Bildungsmäuschen

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Nach der PV … noch weiter

In meinem letzten Blogeintrag war ich sicher, dass Themen im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus jetzt erst einmal keine Rolle für mich spielen werden und ich mich voll und ganz auf die Emotionen konzentrieren kann, doch so funktioniert das einfach nicht. Ich und die deutsche Gesellschaft sind nicht davon trennbar. Da sind die Erinnerungen, die Orte, die Menschen, das „Geistesgut“ – es ist allgegenwärtig. Es sind sogar die Wälder, Wiesen, Felder, Berge und Bäume. Es gibt kein Entkommen. Die einzige Möglichkeit besteht darin die Augen weit zu öffnen und den Schrecken anzunehmen. Auch wenn es zum Heulen ist.

Ich habe mir von der Gedenkstätte der Wewelsburg zwei Bücher mitgebracht. Das eine ist eine aus Frankreich stammende Ethik für Kinder [1], das andere thematisiert die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus [2], etwas das für die Aktivitäten von Himmler wichtig ist, aber zu den Themen gehört, die bei der PV unter den Tisch gefallen sind. Ich habe begonnen es nachts im Bett zu lesen.

Ich arbeite momentan so, dass ich für nicht notwendige Dinge sage: „Gut eine Stunde ist dafür drin oder ein Zeitpunkt, wenn ich sowieso nicht mehr sinnvoll arbeiten kann.“ Seitdem hat die Vielfalt an Dingen die ich tue wieder zugenommen.

Das Buch erschreckt mich. Einerseits wegen der menschenverachtenden Teile der dahinter stehenden Ideologie, andererseits weil ich die dort beschriebenen Praktiken so gut kenne. Allerdings aus ganz anderen Zusammenhängen und nicht eingebettet in einen Weg, der zur nationalsozialistischen Herrschaft geführt hat. Doch genau nach dem Prinzip hat es funktioniert. Nach der Niederlage sind bestimmte Dinge unsichtbar gemacht worden, aber nach damaligen Maßstäben unverfängliche wurden unverändert beibehalten.

Mir ist wieder zum Heulen. Bei einer Ausstellungseröffnung zu einer langweilig präsentierten Ausstellung von Bildern von TOM sitzen meine alten Lehrer. Sie gehören zum kleinstädtischen kulturellen Establishment und versuchen sich eine Kultur anzueignen, die sie in der Vergangenheit gering geschätzt haben. Ihr Anblick lässt so vieles wieder aufsteigen. Neben mir steht ein Mensch, dessen Kultur Jahrzehnte später von seinen Lehrern ebenfalls gering geschätzt wurde. Jetzt hat er daraus einen Beruf gemacht, der in der Rangordnung der Betätigungen eine hohe Position einnimmt, und hat einmal überlegt zu einem dieser Ehemaligentreffen zu gehen und über sie zu lachen. Hat er nicht gemacht. Und meine alten Lehrer sitzen da auf ihren etablierten Plätzen und werden auf diesen sterben.

So funktioniert es.

Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus haben sich weit vor diesem entwickelt. Die Nazis konnten sich aus Fülle bedienen und ihr spezifisches Weltbild damit auspolstern oder sogar davon ableiten. Nach ihrer Entmachtung sind diese okkulten Ideen und Praktiken aber nicht verschwunden. Das Buch macht mir bewusst, wie viel ich von diesen Dingen kenne, da sie auf verschlungenen Wegen unhinterfragt in meinem Wissensbestand gelandet sind. Ohne Kontext ist aber der menschenverachtende Zusammenhang nicht leicht erkennbar.

Auf dem Schulhof haben sich drei Mädchen zusammengetan und provozieren einen Jungen so lange, bis er auf sie einschlägt. Ich habe versucht sowohl die Mädchen als auch den Jungen zurückzuhalten. Ohne Gewaltanwendung ist mir das nicht gelungen, und das Ergebnis ist, dass die Mädchen fordern, dass der Junge bestraft wird, denn sie haben ihn ja nicht gehauen, sondern er sie.

Ich rede und daher habe ich mit allen geredet. Neben einem Mangel an Vermögen den Standpunkt des anderen nachzuvollziehen, finde ich die Nutzung einer Unklarheit im System. Physische Gewalt ist nicht gestattet, aber psychische ist es. Das Mädchen, das am heftigsten argumentiert, lässt dabei sichtbar werden, dass sie genau weiß, dass sie etwas Mieses mit dem Jungen gemacht hat. Und genau das wollte sie, da sie der Ansicht war er hätte es verdient. Sie wollte es aber tun ohne selbst bestraft zu werden.

Ich funktioniere nicht wie erwartet und am Ende werde ich von den Mädchen beschuldigt. Später versuchen sie den Jungen von einer Kollegin bestrafen zu lassen.

Nichts verstanden. Das dahinter stehende Prinzip nicht verstanden. Umgeschwenkt auf legitimes, ungefährliches und unverfängliches. Wie Rushton, der dann eben statt Hautfarbe den Intelligenzquotienten benutzt, um Argumente zu liefern mit wem man sein eigenes Erbgut aufwerten sollte und mit wem nicht.

Fortschritt und Verbesserung auf den Fahnen und bereit dafür den Preis der Menschenverachtung und Menschenzerstörung zu zahlen. Sich das Recht nehmen zu bestimmen was Fortschritt und Verbesserung sein. Die Werte setzen. Und dafür Mittel der Beeindruckung verwenden. Dafür die Emotionen ansprechen und weitere innere Vorgänge. Es läuft erneut darauf hinaus, dass der am meisten Recht hat, der über Macht und Ressourcen verfügt.

Deshalb ist es so wichtig danach zu fragen was dahinter steht. Deshalb ist es wichtig Fragen stellen zu können. Und Fragen stellen zu dürfen. Zu lernen eingebettet in Zusammenhänge zu denken. Nichts ist losgelöst. In einer Kette von Zusammenhängen ist in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft eine Eiterbeule aufgeplatzt, die schon vorher bestand und danach nicht verheilt ist. Viele haben anschließend gefragt woraus es hervorgekommen ist, während es die Generationen im  Alltag nebenher weiter und weiter getragen haben, ohne zu verstehen, dass sie das weiter tragen aus dem sich der Nationalsozialismus entwickelt hat.

Auf der Mieterversammlung stellt sich heraus, dass es vor allem eine Person ist, die mit der Sauberkeit im Haus und der Umsetzung  der Hausordnung nicht zufrieden ist. Sie stellt die Forderung sich am Normalen zu orientieren. Als normal bezeichnet sie dabei ihre Vorstellungen, die aber in dieser Runde von niemandem geteilt werden. Irgendwann und irgendwo wurden diese Vorstellungen gebildet, als Normalität eingestuft und damit als etwas, das man von allen anderen auch einfordern kann.

Gesellschaften wandeln sich. Vielleicht kommen Menschen mit sehr unterschiedlichen Normalitätsvorstellungen zusammen. Alter, Herkunft oder Biografie spielen eine große Rolle bei den Vorstellungen von dem was denn wohl als normal eingestuft werden kann. Das allein reicht allerdings noch nicht aus. Dazu kommt noch die Bewertung. Ganz leicht schimmerte es bei der Mieterversammlung durch. Was ist hochwertiger? Und müssen das alle in gleichem Maß erbringen, um als Menschen den gleichen Wert zu besitzen? Muss man nicht Handikaps und besondere Lebenslagen in die Überlegungen einbeziehen? In der Mieterversammlung wurde aus vielen Stimmen ein Kompromiss gefunden. Keine setzte Machtmittel ein, um ihren Standpunkt den anderen aufzuzwingen.

Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus haben zuvor bestanden und sich anschließend  fortgesetzt. Vorstellungen wurden weitergegeben, bei denen es notwendig ist sie auf die Weitergabe von Strukturen zu hinterfragen. Auch noch nach vielen, vielen Jahren.

Zu häufig wird Bildung vor allem in Hinblick auf Kinder und Jugendliche wahrgenommen. Dabei ist sie eine gesellschaftliche Aufgabe für alle Generationen. Ich kenne jemanden, der stellt die für mich selbstverständlichsten Dinge in Frage, also fragt er auch danach was denn eigentlich DIESE Gesellschaft ist von der ich rede. In meiner Erklärungsnot nehme ich die erste Definition, die mir die Googleanzeige meines Smartphones liefert und die sich hinterher als reichlich unvollständig herausstellt. Ein Problem, das mir zuvor noch nicht so extrem aufgefallen ist. Ich hatte bisher kein Smartphone zur Verfügung.

Gesellschaft: „die Menschen, die in einem Land zu einer bestimmten Zeit unter bestimmten Verhältnissen zusammenleben.“

Diese unvollständige Definition zusammen mit dem Eindruck der Mieterversammlung stärkt später meine Überlegung, dass wir eigentlich alle fortwährend Input benötigen, der es uns ermöglicht die Situationen besser zu verstehen, mit denen wir im Alltag konfrontiert sind.

Ein Arbeitskollege meines Sohnes zeigte sich sehr verwundert darüber, wie dessen Mutter dazu kommt einen MOOC zur Einführung in die Programmierung mit Python abzuschließen. Meinen Dank an die Stereotypen! Auf der anderen Seite gibt es wieder Stimmen, die eine Forderung für lebenslanges Lernen als Zumutung begreifen oder nur die ökonomische Verwertung im Augen haben und bei fortschreitendem Alter auf eine mangelnde Bildungsrendite verweisen. Ein spannender Themenbereich! Was die Zeit des Nationalsozialismus in einer Kette von Vorgängen angeht, so ist diese jetzt ein Beleg für mich, dass Bildung und Weiterbildung in jedem Alter Sinn machen.

Im aktuellen Bezug bedeutet es zu wissen woher das Gedankengut kommt, das Einwanderer aus als leistungsschwächer verorteten Ländern oder den Islam an sich als Bedrohung versteht. Durch welche Details wurden diese Vorstellungen emotional getaggt weitergegeben? Was für eine Bedrohung wird da eigentlich empfunden? Die Minderwertigkeit des Nichtarischen hat sich sprachlich gewandelt, doch die Struktur der Vorstellungen ist die Gleiche geblieben. Sie wurde zur Selbstverständlichkeit, weil sie sich in den Kleinigkeiten des Alltags eingenistet hat. „Wir sind das Volk.“ Wir haben Recht weil wir so wahrnehmen und fühlen. Das ist die Normalität.

Normalität wurde geschaffen. Stück für Stück, Detail für Detail. Meine und deine. Damit fühlen wir uns wohl oder unwohl. Bildung sollte helfen zu verstehen, dass es sich um Konstrukte handelt. Um Abstand nehmen zu können. Um Bewertungen zu hinterfragen. Um sich selbst zu hinterfragen.

Ich weiß, dass ich meine alten Lehrer nicht als die Personen wahrnehme, die sie momentan tatsächlich sind, sondern dass ich sie zu Typen verzerre. Ich entschuldige mich dafür bei euch.

Referenzen:

[1] Labbé, B. & Puech, M. (2005). Was verbindet die Welt? Ethik für Kinder. Bindlach: Loewe.

[2] Goodrick-Clarke, N. (2014), 5. Aufl. Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus. Wiesbaden: Marixverlag.

Homöostase und Nazigeist

Ich habe keine Ahnung davon wie man an einem komplexen Thema systematisch wissenschaftlich arbeitet. Das ist jetzt kein Mangel meines Studiums und es kann weder der FernUni Hagen noch der Form des Fernstudiums selbst vorgeworfen werden. Ich habe durchaus gelernt wie ich mit einem kleinen überschaubaren Thema sinnvoll wissenschaftlich arbeiten kann und denke, für ein Bachelorstudium ist so etwas, wie ich momentan mache, gar nicht vorgesehen. Es ist darin möglich, ja, aber es reicht auch weit darüber hinaus. Daher bleibt das, was ich tue, nach meinem Verständnis in meiner Verantwortung und ich muss zusehen, wie ich eigenständig damit zurecht komme.

Momentan arbeite ich parallel an zwei Strängen. Der eine ist weiterhin die Bedeutung von Emotionen für Bildung generell, der andere sind die Auswirkungen emotionaler Selbstverständlichkeit der Nazizeit über 1945 hinaus. Das erste immer noch für die Bachelorarbeit, das zweite für die Präsenzveranstaltung auf der Wewelsburg im Februar, wobei sich das auf die Nazis bezogene Thema aus dem Ort selbst ergeben hat. Die Wewelsburg wurde von der SS als Schulungs- und Versammlungsstätte ausgebaut.

Für das generelle Thema versuche ich momentan in großen Zusammenhängen zu denken und dabei danach zu fragen, wie in der Praxis in Bildungsmaßnahmen eigentlich mit Emotionen verfahren wird bzw. verfahren werden kann. Dabei bin ich auch auf die Begriffe Homöostase, und Homöodynamik gestoßen. Damit verknüpft sind für mich Vorstellungen, dass es durchaus ein Bestreben von Unterrichtenden und Betreuenden in Gruppen ist, einen Zustand herzustellen, in dem nicht über längere Zeit extreme oder negativ eingeschätzte Emotionen auftreten. Die Gesamtgestaltung und das konkrete Vorgehen sind dabei auf einen angenehmen emotionalen Zustand ausgerichtet, ohne aber Extreme generell zu vermeiden oder zu verdammen, da diese bedeutungsvolle Bestandteile menschlichen Erlebens sind. Ziel ist es immer wieder einen Zustand nicht zu hoher, aber auch nicht zu niedriger Erregung herzustellen, in dem es sich konzentriert arbeiten lässt.

Dabei handelt es sich allerdings auch wieder nur um einen Teilaspekt der Bedeutung von Emotionen in Bildungsprozessen, der dabei aber erneut meine Verwunderung darüber stärkt, dass Emotionen an allen Ecken und Enden eine Rolle spielen, aber nicht an allen Ecken und Enden auch zum Thema werden.

Einfacher, da besser einzukreisen, ist es mit dem zweiten Strang, der emotionalen Verfasstheit der Nazizeit. Sehr fasziniert habe ich die beiden Teile der Dokumentation Die Suche nach Hitlers Volk verfolgt. Ich habe zwar momentan das Problem, dass ich aus der verwendeten Perspektive sehr viele Implikationen ableiten, diese aber noch schlecht zusammenfassen kann, doch gerade in der Mischung aus nachgespielten Befragungen mit altem Filmmaterial sowie Kommentaren im Hintergrund wurde für mich sehr viel von dem sichtbar, das nach Kriegsende in der Bevölkerung ungebremst weiter gewirkt hat.

Viele Menschen waren in Nazigedankengut und  Nazipropaganda so fest verankert, dass sie dieses als selbstverständliche Normalität wahrgenommen haben. Dabei ist es sinnvoll besonders die begleitenden und angehängten Emotionen zu beachten. Wenn sich aus dem Gedankengut kein Schuldbewusstsein ableitet, so bedeutet das auch einen Mangel an unangenehmen begleitenden und zu Besserung mahnenden Emotionen. Die Vorstellung der Zugehörigkeit zu einem einheitlichen Volk, mit klar bestimmbaren Kennzeichen, das als höherwertiger und leistungsstärker als andere Völker konstruiert wurde, ist auch mit Emotionen gegenüber dem Fremden und Anderen verbunden. Wie mit diesen zu verfahren ist, bleibt nicht allein Sache von Denken, sondern auch von damit verbundenen emotionalen Bewertungen die dem eigenen Handeln die Richtung weisen.

Warum das für mich wichtig ist? Weil es um das geht was sich richtig und was sich falsch anfühlt. Die Nazidiktatur hat die Emotionen der Bevölkerung gelenkt. Sie hat benutzt was schon vorher da war und hat es kanalisiert und verstärkt. Und hat dabei eine Unmenschlichkeit erzeugt, die nicht mehr gespürt werden konnte, und die auch nach der Niederlage und der Konfrontation mit anderen Fakten und Haltungen nicht verschwunden ist. Sie war auch emotional verankert.

Und noch viele Jahre später hieß es, dass Hitler ja so viel Gutes bewirkt hat und dass ja nicht alles schlecht war. Die emotionalen Muster waren erhalten geblieben und damit auch die Bewertungen des Zugehörigen und des Fremden, des Höherwertigen und des Niederwertigen. Die emotionale Bewertung von Abweichung, von Leistung, von dem was im Leben von Interesse ist.

Betroffen gemacht hat mich am Ende des ersten Teils des Films die Aussage eines Deutschen, der als Sohn eines Juden und einer evangelischen Christin 1935 nach Inkrafttreten der Nürnberger Gesetze direkt aus dem Hörsaal in ein Lager gebracht wurde, dass auch die gegen Hitler waren nicht geholfen haben. Er sagte, die Deutschen sind nicht bösartig, nur so schrecklich gleichgültig.

Ich denke, jeder hat so sein Trauma. Meines besteht zum Teil genau darin. Im Vorhandensein von Menschen, die zusehen wie jemandem Unrecht zugefügt wird ohne dass sie es als notwendig empfinden einzugreifen. Dieses Eingreifen kann dabei allein darin bestehen den anderen verbal in Schutz zu nehmen.

Nach und nach wird es für mich sichtbarer auf welcher Ebene sich nach Kriegsende erst einmal nichts geändert hat und wie Nazigeist unerkannt zusammen mit den angehängten Emotionen weitergegeben wurde – bis heute. Es versteckt sich häufig an gänzlich unerwarteter Stelle in der scheinbaren Selbstverständlichkeit. Ändert sein Gesicht, ändert sein Aussehen und bleibt doch das was es war. Darin teilweise sozialisiert kann es sehr schwierig sein ihn zu erkennen, zu benennen und sich dagegen zur Wehr zu setzen.

Todenhöfer und Christian E.

Ich kenne einen Mann, der das Interview zwischen Todenhöfer und Abu Qatadah alias Christian Emde zufällig im Fernsehen gesehen hat. Er hat mir erzählt, dass er dadurch weinen musste.

Er hat mir schon vor einigen Jahren von diesem Neffen erzählt und was mit ihm los ist, doch ich habe es nur am Rande wahrgenommen. Auch bei dem Telefongespräch gestern habe ich nicht viel aus ihm herausbekommen, allerdings genug um das Interview zu finden. Dieser Mann kennt die familiären Wurzeln aus denen die Affinität zu der hier vertretenen Haltung erwachsen ist aus eigener leidvoller Erfahrung, die einen destruktiven Einfluss auf sein ganzes Leben hatte. Es hätte auch eine andere Ideologie sein können, mit Islam oder Gottesgläubigkeit hat es alles letztlich wenig zu tun. Die unbewältigten Sünden der Vorväter setzen die Kette des Leidens fort und führen dabei zu Identifikation mit den Tätern oder einem lebenslangen Kampf, um den Zumutungen und Verstrickungen der Vergangenheit zu entkommen.

Das ist kein Islam. Es ist die Fortsetzung des Nationalsozialismus unter anderem Namen. Möglich gemacht auf dem düngenden Boden familiärer Strukturen, die behindern, dass sich Menschen zu Toleranz, Verständnis, Vertrauen, Solidarität entwickeln können. Es ist Gewalt und Unterdrückung und Menschenverachtung und die Vorstellung, dass es eine Überlegenheit gibt, aus der sich Rechte über das Leben anderer ableiten.

Die Worte dieses Interviews haben einen Menschen zum Weinen gebracht, dessen leidvolle Familiengeschichte vor seinen Augen dabei als Schrecken aufgestanden ist. Der Großvater des Täters war der Tyrann seiner eigenen Familie. Der Enkel möchte die ganze Welt seinen Vorstellungen unterwerfen. Und wer seinen Vorstellungen nicht folgt, verdient Bestrafung und Tod. Die Kette setzt sich fort, die Geisteshaltung wird weitergetragen und sucht sich einen passenden Ort zu ihrer Verwirklichung.

Das ist kein Islam. Es sind menschenfeindliche Haltungen verknüpft mit Dominanzstreben, die sich Rechtfertigung und Absicherung suchen. Ich ehre den Mann der Tränen vergießen musste und mir davon erzählt hat. Aus den Schrecken der Vergangenheit sind auch ganz andere Blüten erwachsen!