Bildungsmäuschen

Startseite » Beitrag verschlagwortet mit 'Lernen'

Schlagwort-Archive: Lernen

Bewusstheit der Emotionen

Wie funktioniert Lernen? Wie funktioniert der Weg zu Verständnis?

Walpurgisnacht und 1.Mai mit seinen vielen Ausflüglern liegen hinter mir, die neue Woche startet in einem wunderschönen, gelblichen Licht in einer nebelverhangenen Landschaft, mit frischer, kalter Luft und Vogelzwitschern, vermengt mit den Geräuschen der zunehmenden Arbeitsaktivitäten.

Hatte ich noch gestern den Eindruck, ich hätte vor allem herumgehangen, wäre nicht zu sehr viel gekommen, hätte Geplantes nur vor mir hergeschoben und wäre deshalb deprimiert, so fügt sich im Morgengrauen ein überraschendes Bild von Aktivitäten zusammen. Ich habe etwas gänzlich anderes getan als ich geplant hatte. Und das hat sogar seine eigene innere Logik.

Das wofür Walpurgisnacht steht war dabei völlig ohne Bedeutung, das wofür der Tag der Arbeit steht hatte dagegen eine hohe Brisanz. Es waren vor allem zwei Filme, Joschka und Herr Fischer, Aspekte der Geschichte der Bundesrepublik aus der Perspektive von Joschka Fischer, und Inequality for All über Theorien von Robert Reich, die als Input im Hintergrund verarbeitet wurden. Weiterhin tritt aus der Erinnerung das Bild einer Frau hervor, die ich beim Kauf meiner Wochenvorräte am Samstag im Vorbeigehen gegrüßt habe. Ich hatte sie sehr lange nicht gesehen, sie ist für mich aufs engste mit einem Kurs über Methoden zur Achtsamkeitsförderung verbunden, den sie vor vielen Jahren einmal über die Volkshochschule angeboten hat. Ich habe sie als Schülerin in dem Kurs gefragt, wozu diese Methoden dienen, wofür sie verwendet werden. Sie hat mich nur angeschaut und ist mir auf immer eine Antwort schuldig geblieben. Dazwischen mischt sich das Bild des Ausverkaufs eines Ladens für Bastel- und Schreibbedarf, der schließt, weil er sich nicht mehr rentiert und verbindet sich mit dem Bild weiterer Läden an anderen Orten und zu anderen Zeiten.

Wie funktioniert das mit dem Lernen? Es gibt Input, irgendwo her, in meinem Fall vermittelt über soziale Netzwerke, weiterhin über das Fernsehen und aus dem Alltag heraus. Das wird bunt gemischt, mit dem versetzt was bereits im Speicher an Wissen und Fragen vorhanden ist und im Hintergrund verarbeitet. Während der Verarbeitung blitzen Emotionen auf, Assoziationen, Gedanken, vielleicht kommt es zu Träumen, dann ist irgendwann ein Produkt da. Bei mir meist im Morgengrauen.

Das Ergebnis ist dieses Mal weitreichend und komplex, ich würde lange benötigen es darzustellen. Auf dem Hintergrund meiner Fragen nach der Bedeutung der Emotionen in Bildungskontexten komme ich zu dem Ergebnis, dass es durch eine Verbesserung der Bewusstheit der Emotionen keine Möglichkeit der Veränderung wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Bedingungen gibt. Bewusstheit kann zwar dazu beitragen die psychische Gesundheit besser zu erhalten, kann aber genauso Dinge sichtbar machen, mit denen ein bewusster Umgang sehr schwer ist.

Ich will das an dieser Stelle nicht weiter ausführen. Für mich wird dabei sichtbar was mich gestern deprimiert hat. Im Sonnenlicht des beginnenden Tages kann ich entspannter damit umgehen. Es ist wie mit jeder anderen Bewusstheit auch, sie hilft zu verstehen. Möglicherweise gelingt es dadurch besser Entscheidungen zu treffen, die auch ein besseres Ergebnis liefern. Das war es aber auch schon. In Gedanken gehe ich noch einmal zu Problemsituationen zurück und stelle die Frage danach, wie weit eine größere Bewusstheit und ein umfassenderes Verständnis von Emotionen hätte ändern können, was aus den Situationen heraus entstanden ist.

Das ist sehr interessant, denn es führt mich zu Interessenskonflikten zwischen Menschen. Und es führt mich zu den Theorien, nach denen Denken, Emotionen und Handeln nicht getrennt werden können. Wenn Emotionen nicht als losgelöste, abgetrennte Erscheinungen eingestuft werden, so drücken sich in ihnen die Einschätzungen aus, die Menschen haben, und diese Einschätzungen stehen in einem starken Zusammenhang mit ihrer kognitiven Verarbeitung.

 

Die Entscheidungen, die in der Vergangenheit getroffen wurden, wurden nicht wegen der heftigen Emotionen getroffen. Es waren keine emotionalen Entscheidungen. Die begleitenden Emotionen lieferten nur die deutlich spürbaren Bewertungen, die ihre Gründe aber in unverträglichen Interessen von unterschiedlichen Menschen hatten. Es waren keine emotionalen Entscheidungen, auch wenn heftige Emotionen aufgetreten sind. Es waren Entscheidungen aufgrund der bestehenden Problemlagen. Kein Handeln im Affekt. Andere Entscheidungen hätten eine andere Betrachtung der Welt vorausgesetzt. Nicht die Wut ist der Grund dafür Ausbeutung nicht zu dulden. Sondern es ist die Tatsache der Ausbeutung, die durch Wut bewertet wird. Die Entscheidung ist die Antwort auf die Frage, ob man Ausbeutung hinnehmen will oder muss oder ob man sie abweisen will oder kann. Nicht die Wut entscheidet, sie begleitet die Entscheidung nur, die aber unter Einbeziehung von weit mehr Informationen getroffen wird. An dieser Stelle ergibt sich sinnvoll die Frage danach, wer Regeln für einen angemessenen Ausdruck von Emotionen für wen aufstellt.

 

Es sind immer vollständige Menschen, die durch die Welt laufen. Im Verlauf unserer Sozialisations-, Erziehungs- und Bildungsprozesse verbinden sich Emotionen und gedankliche Konstruktionen der Welt zu einem untrennbaren Ganzen. Bewusstheit macht das besser sichtbar. Mehr nicht. Möglicherweise können wir mit mehr Vernunft entscheiden, möglicherweise können wir uns in dem Bewusstsein begegnen, dass keine Weltkonstruktion, und dadurch auch nicht die damit verbundenen Emotionen, die richtige ist. Dass es sowieso nicht darum geht was richtig oder falsch ist, sondern darum zu sinnvollen Lösungen nach vernünftigen Maßstäben zu kommen. Möglicherweise können wir dafür sogar unsere unterschiedlichen Machtpositionen nicht wirksam werden lassen.

Langsam entfaltet sich der Tag. Es gibt Probleme zu lösen und es muss Konflikten begegnet werden. Es geht darum bewusst zu bleiben und offen. Es werden Emotionen auftreten, die ertragen werden müssen, und Emotionen, die den Wunsch nach Fortdauern wecken. Es wird sinnvoll gehandelt werden und unsinnig. Es werden Dinge anders sein und es werden Dinge gleich bleiben. Es wird Aufregung geben und wieder Ruhe. Es wird Glück geben und Pech.

Möglicherweise geht es darum, dass Bewusstheit eine interessante Methode ist den Anforderungen, Problemen und Möglichkeiten des Lebens zu begegnen. Möglicherweise geht es auch einfach nur darum, dass in dem Wort Bildung die Entfaltung und Weiterentwicklung des Menschen enthalten ist und Bewusstheit und Bewusstsein Weiterentwicklungen darstellen.

Ausbildung, Bildung, Lernen

Einem Bekannten gegenüber habe ich kürzlich geäußert, dass ich jetzt bei meinen Untersuchungen auf der untersten Ebene, der Anwendungsebene, angekommen bin. Wie soll man in Bildungskontexten mit Emotionen umgehen, was soll man über sie wissen, was soll man über sie lehren?

In Konfrontation mit einer Reportage über China, die auch Einblicke in Schul- und Arbeitssystem lieferte, wurde für mich die Frage bedeutsam wie weit man Menschen in Bildungskontexten an ihre tatsächlichen Emotionen heranführen kann. Kinder und Jugendliche, die über viele Jahre 13 Stunden am Tag mit geplantem Lernen beschäftigt sind, dabei Erwartungen von Eltern und Gesellschaft zu erfüllen haben und deren Lebensperspektive maßgeblich von einer einzigen abschließenden Prüfungszeit abhängt, sind sehr stark auf ein gutes Management ihrer Emotionen in Hinblick auf erfolgreiche Leistung angewiesen. In einem solchen System anderes zu fördern kann schädliche Konsequenzen für das Individuum haben.

Interessanterweise wurde in der Reportage von einem Vater geäußert, dass sein Sohn nach bestandenem Abitur im westlichen Bildungssystem studieren soll, da nur dieses in der Lage ist Individualität und Kreativität zu fördern, und sich durch den Erwerb dieser Fähigkeiten für seinen Sohn Wettbewerbsvorteile gegenüber anderen ergeben. Ein sehr interessantes strategisches Vorgehen! Wie der Sohn wohl auf den Wechsel reagiert?

Inzwischen bin ich dazu gekommen erst einmal drei Hauptkategorien für die Betrachtung von Emotionen in Bildungskontexten zu verwenden. Ausbildung, Lernen und Bildung. Von besonderer Bedeutung ist für mich außerdem der Faktor Ungleichheit, der in allen drei Kategorien Auswirkungen hat.

Diese Unterscheidung zu treffen hilft mir momentan beträchtlich Widersprüche in Bezug auf die Einschätzung und den Umgang mit Emotionen zu verstehen und zu ordnen. Der Auftrag von Bildung bedeutet das Individuum zu Erkenntnisfähigkeit seiner selbst, anderer Individuen sowie seiner sozialen und natürlichen Umwelt zu führen. Dafür ist es notwendig auch die Informationen zu verstehen, die aus den eigenen Emotionen und der Art des Umgangs mit ihnen gewonnen werden können. Schwierig ist das dann, wenn das Individuum Emotionen vor sich verbirgt, bestimmte Emotionen verdrängt oder betäubt, gelernt hat bestimmte Emotionen beim Auftreten sofort abzuwandeln oder aber auch, beispielsweise durch ständigen Zeitdruck, Emotionen nicht beobachten und reflektieren kann. Um aus Emotionen Informationen für Erkenntnisprozesse bewusst gewinnen zu können, ist ein gewisser Zugang zu ihrer tatsächlichen Form und Bedeutung notwendig. Neben anderem können geeignete Meditations- und Achtsamkeitstechniken dabei hilfreich sein.

Für gezieltes Lernen gelten dagegen andere Anforderungen. Es existieren ein Rahmen und ein Ziel und der emotionale Zustand des Lernenden kann dafür von ihm selbst oder von den anleitenden Personen in einer förderlichen Weise gestaltet werden. Es können emotionale Faktoren identifiziert werden, die blockierend oder fördernd wirken und die Gestaltung von Lernumgebung, Lerninhalt oder Lernmaterial können diese geplant und spontan berücksichtigen.

Für Ausbildung können wiederum andere Regeln angewendet werden, müssen es aber nicht. Ausbildung kann vom Auszubildenden erwarten, dass er Vorgaben erfüllt. Das bezieht sich auch auf die Art wie er mit Emotionen umgeht und sie präsentiert. Ausbildung muss das Individuum nicht zu Erkenntnis führen und kann von ihm erwarten, dass es von außen kommende Anforderungen erfüllt, seine eigentlichen Emotionen unterdrückt, verbirgt oder abändert, sowohl in einem deep als auch einem surface acting. Ausbildung darf das Individuum von sich selbst entfremden und zur reinen Erfüllung von Rollenverhalten und gesellschaftlicher Vorgaben hinführen. In diesem Kontext kann es von großer Bedeutung werden dem Individuum Raum für Unterbrechung und Entspannung zur Erhaltung seiner Gesundheit zu gewährleisten. Ob ein solches Vorgehen für das Gesamtwohlergehen des Individuums, die Entwicklung von Gesellschaften oder die Qualität von Arbeit tatsächlich sinnvoll und förderlich ist, stellt dabei erst einmal ein untergeordnetes Untersuchungskriterium dar.

Ungeplantes und nicht zielgerichtetes Lernen lässt sich in diesem Kontext mit Sozialisation zusammenfassen. Diese Bereiche fallen für mich nicht unter die Fragestellung wie in Bildungskontexten mit Emotionen umgegangen werden soll. Erziehung kann in diesem Zusammenhang je nach Intention Bildung oder Ausbildung zugeordnet werden, auch wenn das zuerst etwas eigenartig erscheinen mag. Einübung hat dabei grundsätzlich genauso eine Berechtigung wie die Förderung von Erkenntnisbefähigung.

Bedeutsam ist in diesem Zusammenhang Bewertungen danach was gut oder schlecht, richtig oder falsch sei erst einmal beiseite zu lassen. Ich bin vor allem mit Bewertungen konfrontiert, die darauf hinauslaufen, Bildung im beschriebenen Sinn als gut, Ausbildung als schlecht einzustufen und in denen außerdem eine emotional positive Lerngestaltung gleichgesetzt wird mit der Gesamtgestaltung von Bildung und Ausbildung. Bei der Beobachtung der Bedeutung von Emotionen in Bildungskontexten führt das bei mir aber regelmäßig zu Verwirrung, weil sich dadurch viele Erscheinungen und Praktiken in Bezug auf Emotionen nicht stimmig ordnen lassen.

Auf der Ebene der direkten Beobachtung wie Emotionen im sozialen Bereich entstehen und wirken, bleibt das EASI-Modell von Van Kleef für mich allerdings weiterhin gut anwendbar. Die Unterteilung in die Kategorien Lernen, Bildung und Ausbildung hilft dabei zuerst einmal scheinbar widersprüchliche Erscheinungen und Ansprüche zu ordnen. Probleme bereitet es mir momentan in die Kombination aus beidem Differenzerfahrungen einzubauen.

Das EASI-Modell erfasst grundsätzlich sowohl den Einfluss von Normalitätsvorstellungen des Wahrnehmenden als auch den Einfluss gesellschaftlicher Machtverhältnisse. Ausbildung geschieht innerhalb gesellschaftlicher Machtverhältnisse und dominierender Vorstellungen, muss sie aber nicht hinterfragen und kann sich daran anpassen, Bildung erfordert ihre Berücksichtigung und die Untersuchung ihres Einflusses. Gezielte Lernarrangements an sich haben Wahlfreiheit. Sie können ausbilden, bilden und beides mischen. Ich denke unser momentanes Ideal umfasst durchaus eine Mischung. Wir wünschen uns sowohl gut ausgebildete als auch gebildete Menschen. In Bezug auf Emotionen bedeutet das

  • Erkenntnisbefähigung und Verstehen in Bezug auf die eigenen Emotionen und die anderer Personen (Bildungsauftrag: Achtsamkeit, Wahrnehmungslenkung, Bewusstheit, Verbindung mit Beispielen),
  • bei gleichzeitigem Wissen über Emotionsregulierung und Emotionsausdruck, die sinnvoll und zielführend sind, aber auch was ungeeignet und zu vermeiden ist (Bildungsauftrag: Methoden, Techniken, kulturelle Praktiken, Wissen über gesellschaftliche Bedingungen, Verwendung von Beispielen, kritisches Denken)
  • bei gleichzeitigem Wissen über die Einbettung von Emotionen in Kontextbedingungen (Bildungsauftrag: gesellschaftliche Bedingungen, Konstruktion von Wirklichkeit, Kommunikationsstrukturen, Befähigung zur Einnahme unterschiedlicher Perspektiven, Denken in Komplexität).

Als Kompetenzbegriffe können in diesem Zusammenhang emotionale und soziale Kompetenz benannt werden.

Die Zeiten, in denen Emotionen eine untergeordnete Rolle zugewiesen werden und in denen sie in den privaten Bereich verwiesen werden konnten, in dem sie dann in eine gesellschaftlich verträgliche, Abläufe möglichst nicht störende Form gebracht werden, sind vorbei. Es erweist sich als notwendig die permanente Anwesenheit von Emotionen in Menschen und ihren stetigen Anteil an mentalen Verarbeitungsprozessen zu berücksichtigen, um Vorgänge und Abläufe zu verstehen. Emotionen, im besonderen soziale Emotionen sind für das menschliche Individuum als sozialem Wesen von gravierender Bedeutung. Bildung geht nicht ohne Emotionen. Daher sollte ihr Mitwirken in Bildungskontexten auch jeweils genauer betrachtet und einbezogen werden.

Elternratgeber und die Einbeziehung von Emotionen

In der letzten Zeit habe ich mich zweimal intensiver mit Ratgebern beschäftigt, die vor allem an Eltern von Schulkindern gerichtet sind, und sie auf die Darstellung von Emotionen hin untersucht.

Der erste war von Jeanette Stark-Städele aus dem Jahr 2015 mit dem Titel Kinder wollen lernen – Kinder im Schulalltag unterstützen und begleiten. Es handelt sich dabei um die aktualisiert Neuauflage eines Buches, das bereits 2008, damals allerdings unter dem Titel Spaß am Lernen – erfolgreich in der Schule: wie Sie die Lernfähigkeit Ihres Kindes fördern und stärken können, erschienen ist. Ich hatte dazu einen Blogpost begonnen, aber nicht fertiggestellt. Das Folgende ist ein bearbeiteter Auszug daraus.

Für die Zeit der Ersterscheinung des Buches lässt sich anhand der damals erschienenen Literatur zum Themenbereich Emotionen eine starke Beschäftigung mit Vorstellungen feststellen, bei der positive Gefühle als grundlegend für erfolgreiches Lernen propagiert wurden. Sehr stark vereinfacht: Positive Gefühle fördern das Lernen, negative blockieren es, woraus sich die Schlussfolgerung ergibt, wenn man sich auf die Erzeugung positiver Gefühle ausrichtet, kann man erfolgreiches Lernen müheloser initiieren.

Explizit werden Emotionen allerdings nur in geringem Umfang thematisiert. Wie sie insgesamt einbezogen und betrachtet werden, entspricht dabei nicht ihrer expliziten Darstellung. Für mich ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Autorin nicht über ein klares und eindeutiges Gesamtkonzept für Emotionen verfügt.

Sie ist Praktikerin und als Praktikerin kennt sie sich mit dem Umgang mit Emotionen und ihrer Vielschichtigkeit aus. Die Theorie, die sie für Emotionen verwendet, kann dieses Wissen in seiner Vielschichtigkeit jedoch nicht abbilden. Im Gegensatz zu ihren Ausführungen zur Theorie der Emotionen wird in den praktischen Ratschlägen allerdings sichtbar, dass sie sehr wohl weiß, dass beispielsweise auch negative Emotionen zu Motivatoren für Lernen werden können. In den auf die praktische Anwendung hin ausgerichteten Teilen des Buches geht sie zwar kaum noch explizit auf Emotionen oder Emotionstheorie ein, sie wendet allerdings, möglicherweise unreflektiertes Alltagswissen zu Emotionen sinnvoll an.

Etwas anders sieht es bei Besser lernen mit positiver Pädagogik mit dem Untertitel Der Ratgeber für Lehrer, Eltern und Schüler aus. Das Original ist im Jahr 2014 in französischer Sprache erschienen. Die Autorinnen arbeiten als Familientherapeutinnen und zertifizierte Trainerinnen für Mindmapping und mentale Gesten. Entsprechend ist ihr Buch ausgerichtet. Sie haben den Vorteil, dass sie mit einzelnen Personen und kleinen Personengruppen an der Lösung konkreter Probleme arbeiten können. Sie propagieren ein Lernen mit „Kopf, Herz und Hand“ und gehen im Vergleich zu Stark-Städele umfangreich auf das Thema Emotionen ein.

Dafür benutzen sie die Definition der Wikipedia für Emotionen, außerdem Listen für Basisemotionen und Kategorien für positive, negative und toxische Emotionen nach Paul Ekman. Ihre Ausführungen zu Auswirkungen der verschiedenen Emotionen im Bereich des Lernens sind differenziert, Untersuchungen der Neurowissenschaft werden berücksichtigt. Im Gegensatz zu dem Buch von Stark-Städele wird mehr Bewusstheit über die Wirkung von Emotionen und eine umfangreichere Kenntnis und Berücksichtigung von Emotionstheorien erkennbar. Das Buch von Stark-Städele wirkt dagegen eher wie die Darstellung praktischer Erfahrungen, denen eine spezifische Theorie künstlich beigefügt wurde.

Da Akoun und Pailleau (2015) ein Buch für die praktische Anwendung geschrieben haben, werden den Lesenden Vorschläge für verwendbare Techniken gemacht. Das Buch erklärt sich darauf ausgerichtet eine positive Haltung zum Lernen zu erzeugen, eine Absicht, die bei mir am Ende der Lektüre in vollem Umfang erreicht ist. Ich befinde mich in einem Zustand optimistischer Gedanken und angenehmer Emotionen.

Im Buch taucht im Nebenher allerdings auch immer wieder Kritik an den Ursachen für das auf, was den Arbeitsplatz der Therapeutinnen mit absichern hilft. In ihre Praxis werden Kinder gebracht, die im schulischen System Probleme bekommen haben. Diese Probleme lassen die Autorinnen durchaus als zu einem beträchtlichen Teil systemisch bedingt erkennbar werden. In Bezug auf Emotionen bedeutet es, dass lernbehindernde Emotionen im schulischen System selbst oder durch die Auswirkungen des schulischen Systems als gesellschaftlichem Teilsystem verursacht werden. Probleme entstehen daher auch durch emotionsauslösende Auswirkungen auf die Familien, die wiederum auf die Schüler zurückwirken. Zum Teil können diese behindernden Emotionen dauerhaft durch verschiedene Techniken ausgeglichen oder abgemildert werden, zum Teil sind die Lernaufgaben darauf ausgerichtet mit den behindernden Emotionen, die das gesellschaftliche Teilsystem Schule fortdauernd auslöst, besser zurecht zu kommen.

Kaum Einfluss haben die Therapeutinnen auf das System Schule an sich oder das gesellschaftliche System, aus denen die Ursachen für etliche der lernbehindernden Emotionen stammen, auch wenn sie mit den Eltern zusammenarbeiten, Kurse für Lehrer anbieten und Lehrer anführen, die für die Erzeugung und den Erhalt lernförderlicher Emotionen sinnvolle Techniken und Methoden einsetzen. Das System Schule an sich ist nicht auf den Aufbau eines emotional förderlichen Zustands für das Lernen seiner Schüler ausgerichtet. Zu bedenken ist dabei, dass das Teilsystem Schule nicht losgelöst dasteht, sondern dass sich darin die in der Gesellschaft verbreiteten Haltung zu Emotionen widerspiegeln. Die Herstellung eines emotional förderlichen Zustandes kann von den darin arbeitenden Menschen angestrebt werden, als wesentlicher Bestandteil vorgesehen ist er nach meinem Eindruck jedoch nicht.

Die im Buch angeführten Techniken erscheinen hilfreich und sinnvoll. Es wird der Eindruck vermittelt, dass den Schülern und ihren Familien Schritt für Schritt auf therapeutischem Weg geholfen werden kann.

Bedenken kommen mir einerseits wegen der vermutlich ungleichen Zugänglichkeit (es wird sichtbar dass die Familien selbst ohne Ausgleich für die Dienstleistung zahlen), andererseits daran, dass zumindest zu Teilen versucht wird Probleme auszugleichen, die ihre Ursachen nicht in den Kindern an sich haben, sondern durch die Gestaltung des schulischen Systems in einer auf Konkurrenz und Leistung orientierten Gesellschaft verursacht werden. Die sich ergebende Konsequenz der therapeutischen Bemühung ist die Erstellung individualisierter Programme, durch die Schüler, Eltern und Lehrer eine das System unterstützende Alternative aufbauen können, für die allerdings Zeit, Befähigung zum Verständnis, Geduld, Bemühen und bei einer individuellen Begleitung auch Geld zusätzlich vorhanden sein müssen. Es lässt sich vermuten, dass es hier durchaus zu einem ungleichen Zugang zu Bildungserfolgen kommt, die nicht mit den eigentlichen Befähigungen der Schüler in einem Zusammenhang stehen.

Als sinnvoller erscheint es mir die durch und im schulischen System ausgelösten Emotionen gleich vor Ort explizit zu berücksichtigen und Wissen über Emotionen in einer Weise zu integrieren, die das Lernen, das soziale Miteinander und die Entwicklung zu einem mündigen Menschen fördern und nicht zu behindernden Problemen durch und mit Emotionen führen. Auch deshalb, da sich aus dem Buch, aber auch aus anderen Quellen, ableiten lässt, dass der zusätzliche Bedarf in Form von Lerntherapien und der Bewältigung lernbehindernder Emotionen neben dem fachlichen Bedarf an Nachhilfe in den letzten Jahrzehnten gestiegen ist.

Referenzen:

Akoun, A. & Pailleau, I. (2015) Besser lernen mit positiver Pädagogik. Der Ratgeber für Lehrer, Eltern und Schüler. München: mgv.

Stark-Städele, J. (2008). Spaß am Lernen – erfolgreich in der Schule : wie Sie die Lernfähigkeit Ihres Kindes fördern und stärken können. Freiburg im Breisgau: Urania.

Stark-Städele, J. (2015). Kinder wollen lernen – Kinder im Schulalltag unterstützen und begleiten. Freiburg im Breisgau: Urania.

Viele Fragen

Da mir die Texte, die ich im letzten Blogeintrag verlinkt habe, sehr aufschlussreich für das Thema Emotionen in Bildungskontexten erschienen, habe ich sie inzwischen intensiver durchgearbeitet. Ergebnis: 14 beidseitig beschriebene Blätter auf meinem Collegeblock.

Am Ende hatte ich den Eindruck, da sei jetzt eigentlich alles gesagt und ich hätte mir das letzte dreiviertel Jahr Recherche und Nachdenken sparen können. Frustrierend und hoffnungslos, denn worüber soll ich meine BA schreiben, wenn schon alles klar ist?

Zum Glück gibt es nie ein Ende. Und zum Glück gibt es die Reflexion. Auch die besten Texte und Zusammenfassungen haben Lücken. Oder noch besser, es gibt auch noch das Außerhalb-der-Box-Denken. Nachdem ich bereits in praktizierter Form darauf gestoßen war, flog mir der Begriff in der SWR-Comedy-Bühne Spätschicht zu (Anstöße für Erkenntnisse, also auch für Bildung, können überall her kommen).

Beide Texte nehmen Emotionen ernst und schätzen sie als bedeutungsvoll für schulisches Lernen ein. Die Schlussfolgerungen sind dabei differenziert, die erfassten Bereiche umfangreich. Das ist an meinem Interesse gemessen sehr positiv, jetzt kommt allerdings das ABER.

Gedacht wird innerhalb des bestehenden schulischen Systems. Es gibt dabei Verweise auf Einflüsse von außen, trotzdem bleiben die Ausführungen weitgehend auf den Ablauf von Unterricht einschließlich der Bewertungen des Lernerfolgs der Schüler ausgerichtet. Nach einem fast abgeschlossenen BA-Studium der Bildungswissenschaft erscheint mir das nicht ausreichend und zu losgelöst von wichtigen Einflussfaktoren auf die Emotionen von Schülern. Sozusagen entkernt und auf ein Maß reduziert, das nur offizielle Ansprüche widerspiegelt, aber nicht die ganze Bandbreite von Erscheinungen.

In der Einleitung zum englischsprachigen Text beschreibt Pekrun den Klassenraum als emotionalen Ort. Er unterteilt dabei in drei Bereiche, in denen Emotionen einen Effekt auf das Lernen haben.

  • Emotionen, die sich auf Lernen und Lerninhalte beziehen
  • Emotionen, die sich auf Personen beziehen
  • Emotionen, die von außen kommen

Bildungsarbeit sieht er als das Bemühen Menschen Handlungsfähigkeit und Mündigkeit zu ermöglichen.

Pekrun gibt an, dass er sich in seinem Text auf die Emotionen von Schülern in der Schule konzentriert. In Bezug auf Differenz betont er die Aspekte der Universalität aber auch der Einzigartigkeit von Emotionen. Innerhalb von Gruppen, mit denen er beispielsweise Ethnien, Geschlecht oder soziale Herkunft meint, sieht er größere Unterschiede als zwischen den Gruppen selbst und rät daher zu einer Vermeidung von Stereotypen und zu einem individuellen und gleichzeitig achtsamen Denken in Bezug auf jeden einzelnen Schüler.

Weitere von ihm erwähnte Aspekte sind die Nichtvergleichbarkeit von Fächern in Bezug auf die dabei auftretenden Emotionen bei der gleichen Person, als auch die Veränderlichkeit von Emotionen über den Zeitverlauf. Er verweist darauf achtsam gegenüber dem Auftreten von Emotionen zu sein.

In Bezug auf Selbstvertrauen und Emotionen konzentriert er sich ebenfalls auf den Einfluss individueller Faktoren und unterteilt dabei in

  • auf Genen basierend
  • auf physiologischen Prozessen basierend
  • durch frühe Lernerfahrungen bedingt
  • von persönlichen Werten ausgehend
  • vom cognitive appraisal ausgehend

Bei der Beschreibung der Regulierung von Emotionen ist es daher nicht notwendig auf einen unterschiedlichen Bedarf unterschiedlicher Gruppen zu verweisen, sondern er kann sich allein auf Methoden der Emotionsregulierung und deren Förderung für alle konzentrieren. Extrem negative auftretende Emotionen werden dabei in den Zuständigkeitsbereich der Psychotherapie verwiesen. Strukturelle und institutionelle Probleme finden keine Beachtung.

Im zehnten Abschnitt des Textes geht er allerdings auf Einflüsse ein, die von außen ins Klassenzimmer vordringen. Er unterteilt in

  • Familie und Peers
  • Schulorganisation
  • Gesellschaft

Als Problemfelder in Bezug auf Emotionen werden der Wettbewerb zwischen Schulen erkennbar als auch die frühe Zuordnung zu Schulen mit unterschiedlichem Leistungsniveau.

Bullying und Schikane bleiben in diesem Textteil, wie auch schon Emotionen und Selbstvertrauen zuvor, individuelle Erscheinungen gegen die vorgegangen werden muss, allerdings mit dem Hinweis verbunden, dass sich die individuelle Verbesserung sozialer Kompetenz von Mobbern und Schikanierern als unzureichend herausgestellt hat. Eine Verbesserung sozialer Kompetenz scheint die Situation eher zu verschlechtern. In diesem Fall wird nur die Einbeziehung der ganzen Schule (ich muss dabei an Formen wie Schule ohne Rassismus denken) als erfolgversprechend eingestuft.

Ganz sanft deutet sich am Ende noch weiteres Konfliktpotential an: die Beachtung von Schulorganisation, Schulleitung und Schulsystem soll dabei helfen Möglichkeiten und Begrenzungen des Handelns zu erkennen. Gekoppelt mit dem sanften Hinweis, dass es in Zeiten schneller Veränderungen zu Ergebnissen führen kann, wenn die eigene Stimme erhoben wir, um auf Problematiken hinzuweisen.

Zustimmen kann ich nach meinen Recherchen den Schlussfolgerungen,

  • dass in Lernzusammenhängen viele Emotionen auftreten,
  • dass diese komplexe Effekte haben,
  • dass sie Kernelemente von Schüleridentität und Wohlergehen sind,
  • dass positive, also als angenehm wahrgenommene Emotionen, nicht immer gut für das Lernen sind,
  • als auch dass negative, also als unangenehm wahrgenommene Emotionen, nicht immer schlecht dafür sind,
  • und dass Lehrende Schüleremotionen beachten sollten (allerdings auch die eigenen).
  • Tendenziell lässt sich allerdings durchaus sagen, dass positive Emotionen einen positiven Effekt für das Lernen haben und negative einen negativen. (Nicht erwähnt wird von Pekrun, dass Vereinfachungen in diesem Fall sehr fatale Wirkungen haben können.)

Nach einer genaueren Beschäftigung mit dem Text fehlt mir zu viel von dem was für mich bedeutsam ist, während der Text selbst auf mich wirkt, als seien doch eigentlich alle Problematiken im Griff. Mich selbst nehme ich durch den Text als ausgegrenzt wahr. Mir fehlen mindestens die Aspekte der Formung von Emotionen durch die soziale Umwelt gerade auch von außerhalb des Klassenzimmers, kurz, mir fehlt vor allem die Berücksichtigung soziologischer Aspekte.

Zu berücksichtigen ist hier, dass es sich um einen der pädagogischen Psychologie zuzuordnenden Text handelt, der zudem Emotionen individualisiert, obwohl er kausale Zusammenhänge für spezifische Situationen formuliert. Schulische Situationen sind aber keine natürlichen, sondern gesellschaftlich geformte Zusammenhänge.

Der Text weist durchaus mit der Absicht der Verbesserung darauf hin, dass in schulischen Struktur verwendete Praktiken zu typischen Emotionen führen. Beispielsweise gibt es bei sozial vergleichender Benotungen Gewinner als auch Verlierer. Die emotionalen Folgen für die Gewinner sind dabei günstig, während sie für die Verlierer ungünstig sind. Im schulischen System erzeugte Emotionen stehen dabei in einem unmittelbaren Kontext mit der umgebenden Gesellschaft, ihren Werten und auch der Reproduktion von Ungleichheit.

Zurück zu dem Außerhalb-der-Box-Denken. Dieser Text kesselt mein Denken ein. Er erlaubt nur ein Denken innerhalb eines bestehenden Systems, aber nicht darüber hinaus. Er setzt Bestehendes als grundsätzlich richtig an und sät keine Zweifel. Trotz aller Hinwendung, die Emotionen erfahren, sind sie doch weiterhin nur zu gestaltende Begleiterscheinungen, die nutzen und nicht stören sollen. Für mich sind sie wie ein Tiger, dem man die Zähne gezogen und die Beine gebrochen hat. Zahm gemacht um wunschgemäß zu funktionieren.

Für mich ist das vergeudetes Potential. Und gefährlich. Was geschieht wenn es nicht funktioniert? Berechtigte Auflehnung – ab in die Therapie? Negative Emotionen – nur ein Methodenproblem oder individuelles Defizit?

Hervorgehend aus meinem Exkurs dazu wie sich Diskriminierung anfühlt, habe ich Zuordnungen vorgenommen wie auf begleitende Emotionen reagiert werden könnte.

  • Unsicherheit – Sicherheit erhöhen
  • Depression – positives Emotionserleben fördern, Achtsamkeit auf andere Bereiche umlenken
  • Angst vor Zurückweisung – Respekt, Akzeptanz
  • Wut – Entschuldigung, Verbesserungsmaßnahmen, Änderungen

Insgesamt bleibt für mich allerdings der Eindruck, dass ich in der von Pekrun vorgeschlagenen Form nicht denken kann. Ich kann sie auch nicht mit den mir fehlenden Teile ergänzen. Auch wenn er sehr nachvollziehbar darstellt weshalb positive Emotionen nicht immer einen positiven Lerneffekt haben und negative nicht immer einen negativen, so reicht das mir noch nicht für meinen Erkenntnisbedarf.

Ich denke eher in Richtung eines emotionalen Raums in Form einer emotionalen Konstruktion der eigenen Geschichte und Weltwahrnehmung in dem sich jedes Individuum befindet. Emotionen sind dabei der Ausdruck dieser Weltwahrnehmung und damit Informationsquellen ähnlicher Form wie Gedanken. Sie bilden Einschätzungen ab und geben Lerninhalten Bedeutung. Sie sind zwar individuell, basieren aber auf einem Menschen als biologischer Art gemeinsamen Potential. Bei ähnlichen Einflüssen auch sozialer Art kommt es zu ähnlichen Zusammenstellungen von Emotionen. In dieser Weise produzieren ähnliche schulische Situationen auch ähnliche Emotionen. Dadurch ergibt sich die Nachvollziehbarkeit für andere.

Emotionen stehen dabei auch in einem engen Zusammenhang mit Normalitätsvorstellungen und -wahrnehmung. Nach Ben-Ze’ev (2009, S.13) können Emotionen als Reaktionen auf bedeutsame wahrgenommene Veränderungen verstanden werden. Solange nicht etwas besondere Aufmerksamkeit auf sich zieht, entstehen nicht in besonderer Weise Emotionen. Es bleibt bei dem was von Damasio (2006, S. 207) als Hintergrundempfindungen bezeichnet wird.

In seinem Text selbst liefert Pekrun keine Definition dafür was Emotionen für ihn sind. Im Text verstreut finden sich Bezugnahmen auf Emotionstheorien, die ich allerdings nicht zusammengefasst habe. Es ist einer der Texte, die davon ausgehen, dass den Lesenden bekannt ist wovon die Rede ist. In der Regel greifen diejenigen dann auf ihre von ihrem Alltags- oder Fachwissen geprägten impliziten Vorstellungen zurück. Für einen Erkenntnisgewinn ist das nicht unproblematisch.

Als Schlussfolgerung ergibt sich für mich an diesem Punkt, dass es für eine bessere Einschätzung der mit diesem Text verbundenen Problematiken günstiger wäre, erst einmal auf die Vorstellungen des Autors zu dem was Emotionen sind zurückzugreifen. Möglicherweise lässt sich schon an dem Punkt erkennen, ob das was mir fehlt mit einer unterschiedlichen Vorstellung davon, was Emotionen sind, erklären lässt. Möglicherweise handelt es sich aber auch vor allem um einen anderen Blickwinkel der Weltwahrnehmung.

Referenzen:

Ben-Ze’ev, A. (2013). Die Logik der Gefühle. Kritik der emotionalen Intelligenz (2. Aufl.). Frankfurt: Suhrkamp.

Damasio, A. R. (2004). Descartes’ Irrtum. Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn. Berlin: List.

Emotionen und schulisches Lernen

An dieser Stelle nur zwei Links zu empfehlenswerten Texten mit denen ich momentan arbeite. Sollte ich vom handschriftlichen zum digitalen überwechseln, folgt eventuell noch mehr.

Emotionen und Lernen von Pekrun (englisch):

http://www.ibe.unesco.org/en/document/emotions-and-learning-educational-practices-series-24

Dazu ein Beitrag auf der Seite der LMU München vom 18.11.15 (deutsch):

http://www.uni-muenchen.de/forschung/news/2015/sl_pecrun_lernen.html

Alles bereits da

Es ist eine eigenartige Sache mit vielen offenen Fragen an ein Thema heranzugehen das scheinbar wenig Beachtung findet, dann dazu nachzuforschen, und dann dabei zu entdecken, dass andere dazu bereits viele Fragen gestellt haben und es eigentlich auch eine ganze Menge Wissen sowie eine ganze Menge Antworten gibt.

Genau so ergeht es mir inzwischen mit den Thema Emotionen. Es ist letztlich nur eine Frage der Blickrichtung und des Interesses. Es gibt so viele Belege dafür, dass die Beachtung von Emotionen in Lernprozesse nicht nur wichtig und sinnvoll ist, sondern dass sie eigentlich immer beachtet werden, so dass es mich immer wieder neu zum Staunen bringt, wie Menschen ihre Bedeutung im Kontext von Bildung gering ansetzen können. Ganz gleich ob bewusst oder unbewusst, implizit oder explizit, als solche benannt oder anders etikettiert, Emotion spielen in Lernkontexten eine Rolle mit Bedeutung. Und genau aus diesem Grund muss immer in irgendeiner Form ein Umgang mit ihnen gefunden werden.

Die Art des Umgangs ist dabei vielfältig, hat jeweils unterschiedliche Konsequenzen und schließt auch Ignorieren und Verdrängen ein. Emotionen spielen eine Rolle bei der Durchsetzung einer Dominanzkultur und im Rahmen der verschiedensten Formen von Diskriminierung. Sie mischen sich sowohl bei der Formulierung von Leistungszielen ein, als auch bei der Akzeptanz oder Ablehnung derselben.

Und auch wenn das manche nicht scheinen wahrhaben zu wollen – wir sind emotionale Wesen und gebildet werden sowohl unsere Wahrnehmungsfähigkeit für eigene und fremde Emotionen, unser Emotionsausdruck, unsere Regulationsfähigkeit für Emotionen sowie unser Wissen über Bedeutung, Funktion, Nutzen und Problematik von Emotionen. Und diese Bildung ist nicht in der frühen Kindheit beendet, sondern setzt sich auch im Erwachsenenalter fort.

Diese Form der Bildung ist auch dann von Bedeutung, wenn die Vorstellungen dahin gehen, dass Bildung primär Verstandesbildung sei, und hat auch dann Bestand, wenn Bildung vor allem als Ausbildung für einen ökonomischen Nutzen betrachtet wird. An Emotionen kommt niemand vorbei. Nur an ihrer Benennung und ausdrücklichen Beachtung.

Aus genau diesem Grund sollten sie in Lern- und Bildungskontexten auch explizit benannt werden und Aufmerksamkeit erfahren. Was geschieht im Bereich der multiplen Komponenten aus denen sich Emotionen zusammensetzen? Was für Informationen werden von dort geliefert? Wie lässt sich jedes einzelne menschliche Leben durch diese Kenntnisse verbessern?

Bildung zielt auf die Vermehrung von Wissen und Bewusstheit. Vernunft ist auf die Optimierung und Verbesserung von Bedingungen des Lebens ausgerichtet. Und dazu gehören nicht nur materielle Bedingungen oder die Verwirklichung geistiger Ideale, dazu gehört auch das Wissen über den Bereich der Emotionen sowie die Förderung eines Wohlergehens, dessen Ursprung in einem positiven Umgang mit Emotionen gefunden werden kann.

Was ist das denn nun schon wieder?

Ich bin fertig! Jedenfalls habe ich diesen Eindruck, wenn ich bei mir – was denn eigentlich? – betrachte. Mein Bedürfnis etwas über Emotionen und ihre Bedeutung für das Lernen herauszufinden, fühlt sich erst einmal befriedigt an. Das bedeutet, richte ich an meine Gesamtheit die Frage, was es jetzt noch zu lesen oder zu tun gibt, so spüre ich keine Beunruhigung und es taucht keine offene Frage in meinem Kopf auf.

Inzwischen bin ich in der Phase der Anwendung angekommen. Von meinem Verstand geplant war allerdings nichts von alledem. Die beobachtende Instanz in mir nimmt die Vorgänge verwundert zur Kenntnis und kommt zu dem Schluss, einen ganz bestimmten Prozess der Aneignung von Wissen beobachtet zu haben, der darauf ausgerichtet ist, die Ergebnisse zu verwenden und in der Anwendung darauf aufbauend weiter zu lernen.

Es wirkt alles richtig und sinnvoll und ich könnte mich jetzt um unterstützende Theorien bemühen, aber eigentlich will ich nur fasziniert darauf starren. Denn ich verstehe es nicht. Etwas, das ich als ICH bezeichne, hat eigentlich gar nichts getan. Es ist als sei ich mein eigener Lerncoach gewesen, ein Prozessbegleiter, eine Koordinatorin, Geschehnisse zulassend, sie sich entfalten lassend. Und dann hat der Prozess sich durch verschiedene Phasen bewegt, von den ersten Beunruhigungen zu ersten Fragestellungen, zu Recherchen in verschiedenen relevanten Wissenschaftsdisziplinen, zu Reflexion, Nachdenken, Schreiben, darüber sprechen, anwenden, neue Fragen stellen, den Prozesse iterieren, bis zu diesem Punkt, an dem eine gewisse Sättigung eingetreten zu sein scheint.

Es ist nicht mein Verdienst. Es ist etwas das in mir als Potential vorhanden ist und sich entfaltet hat. Ich habe es nur zugelassen und nach besten Möglichkeiten begleitet. Wo kommt es her? Habe ich das so im Verlauf meines Lebens gelernt oder entwickelt oder steckt so etwas in einem Menschen als Möglichkeit drin? Ich habe keine Ahnung, brauche auch letztlich keine Antwort auf diese Fragen. Mich fasziniert die Faszination, die davon ausgeht. Mich selbst als ein Wesen zu entdecken, mit dem ich schon so lange lebe und das ich doch noch so wenig kenne!

So ist das jetzt auch mit den Emotionen. Ich habe neues Material, mit dem kann ich jetzt auf Entdeckungsreise gehen. Ich habe jahrelang kaum gesungen, dabei war das Singen in meiner Vergangenheit von großer Bedeutung für mich. Plötzlich singe ich wieder. Ich kaufe selten neue Kleidungsstücke. Jetzt habe ich eine ganz neues braunes Kapuzenshirt mit weißem Aufdruck und Bauchtasche, das ich nicht unbedingt brauche, und fühle mich wie ein kleiner Zwerg.

Ich habe mir Wissen nicht geplant und systematisch angeeignet. Ich bin entdeckend vorgegangen. Ich habe manches nur gestreift, vieles inzwischen wieder vergessen, kaum Systematiken erstellt. Was ich gemacht habe ist, mir einen Gesamteindruck zu verschaffen. Es ist die Art wie eine Erwachsene vorgeht, die ein bestimmtes Interesse hat das sie antreibt und die informell lernt. Was dabei herauskommt, soll für das alltägliche Leben nützlich sein.

Mein erweitertes Wissen über Emotionen ist für mich von hoher Nützlichkeit.

Ich frage mich, ob ich besser und effektiver hätte arbeiten können, aber eigentlich ist die Frage fehl am Platz. Prozesse entwickeln sich wie sie sich eben entwickeln. Ich denke, es reicht wenn sie die Möglichkeit bekommen sich überhaupt zu entwickeln. Meine Emotionen signalisieren mir auch aus dem Hintergrund, dass nun alles gut sei, dass ich jetzt verwenden und anwenden soll, dass alles Weitere sich daraus ergeben wird.

Plötzlich habe ich jede Menge Zeit und eine große Welt vor mir. Ich richte meine Augen auf ein Plakat, das ich vor Monaten zur auf Emotionen ausgerichteten Gesundheitsförderung erstellt habe, und ganz andere Gedanken als zuvor möglich gehen mir jetzt durch den Kopf. Ich vergleiche das was ich dort lese mit dem was ich an Wissen angesammelt habe und beginne es zuzuordnen und zu bewerten. Während ich das tue, bin ich mit dem neuen Denksystem konfrontiert, das auf diese Weise bewusst wird und sich differenziert. Mit den Worten die ich lese verbinde ich jetzt andere und klarere Vorstellungen als zu dem Zeitpunkt an dem ich das Plakat erstellt habe. Daran kann ich erkennen, dass durch Lernen Veränderungen eingetreten sind. Und im Fall der Emotionen steht ja auch die Ebene der Selbstbeobachtung fortwährend zur Verfügung, mit der ich mich prinzipiell jederzeit weiter beschäftigen kann.

Während also ein bestimmter Prozess abgeschlossen zu sein scheint, bereitet sich eine neue Situation vor. Ein wenig konfus macht mich das schon, denn vor noch gar nicht mal sehr langer Zeit stand ich noch unter dem Eindruck, dass mein Leben nicht ausreichen würde, das Thema Emotionen in ihrer Bedeutung für das Lernen für mich zu klären. Dabei kann ich inzwischen sogar durchaus sinnvolle Vorschläge dazu formulieren, wie Emotionen in Bildungsprozessen mit Gewinn berücksichtigt werden können. Auch das fasziniert und ich erinnere mich, dass dieser Ablauf bei der Auseinandersetzung mit dem Rassismus ähnlich war. Auch da hatte ich Phasen, in denen ich in der Klärung des Ganzen eine Lebensaufgabe gesehen habe. Inzwischen ist er etwas, zu dem ich eine sehr klare und entschiedene Position habe und keinen Klärungsbedarf mehr.

Insgesamt gehe ich inzwischen davon aus, dass die Berücksichtigung und Einbeziehung von Emotionen für mich eine Querschnittsaufgabe darstellen wird. In sehr angenehmer Weise denke ich an den Studienbrief von Gabi Reinmann, der genau das widerspiegelt, was ich dann bei Recherchen zu ihr gefunden habe. Sie hat sich mit Emotionen in Bezug auf Lernen in besonderer Weise beschäftigt. Daher fließt dieser Bereich auch in ihre Überlegungen ein und findet in einer für mich angenehmen Weise Berücksichtigung. Eine sehr gute Orientierung!