Bildungsmäuschen

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Emotionen und der Geist der Aufklärung

Ich liege auf meinem Sofa und heile. Eine warme Decke schützt mich gegen die winterliche Kälte. Ich mag gar nicht aufstehen. Wegen der Kälte draußen nicht, aber auch weil sich das Heilen so gut anfühlt. Durch den Frost werden am Fenster Spinnwebgirlanden sichtbar. Zarte zerbrechliche Gebilde, die ich sonst nicht bemerke. Ich mag den Winter in meiner Heimat. Die tiefstehende Sonne, die Helligkeit des Schnees, die langen dunklen Nächte, in denen es sich gut denken lässt. Am Tag weiß überkrustete Bäume und dazwischen zarter Rauch, der sich aus den Schornsteinen der Häuser schlängelt.

Langsam fügt sich mehr und mehr zusammen. Wie das mit der Bildung ist und wie mit den Emotionen. Ein Satz vom Beginn des Studiums taucht wieder in meinem Kopf auf.

“Bildung kann in eigener gedanklicher Anstrengung Sozialisation und gesellschaftliche Einflüsse durchschauen, um ihrer Dominanz nicht dauerhaft und widerstandslos ausgesetzt zu sein.”

Ich bin mir immer noch nicht sicher von wem der Satz stammt. Zu Beginn meines Studiums habe ich noch Sätze festgehalten, ohne sie mit den Autoren zu verbinden. Ich meine aber, es sei Andreas Dörpinghaus gewesen. Bei der Recherche nach Literatur von ihm stoße ich auf etwas, das ich gebrauchen kann.

„Für von Humboldt besteht die Bildung des Menschen darin, alle seine individuell verschiedenen Kräfte, Verstand und Vernunft, moralisches Handeln, Emotionen[!], künstlerische Gestaltungen und Phantasie so zu fördern, dass kein Vermögen ein anderes behindert oder gar unterdrückt.“ (Dörpinghaus, 2009, S.4)

Das ist neben Emotionen und Bildung der dritte Bestandteil für meine Auseinandersetzung. Die Ansprüche der Aufklärung und ihre Umsetzung.

Gestern hatte ich einen jetzt gut passenden Comic zu der Problematik gefunden. „But technology alone is not enough. We must engage with our hearts also.“ (Goodall, 2016) Der Begriff Herz ist dabei als Gefühle und Emotionen und deren Auswirkungen und Verbindungen zu anderen Teilen des menschlichen Innenlebens zu verstehen. Gefühle und Emotionen als Motivatoren für Lernen und Forschen.

Ich weiß nicht wer auf die Idee gekommen ist, dass Verstand und Emotionen nicht gut zusammenpassen oder dass Emotionen dem Verstand untergeordnet sein sollten. Ich weiß noch nicht einmal auf welchem Weg solche Gedanken zu mir gekommen sind, um ein Gegenstand der Auseinandersetzung zu werden. In der Schule ist es meinen Lehrern gelungen meine Kritik- und Reflexionsfähigkeit zu fördern. Ich weiß nach sehr vielen Jahren auch noch genau welche Personen sich dabei hervorgetan haben. In Bezug auf das Verstehen von Emotionen habe ich aber viel zu wenig gelernt und es ist mir noch nicht einmal aufgefallen.

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“ (Kant, 1784)

Dieser vielzitierte Satz wird als so etwas wie eine Grundaussage der Aufklärung verstanden.

„Der Mensch wird eben nicht gebildet, sondern er bildet sich, und zwar ausschließlich in der reflexiven Auseinandersetzung mit sich, der Welt und in der Diskussion mit anderen Menschen und Kulturen.“(Dörpinghaus, 2009, S.5)

Da steht nichts von Emotionskontrolle, Emotionsmanagement oder von einer untergeordneten Position der Emotionen. Da steht eine klare Aufforderung sich mit allem zu beschäftigen, allem auf den Grund zu gehen. Und das schließt Emotionen mit ein. Emotionen können Reflexions- und Untersuchungsgegenstand sein, so wie das auch das Denken sein kann.

Was ist überhaupt dieser Verstand? Das ist nicht die Gesamtheit des Denkens, sondern der Versuch etwas zu verstehen und zu begreifen, es nachvollziehbar zu machen, zu fragen und Antworten zu suchen, abzuwägen. Dies ist das Bildungsideal der Aufklärung und die Wurzel der modernen Wissenschaft. In der Zeit des Nationalsozialismus sollte geglaubt, gedacht und gefühlt, aber nicht reflektiert werden. Kein Nachdenken, bitte, denn alles ist bereits erklärt und die Welt wurde bereits für die nächsten 1000 Jahre geordnet.

„Der Verstand ist in der Philosophie das Vermögen, Begriffe zu bilden und diese zu Urteilen zu verbinden.“ (Wikipedia)

Verstand kann als eine Arbeitsmethode verstanden werden. Eine Arbeitsmethode, die auf Input angewiesen ist und auch eine Vielfalt an Input verarbeiten kann. Darunter Gedanken, aber auch Emotionen und Gefühle.

Ich vermute inzwischen, die Probleme, die ich im Zusammenhang mit  Einschätzungen von Emotionen sehe, sind ein Produkt des Denkens in Hierarchien. Eine Sache erhält eine hohe Bedeutung. So formuliert ist die Hierarchie schon enthalten. Hoch bedeutet oben, nicht so hoch ist dann unterhalb. Oben werden in der Gesellschaft die Wichtigen eingestuft. Unten sind die unwichtigen. Häh?

Erst einmal habe ich nie verstanden warum Müllmänner und Raumpflegerinnen unwichtig sein sollen. Wenn ihre Arbeit nicht gemacht wird, macht sich das sehr schnell bemerkbar. Nun will ich Emotionen nicht gerade mit Müllmännern und Raumpflegerinnen an sich vergleichen, es geht nur darum wie Denken gelenkt wird. Ist der Verstand am wichtigsten, dann steht er oben und alles andere steht dann darunter. Und weil es darunter steht ist es auch von geringerer Bedeutung. Ist anders herum natürlich genauso möglich. Man kann auch Emotionen hypen und den Verstand gering achten. Für das was Emotionen oder Verstand an sich sind, hat es allerdings keine Bedeutung. Allerdings darauf wie mit ihnen verfahren, also umgegangen wird.

Ich habe in einem Gedankenspiel kürzlich eine solche Hierarchie mal um 90° gekippt. Das Ergebnis ist verblüffend. Plötzlich stehen die Erscheinungen gleichberechtigt nebeneinander und können dadurch in eine neue Beziehung zueinander treten. Außerdem müssen sie sich selbst in ihrer Funktion und Bedeutung viel stärker auf sich selbst bezogen erklären.

Denken in Hierarchien kann die Vorstellungen vom Wert einer Sache lenken. Ich kann mir vorstellen, das ist in Bezug auf die Einstufung des Wertes von Emotionen geschehen, als der Verstand zum Mittel der Weltbegegnung mit der größten Bedeutung erklärt wurde. Und was einen geringen Wert hat, ist auch von geringerem Interesse.

„Die Beschäftigung mit Kunst, Literatur und Musik, Sprache, Religion, Wissenschaft, Recht, Ökonomie und Geschichte, Natur und Technik ist immer die Beschäftigung des Menschen mit sich selbst, seinem Denken, seinen Gefühlen und den Formen ihres Ausdrucks.“ (Dörpinghaus, 2009, S.12)

Die Beschäftigung mit den Gefühlen bedeutet für mich zuerst ihr Erkennen und Verstehen. Danach folgt erst wie mit ihnen sinnvoll für das Individuum und die Gesellschaft umgegangen werden soll. Der mündige Mensch ist zudem aufgefordert zu hinterfragen, was er über Emotionen und den Umgang mit ihnen im Verlauf seiner Sozialisation und Erziehung gelernt hat. Das Kind ist Einflüssen in weiten Teilen ausgeliefert, ist auf den Erwachsenen als Einführenden angewiesen, der mündige Mensch kann seinen Verstand einsetzen, um Einflussfaktoren, Zusammenhänge und Wirkungen zu erkennen. Und dann stellt sich möglicherweise heraus, dass Emotionen eine ganz andere Bedeutung zukommt und sie eine ganz andere Behandlung erfordern als es die Einflüsse und Annahmen von vielen Jahren nahe gelegt haben.

Referenzen:

Dörpinghaus, A. (2009). Bildung. Plädoyer wider die Verdummung. Forschung & Lehre Supplement, 9/2009. Verfügbar unter: https://www.uni-marburg.de/fb21/aktuelles/news/studiumgenerale/11.04.12.pdf zuletzt abgerufen am 23.1.2016

Goodall, J. & Zenpencil (2016). The Power of One. Verfügbar unter: http://zenpencils.com/comic/goodall/ zuletzt abgerufen am 23.1.2016

Kant, I. (1784). Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? Verfügbar unter: http://gutenberg.spiegel.de/buch/beantwortung-der-frage-was-ist-aufklarung-3505/1 zuletzt abgerufen am 23.1.2016

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Von Juul aus der Spur geworfen

Es kam auf sanften Pfoten daher. Ein Buch mitgenommen aus der Stadtbücherei beim Besorgen der Bilderbücher für das Vorlesen. Passend zum Thema Emotionen. Begonnen leicht müde am Abend auf dem Sofa. Im Kontrast zur wissenschaftlichen Literatur des Tages im entspannten Plauderton der Meinung einsickernd. Auf den ersten Seiten denke ich, das Buch bringt mir nicht wirklich etwas Neues, ich verstehe auch nicht so richtig warum er es geschrieben hat.

Über Aggression wollte ich mehr erfahren, weil ich wissen will wie das so ist mit den Emotionen. Das Buch ist aber etwas anderes als ich suche. Es ist ein Plädoyer für Kinder und Jugendliche. Es ist ein Plädoyer dafür in dem Ausdruck der als aggressiv bezeichnet wird die Stimme zu hören, die sich anders nicht zu Wort zu melden in der Lage ist. Ich erfahre etwas über konstruktive und destruktive Aggression und gewalttätiges Verhalten von Frauen, das aggressiv ist, auch wenn es nicht so wirkt. Und er flicht Beispiele ein, die mich nicht mehr loslassen. Erwachsene und Kinder innerhalb von Institutionen, in denen die Erwachsenen zu Lasten der Kinder ihre Positionen sichern.

Es ist kein Buch das ich als analytisch wahrnehme. Es ist ein Buch nach dem ich mich schlecht fühle und verzweifelt. Es ist ein Buch das Emotionen anspricht. Es ist allerdings nicht der einzige Einfluss, den ich in Bezug auf Institutionen momentan zu verarbeiten habe. Zeitgleich beschäftigt sich mein Essay zu Teaching for Learning 8 mit der Beziehung zu Kollegen und Administratoren. Dabei geht es um Führerschaft und Machtgefälle und der Abhängigkeit derjenigen mit geringerer Machtausstattung von der Art wie die Führung aussieht. Und was ein Mensch mit geringer Macht unter schlechten Bedingungen in einer Institution tun kann.

Ich beschäftige mich schon lange mit Führung und wie gute Führung aussieht. Ich hatte auch begonnen mich mit Institutionen zu beschäftigen, das aber aus zeitlichen Gründen erst einmal wieder abgebrochen. Juul erreicht mich auf Grund meiner Vorerfahrungen und eigenen Problematiken. Dabei steht er bedingungslos für die Kinder bzw. die Jugendlichen ein. Sie tragen in seinen Augen keine Verantwortung, diese liegt allein bei den Erwachsenen. Ich kenne es sehr gut wie versucht wird Schwächeren Schuld für Probleme zuzuweisen. Und gelegentlich fällt es mir auf, wenn ich es selber benutze. Ich tue es, weil es dem üblichen Verhalten gegenüber Kindern entspricht, weil ich mich, wenn ich zu meiner eigenen Schuld oder Mitschuld stehe, zum geeigneten Opfer mache. Es ist schwierig und ich suche nach einer Lösung.

An all das gemahnt mich Juul und beunruhigt mich. Zeigt mir auf wie wichtig es ist nicht aufzugeben, sich nicht anzupassen an Gepflogenheiten, wie wichtig es ist Lösungen zu finden. Dass ich es mit einer Problematik zu tun habe, die andere Menschen schädigt. Darum ist es bedeutend. Aber es müssen gute Lösungen sein und Lösungen für diejenigen in machtschwächeren Positionen wie die meine. Es ist mir möglich Aggressivität oder andere Äußerungen der Kinder in der von ihm beschriebenen Form wahrzunehmen und zu verstehen, wenn ich mich allerdings nicht an die üblichen Gepflogenheiten der Reaktion darauf anpasse, kann es für mich sehr unangenehm werden. Es sei denn ich finde einen Weg, der von allen Seiten als positiv wahrgenommen wird.

Genau das beginnt sich seit einer Weile zu entwickeln. Juul schreibt von der Gewalt der Freundlichkeit und Korrektheit (Juul 2013, S.35). Ich weiß genau was er meint. Bin ich damit konfrontiert, so fühle ich mich unwohl und angespannt ohne zu verstehen warum das so ist. Dazu schreibt er, dass sich die wahre Form dieser Aggression durch die Erfahrungen der Schwächeren offenbart (ebd.). Freundlichkeit und Korrektheit in dieser Form können daher nicht die Lösung sein, auch wenn Freundlichkeit und Korrektheit an sich durchaus hilfreich sein können. Die Lösung liegt nach der Lektüre des Buches für mich mehr bei so etwas wie Authentizität, Vertrauen in die eigene Wahrnehmung, ein gelassenes Herangehen an Situationen und Vertrauen in die Kinder und die Berechtigung ihrer Empfindungen und Reaktionen. Und nicht davon abzulassen das Wohlergehen der Kinder in den Mittelpunkt zu stellen. Aller Kinder.

Schulen sind für die Gesellschaft da, aber auch für die Individuen. Und zwar für vollständige Individuen.

Juuls kleines schmales Buch hat mich sehr nachdenklich gemacht, Unwohlgefühle erneut hervor gezerrt, mich dazu gebracht alle anderen Themen erst einmal ruhen zu lassen. Und es hat mein Verhalten gegenüber den Kindern beeinflusst. Oder eher meine authentische Art des Umgangs mit den Kindern wieder stärker zum Vorschein gebracht. Mich faszinieren Kinder, das ist der Grund warum ich mit Kindern arbeite. Ich habe auch großes Vertrauen in Kinder. Für mich besteht die Aufgabe von Erwachsenen darin Kinder zu begleiten, ihnen Möglichkeiten zur Verfügung zu stellen und sich von ihnen überraschen zu lassen. Und gemeinsam Lösungen zu finden.

Bei Teaching for Learning habe ich kürzlich etwas sehr Nützliches gelernt. Wie-Fragen sind besser als Warum-Fragen. Wie können wir zu einer befriedigenden Lösung kommen? Wie kann ich dir helfen? Wie wollen wir jetzt damit umgehen, dass du so sauer bist, oder so traurig? Ich habe die letzten Wochen damit sehr gute Erfahrungen gemacht. Wir sprechen anders miteinander. Die Kinder und ich.

Nach der Lektüre war es mir gestern ein wenig unheimlich als ich zur Arbeit kam und die Kinder mich drückten, an der Hand nahmen und mich mit Fragen überschütteten, so dass ich gar nicht so schnell nachgekommen bin auf alle eingehen zu können. Ich werde Fehler machen. Ich werde Menschen verletzen und enttäuschen. Ich werde in alte Reaktionsmuster verfallen. Ich werde aus verletzten Gefühlen heraus in einer Weise reagieren, die für eine Verantwortliche unangemessen ist.

Juuls Buch kann man auf sehr verschiedene Weise lesen. Zu viel mehr Themen als zu Aggression lassen sich darin Funde machen. Ein Mensch mit vielen Erfahrungen und Überlegungen gibt hier seine komplexe Haltung weiter. Herausragend ist dabei seine Parteinahme für die Schwächeren. Die Aufforderung zu einer Perspektivänderung. Und für mich auch seine Aufforderung das Wissen des therapeutischen Bereichs, allerdings nicht deren Methoden, in den Bereich der Pädagogik aufzunehmen. Weil er das Individuum und seine Einbettung in viele Einflussbereiche betrachtet, sieht er den Bedarf dieses Wissen einzubeziehen und zu berücksichtigen, um für jeden Einzelnen ein erfolgreiches Gelingen von Lernen zu ermöglichen.

Es ist seine Kompromisslosigkeit bei der Zuweisung von Verantwortung, die mich berührt hat. Kinder sind nicht verantwortlich, das sind Erwachsene. Kindern Schuld zuzuweisen ist nicht sinnvoll. Ich habe dieses Wissen bereits in mir gehabt, er hat es jetzt verstärkt. Ich kann meine Verantwortung nicht abgeben, indem ich die Schuld dafür, dass ich Probleme habe, auf Kinder schiebe. Ich bin in einer vergleichbaren Position wie die Führungskraft, die sich selbst damit entlastet, dass sie einer Untergebenen  die alleinige Schuld dafür zuweist, dass sie in einer Situation, die sie aber nicht selbst bestimmen konnte, Probleme nicht zur Zufriedenheit der Leitung gelöst hat. Schuldzuweisungen und daraus erfolgende Bestrafungen sind keine gute Lösung. Lösungen sollten miteinander und in Kommunikation gefunden werden.

Heute werde ich weiter üben.

Referenz:

Juul, J.(2013). Aggression. Warum sie für uns und unsere Kinder notwendig ist. Frankfurt am Main: S.Fischer.

Defizitorientierung

Es geht durchaus Theorien und Begriffe nur in sich zu verstehen und das zu genießen; sie mit Vorkommnissen im alltäglichen Leben verbinden zu können, erweitert jedoch die Freude am Verstehen beträchtlich. 🙂

Ich unterhalte mich mit einem Mädchen, das die vierte Klasse abgeschlossen hat und jetzt eine weiterführende Schule besuchen wird, und wir kommen im Gespräch auf eine Mitschülerin zu sprechen, die wir beide kennen. Ich erzähle, dass dieses Kind in den letzten Monaten eine sehr große Begeisterung an Bücher entwickelt hat, so dass sich ihre Mutter schon Sorgen darüber gemacht hat, dass sie sich zu wenig bewegt.

Sehr überrascht war ich über die Antwort meiner kleinen Gesprächspartnerin, als sie bei der Beschreibung der Begeisterung des anderen Kindes sofort entgegnete, die sei aber beim Vorlesewettbewerb schlecht gewesen. Ich war verblüfft, und spontan erklärte ich, dass in meinen Augen Vorlesen ja durchaus etwas anderes ist als Lesen.

Der Vorfall gehört zu den Dingen mit denen sich mein Verstand aus einer Irritation heraus im Hintergrund weiter beschäftigte. Dabei fand er heraus, dass es die Defizitorientierung des Kindes war, die ich auf Werte zurückführe, die aus dem schulischen Unterricht oder aus der Familie oder aus beidem stammen.

Ich bin Kinderbetreuerin und ich bin das sehr gerne. Für meine Arbeit muss ich u.a. darauf achten was die Kinder unter meiner Obhut mögen und gerne tun, damit ich sie dabei unterstützen kann. Gelingt es mir alle Kinder zufrieden zu stellen und sie dabei so zu unterstützen dass sie für sich selbst sinnvoll beschäftigt sind, so kann ich mich auf die Verbesserung des sozialen Miteinanders und die Verbesserung der Bedingungen der Aktivitäten konzentrieren oder auch neue Ideen anregen.

Bei einem Kind das gerne und viel liest gleich zu betonen dass es beim Vorlesewettbewerb schlecht abschneidet, ist für mich daher reichlich verrückt. Ich empfinde es als einen Akt der Herabsetzung. Das Tolle, Begeisternde, Besondere wird durch die Nichterfüllung der Normvorstellungen eines Wettbewerbs, bei dem es außerdem immer nur einige wenige Gewinner gibt, dadurch reduziert, dass ein Defizit aus einem scheinbar zugehörigen  Bereich betont wird. Es wäre ja durchaus möglich sich mit dem Kind zu freuen, zu fragen was es bevorzugt, ob es noch mehr damit macht, ob es vielleicht sogar aus eigenem Antrieb Geschichten schreibt oder auf die eigenen Interessen und Erfahrungen in dem Bereich zu verweisen, vielleicht sogar von sich selbst zu erzählen.

Dieses Mädchen vor mir hat am Ende der vierten Klasse gelernt, einen offiziell gemessenen Defizit zur Schmälerung der Bedeutung des Handelns einer anderen, vergleichbaren Person zu verwenden. Das ist für mich gruselig! Ich kenne die genauen Hintergründe und Zusammenhänge zwar nicht, bin aber überzeugt dass es sich hier auch um ein Produkt der über die Schule vermittelten Norm- und Leistungsvorstellungen handelt.

Als ich weiter darüber nachdenke erscheint es mir dann immer mehr so, dass meine Gesprächspartnerin nur die Position des anderen Kindes  in der schulischen Hierarchie für mich genauer bestimmen wollte, bei der dem Kind die Begeisterung für das Lesen wohl keine Hilfe war.

Damit bin ich dann beim Zusammenhang von Defizitorientierung und der Hierarchie gesellschaftlicher Positionen angelangt. Begeisterung für Lesen kann schlechtes Abschneiden im Vorlesewettbewerb hier anscheinend nicht ausgleichen. Überhaupt scheint es so, dass man für eine höhere Position bestimmte Kriterien erfüllen muss, die durch Defizite geschmälert werden. Was sind aber eigentlich diese Defizite?

Für die Bestimmung von Defiziten muss es Vorstellungen geben, wie das Nichtdefizitäre aussieht. Die Vase an der ein Stück für die vollständige Form fehlt beispielsweise. Da fällt mir allerdings Kunst ein und Kreativität. Spiel herum, schaff etwas das hinten und vorne nicht mit vorhandenen Vorstellungen übereinstimmt und finde gerade dadurch etwas interessantes Neues.

Ich glaube, genau darin liegt für mich das Problem. Erfülle vorgegebene Kriterien, strebe dort die Perfektion an und du wirst nur das bereits Bekannte reproduzieren. Spiel herum, probiere aus, sieh das Potential in den Dingen, die neuen Kombinationen, die Ideen der vielen, die sich miteinander verbinden, und vielleicht wird daraus das Besondere erwachsen, das Neue, das Verändernde.

Defizitorientierung ist aus vielen Gründen problematisch. Ich glaube für mich ist sie vor allem eine Spaßbremse, eine Blockade von Ideen, von Austausch, von Miteinander, von Kreativität und von Erweiterung des Geistes. Aber innerhalb eines Systems das danach Positionen vergibt, die für die Lebenschancen und das Selbstwertgefühl wichtig werden, kann auf diesem Weg das Bestehende verfestigt werden. Und plötzlich ist das Gewinnen durch Erfüllen der Vorgaben wichtig und die Begeisterung für die Dinge hilft nicht weiter…

Die Schwächeren opfern in Herrschaftsverhältnissen

Es gibt theoretische Überlegungen, es gibt Ideale und es gibt die Praxis. Die Ideale sagen: Man opfert Schwächere nicht. Theoriebezogene Überlegungen versuchen zu abstrahieren: Hier handelt es sich um eine Position innerhalb von Herrschaftsverhältnissen in denen eine Person Macht, die an sie abgetreten wurde, entgegen ihren eigenen Idealen gegen die Interessen anderer aus Angst vor eigenen Sanktionen ausübt. Im Alltag ist es eine Schulhofsituation von wenigen Minuten in der komplexe gesellschaftliche Wirklichkeit produziert und reproduziert wird.

Der Prozess selbst findet in einem klar abgrenzbaren Zeitraum statt. Er hat allerdings ein Vorher und er hat ein Nachher. Die betroffenen Kinder und die ausführende Erwachsene haben bereits erfahren, dass eine Auflehnung gegen die Erwartungen und Anweisungen von hierarchisch höher Stehenden negative Konsequenzen haben. Es kommt daher nicht mehr zum Streit. Es kommt nicht mehr zu Auflehnung. Es kommt nur noch zu einer kurzen Verhandlung über Lücken in Anweisungen. Um sich selbst gegen Angriffe zu schützen, weist die zuständige Erwachsene ohne unmittelbare Notwendigkeit eine hinzukommende hierarchisch höher Stehenden sogar darauf hin, dass sie die Anweisungen korrekt ausgeführt hat und gibt ohne Notwendigkeit die Namen weiterer Kinder an, die versucht haben gegen Regeln zu verstoßen, um sich selbst aufzuwerten und eventuellen Angriffen vorzubeugen, auch wenn dadurch diese Kinder weiteren Sanktionen unterliegen könnten. Sie verrät die Machtschwächeren.

Gesichter von Kindern sind einfach zu lesen. Mich verfolgt dieser nach innen gerichtete Blick eines betroffenen Jungen als er seine Optionen dafür überprüfte, wo eine Realisierungsmöglichkeit für sein eigenes Interesse zu finden ist. Er argumentierte nur kurz und nicht so vehement wie er das noch in der Vergangenheit tat, fügte sich der Starrheit von Regeln die seinem Interesse keinen Raum lassen, aber als er nach Hause ging war er noch immer am Überlegen. Und er ging nicht froh und selbstbewusst, offen für neue Erfahrungen und Abenteuer, sondern gedämpft und ein wenig wie ein Roboter, beim Gehen nur ab und an einen Blick zur Seite auf Aktivitäten um sich herum fallen lassend ohne sein Verlassen des Schulgeländes auch nur einen Augenblick zu stoppen. Genau das tuend wozu er aufgefordert worden war.

Hierarchische Herrschaftsstrukturen, in denen Menschen aus Angst vor Sanktionen im Interesse der Machtausübenden über ihnen funktionieren, schaffen einen mit Angst gewürzten Frieden. Es ist eine Möglichkeit gesellschaftliches Leben zu regeln, aber sie hat viele unangenehme Seiten und Konsequenzen.

Was war das nun aber für eine Situation? Die Regeln lauten: Aufgaben werden auch bei schönem Wetter nicht auf dem Schulhof sondern in den dafür bereitgestellten Räumen unter Aufsicht erledigt. Kinder die nicht in der Betreuung angemeldet sind, dürfen das Schulgebäude nicht verlassen und müssen unverzüglich nach Hause gehen, wenn sie an diesem Tag an keinen weiteren schulischen Aktivitäten teilnehmen. Ausnahmen werden nicht gemacht.

Regeln sind für Gemeinschaften wichtig. Sich an Regeln halten ebenfalls, auch wenn ich sinnvolle situationsbezogene Anpassungsmöglichkeiten für menschlicher halte. Diese Regeln wurden aber nicht von einer Gemeinschaft im Interesse und unter Beteiligung aller Betroffenen gemacht. Sie sind keine auf partizipatorischer Basis entstandenen Richtlinien, die von allen begrüßt und akzeptiert werden, sondern das Produkt einer kleinen Anzahl von Menschen, die nach ihren Vorstellungen und Interessen das gesellschaftliche Leben für alle anderen gestaltet.

Die Einhaltung und Ausführung wird von den anderen möglichst widerspruchslos und ohne Mitspracherecht erwartet. Nichtbefolgung hat unangenehme Sanktionen als Konsequenz. Exempel werden für alle wahrnehmbar statuiert, Disziplinierung soll zur Selbstdisziplinierung werden. Diese Selbstdisziplinierung erfolgt dabei bezogen auf das Interesse an der Vermeidung von Sanktionen. Änderungen der Regeln werden nur in oberen Positionen vorgenommen und müssen dann von allen unten Stehenden so übernommen und auf andere angewendet werden.

Innerhalb solcher Strukturen werden Untertanen produziert sowie Handlanger, die eigene Überzeugung verraten und gegen Schwächere vorgehen, um ihre eigene Position abzusichern. Und Menschen, die nach Schlupflöchern suchen müssen, um für ihre berechtigten Interessen einen Realisierungsraum zu finden. Das wirklich Erschreckende daran aber ist, dass die Dimensionen des Ganzen erst in der späteren Überlegung klar werden, ausgelöst durch den Ausdruck auf dem Gesicht eines Jungen, der nicht aus der Vorstellung verschwindet. Vorher war es nur eine banale, alltägliche Situation. So etabliert haben sich diese Strukturen schon. Und als Lösung kann auch ich nur in Richtung Schlupflöcher (sprich kreative Strategien des Umgangs) denken, so wenig angreifbar erscheinen mir die vorhandenen Strukturen im Licht meiner eigenen Vorerfahrungen.