Bildungsmäuschen

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Die Spannweite von Normalitätsvorstellungen

Ein kleiner Abstecher in die Statistik hat das Bild von Mittelwert und Spannweite belebt und im Morgengrauen baut es sich in Überlegungen zum Verhältnis von Differenzerfahrungen und Normalitätsvorstellungen und die dabei auftretenden Emotionen ein. Aktuell beeinflussende Faktoren sind die Flüchtlingsdebatte, ein Hauptthema in deutschen Medien und seit fast einem Jahr mein ständiger Begleiter auf Facebook, die Erfahrungen in meinem Arbeitsalltag bei der Arbeit mit Kindern und mein Ringen um das Verständnis der Emotionen in Bezug auf Bildungskontexte.

Es gibt viele Herangehensweise, um sich etwas verständlich zu machen. Inzwischen habe ich die Gewissheit, dass auch erst einmal seltsam wirkende Denkhilfen das Verständnis von Strukturen fördern können und daher als legitim einzustufen sind. So geht es mir jetzt, wenn ich Vorstellungen zu statistischen Untersuchungsmethoden auf die Vorstellung von Normalitätsvorstellungen anwende.

Vorstellungen davon, was in den Bereich des Normalen gehört, variieren zwischen unterschiedlichen Kulturen und gesellschaftlichen Gruppen und über die Zeiten hinweg. Innerhalb dieser Kulturen und Gruppen gibt es aber wiederum eine Spannweite von dem, was von unterschiedlichen Personen noch als normal oder schon als abweichend eingestuft wird.

In der Erziehung, aber auch der Politik und im Alltag, liefern Vorstellungen  von Normalität eine Orientierung, an der sich Einschätzungen und Maßnahmen ausrichten. Kombiniere ich Appraisal-, also Einschätzungstheorien, die Emotionen einen Informationsgehalt zuordnen, mit der Annahme von Aaron Ben-Ze’ev (2009, S.13), dass Emotionen vorrangig bei der Wahrnehmung von bedeutsamen Veränderungen auftreten, so ergibt sich ein starker Zusammenhang zwischen der jeweiligen Spannweite dessen was noch als normal wahrgenommen wird und auftretenden Emotionen. Kurz: etwas, das ich als stark von der Normalität abweichend wahrnehme, führt zu verstärktem Auftreten von Emotionen, die dabei einen Aufforderungscharakter haben, der schnell zu Handlungen animieren soll. Wodurch die eine Person dabei in einen Zustand verstärkter Erregung gerät, der zum Reagieren auffordert, kann von einer anderen als Bestandteil einer Normalität wahrgenommen werden, die keine entsprechenden Emotionen auslöst. Die dabei auftretenden Emotionen können sowohl als negativ als auch positiv erfahren werden je nachdem wie die Abweichung eingeschätzt wird.

Die Achtsamkeit auf Veränderungen im Körper (Atmung, Empfindungen) ist bei entsprechender Übung ein wirksames Mittel, um auf Emotionen bewusst und reflektiert einwirken, ihren Anteil an Entscheidungsprozessen einschätzen zu können oder ihren Informationsgehalt sinnvoller zu verstehen. Hier findet sich auch der Zusammenhang mit Meditationstechniken und verwandtem.

In Erziehungszusammenhängen spielen diese Faktoren bei der Lenkung von Erziehungsintentionen und der Varianz zwischen Erziehungszielen eine große Rolle, ebenso im Kontext von Politik. Unklar bin ich mir noch in Bezug auf Bildung generell. Dazu fällt mir beispielsweise die Einschätzung dafür ein was geeignete Bildungsinhalte sind oder wie Lernsituationen aussehen, ebenso Einschätzungen und Bewertung von dem was Bildungsbemühungen und -gewinnen zugeordnet wird und was nicht.

Persönliche erfahrene Beispiele aus der jüngeren Zeit sind für mich, neben der medial dargestellten Reaktion auf Flüchtlinge und unterschiedlichen Einschätzungen von Problematiken von Kindern und wie damit verfahren werden sollte bei der Arbeit, der Verweis auf eine existierende Normalität bei Regeln für das Putzen von Gemeinschaftsräumen bei einer Mieterversammlung, die nur von einer einzigen Person so vertreten wurde, und die geringe Bewertung, die ein Kommilitone ökonomisch nicht verwertbaren Bildungsbemühungen gegeben hat.

Zusammenfassend: Es existiert ein Zusammenhang zwischen Normalitätsvorstellungen und dem Auftreten von Emotionen bei Abweichungen. Die Spannweite dessen, was als normal eingestuft wird, kann bei Personen der gleichen Gruppe variieren. Daraus erklären sich unterschiedliche emotionale Reaktionen und Unterschiede im Handlungsdruck zwischen Personen in vergleichbaren Situationen.

 

Referenz:

Ben-Ze’ev, A. (2013). Die Logik der Gefühle. Kritik der emotionalen Intelligenz (2. Aufl.). Frankfurt: Suhrkamp.

 

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Nach der PV … noch weiter

In meinem letzten Blogeintrag war ich sicher, dass Themen im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus jetzt erst einmal keine Rolle für mich spielen werden und ich mich voll und ganz auf die Emotionen konzentrieren kann, doch so funktioniert das einfach nicht. Ich und die deutsche Gesellschaft sind nicht davon trennbar. Da sind die Erinnerungen, die Orte, die Menschen, das „Geistesgut“ – es ist allgegenwärtig. Es sind sogar die Wälder, Wiesen, Felder, Berge und Bäume. Es gibt kein Entkommen. Die einzige Möglichkeit besteht darin die Augen weit zu öffnen und den Schrecken anzunehmen. Auch wenn es zum Heulen ist.

Ich habe mir von der Gedenkstätte der Wewelsburg zwei Bücher mitgebracht. Das eine ist eine aus Frankreich stammende Ethik für Kinder [1], das andere thematisiert die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus [2], etwas das für die Aktivitäten von Himmler wichtig ist, aber zu den Themen gehört, die bei der PV unter den Tisch gefallen sind. Ich habe begonnen es nachts im Bett zu lesen.

Ich arbeite momentan so, dass ich für nicht notwendige Dinge sage: „Gut eine Stunde ist dafür drin oder ein Zeitpunkt, wenn ich sowieso nicht mehr sinnvoll arbeiten kann.“ Seitdem hat die Vielfalt an Dingen die ich tue wieder zugenommen.

Das Buch erschreckt mich. Einerseits wegen der menschenverachtenden Teile der dahinter stehenden Ideologie, andererseits weil ich die dort beschriebenen Praktiken so gut kenne. Allerdings aus ganz anderen Zusammenhängen und nicht eingebettet in einen Weg, der zur nationalsozialistischen Herrschaft geführt hat. Doch genau nach dem Prinzip hat es funktioniert. Nach der Niederlage sind bestimmte Dinge unsichtbar gemacht worden, aber nach damaligen Maßstäben unverfängliche wurden unverändert beibehalten.

Mir ist wieder zum Heulen. Bei einer Ausstellungseröffnung zu einer langweilig präsentierten Ausstellung von Bildern von TOM sitzen meine alten Lehrer. Sie gehören zum kleinstädtischen kulturellen Establishment und versuchen sich eine Kultur anzueignen, die sie in der Vergangenheit gering geschätzt haben. Ihr Anblick lässt so vieles wieder aufsteigen. Neben mir steht ein Mensch, dessen Kultur Jahrzehnte später von seinen Lehrern ebenfalls gering geschätzt wurde. Jetzt hat er daraus einen Beruf gemacht, der in der Rangordnung der Betätigungen eine hohe Position einnimmt, und hat einmal überlegt zu einem dieser Ehemaligentreffen zu gehen und über sie zu lachen. Hat er nicht gemacht. Und meine alten Lehrer sitzen da auf ihren etablierten Plätzen und werden auf diesen sterben.

So funktioniert es.

Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus haben sich weit vor diesem entwickelt. Die Nazis konnten sich aus Fülle bedienen und ihr spezifisches Weltbild damit auspolstern oder sogar davon ableiten. Nach ihrer Entmachtung sind diese okkulten Ideen und Praktiken aber nicht verschwunden. Das Buch macht mir bewusst, wie viel ich von diesen Dingen kenne, da sie auf verschlungenen Wegen unhinterfragt in meinem Wissensbestand gelandet sind. Ohne Kontext ist aber der menschenverachtende Zusammenhang nicht leicht erkennbar.

Auf dem Schulhof haben sich drei Mädchen zusammengetan und provozieren einen Jungen so lange, bis er auf sie einschlägt. Ich habe versucht sowohl die Mädchen als auch den Jungen zurückzuhalten. Ohne Gewaltanwendung ist mir das nicht gelungen, und das Ergebnis ist, dass die Mädchen fordern, dass der Junge bestraft wird, denn sie haben ihn ja nicht gehauen, sondern er sie.

Ich rede und daher habe ich mit allen geredet. Neben einem Mangel an Vermögen den Standpunkt des anderen nachzuvollziehen, finde ich die Nutzung einer Unklarheit im System. Physische Gewalt ist nicht gestattet, aber psychische ist es. Das Mädchen, das am heftigsten argumentiert, lässt dabei sichtbar werden, dass sie genau weiß, dass sie etwas Mieses mit dem Jungen gemacht hat. Und genau das wollte sie, da sie der Ansicht war er hätte es verdient. Sie wollte es aber tun ohne selbst bestraft zu werden.

Ich funktioniere nicht wie erwartet und am Ende werde ich von den Mädchen beschuldigt. Später versuchen sie den Jungen von einer Kollegin bestrafen zu lassen.

Nichts verstanden. Das dahinter stehende Prinzip nicht verstanden. Umgeschwenkt auf legitimes, ungefährliches und unverfängliches. Wie Rushton, der dann eben statt Hautfarbe den Intelligenzquotienten benutzt, um Argumente zu liefern mit wem man sein eigenes Erbgut aufwerten sollte und mit wem nicht.

Fortschritt und Verbesserung auf den Fahnen und bereit dafür den Preis der Menschenverachtung und Menschenzerstörung zu zahlen. Sich das Recht nehmen zu bestimmen was Fortschritt und Verbesserung sein. Die Werte setzen. Und dafür Mittel der Beeindruckung verwenden. Dafür die Emotionen ansprechen und weitere innere Vorgänge. Es läuft erneut darauf hinaus, dass der am meisten Recht hat, der über Macht und Ressourcen verfügt.

Deshalb ist es so wichtig danach zu fragen was dahinter steht. Deshalb ist es wichtig Fragen stellen zu können. Und Fragen stellen zu dürfen. Zu lernen eingebettet in Zusammenhänge zu denken. Nichts ist losgelöst. In einer Kette von Zusammenhängen ist in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft eine Eiterbeule aufgeplatzt, die schon vorher bestand und danach nicht verheilt ist. Viele haben anschließend gefragt woraus es hervorgekommen ist, während es die Generationen im  Alltag nebenher weiter und weiter getragen haben, ohne zu verstehen, dass sie das weiter tragen aus dem sich der Nationalsozialismus entwickelt hat.

Auf der Mieterversammlung stellt sich heraus, dass es vor allem eine Person ist, die mit der Sauberkeit im Haus und der Umsetzung  der Hausordnung nicht zufrieden ist. Sie stellt die Forderung sich am Normalen zu orientieren. Als normal bezeichnet sie dabei ihre Vorstellungen, die aber in dieser Runde von niemandem geteilt werden. Irgendwann und irgendwo wurden diese Vorstellungen gebildet, als Normalität eingestuft und damit als etwas, das man von allen anderen auch einfordern kann.

Gesellschaften wandeln sich. Vielleicht kommen Menschen mit sehr unterschiedlichen Normalitätsvorstellungen zusammen. Alter, Herkunft oder Biografie spielen eine große Rolle bei den Vorstellungen von dem was denn wohl als normal eingestuft werden kann. Das allein reicht allerdings noch nicht aus. Dazu kommt noch die Bewertung. Ganz leicht schimmerte es bei der Mieterversammlung durch. Was ist hochwertiger? Und müssen das alle in gleichem Maß erbringen, um als Menschen den gleichen Wert zu besitzen? Muss man nicht Handikaps und besondere Lebenslagen in die Überlegungen einbeziehen? In der Mieterversammlung wurde aus vielen Stimmen ein Kompromiss gefunden. Keine setzte Machtmittel ein, um ihren Standpunkt den anderen aufzuzwingen.

Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus haben zuvor bestanden und sich anschließend  fortgesetzt. Vorstellungen wurden weitergegeben, bei denen es notwendig ist sie auf die Weitergabe von Strukturen zu hinterfragen. Auch noch nach vielen, vielen Jahren.

Zu häufig wird Bildung vor allem in Hinblick auf Kinder und Jugendliche wahrgenommen. Dabei ist sie eine gesellschaftliche Aufgabe für alle Generationen. Ich kenne jemanden, der stellt die für mich selbstverständlichsten Dinge in Frage, also fragt er auch danach was denn eigentlich DIESE Gesellschaft ist von der ich rede. In meiner Erklärungsnot nehme ich die erste Definition, die mir die Googleanzeige meines Smartphones liefert und die sich hinterher als reichlich unvollständig herausstellt. Ein Problem, das mir zuvor noch nicht so extrem aufgefallen ist. Ich hatte bisher kein Smartphone zur Verfügung.

Gesellschaft: „die Menschen, die in einem Land zu einer bestimmten Zeit unter bestimmten Verhältnissen zusammenleben.“

Diese unvollständige Definition zusammen mit dem Eindruck der Mieterversammlung stärkt später meine Überlegung, dass wir eigentlich alle fortwährend Input benötigen, der es uns ermöglicht die Situationen besser zu verstehen, mit denen wir im Alltag konfrontiert sind.

Ein Arbeitskollege meines Sohnes zeigte sich sehr verwundert darüber, wie dessen Mutter dazu kommt einen MOOC zur Einführung in die Programmierung mit Python abzuschließen. Meinen Dank an die Stereotypen! Auf der anderen Seite gibt es wieder Stimmen, die eine Forderung für lebenslanges Lernen als Zumutung begreifen oder nur die ökonomische Verwertung im Augen haben und bei fortschreitendem Alter auf eine mangelnde Bildungsrendite verweisen. Ein spannender Themenbereich! Was die Zeit des Nationalsozialismus in einer Kette von Vorgängen angeht, so ist diese jetzt ein Beleg für mich, dass Bildung und Weiterbildung in jedem Alter Sinn machen.

Im aktuellen Bezug bedeutet es zu wissen woher das Gedankengut kommt, das Einwanderer aus als leistungsschwächer verorteten Ländern oder den Islam an sich als Bedrohung versteht. Durch welche Details wurden diese Vorstellungen emotional getaggt weitergegeben? Was für eine Bedrohung wird da eigentlich empfunden? Die Minderwertigkeit des Nichtarischen hat sich sprachlich gewandelt, doch die Struktur der Vorstellungen ist die Gleiche geblieben. Sie wurde zur Selbstverständlichkeit, weil sie sich in den Kleinigkeiten des Alltags eingenistet hat. „Wir sind das Volk.“ Wir haben Recht weil wir so wahrnehmen und fühlen. Das ist die Normalität.

Normalität wurde geschaffen. Stück für Stück, Detail für Detail. Meine und deine. Damit fühlen wir uns wohl oder unwohl. Bildung sollte helfen zu verstehen, dass es sich um Konstrukte handelt. Um Abstand nehmen zu können. Um Bewertungen zu hinterfragen. Um sich selbst zu hinterfragen.

Ich weiß, dass ich meine alten Lehrer nicht als die Personen wahrnehme, die sie momentan tatsächlich sind, sondern dass ich sie zu Typen verzerre. Ich entschuldige mich dafür bei euch.

Referenzen:

[1] Labbé, B. & Puech, M. (2005). Was verbindet die Welt? Ethik für Kinder. Bindlach: Loewe.

[2] Goodrick-Clarke, N. (2014), 5. Aufl. Die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus. Wiesbaden: Marixverlag.

Die emotionale Absicherung von Normalitätsvorstellungen

Feste, Gäste und Geschenke. Ich lasse mich von ihnen durcheinander bringen und lande bei der emotionalen Absicherung der Vorstellungen von Normalität. Ich finde einen passenden Beitrag bei Facebook, zu dem ich einen Kommentar schreibe.

Ich muss da ganz zaghaft was zu dem Kaffee trinken gehen anmerken. Ich habe kürzlich Tee mit Menschen getrunken, in deren Normalitätsvorstellungen es hoch- und minderwertige Menschen gibt, so dass bestimmten Menschen daher auch bestimmte Positionen in der Gesellschaft zustehen (oder eben nicht). Als Bildungsverweigerer würde ich sie nicht bezeichnen, und wenn ich ihnen vermittele, dass ich bestimmte Äußerungen für rassistisch halte oder als nicht konform mit unserer Verfassung, dann passen sie sich mir zuliebe auch durchaus daran an. Ein Beobachtung, die ich schon einige Male gemacht habe, seitdem ich bestimmte Argumente gezielt angreife.
Was du schreibst finde ich gut gemeint, aber zu einfach. Gerade gestern habe ich beim Links verfolgen einen Beitrag von Iman Attia gelesen, der sich auch auf strukturellen Rassismus bezieht. Mal ein Zitat daraus:
„Rassismus ist strukturell in modernen Gesellschaften verankert und diskursiv mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Wissensformationen verwoben. Insofern erkennen viele Menschen nicht, dass das, was sie sagen, in rassistische Diskurse verstrickt ist. Sie hören von klein auf, dass es verschiedene Kulturstufen gibt, sie ganz oben stehen, der Orient finster ist, Muslime ihre Frauen unterdrücken, sie haben Karl May und die Märchen aus 1001 Nacht gelesen, Fernsehreportagen gehört, über Witze gelacht, sind gewarnt geworden, als Frauen alleine in arabische Länder zu reisen etc. Insofern ist es kein Wunder, dass sie all dieses vermeintliche Wissen übernommen haben und von sich geben.“
http://www.nachdenkseiten.de/?p=25656
Dieses Wissen sitzt fest und hat sich außerdem mit kleinsten Details verbunden und wird als ganz normale und zutreffende Abbildung der Wirklichkeit wahrgenommen. Und diese Wahrnehmung ist zusätzlich emotional abgesichert, d.h. das Wissen wird auch als wahr und zutreffend EMPFUNDEN. Da aber auch erinnerte Emotionen unmittelbar im Augenblick erlebt werden, gibt es eine Neigung sie als authentisch zu betrachten. Aus dieser Authentizitätsvorstellung wiederum ergibt sich die Schlussfolgerung, dass sie auch zuverlässig seien. Und daraus ergibt sich dann das berüchtigte aber-Argument. „Ja, sehe ich alles ein, aber …“ und dann kommt letztlich eine Begründung, die ihre Wurzeln in der emotionalen Konstruktion von Wirklichkeit hat.
Es ist also auch Wissen notwendig mit dem man diese Ebene betrachten kann, also welche Emotionen mit der Wahrnehmung von Wirklichkeit verbunden sind.
Ob sich meine Verwandten (mit denen habe ich Tee getrunken) aus Zuneigung oder um des lieben Friedens willen an meine Argumentation anpassen oder ob sie meine Argumentation abwehren, indem sie mich und damit meine Argumentation abwerten oder marginalisieren (oder umgekehrt, erst die Argumentation, dann mich), in allen Fällen kann ich keine tatsächliche Änderung ihrer Haltung erreichen, wenn ihnen Emotionen fortwährend vermitteln, dass Ungleichheit als Ungleichwertigkeit in Hierarchien und Positionierungen abbildbar ist.
Selbst verschuldete Unmündigkeit durch Bildungsverweigerung ist das in meinen Augen allerdings nicht, denn Argumente allein erreichen nur die Oberfläche tiefsitzender und eben auch durch Emotionen abgesicherter Weltvorstellungen, die ihren Ursprung dabei durchaus auch in Bildungsinstitutionen haben.
Ich will jetzt aufhören. Für noch weitergehende Ausführungen ist das hier nicht der richtige Ort. Zum Schluss nur noch: eine Lösung scheint mit der Nachvollziehbarmachung des Welterlebens der „anderen“ zu tun zu haben.

Normalitätsvorstellungen, Dominanzgesellschaft, Emotionen. Ich fühle mich wie auf einem Karussell, das sich schneller und schneller dreht. Dabei verdichtet sich zunehmend ein wiederkehrendes Bild. Etwas muss richtig sein, weil es sich richtig anfühlt. Und weil diese Emotionen so echt, so authentisch scheinen, so muss es dafür auch Gründe geben.

Ja, es gibt Gründe für Emotionen, und Aaron Ben-Ze’ev entwickelt beispielsweise ein Modell der Logik und Rationalität von Emotionen, im Umgang mit Emotionen scheint es aber massive Missverständnisse zu geben. Ich vermute, dass liegt in der Erscheinung Emotionen selbst aus der sich auch die wechselhafte Geschichte ihrer Einschätzung ergeben hat, während der sie gehypt aber auch geringgeschätzt wurden. Sie wurden aus dem Öffentlichen ins Private verbannt und wieder zurückgeholt. Die Form, wie sie ausgedrückt und reguliert werden, wurde und wird als Mittel verwendet, um Menschen einen unterschiedlichen Wert zuzuordnen. Stichworte seien hier viktorianisches und wilhelminisches Zeitalter mit schichtspezifischer Emotionskontrolle, Coolness als Abwehr rassistischer Diskriminierung bei den Schwarzen der USA, Zuordnung ausgeprägterer, angeborener bzw. entwicklungsbedinger Emotionalität zu untergeordneten Bevölkerungsteilen (Frauen, Kinder, „Wilde“, Künstler, Randgruppen, Schwarze).

Prof. Dr. Ute Frevert forscht in Berlin am MPI für Bildungsforschung zur Geschichte der Emotionen. Vielleicht leben wir in Zeiten, die uns helfen Emotionen besser begreifen zu können. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht werden Emotionen zu etwas, das primär im Interesse wirtschaftlicher Interessen geformt und manipuliert wird, der gegenwärtig dominierenden Ausrichtung verbreiteter gesellschaftlicher Vorstellungen entsprechend. Vielleicht hilft uns ein verändertes Verständnis von Emotionen aber auch besser versteckte Mechanismen zu verstehen, die dazu beitragen Ungerechtigkeit beim Umgang mit Ungleichheit zu festigen. Im Kontext von Bildung handelt es sich dabei um ein sehr bedeutsames Thema.

Doch zurück zu dem Missverständnis. Emotionen können als losgelöste Phänomene in einer Weise ernst genommen werden, die sehr ungünstig ist. Sie sagen zwar durchaus etwas über richtig und falsch, angenehm und unangenehm, zu vermeidend oder aufzusuchend aus und liefern damit schnelle Handlungshinweise. Dass es zu den jeweiligen Emotionen kommt geschieht aber auf der Basis individueller Erfahrungen ebenso wie auf der Basis aktueller und geschichtlicher gesellschaftliche Einflüsse. Es ist sinnvoll Emotionen im Kontext dieser Einflüsse zu reflektieren. Was ist der Grund dafür etwas als wichtig, bedeutsam, angenehm oder unangenehm zu erleben? Warum sind die Emotionen stark oder schwach? Wann und wie ist das entstanden? Worauf reagiere ich und wieso?

Es ist ein kleiner Dreh in der Blickrichtung. Nicht die Emotionen als solche ernst zu nehmen. Das Bedeutsame ist nicht die Angst und ihr vermeintlicher Auslöser, sondern das was hinter dem Auslöser steht.

Damit bin ich wieder bei der emotionalen Absicherung von Normalität. Normalität ist das Richtige, die Abweichung ist das nicht Richtige und wird so empfunden. Dahinter steht allerdings ein begrenztes Wissen einerseits über die Unmöglichkeit die Wirklichkeit so zu erkennen wie sie ist, während die vertraute Welterklärung als Maßstab für alle und alles gesetzt wird, als auch eine geringe Begeisterung für und Neugier auf die Abweichung. Oder sogar eine Abwehr der Abweichung. Beispielsweise im Interesse von Macht oder Interesse an der Partizipation von Macht.

Wie auch immer. Normalitätsvorstellungen werden von Emotionen begleitet und die Art dieser Vorstellungen anscheinend auch mit der Art wie Abweichungen durch Emotionen beurteilt werden und der Bereitschaft sich auf Abweichungen einzulassen oder diese abzuwehren oder sogar zu bekämpfen.

Letztlich läuft alles wieder auf ein Zusammenwirken von Denken, Emotionen und Verhalten hinaus. Auch was die Vorstellungen zu Normalität und Differenz betrifft.

Emotionen und Normalitätsvorstellungen

Etwas in unseren Erklärungen der Welt ist verdreht.

In der UniBib sitzt ein Mann auf dem Platz der Aufsicht, der mich beim Hereinkommen freundlich mit „Guten Morgen“ begrüßt. Ich bin verwirrt, denn mein Tag war schon so lang, dass mir der Gruß nicht mehr passend erscheint. Ein kurzer Blick auf die Uhr. Ja, es ist noch vor 12. Ich bin jetzt achtsamer als vorher. Meine Karte passt nicht in den Rückgabeautomat, der Schlitz ist verklebt. „Ist der Automat kaputt?“, frage ich den Mann spontan, der mich so freundlich begrüßt hat. „Nein, nein. Für die Abgabe brauchen wir die Karte doch nicht.“

Scham, Peinlichkeit. Schnell antworte ich: „Ach ja, das stimmt!“ Es ist gelogen. Ich wusste es nicht, versuche aber in dem Moment ein anderes Bild von mir zu erzeugen. Ich bin nicht unwissend. Ich erwische für einen kurzen Moment die Angst wegen meines Alters für unfähig erklärt zu werden, sinnvoll mit technischem Geräten umgehen zu können. In dieser Situation ohne äußeren Anlass.

Ich beobachte Automatismen und wundere mich. In mir haben sich Reaktionsketten aus Emotionen und Gedanken abgespult. Schnell. Meisten bekomme ich das gar nicht mit.

Ich stehe hinter einer Türe und beobachte eine Situation. Ich habe dabei ausgesprochen unangenehme Empfindungen in meinem Körper, die ich gerne wieder los wäre. Die Situation, die ich beobachte, steht in einem direkten Zusammenhang zu erlebten Ausgrenzungserfahrungen. Auch wenn ich in der Situation sehr genau mitbekomme was vor sich geht und wo es herkommt, ich also eine gewisse Kontrolle darüber habe, fühle ich mich eine ganze Weile schlecht.

Ich erwische nur wenige Situationen, womit ich meine, dass ich in der Situation selbst beobachten kann, wie sich Reaktionsketten entwickeln und welche Ursachen sie haben. Ich gehe allerdings davon aus, dass sie fortwährend da sind.

Welche Rolle spielen Emotionen also für Lernen und Bildung? Und für die Inhalte, die tatsächlich gelernt werden? Durch eine Facebookgruppe lande ich noch einmal bei Precht. Es geht hier unter anderem um  Kritik an Normalitätsvorstellungen, was aber nicht so bezeichnet wird. Welche Rolle spielen Emotionen dabei? Beispielsweise Ängste, dass der Nachwuchs schlecht ausgebildet wird, auftretend in Form von unangenehmen Empfindungen und Unsicherheit bei ungewohnten Formen, denn können die ausreichendes Lernen oder ausreichende Überprüfbarkeit sichern? Oder Lenkungen von Schülerverhalten durch die Erzeugung von Ängsten oder Scham, was als eine Begleiterscheinung von Schule betrachtet wird, die es schon „immer“ gab, und die daher als normal und nützlich hingenommen werden?

In ihrer Vorlesung im Rahmen der Informationspädagogik geht auch Grell implizit auf Normalitätsvorstellungen ein, allerdings ebenfalls nicht auf Emotionen. Sie zitiert Douglas Adams, dass das, was man bei seiner Geburt vorfindet normal ist, was zwischen Geburt und dem 35.Lebensjahr erfunden wird ist aufregend und kreativ und was danach erfunden wird verstößt gegen die natürliche Ordnung und bedeutet das Ende der bekannten Zivilisation. Ich gehe davon aus, dass diese Bewertungen immer mit Emotionen verbunden sind.

Ich kann mich noch gut an die Zeiten erinnern, als diejenigen, die sich mit Rechnern beschäftigt haben, unter Generalverdacht standen und ausgesprochen misstrauisch beobachtet wurden. Und jetzt? Nicht über ein Smartphone zu verfügen bedeutet der Minderheit anzugehören. Die Entwicklung ging dabei extrem schnell, darauf weist auch Grell hin. In der Zeit ihrer Großmutter wurde Mädchen das Lesen noch als unproduktiv untersagt. Sie sollten besser sticken und stricken. Danach wurde das Buch positiv besetzt und ist es bis heute, aber der Umgang von Kindern mit Rechnern wurde erst einmal als negativ bzw. unpassend eingestuft.

Einschätzungen und Bewertungen sind mit Emotionen verknüpft. Du bist schwarz – dann bist du musikalisch. Du bist eine Frau – dann bist du emotionaler als ein Mann. Du hast keine Ausbildung – dann beherrscht du das was du tust nicht. Vorurteile fühlen sich an. Angenehme Emotionen bei Passung mit dem Vorurteil, unangenehme bei Abweichung. Die Generation der Großmutter war beim Anblick eines unproduktiv lesenden Mädchens mit unangenehmen Emotion konfrontiert, die zu einem sofortigen Eingreifen aufforderten. Mit den besten Absichten.

Die 90er bis in die 2000er hinein stellten Computerspieler unter den Generalverdacht Killerspieler und sozial inkompetente unproduktive Nerds zu sein, bei deren Anblick unangenehme Emotionen auftraten, die ein Intervenieren oder zumindest Ausgrenzen als Reaktion nahe legten. Mein Kind könnte angesteckt werden oder es könnte mit diesen Kindern in einen Topf gesteckt werden, deshalb sorge ich besser dafür, dass es nicht mit dem Kind zweifelhafter Herkunft oder Tätigkeit spielt. Auch da spielen Emotionen als Motivatoren eine Rolle.

Kinder lernen dass Hausaufgaben wichtig sind. Nicht weil sie tatsächlich wichtig sind, sondern weil die Schule sie dazu erklärt. Weil sie von Beginn an darin eingeübt werden mit dieser Anforderung zurecht zu kommen. Auch wenn es mühsam ist, schmerzt und viel Zeit dabei verbraucht wird, in der wesentlich interessantere Dinge getan und gelernt werden könnten. Als Erwachsene denken sie noch immer, dass Hausaufgaben ein unverzichtbarer Bestandteil von Schule sein müssen. Keine Hausaufgaben? Das kann nicht sein. Das fühlt sich falsch an. Da entstehen Ängste. Lernen war für sie mühsam und anstrengend? Es kann nicht sein, dass Kinder nur mit Freude lernen. Das fühlt sich falsch an. Lernen muss hart sein und da müssen jetzt auch ihre Kinder durch, um zu beweisen, dass sie einen Platz auf den vorderen Rängen verdient haben. Und ja, auch ein System mit hierarchischen Rängen ist emotional getaggt, so dass das eigene Kind gute Noten haben muss und auf die weiterführende Schule zu gehen hat. Und selbstverständlich ist auch ein gegliedertes Schulsystem emotional getaggt. Und dann wird alles in Bewegung gesetzt, um aus den unangenehmen Emotionen heraus und zu angenehmen Emotionen zu gelangen.

Es können völlig andere Beispiele gewählt werden. Auch warum es bei anderem emotionalen Tagging zu anderen Reaktionen und damit zu anderen Verhaltensweisen kommt. Ich habe das mir Vertraute benutzt. Es geht dabei nicht darum was in der Praxis richtig oder falsch, sinnvoll oder unsinnig ist. Es geht darum wie Wahrnehmung auf Verhalten wirkt und wie Emotionen dabei mitwirken. Völlig konträre Dinge können von unterschiedlichen Personen emotional positiv oder negativ getaggt sein (Pekrun definiert positive Emotionen als Emotionen, die als erfreulich erfahren werden, und negative als die, die als unerfreulich erfahren werden). Schule, Bildung, Lernen erzeugen diese Verknüpfungen mit Emotionen. Mit teilweise sehr ausdauernden Wirkungen. In manchen Fällen ein Leben lang.

Wir verfügen über ein weites emotionales Erleben. Wenn wir uns bemühen, können wir unsere eigene Geschichte anhand dessen erzählen, wie wir uns zu bestimmten Zeiten gefühlt haben, welche Emotionen bestimmend waren, welche Emotionen sich miteinander zu komplexen Gebilden verbunden haben. Unser Lernen wurde davon begleitet. Unsere Interessen, unsere Vorlieben, unsere Abneigungen, unsere Erfolge, unser Scheitern. Unsere Haltung zu Dingen, zu Menschen, zu Situationen, zu Ordnungssystemen, zu Welterklärungen.

Es ist da und wir haben das Recht es vor anderen zu verschweigen. Auch das findet sich bei Pekrun im ersten Abschnitt zum Verstehen von Emotionen. Für mich ist es das gleiche Prinzip, das auch für Gedanken gilt. Weder Emotionen noch Gedanken müssen anderen mitgeteilt werden, wenn es die Person nicht möchte. Manches möchte man nur mit Vertrauten teilen. Allerdings sollten wir uns selbst über unsere Emotionen und Gedanken durchaus im Klaren sein. Und hier gilt auch, dass wir das Recht haben alles zu denken und alles zu empfinden. Ich spiele dabei auf Vorstellungen an, dass ein Mensch nur als gut gelten kann, wenn bestimmte Emotionen und Gedanken überhaupt nicht auftreten. Um als „guter“ Mensch zu gelten ist es daher notwendig bestimmte Gedanken und Emotionen von vornherein zu unterdrücken oder ihre Existenz zu ignorieren.

Am Schluss zurück zum ersten Satz. Ich ringe darum Einflüsse und ihre Wirkungsweise zu verstehen, die in meinen Augen unzureichend benannt werden. Dahinter stehen Traditionen wie mit Emotionen verfahren wurde von denen ich mich nicht loslösen kann. Innerhalb der Gepflogenheiten versuche ich außerhalb der Gepflogenheiten zu denken, was mir kaum gelingt. So bleibt bisher alles nur der Versuch einer unzureichenden Annäherung an etwas, das ich als weniger verdreht und zutreffender einstufen kann.

Vorstellungsbilder von Familien von Pädagogen und Pädagoginnen

Ein sehr interessanter Vortrag im Zusammenhang mit dem was mich an Schulen beschäftigt. Über unhinterfragte Normalitätsvorstellungen über Familien.

Wurde auch bei Teaching for Learning 8 thematisiert. Dort hieß es: Familie sind alle Personen, die aktiv daran beteiligt sind ein Kind aktiv aufzuziehen und zu bilden. Eltern werden dort als erste Lehrer betrachtet, und Schulen als Orte, die eng mit Familien zusammenarbeiten sollen. Für die Bildung eines Kindes sind Familien, Schulen und Communities in Zusammenarbeit verantwortlich.

http://www.fernuni-hagen.de/videostreaming/ksw/soz_lng/20141015.shtml 

Das phasenverschobene Kind

Phasenverschiebung ist ein Begriff, der in der Serie Stargate-Kommando-SG-1 für einen Zustand Verwendung findet, in dem sich Menschen physisch nicht auf der normalen Existenzebene befinden und daher beispielsweise durch Wände gehen können. Sie sind dann phasenverschoben. Eigentlich stammt der Begriff aus dem Bereich Physik und Technik und so richtige Fans der Serie können ziemlich viel dazu spekulieren. Mir fiel er zu einem Kind ein, mit dem ich momentan bei meinen Betreuungsaufgaben zu tun habe.

Ich habe dieses Kind noch nicht Deutsch sprechen hören und es scheint diese Sprache auch nur begrenzt zu verstehen. Das ist nichts Neues, hatte wir schon, aber die Erfahrungen, die ich mit diesem Kind mache, sind anders als zuvor. Ich kann dem Kind nur begrenzt Anweisungen oder Erklärungen oder Kommentare zukommen lassen. In der Vergangenheit habe ich es bei Kindern in einer solchen Situation eher erlebt, dass sie dann erst einmal vorsichtig beobachten wie sich die anderen verhalten und dann mehr oder weniger daran anpassen. So ist das bei diesem Kind aber nicht.

Wir können regenbogenfarbige Gymnastikbänder zum freien Spielen zur Verfügung stellen und während bei uns bisher kein Kind die übliche Funktion dieser Bänder kannte, treffe ich hier auf ein Kind, das sie genau so einsetzen kann wie sie bei rhythmischer Sportgymnastik oder im Zirkus verwendet werden. Auf dem Balancierbalken des Schulhofs absolviert das Kind eine Kür. Für sich allein und sehr zufrieden wirkend. Ich glaube außer mir hat niemand gesehen was sie getan hat. Ich war fasziniert.

Das mit der „Phasenverschiebung“ kam aber erst später. Dieses Mal hatten wir mit Serviettentechnik Käseschachteln beklebt. Normalerweise führe ich vor, erkläre, unterstütze – alles verbal basiert. Tipps, Tricks, Hinweise, Lenkung – alles verbal. Dieses Kind machte auch mit. Erklären funktionierte allerdings nicht – also Vorführen und Eingreifen. Der Tisch saß aber voll. Und dieses Kind war auch kein Stück unsicher und hilfesuchend. Es beklebte seine Schachtel – nach seinen eigenen Vorstellungen wie so etwas wohl geht.

Und jetzt kommt die Sache mit der Phase. Seine Strategien waren ganz anders als bei den anderen Kindern und anders als ich sie gewohnt bin. Irgendwann habe ich aufgehört zu versuchen Tipps oder Unterstützung zu geben, die von den anderen Kindern gewünscht und nachgefragt werden, einschließlich des immer wiederkehrenden „ich kann das nicht, mach du das“ (mache ich meistens nicht). Das Produkt war interessant. Es entsprach nicht der optimalen Verwendung der Technik, ein Teil der Lösung des Kindes hatte einen weniger guten Effekt als der übliche Weg, ein anderer Teil war aber eine interessante, faszinierende Neuerung. Ich hatte den Eindruck es war gerade dadurch möglich, dass ich diese Kind nicht verbal erreichen und dadurch lenken oder verunsichern konnte.

Zum Schluss konnte ich dann doch noch helfen, da das Kind den Deckel sofort auf die Schachtel gesetzt hatte, wodurch sich das aufgeklebte Papier verschiebt. Ich zeigte dem Kind das Problem, es verstand sofort und wusste auch gleich wie es das Ganze geschickt korrigieren konnte.

Noch einmal: warum kam mir der Begriff Phasenverschiebung in den Sinn und was war daran für mich faszinierend und wichtig genug später noch länger darüber nachzudenken?

Es war die Selbstverständlichkeit und der Erfolg des anderen Wegs, der anderen Strategie, und die Bereicherung dadurch. Da war ein anderes Leben innerhalb des Üblichen, Gewohnten. Ein Mensch mit einem offensichtlich anderen Hintergrund, anderem Wissen und anderer Befähigung. Dadurch fiel mir auch auf, wie sehr die anderen Kinder von den gleichen Hintergründen, dem gleichen Erfahrungsraum, den gleichen Erziehungseinrichtungen geprägt sind.

Inzwischen haben sich die Kinder, die in die Grundschulbetreuung kommen, bei uns zu früher gewandelt. Sie waren alle in Kindertagesstätten, die bis in den Nachmittag hinein geöffnet sind. Die Kinder sind lange Tage und ständigen Aufenthalt in Kindergruppen an einem weitgehend festen Ort gewohnt. Sie werden gemeinsam sozialisiert. Wenn sie aus ähnlichen Institutionen kommen, haben sie Umgangsformen und Herangehensweisen, die sehr ähnlich sind. Und diese Art wie die Kinder sind erscheint dann auch als normal. Der Unterschied war aber nicht nur, dass das neue Kind die gemeinsame Sprache nicht spricht. Der Unterschied besteht auch darin, dass dieses Kind eine andere, gelungene Sozialisation erfahren hat, die ihm einen anderen Möglichkeitenraum eröffnet.

Ich muss dabei auch an das Video über Ándre Stern denken. Ich halte sein Beispiel für nur begrenzt geeignet, um Homeschooling oder keine Beschulung zu begründen, da seine Eltern auf Grund ihrer eigenen beruflichen Tätigkeit über Kenntnisse verfügt haben, die sich für diese Form der Kinderbegleitung als Erziehungskonzept geeignet haben. (Vater hat das Malspiel entwickelt, Mutter war ausgebildete Lehrerin). Gemeinsam ist beiden aber, dass sie zeigen, dass andere Konzepte für Erziehung und Bildung zu anderen Menschen mit anderen Befähigungen und Selbstverständlichkeiten führen.

Das Kind in unserer Betreuungsgruppe hat mir das eindringlich vor Augen geführt. Weil es über andere Konzepte verfügt, weil es mit Dingen anders umgehen kann und weil es auf einem anderen Weg genauso erfolgreich wie andere sein kann oder sogar noch erfolgreicher. Wäre der Erfolg und die Schönheit des Weges nicht gewesen und das Kind nur störend anders, niemals wäre mir bewusst geworden, dass die Kinder mit denen ich zu tun habe sich im Rahmen von Normalitätsvorstellungen bewegen, die durch Erziehung erzeugt wurden. Das phasenverschobene Kind, das einfach sein gewohntes Leben vergnügt in unserer Phase weiter geführt hat, hat mich eine Menge gelehrt.

Gut, dass ich es nicht durch meine verbalen Kommentare verunsichern konnte.