Bildungsmäuschen

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Ein Fragment

Leider bietet Oliver Nachtwey am Ende seines Buchs Die Abstiegsgesellschaft keine Lösung an. Er untersucht auch nur zu einem geringen Teil die ausgelösten und geförderten Emotionen und deren Wirken in den Handlungsstrategien von Menschen in modernen Gesellschaftssystemen bei einer weitgehend kapitalistischen Orientierung des Wirtschaftssystems. Weiterhin nehme ich seine Zusammenstellung von Formen des Aufbegehrens als zu begrenzt wahr.

Aber ansonsten hilft mir seine Analyse extrem gut Vorgänge des Alltags der letzten Jahre in eine zusammenhängende Ordnung einzufügen. Sogar für den Rassismus findet er einen Platz.

„Jenseits der realen Probleme, die bestimmte Gruppen von Muslimen, zum Beispiel Salafisten, europäischen Gesellschaften bereiten, ist die Islamfeindlichkeit das neue Gewand eines Rassismus, der die vermeintliche kulturelle Überlegenheit der westlichen Kultur herausstellt.“(Nachtwey, 2016, S.223)

Für mich ist erstaunlich, dass sich Problematiken im Bildungssystem, die Anlass für mein Studium waren, letztlich als Probleme eines Wirtschaftssystems herausstellen, das eine ganze Gesellschaft und alle ihre Teilbereiche bestimmt. Ich muss feststellen, dass mich in Bezug auf Emotionen ebenfalls vor allem das Einwirken von gesellschaftlichen Bedingungen auf ihr Entstehen, ihr Verständnis, den erwarteten Ausdruck und ihre Regulation interessiert, das was vor allem über Sozialisation und Erziehung vermittelt wird, sowie die Möglichkeit durch Bildung zu einem besseren Verständnis der Vorgänge auf der Ebene der Emotionen und dadurch zu neuen Handlungsoptionen zu kommen.

Als ich kürzlich eine Phase der Traurigkeit durchlebte, wurde mein Denken von folgender Überlegung durchzogen. Wenn Emotionen ein untrennbarer Bestandteil von Menschen und ihren Wahrnehmungs-, Verarbeitungs- und Entscheidungsprozessen sind, die Emotionen von Menschen aber nicht adäquat berücksichtigt und beachtet werden, bedeutet es in letzter Konsequenz, dass Menschen an sich keine Bedeutung haben.

Ähnlich verhält es sich damit, wenn Menschen aufgefordert sind ihre Emotionen an sich zu kontrollieren und im Zaum zu halten oder wenn sie nur erwünschte Emotionen zum Ausdruck bringen dürfen. Soziale Rücksichtnahme bewegt sich in einem Feld asynchroner Machtbeziehungen, so dass die erlaubten Möglichkeiten der Sichtbarmachung von Emotionen sowie die Sanktionen bei Nichtbeachtung dieser Regeln auch Rückschlüsse über den gesellschaftlichen Wert von Personen, sowie Rückschlüsse über den Wert von Emotionen als Mittel der Erkenntnis erlauben.

Vor Jahren habe ich mich schon mit Armut beschäftigt, inzwischen wird sie wie auch Rassismus mehr und mehr zum öffentlichen Diskussionsthema. (Die Bedeutung von Emotionen an sich ist leider noch kaum dran.) Armut, Rassismus, Diskriminierung sind mit jeder Menge Emotionen verbunden. Und das auf jeder Position, die man dabei inne hat. Sie sind Ursache, Folge und Entscheidungsmittel.

Warum also nicht genauer Emotionen untersuchen, was sie für Menschen für eine Bedeutung haben und wie mit ihnen verfahren wird?

Vielleicht kommt das mit den Emotionen und einer sinnvollen Analyse ja noch.

 

Referenz:

Nachtwey, O. (2016). Die Abstiegsgesellschaft. Über das Aufbegehren in der regressiven Moderne. Berlin: Suhrkamp.

 

Ausbildung, Bildung, Lernen

Einem Bekannten gegenüber habe ich kürzlich geäußert, dass ich jetzt bei meinen Untersuchungen auf der untersten Ebene, der Anwendungsebene, angekommen bin. Wie soll man in Bildungskontexten mit Emotionen umgehen, was soll man über sie wissen, was soll man über sie lehren?

In Konfrontation mit einer Reportage über China, die auch Einblicke in Schul- und Arbeitssystem lieferte, wurde für mich die Frage bedeutsam wie weit man Menschen in Bildungskontexten an ihre tatsächlichen Emotionen heranführen kann. Kinder und Jugendliche, die über viele Jahre 13 Stunden am Tag mit geplantem Lernen beschäftigt sind, dabei Erwartungen von Eltern und Gesellschaft zu erfüllen haben und deren Lebensperspektive maßgeblich von einer einzigen abschließenden Prüfungszeit abhängt, sind sehr stark auf ein gutes Management ihrer Emotionen in Hinblick auf erfolgreiche Leistung angewiesen. In einem solchen System anderes zu fördern kann schädliche Konsequenzen für das Individuum haben.

Interessanterweise wurde in der Reportage von einem Vater geäußert, dass sein Sohn nach bestandenem Abitur im westlichen Bildungssystem studieren soll, da nur dieses in der Lage ist Individualität und Kreativität zu fördern, und sich durch den Erwerb dieser Fähigkeiten für seinen Sohn Wettbewerbsvorteile gegenüber anderen ergeben. Ein sehr interessantes strategisches Vorgehen! Wie der Sohn wohl auf den Wechsel reagiert?

Inzwischen bin ich dazu gekommen erst einmal drei Hauptkategorien für die Betrachtung von Emotionen in Bildungskontexten zu verwenden. Ausbildung, Lernen und Bildung. Von besonderer Bedeutung ist für mich außerdem der Faktor Ungleichheit, der in allen drei Kategorien Auswirkungen hat.

Diese Unterscheidung zu treffen hilft mir momentan beträchtlich Widersprüche in Bezug auf die Einschätzung und den Umgang mit Emotionen zu verstehen und zu ordnen. Der Auftrag von Bildung bedeutet das Individuum zu Erkenntnisfähigkeit seiner selbst, anderer Individuen sowie seiner sozialen und natürlichen Umwelt zu führen. Dafür ist es notwendig auch die Informationen zu verstehen, die aus den eigenen Emotionen und der Art des Umgangs mit ihnen gewonnen werden können. Schwierig ist das dann, wenn das Individuum Emotionen vor sich verbirgt, bestimmte Emotionen verdrängt oder betäubt, gelernt hat bestimmte Emotionen beim Auftreten sofort abzuwandeln oder aber auch, beispielsweise durch ständigen Zeitdruck, Emotionen nicht beobachten und reflektieren kann. Um aus Emotionen Informationen für Erkenntnisprozesse bewusst gewinnen zu können, ist ein gewisser Zugang zu ihrer tatsächlichen Form und Bedeutung notwendig. Neben anderem können geeignete Meditations- und Achtsamkeitstechniken dabei hilfreich sein.

Für gezieltes Lernen gelten dagegen andere Anforderungen. Es existieren ein Rahmen und ein Ziel und der emotionale Zustand des Lernenden kann dafür von ihm selbst oder von den anleitenden Personen in einer förderlichen Weise gestaltet werden. Es können emotionale Faktoren identifiziert werden, die blockierend oder fördernd wirken und die Gestaltung von Lernumgebung, Lerninhalt oder Lernmaterial können diese geplant und spontan berücksichtigen.

Für Ausbildung können wiederum andere Regeln angewendet werden, müssen es aber nicht. Ausbildung kann vom Auszubildenden erwarten, dass er Vorgaben erfüllt. Das bezieht sich auch auf die Art wie er mit Emotionen umgeht und sie präsentiert. Ausbildung muss das Individuum nicht zu Erkenntnis führen und kann von ihm erwarten, dass es von außen kommende Anforderungen erfüllt, seine eigentlichen Emotionen unterdrückt, verbirgt oder abändert, sowohl in einem deep als auch einem surface acting. Ausbildung darf das Individuum von sich selbst entfremden und zur reinen Erfüllung von Rollenverhalten und gesellschaftlicher Vorgaben hinführen. In diesem Kontext kann es von großer Bedeutung werden dem Individuum Raum für Unterbrechung und Entspannung zur Erhaltung seiner Gesundheit zu gewährleisten. Ob ein solches Vorgehen für das Gesamtwohlergehen des Individuums, die Entwicklung von Gesellschaften oder die Qualität von Arbeit tatsächlich sinnvoll und förderlich ist, stellt dabei erst einmal ein untergeordnetes Untersuchungskriterium dar.

Ungeplantes und nicht zielgerichtetes Lernen lässt sich in diesem Kontext mit Sozialisation zusammenfassen. Diese Bereiche fallen für mich nicht unter die Fragestellung wie in Bildungskontexten mit Emotionen umgegangen werden soll. Erziehung kann in diesem Zusammenhang je nach Intention Bildung oder Ausbildung zugeordnet werden, auch wenn das zuerst etwas eigenartig erscheinen mag. Einübung hat dabei grundsätzlich genauso eine Berechtigung wie die Förderung von Erkenntnisbefähigung.

Bedeutsam ist in diesem Zusammenhang Bewertungen danach was gut oder schlecht, richtig oder falsch sei erst einmal beiseite zu lassen. Ich bin vor allem mit Bewertungen konfrontiert, die darauf hinauslaufen, Bildung im beschriebenen Sinn als gut, Ausbildung als schlecht einzustufen und in denen außerdem eine emotional positive Lerngestaltung gleichgesetzt wird mit der Gesamtgestaltung von Bildung und Ausbildung. Bei der Beobachtung der Bedeutung von Emotionen in Bildungskontexten führt das bei mir aber regelmäßig zu Verwirrung, weil sich dadurch viele Erscheinungen und Praktiken in Bezug auf Emotionen nicht stimmig ordnen lassen.

Auf der Ebene der direkten Beobachtung wie Emotionen im sozialen Bereich entstehen und wirken, bleibt das EASI-Modell von Van Kleef für mich allerdings weiterhin gut anwendbar. Die Unterteilung in die Kategorien Lernen, Bildung und Ausbildung hilft dabei zuerst einmal scheinbar widersprüchliche Erscheinungen und Ansprüche zu ordnen. Probleme bereitet es mir momentan in die Kombination aus beidem Differenzerfahrungen einzubauen.

Das EASI-Modell erfasst grundsätzlich sowohl den Einfluss von Normalitätsvorstellungen des Wahrnehmenden als auch den Einfluss gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Ausbildung geschieht innerhalb gesellschaftlicher Machtverhältnisse und dominierender Vorstellungen, muss sie aber nicht hinterfragen und kann sich daran anpassen, Bildung erfordert ihre Berücksichtigung und die Untersuchung ihres Einflusses. Gezielte Lernarrangements an sich haben Wahlfreiheit. Sie können ausbilden, bilden und beides mischen. Ich denke unser momentanes Ideal umfasst durchaus eine Mischung. Wir wünschen uns sowohl gut ausgebildete als auch gebildete Menschen. In Bezug auf Emotionen bedeutet das

  • Erkenntnisbefähigung und Verstehen in Bezug auf die eigenen Emotionen und die anderer Personen (Bildungsauftrag: Achtsamkeit, Wahrnehmungslenkung, Bewusstheit, Verbindung mit Beispielen),
  • bei gleichzeitigem Wissen über Emotionsregulierung und Emotionsausdruck, die sinnvoll und zielführend sind, aber auch was ungeeignet und zu vermeiden ist (Bildungsauftrag: Methoden, Techniken, kulturelle Praktiken, Wissen über gesellschaftliche Bedingungen, Verwendung von Beispielen, kritisches Denken)
  • bei gleichzeitigem Wissen über die Einbettung von Emotionen in Kontextbedingungen (Bildungsauftrag: gesellschaftliche Bedingungen, Konstruktion von Wirklichkeit, Kommunikationsstrukturen, Befähigung zur Einnahme unterschiedlicher Perspektiven, Denken in Komplexität).

Als Kompetenzbegriffe können in diesem Zusammenhang emotionale und soziale Kompetenz benannt werden.

Die Zeiten, in denen Emotionen eine untergeordnete Rolle zugewiesen werden und in denen sie in den privaten Bereich verwiesen werden konnten, in dem sie dann in eine gesellschaftlich verträgliche, Abläufe möglichst nicht störende Form gebracht werden, sind vorbei. Es erweist sich als notwendig die permanente Anwesenheit von Emotionen in Menschen und ihren stetigen Anteil an mentalen Verarbeitungsprozessen zu berücksichtigen, um Vorgänge und Abläufe zu verstehen. Emotionen, im besonderen soziale Emotionen sind für das menschliche Individuum als sozialem Wesen von gravierender Bedeutung. Bildung geht nicht ohne Emotionen. Daher sollte ihr Mitwirken in Bildungskontexten auch jeweils genauer betrachtet und einbezogen werden.

Erziehung der Emotionen

Nach einem Wochenende des Nicht-Vorankommen wieder eine neue Idee für die BA-Struktur, nicht umgesetzt durch Mehrarbeit wegen Krankheitswelle. Danach entspanntes Abhängen. Und plötzlich eine ganz neue Frage, wohin soll die Erziehung und Bildung der Emotionen führen?

Bildungswissenschaft kann nicht nur beobachtend sein, Bildungswissenschaft muss auch normativ vorgehen. Erziehung und Bildung sind im Gegensatz zur Sozialisation mit Intentionen verknüpft. Mensch will irgendwo hin. Will den anderen Menschen irgendwohin führen. Mich interessiert wo die Emotionen, der Umgang mit ihnen und ihr Ausdruck hin sollen.

Ich wünsche mir durchaus einen Rahmen in dem sich Menschen gegenseitig auch mal anbrüllen und dabei heftige Emotionen zeigen können. Nicht beleidigend. Nein. Sondern als akzeptierte Möglichkeit, dass etwas massiv belastend ist. Um den Grund dafür vielleicht beseitigen zu können. Dass man sich, wenn alles vorbei ist, in die Arme fallen könnte, als Versicherung, dass man jetzt besser zusammenarbeiten kann.

Ich bin durchaus von Idealen der Verbesserung und Optimierung des Menschen beeinflusst, die auch in den Ideen der Aufklärung stecken, doch Verbesserungen anzustreben bedeutet noch nicht bereits zu wissen was tatsächlich eine Verbesserung ist und auch nicht wie sie dann erreicht werden kann.

Die Nazis wollten den Menschen verbessern. Sie wollten ein ganzes Volk verbessern und darüber die ganze Welt. Das Ergebnis ist hinreichend bekannt. Die AfD argumentiert im Wahlkampf mit Rückkehr zu angeblich bewährten Traditionen, um Fortschritt nicht zu gefährden. Ich kenne die Welt, die sie sich vorstellen, und kenne das Leid, das sie verursacht. Wohin also?

Die Soziologie stellt die Frage danach in welcher Art von Gesellschaft wir leben wollen und zeigt dafür Strukturen und Konsequenzen auf. Haben wir als Gesellschaften aber tatsächlich eine Wahl?

Und wie ist das mit den Emotionen, dem Umgehen mit ihnen und ihrem Ausdruck? Was wollen wir? Und wo wollen wir hin? Und können wir das wählen?

Unterschiedliche gesellschaftliche Bereiche, unterschiedliche Ausdrucksmöglichkeit von Emotionen. In diesem Zusammenhang erinnere ich mich. Der kontrollierte Familienvater der 60er Jahre, der an der Arbeit unauffällig funktioniert, seine Emotionen unterdrückt und kontrolliert und als angenehmer Arbeitskollege auftritt, aber zuhause seine Familie terrorisiert und seine Emotionen mit Alkohol manipuliert. Der Selbstständige, der es nicht riskieren will Kunden zu verprellen, seine Emotionen ebenfalls kontrolliert und unterdrückt, die aber gelegentlich doch in Eruptionen ausbrechen, dem es aber meist gelingt Freiräume für den Ausdruck seiner Emotionen zu nutzen, die ihm durch seine größeren Ressourcen zur Verfügung stehen. Wodurch er dann die Menschen seiner Familie weniger belastet, sich ihnen im Nebeneffekt aber auch entzieht. Die Situation von Frauen und Außenseitern will ich erst gar nicht ins Spiel bringen.

Produktwerbung stellt Emotionen dar, lässt Menschen über das Ergebnis eines Waschmittels wie über eine neue Entdeckung staunen, versucht inzwischen den Eindruck von Authentizität von Emotionen zu erwecken, indem Menschen in Interviewsituationen über ihre begeisternden Erfahrungen mit Produkten berichten. Tagesschausprecher können heute auch Frauen sein, dürfen lachen und Emotionen sichtbar werden lassen.

Die Zügel wurden gelockert, es gibt aber weiterhin Zügel. Für die psychische Gesundheit ist es besser Emotionen nicht zu stark zu unterdrücken und Kanäle zu finden, auf denen sie zu einem Ausdruck kommen können. Diese Kanäle müssen sowohl individuell als auch gesellschaftlich vorhanden sein. In Bezug auf Emotionen ist es Aufgabe von Erziehung und Bildung dafür einen Weg zu zeigen, der sowohl dem Individuum als auch der Gesellschaft verpflichtet ist.

Bei meiner PV im Kontext von Bildung und Differenz erwähnte der Dozent das Bemühen dahin zu erziehen, dass man in Würde arbeitslos sein kann. Mich fasziniert das. In einer unsicher erscheinenden Welt mit der Vergangenheit einer rassistisch konstruierten Weltordnung, wie geht man mit den Emotionen um, die bei Erfolgslosigkeit entsprechend gesellschaftlich verbreiteter Werte entstehen? Wie geht man damit um sich als wertlos, ausgeschlossen, Müll betrachtet zu erleben oder wenn man gelernt hat sich selbst so einzuschätzen? Und wie geht man mit den Emotionen um die der Eindruck auslöst, fortwährend von der Möglichkeit eines Abstieg in Wertlosigkeit bedroht zu sein?

Differenzerfahrungen dieser Art sind allerdings nur ein Teil des Ganzen. Es ist durchaus Aufgabe von Erziehung und Bildung generell nach der Art der Formung der Emotionen und der Art ihrer Kontrolle und ihres Ausdrucks zu fragen. Was erwartet die Gesellschaft und was passiert im Individuum? Welche Emotionen werden durch gesellschaftliche Strukturen ausgelöst? Wer darf und wer soll sie wie ausdrücken? Welche Räume des Ausgleichs werden zur Verfügung gestellt? Wie weit darf Kontrolle eingefordert werden? Wie sinnvoll ist es Emotionen zu unterdrücken und zu ignorieren?

Ich kann dabei einen Unterschied zwischen Ausbildung und Bildung feststellen. Ausbildung darf (muss aber nicht!) Emotionsmanagement entsprechend äußerer Vorgaben einfordern, Bildung kann sich damit jedoch nicht zufrieden geben. Bildung muss in Bezug auf  Emotionen Erkenntnis- und Ausdruckswege vermitteln, die es dem Individuum ermöglichen die eigenen Emotionen und die anderer nachzuvollziehen und dies auch in einer kreativen Form zum Ausdruck zu bringen. Kreativ bedeutet in diesem Fall, dass spontane, aus spezifischen Situationen entstehende Neuschöpfungen des Ausdrucks und Umgangs mit Emotionen ermöglicht werden.

(Fortsetzung notwendig, momentan aber noch nicht möglich)

Die Beschäftigung mit dem Thema Emotionen und ihre subtilen Auswirkungen

Zur Zeit pausiere ich. Mit weiterem Lesen zum Thema, mit der direkten Vorbereitung der Bachelorarbeit. Es ist ein guter Zeitpunkt um die Frage zu stellen: Was hat das eigentlich alles gebracht, das viele Lesen, Nachdenken und dazu Blogeinträge schreiben.

Erst einmal: es hat etwas gebracht. Nach wie vor bin ich auch der Ansicht, dass Emotionen ein grundlegendes Thema für den Bereich der Bildung sind. Warum? Weil die Haltung zu Emotionen in der abendländischen Kultur eine sehr wechselhafte Geschichte hat, weil Emotionen ein untrennbarer Bestandteil eines Menschen sind und weil viele Fragen nicht ausreichend geklärt werden können, wenn Emotionen als Einflussfaktor nicht berücksichtigt werden. Vor allem aber weil wissenschaftlich fundiertes Wissen über Emotionen und ihre Funktion Einstellungs- und Verhaltensänderungen bewirken kann. Das ist etwas von den Dingen, die man nicht sofort sieht, die sich aber in konkreten Fällen deutlich bemerkbar machen.

Mich hat es verändert. Wie? Das ist schwer, ganz schwer zu erfassen. Erst einmal: Denken und Emotionen arbeiten jetzt besser zusammen. Ich nehme meine Emotionen ernster, während ich ihnen gleichzeitig weniger Bedeutung gebe, da ich mir ihrer Flüchtigkeit stärker bewusst bin. Ich muss weniger auf meine Emotionen reagieren und kann sie stärker als reine Informationsquelle für mich beobachten. Ich weiß jetzt, dass meine Emotionen mir Informationen über mein eigenes Wertesystem geben, das aber relativ ist. Also sind auch meine Emotionen relativ. Ich kann andere Menschen mit ihren Emotionen in der gleichen Weise sehen und das gemeinsame Zusammenspiel von Relativitäten, die aber für jeden Einzelnen die eigene Wirklichkeit darstellen. Es wird wichtiger Lösungen zu finden, die die Wahrnehmungen aller berücksichtigen können, als in der Beschreibung und Erfassung von Situationen und Schuldzuweisungen hängen zu bleiben. Ich habe plötzlich das Bedürfnis zu vergeben, denn wir sind alle unvollkommen.

Ich kann besser differenzieren. Was ist meins und nur für mich wichtig und was ist auch für andere von Bedeutung. Und wie schaffe ich es nicht das Feuer zu schüren, sondern Klarheit zu erreichen und Probleme deutlich zu benennen. Unter Berücksichtigung der Informationen, die ich aus meinen Emotionen gewinne. Was ist da eigentlich los, worauf reagiere ich tatsächlich, was stört mich und wie weit ist das auch für andere bedeutungsvoll. Und wie vermittele ich das am verständlichsten und wo halte ich besser meinen Mund.

Ich bin wesentlich mehr bereit meine Emotionen zu regulieren. Sie, wenn sinnvoll, gezielt zu zeigen oder sie zurückzuhalten und abzuschwächen. Auch wenn ich ganz allein bin. Öfter als früher halte ich inne, um mich mir selbst zuzuwenden und mir eine Freude zu bereiten. Ich bin mehr bereit mich deeskalierend zu verhalten, allerdings ohne etwas vorzugeben, das so nicht besteht. Ich bin in Konfliktsituationen mehr bereit Emotionen als Argumente anzuführen ohne aber diese Emotionen selbst in einer negativen Form wirksam werden zu lassen.

Kurz: ich nehme Macht, Bedeutung und Einfluss von Emotionen bei mir und anderen verstärkt wahr, und versuche in einer Weise damit umzugehen, dass ich ein für mein Wertesystem positives Ergebnis erreichen kann. Ob das Ziel erreicht wurde, wird mir dabei von Emotionen angezeigt.

Auswirkungen sind der Eindruck von größerer Kontrolle und besserem Verständnis, was mich zur Fortsetzung des Verhaltens motiviert, der Eindruck, dass ich Emotionen von mir und anderen nicht ausgeliefert bin, dass ich durch ein geeigneten Verständnis von ihnen Ursachen für Probleme besser herausfinden und Strategien für einen positiven Umgang mit mir, mit anderen Menschen und mit Situationen entwickeln kann. Emotionen sind eine wichtige, zusätzliche Informationsquelle, aber kein Grund auf sie zu reagieren oder sie als Vorgabe für Verhalten oder Handeln zu benutzen.

Emotionen im Kontext von Volition

Neuer Versuch: Ich schreibe im Moodleforum der Bachelorarbeit zu meinen Konflikten um die Themenorientierung meiner Bachelorarbeit und es hilft. Ich bekomme Antworten, mit denen ich weiter denken kann, aber vor allem bekomme ich erneut ein Feedback dafür, dass auch andere das Thema interessant finden. Das Gefühl der mangelnden Relevanz für andere schwindet erneut. Ebenfalls bekomme ich so einen Hinweis auf einen Text im Kontext der FU zu Volitionaler Transferunterstützung und finde dazu ein pdf. Dieses erscheint mir als Beispiel für den sinnvollen Aufbau einer Arbeit sehr interessant und entgegen sonstiger Gepflogenheiten drucke ich es mir aus, um es ausführlich bearbeiten (also intensiv bekritzeln) zu können. Als Ergebnis werden meine Gedanken in Richtung eines ganz anderen Aufbaus meiner Arbeit gelenkt, zu dem ich einen ersten Versuch starte.

Allerdings bleibe ich schon nach kurzer Zeit an den Inhalten meines Themas selbst hängen. Ich habe den Text nicht nur auf seinen Aufbau hin untersucht und gelesen, sondern auch auf die Haltung zu Emotionen geachtet. Das scheint inzwischen eine Gewohnheit geworden zu sein.

In dem Text werden Emotionen als Teilfunktion kooperierender psychischer Funktionen verstanden. Mit ihnen soll in der Form verfahren werden, dass sie im Sinne eines zielgerichteten Lernverlaufs kontrolliert (S.5) und koordiniert werden (S.9). Als Bespiele werden dabei die Herbeiführung eines entspannten, zufriedenen Zustands und die Meidung trauriger Gefühlslagen angeführt (S.12).

Allerdings können noch weitere gelistete Strategien der Handlungskontrolle (S.12) in einem Zusammenhang mit Emotionskontrolle verstanden werden, eindeutig Aufmerksamkeitskontrolle und Umweltkontrolle. Beide stehen in einem Zusammenhang mit Strategien der Emotionsregulierung in Form der Situationsauswahl und -modulation als auch der Veränderung der Ausrichtung der Achtsamkeit, dem Cognitive Change oder der Response Modulation. Das verweist darauf, dass Teilfunktionen im Modell zwar getrennt werden können, in der Wirklichkeit sind sie es allerdings nicht, bzw. eine andere Perspektive kann zur Konstruktion anderer Zusammenhänge führen.

Im Hintergrund werden dabei eine stärkere Orientierung an Selbstverwirklichung als an Selbstdisziplin und Selbstkontrolle im Verlauf gesellschaftlicher Trends angeführt (S.11), als auch Befunde von Pekrun, dass sich willentlich kontrollierte positive Gefühlslagen im Bezug auf das Lernen förderlich auf Performanz und Leistung auswirken (S.12). Der Einsatz der Volition wird dabei als eine Strategie betrachtet, die vor allem in extrinsisch orientierte Lernsituationen benutzt wird, von denen angenommen wird, dass sie den eigenen Wünschen und Bedürfnissen nicht entsprechen. Es wird dabei vom Auftreten begleitender negativer Emotionen, abschweifender Gedanken und Stress ausgegangen. Diese sollen willentlich kontrolliert werden, wenn kurzfristige Schwankungen der Motivation auftreten (S.15). Diese Befähigung wird als Erwartungshaltung einer modernen Gesellschaft an schulische Ausbildung bezeichnet (S.15f).

Als Geltungsbereich des Einsatzes von Volition werden

  • zu erledigende Aufgaben ohne Entscheidungsspielräume
  • Auftreten von Störreizen
  • Repetitive Aufgaben, die mit der Vorstellung von langweilig und enervierend verknüpft sind.

genannt. Emotionsregulierung ist dabei ein Teil der volitionalen Verhaltenssteuerung (S.16). Als Bestandteile der volitionalen Kompetenz für das Fernstudium werden dabei als emotionale Komponenten Frustrationskontrolle und Umgang mit Isolation angeführt (S.18). Im Beschreibungsteil des VDM (Volitionales Designmodell) werden exemplarisch noch Strategien zum Umgang mit Entmutigung und Angst genannt (S.22).

Bei der Operationalisierung der Emotionskontrolle traten wohl Schwierigkeiten auf, die im Text aber nicht weiter ausgeführt werden (S.23). In Bezug auf bestehende grundsätzliche Probleme mit der Operationalisierung von Emotionen ist das allerdings von Interesse.

Im Kontext mit übermäßiger Disziplin um ihrer selbst willen taucht der Begriff Ganzheitlichkeit auf (Triade aus Kopf, Bauch, Herz) (S.24). Diese Bereiche werden als auszubalancierende bestimmt. Der Text dazu bleibt jedoch für Vorstellungen einer konkreten Umsetzung in der Praxis recht vage (S.25f). Als Anwendung wird der VPT (volitionaler Personen Test) vorgestellt (S.26). Genauer Informationen zu Vorstellungen in Bezug auf Emotionen wären dann dem Test selbst zu entnehmen. Diesen in die Untersuchung einzubeziehen geht ebenso wie die Einbeziehung des erwähnten Strategiebuchs zur VTU über meine Absicht jedoch hinaus.

Erwähnenswert ist noch der Hinweis darauf, dass es Befunde dafür gibt, dass eine ausufernde volitionale Handlungssteuerung zu schweren physischen und psychischen Erkrankungen führen kann (S.31). Im Kontext von Emotionsforschung handelt es sich dabei um einen maladativen Umgang mit Emotionen.

Auf Seite 35 werden weiterhin noch einmal ausdrücklich emotionale Probleme als Ausrichtung der Aufmerksamkeit aufgeführt.

Kommentar

In Bezug auf Emotionen ist dieser Text für mich frustrierend. Emotionen erscheinen in der Gesamtheit wenig als Potentiale und Ressourcen, sondern vor allem als zu bewältigende Probleme. Das steht zwar mit dem speziellen Einsatzbereich der Volition in Verbindung, ändert aber nichts daran, dass von Emotionen primär ein Bild von Schwierigkeiten entsteht. Genau das entspricht einer Haltung, bei der Emotionen in Bezug auf das Lernen vor allem als störende Erscheinungen betrachtet werden. Der Inhalt des Textes selbst macht Emotionen zwar nicht dazu, es ist die Häufung der entsprechenden Thematik, die diesen Eindruck entstehen lässt.

Parallel wird eine Haltung im Bereich von Unternehmen sichtbar und thematisiert, in der Disziplin überbewertet wird und dadurch Probleme verursacht (S.25f). Disziplin kann dabei durchaus auch mit einer übermäßigen und ungeeigneten Emotionskontrolle und -regulierung in Verbindung gebracht werden. Deutlich schimmern hier Werte hervor, nach denen Disziplin für Zielerreichung so gut ist, dass sie ruhig übertrieben werden kann, Emotionen stellen dagegen vor allem eine Gefahr dar.

Ein wenig fruchtlos wirkt auf mich hier der Rückbezug auf eine Tradition der Ganzheitlichkeit. Da war doch noch was. Damals. Als man Ideen dazu hatte, dass der ganze Mensch zu bilden sei und aus einer Gesamtheit besteht, in der Emotionen einen bedeutenden Platz einnehmen.

„…da die Gefühle so wohltätig und mächtig auf die Tätigkeit des Menschen wirken, ihn für Wahrheit und Recht erwärmen, ihm Mut und Kraft bei Hindernissen geben, da die Gefühle eine reiche Quelle edler Freuden des Lebens werden können, da sie, wenn sie zweckmäßig geleitet werden, nicht nur ein Hindernis, sondern ein Beförderungsmittel sind, daß der Mensch seine Bestimmung erreiche“ (Milde, 1811/1965, S.419)

In der Welt der Wirtschaft scheint eine solche Ausrichtung nach wie vor weniger eine Rolle zu spielen. Allerdings lässt sich an diesem Punkt wiederum eine Verbindung zu den Nutzungsbemühungen der Emotionalen Intelligenz und emotionalen Kompetenz im Interesse besserer Wirtschaftlichkeit vor allem in Bezug auf Management sowie die damit verknüpfte Problematiken einer Nutzung und Einbeziehung von Emotionen im Sinne erhöhter Produktivität herstellen.

Emotionen mögen es so gar nicht, wenn sie gering oder falsch geschätzt werden, denn Emotionen sind mit Bewertungssystemen auch in Bezug auf ihre eigene Stellung verknüpft und verursachen Reaktionen. Eine davon kann sein, dass sie die Mitarbeit und damit die Nutzung ihrer förderlichen Potentiale verweigern. Emotionen haben außerdem die Funktion zu markieren, was für einen Menschen bedeutsam ist und damit Komplexität zu reduzieren, und liefern wichtige Hinweise darauf, wie mit Situationen, Menschen oder Objekten verfahren werden soll und was dabei Priorität hat. Eine Verbindung kann an dieser Stelle durchaus mit der nachlassenden Lernfreude von Kindern im Verlauf ihrer schulischen Sozialisation hergestellt werden.

Aus dem Text lässt sich ablesen, dass Emotionen als eine psychische Funktion in Kooperation mit anderen psychischen Funktionen verstanden werden. Wie die Emotionsregulierung, also das Einwirken auf diese spezifische psychische Funktion, genau aussehen soll, lässt sich weniger gut bestimmen. Entspannung, Zufriedenheit und Meidung von Trauer lassen sich ausmachen, was ist aber mit einer Lenkung hin zu Begeisterung, Freude oder Bedeutsamkeit? Oder mit einer Wandlung extrinsischer Motivierung zu intrinsischer Motivierung durch Nutzung von Emotionen? Oder der Verknüpfung von Pflicht mit Freude? Auch das sind Formen der Emotionsregulierung, die hier aber weniger Beachtung zu erfahren scheinen, auch wenn sie letztlich nicht ausgeklammert sind.

Beruhigung, Meidung und Ruhe sind nicht die einzigen möglichen Strategien. Was sie auszeichnet ist, dass diese die Potentiale von Emotionen kaum nutzen. Eine Betonung von negativen Aspekten und Vermeidung wird aber kaum Interesse daran wecken, sich mit den Potentialen von Emotionen genauer zu beschäftigen oder ihren Wert an sich zu erhöhen. Letztlich bleiben sie die Begleiterscheinungen, die manchmal etwas lästig sind und sich möglichst wenig bemerkbar machen sollen, sie werden aber keine „reiche Quelle edler Freuden des Lebens“ (Milde, 1811/1965, S.419), oder Ressourcen in Transformationsprozessen und Begleiter des Umlernens Erwachsener.

Mit diesen Überlegungen sollen die Bedeutung von Volition und ihre Einsatzmöglichkeiten nun keinesfalls geschmälert werden. Es geht nur darum auf mittransportierte Informationen in Bezug auf die Einschätzung von Emotionen aufmerksam zu machen. In Emotionen steckt nun aber viel mehr Potential. Das bleibt in diesem Text leider verborgen.

Referenzen:

Deimann, M., Weber, B. & Bastiaens, T. (2008). Volitionale Transferunterstützung (VTU) – Ein innovatives Konzept (nicht nur) für das Fernstudium. Abgerufen unter: http://deposit.fernuni-hagen.de/344/1/2008-01-Volitionale-Transferunterstuetzung.pdf (letzter Aufruf 16.8.2015)

Milde, V.E. (1811/1965). Lehrbuch der allgemeinen Erziehungskunde. Paderborn: Ferdinand Schöningh.

Emotionen und Bildungswissenschaft

Inzwischen bin ich im Thema Emotionsregulierung gelandet und dachte, jetzt wird es übersichtlicher. Genauso wie für Emotionen selbst gilt jedoch, dass es mehr als eine Definitionen gibt und dass sich das Thema im wissenschaftlichen Bereich noch in der Entwicklung befindet.

In Bezug auf Emotionen und den Bildungsbereich gehe ich momentan davon aus, dass es sich bei der Regulierung von Emotionen um eine grundlegende Lernleistung handelt und diese auch nicht im Verlauf von Kindheit und Jugend beendet ist. Neben dem International Handbook of Emotions in Education habe ich jetzt das Handbook of Emotion Regulation in vergleichbarer Stärke vorliegen und langsam fühle ich mich doch etwas überfordert. Es ist einfach kein Ende meiner Auseinandersetzungen abzusehen.

Nach wie vor halte ich die Auseinandersetzung mit dem was Emotionen sind, wie mit ihnen umgegangen wird und welcher Umgang mit ihnen gelehrt wird für grundlegende Fragestellungen für den Bildungsbereich. Wie Emotionen eingeschätzt werden, hat dabei einen unmittelbaren Einfluss auf die Vorstellungen davon wie sie reguliert werden können und sollen.

„Definitionen von Emotionen erfolgen zumeist intuitiv, implizit und beruhen auf einem Alltagsverständnis.“ (Scheve, 2009, S.69)

Die grundlegende Haltung zu Emotionen und das Alltagsverständnis was sie sind, muss für die Anwendung von Emotionsregulierung auch nicht reflektiert werden. Emotionen sind allen aus der subjektiven Erfahrung bekannt, was eine ausreichende Kenntnis suggerieren kann.

Scheve (2009, S.183) beschreibt beispielhaft für die Soziologie drei verschiedene Ansätze in der Haltung zu Emotionen.

  1. Konventionell: Emotionen und Rationalität werden als entgegenstehend verstanden.
  2. Kritisch: Emotionen und Rationalität stehen in einem gegenseitigen Ergänzungsverhältnis.
  3. Kontinuum: Emotionen und Rationalität sind zwei Kategorien des Denkens in einem fortlaufenden stetigem Prozess und keine „natürlichen“ Kategorien

Jede dieser Haltungen führt dabei zu einer anderen Sicht auf Emotionen, die sich auch in der damit verbundenen Vorstellung angemessener Regulierung niederschlägt. Werden Alltagsvorstellungen nicht reflektiert, wirken sie sich ohne Bewusstheit ihrer Grundlagen aus. Im Zusammentreffen von Menschen mit unterschiedlichen Vorstellungen kann es dann zu Missverständnissen kommen, für deren Klärung keine Grundlage zur Verfügung steht.

Interessant ist in diesem Zusammenhang die Ausrichtung, die bei unterschiedlichen Disziplinen zu beobachten ist. Während in der Soziologie der Emotionen die (schonungslose) Aufdeckung von Strukturen, Zusammenhängen und Beeinflussungen zwischen Emotionen und gesellschaftlichen Strukturen im Vordergrund steht, findet sich bei einer verhaltenstherapeutischen Ausrichtung im Sinne von Glasenapp (2013) der Versuch nicht zwischen negativen und positiven Emotionen zu unterscheiden und alle Arten von Emotionen für die Entwicklung des Individuums als Ressource nutzbar zu machen. Wie positioniert sich die Bildungswissenschaft in diesem Zusammenhang?

Es gelingt mir nicht einen verlässlichen Überblick zu gewinnen. Tendenziell habe ich aber den Eindruck, dass mit Emotionen vor allem umgegangen wird, weil es sich nicht vermeiden lässt. Emotionen stehen nicht im Mittelpunkt des Bildungsinteresses. Sie sind die ewigen Begleiterscheinungen, die Lernen und Lehren behindern oder fördern. Dabei scheinen, zumindest bei Praktikern, recht klare Vorstellungen davon zu existieren, wie sich Emotionen optimal ausdrücken sollen. Momentan scheint es, dass positive Emotionen zu fördern sind, negative zu vermeiden. Allerdings sind diese Vorstellungen Wandlungsprozessen unterworfen und stehen im Zusammenhang mit allgemein verbreiteten Haltungen zur Bedeutung von Emotionen in der Gesellschaft. Das betrifft nicht nur Emotionen an sich,  sondern auch das was unter positiven und  negativen Emotionen verstanden wird.

In meiner Grundschulzeit sollten beispielsweise Schüler in der Unterrichtszeit vor allem ruhig sitzen, konzentriert zuhören und Anweisungen folgen. Emotionen zu zeigen wurde nicht gefördert, diese durften allerdings in der Pause auf dem Schulhof und beim Spiel mit anderen Kindern gezeigt werden. Bis weit in die 60er Jahre hinein habe ich eine Kultur von Schulhofkämpfen in Erinnerung, in denen Emotionen sehr stark sichtbar wurden, die von Lehrern nicht unterbunden und auch nicht als problematisch betrachtet wurden, und die ich heute als Entlastung begreifen kann. Zu diesem Zeitpunkt existierten in der Gesellschaft noch sehr starke Vorstellungen davon, dass Emotionen vor allem in den privaten Bereich gehören.

Lehrer waren mit anderen Problemen konfrontiert als in einer Gesellschaft, die das Hervortreten von Emotionen in allen Bereichen anerkennt. Dadurch wird es auch für Unterrichtssituationen bedeutsam, welche Emotionsnormen Anwendung finden. Es ist dabei einfacher Emotionen bzw. den Emotionsausdruck weitgehend auszuklammern, als Emotionen und Emotionsausdruck nur in bestimmten Formen zu akzeptieren, bzw. sogar zu erwarten. Ich kann nur empfehlen sich einmal alte Schulfotos auf den Emotionsausdruck hin anzuschauen und damit zu vergleichen, was im Lauf der Zeit üblich geworden ist. Heute möchte man eher glücklich und begeistert wirkende Schüler auf Fotos sehen. Das Gleiche gilt übrigens für Mitarbeiterfotos.

Es haben sich also im Lauf der Zeit immer wieder andere Emotionsregeln und -normen entwickelt und werden das auch weiterhin tun. Gesellschaften sind nicht statisch. Interessant sind in diesem Zusammenhang auch die von Wouters (1999) beschriebenen Informalisierungsprozesse. Bei einem verringerten Außenzwang ist eine stetige Zunahme an Selbstregulierung im lockerer werdenden Umgang miteinander während der Entwicklung der Zivilisation zu beobachten. Ursache ist dabei auch eine zumindest rechtliche Angleichung der Individuen.

„Die Aufgabe, Neid zurückzudrängen, gestaltet sich schwierig, da unserer Gesellschaften nicht die völlige Angleichung aller materiellen Verhältnisse anstreben. Sie bestehen darauf, daß alle Menschen die gleichen politischen und bürgerlichen Rechte haben – niemand hat mehr Stimmen oder mehr Religionsfreiheit als jemand anderer-, aber was Einkommen und Vermögen und die damit verbundenen Lebenschancen betrifft, dulden sie manche Ungleichheit, um Anreize für Leistung und Innovation zu setzen, die das Wohlstandsniveau der gesamten Gesellschaft heben.“  Martha C. Nussbaum: Politische Emotionen (2014). Berlin: Suhrkamp, S. 191.

Auf der Basis dieses Zitats lassen sich Problematiken in Bezug auf Emotionen recht gut erahnen. Gleichheit und Ungleichheit wirken zusammen und müssen bei der Betrachtung von Emotionen und Emotionsregulierung beachtet werden. Allerdings immer unter der Voraussetzung, dass Emotionen, ihre Entstehung und ihr Ausdruck als in gesellschaftliche Strukturen eingebettet verstanden werden.

Mag die Verhaltenstherapie Individuen einen Ausweg zeigen können, das Bildungssystem kann es nur begrenzt. Es bleibt ein Funktionssystem der Gesellschaft mit der Aufgabe ihrer Erhaltung und Reproduktion. Das Individuum und seine Entwicklung selbst können nur begrenzt im Mittelpunkt stehen. Immer auch hat das Individuum im gesellschaftlichen System zu funktionieren, sonst muss das Bildungssystem letztlich sein Scheitern verkünden.

Die Aufgabe des Bildungssystems in Bezug auf Emotionen kann dahin identifiziert werden, dass Individuen lernen in einer Weise mit ihnen umzugehen, die eine Balance zwischen individuellen Interessen, Bedürfnissen, Zielen und Motiven und gesellschaftlichen Anforderungen in einer komplexen, sich schnell wandelnden Gesellschaft zu ermöglichen. Damit verbunden ist auch das Eingeständnis des immer Unzureichenden. Das Spannungsverhältnis in dem sich Bildung bewegt, ist nicht aufzuheben, nur immer wieder neu zu erkennen und zu benennen. Auch im Verständnis und im Umgang mit den Emotionen.

Referenzen:

Glasenapp, J.G. (2013). Emotionen als Ressourcen. Manual für Psychotherapie, Coaching und Beratung. Basel: Beltz.

Gross, J.J. (Ed.) (2007). Handbook of Emotion Regulation. New York: The Guilford press.

Nussbaum, M.C. (2014). Politische Emotionen. Berlin: Suhrkamp.

Pekrun, R. & Linnenbrink-Garcia, L. (Ed.) (2014). International Handbook of Emotions in Education.  New York: Routledge.

Scheve, C. von (2009). Emotionen und soziale Strukturen. Die affektiven Grundlagen sozialer Ordnung. Frankfurt/New York: Campus.

Wouters, C. (1999). Informalisierung: Norbert Elias‘ Zivilisationstheorie und Zivilisationsprozesse im 20. Jahrhundert. Wiesbaden: Westdeutscher Verlag.

Die Bedeutung von Emotionen in Bildungsprozessen

Seit dem letzten Eintrag ist gefühlt mehr Zeit verstrichen als vier Tage. Während um mich herum Menschen verreisen und/oder die vielfältigen Feste und Festivals des Sommers besuchen, verbringe ich meine Zeit vor allem damit durch Texte zu reisen und mir dazu Gedanken zu machen. Ich bin überrascht und begeistert, fasziniert und deprimiert, verzweifelt und angeregt, schockiert und beruhigt.

Es ist nicht das erste Mal, dass ich verblüfft bin, wohin mich die Reise durch die Texte geführt hat. Ich schaue jetzt mit anderer Augen auf die Welt. Emotionen sind keine authentischen, natürlichen Erscheinungen. Emotionen werden durch die soziale Umwelt, durch die Sozialstruktur geformt. Sie werden zwar subjektiv und individuell empfunden, sind dabei aber eingebettet in das was den Menschen geformt hat und auf ihn einwirkt und ein Ausdruck dieser Strukturen. Wie sieht unter dieser Prämisse die alleinige Verantwortlichkeit des Menschen für seine Emotionen aus?

Es geht auch nicht primär um Emotionen an sich, vor allem nicht im Bereich der Bildung. Es geht um den Umgang mit ihnen, um ihre Regulierung und wovon sich die Maßstäbe dafür ableiten. In Hinblick darauf ist dann das verbreitete Wissen um das was Emotionen eigentlich sind, welche Funktion sie haben und wie sie in ihrer Bedeutung für den Menschen und die Gesellschaft eingeschätzt werden von Bedeutung.

Emotionsregulierung zu vermitteln und zu erlernen ist Aufgabe von Erziehung und Sozialisation und beide sind grundlegende Bereiche für eine Beschäftigung mit Bildung. Die große Frage dabei ist die nach der Bewusstheit. Wie weit sind sich die Handelnden darüber im Klaren was sie tun. Ich war es bisher nicht. Ich war mir nicht bewusst, dass ich die Emotionen anderer manipuliere oder wie ich auf meine eigenen einwirke. Oder dass es Systematiken für die verwendeten Strategien der Emotionsregulierung gibt. Ich war mir nicht bewusst, dass ich internalisierten Emotionsnormen folge, dass es in unterschiedlichen Teilbereichen der Gesellschahft unterschiedliche Emotionsnormen geben kann und dass dadurch Konflikte auftreten können, deren eigentliche Ursachen nur schwer zu bestimmen sind, wenn man sich nicht darüber bewusst ist, dass es so etwas wie Emotionsnormen überhaupt gibt.

Ich wusste nichts von Informalisierungs- und Formalisierungsprozessen bei der Entwicklung von Emotionsregulierung im Prozess der Kulturentwicklung. Es war mir nicht klar, dass ich zu einer Generation gehöre, die alte Regeln zum Umgang mit Emotionen in Frage gestellt haben, war mir nicht im Klaren darüber wie sich der Umgang mit Emotionen seitdem entwickelt hat und wie sich Emotionsnormen seitdem geändert haben. Ich kann das jetzt anhand der Erfahrungen meiner eigenen Lebenszeit nachvollziehen. Da ich mir bisher darüber aber nicht bewusst war, konnte ich es das nicht gezielt in meine Überlegungen einbeziehen.

Das ist das spannende an dieser Reise durch die Texte, gegen die Reisemöglichkeiten und Feste in der Außenwelt weit weniger interessant wirken. Diese sind nur flüchtig und vorübergehend, das Lesen und die ausgelösten Überlegungen sind tiefgehender.

Scheve (2009, S.344) erwähnt im letzten Kapitel seine „langjährige Auseinandersetzung mit den (Emotions)Theorien anderer Disziplinen“. Ich lese erst seit einem halben Jahre intensiver wissenschaftliche Texte und Theorien zu Emotionen und meine Einschätzung wird jetzt zurecht gerückt. Ich bin nicht langsam und umständlich. Wenn man den Bereich der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Emotionen einigermaßen umfassend erkunden möchte, so braucht das einfach Zeit, denn es gibt immer wieder überraschende neue Aspekte zu berücksichtigen, die immer wieder alles in einem neuen Licht erscheinen lassen. Es hat seinen Grund warum so viele Wissenschaftler vom Bedarf an interdisziplinärer Arbeit schreiben. Überall ist wichtiges Wissen verstreut. Es ist dabei wie mit dem Blogschreiben. Immer nur einen kleinen Bereich nach und nach zu beleuchten ist einfach. Ganz große Zusammenhänge zusammenzufügen ist schwer und dauert.

Es gibt inzwischen Emotionspsychologie, es gibt die Soziologie der Emotionen, es gibt Emotionsphilosophie – es gibt aber keine Bildungswissenschaft der Emotionen. Zumindest ist mir nichts davon bekannt.

„…spielen Gefühle dabei eine zentrale Rolle. Deshalb ist es merkwürdig, wie wenig die Bildung der Gefühle in den letzten Jahrzehnten in der Erziehungswissenschaft zum Thema geworden ist.“ (Frevert, U. & Wulf, C., 2012, S.5)

Nun, inzwischen würde ich Frevert und Wulf nicht mehr so ganz zustimmen. Wenn man genauer hinschaut, findet man recht viel Material, in dem sich im Bereich der Bildung die Beschäftigung mit Emotionen zeigt. (Ich nehme mir dabei heraus, dass in dem Artikel, aus dem das Zitat stammt, kein Unterschied zwischen Emotionen und Gefühl gemacht wird und die Verwendung des Wortes Gefühl im Zusammenhang mit der deutschen pädagogischen Tradition steht, auf die sich der Artikel unmittelbar bezieht.) Der Bereich Bildung kommt an der Auseinandersetzung mit Emotionen nicht vorbei.

Was jedoch fehlt, ist auch hier eine übergeordnete theoretische Zusammenfassung und ihre Anwendung auf alle Bereiche der Bildung. Der theoretisch abgesicherte, systematische Blick auf die Bedeutung von Emotionen, vor allem aber auf Emotionsregulierung, in allen Bildungsprozessen und bei allen für Bildung relevanten Problematiken. Die bewusste Wahrnehmung und Einbeziehung dessen, was auf der Ebene der Emotionen eigentlich geschieht, kann sehr viele Informationen liefern, die ein umfassenderes Verständnis fördern und ein besseres Eingreifen bei, bzw. einen besseren Umgang mit unterschiedlichen Problematiken im Bildungsbereich ermöglichen. In der gezielten, in bereits vorhandene Theorien eingebetteten Einbeziehung von Emotionen steckt ein hohes Erklärungspotential.

Referenzen:

Frevert, U. &· Wulf, C. (2012). Die Bildung der Gefühle. In: Zeitschrift für Erziehungswissenschaft 15, S. 1-10. Wiesbaden: Springer.

Scheve, C.von (2009). Emotionen und soziale Strukturen. Die affektiven Grundlagen sozialer Ordnung. Frankfurt/New York: Campus.