Bildungsmäuschen

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Vorstellungshilfen

Zum momentanen Zeitpunkt kann ich verschiedene Erscheinungen an mir beobachten.

Einerseits visualisiere ich die Umbauprozesse, die in Bezug auf meine Vorstellungen zu Emotionen geschehen, in der Form eines dieser beweglichen dreidimensionalen Labyrinthe ähnlich dem Treppenhaus von Hogwarts in den Harry Potter Filmen. An verschiedenen Stellen wird der Bestand verschoben und in eine neue Form gebracht. Momentan ist eine andauernde Bewegung im Gange, bei der ich letztlich nur zuschauen kann. Immer wieder treten dabei einzelne Aspekte in den Fokus, die ich dabei genauer betrachte und untersuche.

Weiterhin stelle ich große Unterschiede im Vergleich zur Vergangenheit bei dem Input im Netz fest, der mein Interesse zu wecken in der Lage ist. Sehr viel, das über Moodle oder soziale Netzwerke verbreitet und diskutiert wird und zuvor durchaus interessant für mich war, wird von mir nur noch überflogen und als uninteressant oder sogar langweilig eingestuft. Ich finde dort wenig Hilfe oder Anregungen für meine momentanen Fragen. Ich kann zwar gelegentlich Spuren entdecken oder von mir aus Verbindungen herstellen, doch insgesamt scheinen Emotionen gerade im Bildungsbereich weniger für Analysen und die Herstellung von Zusammenhängen benutzt zu werden. Sie werden zwar regelmäßig ausgedrückt oder erwähnt, meistens war es das dann aber schon.

Im Alltag selbst bin ich dagegen fortwährend mit Emotionen konfrontiert, die sich dort auch gut beobachten lassen. Ich kann versuchen ihre Formen und ihren Einfluss zu bestimmen und durch Erkenntnis Handeln zu ändern. Hier finde ich nicht nur neue Erklärungen für Ursachen und Zusammenhänge, sondern ich habe dadurch auch zum Teil sehr erstaunliche Möglichkeiten in Situationen ganz neu zu reagieren. Das nehme ich momentan als den primären Gewinn meiner Auseinandersetzungen wahr.

Durch den Post eines Kommilitonen habe ich mir nun endlich auch einmal ein längeres Video von einem Gespräch mit Hüther vorgenommen und etwas genauer untersucht, der bekannt dafür ist sich mit Gefühlen zu beschäftigen. Ich habe das bisher vermieden, da ich mit seinen Aussagen für meine Überlegungen wenig scheine anfangen zu könne.

Aber warum ist das eigentlich so? Hüther versucht zu inspirieren und verweist dabei auch auf Emotionen, er analysiert sie aber nicht in dem was sie in ihrem Prozessverlauf sind. Es bleibt ein diffuser Eindruck, dass da etwas von Bedeutung ist, er vermittelt mir aber keine praktikable Beobachtungsebene. Die Palette dessen was er thematisiert, geht auch weiter über Emotionen hinaus als ich in Erinnerung hatte, bleibt für mich aber auch dort diffus. Irgendwie ist für ihn das Grundgefühl an einer Schule bedeutsamer als alles andere, er bezieht sich dabei auf die Atmosphäre und die Lern- und Beziehungskultur, doch wie dieses Grundgefühl in der Praxis gefördert werden könnte, bleibt für mich schleierhaft.

Die Inspiration, die er für viele liefert, hat auch bei mir früher geklappt, jetzt verwirrt er mich eher. Nein, das hilft mir beim Verständnis der Bedeutung und des Einflusses von Emotionen nicht weiter und bestätigt meinen Eindruck, mich mit Hüther nicht weiter beschäftigen zu müssen.

Inzwischen konnte ich mich von anderen Quellen ausgehend davon überzeugen, dass eine ausdrückliche Beachtung dessen, was auf der Ebene der Emotionen geschieht, in sehr vielen Kontexten, also auch im Bildungsbereich, sehr, sehr nützlich ist, wenn eine gewisse Systematik und eine Vorstellung von konkreten Abläufen im Hintergrund vorhanden ist. Ich hatte das auf Grund meiner Textstudien vermutet, aber mit so starken Auswirkungen, wie ich jetzt beobachten kann, nicht gerechnet. Das mag an meinem besonderen Fall liegen, ich vermute aber, dass die Nutzungsmöglichkeiten nicht allein auf mich beschränkt sind.

Emotionen ausdrücklich einzubeziehen, legt auch die Verwendung eines entsprechenden Menschenbildes nahe. Ich selbst benutze inzwischen eine Visualisierung des Menschen bei der letztlich das Nervensystem die Grundlage bildet. Es gibt dazu sehr eindrucksvolle Bilder, bei denen im Gehirn eine Verdichtung besteht, aber deutlich wird, dass der Kopf nicht vom restlichen Körper getrennt und der ganze Körper von einem Geflecht durchzogen ist, das alles miteinander in Verbindung setzt.

Genauso wie die Vorstellung des Labyrinths ist das nur ein unzureichendes Hilfsmittel, aber für mich schon wesentlich stimmiger als Unterteilungen im Sinne von Kopf und Herz, Emotionen und Verstand, Denken und Fühlen. Eine andere Visualisierung hilft mir jeden Menschen, der mir begegnet, anders als zuvor wahrzunehmen. Und zwar als eine Einheit, in der alle Erscheinungen, die an und in einem Menschen auftreten, miteinander verbunden sind. Durch diese Wahrnehmungsänderung ist es nicht mehr möglich in einer Trennung zu denken.

Ich gehe davon aus, dass in anderen Menschen, so wie bei mir introspektiv wahrnehmbar, Vorgänge, die im Gehirn lokalisiert scheinen, gemeinsam mit Vorgängen im weiteren Körper auftreten. Verbunden und nicht voneinander getrennt. In einem Zusammenspiel, das sich im Verlauf der Evolution als sinnvoll bewährt hat. Von diesem Zusammenhang gehen auf der einen Seite Appraisal Theorien, auf der anderen Seite Evolutionstheorien aus.

Für Emotionen gibt es Gründe und sie haben Ursachen. Diese sind vielfältig und zum jeweiligen Zeitpunkt des Auftretens bedeutsam. Sie stehen dabei genauso im Zusammenhang mit Körpervorgängen, die für den Erhalt des Individuums von Bedeutung sind, als auch mit den scheinbar rein immateriellen Vorgängen, wie sprachliches Denken, bildliche Vorstellung oder weiteren, häufig mit Kognition bezeichneten Vorgängen. Gleichzeitig sind sie kurzlebig, wechselhaft und flüchtig. Bei Erinnerungsleistungen und Lernprozessen werden sie in Verbindung mit den anderen Komponenten gespeichert und später gemeinsam mit ihnen abgerufen. Diesen Vorgang finde ich durch den Begriff des emotionalen Taggings sehr anschaulich dargestellt.

In gewisser Weise puzzele ich mir momentan ein Vorstellungsgebilde zusammen, das in der Lage ist Emotionen besser einzubinden als zuvor. Mir ist dabei klar, dass es sich nur um Vorstellungen, also ein Bild der Wirklichkeit und nicht die Wirklichkeit selbst handelt, deren Erfassung für uns sowieso nur begrenzt möglich ist. Da ich damit aber Vorgänge in und zwischen Menschen in verschiedensten Situationen besser als zuvor erklären kann und dabei auch auf neuere Emotionstheorien und Untersuchungen zu Emotionen zurückgreife, habe ich dabei durchaus den Eindruck im Rahmen meiner Möglichkeiten sinnvoll zu handeln.

Und außerdem: Ich war sowieso nur zu der Schlussfolgerung gekommen, dass es sinnvoll ist den Bereich der Emotionen genauer mit in den Blick zu nehmen, wenn Bildungskontexte betrachtet werden. Zu welchen Vorstellungen und Ergebnissen das wiederum führt und wie diese dann mit dem Wissen anderer verbunden werden können, ist letztlich wieder eine neue Entdeckungsreise, die neue Theoriezusammenhänge und Begriffsdefinitionen erfordert.

Keine Zeit für Weihnachtsvorbereitungen

Vieles fühlt sich durcheinander an. Primeln blühen in Gärten und auf Balkons. Ich schlafe wenn ich müde bin und so lange bis ich wieder wach werde. Es kann passieren dass mein Tag um 2.30 Uhr beginnt oder dass ich mich um 16.00 Uhr ins Bett lege. Ich stelle den Fernseher an, weil ich nur noch konsumieren will und lande beim offenen Kanal Kassel. Und plötzlich ist da nichts anderes als im Netz, allerdings mit dem Unterschied, dass ich nicht stoppen und zurückspulen kann, dass ich keinen Link zur Sendung verschicken und nicht parallel darüber lesen kann und keine Beteiligungsmöglichkeit sehe. Und um meinen geliebten Notizblock zu holen und wichtige Stichpunkte mitzuschreiben bin ich bereits zu müde. Das Programm ist aber ähnlich wie die Netzangebote, die ich mir aussuche, was ich in dieser Form vom Fernsehen nicht gewohnt bin.

Zuerst sehe ich ein langes Interview mit einem Ökonomen, in dem ich detailliert erfahre, wie sich ein Problem in Kassel bemerkbar macht, das man als Verödung der Innenstädte bezeichnet, und wie das behoben werden könnte. Danach höre ich dem Vorsitzenden der Bundeszentrale für politische Bildung zu, der sich in sieben Punkten zu offenen Kanälen äußert. Ohne die Mitschreiboption wird das aber schnell unübersichtlich, seine Sprache und Darstellung ist sehr komplex und mir fallen langsam die Augen zu. Ich zappe danach eine Weile weg und kehre zurück als Hüther einen Vortrag in einem mit Pflanzen bestückten Hörsaal hält, der sich natürlich um Bildung dreht. Nach kurzer Zeit sitze ich wieder aufrecht und höre gespannt zu. Ich erfahre, dass er an der Uni in Witzenhausen ist, erwische auch im Abspann die Jahreszahl, 2011, und sehe gerade noch eine Webaddresse vorbeihuschen, die ich mir so schnell aber nicht merken kann. Fernsehen eben.

Die Angaben reichen aber zum Googeln und ich finde den Film, bzw. seinen Trailer, denn es handelt sich um kostenpflichtiges Unterrichtsmaterial. Wäre es jetzt nicht bereits ein bisschen spät, hätte ich da jemanden für den ich die 5€ als Weihnachtsgeschenk investieren würde. Was danach kommt interessiert mich nicht und ich wende mich meinem üblichen Halbschlafkonsumangebot zu. Als ich zum nächsten Morgen hin aufwache, fühle ich mich allerdings irritiert und beunruhigt. Ziemlich beunruhigt.

Meine Gedanken kreisen um Medien und Informationen, um Handlungs- und Anwendungsmöglichkeiten, um Veränderungsprozesse und Gewohnheiten, um Inklusion und Exklusion, um noch Ungreifbares, um Schmerzhaftes, um Vergangenes, um Gegenwärtiges. Ich hatte Pläne. Ich wollte Weihnachten vorbereiten. Doch es gelingt mir nicht mich auf vertraute Pfade zu begeben. Noch ist etwas Zeit, noch ist kein ausreichender Druck, noch ist Verschieben möglich.

Hüther hat von den Älteren gesprochen, die nicht dazulernen, weil sie in abgesicherten Verhältnissen leben und keine Veranlassung mehr haben dazuzulernen. Bei dem Interview mit dem Ökonom stach mir der Punkt ins Auge, dass Innenstädte veröden, weil es dort keinen oder keinen bezahlbaren Wohnraum mehr gibt, und bei dem Vorsitzenden der Zentrale für politische Bildung dachte ich an die viel größeren Handlungsmöglichkeiten in Städten. Ich war auch einmal im offenen Kanal in Kassel, aber nur als Zuschauerin und dass es sich dort um Partizipationsmöglichkeiten handeln könnte, hat mir niemand gesagt und dieser Eindruck entstand auch nicht.

So langsam wird mir meine Beunruhigung klarer. Es scheint um die Handlungsmöglichkeiten zu gehen. Informationen erhalten zu können ist interessant, dabei aber nur Zuschauerin zu bleiben nicht so wirklich. Das war schon in der Vergangenheit so, als es keine andere Möglichkeit gab als zu Vorträgen und Vorlesungen anzureisen. Als die Verfügbarkeit von Informationen eine andere war. Als durch die Präsenz die anderen Menschen und das Nebenbeigeschehen Teil der Veranstaltung waren, die weitere Informationen lieferten. Nur Zuhören war nie genug. Die daraus folgenden Handlungen waren das Wichtige.

Bei Konsumangeboten ist das anders. Sie sind für den Moment und haben keine Folgen. Sie können sofort wieder vergessen werden. Sie beunruhigen nicht. Aber Informationsangebote, die auch noch direkt oder indirekt einen auffordernden Charakter für Veränderungen haben, sind etwas ganz anderes. Bei Konsumangeboten kann ich zur Tagesordnung übergehen, ganz gleich wie erfreulich oder unerfreulich diese ist. Es war nur der Abstecher in eine Anderswelt. Informationsangebote haben aber gedankliche Konsequenzen, und keine Möglichkeit zu sehen der Veränderungsaufforderung nachzukommen oder außen vor stehenbleiben zu müssen, ausgeschlossen zu sein, ist schmerzhaft und beunruhigend.

Eine größere Verfügbarkeit über Informationen allein schafft eben noch keine größere Möglichkeit für Handlungen. Und Präsenzveranstaltungen mit anwesenden Personen garantieren nicht, dass dies gehäuft geschieht. Das musste ich durch meine in die Vergangenheit schweifenden Gedanken überprüfen. Herausgekommen sind dabei Gefühle, keine Erkenntnisse. Die Art der Gefühle (Irritation, Unruhe, Perspektivlosigkeit, leichte Verzweiflung) hat aber danach gedrängt sich näher damit zu befassen. Die Gefühle sind die Summe der grob, und in ihrer Bedeutung weitgehend unbewusst gebliebenen, verarbeiteten Eindrücke. Hier darf es allerdings nicht stehen bleiben.

Gefühle sind gute Indikatoren und Helfer. Schaue ich jetzt auf sie, so sagen sie, gut gemacht. Du hast uns weitergeholfen. Du hast uns gezeigt was wir selbst nicht benennen können, weil wir nicht in dieser Form kommunizieren. Sie sagen auch, du darfst uns nicht allein lassen. Du musst uns ganz genau zuhören, damit wir dir helfen können und damit du uns helfen kannst. Du musst verstehen was wir sind und wie wir sprechen. Dann kannst du dein Denken einsetzten, um nachzuvollziehen wie wir uns entwickelt haben und was wir an Informationen für dich zusammentragen konnten. Und mit deinen Schlussfolgerungen kannst du uns eine neue Richtung geben. Wir können uns gegenseitig helfen.

Mein Denken hat jetzt Einfluss auf meine Gefühle genommen. Aus diffusen Ängsten ist Verstehen geworden. Mein Denken kann meinen Gefühlen gezielt andere Bilder zeigen, Alternativen entwerfen. Auf einer kleinteiligen Ebene habe ich meine Handlungskompetenz wiedergewonnen. Zumindest wird das von meinen Gefühlen so bewertet. Und das bildet nun einen Gegenpol zu den aufgetauchten Fragen des nicht zu erfüllenden Aufforderungscharakters zum Handeln, die Informationen an mich herantragen. Und damit habe ich eine bessere Basis zu erkennen, was ich eigentlich wie wahrnehme, was ich für Möglichkeiten habe und welche nicht, und wie ich aus der ganzen Situation das Beste machen kann. Denn meine Gefühle wollen eigentlich, dass es ihnen wohl ergeht. Dazu benötigen sie aber offensichtlich gelegentlich die Unterstützung durch meine Bemühungen um eine bewusste Wahrnehmung, die über Denkprozesse ermöglicht wird.

Schule, Individuum und Gesellschaft

Heute bin ich durch einen Kommentar, den ich zu einem älteren Artikel über Hüther geschrieben habe, darauf gestoßen, dass ich eigentlich immer die Vorstellung hatte, dass Schule für die Bildung des Einzelnen gedacht ist. Ich hatte auch immer die Vorstellung, dass es die Aufgabe von Schule ist, den oder die Einzelne so gut wie möglich zu fördern. Nun schreibe ich aber einen Kommentar, der ganz anders klingt: 

 „… Die Institution Schule hat einerseits für die Gesellschaft verschiedene Funktionen zu erfüllen, andererseits ist sie ein autopoiedisches System. Das schulische System übernimmt die Aufgabe in Reaktion auf dominierende gesellschaftliche Vorstellungen Gesellschaft im Zusammenspiel mit eigenen Vorstellungen zu reproduzieren. Das bedeutet, im schulischen System werden Vorstellungen dominierender gesellschaftlicher Gruppen von Lernen, Leistung, Sinn und Position umgesetzt, die dabei aber durch einen spezifischen pädagogischen Filter gehen. Dieser pädagogische Filter ist justierbar, das ist im System als Anpassungsmöglichkeit enthalten. Genauso enthalten sind Fluchtoptionen für Eltern. Aber insgesamt spiegelt das schulische System die Ausrichtung der Gesellschaft wieder.

Sogar in diesem Artikel muss mit dem Hinweis auf den Schaden an den Besten argumentiert werden. Es kann nicht mit dem Schaden argumentiert werden, den die Verlierer des Systems durch dessen Selektionsfunktion nehmen. Ein Argument lautet: Schaut, das System nutzt der aktuellen Gesellschaft nicht mehr, denn es verschleudert das dringend benötigte Potential der Besten. Wenn ich in dieser Weise mit dem Artikel weiter machen, dann finde ich eine weitere am Nutzen orientierte Argumentation bei den Kosten der entmutigten Lehrer.

Und plötzlich wird es sehr spannend zu sehen wie Hüther hier eine Kosten-Nutzen Argumentation für pädagogische Änderungen verwendet, aber keine Argumentation, die sich an einer Bedeutung für das Individuum ausrichtet. Er argumentiert mit der Funktion ein gutes Leistungspotential für die zukünftige Gesellschaft zu schaffen und mit den Kosten, die das bestehende System verursacht. Und das gibt einen guten Hinweis darauf wie er die Funktion von Schule für die Gesellschaft und Veränderungsmöglichkeiten einschätzt.

Nicht der Nutzen für das Individuum ist da wichtig, sondern der Nutzen für die Leistungsfähigkeit der Gesellschaft. Potentialentfaltung steht dabei nicht als eigenständiger Wert, um dem Einzelnen ein besseres Leben zu ermöglichen, sondern wird als Nutzen für die Gesellschaft eingesetzt.Jupp, und damit ist mir das erste Mal aufgefallen, dass es sich so präsentiert nur um den Vorschlag für ein Update des Bestehenden handelt. Keine tatsächliche Neuorientierung…“ 24.8.2014 auf Facebook

Jetzt bin ich über mich selbst reichlich verwundert, und außerdem bestärkt sich mein Eindruck, dass ich in der Vergangenheit meistens viel zu oberflächlich gelesen habe. Ich hatte den Artikel schon vor längerem überflogen, damals habe ich ihn aber nur in Hinblick auf den Nutzen für das Individuum wahrgenommen. Mit einem momentan anderen Auseinandersetzungshintergrund tritt das Individuum aber zurück und die Funktion von Schule für die Gesellschaft hervor. Und ich stelle mir das erste Mal die Frage, wie eigentlich das Verhältnis zwischen Schule, Individuum und Gesellschaft aussieht. Ist Schule überhaupt für das Individuum da? Oder das Individuum als Material, als human resource, also als Humankapital für die Gesellschaft, das gesellschaftlichen Ansprüchen entsprechend geformt, bewertet und verwendet wird?

Erstaunlich ist bei diesen Überlegungen auch, dass es möglich ist solche Inhalte zu studieren, ohne die damit verbundenen Dimensionen überhaupt zu erfassen. Gehe ich davon aus, dass es eine gesellschaftliche Aufgabe ist das Individuum so gut wie möglich bei seinem Bildungsprozess zu unterstützen, so ergeben sich daraus andere Anforderungen als wenn ich es als Aufgabe von Schule betrachte den Nachwuchs gesellschaftlich passend zu formen und dabei die jeweilige Eignung für Positionen in der Gesellschaft zu bestimmen. Lass ich den individuellen Nutzen fallen und konzentriere mich auf den zweiten Punkt, so verschwinden Problematiken, die ich mit dem schulischen System habe. Plötzlich ergibt das Ganze einen Sinn und scheinbare Widersprüche lösen sich auf. Institutionelle Diskriminierung wird zu einer wichtigen Funktion, für die das System die passenden Legitimationen zu finden hat. Möglichst so überzeugend und dabei auf der Akzeptanz von entsprechenden gesellschaftlichen Ungleichheiten basierend, dass alle Beteiligten ihnen mit möglichst geringen Unwohlgefühlen zustimmen können. 

Schule hat die Funktion Gesellschaft zu reproduzieren. Damit hat sie auch die Aufgabe den Umgang mit gesellschaftlicher Ungleichheit entsprechend der gerade existierenden Vorstellungen zu reproduzieren. Zum Verständnis von dem was an Schulen vor sich geht, ist es wenig hilfreich Schule als eine Einrichtung zu verstehen, die jedem Individuum optimale Förderung und Entwicklung ermöglichen soll. Darum geht es letztlich gar nicht. Entsprechende Bemühungen sind vor allem dazu gedacht die Akzeptanz oder das Image des Systems zu verbessern. Vor allem geht es darum Unterschiede festzustellen, um darauf aufbauend begründet und mit Messsystemen untermauert selektieren zu können. 

Für mich bedeuten diese Überlegungen die Abkehr von Illusionen. Das ist hilfreich, da mein Blick dadurch nicht mehr von Ansprüchen überlagert wird, die vom schulischen System und seiner Funktion für die Gesellschaft gar nicht umfasst werden. Schule soll differenzierende Unterschiede herstellen, Schule soll die nach ihren Maßstäben Besten herausfiltern, Schule muss keine Perspektiven für diejenigen bereitstellen, die ihre Anforderungen nur unzureichend oder schlecht erfüllen. Hört sich für mich erst einmal recht finster an, aber genau so kann Schule auch interpretiert werden.