Bildungsmäuschen

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Neustart?

Es gibt Blogschreibende, die kündigen zuvor an, dass sie eine Pause machen. Bei mir hat sich die Pause aus der Situation heraus ergeben. Zwei Monate, die mir wesentlich länger erscheinen.

Ich war völlig erschöpft. Jahrelang kein wirklicher Urlaub. Arbeiten in einer problematischen, belastenden Situation, Studium, Moocs, aufgeschobene Arbeiten zuhause, zu wenig körperliche Bewegung, zu viel Berührung mit gesellschaftlichen Problematiken. Es kommt schleichend. Zu Beginn der Ferien hatte ich mich ins Bett gelegt  und erst einmal geschlafen.

Danach habe ich begonnen Pokémon Go zu spielen. Die deutsche Version war kurz zuvor erschienen, es war die Zeit des Hypes und für mich wurde es ein wunderbarer Pokémon-Sommer. Der Rechner blieb aus, das Smartphone wurde endlich einmal mobil ausgereizt. Weite, tägliche Spaziergänge, Orte, die ich lange nicht besucht hatte, wunderschöne Landschaften, Pflanzen, Tiere, viele Eindrücke von Menschen, zufällige Treffen mit Bekannten, die ich lange nicht gesehen hatte, Architektur, materialisierte Sozialstruktur, und dabei die simplen, überschaubaren Anforderungen des Spiels als Zielsetzung und Rahmen.

Pokémon Go, um aus etwas heraus zu kommen und Abstand zu gewinnen. Dazu Herumhängen, Reduzierung von Verpflichtungen auf das Notwendigste, Kochen leckerer Gerichte und eine tägliche Dosis Star Trek als Eintauchen in eine spannende, aber unproblematische Welt der Fantasie.

Es ist vorbei. Drei Wochen Schule, beginnender Herbst und graues Wetter und es ist vorbei. Drei Wochen konnte ich mich noch daran klammern, wollte das Sommergefühl, die tiefe Entspannung nicht loslassen, doch ein Alltag voller Problematiken schleicht sich an allen Ecken und Enden wieder ein. Ich kann das was war nicht bewahren. Der Traum einer besseren Welt voller Glück beginnt zu verblassen.

Bei der Rückkehr von der morgendlichen Pokémonjagd begegnen mir Schülerzombies. Schüler auf dem Weg zur Schule, viel zu früh auf die Straße gerissen, in ihre Jacken versunken, noch nicht ansprechbar. Schritt vor Schritt setzend, um voran zu kommen, mit Gesichtern voller Unglück. Auf dem Schulhof erklärt mir eine Erstklässlerin (!) stolz, dass sie ihre Hausaufgaben gut macht und daher nicht auf die X-Schule (Förderstufe, Hauptschule, Realschlule) gehen muss, sondern gleich aufs Gymnasium gehen kann. Vor Ort gibt es neben einer reinen Förderschule nur diese Alternativen.

In Zeitlupe zersplittert die Illusion wie das Glas eines Spiegels und dahinter tritt eine Realität wieder klar hervor, vor deren Anforderungen ich Ruhe brauchte. Vor Tagen schon ging mir Adornos Satz durch den Kopf, dass es kein richtiges Leben im falschen gibt. Aber so richtig trifft dies das Problem nicht. Es geht nicht um das richtige Leben, sondern um das Verstehen, die Aufdeckung, die Erkenntnis, dass alles ganz anders ist als die Interpretationen oder in anderen Worten, gängigen Konstruktionen von Wirklichkeit, die allerdings zu Manifestationen führen, die diese konstruierte Wirklichkeit zu bestätigen scheinen. So wie sich selbst erfüllende Prophezeiungen bzw. der Pygmalioneffekt.

Mit einem Sprung, allerdings deutlichen Spuren von Erholung, bin ich damit auch wieder bei meinem Thema, wie das Ganze, die Vorstellungen davon wie die Wirklichkeit aussieht, auch durch Emotionen untermauert wird und wie wichtig es daher ist die Ebene der Emotionen im Augen zu behalten. Denn wenn man nicht bedenkt, dass die Emotionen, die mit etwas verbunden sind, durchaus erlernt werden, wenn man die Informationen aus Emotionen so nimmt wie sie auf den ersten Blick erscheinen, wenn man daran glaubt, dass das was sich richtig anfühlt zwangsläufig auch richtig sein muss und wenn man solches Wissen in Situationen noch nicht unmittelbar anwenden kann, dann ist noch viel Raum für eine auf Emotionen bezogene Bildung.

Es ist nicht einfach sich mit Emotionen zu beschäftigen, vor allem dann nicht, wenn es sich um unangenehme handelt. Es ist anstrengend. Es hat etwas von Ungreifbarkeit. Es birgt viele Gefahren. Es kann einfacher erscheinen Emotionen zu vermeiden.

Eine Auseinandersetzung mit Bildung sollte eine bewusste Auseinandersetzung mit Emotionen jedoch nicht vermeiden. Emotionen sind ein untrennbarer Teil des menschlichen Erlebens. Bildung bezieht sich auf Menschen. Menschen bilden sich und werden gebildet. Ganze, komplette Menschen.

Ich kehre zurück zur Erstklässlerin, die gelernt hat, dass es verschiedene Arten von Schulen gibt. Eine für die guten, eine für die nicht so guten Schüler. Sie hat auch bereits Maßstäbe für gut und schlecht gelernt. Wer seine Hausaufgaben gut macht (wobei sie selbstverständlich auch noch lernt was genau gut in diesem Rahmen eigentlich bedeutet), ist ein guter Schüler.

Interessant ist in dem Zusammenhang auch das, womit ich mich kurz vor meiner Sommerpause beschäftigt habe. Die Zunahme von depressiven Erschöpfungszuständen (Burn-out) bei vor allem weiblichen Kindern und Jugendlichen [1], die alles gut und zur Zufriedenheit der Erwachsenen machen wollen. Nett, geduldig, fügsam – und zu ihrem eigenen Schaden, wenn eine wachstumsorientierte Leistungsgesellschaft ihnen nicht gleichzeitig vermittelt zu erkennen, dass es Grenzen gibt und wo sich ihre eigenen Grenzen befinden. Und diese Befähigung hat viel mit der Fähigkeit zur Eigenwahrnehmung und Eigenverständnis zu tun. Und diese sehr viel mit der Wahrnehmung und dem Verständnis eigener und fremder Emotionen.

Parallel zur Einschätzung von Hausaufgaben und dem Zusammenhang mit eigenen Chancen wurde bereits gelernt ganze Schulformen und deren Schüler abzuwerten. In meinen Augen ist das Diskriminierung. Besonders fatal in Zeiten, in denen von Seiten des Handwerks großflächige, gut gemachte Werbeaktionen gestartet wurden, um mehr Schüler für eine Ausbildung im handwerklichen Bereich zu gewinnen, während die Hochschulen zunehmend voller geworden sind. Diese Lerninhalte werden dabei mit Emotionen verbunden dauerhaft abgespeichert und von den Kindern, wenn sie selbst Eltern sind, erneut reproduziert. So setzt sich eine Kette ohne erkennbares Ende fort. Auf diese Art und Weise reproduzieren sich gesellschaftliche Strukturen. Im Guten wie im Schlechten.

Meine Sommerpause ist offensichtlich zu Ende. Die Probleme, denen ich mich eine Weile in sommerlichen Parks und Kleinstädten entziehen konnte, haben ihre Häupter wieder erhoben. Und mit ihnen die Problematik der emotionalen Absicherung von angenommener Wirklichkeit, die ohne eine bewusste Bearbeitung wirkt und wirkt und wirkt.

Denn das, was sich richtig anfühlt, das muss dann doch auch richtig sein. Oder?

 

Referenz:

[1] Schulte-Markworth, M. (2015). Burnout-Kids. München: Pattloch.

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Serienjunkie

Schon als Kind habe ich begonnen Fortsetzungsgeschichten zu mögen. Erst in Comics und Büchern, später in Filmen. Ein interessantes Setting und interessante Charaktere wieder und wieder erleben, noch einmal und noch einmal. Sie auf Reisen begleiten oder in unterschiedlichen, schwierigen, verwickelten Situationen erleben, sich entfaltende Familiengeschichten verfolgen, Konflikte zwischen Gruppen und Völkern beobachten. Geschichten, in denen viele Stränge miteinander verwoben sind. Auf der Wahrnehmung von Wirklichkeit basierende Produkte der Fantasie. Voll von dargestellten Emotionen und voll von Experimenten wie etwas sein könnte, wenn etwas ganz anders wäre. Zum Beispiel die Emotionen selbst oder der Umgang mit ihnen.

In der letzten Zeit fallen mir dabei verstärkt Konstruktionen in Bezug auf Emotionen auf, die nicht funktionieren können, da sie auf der Annahme basieren, dass Emotionen etwas sind, das man abtrennen kann. Zum Beispiel vom Denken oder von moralischen Entscheidungen.

Dass eine solche Trennung einmal vorgenommen wurde, ist vermutlich auf den Wunsch zurückzuführen einen besseren Überblick über das zu gewinnen, das in einem Menschen vor sich geht. Zu ordnen und zu systematisieren ist eine Funktion, die unsere Art von Gehirn ermöglicht, und die in der Entwicklung der Arten selbst erst recht spät aufgetreten zu sein scheint. In der zunehmenden Entfaltung von Komplexität ist sie ein Mittel mit dieser Komplexität umgehen zu können. Die Entwicklung  zu Komplexität selbst schafft sich damit die Mittel, um sie besser bewältigen zu können.

Die dabei entwickelten Systematiken müssen nicht die Wirklichkeit oder Wahrheit abbilden, sie müssen sich vor allem in der Praxis bewähren. Zu unterscheiden ob ich denke oder fühle kann dabei durchaus nützlich sein, wenn ich beides an unterschiedlichen Orten meiner körperlichen Existenz lokalisiert wahrnehme. Ein Problem entsteht allerdings, wenn beide Elemente voneinander abgetrennt und noch dazu in eine hierarchische Ordnung zueinander gebracht werden. Und wenn diese Vorstellung dann auch noch als korrekte Abbildung der Wirklichkeit wahrgenommen wird. Auf dieser Basis entstehen in den Serien Gedankenspielereien, die nicht funktionieren können.

Im Alltag ist das anders. Ganz gleich wie weit unsere Vorstellungen von der tatsächlichen Wirklichkeit abweichen, wir können der Wirklichkeit nicht unseren Willen aufzwingen. Daher machen wir Experimente, um unsere Annahmen zu überprüfen. Aber in den Produkten unserer Fantasie, in den Geschichten, die wir konstruieren, müssen wir uns nicht an diese Wirklichkeit halten und können die Welt entsprechend unserer Vorstellungen umformen. Das was dann entsteht, kann unsere sonst vielleicht versteckt bleibenden Annahmen sichtbar machen.

Überall im Weltall gibt es Formen humanoiden Lebens, das sich sehr ähnlich sieht und auch noch untereinander kompatibel ist? Und Menschen können in diesem Reigen eine herausragende Rolle übernehmen, da sie über besondere Fähigkeiten verfügen? Da ihre Emotionen ihnen besondere Taten und besonders moralisches Verhalten ermöglichen? Nun ja. Ein Fantasieprodukt, das eine Menge darüber aussagt, wie sich seine Schöpfer selbst wahrnehmen.

Es wird ein Utopia erzeugt, indem allen Menschen ihre Wahrnehmung einer Dualität von Gut und Böse genommen wird. Plötzlich haben alle nur noch angenehme Emotionen und das Miteinander funktioniert ohne Konflikte. Damit ist alles Leid verschwunden und der Garten Eden wiederhergestellt. Nein, liebe Leute, das funktioniert in eurem Film, aber die Wirklichkeit würde euch schnell eines Besseren belehren.

Was mir ins Auge sticht, sind die Vorstellungen und Annahmen, die dahinter erkennbar werden.

Auf dem Schulhof sagt der eine Junge zum anderen: „Du nervst mich.“ „Nein ich nerve dich nicht.“, ist die Antwort des andere. „Wie kannst du meine Gefühle kennen?“, antwortet der genervte Junge. „Das was du mit mir machst nervt mich.“

Kluges Kind.

Wir lernen die Zusammenhänge zu erkennen und sie auszudrücken. Oder auch nicht. Wir können in unseren Vorstellungen etwas auseinandernehmen, dann müssen wir es aber auch wieder zusammenbringen. Die Emotionen sagen dem einen Jungen, dass er das nicht mag was der andere tut. Für ihn ist es kein gutes Verhalten und er möchte, dass der andere es unterlässt.

Am besten wäre es nun, wenn der andere Junge schon nachvollziehen könnte, dass etwas was ihm selbst Spaß macht, was für ihn also gut ist, von dem anderen entgegengesetzt wahrgenommen wird. Und wenn er sich in den anderen hineinversetzen könnte und einsehen würde, dass es gut ist aufeinander Rücksicht zu nehmen. Kann er noch nicht, daher greifen die betreuenden Erwachsenen ein.

Das Schulhofbild lässt sich dabei durchaus in einen größeren Rahmen übertragen. Gesetze und Gesetzeshüter greifen ein und regeln, damit nicht das gute Leben des einen auf dem Leid des anderen aufbaut. Unsere ethischen Vorstellungen basieren zu einem großen Teil auf Verarbeitung von Emotionen zu Empathie. „Was du nicht willst, das man dir tut…“. Geht natürlich auch anders. Wenn ich dem anderen so richtig weh tun will, kann ich die Vorbilder in mir selbst finden. Aber auch einsehen, dass ich trotz allem nicht so handeln sollte.

Emotionen zu erfahren spielt in diesem Kontext eine wesentliche Rolle. Und zwar jede Form von Emotionen, auch die ungeliebten heftigen und unangenehmen. Kenne ich diese Emotionen, kann ich mir vorstellen wie es für den anderen ist sie zu erleben. Emotionen liefern Hinweise auf die Einschätzung von Zuständen und Situationen und geben Hinweise auf einen notwendigen Veränderungsbedarf. In Scham und Schuld verweisen sie auf erfahrene Fehler und können starke Motivatoren für Handeln sein.

In den Serien als künstliche Produkte können Gedankenspielereien umgesetzt werden, die in der Wirklichkeit nicht funktionieren würden. Eine Welt ohne Vorstellung von gut und böse, menschenähnliche Wesen ohne Emotionen, Menschen die sich fortwährend in extremen Emotionszuständen befinden, Bevölkerungen, die keinerlei Empathie aufzubringen scheinen.

Ich mag Serien nach wie vor, beginne inzwischen aber am Wert der Darstellungen sehr zu zweifeln. Da es sich um Unterhaltung handelt, sickern die verwendeten Vorstellungen im Hintergrund ein, ohne in der Regel einen Anlass zu Reflexion zu liefern, solange sie nicht gegen ihre eigene innere Logik verstoßen. Trotzdem schaffen oder unterstützen sie Vorstellungsbilder.

Ich verwende noch immer einen für Emotionen geschärften Blick, daher fallen mir Ungereimtheiten auf. Was aber entgeht mir alles, wofür mein Blick nicht angeregt wurde?

Überprüfungen in der Praxis

Noch immer habe ich Schwierigkeiten das was mich zu Emotionen in Bildungsprozessen beschäftigt, oder zumindest einen Teil davon, in eine Form zu bringen, aus der sich eine Bachelorarbeit zusammenbauen lässt. Mein nächster Versuch war eine kurze schriftliche Zusammenfassung von dem was ich bisher getan habe und eine Darstellung des momentanen Ergebnisses, danach habe ich mir noch einmal den Gestaltungsplan zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten vorgenommen. Beim ersten Mal war ich beim theoretischen Hintergrund hängen geblieben, dieses Mal konnte ich alle Punkte bis zum Ende durchgehen und grob entwerfen wie die Vorgehensweise sein könnte. Danach wurde es zu heiß, und ich konnte nicht mehr konzentriert denken.

Beim Durchgehen des Plans hatte ich stark den Eindruck, dass ich alle diese Schritte im Lauf der letzten Monate eigentlich bereits durchlaufen habe. Gestern habe ich mich mit den Inhalten des ersten Videos des neunten Moduls aus dem MOOC Inspiring Leadership through Emotional Intelligence beschäftigt, in dem es unter anderem um Planungsstile geht und eine Aufgabe darin besteht, sich Gedanken über den eigenen Planungsstil zu machen. Domain and Direction Planning wäre das in meinem Fall in der Vergangenheit gewesen, die Richtung des Themas ist dabei vorgegeben, es besteht aber weder eine feste Deadline noch ein ganz spezifisches Ziel. Offene Erkundung ist dabei möglich. Darin eingebaut habe ich den Stil des Task Plannings, also dass ich mir immer wieder Zwischenaufgaben gestellt habe. Mit dem Arbeiten auf die BA hin müsste ich jetzt einen objektorientierten, auf ein festes Ziel ausgerichteten Stil praktizieren.

Interessant ist dabei, dass eine Herangehensweise praktiziert werden kann, die sich hinterher analysieren und beschreiben lässt, die aber nicht gezielt geplant wurde und nicht bewusst war. Es ist die Verwertung von impliziten Kenntnisse darüber wie etwas erkundet und überprüft werden kann. Woher kommen die?

Mit der Frage will ich mich jetzt nicht weiter beschäftigen. Momentan geht es um die Überraschung darüber wie sehr das was der Gestaltungsplan beschreibt Prozessen entspricht, die ich durchlaufen habe. Dadurch entstehen Anschlussfähigkeit, Übertragbarkeit und Nachvollziehbarkeit. Besonders fasziniert mich der Punkt Testen und Verbessern der Argumentation in der Praxis. Genau das ist es was ich mit meinen Erkenntnissen momentan mache. Allerdings nicht systematisch sondern nebenher. Ich überprüfe wie ich mit meinem Modell der Verzwirbelung im Alltag für mich zurecht komme und ob es sich dabei als nützlich erweist.

Visualisiert stehen hinter mir jetzt zwei Gestalten als Repräsentaten für Emotionen und Gefühle und legen die Hände zu meiner Unterstützung auf meine Schultern. Es ist schwierig zusammenfassend Veränderungen durch Änderungen in der Vorstellung oder Einstellung zu beschreiben. Es sind Kleinigkeiten im Alltag an denen sich Auswirkungen zeigen, die allerdings eine verändernde Wirkung haben.

Auf Emotionen lässt sich einwirken, indem auf die damit verbundenen körperlichen Erscheinungen eingewirkt wird (beispielsweise tief ein- und ausatmen oder Anspannungen loslassen), es aber ebenso möglich auf Vorstellungsbilder einzuwirken oder sie umzubauen und dadurch Effekte zu erzielen. Wenn Emotionen einen Bewertungsanteil haben, so kann eine andere Sichtweise zu einer neuen Bewertung führen. Emotionen als verzwirbelt wahrzunehmen rückt die Emotionen selbst in eine andere Position in ablaufenden Prozessen und gibt ihnen dabei einen anderen Wert. Ich gehe dabei davon aus, dass ich sie in der Vergangenheit losgelöst wahrgenommen habe. Woher kam das?

Auch mit der Frage will ich mich jetzt nicht weiter beschäftigen. Es geht immer noch um die Überprüfung. Die Verzwirbelung ist ja nur ein Modell, das ich mir passend konstruiert habe. Erklärungsmodelle für die Welt oder das eigene Innenleben müssen nicht richtig sein, um ein erfolgreiches Handeln zu ermöglichen. Reine Mythen können eine funktionierende Basis für menschliches Leben darstellen. Bilder und Geschichte geben Emotionen und Gefühlen eine Richtung und Orientierung. Märchen wirken.

Ich habe mein Ohr verletzt und kann nicht richtig hören. Plötzlich bekomme ich eine veränderte Welt geliefert. Ich antworte darauf mit Emotionen, Gedanken und Aktionen. Ich muss Tag für Tag unzählbare Eindrücken verarbeiten. Dieser Prozess beinhaltet Emotionen, Gedanken und Aktionen. In Begegnung mit Menschen, in Begegnungen mit Gegenständen, in der Konfrontation mit mir selbst – fortwährend Emotionen, Gedanken und Aktionen. Das geht alles ganz schnell und nur manchmal langsam oder mit Achtsamkeit. Das ist auch nichts um das ich mich kümmern müsste (allerdings kümmern kann).

Ich sehe einen Menschen, nehme seinen Körper wahr, höre seine Worte und bekomme einen Eindruck von seinen Emotionen, Gedanken und Aktionen. Alles wird von mir zu einem Gesamteindruck verarbeitet, der in Beziehung zu meiner eigenen Weltvorstellung gesetzt wird und bei mir zu Emotionen, Gedanken und Aktionen führt auf die dann der andere ggf. reagiert. Das alles geht schnell und erfordert keine besondere Achtsamkeit. So geht das Tag für Tag, Tag für Tag und daraus setzt sich das Leben zusammen. Von Moment zu Moment.

In gewisser Weise berühre ich hier auch spirituelle Lehren und ihren Umgang mit Emotionen. Im Raum der Auseinandersetzung mit Emotionen ist es nicht das erste Mal. Ebenso sind Emotionen, wenn sie als Bewertungssystem auftreten, eng mit Moral und moralischem Verhalten verbunden, etwas das in religiösen und spirituellen Lehen einen hohen Stellenwert hat.

In letzter Konsequenz scheint alles auf eine ganzheitliche Betrachtung des Menschen hinauszulaufen, in der Emotionen eine wichtige Bedeutung zukommt, Damit bin ich auch wieder bei alten pädagogischen Ideen angelangt. Der Unterschied besteht darin, dass ich jetzt mein unmittelbares Erleben der Welt damit verbinden kann und es nicht nur Gedanken im Kopf bleiben.

Hausaufgaben und Grundschulbetreuung

Ich arbeite ja in einer Grundschulbetreuung und seit einer Weile bin ich durch Umstrukturierungen an der Schule damit konfrontiert, dass Kinder zu den Aufgaben geholt werden, wenn sie gerade mit etwas beschäftigt sind, wie Bilder zu malen, zu spielen oder Bänder zu flechten. Zu den Aufgaben gehen sie dann durchaus mal unter Protest. Nun habe ich mich wegen einer Hausarbeit einmal intensiver mit Hausaufgaben an Grundschulen beschäftigt und musste dabei feststellen, dass der Wert von Hausaufgaben für das Lernen während der Grundschulzeit durchaus strittig ist. Zu diesem Zeitpunkt erschien es eher so, dass damit vor allem eine Anschlussfähigkeit an weiterführende Schulen, die diese Methode verwenden und in deren Kontext es dann sinnvoll wird, gewährleistet wird.

Soweit die Vorrede und jetzt kommt die eigentliche Sache. Als jetzt wieder Kinder nicht zu den Hausaufgaben gehen wollten, sondern versuchten ihre angefangenen Sachen weiter zu machen, habe ich gesagt: „Aufgaben sind wichtig, die Sachen hier in der Betreuung nicht.“ Ich habe es gesagt, damit die Kinder ihren Pflichten nachkommen und ich meine Aufgabe an der Schule zur Zufriedenheit der Lehrkräfte ausführe. Es hat sich sehr merkwürdig angefühlt das so auszusprechen, denn es war im Kontext vollkommen richtig, auch wenn ich den Satz ohne Schulkontext als vollkommen falsch einstufen würde. Daher will ich noch ein wenig darüber nachsinnen.

Erst innerhalb der Wirklichkeit von Schule wie ich sie erlebe wird diese Aussage richtig. Genau das wird durch viele Kleinigkeiten gelehrt. Es gibt Prioritätenlisten von Tätigkeiten, die ihre eigene Wirklichkeit entfalten. Ich halte Spiel und Malen und Basteln in der Betreuung für wichtig und wenn diese Tätigkeiten geplant und geordnet in einem pädagogisch deklarierten Kontext auftauchen, dann sind sie es auch im Rahmen von Schule. Nicht so wichtig wie Mathe oder Deutsch, aber in der Grundschule haben sie durchaus ihren Platz. In der Betreuung sind sie allerdings etwas anderes. Dort sind sie etwas womit sich Kinder eben beschäftigen damit sie etwas zu tun haben, das aber durch Wichtigeres immer sofort abgebrochen werden  kann und muss. Das was an anderem Ort pädagogisch geplant initiiert wird, sich in der Betreuung aber ganz ähnlich durch das Interesse der Beteiligten organisch entwickelt, hat keinen vergleichbaren Wert. In der Betreuung  kann und muss es jederzeit abgebrochen werden, wenn es dann eben Zeit für die Hausaufgaben ist oder weil die Eltern kommen. Darüber lernen Kinder die unterschiedliche Wertigkeiten von Tätigkeiten.

Ich arbeite schon lange so, dass ich versuche nur Angebote zu machen, die man jederzeit abbrechen kann. Das war nicht immer so. Aber seit die Betreuung vor allem zum Wartesaal geworden ist in dem Kinder in Zwischenzeiten geparkt werden, ergibt alles Weitere kaum einen Sinn und ist  für Kinder und Betreuende eher frustrierend. Betreuung und ihre Aktivitäten bekamen diese Position zugeschoben und nun stimmt eben diese Aussage, die ich gemacht habe, aber nur in der innerhalb von Schule geschaffenen Realität.

Basteln, Malen, Spielen behalten einen eigenen bedeutenden Wert. Sie sind in der Außenwelt die Basis von Berufen, die Fähigkeiten mit denen Menschen ihren Lebensunterhalt verdienen. Und auch der Wert von Hausaufgaben in Grundschulen für das Lernen kann weiterhin angezweifelt werden und es kann auch angezweifelt werden wie sinnvoll es ist Kinder zur Pflichterfüllung in der Form zu erziehen, dass sie die Dinge, die sie eigentlich interessieren, lernen beiseite zu legen, um sich Pflichten zu widmen, deren Bedeutung nur im Kontext von Gepflogenheiten einen Sinn ergibt.

Inzwischen bin ich mir sehr bewusst, dass Schule ihre eigene Wirklichkeit kreiert. Und ich bin mir auch darüber bewusst wie in vielen kleinen alltäglichen Details Bedeutungen geschaffen werden, Positionen hierarchisch bestimmt werden, versteckte Werte eingeübt werden. Und auch wie Rassismus  gelernt und gelebt wird.

Ein endgültiges Fazit steht für mich noch aus. Womit ich inzwischen allerdings keine Schwierigkeiten mehr habe, ist es zu verstehen, warum genau die gleichen Tätigkeiten einmal einen hohen und ein anderes Mal gar keinen oder nur geringen Wert haben. Das war etwas, das mich in der Zeit vor meinem Studiumsbeginn sehr umgetrieben hat. Ändern kann ich durch die gewonnenen Erkenntnisse kaum etwas, aber der Satz der noch vom Anfang meines Studiums an der Wand hängt und wenn ich mich richtig erinnere von Andreas Döppinghaus stammt:

„Bildung kann in eigener gedanklicher Anstrengung Sozialisation und gesellschaftliche Einflüsse durchschauen, um ihrer Dominanz nicht dauerhaft und widerstandslos ausgesetzt zu sein.“ (Quelle?)

sagt in etwa das aus was den Wert meiner Lernbemühungen ausmacht.

Wird die Redewendung einem ein X für ein U vormachen eigentlich noch verwendet?

Konstruktion von Wirklichkeit

Ich will mir jetzt nicht die Mühe machen den Pfad zurückzuverfolgen auf dem ich gestern von gewonnener Sicherheit über die Bedeutung von Rassismus im Kontext von Schule zu einer vollkommenen Auflösung gekommen bin. Wichtig ist dass ich meine Darstellungsfläche erneut gelöscht habe und wieder mit einer leeren weißen Fläche beginne. Der Aspekt auf den sich meine Aufmerksamkeit momentan richtet ist die Konstruktion von Wirklichkeit. Überall tritt er plötzlich hervor. Rassismus basiert auf einer Konstruktion von Wirklichkeit, ebenso Schule und Lehrinhalte. Im Alltag beobachte ich seit längerem bei verschiedenen Gruppen wie sie ihre Wirklichkeit konstruieren, auch wenn ich dem erst im Augenblick diesen Namen gebe. Es sind Gruppen in denen die einzelnen Menschen in der Gruppe in unterschiedlicher Weise und Stärke an dieser Konstruktion beteiligt sind. Und diese Gruppen schaffen sich damit ihre spezifischen, aber unterschiedlichen Wirklichkeiten.

Gut, damit bin ich dann anscheinend bei der Wissenssoziologie und Peter L. Berger und Thomas Luckmann angelangt, deren Name ich schon gelesen habe, über die ich aber sonst nichts weiß. Oder vielleicht doch? Ich beschreite also den Weg erst einmal die Wikipedia für einen ersten Eindruck zu konsultieren und bin über diese Möglichkeit sehr froh. Ich muss keine umfangreiche Bücherei zur Verfügung haben, ich stehe nicht wie in meiner Jugend allein mit meinen Gedanken an einem Abgrund, ich gebe Konstruktion von Wirklichkeit ein und werde fündig. Und kann dann das was ich dort finde mit meinen eigenen Gedanken vergleichen und weiter recherchieren und weiter denken. Hätte ich diese Möglichkeit in meiner Jugend zur Verfügung gehabt, ich hätte weniger gedacht dass ich spinne. Das hätte mir viel Leid und viele Zweifel ersparen können. So sind aber diese Möglichkeiten des Internets wenigstens jetzt extrem wertvoll für mich.

Im öffentlichen Raum meiner unmittelbaren Umgebung wird scheinbar nicht in dieser Weise gedacht und hinterfragt. Ich hatte es schon längst aufgegeben mich zu äußern und irgendwann habe ich auch aufgehört differenzierter zu denken und mich angepasst. Gefühlt ist es die Informationsfülle des Netzes, die mich wieder hervorlockt und mir Sicherheit gibt. Auch wenn ich alle diese Menschen nur selten direkt sehe, ich kann die von ihnen aufgezeichnete Gedanken lesen!

Interessant ist es in diesem Zusammenhang welche Konstruktion von Wirklichkeit sich weshalb durchsetzt, wie weit sie in gemeinsamer Kommunikation erzeugt wird, wer dabei bestimmend ist und wer vielleicht gar nicht gehört wird. Wie weit Wirklichkeit in Reaktion auf andere Gruppen konstruiert wird, wie weit sie Machtverhältnisse legitimiert, dass es in einer Gesellschaft gleichzeitig ganz verschiedene Gruppen gibt, die sich auf verschiedene Konstruktionen der Wirklichkeit geeinigt haben und daran arbeiten sie zu erhalten, indem sie fortwährend diskursiv angepasst werden.

Und nachdem ich jetzt diese Zusammenfassung zu  Peter L. Berger und Thomas Luckmann gelesen habe, denke ich nur noch: Ach du meine Güte! Was für Schlussfolgerungen ziehe ich denn nun daraus auf den Rassismus bezogen? Ich lebe in einem Geflecht von Wissenskonstruktionen wo es weder richtig noch falsch gibt, wo Macht eine große Rolle spielt aber auch Zufall, wo Lebensorientierungen keine Verbindlichkeit besitzen können, wo Prozesse von Aushandlung und Durchsetzung eine wesentlich größere Rolle spielen als Wirklichkeit, die in ihrer Komplexität sowieso nicht wahrgenommen werden kann. Wo Rassismus ein gewünschtes Mittel sein kann, gegen das als Argument wirklich nur noch die Existenz anderer Werte vorzubringen ist und deren Festlegung in allgemein verbindlichen Regelwerken, die aber nur solange gültig sind, wie sie von einer signifikanten Gruppe akzeptiert werden. Und damit bin ich mittendrin innerhalb gesellschaftlicher Wirklichkeit und kann alle Ideale erst einmal in die Tonne klopfen.

Und eigentlich wollte ich doch nur so eine kleine popelige Hausarbeit schreiben…