Bildungsmäuschen

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Änderung von Vorstellungsbildern

Ich bin losgelaufen mit der kleinen Frage im Gepäck, warum Emotionen so wenig explizite Beachtung im Bereich der Bildung zu finden scheinen. Zurück kehre ich ohne eine klare Antwort, aber mit einem dicken Sack voller – nun, ich weiß nicht so recht was in meinem Sack drin ist. Voll ist er, ohne Zweifel, und ich weiß auch, dass es keine Puzzleteile sind aus denen ich erst etwas zusammenbauen muss, sondern dass ich den Sack so nehmen kann wie er ist und je nach Bedarf etwas daraus hervorkramen kann. Der Sack selbst steht für die Wahrnehmung von Komplexität. Es ist die Komplexität, die jeden Moment vorhanden ist, wenn es um Bildung geht. Und das ist wahrscheinlich so, weil es dabei um Menschen geht.

Es gab und gibt diese Haltung, dass Pädagogik Wischi-Waschi-Kram [1] ist und nicht viel notwendig, um ein Lehrer zu sein. Das mit den Lehrern habe ich nie so richtig geglaubt, bei der Pädagogik selbst war ich sehr ambivalent. Einerseits hat sie für mich keine hohe Reputation besessen, auf der anderen Seite habe ich mir unter pädagogischen Kenntnissen etwas Mysteriöses vorgestellt, in das man in besonderer Weise eingeführt werden muss. (Ich beschreibe hier emotional besetzte Vorstellungsbilder, die können sehr unreflektiert und naiv sein. Da sie aber eine starke Wirkung haben und Meinungen automatisiert prägen, ist es wichtig sie erkennen und benennen zu können. Auch wenn das manchmal etwas beschämend ist.) Meine Vorstellungsbilder bezogen auf Pädagogik und Lehrer haben sich während der Beschäftigung mit den Emotionen jedoch gravierend geändert. Daraus besteht mein Sack.

Mein Sack enthält Komplexität und keine klaren Antworten. Er enthält Material um es in komplexen Situationen nach dem jeweiligen Bedarf zu verwenden. Mein Sack ermöglicht einen anderen Blick auf den Menschen selbst, ohne ein festes Bild zu zeichnen. Zwischendurch hatte ich das Bedürfnis meinen Sack zu ordnen, doch ich hatte auch gleichzeitig den Eindruck, dass meine verbleibende Lebenszeit dafür nicht ausreichen würde. Daher habe ich das Problem gelöst, indem ich den Sack so belasse wie er geworden ist, eine ungeordnete Sammlung, aus der ich mir immer wieder herauspicken kann was ich aktuell benötige und woran ich aktuell zu arbeiten Zeit und Motivation finde.

Unglaublich fasziniert bin ich immer noch von der Darstellung von Damasio (2003) aus der sich ergibt, dass Gefühle mentale Prozesse sind. Ich müsste das noch einmal sorgfältig überprüfen, ob ich ihn nicht missverstanden habe, denn die Konsequenzen, die sich für mich daraus ergeben, sind weitreichend. Sind Gefühle, wie Damasio sie versteht, Produkte der Gehirntätigkeit, genauso wie Denken in Sprache und Bildern (und meine entsprechende Selbstbeobachtung spricht nicht dagegen), so löst sich jeglicher Dualismus in Luft auf. Gefühle sind genauso wie Denken auf der sinnlichen Wahrnehmungsfähigkeit des Körpers basierende Informationsverarbeitungsprozesse eines spezialisierten Teils des Körpers. Es gibt keinen Grund das eine dem anderen über- oder unterzuordnen. Es sind einfach nur verschiedene Möglichkeiten, die Menschen zur Verfügung stehen, und die zu verstehen und sinnvoll zu nutzen sie lernen können. Überordnen könnte man allein das Bewusstsein, da in ihm das Potential begründet liegt eine Auswahl zu treffen und Steuerungen vorzunehmen. Das würde sich dann unter anderem auf die Thematik des freien Willens beziehen, als auch die des Beobachters, der in der Lage ist die eigenen inneren Prozesse zu reflektieren. Darum geht es mir allerdings nicht.

Für mich selbst habe ich meine Belege nun erst einmal gefunden, und kann auf dieser Basis weiter machen. In meinen Vorstellungen sind Empfindungen, Emotionen und Gefühle jetzt in einer befriedigenden Weise in das Gesamtsystem integriert. Aus einem diffusen Da-stimmt-was-nicht ist ein Vorschlag zu einer für mich neuen Betrachtungsweise geworden. Das gilt es jetzt zu überprüfen, auszubauen und anzuwenden. Mit anderen Vorstellungsbildern ausgerüstet, nehme ich den Menschen an sich anders wahr.

Damit komme ich zurück zur Pädagogik und der Komplexität und was das mit meinem Sack zu tun hat. Pädagogik ist für mich inzwischen die Wahrnehmung von und die Arbeit mit Komplexität. Pädagogik kann schlecht perfektioniert werden und weiß kaum wo sie hinkommen wird. Sie ist eine fortwährende Herausforderung die bestmögliche und dennoch möglicherweise enttäuschende Lösung zu finden. Und diese Form der Unbestimmtheit ist kein Mangel oder Makel, sondern eine Notwendigkeit. Und aus diesem Grund war und ist der Umgang mit und die Einschätzung von Emotionen und Gefühlen ein Bestandteil pädagogischer Praxis, ganz gleich ob sie explizit benannt werden oder wurden oder nicht.

Eine Veränderung der Betrachtungsweise beispielsweise des Menschen oder der Gesellschaft durch neue Erkenntnisse oder gesellschaftliche Veränderungsprozesse führt zu einer Änderung bewusst angewandter Kenntnisse.  Es bleibt aber ein weiter Raum in dem Situationen Handlungsanforderungen stellen, in denen für die Praxis Lösungen gefunden werden, die auf implizites Wissen zugreifen. Und genau das scheint für mich Pädagogik ihre manchmal verwirrende Unschärfe zu geben.

Anmerkungen:

[1] Die japanische Sprache benutzt ganz selbstverständlich viele Lautmalereien bzw. Dopplungen, um Inhalte zu transportieren. Die Lautmalereien in Mangas kann man daher auch durchaus als etwas betrachten, dass der japanischen Sprache aus sich heraus nahe liegt. Belegen kann ich das nicht, mir gefällt diese sprachliche Möglichkeit aber sehr gut. Für mich stellt sie ein zusätzliches Element für Ausdrucksmöglichkeiten dar, das manchmal Geräusche einfügt, manchmal besondere Betonungen, und manchmal eine angemessene Leichtigkeit oder Auflösung. Nimmt man diese Art von Worten ernst, so können sie durchaus eine Bereicherung darstellen.

Referenz:

Damasio, A.R. (2003). Der Spinoza-Effekt. Wie Gefühle unser Leben bestimmen. München: List.

Emotionen – Coping-Strategien sowie Aufgaben für den schulischen Bereich

Von Frenzel, Götz und Pekrun (2015, S.205) werden drei zentrale Coping-Strategien angeführt, emotionsorientiertes, problemorientiertes und meidungsorientiertes Coping. Der Begriff Coping bezeichnet dort den Umgang mit negativen Gefühlszuständen. Der Artikel selbst gehört zu denjenigen, in denen die Begriffe Emotionen und Gefühle synonym verwendet zu werden scheinen.

Ich stehe dagegen noch stark unter dem Eindruck der von Damasio (2003) als sinnvoll vermittelten Unterscheidung zwischen Emotionen und Gefühlen. Emotionen sind bei ihm mit den von mir als Empfindungen bezeichneten Erscheinungen  verbunden, die auf der Ebene des Körpers wahrnehmbare sind, während es sich bei Gefühlen um mentale Produkte handelt, die zwar Informationen aus dem Bereich der Empfindungen nutzen oder bereits genutzt haben, aber selbst nicht davon begleitet werden. Gefühle haben im Gegensatz zu Emotionen keinen körperlichen Ort an dem sie durch Selbstbeobachtung lokalisiert werden können. Dadurch werden sie weniger greifbar. Damasio berichtet allerdings davon, dass Gefühle als Aktivitäten in spezifischen Gehirnbereichen mit entsprechenden bildgebenden Verfahren beobachtet werden können. Ich vertraue ihm dabei und nehme seine Ergebnisse in meine Vorstellungsbilder auf. Wenn ich nicht lokalisierbare Gefühle habe, so sollte es also möglich sein sie als mentale Produkte durch einen Gehirnscan auf der körperlichen Ebene sichtbar zu machen. Ich stelle mir das nun in meinem Kopf begleitend vor.

Es passiert mir immer wieder, dass ich am Tag Texte lese, danach schlafe und mich nach dem Aufwachen mit einem der gelesenen Aspekte beschäftige, der während des Vortages noch keine besondere Bedeutung hatte. Habe ich viele Texte gelesen, entsteht dabei öfter das Problem, dass ich mich nur noch schlecht erinnern kann wo genau die entsprechende Passage stand. Die Stelle über die Coping-Strategien habe ich nur durch Pdf-Suche gefunden, denn in meiner Erinnerung stand sie an einer anderen Stelle. Steht mir kein Pdf zur Verfügung oder habe ich zu viel gelesen, ist das manchmal ein Problem, da ich dann das Original nicht noch einmal überprüfen kann.

Die Coping-Strategien haben Bedeutung erlangt, weil sie im Zusammenhang mit dem Umgang mit Emotionen UND Gefühlen stehen, an den ich mich aus der Vergangenheit erinnere. Ich überlege nun, ob ich mir inzwischen Wissen angeeignet habe, durch das ich damalige problematische Situationen besser bewältigen könnte. Und ich untersuche die erinnerten Situationen auf Aspekte, die mir bisher entgangen sind.

Die Coping-Strategien überprüfe ich anhand meines erinnerten Materials und überprüfe gleichzeitig erinnerte Vorkommnisse auf die verwendeten Strategien.

Emotionsorientiertes Coping bezeichnet beispielsweise die Vorgehensweise wenn ich die Empfindungen in meinem Körper in einer Situation beobachte, merke wie sich Spannung und starke Empfindungen aufbauen, die ich als nicht sinnvoll betrachte, und daraufhin durch Entspannung sofort entgegenwirke. Auch Reflexionen nach Vorkommnissen, Einwirkungsmöglichkeiten durch die Verwendung von Vorstellungen bzw. Wissen, oder Stop-and.Think, gehören als Strategien in diesen Bereich.

Problemorientiertes Coping beschäftigt sich damit herauszufinden was die Situation ausgelöst hat und wie sich die Situation selbst ändern lässt (vielleicht sollten jetzt alle Kinder erst einmal auf den Schulhof, um sich auszutoben, vielleicht sollten der Sinn der geltenden Regeln erst noch einmal erklärt werden, vielleicht sollte man eine Gruppe anders zusammensetzen, um bestimmte Konflikte zu vermeiden).

Meidungsorientiertes Coping bezeichnet die „behaviorale oder mentale Flucht aus der emotionsauslösenden Situation bzw. Vermeidung einer Konfrontation mit der Situation“ (Frenzel et al., 2015). Diese Form wird als die für viele Situationen ungünstigste beschrieben und genau so habe ich diese Strategie auch in Erinnerung. In der Vergangenheit hat sie mir schon viele Probleme bereitet und Chancen behindert.

Spätestens an diesem Punkt setzt für mich die Bedeutung von Wissen über die Funktion und den Ablauf von Emotionen und Gefühlen ein. In sozialen Geflechten mit pädagogischer Intention ist es von großer Bedeutung erkennen zu können was genau im Bereich von Emotionen und Gefühlen vor sich geht und welche Strategien für einen möglichst positiven Effekt auf das einzelne Individuum und darüber für die gesamte Gemeinschaft am geeignetsten sind. Emotionen tauchen fortwährend auf und formen die Gefühle mit, mit denen Menschen sich selbst und die Welt betrachten und in ihr handeln. Sie liefern die Grundlage für Lernmotivation sowie soziales Miteinander. Sie beeinflussen das Selbstbild und sind mit Vorstellungen von Chancen und Grenzen verbunden. Emotionen und Gefühle können aus vielen verschiedenen Gründen kein störender bloß subjektiver Nebenbeikram sein, sondern erfordern Beachtung, Kenntnisse und sind Lern- und Lehrbemühungen wert. Neben vielen anderen Effekten kann sich Wohlbefinden einstellen, etwas, dem durchaus ein eigenständiger Wert zugeordnet werden kann.

Frenzel, Götz und Pekrun (2015, S.221) beziehen sich auf einen älteren Text von sich selbst und schlagen für den schulischen Bereich vor:

  • „Die Förderung des Bewusstseins dass Emotionen eine wichtige Rolle in Lern- und Leistungskontexten spielen“ (möchte ich um den Begriff Gefühle im Sinne der Unterteilung von Damasio erweitern, außerdem halte ich die ausdrückliche Beachtung sozialer Kontexte für notwendig)
  • Die Vermittlung von Wissen über Emotionen (sie beziehen sich nur auf Leistungsemotionen, was ich für unzureichend halte)
  • Die Vermittlung, dass emotionales Erleben kontrolliert werden kann.
  • „Vermittlung und Üben konkreter Emotionsregulations- und Coping-Strategien“

Eine wichtige Voraussetzung ist dafür, dass die Unterrichtenden selbst über ein entsprechendes Bewusstsein, Wissen über Emotionen und Gefühle sowie Kompetenzen in der Verwendung geeigneter Strategien, auch im Sinne von Modelllernen, verfügen.

Ich kann leider keine Belege dafür vorlegen, gehe aber davon aus, dass ein solches Vorgehen unterm Strich keine Mehrbelastung darstellen würde (im Sinne von immer mehr und mehr Zuständigkeiten), sondern verschiedene Problematiken könnten dadurch kleiner werden oder möglicherweise ganz wegfallen. Kurz, ich halte Emotionskompetenz und fundiertes Wissen über die Funktion sowie die ablaufenden Prozesse bei Emotionen und Gefühlen für Werkzeuge mit großem Einfluss.

Referenz:

Frenzel, A.C., Götz, T. & Pekrun, R. (2015). Emotionen. In: Wild, E. & Möller, J.(Hrsg.) Pädagogische Psychologie, 2., vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage. Berlin, Heidelberg: Springer.

Emotionen – Auf einer fernen nahen Insel

Ich bin auf einer fernen Insel und die Zeit verstreicht. Mein Interesse die Aktivitäten anderer Menschen im Netz zu beobachten sowie Meinungen zu teilen oder zu verbreiten ist schon vor einer ganzen Weile gesunken. Ich verbringe einen beträchtlichen Teil meiner Zeit damit mich mit aufgeschriebenen Gedanken zu Emotionen zu beschäftigen, mir Gedanken darüber und zum Thema insgesamt zu machen, mich selbst zu beobachten sowie auszuprobieren. Es ist ein wenig einsam, das liegt an der momentanen Ausrichtung auf meine eigenen inneren Prozesse. Die Zeit, als ich mit jedem der oder die zur Verfügung stand in einen Austausch über Emotionen zu treten versuchte, liegt hinter mir und es fühlt sich an als wären seitdem bereits Jahre vergangen. Ich bin über die Situation verwundert, mache mir aber wenig Sorgen. Irgendwann werde ich schon fertig sein. Außerdem habe ich immer noch die Hoffnung dabei etwas von großem Gewinn für mich mitzubringen.

Die Frustration nach dem Schlusskapitel des Spinoza-Effekts von Damasio habe ich durch Zufall, Zeit und Lesen der noch zurückgestellten Kapitel vier und fünf überwunden. In der Nacht wache ich auf und wende einen Teil der bei Damasio gelesenen Vorstellungen des Vortags auf mich selbst an. So wie Damasio schreibt, dass er nicht Spinoza erläutern, sondern die durch ihn inspirierten eigenen Gedanken darstellen möchte, geht es mir mit Damasio. Damasio hat mich auf eine Reise in mein eigenes Gehirn mitgenommen. So etwas kann er. Er hat mir neue Vorstellungsbilder zur Anwendung geliefert. Das Gehirn und was in ihm vor sich geht, ist für ihn ein Teil des Körpers. Für mich war das in der Vergangenheit in meiner Selbstwahrnehmung nicht so. Ich kann mein Gehirn nicht fühlen, meinen weiteren Körper aber sehr wohl. Dort lassen sich verschiedenste Arten von Körperempfindungen auch ganz systematisch beobachten, das ist mit etwas Übung recht leicht. Der Bereich des Gehirns bleibt allerdings leer – oder?

Nein, der Raum des Gehirn ist nicht leer. Das Gehirn arbeitet nur anders, daher lassen sich dort andere Erscheinungen beobachten. Die den Empfindungen adäquaten Produkte des Gehirns sind Vorstellungen, Gedanken, Ideen, Bilder. Damasio hat mir für diese Wahrnehmung die Grundlage geliefert. Der weitere Körper liefert Empfindungen als Informationen, das körperliche Gehirn produziert in seiner spezifischen Form wahrnehmbare und verwendbare Informationen. Und das, worum es dabei eigentlich geht, ist anscheinend sowieso etwas ganz anderes. Es scheint das Bewusstsein zu sein.

Beim Versuch dieses genauer zu lokalisieren bin ich eingeschlafen. Im Raum des Gehirns selbst konnte ich es jedenfalls nicht festnageln. Allerdings scheint es sich in dessen Nähe zu verdichten.

Damasio beschreibt die Vorstellung von Spinoza von parallel arbeitenden Systemen. Nach seinen Ausführungen kann ich das in der Selbstbeobachtung nachvollziehen. Die Produktionen des Gehirns zu beobachten ist dabei viel schwerer als die Empfindungen des weiteren Körpers, da sie keinen für mich wahrnehmbaren Ort der Lokalisation besitzen und die Konzentration dadurch schnell abschweift. Es ist schwierig den Strom von Bildern, Gedanken und was auch immer das Gehirn produziert über einen längeren Zeitraum zu verfolgen, um dazu eine Systematik zu erstellen. Aber letztlich ist es nichts anderes was dort produziert wird als es die Empfindungen auf der Ebene des weiteren Körpers sind – Informationsmöglichkeiten für das Bewusstsein. Und genau für das scheint das ganze Theater zu einem beträchtlichen Teil veranstaltet zu werden.

Auf Seite 226 gibt Damasio eine theoretische Erklärung zum Leib-Seele-Problem ab, hier eine für mein Verständnis modifizierte Fassung:

  1. Weiterer Körper und Gehirn sind ein Organismus und interagieren intensiv und wechselseitig. Die Mittel dafür sind neuronale (Nervensystem) und chemische (Blutkreislauf) Bahnen.
  2. Die Aktivitäten des Gehirns sollen vor allem die Lebensregulation des Organismus unterstützen. Unterstützt werden dabei die inneren Operationen des weiteren Körpers sowie die Interaktion zwischen Organismus und sozialer und materieller Umwelt.
  3. Die Aktivität des Gehirns soll vor allem Überleben und Wohlbefinden sichern. (Nebenher können Gedichte geschrieben und Raumschiffe gebaut werden.)
  4. In komplexen Organismen reguliert das Gehirn Operationen, indem es Vorstellungen (Gedanken, Ideen) erzeugt und manipuliert. Der Prozess wird als Geist bezeichnet.
  5. Um Objekte oder Ereignisse innerhalb oder außerhalb des Organismus wahrzunehmen, werden mentale Bilder benötigt. Diese können sich auf die Innen- und die Außenwelt beziehen. Es gibt dabei automatische und willkürliche Reaktionen. Weiterhin die Möglichkeit der Planung.
  6. Die Schnittstelle zwischen Aktivitäten des weiteren Körpers und den geistigen Mustern (Vorstellungen) des Gehirns liegt in spezifischen Gehirnregionen. Neuronale Schaltkreise konstruieren hier kontinuierlich dynamische neuronale Muster. Diese Muster sind Darstellungen der Aktivitäten im weiteren Körper in dem Augenblick in dem sie sich manifestieren.
  7. Die Darstellung der Aktivitäten des weiteren Körpers in den Schnittstellen muss kein passiver Prozess sein. Mentale Karten werden von den Strukturen geprägt in denen sie entstehen. Diese Strukturen werden außerdem von anderen Hirnstrukturen beeinflusst.

Es ist das Bewusstsein des Menschen, das in der Lage ist auf diese Prozesse einzuwirken. Um Flexibilität zu erreichen reicht es nicht, nur Automatismen ablaufen zu lassen. Komplexe Prozesse benötigen zu ihrer Steuerung ein Bewusstsein, das in der Lage ist Informationen neu und kreativ zu verarbeiten um davon ausgehend lenkend einzugreifen. Nach Damasio (2003, S.194) ist es die natürliche Aufgabe der Gefühle (das ist bei ihm etwas anderes als Emotionen, Emotionen liegen Gefühlen bei ihm zugrunde) an den Geist Informationen über die Lebensbedingungen weiterzuleiten und für die Berücksichtigung bei der Verhaltensorganisation zu sorgen. Empfindungs- als auch Denkprodukte stehen beide dem Bewusstsein als vorstrukturierte Informationsquellen für Entscheidungsanforderungen zum Erhalt von Leben und Wohlergehen zur Verfügung (Gedichte schreiben und Raumschiffe bauen könnten dann dem Bereich des Wohlergehens zugeordnet werden) .

Aus dieser Sicht verfügt das Individuum über zwei parallele Systeme zur Informationsgewinnung, die eng miteinander verbunden sind und einem Bewusstsein zur Verfügung stehen, das deshalb benötigt wird, weil automatisierte Prozesse allein nicht ausreichen. Die Art der erzeugten Informationen der beiden Systeme ist in der Wahrnehmung jedoch sehr unterschiedlich, so dass sie als getrennte Systeme verstanden oder auch in eine hierarchische Ordnung gebracht werden können. Beide Systeme liefern jedoch gleichermaßen Informationen, die für das Bewusstsein von Bedeutung sind, um flexibel und effektiv die Funktion des Organismus zu unterstützen.

Referenz:

Damasio, A.R. (2003). Der Spinoza-Effekt. Wie Gefühle unser Leben bestimmen. München: List.

Warum ich es verstehen möchte

Mir falle zwei Gründe ein, die für den Bereich Bildung von Interesse sind. Der Umgang mit den mir anvertrauten Kindern sowie mein eigenes Lernen.

Es geht natürlich mal wieder um den Bereich Emotionen und manchmal helfen nur möglichst exakte Beschreibungen von inneren Vorgängen weiter, um zu erfassen was verändert werden möchte.

Es gibt Momente, da werde ich von unangenehmen Emotionen und Gefühlen überschwemmt, die ich nicht verstehe. Ich weiß, dass es sich dabei um Informationen handelt, auf die mein System reagiert, ohne dass mein Verstand die Informationen aber sofort nachvollziehen kann. Da ist etwas viel schneller als mein Verstand.

Reflexion hilft oft, manchmal auch einfach nur abwarten.

Es gibt Momente, da werde ich dadurch beim Lernen ausgebremst. Etwas geschieht und ich kann einfach nicht weitermachen. Dieses Mal ist es eine Frustration, die mich am Ende des Buches von Damasio über den Spinoza-Effekt erfasst hat. Ich war von dem Buch begeistert. Zu Beginn hatte es einen hohen Erklärwert für mich und ich habe viel davon erwartet. In dem Buch beschäftigt sich Damasio damit was Gefühle aus seiner Sicht sind und unterteilt dabei zuerst einmal in Emotionen und Gefühle, erläutert beide getrennt, um sie danach wieder zusammenzufügen. Interessant ist das vor allem daher, weil beide Begriffe häufig synonym verwendet werden.

Was er aus seinem Fachgebiet der Neurologie dazu vermittelt ist für mich im Gegensatz zu Beiträgen anderer über das Gehirn sehr anschaulich und nachvollziehbar. Damasios Buch ist allerdings insgesamt eine Mischung aus literarischer Erzählung, Präsentation wissenschaftlicher Erkenntnisse, eigener Theorie und Meinung. Bis dicht vor den Schluss war das für mich insgesamt akzeptabel, dann kam der Absturz. Damasio endet mit Ausführungen zu Spiritualität und darin ist er in meinen Augen einfach kein Fachmann. Das wäre jetzt nicht allzu schlimm, es ist in Ordnung wenn jemand seine Meinung präsentiert, die fachlich unzureichende Verbindung von Emotionen, Gefühlen und Spiritualität nehme ich aber als kontraproduktiv war. Wer dem Bereich von Emotionen und Gefühlen zu mehr Ansehen verhelfen will, muss sich gut auskennen, vor allem wenn er Bereiche damit verbindet, die selbst in ihrem Stellenwert problematisch sind.

Die Verbindung mit Spiritualität oder auch Moral und Ethik stellen auch andere her, u.a. Rolf Arnold und der Dalai Lama. Beide wirken dabei allerdings wesentlich kompetenter. Jedenfalls auf der Basis meines Wissens.

Es geht jetzt aber nicht primär um diese Problematik oder dass sie für mich von Bedeutung ist, sondern um meine Reaktion darauf, die ich im ersten Augenblick nicht verstehe. Ich kann nicht weiterlesen und fühle mich schlecht und hoffnungslos. Das Buch, das mich zu Beginn begeistert hat und das ich streckenweise mit höchster Aufmerksamkeit gelesen habe, verliert seinen Wert und wird emotional negativ besetzt. Sogar die ganze Thematik Emotionen wird davon beeinträchtigt. Ich muss mich selbst aufrichten, negativen Gefühlen entgegenarbeiten und mir erklären, dass mein Interesse seriös und ernsthaft ist und keine Spinnerei. Es gelingt mir nicht gut, was mich zusätzlich frustriert. Außerdem habe ich, um das Buch zu lesen, auf andere Aktivitäten verzichtet, was ich nun auch noch bedauere, da mir der Verlust im Nachhinein zu groß erscheint.

Sie mischen sich ein, die Emotionen und Gefühle, sie stören, sie blockieren den Fluss des ungestörten Weiterarbeitens, sie liefern dabei aber auch wichtige Informationen. Aus meinen Erfahrungen und meinem erworbenen Wissen heraus liefern sie mir zu Bedenkendes und zu Bearbeitendes indem sie deutliche Warnsignale aufrichten. Damasio beschreibt, dass in uns das Bestreben vorhanden ist einen Zustand es Wohlergehens zu erreichen. Die unangenehmen Emotionen und Gefühle weisen nun darauf hin, dass etwas zu klären ist, um diesen Zustand wieder erreichen zu können.

Ich mag das nicht. Ich komme aber nicht umhin damit umzugehen. Letztlich werde ich dazu gezwungen der Sache auf den Grund zu gehen. Die Störung, die Irritation zu begreifen.

Mit den Kindern ergeht es mir ähnlich. In der Regel habe ich nach jedem Arbeitstag Klärungsbedarf. Meine Emotionen und Gefühle geben mir vor womit ich mich noch einmal zu beschäftigen habe. Die Verarbeitung durch den bewussten Verstand kommt dabei erst später. Dadurch entsteht gleichzeitig eine Ausrichtung auf negative Aspekte. Denn diese verlangen nach Klärung und dem Versuch der Änderung, nicht die vielen angenehmen und als positiv wahrgenommenen Situationen. Der Wunsch in der Zukunft besser handeln zu können, lenkt meine Aufmerksamkeit auf das was am meisten belastet, um es ändern oder beseitigen zu können.

Nach dieser Erkenntnis und dem Wissen, dass Gedanken einen Einfluss auf Emotionen haben, erscheint es mir sinnvoll als Ausgleich mehr auf das zu blicken was gut funktioniert und gut geklappt hat. Für mich ist es nach wie vor nicht die richtige Haltung negative Erscheinungen und Aspekte unter den Tisch fallen zu lassen und mich möglichst wenig damit zu beschäftigen. Ich weiß, das ist durchaus eine mögliche Strategie, dafür habe ich aber emotionale Grenzen. Gedanken an Balance und Gelassenheit sind für mich jedoch eine vorstellbare Ausrichtung und letztlich drückt sich in meiner bisherigen Haltung durchaus eine Art Defizitorientierung aus. Es ist erst alles gut, wenn alles beseitigt ist, das nicht gut funktioniert. Warum eigentlich? Gelassenheit kann durchaus auch Unvollkommenes stehen lassen.

Das Schreiben als Reflexion hat an diesem Punkt seine Aufgabe erfüllt und mir zur Vorstellung einer für mich passenden Strategie verholfen. Dass Abwarten und Gelassenheit sinnvoll sind gehörte bereits zu meinen Wissensbeständen. Neu ist für mich die Vorstellung eine Balance zwischen den Arten von Erlebnissen herzustellen, mit denen ich mich im Nachhinein beschäftige. Wenn ich mich mit negativen Aspekten beschäftigen will oder muss, so scheint es mir notwendig, ihnen immer auch positive Aspekte zur Seite stelle. Als Ausgleich. Diese Erkenntnis ist jetzt überraschend, allerdings auch logisch.

Es bleibt abzuwarten wie weit sie sich im Alltag umsetzen lässt. Die Chancen schätze ich momentan als gut ein. Vor kurzem habe ich verstanden wie Lachyoga funktioniert, das ich früher nur merkwürdig fand, und dass es sich dabei in Bezug auf Emotionen und Gefühle um eine sinnvolle und durchaus legitime Technik der Beeinflussung handelt.

Emotionen und Paradoxien

Einige meiner Fragen zu Emotionen und den Umgang mit ihnen wurden inzwischen für mich logisch und nachvollziehbar beantwortete. Sehr viel Klarheit hat mir ein Beitrag von Klaus Körber in dem Reader Emotionen und Lernen geliefert, herausgegeben 2008 von Rolf Arnold und Günther Holzapfel. Der Titel lautet Gefühle nach Plan?, ist ein Beitrag aus der Emotionssoziologie und beantwortet unter anderem sehr schlüssig die Frage, weshalb Emotionen in der Soziologie lange Zeit vernachlässigt wurden und warum sich das geändert hat. Gleichzeitig beschreibt er einen paradoxen Zustand des Umgangs mit Emotionen, den er in einen Zusammenhang mit dem neuen Geist des Kapitalismus stellt, in dem protestantische Ethik, Kultur der Sachlichkeit und formale Rationalität zurückgelassen werden. An ihre Stelle tritt ein paradoxes Konzept der Verkettung von ökonomischen Anpassungszwängen und der Verwirklichung persönlicher Bedürfnisse, die nicht mehr als Gegensatz betrachtet werden. Der Wert des Menschen wird dadurch auch nach den ökonomisch verwertbaren, emotionalen Bedürfnissen und Selbstverwirklichungspotentialen gemessen.

Es entsteht ein paradoxer Zustand sozialer Erwartungen dafür, positive Gefühle authentisch zu erleben und die eigenen Bedürfnisse kreativ zu verwirklichen, während parallel standardisierte Anforderungen des Zwangs existieren, Emotionen an funktionale systemische Erfordernisse anzupassen. Negativ bewertete bzw. sozial unerwünschte Emotionen werden dabei weiterhin sanktioniert und ausgegrenzt, sehr häufig durch Pathologisierung. Sie werden als behandlungsbedürftig, da abweichend, deklariert und auch als psychische Erkrankungen oder neuronale Defekte gedeutet, da positive Gefühle zur Norm werden. Emotionen werden zwar wieder in die Öffentlichkeit integriert, aber das Getriebe stören sollen sie dabei möglichst nicht, sondern Marktinteressen nützlich sein.

Eine Grundannahme ist dabei, dass Emotionen beliebig durch Selbstmanagement geformt werden können und damit verbunden, dass die systematische Änderung des emotionalen Habitus des Menschen bis zur Veränderung des Erlebens, verstanden als authentisches Erleben positiver Gefühle in voller Aufrichtigkeit, als ein erstrebenswerter Zustand zu betrachten sei. Der dabei zu zahlende Preis des Einzelnen und der Gesellschaft bleibt dabei erst einmal verborgen. Am Ende des Beitrags versucht Köber die paradoxen Auswirkungen zu beschrieben und die dabei entstehenden neuen Belastungen für den Menschen bestimmten Krisensymptomen zuzuweisen.

Mir hilft dieser Erklärungsansatz beim Verstehen verschiedener Ungereimtheiten auch im Bildungsbereich sehr weiter. Interessanterweise verbindet sich die Fragwürdigkeit dieser Paradoxien mit einem Bildungsbegriff, der im Zusammenhang mit der Betonung von Denken steht, und in dessen Zusammenhang Emotionen für Erkenntnisprozesse als irrelevant und dem Denken untergeordnet verstanden wurden. Genau dieser Bildungsbegriff liefert nun aber Argumente dafür, dass mit Emotionen nicht in dieser Weise verfahren werden sollte. Emotionen enthalten Informationen über Wahrnehmung von Realität und Widerständigkeit gegen Zumutungen. Werden sie auf ein marktgerechtes positives Erleben reduziert, verlieren sie diese Art des Potential für Erkenntnis und Entwicklung des Einzelnen und der Gesellschaft.

Emotionen werden aus dem Privaten zwar in das Öffentliche reintegriert, dabei aber deformiert und an Interessen ausgerichtet gezähmt, die wiederum in Zusammenhang mit Macht- und Dominanzverhältnissen in der Gesellschaft stehen. Mir selbst geht es jedoch um die Nutzung aller Informationen, die unterschiedlichste Emotionen für Erkenntnisprozesse liefern können, während das Individuum lernt, in einer für die eigene und die gesellschaftliche Entwicklung positiven Weise mit Emotionen jeder Art umzugehen, während es dabei ihre jeweilige Bedeutung versteht.

Reader sind sehr interessante Lernmittel. Gleich nach dem Beitrag von Köber folgt ein Beitrag aus psychodynamischer Sicht zur Regulierung von Emotionen in Krisen von Vera Kast, in dem das Potential von negativ bewerteten Emotionen für Veränderungsprozesse und Wandel zum Thema wird. Der Artikel betont am Schluss Wahrnehmung, Regulierung, Differenzierung und die Erhöhung der Bewusstheit von Emotionen. Damit wird auf alle Arten von Emotionen abgezielt. Emotionen und die Beschäftigung mit ihnen ist ganz eindeutig für Erkenntnisgewinn und darüber Änderungen von Einstellungen, Haltungen und Handeln geeignet.

Nach vielen Antworten bleibt für mich allerdings noch immer die ungeklärte Frage, weshalb im Bereich der auf Bildung bezogenen Theorien Emotionen in der Vergangenheit eine untergeordnete Position erhalten hatten. Wie ist dabei das aufeinander Einwirken von Gesellschaft und Bildungssystem zu betrachten? Wo befindet sich die Henne und wo ist das Ei?

Referenz:

Arnold, R. & Holzapfel, G. (Hrsg) (2008). Emotionen und Lernen. Die vergessenen Gefühle in der (Erwachsenen-) Pädagogik. Hohengehren: Schneider.

Dem Ende der ersten Recherche entgegen

Langsam sehe ich ein Ende meiner ersten Recherchearbeit zum Thema Emotionen vor mir. Noch immer bin ich damit konfrontiert dass ich beobachten kann, wie sowohl der Inhalt meiner Gedanken als auch die Körperempfindungen, die ich zu Beginn des Tages habe, sich teilweise gravierend von denen des Vortags unterscheiden. Das betrifft sowohl die Wahrnehmungen im Körper als Gesamtheit, als auch die gedanklichen Verarbeitungsprozesse, die im Gehirn lokalisiert sind. Dabei geraten die Gemeinsamkeiten mehr als die Unterschiede in meine Aufmerksamkeit. In beiden Vorgangsbereichen geht es flüchtig, unbeständig und wechselhaft zu, und von daher sind sie in gleichem Ausmaß zuverlässig bzw. unzuverlässig. Ich habe es immer nur mit momentanen Zuständen zu tun, denen ich nachrätseln, die ich aber genauso gut vorbeiziehen lassen kann.

Passenderweise lese ich am Morgen nach diesen Überlegungen einen Beitrag aus Emotionen und Lernen, herausgegeben von Rolf Arnold und Günther Holzapfel, von Herbert Gerl (2008) mit dem Titel Selbstfindung und Dekonstruktion. Eine Zen-Perspektive für lebenslanges Lernen. Dieser Artikel basiert auf Erfahrungen mit einer sehr ähnlichen Technik der Meditation wie diejenige, auf der mein Beobachtungszugang beruht. Gerls Beitrag liegt eine andere Fragestellung zugrunde wie mir, die Gemeinsamkeiten im Betrachtungszugang sind allerdings sehr groß. Auch mein Zugang basiert auf einer aus den Lehren Buddhas hervorgegangenen Technik. Es geht in beiden Fällen um die Beobachtung dessen, was im Inneren vorgeht, ohne dabei einzugreifen.

Während dadurch ermöglicht wird Realität unmittelbar wahrzunehmen, können sowohl Denken als auch Emotionen als reine Interpretationsschemata dieser Realität wahrgenommen werden. Emotionen genauso wie Gedanken sind permanenter Veränderung unterworfen, wirken aufeinander, sind unbeständig und können nicht festgehalten, d.h. konserviert werden. Sie liefern eine fortdauernde Bewertungs- und Interpretationsfolie zwischen Subjekt und Objekt.

Es handelt sich um eine Art Realität zweiter Ordnung (Gerl, 2008).

Damit existieren parallel eine Realität, die wir unmittelbar mit unseren Sinnen aufnehmen können, die allerdings vom Wahrnehmungsspektrum dieser Sinne begrenzt ist, als auch eine Realitätsinterpretation, die sowohl auf der Ebene der Gedanken als auch der Empfindungen geschieht. Aus dieser Perspektive betrachtet ist jegliche Hierarchie zwischen Denken und Empfinden sinnlos. Beide können nützliche als auch problematische Verarbeitungsformen der Weltwahrnehmung sein.

Interessanterweise beschreibt Gerl den Vorgang der reinen Beobachtung als vollkommen zweckfrei. Es geht allein darum einen Blick auf offene Weite zu ermöglichen. Damit ist nichts verbunden, das in der Zukunft erreicht werden kann, denn die gewonnene und geübte Fähigkeit zum offenen, nicht-bewertenden, nicht-kontrollierenden Wahrnehmen von dem was ist führt nirgendwo hin. Sie erfüllt ihren Zweck allein durch sich selbst.

Allerdings ermöglicht sie das unmittelbare Wahrnehmen und Benennen von Konstruktionen und Konditionierungen, macht sie transparent und verringert dadurch ihre Kraft uns zu bestimmen und zu manipulieren. Eine reine Zweckfreiheit kann ich daher hier nicht ausmachen, was allerdings auch in einem Zusammenhang mit einem unterschiedlichen Verständnis von Zweckfreiheit stehen kann. Ich sehe allerdings einen starken Zusammenhang mit Vorstellungen, dass durch eine Bildung, die auf die Entfaltung des Individuums ausgerichtet ist, Zwänge reduziert und Freiheiten gewonnen werden können. In dem Bemühen von beiden, der beobachtenden Meditation als auch im Bildungsstreben, sind starke Anteile von etwas enthalten, das für die reine Über-Lebensführung nicht notwendig ist, sondern auf den Bereich der Lebensqualität verweist.

Wie dem auch sei. Mir geht es momentan um den Stellenwert von und den Umgang mit Gefühlen und Emotionen und um Wissen darüber, was sie eigentlich sind. Zunehmend wird für mich sichtbar, dass Denken und Emotionen weder unterschiedlich gewichtet, noch unterschiedlich behandelt werden sollten. Die Betrachtung von beiden sollte aus einer anderen Perspektive erfolgen als ich in der Vergangenheit wahrgenommen habe. Spätestens nach dem Text von Gerl muss ich Emotionen auf die gleiche Stufe wie Denken stellen und beide aufs engste verflochten begreifen. Dabei werden Emotionen aber nicht in die gleiche Position gebracht, die Denken einmal hatte, was meine ursprüngliche Vorstellung war, sondern das Denken verliert dabei die herausragende Bedeutung, die es im Verlauf abendländischer Geistesgeschichte häufig erhalten hat. Gleichzeitig ist es unmöglich eine Position zu vertreten, in der Emotionen eine größere Bedeutung als Denken zugesprochen wird.

Erneut geht es um das was Damasio Descartes‘ Irrtum nennt. „Ich denke, also bin ich.“ Denken in seinen verschiedenen Facetten ist nur eine Funktion und Aufgabe des Organismus. Genauso verhält es sich mit Emotionen. Da beide auf unterschiedlichen Bühnen stattfinden, scheint es möglich sie voneinander zu trennen. Bei genauerem Hinsehen ist das aber unhaltbar.

Ich selbst liebe beide Funktionen. Ich liebe es zu empfinden und ich liebe es zu denken. Ich mag beides und ich mag es auch, wenn es schwierig ist oder schmerzhaft. Ich will auch nicht davor entkommen. Gleichzeitig mag ich die Momente unmittelbarer Wahrnehmung, bevorzuge sie aber nicht.

Noch vorgestern hatte ich den Bedarf eines Kategoriensystems für die Vielfalt der Themen im Bereich Emotionen gesehen, da ich mich überfordert fühlte, gestern erschien mir das nicht mehr notwendig, da ich den Eindruck habe, dass mein Gesamtüberblick gewachsen ist. Vorgestern hatte ich sehr unangenehme Körperempfindungen, während ich mich gestern ausgesprochen entspannt und ausgeruht fühlte. Heute Morgen waren meine Empfindungen dagegen gemischt, und während meine Gedanken zum Thema Emotionen wesentliche Ergänzungen vornahmen und sich an einer Formulierung meiner Forschungsfragen zu meiner Bachelorarbeit versuchten, musst ich einen Teil meiner Energie darauf verwenden einzuschätzen, wie lange ich einen fälligen Zahnarztbesuch noch aufschieben kann und warum ich das überhaupt will.  (In diesem Kontext taucht die Frage auf, ob ein identifizierbares Ich überhaupt existiert, die ich aus Gründen der Komplexitätsreduktion aber ignoriere.)

Denken und Empfindungen stehen nicht getrennt. Emotionen ergeben sich als eine Durchmischung von Wahrnehmung, Interpretation, Bewertung, Denken, Gefühlen und Empfindungen. Das ist beobachtbar. Beide Bereiche liefern die Grundlage für Handeln, das dann wieder über die Wahrnehmung der Auswirkung auf das Denken und damit verbundene Gefühle wirkt, bzw. Empfindungen auslöst, die sich mit Denkvorgängen zu Emotionen verbinden, die wiederum Denk- und Empfindungsprozesse in Gang setzen.

Was mir jetzt noch fehlt, ist die ganz spezifische Bedeutung für den Bereich der Bildung, zu der ich inzwischen schon Überlegungen entwickelt habe, die momentan allerdings noch nicht so ganz auf der Ebene des schriftlich Formulierbaren angekommen zu sein scheinen.

Referenz

Gerl, H.(2008). Selbsterfindung und Dekonstruktion. Eine Zen-Perspektive für lebenslanges Lernen. In Arnold, R.& Holzapfel, G. (Hrsg.). Emotionen und Lernen. Die vergesessenen Gefühle in der (Erwachsenen-) Pädagogik. Hohengehren: Schneider.

Theorie in der Praxis suchend

Jeder Tag ist anders als der vorhergehende. Eine banale Aussage, aber etwas das mich immer wieder neu fasziniert. Ich lebe ein Leben, in dem sich Abläufe und Orte regelmäßig wiederholen, und genau dadurch fällt dieser Wechsel so stark auf. Ich habe keine Ahnung was dafür verantwortlich ist und kann es daher nur beobachten und zur Kenntnis nehmen. Schlafen wir drüber und morgen sieht alles anders aus, ist eine zutreffende Anwendung davon.

Gestern habe ich das Lesen zum Thema Emotionen, das mich viele Tage beschäftigt gehalten hat, nicht fortgesetzt, sondern meine Aufmerksamkeit darauf gerichtet die Inhalte im Alltag zu finden. Das war kein beabsichtigtes Verhalten, sondern hat sich aus den Begegnungen des Tages auf der Basis des wochenlang Gelesenen so ergeben.

Das Gegenteil von Vernunft ist Unvernunft, nicht Emotionen oder Emotionalität. Emotionen an sich sind nicht unvernünftig. Das ist die Art wie sie manchmal verwendet werden. Aber auch den Verstand und Rationalität kann man sehr unvernünftig einsetzen. (eigener Kommentar in einem Thread auf Facebook)

Das war so eine Gelegenheit der Anwendung. Außerdem die häufige Beobachtung während des Tages was die eigenen Empfindungen so betreiben, wie ich mich fühle, wann Emotionen auftreten, wie sie sich auf das Handeln auswirken, mit was für Gedankenbildern sie verbunden sind. Eine Schülerin, die mir mitteilt, dass sie schon den ganzen Tag in einer guten Stimmung ist, ein Film, der ein Abel/Kain-Motiv auf sehr interessante Weise thematisiert und bei dem ich mich in den Gefühlszustand der Charaktere versetze, der von den Schauspielern sehr anschaulich dargestellt wird. Der beabsichtigte Ausdruck von Emotion bei anderen im zwischenmenschlichen Kontakt während der Arbeit und ihre Nützlichkeit für die gemeinsame Arbeit, aber auch die Anpassung der Äußerung an das was im gemeinsamen Kontext üblich ist. Die Überlegung, was von einem Vortrag über die Neue Frankfurter Schule an vermittelten Informationen in einigen Wochen noch vorhanden sein wird, durch Vergleich mit den Vorerfahrungen ähnlicher Vorträge, und wie eine stärkere Ansprache von Emotionen die Erinnerung fördern könnte. Die Erinnerungen aus der Vergangenheit an Arbeitsgruppen, die nach Vorträgen stattfanden, und der Vergleich mit dem Nutzen emotionaler Involvierung bei Diskussionsforen im Internet.

Was ich momentan betreibe, erinnert mich an Deweys Methode aus der Praxis in die Theorie, wieder zurück in die Praxis und erneut in die Theorie zurück. Das Thema Emotionen, generell untersucht und nicht auf einen eingegrenzten Bereich, ist dabei etwas sehr spezielles. Emotionen sind fortwährend in den unterschiedlichsten Kontexten und Zusammenhängen vorhanden und können ganz nebenbei untersucht beziehungsweise beobachtet werden. Alles eignet sich, sämtliche Äußerungen des Lebens, gleichzeitig passiert nichts ungewöhnliches.

Hilfreich ist für mich dabei die Unterteilung des emotionalen Bereichs nach Empfindungen, Gefühlen, Emotionen und Stimmungen in Anlehnung an Küpers und Weibler (2005), die allerdings im Bezug auf die Empfindungen von meinen abweichen, außerdem die Vorstellung des untrennbaren Zusammenhangs von Körper, Emotionen, Denken und Handeln, den ich bisher am vehementesten betont bei Gieseke (2007) gefunden habe. Ein weiteres Element ist die Vorstellung von Hintergrundempfindungen, die fortwährend vorhanden sind, bei denen ich jetzt nicht genau weiß, auf wen sie zurückgehen. Diese Form der Empfindungen spielt für mein Thema auch keine Rolle. Es ist allerdings interessant zu wissen, dass Empfindungen als Wahrnehmung der Funktionen des Körpers so lange vorhanden sind wie Leben existiert und dass wir uns in einem gefühls- bzw. emotionsneutralem Zustand befinden können.

Wo ich momentan noch Lernbedarf sehe, sind die von den Neurowissenschaftlern festgestellten Aktivitäten in verschiedenen Bereichen des Gehirns. Ich würde mir das gerne am lebenden Körper vorstellen können, das erfordert aber zuvor eine gezieltes Visualisieren der vorhandenen wissenschaftlichen Kenntnisse, da bisher alle Darstellungen, die ich dazu gelesen habe, mir kein unmittelbares Nachvollziehen ermöglichten.

Es ist etwas schwierig zu beschreiben, aber ich konzentriere mich momentan nicht auf eine Systematisierung dessen, was im Kopf geschieht, ob dort Bilder oder Sprache oder komplexe Vorstellungen auftauchen, nicht auf Inhaltsarten und Formen, sondern nur darauf dass dort etwas geschieht und wie es in Bezug zu Empfindungen steht. Wie aus Kommunikation zwischen verschiedenen Teilen ein Komplex entsteht, der sich als Emotion beschreiben lässt. Und wie der dann auf mich wirkt, bestimmte Verhaltensweise abruft und andere zuerst einmal unmöglich erscheinen lässt. Ich beobachte allerdings auch die Strategien und Ausdrucksformen, die von anderen Menschen angewendet werden.

Ohne Auswirkungen ist das nicht, auch wenn diese sehr subtil sind. Es bleibt nicht beim reinen Beobachten, sondern führt dazu, dass ich Verhalten und Denken in Situationen unterbreche, abändere oder mir andere mögliche Strategien überlege. Ich unterbreche die für mich irrelevanten Ausführungen einer mit mir Telefonierenden, die bei mir negative Emotionen auslösen, da ich die Art der Darstellung als verbunden mit einer inhumane Haltung wahrnehme von der ich mich unnötig belastet fühle. (Es ist die Art der Darstellung und Bewertung durch die Person, auf die ich mich zuerst abwehrend einlasse, da ich sie aber nicht ändern kann, versuche ich das Thema gezielt zu wechseln. Allerdings kam die Person später wieder darauf zurück und erwischte mich weniger achtsam, so dass ich dann doch mit einem Haufen negativer Emotionen zurecht kommen musste. Das ist übrigens ein sehr interessantes Thema, wie sich die in der Kommunikation vermittelten Haltungen auf die Wahrnehmung von Gesellschaft an sich und die individuellen Möglichkeiten darin über in der Kommunikation entstandene Emotionen auswirken.)

Ich beobachte und experimentiere zur gleichen Zeit. Allerdings nicht fortwährend. Es ist eher so, dass ich bei Anlässen wie dem Facebookthread an das Thema erinnert werde und dann das was ich bereits an Wissen habe anwende. Zwischendurch verliere ich wieder den Faden und versinke in meinem gewohnheitsmäßigen Tun. Zum Teil reflektiere ich Ereignisse auch erst nachträglich auf Vorkommen und Bedeutung von Emotionen dabei. Ausgerichtet bin ich in den Reflexionen vor allem auf Bildungskontexte, da ich ja immer noch nach dem genauen Thema für meine Bachelorarbeit suche und daher alles auf mögliche Kenntnislücken absuche.

Referenzen:

Gieseke, W. (2007). Lebenslanges Lernen und Emotionen. Wirkungen von Emotionen auf Bildungsprozesse aus beziehungstheoretischer Sicht. Bielefeld: Bertelsmann.

Küpers, W. & Weibler, J. (2005). Emotionen in Organisationen. Stuttgart: Kohlhammer.