschreiben. Für andere Menschen mag das anders sein, für mich ist es ausgesprochen faszinierend zu beobachten, wie Entscheidungen getroffen werden und Handeln geschieht, weil Personen, Dinge und Situationen eine positive oder negative Bewertung durch Emotionen erhalten oder bedeutungslos sind, während das den involvierten Personen zur gleichen Zeit aber nicht bewusst ist, weil sie nicht darauf achten, sondern in alltäglicher Selbstverständlichkeit handeln. Mich selbst muss ich dabei einschließen, auch wenn es mir öfter als früher gelingt entsprechende Abläufe unmittelbar bei mir zu beobachten.

Ich bewege mich dabei durch sich fortwährend ändernde Räume und hangele mich von Anregung zu Anregung. Was ist eigentlich Kapitalismus und wie beeinflusst er Emotionen? Und wie wirkt sich das auf und im Bildungssystem aus? Was für Menschen entwickeln sich dabei und werden entwickelt? Und wie sehen die emotionalen Wirklichkeiten von Menschen in unterschiedlichen gesellschaftlichen Positionen aus? Wie fühlen sie sich? Welche Emotionen treten verstärkt und als typische auf?

Menschen sind zwangsläufig gesellschaftliche Wesen. Kein Kind wird sich ohne andere Menschen zu einem Menschen entwickeln. Diese anderen Menschen erklären und vermitteln dem Kind die Welt, das sich auf diesem Hintergrund seine eigene Konstruktion bastelt.

Der Prozess hört aber nicht auf und geht im Verlauf des Lebens weiter. In Berlin wird an verschiedenen Orten zu Emotionen geforscht, am Adlershof wurde eine Methode zur Messung von Emotionen entwickelt. Ihre nachprüfbare Messung ist eine der großen Problematiken bei der Untersuchung von Emotionen. Gemessen werden hier anscheinend anhand von Muskelbewegungen positive und negative Ausrichtung von Emotionen, sowie die Erregungsstärke. Damit lässt sich im Labor schon eine Menge anfangen, genutzt wird es momentan zur Überprüfung der emotionalen Wirkung von Werbung und Produktgestaltung. Wahrscheinlich kommen die Gelder zur Finanzierung der Forschung aus diesem Bereich. Neu geplant ist der Einsatz bei psychischen Problemen zur besseren Kontrolle von Emotionen.

Ich beschäftige mich mit dem was tagtäglich auf mich einströmt und suche meine Beispiele darin aus, eine Systematik hat das Ganze nicht, nur einen gemeinsamen Schwerpunkt. Dabei ist in der letzten Zeit bei mir der Eindruck entstanden, dass die Haltung zu Emotionen in unterschiedlichen Teilbereichen der Gesellschaft durchaus sehr unterschiedlich ist. Bei der Auseinandersetzung mit der Geschichte des Kapitalismus, mit der Zunahme prekärer Arbeitsverhältnisse, mit der Idee des BGE oder den Überlegungen zu einer Abstiegsgesellschaft wurde sichtbar, dass in den Bereichen Wirtschaft und Politik Emotionen eine ganz andere Bedeutung haben und Rolle spielen als im Kontext von Bildung.

Spätestens die Prospect Theorie von Kahneman und Tversky liefert Hinweise darauf, dass Emotionen im Bereich der Wirtschaft für Entscheidungen eine bedeutende Rolle als Motivatoren spielen. Werbung setzt bei der Imagepflege von Produkten ganz eindeutig und zunehmend auf ein emotionales Tagging. Produkte sollen eine positive emotionale Bewertung erhalten. Ziele sind dabei Abgrenzung zu anderen Produkten, die Wahrnehmung von Hochwertigkeit oder Besonderheit, Kundenbindung. Aber auch Finanzentscheidungen sind mit Emotionen verbunden. Etliche Male in meinem Leben war ich damit konfrontiert, dass versucht wurde mir die Ablehnung von Finanzprodukten als Rückständigkeit zu verkaufen. Und rückständig will man ja nicht sein, oder? Das ist doch beschämend. Und Geld muss man arbeiten lassen, das darf nicht herumliegen. Und es muss eine möglichst hohe Rendite bringen. Dann kommen wiederum die daher, die danach fragen, wie denn die Rendite entsteht. Und diejenigen, die bei bestimmten Entscheidungen Vorwürfe machen und Schuldgefühle auslösen. Wegen ethischer und sozialer Überlegungen.

Alles mit unterschiedlichen Emotionen verbunden.

In der Politik ist es noch spannender. Es gibt Talkshows deren primäre Absicht es zu sein scheint Vertreter unterschiedliche Gruppierungen aufeinander loszulassen, um sich dann anschauen zu können wie die Emotionen hochkochen und Argumente nicht mehr zu einer Klärung genutzt werden, sondern nur noch um für die eigene Position einen Gewinn zu erringen. Am Schluss glättet der Moderator oder die Moderatorin wieder die Wogen und nichts ist geschehen. Emotionale Spektakel sind fester Bestandteil politischer Auseinandersetzung, politische Gegner werden geschämt und blamiert, aufgebrachte Wähler abgewiegelt, kaltgestellt oder wenn es gar nicht mehr anderes geht mit kleinen Zugeständnissen vorerst abgefunden.

Ein Bereich voll mit Emotionen.

Wenn ich dann in den Bildungsbereich gucke, erscheint ein wiederum anderes Bild. Immer wieder kommt es von außerhalb zu Unmut über bestimmte Vorgänge im System, aber innerhalb des Bereichs der Bildung scheint es vor allem darum zu gehen positive Emotionen zu erzeugen und störende fern zu halten. Nicht dass das gelingt. Es scheint aber das Ziel. Die Herstellung eines neutralen bis leicht positiven Zustands der Emotionen auf niedrigem Erregungsniveau als idealer Zustand um Wissen zu vermitteln. Keine schreiende, brüllende Klasse von Schülern in Erregungszuständen, keine emotionalen Ausraster, keine Beleidigungen, Anfeindungen und gegenseitigen Angriffe in Diskussionen. Die Produkte werden dabei mit einem Bewertungssystem versehen, Grundlage für vielfältige positive und negative Emotionen.

Emotionsregeln für Emotionsregulierung und Ausdruck von Emotionen sind für den Bildungsbereich grundlegend und eingebetteter Bestandteil des Bildungsprogramms. Ist die Wahrnehmungsfähigkeit und Befähigung zur Umsetzung noch nicht durch Sozialisation und Erziehung vorgebildet, kann versucht werden in speziellen begleitenden Programmen oder auch extern in einem therapeutischen Rahmen nachzubilden. Im Erwachsenenbereich finden sich dann Lernangebote im Weiterbildungsbereich zur Persönlichkeitsentwicklung, der Entwicklung sozialer und emotionaler Kompetenzen, oder auch wie momentan bei meinem Arbeitgeber der Gesundheitsvorsorge durch Psychotechniken, deren Verwendung auf Verbesserung und Entlastung im Arbeitsleben ausgerichtet ist.

Generell nehme ich für den Bildungsbereich die Auswirkung der Haltung der Vergangenheit zu Emotionen als Gegenpol zu Denken und Rationalität wahr, die daher vor allem zu zähmen sind, als auch die Auswirkungen von Vorstellungen, dass sich Wissen in Lernende einflößen lässt und 1:1 übertragen werden kann, wenn denn die Lernenden nur in einen Zustand größter Aufnahmefähigkeit versetzt werden können. Emotionen werden dabei in vielen Ausformungen als störend eingestuft. Daher werden für den zulässigen Ausdruck Regeln erstellt, was allerdings kein in seiner Bedeutung bewusster Akt sein muss.

Diese Regeln können sowohl für Lernende als auch Lehrende starke Belastungen zur Folge haben, die eine anschließende Kompensation erfordern. Ich habe jahrelang mit den Kindern zu tun gehabt, die aus der Schule auf den Schulhof stürmten und erst einmal übereinander herfielen, bis sich nach einer Explosion von etlichen Minuten oft nur durch einschreitendes Ordnen die Situation wieder entspannte und für alle leidlich erträglich wurde, ohne dass ich verstanden hätte, womit ich da eigentlich konfrontiert bin. Ebenso habe ich jahrelang viele Stunden nach der Arbeit damit verbracht emotionale Belastungen zu kompensieren, ebenfalls ohne zu verstehen, womit ich da eigentlich konfrontiert war.

Durch die Auseinandersetzung damit was Emotionen sind und welche Bedeutung sie haben, habe ich meine Möglichkeiten für Strategien beim Umgang mit ihnen erweitert. Am bedeutsamsten ist dabei unmittelbare Achtsamkeit gepaart mit einem erweiterten Verständnis und der Möglichkeit in Distanz zu gehen, ohne dabei Emotionen an sich zu verändern. Problematisch ist die Tendenz gewohnheitsmäßig Emotionen abzuwehren, sie umzuinterpretieren oder zu versuchen sie zu verändern. Hohe Anforderungen an die Regulierung von Emotionen und ihres Ausdrucks verlangen einen hohen Preis, der sich in dieser Tendenz verfestigt, der aber als Folge zu Entfremdung von den tatsächlichen Emotionen führt. Daraus kann sich ein kontinuierlicher Zustand der Anspannung ergeben, der auch an den involvierten Personen in unterschiedlichen Formen sichtbar in Erscheinung treten kann.

Was ich zu Beginn meiner Recherchen noch nicht beabsichtigt hatte und was mir zwischendurch wegen der vielfältigen, kaum überschaubaren Erscheinungen gar nicht bestimmbar erschien, beginnt sich inzwischen zunehmend zu entwickeln. Es sind Orientierungen für eine sinnvolle Berücksichtigung der Bedeutsamkeit von Emotionen in Bildungskontexten. Letztendlich lässt sich der ganze Bereich der Emotionen in seiner Bedeutung für den Bereich der Bildung sinnvoll auf wenige Elemente reduzieren.

Meine nächste Aufgabe wird es sein, dafür eine nachvollziehbare Systematik zu entwickeln. Diese soll im Alltag auch ohne große Probleme unmittelbar anwendbar sein. Zum momentanen Zeitpunkt bin ich mit dem Ergebnis meiner Recherchen hochzufrieden. Zwischendurch hatte ich allerdings große Zweifel daran, dass mir das je gelingen könnte, und ich dachte, ich würde für immer in einer undurchschaubaren Komplexität gefangen bleiben. Es kann natürlich passieren, dass jetzt wieder bedeutsame, noch zu klärende Fragen auftauchen, meine Zufriedenheit scheint mir nach den Erfahrungen mit mir selbst aber ein deutlicher Hinweis darauf, dass keine wirklich wichtigen Fragen ausstehen. Ein letztes Puzzlesteinchen hat mir dabei das im letzten Blogbeitrag beschriebene Fundstück geliefert.

Emotionen als erster Hinweis

Eigentlich gibt es noch einen weiteren Blogbeitrag abzuschließen, doch ein neues Fundstück erfordert eine genauere Beschäftigung bevor es wieder in den Weiten der Informationsfülle verschwindet.

In dem Buch Der neue Geist des Kapitalismus liefern Boltanski und Chiapello Argumente dafür, warum die Kapitalismuskritik für den Kapitalismus von großer Bedeutung ist.

„Aus einem umgestalteten Kapitalismus erwachsen nämlich neue Probleme, neue Ungleichheiten, neue Ungerechtigkeiten, nicht etwa, weil die Ungerechtigkeit ursächlich in seiner Natur läge, sondern weil die Frage nach der Gerechtigkeit in dem Rahmen, in der er sich entfaltet, schlicht irrelevant ist – die Kapitalakkumulationsnorm ist an sich amoralisch -; es sei denn die Kritik zwingt ihn dazu, sich zu rechtfertigen und sich selbst zu kontrollieren.“ (Boltanski & Chiapello, 2003, S. 78)

Diese Argumentation allein versetzt mich bereits in eine positive Stimmung. Kritik eingestuft als wichtiges Element, um etwas zu formen und zu verbessern, ist genau das was für mich bedeutungsvoll ist, die positive Bewertung einer solchen Kritik, wenn sie sich auf den Kapitalismus bezieht, setzt dem Ganzen noch ein Sahnehäubchen auf. Ich mag sehr vieles am Geist des Kapitalismus so überhaupt nicht. Das ist aber in Ordnung, erfahre ich hier, es ist daher nicht notwendig, dass ich meine Haltung an sich rechtfertigen, ich erhalte sogar eine aufwertende Anerkennung für ein Bemühen um Kritik und kann mich daher entspannt den für mich wichtigen Fragen zuwenden.

Und das bleiben nun einmal die Emotionen, ihre Position im Zusammenspiel des menschlichen Zugangs zur Welt und der Umgang mit ihnen. Genau dazu liefern mich jetzt Boltanski und Chiapello ungewollt (2003, S.79f.) eine sehr nützliches Modell.

„Deswegen existieren bei der Versprachlichung einer Kritik zwei Ebenen: eine ursprüngliche Ebene, das Gefilde der nie ganz verstummenden Emotionen, die immer dann hochschlagen, wenn sich eine neue, empörende Situation ergibt, sowie eine zweite, theoretisch-argumentative Reflexionsebene, durch die eine ideologische Auseinandersetzung überhaupt erst möglich ist. Diese setzt zudem eine Konzept- und Deutungsressource voraus, auf deren Grundlage historische Situationen, die der Kritik unterzogen werden sollen, mit universalisierungsfähigen Werten in Zusammenhang gebracht werden können.“

Nach genau so etwas habe ich gesucht. In dieser Beschreibung erfahren Emotionen eine hohe Bedeutung als Ausdruck von u.a. moralischen Bewertungssystemen. Emotionen liefern in dieser Darstellung einen ersten Hinweis darauf, dass etwas problematisch ist und darauf als wie bedeutsam dieses Problem wahrgenommen wird. Erst danach kommt das was üblicherweise als Denken bezeichnet wird. Zusätzlich wird in dieser Einschätzung von Emotionen ihre andauernde Anwesenheit beachtet.

Emotionen allein reichen nicht, Denken allein aber ebenfalls nicht. Die Emotionen liefern dem Denken den Hinweis auf das, worüber in welcher Weise reflektiert werden kann. Hier ist es eine ideologische Auseinandersetzung, die Theorie mit Hinweisen aus Emotionen vergleicht und dann zu Argumenten führt. Zwingend notwendig ist dafür eine Basis an Wissen, die Deutung ermöglicht und zu Konzepten führen kann, hier in Verbindung mit dem Messinstrument universalisierungsfähiger Werte.

Emotionen stellen schnelle Bewertungssysteme dar, sie sind heuristisch verwendbar. Emotionen selbst sind aber keine Argumente, noch liefern sie selbst Argumente. Durch ihre Bewertungsfunktion ermöglichen sie allerdings eine Orientierung. Bei der Auswahl schwer vergleichbarer und ungewisser Möglichkeiten können sie den entscheidenden Ausschlag liefern.

Entscheidend dafür ist es, dass sie überhaupt wahrgenommen werden und dass sie in einer Form wahrgenommen werden können, die noch wenigen Manipulationen ausgesetzt war, wie an gewünschte Emotionen angepasst oder ganz verdrängt zu werden. Abschwächung auf ein erträgliches Maß würde ich in diesem Zusammenhang nicht dazu rechnen, da die Art der Emotionen selbst dabei nicht verändert wird. In diesem Kontext fällt mir eine Forderung aus dem Bereich des Buddhismus ein, die denjenigen nahelegt, die in der Meditation ihre Emotionen beobachten, auf Mittel der Beeinflussung von Emotionen zu verzichten. Dazu gehören Rauschmittel, nicht verordnete Medikamente, Musik, Lärm und sowie soziale Ablenkungen.

Insgesamt ergibt sich für mich hier ein gutes Modell für eine gelingende Zusammenarbeit zwischen Emotionen, dem Erwerb und Bestand von unterschiedlichen Formen des Wissens sowie Reflexionsprozessen, die Emotionen und Wissensbestände in Verbindung bringen. Daraus ergeben sich neue Wissensbestände, die beim Auftreten von Emotionen wiederum zur Verfügung stehen.

In Bezug auf Bildungsprozesse handelt es sich hier einerseits um vermittelbares Wissen über die Position von Emotionen in Bezug auf andere Verarbeitungsprozesse als auch daraus abgeleitet um Wissen zum sinnvollen Umgang mit Emotionen. Daraus können sich praktische Anwendungsmöglichkeiten bei der Beobachtung, Beeinflussung und Artikulation der eigenen Verarbeitungsprozesse ergeben, bei der eigenen Einflussnahme auf andere als auch bei der Beobachtung und Einschätzung von Vorgängen im sozialen Raum und dem Umgang damit.

Referenz:

Boltanski, L. & Chiapello, È. (2003). Der neue Geist des Kapitalismus. Konstanz: UKV.

Kernaussagen

Es verläuft wie eine konstruierte Geschichte. Im Hintergrund lasse ich den Fernseher weiterblubbern während ich eine Weile die Augen schließe. Schon den ganzen Tag war ich lustlos, schlapp und müde. Ich bin schon fast eingeschlafen, da dringt etwas in mein Bewusstsein vor. Das Programm ist bei einer Gesprächsrunde angekommen, bei der gerade Ängste durch Flüchtlinge thematisiert werden. Es spricht ein Professor. Er redet von unterschiedlichen Gehirnarten. Plötzlich bin ich hellwach und hoch aufmerksam. Ängste werden in seiner Darstellung einem älteren, schon bei Reptilien vorhandenen Gehirn zugeordnet, Denken einem neueren Teil. Er verwendet dafür plakative Begriffe, an die ich mich jetzt leider nicht erinnere. Für die Sendung findet sich bedauerlicherweise auch keine Aufzeichnung. Die Gesprächsteilnehmer schwenken auf seine Darstellung des Gehirns ein, der Tenor geht in die Richtung, dass Ängste irrational sind und einem alten, nicht mehr benötigtem Entwicklungszustand entsprechen. Der Verstand soll das richten. Innerlich kann ich nur den Kopf schütteln.

Zum Glück ist für meine Problematik die genaue Erinnerung an Worte und Diskussionsverlauf nicht notwendig. Wichtig ist, dass es durchaus diese Theorie der verschiedenen Gehirnbereiche gibt, aber noch viele andere. Außerdem lassen sich auch aus dieser Theorie unterschiedliche Schlüsse ziehen und die hier verwendete Wortwahl der Beschreibung hat zusätzlich einen Einfluss auf die transportierte Vorstellung. Entwicklung erscheint linear, was später kommt ist besser und weiter entwickelt. Ängste erscheinen in dieser Darstellung außerdem als losgelöste Phänomene. Doch die alleinige Betrachtung von Ängsten nach dieser Theorie ist unvollständig und daher irreführend.

Aus der Emotionsforschung kenne ich inzwischen Kritiken daran, andere Theorien und Einordnungen für diese Haltung, daher weiß ich, dass die Darstellung des Professors nur eine von vielen Möglichkeiten ist. Was an Theorien dabei so etwas wie Wahrheit und Wirklichkeit nahe kommt und was nicht, kann ich in der Regel nicht selbst überprüfen und sollte es daher auch nicht auf faktische Richtigkeit hin beurteilen, was ich aber sehr gut machen kann, ist zu bestimmen wie Emotionen von Menschen betrachtet werden und was das für Auswirkungen hat.

Und genau darin liegt für mich die Lösung verschiedener meiner Problematiken. Zu Zwecken der Bildung muss ich nicht bestimmen was faktisch richtig und was falsch ist, ich benötige auch keine Instrumente zur Überprüfung. Es reicht wenn ich unterscheiden kann was wo und wie auftritt und was das jeweils für Auswirkungen hat. Ich kann vieles nebeneinander stehen und in Diskussion miteinander treten lassen. Bildung ist eine Erweiterung der Perspektive, ein Blick über den eigenen Tellerrand, die Erkenntnis und Akzeptanz der Existenz unterschiedlicher Konstruktionen. Als Folge daraus kann ich darauf hinweisen, dass es immer auch andere Perspektiven gibt. Das ist der Mehrwert. Und liefert außerdem einen Grund nicht um eine einzige Wahrheit zu streiten.

Beim Umgang mit Emotionen im Kontext von Bildung ist es von größerem Interesse zuerst einmal zu bestimmen, was Menschen dazu jeweils für Vorstellungen haben, als zu bestimmen was Emotionen tatsächlich sind. Es sind die oft impliziten über viele Jahre gelernten und sich immer wieder ändernden und erweiternden Vorstellungen, die den Umgang mit ihnen und die Haltung zu ihnen bestimmen. Zur gleichen Zeit leben in einer Gesellschaft Menschen mit unterschiedlichen Vorstellungen, ohne dass das auffällig werden muss. Soziale und kulturelle Herkunft und Bedingungen, aber auch Generationszugehörigkeit spielen eine Rolle. Im Verlauf meiner eigenen Lebensgeschichte hat sich die Haltung zu Emotionen und der Umgang mit ihnen geändert. Weiterhin wird in unterschiedlichen Teilbereichen der Gesellschaft und in unterschiedlichen Gruppen unterschiedlich mit ihnen verfahren.

In der Diskussionsrunde schien die Professorenposition ausreichend, um die Vorgabe für die Betrachtung von Emotionen als Orientierung zu übernehmen. Ich hätte eingeschränkt, auf Einseitigkeit aufmerksam gemacht und auf andere Konstruktionen zu Emotionen verwiesen. Vielleicht hätte sich daraufhin jemand in der Runde Gedanken zu den eigenen impliziten Annahmen zu Emotionen gemacht.

Zu Beginn aller Erscheinungen steht die Haltung zu Emotionen und ihre Einschätzung, daraus folgt wie mit ihnen umgegangen wird, wie sie reguliert werden, nach welchen Regeln sie ausgedrückt werden. In einem Kreislauf wirkt das wiederum auf die Haltung zu Emotionen und deren Einschätzung zurück. Gesellschaftlich betrachtet befindet sich dieser Prozess in einem stetigen Fluss. Dabei treten durchaus Widersprüche zwischen dem auf was formuliert werden kann und dem was praktiziert wird. Haltung zu Emotionen und ihre Einschätzung stehen außerdem in einem Zusammenhang mit der Art von Reflexion, die sie und der Umgang mit ihnen erhalten.

In der letzten Zeit kehre ich daher immer wieder zu der Forderung zurück genauer hinzusehen. Zum momentanen Zeitpunkt erscheint mir das als die einzige sinnvolle Möglichkeit. Daraus ergibt sich zu bestimmen nach welchen Kriterien und wie dieses Hinschauen sinnvoll erfolgen kann.

Der Blick auf Emotionen ist vielfältig. Im Verlauf der Zeit bin ich sehr unterschiedlichen Theoretikern mit sehr unterschiedlichen Theorien und Schwerpunkten begegnet. Meine letzte Begegnung war mit Eva Illouz und ihrem Buch Gefühle in Zeiten des Kapitalismus. Emotionaler Stil, emotionaler Kapitalismus, Netzwerkkapitalismus, kommunikative Kompetenzen, emotionale Kulturen, Wertrationalität, Kosten-Nutzen Analysen, Reflexion, Manipulation, emotionale Felder, emotionales Kapital, emotionaler Habitus, emotionale Hierarchie, Pathologisierung von Differenz, Klassifizierung von Pathologien, Rechtsdiskurs, emotionale Kompetenz, emotionale Intelligenz als Instrument der Klassifizierung, Monopol über Definitionen und Regeln des emotionalen Lebens, postmodernes Selbst, Arbeit der Selbstpräsentation sind Begriffe, die ein wieder anderes Bild davon zeichnen wie mit Emotionen verfahren wird, wie sie betrachtet, manipuliert und reguliert werden.

Es lässt sich von Theoretiker zu Theoretikerin hüpfen und jeder und jede ist eine einzigartige Person mit einer individuellen Sichtweise und einem spezifischen Schwerpunkt. Fülle, Überfülle, ein Bild der Vielfalt – keine boolesche Logik von wahr und nicht wahr.

Am Telefon versucht mich eine Frau mit einem standardisierten Fragebogen auf Kategorien hin zu befragen. Es ist das erste Mal, dass ich gemeinsam mit einer anderen Person beschließe damit aufzuhören. Ich kann keine Skala für Aussagen verwenden, denn noch nicht einmal die Unschärfe von Fuzziness kann etwas erfassen, das in den Abfragen nicht erscheint.

Es ist nicht genug da. In der Überfülle ist nicht genug da, das sich als eine gemeinsame Grundlage verwenden lässt. Schon allein daher gibt es nicht richtig und falsch, sondern es können nur unterschiedliche Haltungen, Einstellungen, Konstruktionen untersucht werden. Darüber können wir uns bewusst sein. Und dass es manchmal Machtverhältnisse und Statuskonstellationen gibt, die sich auf das auswirken was dominiert.

Als Kern bleibt mir, dass es etwas gibt, das wir als Emotionen bezeichnen, dass wir dazu Einschätzungen haben und damit an unterschiedlichen räumlichen und gesellschaftlichen Orten in unterschiedlicher Weise umgehen und dass sich der Umgang im Verlauf der Zeit auch verändert. Für die Fülle an Möglichkeiten in den Bereichen Einschätzung, Haltung, Regeln, Regulierung, Ausdruck ist es möglich Systematiken zu erstellen, um dann damit zu arbeiten.

Referenz:

Illouz, E. (2006). Gefühle in Zeiten des Kapitalismus. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

 

Traurigkeit

Irgendwo zwischen dem sehr zufriedenstellenden Vorlesen in einer Kita, die Organisation und Chaos in einer entspannten Weise verbindet und in deren Garten winzige Kinder kleine Schubkarren in faszinierender Weise wie Große schieben, der Beobachtung einer Frau mit ihrem Enkelkind, die um die Mittagszeit nach dem Unterricht an einem mobilen Grill ansteht und mit der mich eine Vorgeschichte verbindet, und dem Krach und Gebrüll einer Schulbetreuung, in der im Mittagsstress ein Kind, das sich vor anderen Kindern hinter der Tür verkrochen hat, aus der Unübersichtlichkeit der Situation heraus heftig angefahren wird, damit es den Platz hinter der Türe wieder verlässt, schleicht sich der Anlass für Traurigkeit ein.

Zwischen Bügeln und Aufräumen der Arbeitstasche wird es stärker, als ich einem Kind sein besonderes Projekt, eine mit einer Kumihimo-Scheibe geknüpfte Kette und einen Ring zusammennähe, Ideen, die noch kein Kind in der Form bisher bei mir umgesetzt hat. Die Traurigkeit wird so stark, dass ich mich auf dem Sofa zusammenrolle und mich unter einer Decke verkrieche.

Wenn sie da sind, sind sie da, die Emotionen. Dann sind sie Wirklichkeit. Direkte, unmittelbar erfahrene Wirklichkeit. Ihr Anlass wird nicht unbedingt sofort verständlich, manchmal sind sie angenehm, dann wieder unangenehm, manchmal halten sie kurz an, dann haben sie eine längere Dauer.

Unter meiner Decke nehme ich sie an, die Traurigkeit, akzeptiere sie und sie wird wieder schwächer. Freude kommt und geht, Traurigkeit kommt und geht, das sind zwei der ganz wichtigen Dinge, die über Emotionen zu lernen sind. Ihre oft umwerfende Präsenz und überwältigende Wirklichkeit zum Zeitpunkt ihres Auftretens und ihre Flüchtigkeit, die so gar nicht dazu zu passen scheint. Eine Flüchtigkeit, deren Kenntnis zum richtigen Zeitpunkt eingesetzt dabei helfen kann, auch die schrecklichsten Emotionen zu durchstehen. Schau es an, halt es aus, es geht wieder weg. Oder noch einen Schritt weiter. Ist es wirklich so schlimm wie es auf den ersten Blick scheint?

Die Traurigkeit bleibt, ich will aber noch etwas im Zusammenhang mit meinem Studium tun. Da es bereits Abend ist, nehme ich nur etwas Kleines in Angriff, ein Buch, das bald zurückgegeben werden muss.

Ich habe es schon lange herumliegen, aber immer nur begonnen darin zu lesen und dann wieder abgebrochen. Es ist das Studienbuch Emotionsforschung von Gesine Leonore Schiewer aus dem Jahr 2014. Es ist ein eigenartiges Buch. Die Literaturliste ist eine gewaltige Fundgrube zu Emotionstheorien, das Buch selbst gibt einen Einblick in einen Haufen Zeug, der im Zusammenhang mit Emotionen in sehr unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen gedacht wurde, es ist aber so gar nicht hilfreich für ein Gesamtverständnis von Emotionen.

Ein Grund dafür ist der Stil in dem es geschrieben ist, eine Aneinanderreihung von Fetzen, in Kapiteln vor allem nach Bereichen wie Medien, Computertechnik, Ökonomie oder Recht geordnet, eine Überfülle auf knapp 200 Seiten, aber kein Gesamtbild. Es ist ein Nachschlagewerk mit dem man weitere Recherchen beginnen kann, die Ordnung des Buches mit Stichworten am Rand erleichtert dabei die Nutzung. Das Buch ist so überhaupt nicht das was ich zum momentanen Zeitpunkt brauche, gleichzeitig habe ich aber den Eindruck, es wäre gut es immer wieder zur Verfügung zu haben, wenn ich mich weiterhin mit Emotionen beschäftigen will. Gefühlt brauche ich es nicht, aber gedacht wird es wichtig.

Eine Erscheinung in dem Buch wird dabei für mich bedeutsam. Das Unterkapitel zu Emotionen und Kognition in Bildung, Unterricht und Pädagogik hat einen Umfang von kaum mehr als einer Seite. Die eine Hälfte davon bezieht sich ausschließlich auf Literatur von Gieseke (2007), die andere Hälfte auf Fremdsprachenunterricht mit einem abschließenden Verweis, das Feld der Emotionsforschung für das Lernen und Unterrichten von Fremdsprachen in seiner Breite auszuschöpfen (Schiewer, 2014, S.189).

Nun ist es durchaus so, dass alle von ihr im Buch angeführten Bereiche für Bildungswissenschaft von Interesse sind, weil sie sich auf Bedingungen und Erscheinungen beziehen mit den Menschen konfrontiert sind, was letztlich ihrer Schlussfolgerung im Kapitel entspricht, in meiner immer noch bestehenden Traurigkeit wird dieser Mangel allerdings der scheinbaren Perspektivlosigkeit meiner Recherchen zugefügt und füttert dabei einerseits meine Traurigkeit, andererseits scheint er zu bestätigen, dass die Bedeutung von Emotionen für den Bereich der Bildung nur unzureichend untersucht ist.

Denn darum geht es bei meiner Traurigkeit. Nach und nach habe ich mir erarbeitet wahrnehmen zu können wie Emotionen in Bildungskontexten wirksam sind, überall kann ich sie jetzt erkennen und beobachten, es bleibt aber ohne Konsequenz. Ich nutze die Freiräume und Möglichkeiten, die mir der strukturelle Rahmen lässt, um meine Erkenntnisse anzuwenden, das ist für mich selbst hilfreich, es ändert aber nichts. Ich kann es nicht vermitteln und ich habe nichts was diese Aufgabe für mich übernehmen kann. Keinen Anknüpfungspunkt, aber auch keinen Bedarf.

Bildung werden ja manchmal fast Zauberkräfte zugesprochen, Bildung hat die aber nicht. Am leichtesten scheint es mir zu sein Emotionswissen für eigene Vorteile innerhalb eines bestehenden Systems zu verwenden, Emotionswissen für Veränderungsprozesse einzusetzen erscheint mir ungleich schwieriger. Zum momentanen Zeitpunkt tendiere ich sowieso zu der Haltung, die von einigen Kritikern vertreten wird, dass Menschen ihr Verhalten erst dann ändern, wenn es bereits zur Katastrophe gekommen ist. Erst wenn unsere Ressourcen erschöpft sind werden wir merken, dass wir bereits vorher andere Entscheidungen hätten treffen müssen.

Meine Nachbarin tut gut daran zu ihrem Vorstellungsgespräch frisch gestylt, mit neu gefärbtem Haar und freundlichem Lächeln zu erscheinen, durch Erscheinungsbild, Auftreten und Verhalten positive Emotionen zu erzeugen und eventuell auftretende negative Emotionen unter Verschluss zu halten. Sie tut gut daran ein angemessenes, gepflegtes Auto zu fahren und eine respektable Adresse vorzuweisen. Mit all dem erzeugt sie ein Bild, das eine Bewertung durch Emotionen erfährt.

Die Enkelin lernt vermittelt über Emotionen zu bewerten, dass Kinder benachteiligt sind, die in die Grundschulbetreuung gehen, und dass nur Familien Kinder angemessen betreuen und ihnen eine angemessene Bildung in der Freizeit zukommen lassen können. Schulen in der Zuständigkeit von Personen mit dieser Haltung organisieren ihr Nachmittagsangebot entsprechend dieser Kriterien und bestätigen dadurch die entsprechenden mit Emotionen verbundenen Vorurteile. Weltbilder werden geschaffen, über Emotionen abgesichert und reproduziert. Diese Weltbilder können sehr vielfältig sein.

Und so stehen sich dann Menschengruppen und Einzelpersonen gegenüber und versuchen Begründungen für das zu finden, was sie als richtig empfinden. Und statt zu untersuchen, was eigentlich die Prämissen in Form der Weltbilder sind, worin die Unterschiede bestehen und warum man sich mit dem einen wohl fühlt, mit dem anderen aber nicht, wird die eigene Position, das eigene Empfinden, die eigene Bewertung durch Emotionen im Extremfall mit Klauen und Zähnen verteidigt. Und dann wird noch die Machtkarte ausgespielt und so bleibt in der Regel weitgehend alles wie es war.

Mich macht das jetzt traurig. Mich macht es auch traurig, dass ich so schlecht vermitteln kann was ich wahrnehme. Es wäre ganz einfach dem Jungen mit den ängstlichen Augen in der Ecke die Angst zu nehmen. Es bräuchte mehr Menschen, die sich kompetent darum kümmern und die auf Emotionen positiv wirkende Strukturen schaffen. Dazu muss aber dieser Aspekt auch beabsichtigt sein. Also behält die Großmutter doch Recht mit dem was sie ihrer Enkelin vermittelt.

Emotionen wirken in vielfältiger Weise stabilisierend und formend auf gesellschaftliche Praktiken und Bedingungen. Zum Vorteil, aber ebenso zum Nachteil. Das Bildungssystem befindet sich dabei mitten drin. Es steckt voller Emotionen, voller Bewertungen und Praktiken aufgrund von Emotionen und es formt dabei die Emotionen der Involvierten. Es trägt Bewertungen der Welt weiter und erschafft sie immer wieder neu. Ob Noten, Zertifikate, Inhalte, ob Art des Lernens, gesellschaftliche Positionen, ob Verhalten oder Aussehen, alles, alles erhält das was Damasio als emotionale Marker bezeichnet. Ich bevorzuge meinen eigenen Begriff des emotionalen Taggings.

Da kann man nichts machen, das ist so, ist auch nicht an sich ein Problem. Ich halte es allerdings für notwendig, dass man sich darüber bewusst ist. Ich bewerte die Angst des Jungen als etwas das vermieden werden kann. Ich gerate in einen Erregungszustand und möchte etwas dagegen unternehmen. Eine andere Bewertung kann allerdings gerade von einem Jungen Härte erwarten und die Angst als etwas einstufen, bei dem er lernen muss es auszuhalten und nicht zu zeigen.

Es wäre gut nicht darüber zu streiten was richtig oder falsch ist, sondern herauszufinden von welchen Prämissen wir ausgehen. Was sind eigentlich unsere über das Auftreten von Emotionen als Bewertungssystem vermittelten Annahmen? Und ganz zu unterst, was sind unsere Annahmen über den Menschen und über seine Gesellschaft? Wie weit geht das mit der Gleichwertigkeit der Menschen und wie weit ist die Gesellschaft mit ihren Institutionen für das Wohlergehen von Mensch und Gesellschaft eingerichtet? Und Macht kann durchaus auch anders eingesetzt werden als zugunsten der eigenen Position.

Denken ist mächtig, Emotionen sind es ebenso. Ich bleibe traurig, ich mag das nicht. Meine Traurigkeit führt mir aber etwas vor Augen, das ich ohne sie nicht so entdeckt hätte. Die Angst des Jungen ist auch der Hinweis auf einen möglichen Änderungsbedarf. Der rechte Umgang mit Emotionen umfasst nicht nur die Trauer anzuschauen, anzunehmen und sie nicht durch Abwehr zu verstärken, sondern auch die Chancen zu erkennen, die in ihrer Erfahrung liegen.

Das alles bringt mich zwar weiter, meiner meiner Bachelorarbeit allerdings keinen Schritt näher. 😉

Referenzen:

Gieseke, W. (2007). Lebenslanges Lernen und Emotionen. Wirkungen von Emotionen auf Bildungsprozesse aus beziehungstheoretischer Perspektive. Bielefeld: wbv.

Schiewer, G.L. (2014). Studienbuch Emotionsforschung. Theorien – Anwendungsfelder – Perspektiven. Darmstadt: WBG.

Gelassenheit

Hinter mir liegen ereignisreiche Tage. Ich bin noch immer damit beschäftigt das im letzten Jahr erworbene Wissen zu Emotionen anzuwenden und dabei zu testen, ob es zu Veränderungen führen kann. Es scheint so.

Anhand der Beobachtung von Verhalten und auftretenden Emotionen bei mir und den anderen Anwesenden einer mehrstündigen Betreuungssituation gelingt es mir durch Perspektivenübernahme und Rückverfolgung von Handlungsketten zu verstehen, wie sich eine problematische und unbefriedigende Situation entwickelt hat, welche Einflussfaktoren wirksam waren, welche davon andauernde sind, welche spezifisch für die Situation und was davon veränderbar war und was nicht.

Es gelingt mir zu erkennen, dass meine Entscheidungen angemessen waren, was meine Interessen sind und welche Möglichkeiten ich habe diese umzusetzen. Am Ende habe ich die Situation für mich so weit geklärt, dass sie selbst keine emotionale Belastung mehr für mich darstellt und ich für mich entscheiden kann, unter welchen Bedingungen ich mich erneut auf eine ähnliche Situation einlassen würde. Wo ich vorher emotional aufgewühlt war, kann ich sachlich argumentieren.

Im Zusammenhang mit meinen Recherchen zu Emotionen hat es sich ergeben, dass ich die Frage danach stelle, was ich selbst eigentlich unter sozialer und emotionaler Kompetenz verstehe und wo ich beides beobachten kann. Es führt mich zu der Schlussfolgerung, dass ich sehr viel normales und übliches Verhalten in unterschiedlichen Bereichen weder als sozial noch emotional kompetent einstufen kann. Das erschreckt mich und erlaubt mir unter anderem eine ganze Reihe von Problemfeldern der Bildungswissenschaft aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Es führt mich weiterhin dazu soziale Kompetenz in den Mittelpunkt zu stellen und nicht emotionale Kompetenz. Emotionale Kompetenz scheint soziale Kompetenz zu unterstützen, nicht umgekehrt. Den Fokus auf die Ausprägung sozialer und emotionaler Kompetenz bei der Betrachtung von Erscheinungen im Miteinander von Menschen zu richten, ermöglicht mir zum momentanen Zeitpunkt ganz neue Zusammenhänge zu erkennen.

Für mich schließt sich dadurch auch ein Kreis an Interessen, die ich im Verlauf meines Lebens und meines Studiums verfolgt habe. Das Strukturprinzip von Rassismus bleibt für mich dabei weiterhin grundlegend. Manipulationen der Weltsicht, die den eigenen Vorteil bei eigentlich nicht zu akzeptierenden Nachteilen anderer absichern, erlauben weiterhin die Erfahrung angenehmer statt unangenehmer Emotionen.

In einer Situation mit Privilegierten, die ihre Privilegien nicht wahrnehmen, ihrem eigenen Verdienst zuschreiben und die eigene Normalität als verbindlichen Maßstab für alle anwenden, bleibe ich ruhig und standhaft und lasse mich nicht dazu drängen diese Sichtweise zu übernehmen. Ruhig bringe ich Aspekte von Wirklichkeit ins Spiel, die diese Normalität anzweifeln. Hinterher fühlt es sich wie ein kleiner Sieg an, auch wenn nichts weiter gewonnen wurde als Integrität und dabei innere Ruhe. Ich habe mich nicht in ein Weltbild hineinziehen lassen, das die Wirklichkeit so interpretiert, dass alles und jedes die eigene Hochwertigkeit bestätigt. Das ermöglicht mir nebenher, dass ich dahinter den eigenen Kampf um Positionierung hervorschimmern sehe. Aus einer Bedrohung wird dadurch Mitempfinden bei einer klaren Grenzziehung und geringerer emotionaler Belastung.

Zum Abschluss des Wochenendes spielt Hagen Rether mit den Mitteln der Satire aufmunternd und zur Perspektiverweiterung geeignet ein wenig mit der Wahrnehmung von Wirklichkeit.